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26. Oktober 2018

Bohemian Rhapsody

I see a little silhouetto of a man.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Jahr 1993 meine ersten Maxi-CDs besorgte. Zu den ersten drei Singles, die meine Sammlung seiner Zeit gründeten, zählte neben “The Sign” von Ace of Base und “I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)” von Meat Loaf auch die Remix-Wiederauflage “Living On My Own” von Freddie Mercury. Damals wusste ich noch nicht wirklich von Queen, doch sollte auch die Band um ihren Frontmann später zu meinen Favoriten zählen. Einen ihrer Höhepunkte feierte die englische Rock-Formation dabei im Juli 1985 auf dem Live-Aid-Konzert in London von Bob Geldorf. Ein Event, welches auch die narrative Klammer für Bohemian Rhapsody liefert, der die Geschichte von Freddie und Queen erzählt.

Regisseur Bryan Singer – sowie Dexter Fletcher, der Singer gegen Ende der Produktion ersetzte – folgen dabei weitestgehend dem üblichen Prinzip des Musikbiografie-Genres. Der Film rekapituliert rund 15 Jahre Band-Geschichte, beginnend mit dem ersten Kennenlernen der beiden Smile-Musiker Brian May (Gwilym Lee) und Roger Taylor (Ben Hardy) mit Farrokh Bulsara (Rami Malek). Er ersetzt 1970 ihren bisherigen Sänger, ehe sich die Band mit John Deacon (Joseph Mazzello) neu formierte und erste Gigs spielte. Aus Smile wird Queen und aus Farrokh Bulsara kurz darauf Freddie Mercury. Doch auch mit seiner neu geschaffenen anglisierten Identität sucht der Junge aus Sansibar mit indischen Wurzeln weiter nach seinem Glück.

“I get lonely, so lonely, living on my own”, sang Freddie in jenem Solo-Stück. Und auch Bohemian Rhapsody zeichnet ihn immer wieder als einsamen Künstler, selbst in der Anwesenheit von anderen. Seine Liaison mit Mary Austin (Lucy Boynton) gibt ihm anfangs noch emotionalen Halt, doch leidet die Beziehung unter der Erkenntnis von Freddies Homosexualität. Obschon sich Singer von der Band nur Freddie widmet, schenkt der Film nur sehr wenig Einblicke in sein Innenleben. Welcher Konflikt in ihm herrschte, sei es über seine Sexualität oder seinen indischen Hintergrund, reißt Bohemian Rhapsody nur leicht an. Ebenso als Singer in Paul (Allen Leech), Freddies persönlichem Assistenten,  später eine Art Antagonisten findet.

Primär hangelt sich der Film von Lied-Station zu Lied-Station. Mit am meisten Zeit verbringt er dabei noch mit den Aufnahmen zu Queens viertem Studio-Album “A Night at the Opera” in 1975, auf dem auch jener Kult-Hit erschien, der Bohemian Rhapsody seinen Titel leiht. Kürzer fallen da die Findungs-Momente weiterer Klassiker wie “We Will Rock You” oder “Another One Bites the Dust” aus. Im Grunde inszeniert Singer dies alles als eine Form filmischen Medleys, Reenactments von Konzert- und Musikauftritten werden dabei unterbrochen von privaten Szenen um Freddie. Und dem aufschwellenden Konflikt mit den übrigen Band-Mitgliedern, der in Singers Film hauptsächlich von Paul motiviert bzw. diesem gesteuert erscheint.

Dass es innerhalb der Band hinsichtlich der Autorenschaft der jeweiligen Songs zu Konflikten kam, wird erst im Schlussakt kurz während einem Meeting bei ihrem Manager Jim Beach (Tom Hollander) thematisiert. Bohemian Rhapsody will letztlich womöglich zu viel erzählen, über einen zu langen Zeitraum – und setzt dabei auch noch mitunter den Fokus falsch. So erweckt der Film den Eindruck, die Spaltung zwischen Freddie und Queen sei über einen längeren Zeitraum der gegenseitigen Entfremdung erfolgt, währenddessen er sich in München aufhielt und den Drogen verfiel, ehe das Live-Aid-Konzert der Band neues Leben einhauchte. Dabei befand sich Queen bis Mai 1985 gemeinsam auf Tour – also zwei Monate vor Live Aid.

Auch dass Freddie vor Queen bereits in Bands wie Ibex und Sour Milk Sea spielte, spart Singer aus dramaturgischem Anlass aus. Verortet aus denselben Gründen Freddies vermeintliche AIDS-Diagnose aber bereits unmittelbar vor Live Aid. Eben auch, weil mit diesem Hintergrund die Performance von “Bohemian Rhapsody” auf der Bühne mit Lyrics wie “Too late, my time has come (…) Goodbye everybody, I’ve got to go (…) I don’t want to die” eine neue Bedeutung erhält (obwohl der Song schon zehn Jahre alt war). Auch andere Textzeilen nach Live Aid weisen eine Zweideutigkeit auf, zum Beispiel “There's no time for us” aus “Who Wants to Live Forever” oder das kurz vor seinem Tod veröffentlichte “The Show Must Go On”.

