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26. Oktober 2018

Bohemian Rhapsody

I see a little silhouetto of a man.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Jahr 1993 meine ersten Maxi-CDs besorgte. Zu den ersten drei Singles, die meine Sammlung seiner Zeit gründeten, zählte neben “The Sign” von Ace of Base und “I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)” von Meat Loaf auch die Remix-Wiederauflage “Living On My Own” von Freddie Mercury. Damals wusste ich noch nicht wirklich von Queen, doch sollte auch die Band um ihren Frontmann später zu meinen Favoriten zählen. Einen ihrer Höhepunkte feierte die englische Rock-Formation dabei im Juli 1985 auf dem Live-Aid-Konzert in London von Bob Geldorf. Ein Event, welches auch die narrative Klammer für Bohemian Rhapsody liefert, der die Geschichte von Freddie und Queen erzählt.

Regisseur Bryan Singer – sowie Dexter Fletcher, der Singer gegen Ende der Produktion ersetzte – folgen dabei weitestgehend dem üblichen Prinzip des Musikbiografie-Genres. Der Film rekapituliert rund 15 Jahre Band-Geschichte, beginnend mit dem ersten Kennenlernen der beiden Smile-Musiker Brian May (Gwilym Lee) und Roger Taylor (Ben Hardy) mit Farrokh Bulsara (Rami Malek). Er ersetzt 1970 ihren bisherigen Sänger, ehe sich die Band mit John Deacon (Joseph Mazzello) neu formierte und erste Gigs spielte. Aus Smile wird Queen und aus Farrokh Bulsara kurz darauf Freddie Mercury. Doch auch mit seiner neu geschaffenen anglisierten Identität sucht der Junge aus Sansibar mit indischen Wurzeln weiter nach seinem Glück.

“I get lonely, so lonely, living on my own”, sang Freddie in jenem Solo-Stück. Und auch Bohemian Rhapsody zeichnet ihn immer wieder als einsamen Künstler, selbst in der Anwesenheit von anderen. Seine Liaison mit Mary Austin (Lucy Boynton) gibt ihm anfangs noch emotionalen Halt, doch leidet die Beziehung unter der Erkenntnis von Freddies Homosexualität. Obschon sich Singer von der Band nur Freddie widmet, schenkt der Film nur sehr wenig Einblicke in sein Innenleben. Welcher Konflikt in ihm herrschte, sei es über seine Sexualität oder seinen indischen Hintergrund, reißt Bohemian Rhapsody nur leicht an. Ebenso als Singer in Paul (Allen Leech), Freddies persönlichem Assistenten,  später eine Art Antagonisten findet.

Primär hangelt sich der Film von Lied-Station zu Lied-Station. Mit am meisten Zeit verbringt er dabei noch mit den Aufnahmen zu Queens viertem Studio-Album “A Night at the Opera” in 1975, auf dem auch jener Kult-Hit erschien, der Bohemian Rhapsody seinen Titel leiht. Kürzer fallen da die Findungs-Momente weiterer Klassiker wie “We Will Rock You” oder “Another One Bites the Dust” aus. Im Grunde inszeniert Singer dies alles als eine Form filmischen Medleys, Reenactments von Konzert- und Musikauftritten werden dabei unterbrochen von privaten Szenen um Freddie. Und dem aufschwellenden Konflikt mit den übrigen Band-Mitgliedern, der in Singers Film hauptsächlich von Paul motiviert bzw. diesem gesteuert erscheint.

Dass es innerhalb der Band hinsichtlich der Autorenschaft der jeweiligen Songs zu Konflikten kam, wird erst im Schlussakt kurz während einem Meeting bei ihrem Manager Jim Beach (Tom Hollander) thematisiert. Bohemian Rhapsody will letztlich womöglich zu viel erzählen, über einen zu langen Zeitraum – und setzt dabei auch noch mitunter den Fokus falsch. So erweckt der Film den Eindruck, die Spaltung zwischen Freddie und Queen sei über einen längeren Zeitraum der gegenseitigen Entfremdung erfolgt, währenddessen er sich in München aufhielt und den Drogen verfiel, ehe das Live-Aid-Konzert der Band neues Leben einhauchte. Dabei befand sich Queen bis Mai 1985 gemeinsam auf Tour – also zwei Monate vor Live Aid.

Auch dass Freddie vor Queen bereits in Bands wie Ibex und Sour Milk Sea spielte, spart Singer aus dramaturgischem Anlass aus. Verortet aus denselben Gründen Freddies vermeintliche AIDS-Diagnose aber bereits unmittelbar vor Live Aid. Eben auch, weil mit diesem Hintergrund die Performance von “Bohemian Rhapsody” auf der Bühne mit Lyrics wie “Too late, my time has come (…) Goodbye everybody, I’ve got to go (…) I don’t want to die” eine neue Bedeutung erhält (obwohl der Song schon zehn Jahre alt war). Auch andere Textzeilen nach Live Aid weisen eine Zweideutigkeit auf, zum Beispiel “There's no time for us” aus “Who Wants to Live Forever” oder das kurz vor seinem Tod veröffentlichte “The Show Must Go On”.

