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17. August 2013

Mud

You gotta know what’s worth keeping and what’s worth letting go.

Schon Neil Young sang vor über 40 Jahren “only love can break your heart” und damit von einer Erfahrung, die wohl die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens machen müssen. Und wohl kaum so oft wie in den jungen Jahren des Erwachsenwerdens. Entsprechend liefert die Liebe in all ihren Facetten seit jeher den Stoff für romantisch-dramatische Geschichten, zu denen sich nunmehr auch Jeff Nichols’ dritter und jüngster Spielfilm Mud gesellen darf. Mit diesem schließt der Regisseur nahtlos an die Qualität seiner Vorgänger Shotgun Stories und Take Shelter an und untermauert mit seiner universellen Inszenierung seine aktuelle Stellung als eines der vielversprechendsten Regie-Talente in den USA.

Angesiedelt in seiner eigenen Heimat im Arkansas Delta erzählt Nichols eine Coming of Age-Geschichte mit leichten Märchenelementen, wenn die jugendlichen Freunde Ellis (Tye Sheridan) und Neckbone (Jacob Lofland) auf einer kleinen Insel im Mississippi ein von einer Flut in die Baumkronen gespültes Boot entdecken. In diesem haust wiederum mit Mud (Matthew McConaughey) ein wegen Mordes gesuchter Flüchtiger. Er will sich in Kürze mit seiner großen Liebe Juniper (Reese Witherspoone) vereinen, braucht dafür jedoch die Hilfe der beiden Jungs, um das Boot auf Vordermann zu bringen. Der frischverliebte Ellis, dessen Eltern gerade beschlossen, sich scheiden zu lassen, sagt Mud daraufhin seine Unterstützung zu.

Die Handlung und Inszenierung von Mud lässt sich dabei so beschreiben als hätte Mark Twain Great Expectations geschrieben. Ellis und Neckbone begeben sich auf ein Mississippi-Abenteuer und erinnern an Tom Sawyer und Huckleberry Finn, während die Begegnung von Ellis mit Mud und dessen Fluchtplan per Boot Parallelen zu Pips Beziehung mit Magwitch aus Charles Dickens Werk wecken. Dessen Thematik des gebrochenen Herzens ist es, die in Mud allgegenwärtig scheint. Ähnlich wie Estella ist es hier Juniper, die des Helden Herz wiederholt gebrochen hat. Und als sich Ellis im Verlauf des Films mit May Pearl einem Schwarm aus der Schule annähert, läuft er dabei selbst Gefahr, emotional verletzt zu werden.

Derweil ist die Ehe seiner Eltern (Ray McKinnon, Sarah Paulson) bereits am Ende, als seine Mutter die Scheidung will und der Auszug aus dem Familien-Hausboot droht. Nichols zeichnet in seinem Film kein dankbares Frauenbild, unter deren Verhalten hier alle Männer leiden. Eine Wassermokassinotter verstärkt noch zusätzlich den Kontext zum dritten Genesis-Kapitel. Ellis und Neckbone sollen Frauen wie Prinzessinnen behandeln, gibt ihnen zu Beginn eine Bekanntschaft von Neckbones Onkel Galen (Michael Shannon) mit auf den Weg. Der subtile misogynistische Ton von Mud ist es, der dem Film etwas in die Parade fährt, handelt es sich doch ansonsten in der Tat um ein sehr schönes Coming of Age-Drama.

Dieses rückt auch Vater-Sohn-Beziehungen in den Vordergrund. Mit Joe Don Bakers Figur des King Carver schickt der Vater von Muds Opfer seinen zweiten Sohn Carver (Paul Sparks) aus, um mit einer Bande von Kopfgeldjägern den Flüchtigen zu töten. Mud selbst pflegt eine Art väterliches Verhältnis mit Sam Shepards verschlossenen Scharfschützen und auch die Beziehung von Ellis zu seinem alten Herrn spielt eine Rolle. Es ist eine von Männern beherrschte Welt in Mud und Ellis scheint bisweilen hin und hergerissen zwischen allen Möglichkeiten, die sich ihm eröffnen. In Mud begegnet er in gewisser Weise dann einem älteren, nicht minder romantischen Pendant von sich selbst. Und sieht die Konsequenzen.

Ähnlich wie schon in seinen vorherigen Werken schuf Jeff Nichols gezielt einen Film, der von einer sehr bestimmten Stimmung und Atmosphäre beherrscht wird. Zwar sieht das Publikum nicht viel vom Arkansas Delta, dennoch wirkt die Handlung perfekt in dieses eingebettet. Es scheint, Nichols besitzt eine amerikanische Stimme, die er in seinen Filmen überzeugend zu transferieren weiß. Wie bereits zuletzt in Take Shelter wäre auch Mud jedoch gelungener, hätte man den Schluss ambivalenter gehalten. Davon und von dem misslungenen Frauenbild abgesehen, gehört Nichols dritter Film jedoch fraglos zu den gelungensten Werken des Jahres und sein Regisseur zu den größten Hoffnungsträgern im Business.

7.5/10

4. Dezember 2009

Shotgun Stories

It’s not gambling. It’s a system.