Bohemian Rhapsody schultert sich reichlich Themen auf – und damit viel erdrückende Last. Die Sexualität von Freddie, seine Beziehungen zu Mary und Paul, sein Verhältnis zu seiner Familie, die AIDS-Erkrankung, die Anfänge und anfänglichen Widerstände von Queen, erste und spätere Reibungen mit den anderen Band-Mitgliedern, die Genesis einiger der größten Hits, Selbstzweifel des Lead-Sängers und noch manches mehr. Viel Ballast, dem sich jemand wie Kevin Macdonald in einer Musik-Dokumentation à la Marley oder Whitney sicher intensiver gewidmet hätte, anstatt wie Singer einen szenischen Staffellauf zu präsentieren. All dies unterscheidet seinen Film aber nicht von anderen Genre-Vertretern wie Love & Mercy.

Singers Film funktioniert dennoch über weite Strecken sehr gut – für Fans von Queen und Freddie Mercury vermutlich besser als für Laien. Die Darsteller überzeugen, von Gwilym Lee und Ben Hardy hin zu Rami Malek, der sich zumindest einer Golden-Globe-Nominierung sicher sein dürfte. Dass Sacha Baron Cohen, der zuerst für die Rolle vorgesehen war, mehr aus ihr gemacht hätte, sei dahingestellt. Auch die vielen Konzert-Szenen gefallen, mit dem Live-Aid-Reenactment als Höhepunkt. Hier geht jedoch viel Zeit verloren, die an anderer Stelle für die Ausarbeitung der Figuren und/oder Handlung hätte genutzt werden können. Zugleich wäre der Gang auf die Bühne mit Texttafel wohl ein ebenso funktionierendes Ende gewesen.

Als filmisches “Greatest Hits” zu Queen und Freddie Mercury funktioniert Bohemian Rhapsody also allemal – eben auch, weil Singer die bekannten Pfade nicht verlässt und keine Experimente wagt. So schultert die Darstellung der drei Hauptdarsteller, insbesondere aber die Diskografie von Queen selbst den Großteil des Films. Der hilft zumindest dabei, Letztere in einem neuen, tieferen Licht zu betrachten. Als hätte er 1977 bereits sein Schaffen und die Bedeutung seiner Musik und Fans für sich reflektiert, singt Freddie in “We Are the Champions” unter anderem: “I’ve taken my bows. And my curtain calls. You brought me fame and fortune, and everything that goes with it. I thank you all.” Dabei sind wir es, die ihm zu danken haben.

6.5/10

14. Mai 2016

X-Men: Apocalypse (3D)

Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, Alles Neu)


„Ich verbrenn mein Studio, schnupfe die Asche wie Koks“, singt Peter Fox in seinem Lied „Alles Neu“. Und fährt fort mit Verszeilen wie „Ich jag meine Bude hoch, alles was ich hab lass ich los“. Insofern passt das Lied ganz gut zur jüngeren Generation von Comicverfilmungen, die im großen Stil Städte pulverisieren und Destruktion zelebrieren. Dieses Jahr beschäftigten sich dann mit Batman V Superman: Dawn of Justice und Captain America: Civil War zwei Studiofilme mit den Folgen dieser Zerstörungsorgien und der Verantwortung der Superhelden an dieser. Auch in X-Men: Apocalypse werden Städte buchstäblich zu Asche gemacht und Menschen sterben en Masse. So sehr, dass Roland Emmerich mit der Zunge schnalzen würde.

Ähnlich formulierte es ein Filmkritiker nach der Pressevorführung, was vielleicht auch ganz passend ist, da Regisseur Bryan Singer seinen vierten X-Men-Film mit einer Quasi-Hommage an Stargate beginnen lässt. Im Ägypten des Jahres 3600 vor Christus ist der als Gott verehrte erste Mutant En Sabah Nur gerade dabei, sein Bewusstsein in einen jüngeren Körper (Oscar Isaac) zu transferieren, als eine Revolution die Prozedur stoppt. Erst Jahrtausende später, im Jahr 1983, wird er wiederauferstehen – unter den Augen von CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne). Ein weltweit spürbares Ereignis, auch für Charles Xavier (James McAvoy) und Hank McCoy (Nicholas Hoult) in ihrem Internat für junge Mutanten wie Scott Summers (Tye Sheridan).

Dort sieht Studentin Jean Grey (Sophie Turner) das Ende der Welt voraus, welches durch die Rückkehr von En Sabah Nur – der dankenswerter Weise nie „Apocalypse“ genannt wird – eingeleitet wird. Der schart wiederum erstmal andere Mutanten als Gefolgsleute um sich, zuvorderst die junge Diebin Storm (Alexandra Shipp), später auch noch Psylocke (Olivia Munn), Angel (Ben Hardy) und schließlich Erik Lehnsherr (Michael Fassbender). Der hat sein Dasein als Magneto eigentlich hinter sich gelassen, doch ein tragisches Unglück befeuert seinen Hass auf die Menschheit. Ein Vorfall, den auch Mystique (Jennifer Lawrence) mitbekommt, nachdem sie einen jungen Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) aus der Gefangenschaft befreit.