Bohemian Rhapsody schultert sich reichlich Themen auf – und damit viel erdrückende Last. Die Sexualität von Freddie, seine Beziehungen zu Mary und Paul, sein Verhältnis zu seiner Familie, die AIDS-Erkrankung, die Anfänge und anfänglichen Widerstände von Queen, erste und spätere Reibungen mit den anderen Band-Mitgliedern, die Genesis einiger der größten Hits, Selbstzweifel des Lead-Sängers und noch manches mehr. Viel Ballast, dem sich jemand wie Kevin Macdonald in einer Musik-Dokumentation à la Marley oder Whitney sicher intensiver gewidmet hätte, anstatt wie Singer einen szenischen Staffellauf zu präsentieren. All dies unterscheidet seinen Film aber nicht von anderen Genre-Vertretern wie Love & Mercy.

Singers Film funktioniert dennoch über weite Strecken sehr gut – für Fans von Queen und Freddie Mercury vermutlich besser als für Laien. Die Darsteller überzeugen, von Gwilym Lee und Ben Hardy hin zu Rami Malek, der sich zumindest einer Golden-Globe-Nominierung sicher sein dürfte. Dass Sacha Baron Cohen, der zuerst für die Rolle vorgesehen war, mehr aus ihr gemacht hätte, sei dahingestellt. Auch die vielen Konzert-Szenen gefallen, mit dem Live-Aid-Reenactment als Höhepunkt. Hier geht jedoch viel Zeit verloren, die an anderer Stelle für die Ausarbeitung der Figuren und/oder Handlung hätte genutzt werden können. Zugleich wäre der Gang auf die Bühne mit Texttafel wohl ein ebenso funktionierendes Ende gewesen.

Als filmisches “Greatest Hits” zu Queen und Freddie Mercury funktioniert Bohemian Rhapsody also allemal – eben auch, weil Singer die bekannten Pfade nicht verlässt und keine Experimente wagt. So schultert die Darstellung der drei Hauptdarsteller, insbesondere aber die Diskografie von Queen selbst den Großteil des Films. Der hilft zumindest dabei, Letztere in einem neuen, tieferen Licht zu betrachten. Als hätte er 1977 bereits sein Schaffen und die Bedeutung seiner Musik und Fans für sich reflektiert, singt Freddie in “We Are the Champions” unter anderem: “I’ve taken my bows. And my curtain calls. You brought me fame and fortune, and everything that goes with it. I thank you all.” Dabei sind wir es, die ihm zu danken haben.

6.5/10

3. Oktober 2010

The Social Network

Do you think I deserve your full attention?

Wer darunter leidet, keine Freunde zu haben, kann sich seit ein paar Jahren am Bildschirm trösten: Facebook verspricht Abhilfe. David Fincher hat diese moderne Variante des Selbstbetrugs zum Inhalt seines neuesten Films The Social Network gemacht. Zuletzt nahm sich schon South Park dieses Themas – man sollte eigentlich eher von einem Problem sprechen – in der Episode “You Have 0 Friends” an. Anstatt ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen, hängen Cartman, Kenny und Kyle vor ihren Rechnern herum und facebooken mit ihren Freunden. Widerstrebend wird auch Stan in das soziale Netzwerk gezwängt – und sieht sich daraufhin mit Fragen seitens seiner Familie konfrontiert wie etwa: „Laut deinem Facebook-Profil sind wir keine Freunde.“

Freundschaft und Freizeit findet im 21. Jahrhundert verstärkt online statt. Facebook und Twitter lösen als Kommunikationsmittel das Telefonieren ab, wie in den 1990ern die E-Mail den Brief zu verdrängen begann. Dabei erfand Facebook nicht das Rad neu und ist per se auch nicht sonderlich kreativ. Dennoch verzeichnet es seit seinem Start am 4. Februar 2004 inzwischen über 500 Millionen Mitglieder – und ist aus dem sozialen Leben der Amerikaner nicht mehr wegzudenken. Man mag sich fragen, wie die Menschen ohne Facebook auskamen, wie Petrus vor fast 2.000 Jahren in Rom mit Jakobus und den anderen Jüngern Jesu in Kontakt blieb? Keine Möglichkeit, auszudrücken, ob es  „gefällt“, dass Petrus erster Papst ist.

Mehr schlecht als recht überlebte unsere Zivilisation also bis zum Jahr 2004. Nach dreieinhalb Jahren war Facebook bereits 15 Milliarden Dollar wert, sein Gründer Mark Zuckerberg ist inzwischen der jüngste Selfmade-Milliardär aller Zeiten. Letztes Jahr erschien das Buch “The Accidental Billionaires” von Ben Mezrich. Es beschreibt die Anfänge der Facebook-Gründer um Zuckerberg und seinen Harvard-Kommilitonen und besten Freund Eduardo Saverin. David Fincher nahm sich nun des Stoffes an, wollte ihn so schnell wie möglich verfilmen und zeitnah als The Social Network ins Kino bringen. Der Film erzählt die Geschichte von Mark Zuckerberg (dargestellt von Jesse Eisenberg) und wie er das wichtigste soziale Netzwerk der Gegenwart schuf.