Manchmal gewährt das Leben zweite Chancen. Und manchmal muss man diese zweiten Chancen forcieren. So wie Cleaman Hayes, ein Säufer und keineswegs ein Christ. Seine drei Söhne waren ihm stets egal, was man schon an ihrer simplen Namensgebung (Son, Boy, Kid) merkt. Den Rücken der Familie zugewendet findet Cleaman dann sein neues Glück. Erst den Weg zu Gott und weg vom Alkohol, dann in die Arme einer neuen Frau mit der er vier weitere Kinder hat. Diese kriegen dann richtige Namen. Der erstgeborene heißt Cleaman Jr., die weiteren Kinder erhalten biblische Namen. Klar, dass das gerade bei der verlassenen Frau und nun alleinerziehenden Mutter nicht besonders gut ankommt. “You made us hate those boys”, wirft Son (Michael Shannon) seiner Mutter vor, ist es doch ihr Hass auf den Ex-Mann und dessen neue Familie, den sie auf ihre drei Söhne projiziert. Aktiv wie passiv. Jeder lebt sein eigenes Leben, ironischerweise jedoch allesamt im verschlafenen England, Arkansas.

Dabei fällt der Apfel wohl nicht weit vom Stamm. Sons Spielsucht, die für diesen zwar keine ist (s. Zitat), führt zum Auszug seiner Freundin Annie (Glenda Pannell) und des gemeinsamen Sohnes aus seinem Haus. Sein kleiner Bruder Kid (Barlow Jacobs) schläft in einem Zelt im Garten, blickt einer Gehaltserhöhung von der Fischfarm entgegen, damit er seiner Freundin einen Verlobungsring kaufen kann. Boy (Douglas Ligon) wiederum lebt in seinem Van und trainiert gelegentlich drei Jugendliche auf einem verwahrlosten Basketballfeld. Kontakt pflegen die Brüder eigentlich nur zu sich selbst, gelten sie nach außen hin trotz des kleinen Städtchens als Mysterium. So trägt Son auf seinem Rücken Narben eines Schrottflintschusses, was seine Mitarbeiter zu Wetten anregt, wie er diesen Schuss abbekommen hat. Jeff Nichols setzt seine Shotgun Stories nun in Handlung, wenn Mutter Hayes eines Abends vor dem Haus von Son auftaucht, um den Söhnen mitzuteilen, dass ihr Vater gestorben sei. Wann die Beerdigung sei, fragt Son. Schau in die Zeitung, erwidert seine Mutter. “You going?”, will er wissen, offensichtlich unsicher, was die entsprechende Reaktion sein soll. Die Mutter verneint und entschwindet ins Dunkel.

Son, Boy und Kid entschließen sich zur Beerdigung zu gehen und es fallen harte, ehrliche Worte von Son. Bei ihren Halbbrüdern, allen voran Mark Hayes (Travis Smith), kommt das verständlicherweise nicht gut an. Die Situation schaukelt sich hoch, auch wenn Cleaman Jr. (Michael Abbott, Jr.) vorab versucht zu beschwichtigen. Son müsse aufpassen, erklärt er diesem durchaus freundschaftlich gesonnen, dass bei einem Zwist keinem seiner Brüder etwas passiere. Son kriegt dies jedoch in den falschen Hals und verkündet, sich Cleamans gesamter Familie anzunehmen, wenn einem seiner Brüder etwas geschehe. Mit zwei Sturköpfen auf beiden Seiten wie Son und Mark ist Ärger dann natürlich vorprogrammiert. Man spürt nun als Zuschauer, wie sich der Konflikt Stück für Stück erhitzt. Wenn die einen Hayes-Jungs agieren, folgt unabdingbar die Reaktion der anderen Hayes-Jungs. Dass das ganze jedoch nie gehetzt oder effekthascherisch wirkt – ähnlich wie zuletzt bei Revanche erwähnt -, zeichnet Shotgun Stories gegenüber anderen, gerade größeren Produktionen aus. Nichols präsentiert mit simpelsten Mitteln, wie man eine Spannungsschraube mehr und mehr andrehen kann. Dass man in diesem Konflikt ausschließlich an der Seite von Son, Boy und Kid wandelt, verdankt sich der Tatsache, dass Nichols dem Publikum einen größeren Blick auf Mark und Co. erspart.

Somit ist Nichols Film ein Werk der stillen Worte, in dem jedes Wort aber durchaus Gewicht besitzt. Das Ende wirkt gegenüber der restlichen Handlung jedoch etwas unerwartet und plötzlich, will dementsprechend nicht unbedingt gefallen, selbst wenn es irgendwie plausibel erscheint (im Kontext des Filmes). Getragen wird Shotgun Stories dabei eigentlich ausschließlich von Michael Shannon, dem Nichols die Rolle des Son auf den Leib geschrieben hat. Seine Figur führt zum Verständnis des Filmes und wahrscheinlich auch des Endes. Bezeichnend für Son beziehungsweise Shannons Spiel ist es, dass er nie die Stimme erheben muss, stets – wenn man so will – die Contenance behält und die meisten Emotionen durch seine Augen transferiert. Letztlich ist es bedauerlich, dass Nichols Film sowohl in den USA wie auch außerhalb relativ wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Ein intensiveres Drama hat man 2009 kaum gesehen.

8/10