So simpel die eigentliche Handlung des Films – En Sabah Nur will die Reset-Taste der Menschheit drücken –, so umfangreich gerät die Exposition, bis diese Handlung startet. Die erste halbe Stunde von X-Men: Apocalypse gerät zum konstanten Szenenwechsel, während Singer mit allen bislang und noch nicht eingeführten Figuren auf dem neuesten Stand ist. Was bei einem umfangreichen Ensemble wie es die X-Men sind dauern kann. Zu Beginn des zweiten Akts haben sich dann – wie bei X-Men-Filmen üblich – die zwei Lager rund um Professor X und Magneto gebildet. Auch wenn Letzterer über weite Strecken eine passive Handlanger-Rolle im Konflikt von Xavier und En Sabah Nur einnimmt. Ein Schicksal, das er sich mit Storm, Psylocke und Angel teilt.

Hier zeigt sich eines der (Genre-)Probleme des Films: die unausgearbeiteten Antagonisten. Egal ob sie nun Lex Luthor oder Helmut Zemo heißen, Bolivar Trask oder En Sabah Nur – wie diese Personen wirklich ticken, wird nie wirklich klar. Was auch daran liegt, dass Comicverfilmungen – und eben auch die X-Men-Filme – immer aufgeblähter geraten was ihre Figuren angeht. Da haben die Helden Priorität und unter ihnen die Hollywood-Stars noch mehr. Rudimentär gerät da die Motivation von Figuren wie Storm und Angel, sich En Sabah Nur zu fügen, im Fall von Psylocke existiert gar kein Anlass. Und auch wenn sich Magnetos abermalige Abwendung nachvollziehen lässt, sie resultiert wie in den Vorgängern immer aus demselben Anlass.

Auch En Sabah Nur, als Apocalypse einer der profiliertesten X-Men-Gegner, wirkt eindimensional. Das klassische (und immer noch tolle) Xavier-Intro-Voice-over muss ausreichen, um seine umfangreiche Macht als Auslöser von Größenwahn zu erklären. Von dieser Menschheit voll mit Nuklearwaffen und Supermächten will er jedenfalls nicht als Gott verehrt werden. Also alles auf neu – oder angesichts der geplanten Zerstörungsorgie eher: zurück zu den Wurzeln. Erfreulicherweise mittendrin statt nur dabei sind die jüngeren Versionen der aus X-Men und X2 bekannten Figuren um Nightcrawler, Jean Grey und Scott Summers – ebenfalls hier noch nicht Cyclops getauft. Gerade die letzten Beiden hadern jedoch noch mit den Ausmaß ihrer Mutation.

Gegenüber X-Men: Days of Future Past hat Apocalypse den Vorteil, dass Singer nicht versuchen muss, alle Beiträge zum Franchise irgendwie unter einem Dach zu vereinen. Abgesehen von den schwach ausgearbeiteten Antagonisten existiert somit ein etwas flüssigerer Handlungsverlauf. Und dennoch kann dieser neueste Eintrag in die Serie durchaus auch als eine Art Best of verstanden werden. Die Rückkehr von Quicksilver (Evan Peters) geschieht mit einer ähnlichen Szene wie im Vorgänger, was ihr – bei allem Vergnügen, das sie bereitet – etwas ihres Effekts beraubt. Auch sonst gibt es Rückgriffe zu X-Men und X-Men: First Class, wenn En Sabah Nur mit Magneto einen (leicht geschmacklosen) Ausflug nach Auschwitz unternimmt.

Insgesamt – und in diesem Absatz sind Spoiler enthalten – gefallen jedoch gerade die Referenzen zum Comic und den TV-Serien. Und zeugen von den cojones Singers, derartig populäre Stränge in diesen bereits umfangreichen Film zu integrieren. Von dem Verweis auf X-Men/X2 und der Einbettung von Barry Windsor-Smiths Weapon X mit dem Gastauftritt von Wolverine (Hugh Jackman) – ungeachtet der Frage, wie er vom Ende von Days of Future Past hier landete –, über die Zugabe der Dark Phoenix-Storyline im Finale bis hin zum Post-Credit-Stinger, der auf Mr. Sinister verweist. Mit Zitaten und visuellen Verweisen auf die Apocalypse-Storys der TV-Serien X-Men und X-Men: Evolution bis hin zu Storms Mohawk – hier geht dem Fan das Herz auf.

Inwiefern sich die Welt nun tatsächlich geändert hat seit den Ereignissen am Ende von Days of Future Past, bleibt offen. Außer, dass es Schulthema ist und Mystique in der Mutanten-Community zur Legende wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem destruktiven Finale, das zwar die ganze Welt betrifft, aber sich dennoch auf unser Dutzend Protagonisten in Kairo konzentriert. Immerhin muss sich hier niemand im nächsten Teil für Kollateralschäden entschuldigen, weiß Bryan Singer doch im Gegensatz zu den anderen Franchises seine X-Men nicht pseudo-seriös auf dem Boden der Tatsachen zu verankern, sondern inszeniert seine Geschichte als das, was sie ist: ein Superhelden-Action-Film, der sich zuvorderst an die X-Men-Fans richtet.