Fincher beginnt mit jenem Abend des 28. Oktober 2003, als Marks  Freundin Erica (Rooney Mara) mit ihm Schluss macht, weil er sie von oben herab behandelt. Sie will seine Faszination für die Studentenverbindungen in Harvard nicht teilen. Dabei bestimmen doch diese, ob man es später zu etwas bringt. Mit zwei Bier intus und gekränktem Stolz wird mit seinen Mitbewohnern und Kumpel Eduardo (Andrew Garfield) “Facemash”, ein Hot-or-Not-Ranking der Kommilitoninnen, erstellt. Innerhalb weniger Stunden legen Zuckerberg & Co. das Campus-Netz lahm, erregen die Aufmerksamkeit der Uni und einer elitären Clique rund um die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss (Armie Hammer) sowie Divya Narendra (Max Minghella).

Das Trio heuert Zuckerberg an, ein soziales Netzwerk zu programmieren. Er wird neugierig, beginnt zu tüfteln – und klaut ihnen schlussendlich einfach die Idee. So, wie er Facebook einige Jahre später seinem Mitarbeiter und ehemals besten Freund Eduardo klauen wird. Zwischen diesen beiden Handlungssträngen und den in Rückblenden erzählten, früheren Ereignissen, driftet Fincher hin und her. Man erfährt, dass Zuckerberg, dieser Nerd, der auch im Winter mit kurzer Hose und Badeschlappen über den Campus hampelt, wenn er schon kein narzisstisches Arschloch ist, sich zumindest wie eines aufführt. So lautet zumindest das Urteil seiner Anwältin (Rashida Jones); und man kann ihre Antipathie als Zuschauer nachvollziehen.

Zuckerberg wäre ja so gern Mitglied in einer der „wichtigen“ Verbindungen, andererseits sagt er oft, was er denkt, und stößt damit nicht nur Fremde, sondern sogar seine Freundin vor den Kopf. Das ist jedoch nicht die Person Mark Zuckerberg, und leider nicht einmal irgendeine Person. Drehbuchautor Aaron Sorkin, seines Zeichens Schöpfer der renommierten Fernseh-Polit-Dramas The West Wing, verliert sich dabei ein ums andere Mal in vielen geschwätzigen Dialogen, die in ihrer Spitzfindigkeit David Fincher vielleicht glauben lassen, dass sie in Verbindung mit seinem technischen Können aus The Social Network den Citizen Kane der John-Hughes-Filme gemacht haben. Wirkliche Figuren sollte der Zuschauer aber hier nicht wirklich erwarten.

Sie alle – von Mark über Eduardo bis hin zum Napster-Gründer Sean Parker (Ex-’N Sync-Sänger Justin Timberlake) – bleiben blass, frei von jedwedem Charakter. Man fragt sich vergeblich, warum Erica überhaupt mit Zuckerberg eine Beziehung eingegangen ist, was einen extrovertierten Menschen wie Eduardo zum besten Freund eines derart selbstverliebten Ekels machte oder was eigentlich nicht nur Harvard-Studenten, sondern überhaupt eine halbe Milliarde Menschen an so etwas wie Facebook finden. Das hat dann auch wenig mit Zeitgeist zu tun oder mit Momentaufnahmen unserer Generation. Facebook ist letztlich nur eine gefragte Modeerscheinung, bis ein anderer spinnerter Nerd in Badeschlappen das nächste Internet-Tool erfindet.

Warum sich Sorkin so ausführlich mit den Winklevoss-Zwillingen beschäftigt, ist auch unklar, verschwinden diese doch alsbald von der Bildfläche. Womöglich tauchen sie nur als Ideengeber für Facebook auf, das Zuckerberg die ersehnte Anerkennung bringen soll. Er ist in seiner Sehnsucht nach Anerkennung ein Geplagter, jemand, der es nicht sich, sondern den Anderen beweisen will. Eine faustische Figur, die letztlich ihrem Mephisto ins wenn schon nicht finanzielle, doch soziale Verderben folgt. Dabei ist der interessanteste Aspekt von The Social Network nicht Facebooks Erfindung, sondern die Freundschaft zweier Männer, die das überbordende Ego eines von ihnen zerstört. Etwas, worüber die Figuren aber nicht sinnieren.

So zeigt der Film einen Mann mit vielen Arschkriechern um sich, aber ohne Freunde. Einen Twen, der zwar im Geld schwimmt, aber ein sozialer Aussätziger bleibt. Wie immer es um die Psyche des realen Mark Zuckerberg bestellt sein mag, sein filmisches Pendant hätte durchaus mit etwas (mehr) Leben ausgestattet werden können. Ebenso der gesamte Film mit einer wirklichen Handlung. Denn so gut er auch von Fincher fotografiert ist – von technischer Seite lässt sich kein Vorwurf machen –, vermittelt er letztlich nicht mehr Informationen als einschlägige Wikipedia-Einträge und verliert sich stattdessen in Geschwätzigkeit und Belanglosigkeit. Oder, wie es Stan in South Park so treffend formuliert hat: “Dude, fuck Facebook, seriously.”

6.5/10