Wer mit Comic-Filmen wenig anfangen kann, ist hier gnadenlos verloren, auch DC- und MCU-Fans dürften Probleme kriegen. Belebte Bryan Singer vor 16 Jahren mit X-Men das heute florierende Genre neu, inszeniert er nun primär für ein exklusives Klientel. Das wiederum wird es ihm danken, selbst wenn Oscar Isaacs En Sabah Nur mit seiner Aufmachung in einem Power Rangers-Film besser aufgehoben scheint. Im Vergleich zu Leuten wie Zack Snyder, Joss Whedon und den Russo-Brüdern hat Singer jedoch verstanden und verinnerlicht, was einen Comic-Film ausmacht. Gespannt darf man da auf das nächste X-Men-Abenteuer warten. „Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist“, würde Peter Fox dazu wohl sagen.

7/10

1. Juni 2014

Filmtagebuch: Mai 2014

24 - SEASON 1
(USA 2001/02, Stephen Hopkins u.a.)
7/10

AVATAR (3D)
(USA/UK 2009, James Cameron)
7.5/10

AVENGERS CONFIDENTIAL: BLACK WIDOW & PUNISHER
(USA/J 2014, Shimizu Kenichi)
5.5/10

BAIT [BAIT 3D - HAIE IM SUPERMARKT] (3D)
(AUS/SGP 2012, Kimble Rendall)

4.5/10

THE BIG BANG THEORY - SEASON 7
(USA 2014, Mark Cendrowski u.a.)
7/10

CABIN FEVER: PATIENT ZERO
(USA 2014, Kaare Andrews)
1.5/10

CASA DE MI PADRE
(USA 2012, Matt Piedmont)
6/10

THE CRASH REEL
(USA 2013, Lucy Walker)
7.5/10

FANDO Y LIS
(MEX 1968, Alejandro Jodorowsky)
4.5/10

GODZILLA (3D)
(USA/J 2014, Gareth Edwards)

4/10

GOJIRA [GODZILLA]
(J 1954, Honda Ishirô)

8/10

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
[DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE]
(USA/NZ 2012, Peter Jackson)

0.5/10

THE HOBBIT: THE DESOLATION OF SMAUG
[DER HOBBIT – SMAUGS EINÖDE]
(USA/NZ 2013, Peter Jackson)

0/10

THE HOLY MOUNTAIN [DER HEILIGE BERG]
(MEX/USA 1973, Alejandro Jodorowsky)

2.5/10

HULK
(USA 2003, Ang Lee)
7/10

I KNOW THAT VOICE
(USA 2013, Lawrence Shapiro)
5/10

THE INSTITUTE
(USA 2013, Spencer McCall)
5.5/10

KIDS FOR CASH
(USA 2014, Robert May)
6/10

KISS OF DEATH
(USA 1995, Barbet Schroeder)
5.5/10

MOEBIUSEU [MOEBIUS, DIE LUST, DAS MESSER]
(ROK 2013, Kim Ki-duk)

4/10

MONONOKE-HIME [PRINZESSIN MONONOKE]
(J 1997, Miyazaki Hayao)

8/10

MONSTERS
(USA 2010, Gareth Edwards)
5.5/10

MOSURA TAI GOJIRA [GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN]
(J 1964, Honda Ishirô)

6.5/10

OMAR
(PSE 2013, Hany Abu-Assad)
6.5/10

THE PUNISHER [EXTENDED VERSION]
(USA/D 2004, Jonathan Hensleigh)

5.5/10

PUNISHER: WAR ZONE
(USA/CDN/D 2009, Lexi Alexander)
3.5/10

SAN DAIKAIJŪ: CHIKYŪ SAIDAI NO KESSEN
[FRANKENSTEINS MONSTER IM KAMPF GEGEN GHIDORAH]
(J 1964, Honda Ishirô)

4/10

SCARY MOVIE 2
(USA/CDN 2001, Keenen Ivory Wayans)
6/10

SPIDER-MAN 2
(USA 2004, Sam Raimi)
8.5/10

SPIDER-MAN 3
(USA 2007, Sam Raimi)
7/10

TONARI NO TOTORO [MEIN NACHBAR TOTORO]
(J 1988, Miyazaki Hayao)

9.5/10

EL TOPO
(MEX 1970, Alejandro Jodorowsky)
6/10

THE TRIP TO ITALY
(UK/I 2014, Michael Winterbottom)
7.5/10

TURISTAS
(USA 2006, John Stockwell)
4.5/10

Retrospektive: X-Men


X-MEN
(USA 2000, Bryan Singer)
7/10

X2 [X-MEN 2]
(USA/CDN 2003, Bryan Singer)

8/10

X-MEN: THE LAST STAND [X-MEN – DER LETZTE WIDERSTAND]
(USA/CDN/UK 2006, Brett Ratner)

4/10

X-MEN ORIGINS: WOLVERINE
(USA/CDN/UK 2009, Gavin Hood)
3/10

X-MEN: FIRST CLASS [X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG]
(USA/UK 2011, Matthew Vaughn)

5.5/10

THE WOLVERINE [WOLVERINE: WEG DES KRIEGERS]
(USA/UK 2013, James Mangold)

6/10

X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST (3D)
[X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT]
(USA/UK 2013, Bryan Singer)

6.5/10

20. Mai 2014

X-Men: Days of Future Past

Is the future truly set?

Man kann die Marvel-Filme um die Avengers mögen oder nicht, zumindest kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie nicht bestrebt sind, eine gewisse Kohärenz aufrecht zu erhalten. Ineinander zu laufen, sich gegenseitig zu referieren – aus einem Guss zu sein. Damit sind die Marvel-Filme von Paramount im Prinzip das komplette Gegenteil zu den Marvel-Filmen von 20th Century Fox. Denn deren X-Men-Werke sind sicherlich einiges, aber nicht sonderlich stringent. Mit X-Men: Days of Future Past kehrte Bryan Singer zu jenem Franchise zurück, das er nach X2 verließ. In einem Anfall von Ehrgeiz versucht er sich dabei nicht nur an einer der meist geschätzten X-Men-Storylines, sondern auch an der totalen Kohärenz.

Days of Future Past ist neben der Dark Phoenix Saga – die zum Teil in X-Men: The Last Stand integriert wurde – eine der populärsten Story Arcs im X-Men-Universum. Die Handlung präsentiert eine dystopische Zukunft, in der Mutanten von Robotern, den Sentinels, fast komplett ausradiert oder interniert worden sind. Der Auslöser dieser Misere ist ein Attentat, das in den 1970er Jahren von einem Mutanten auf Senator Kelly verübt wird. Im Comic reist daher Kitty Pryde (in der 1990er Animationsserie wiederum Bishop) in die Vergangenheit, um die X-Men zu warnen und das Attentat sowie die daraus resultierende Zukunft zu verhindern. Oder zumindest eine alternative Zeitachse zu erschaffen, wo dies dann der Fall ist.

Mit jener dystopischen Zukunft, die an die der Terminator-Filme erinnert, beginnt Singer seinen dritten und den insgesamt siebten X-Men-Film. Professor X (Patrick Stewart), Magneto (Ian McKellen), Wolverine (Hugh Jackman) und Storm (Halle Berry) treffen sich in China mit Kitty Pryde (Ellen Page), Iceman (Shawn Ashmore), Bishop (Omar Sy) und anderen. Die Zeit drängt, denn die Sentinels können sie jeden Moment ausfindig machen. Kitty soll Wolverines Bewusstsein durch die Zeit in sein jüngeres Ich schicken, damit dieses im Jahr 1973 Kontakt mit Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) aufnimmt, um ein Attentat zu verhindern aus dem schließlich die Sentinels resultieren.

Verübt wird das Attentat von Mystique (Jennifer Lawrence) an Bolivar Trask (Peter Dinklage), dem Erfinder der Sentinels, der für deren Verbesserung an Mutanten experimentiert. Obschon Mystiques Attentat Erfolg hat, gerät sie dabei in Gefangenschaft. Und ihre Mutation der Replikation erlaubt es den Sentinels, in der Zukunft unbesiegbar zu werden. Nur gemeinsam können Charles und Erik jene Frau stoppen, die sie in X-Men: First Class elf Jahre zuvor entzweite. Weil Charles, von den Vorfällen damals querschnittsgelähmt, aber nicht gut auf Erik, der seit zehn Jahren unter dem Pentagon in Einzelhaft sitzt, zu sprechen ist, bedarf es viel Geduld für Wolverine, seinen jungen Mentor zu überzeugen.

“Patience”, raunt Wolverine, “isn’t my strong suit”. Daher kriegt Beast (Nicholas Hoult) auch erstmal eins auf die Nase, als dieser ihn an der Tür zu Charles’ Villa zu lange aufhält. Nach etwas Überzeugungsarbeit willigt der Professor, der dank eines Serums zu Lasten seiner Mutation wieder Gehen kann, ein, Wolverine zu unterstützen. Doch damit beginnen die eigentlichen Probleme erst, müssen sich die Figuren fortan immer wieder mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft auseinandersetzen, während sie ihre Suche nach Mystique von Amerika nach Paris und zurück treibt. Ein Szenario, das letztlich auch Bolivar Trask in die Karten spielt und somit das eigentliche Sentinel-Problem der X-Men nur weiter verstärkt.

Soviel zur Prämisse des Films, die im Grunde relativ simpel ist. Die Komplexität von Days of Future Past liegt entsprechend weniger in ihrer Jahrzehnte umspannenden Zeitreise-Handlung, sondern im Bestreben von Bryan Singer, seinen Film kanonisch geraten zu lassen. Als Folge vereint er nicht nur die Ensembles der X-Men-Trilogie und von X-Men: First Class, sondern auch deren inhärente Widersprüche. Im Nachhinein ein Unterfangen, das Singer lieber hätte lassen sollen, geraten seine Erklärversuche doch oft wenig plausibel, während er zugleich neue Fragen aufwirft. Immerhin, wäre man gewillt zu sagen, präsentiert sich seine Handlung auch abseits der rückwirkenden Stringenz meist wenig plausibel.

So bietet der Film keine Erklärung, wieso Professor X, nachdem er in X-Men: The Last Stand pulverisiert wurde, nun wieder lebt (aber dennoch nicht laufen kann). Oder warum Wolverine plötzlich wieder Adamantium auf seinen Krallen hat, obwohl ihm diese in The Wolverine doch abgetrennt wurden. Passend ist da natürlich, dass es für den Film irrelevant ist, ob die Dinger aus Adamantium sind oder nicht. Dafür verrät Patrick Stewart plötzlich, dass er mit Mystique (wie in First Class gesehen) gemeinsam aufwuchs. Wovon in X-Men, als Mystique Charles vergiftete, wenig zu spüren war. Aber in jenem Film erinnerte sich auch Sabretooth nicht an Wolverine, obwohl er laut X-Men Origins: Wolverine sein Bruder ist.

In jenem Film, der 1981 spielt, begegnete der Zuschauer auch erstmals Emma Frost, damals Anfang 20. Die von January Jones gespielte Version der Figur von 1962 in First Class war dagegen um die 30, in Days of Future Past erfahren wir nun, dass die Figur vor Jahren als eines von Trasks Versuchsopfern verstarb. Ein Großteil dieser Widersprüche, von denen an dieser Stelle nur ein paar aufgeführt wurden, verdankt sich fraglos First Class. Dass Bryan Singer dennoch etwaige Kurskorrekturen probiert, verschlimmbessert allerdings einiges. Genauso, wenn Figuren aus den vorherigen Filmen wie Stryker, Havok oder Toad in unerheblichen Nebenrollen auftauchen, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielen.

Damit sind sie nicht die einzigen. Denn auch Hugh Jackmans Wolverine ist im Grunde für den Film ohne jeden Belang. Abseits seiner Funktion als Übermittler der Botschaft wird er die meiste Zeit zum Beobachter degradiert. Dass er statt Kitty Pryde oder Bishop zurückgeschickt wurde, erklärt sich somit weniger mit seiner regenerativen Mutation, sondern eher mit Hugh Jackmans Star-Appeal. Nicht von ungefähr gilt der Australier beziehungsweise Wolverine als das Gesicht der X-Men, spielten seine beiden Solo-Filme mehr ein als First Class. Insofern fungiert Wolverine hier mehr zum Zweck des comic relief, als one liner ausspuckende Type aus der Zukunft, der nochmals die Flower-Power-Generation erleben darf.

Somit steht eigentlich Mystique mehr im Vordergrund, was aufgrund des Hypes um Jennifer Lawrence ebenso verständlich ist. Die meistert die Rolle, die dankenswerter Weise mit verbessertem Make-up daherkommt, ziemlich überzeugend, auch wenn die Motivation und Aktionen der Figur wie das meiste in Days of Future Past nur bedingt Sinn ergeben. Der Fokus auf sie ist ebenso erfreulich wie die Szenen der neu eingeführten Charaktere von Blink (Fan Bingbing) und Quicksilver (Evan Peters). Gerade die beiden letzteren erinnern in Aktion von der Qualität her an Nightcrawlers Intro in X2, einem Höhepunkt der X-Men-Serie. Generell lässt sich Days of Future Past technisch kaum ein Vorwurf machen.

Und trotz aller logischen Unebenheiten in der Handlung ist diese, manche Längen außen vor, fast durchweg mitreißend und spannend inszeniert. Die Interaktion der Figuren gefällt, die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Erfreulicherweise wird Action weniger pompös eingesetzt als vergleichsweise in The Last Stand. Als Folge wirkt das Finale beinahe antiklimatisch in seiner simplen Auflösung – gerade nach dem Tamtam seiner Exposition. Allerdings wäre vielleicht etwas mehr Zeit in der Zukunft nicht verkehrt und möglich gewesen, wenn Singer dafür einen belanglosen Ausflug in ein Militärlager in Vietnam ausgespart hätte. Von der für die Menschen so bedrohlichen Zukunft sehen wir also nur bedingt etwas.

Letztlich zeigt sich, dass das X-Men-Universum in den Händen von Bryan Singer am besten aufgehoben ist. Allem Kuddelmuddel in Stringenz, Logik und historischer Einordnung zum Trotz. Wenn man mag, kann man X-Men: Days of Future Past dank seines Zeitreise-Elements auch als das Star Trek-Reboot des X-Men-Franchises sehen. Diskutabel genug ist das Ende des Films jedenfalls ausreichend. Selbst wenn Singer also nicht wirklich darin reüssiert, hiermit alle Vorgänger unter einem Dach zu vereinen, ist der Versuch aller Ehren wert und eines der meist ambitionierten Bestreben des Genres. Und das Ergebnis allemal unterhaltsamer als die kohärenteren Marvel-Filme von Paramount. Das ist doch schlussendlich auch was.

6.5/10

18. Januar 2009

Valkyrie

We can serve Germany or the Führer, not both.

Mit Definitionen tut man sich schwer. In welche Kategorie zählte Claus von Stauffenberg? Wir haben es hier mit einem Offizier der Wehrmacht zu tun. Jemand der den Überfall auf Polen 1939 begrüßte, die dortige Bevölkerung als Pöbel bezeichnete und die Juden als Volk, dass „sich nur unter der Knute wohl fühlt“. Jemand, der es gerne sah, dass die gefangene Bevölkerung zu Landwirtschaftssklaven missbraucht wurde. Ein Mann, der stets ein Gegner der Weimarer Republik gewesen war und der sich zu Beginn begeistert von Adolf Hitler gezeigt hatte. „Das alles macht ihn bei Weitem noch nicht zum Nazi“, schrieb Stefan Schmitz in der zweiten Ausgabe des stern von diesem Jahr. Hier wird die Frage evoziert, was einen dann eigentlich zum Nazi macht. Oder die Frage, was einen eigentlich zum Helden macht.

Im Verständnis der Allgemeinheit ist Claus von Stauffenberg aus heutiger Sicht ein Held. Anhand der einfachen Formel: wer Hitler töten wollte, der kann nur ein Held sein. Denn der Feind von meinem Feind ist mein Freund. Oder so ähnlich. Die Wahrheit liegt hier wie immer im Auge des Betrachters. Es ist diskutabel, ob Stauffenberg Hitler stürzen wollte, weil ihm der Genozid der Juden gegen den Strich ging oder weil er lediglich realisiert hatte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war und er Schadensbegrenzung betreiben wollte. Wie alle Verschwörer des 20. Juli ist Stauffenberg eine ambivalente Figur, bei der eine Kategorisierung zwischen Schwarz und Weiß nicht möglich zu sein scheint. Ein eindeutige Klassifizierung als Held geht somit nicht ohne einen Anflug von Nachgeschmack von statten.

Für viel Aufheben sorgte im Vorfeld dann die Hollywood-Produktion Valkyrie, die sich mit ebenjenem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 beschäftigt. Glaubt man FAZ-Chefredakteur Frank Schirrmacher, dann geht es jetzt mit Deutschland wieder aufwärts. Viele andere hingegen missbilligten, dass ein deutscher „Held“ von einem Scientology-Mitglied verkörpert wird. Eine Dreherlaubnis für den historischen Ort der Hinrichtung im Bendlerblock wurde untersagt, später dann doch gestattet. Der Starttermin des Filmes wurde von Sommer auf Herbst und von Herbst auf Frühjahr verschoben. Was für Hauptdarsteller Tom Cruise als langersehntes Sprungbrett zum ersten Academy Award gedacht war, versucht sich nun in Schadensbegrenzung. Dabei erklärte Regisseur Bryan Singer vorab in einem Interview mit Christine Kruttschmitt vom stern (Ausgabe 2/2009) bereits, dass der Film „keine Filmbiographie über Stauffenberg, sondern ein Verschwörungsthriller mit real existierenden Figuren und Ereignissen“ darstellen soll. Singer betont, dass Valkyrie ein Unterhaltungsfilm sei und keine „historische Abhandlung“.

Betrachtet man das Ergebnis, ist Singer zuzustimmen. Glücklicherweise verzichtet der Regisseur zu Beginn des Filmes diesen mit dem obligatorischen „Nach wahren Begebenheiten“ einzuleiten. Die Verifizierung, dass es sich bei Valkyrie um keine Filmbiographie handelt, gab Singer zu Recht, wie bereits die ersten Minuten deutlich machen. In Tunesien philosophiert Oberst Stauffenberg (Tom Cruise) in seinem Zelt über die Lage der Nation. So geht das nicht weiter, Hitler zerstört Deutschland und der Judenmord ist auch nicht okay. „Es muss sich etwas ändern“, resümiert der Graf, der sich selbst stets als Abkömmling der Staufer und Ottonen sah (dabei jedoch lediglich dem Dienstadel entstammte). Da trifft es sich gut, dass Stauffenberg kaum aus dem Zelt raus schon gleich einen Befehl des Führers widerlegt. Schließlich müssten dabei nur unnötige Soldaten sterben und alles was er, der Graf, wolle, sei „so viele Männer wie möglich lebend nach Hause“ zu schaffen. Widerstand gegen den Befehl des Führers. Eigentlich begeht Stauffenberg schon hier Hochverrat. Sein Vorgesetzter nickt das ganze dann ab. Ein Angriff der Alliierten macht den Plan zunichte.

Schwer verletzt – Stauffenberg verliert sein linkes Auge, zwei Finger der linken und die gesamte rechte Hand – wird der Oberst nach München zurückgebracht. Dort erwartet ihn bereits General Friedrich Olbricht (Bill Nighy). Olbricht zählt zu einem illustren Kreis von Verschwörern rund um Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) und Ludwig Beck (Terence Stamp). Vergeblich hatten diese zuvor versucht Hitler (David Bamber) zu töten. Als einer ihrer Mitverschwörer aus ihren Reihen scheidet, soll er durch Stauffenberg ersetzt werden. Hitler muss beseitigt werden, das steht fest. Doch die Frage ist „wie?“. Stauffenbergs erster Besuch bei Frau Nina (Carice van Houten) und Kindern bringt ihm die Erleuchtung. Die Kleinen spielen Wagners Walkürenritt und Stauffenberg dämmert ein Licht. Hitler soll mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden, die Operation Walküre dafür sorgen, dass der Staatsstreich ohne blutigen Niederschlag gelingt. Hierzu müssen jedoch General Friedrich Fromm (Tom Wilkinson), Chef der Ersatzarmee, und General Erich Fellgiebel (Eddie Izzard) gewonnen werden. Während von Tresckow an die Front versetzt wird, übernimmt Stauffenberg allmählich das Kommando über die Operation.

Ein neutraler Blick auf Valkyrie fällt dem deutschen Betrachter schwer. Schließlich hat man das Attentat vom 20. Juli schon etliche Male durchgenommen, sei es in der Schule oder in etwaigen Dokumentation und ZDF-Fernsehspielen. Am eindringlichsten bekannt sein dürfte die deutsche Produktion mit Sebastian Koch als Stauffenberg vor einigen Jahren. Dem Deutschen entlocken somit Szenen wie Stauffenbergs Gedankenblitz beim Hören von Wagners Musik während eines Luftangriffs ein leichtes Lächeln. Für internationale Zuschauer könnte die Szene wiederum ein plausibles Mosaik in einem komplexen Puzzle sein. In seinen Details lässt sich die Planung zur Operation Walküre nicht in einem zweistündigen Film abhandeln. Bedenkt man somit das, was Singers Film sein möchte, und betrachtet das, was Singers Film letztlich geworden ist, können die Macher halbwegs zufrieden sein. Dass Valkyrie ein amerikanischer Film ist – trotz deutscher Nebendarsteller wie Matthias Schweighöfer, Christian Oliver und Wotan Wilke Möhring -, merkt man diesem stets an.

Alle Figuren, allen voran Stauffenberg, bleiben eindimensional. Das Muster ist klar gestrickt, es gibt die Guten und die Bösen. Da es sich bei den Bösen um Nazis handelt, bedarf es keiner weiteren Erläuterungen für die Motive der Guten. Und weil amerikanische Zuschauer ein prägnantes Gesicht brauchen, eine Identifikationsfigur, fokussiert sich die Handlung weitestgehend auf Stauffenberg. Dieser wird Minute um Minute von Singer und den Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander zentraler in das Komplott verstrickt. Für ein Charakterportrait ist keine Zeit, die heldenhafte Intention wird stattdessen durch pathetische Platituden bestärkt. Dass es eine Reihe von Verschwörern war und Stauffenberg nur einer von ihnen, dafür ist in einem Hollywood-Film kein Platz. Das Publikum wäre nicht bei der Sache, wenn es fünf oder acht unterschiedlichen Figuren folgen müsste. Daher schreiben McQuarrie und Alexander Stauffenberg die entscheidende Rolle zu, die teilweise schon messianische Züge annimmt, wenn Tresckow der Überzeugung ist, dass Stauffenberg Deutschland im Alleingang retten könne.

Ein differenziertes Bild der historischen Figur Stauffenberg erhält man nicht. Soll man aber auch nicht. Singer möchte einen Verschwörungsthriller erzählen und dies gelingt ihm über weite Strecken. Lediglich die teilweise fast unerträglich pathetischen Szenen trüben das Gesamtbild. Hätte man die Figuren etwas vielseitiger und kantiger, beziehungsweise authentischer, gestaltet, wäre für Valkyrie noch weitaus mehr drin gewesen. Inszenatorisch ist Singer auf formaler Eben nämlich kein Vorwurf zu machen. Newton Thomas Sigels Kamera ist ordentlich, die musikalische Untermalung von John Ottman gelungen. Das Szenenbild, die Ausstattung und die Kostüme wirken glaubwürdig. Lediglich die Darsteller gehen etwas unter. Cruise gibt Stauffenberg akzeptabel, allerdings wirkt sein Spiel recht l(i)eblos. Branagh und Stamp überzeugen in ihren wenigen Szenen, während man Nighy, Wilkinson, Thomas Kretschmann und Christian Berkel keinen rechten Vorwurf machen kann.

Dass Valkyrie den Ruf der deutschen Nation international verbessert, darf bezweifelt werden. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie Schirrmacher dies behauptet hat. Die Diskussionen im Vorfeld, auch hinsichtlich eines Tom Cruise (dessen Glaube, Xenu hin Spaghettimonster her, für Filme keine Rolle spielen sollte), haben dem Werk sicherlich geschadet. Nichtsdestotrotz ist Bryan Singer ein solider und ordentlicher Thriller gelungen, der zwar nicht sonderlich herausragend ist, jedoch auch nicht so schlecht, wie ihn einige bestimmt reden werden. An der filmischen Verklärung von Stauffenberg zum strahlenden Helden kann man sich stoßen. Fraglich wie ein Deutschland ausgesehen hätte, wenn der erklärte Demokratiefeind Stauffenberg (für den die Demokratie eine „Gleichheitslüge“ war), siegreich gewesen wäre. Eventuell würden wir heute dann in einem Militärstaat leben. Eventuell auch nicht. Vielleicht wird es Zeit, sich jemandem filmisch zuzuwenden, der wirklich als Held angesehen werden kann.

5.5/10 – erschienen bei Wicked-Vision

19. Juli 2008

X2

Have you ever tried...not being a mutant?

Nachdem Edeltrash-Filme wie Batman & Robin Ende der 1990er Jahre die Comic-Adaptionen an den Rande des Aussterbens brachten, bildete bereits 1998 die Verfilmung von Blade die Umkehr zum Besseren. Bei einem Budget von 45 Millionen Dollar Budget wurde das Dreifache der Kosten eingespielt, weshalb für die nächste Marvel-Verfilmung X-Men 75 Millionen Dollar zur Verfügung standen. Auch wenn der Film ein etwas verhaltener Erfolg war, prophezeite er doch eine neue Welle gut gemachter Comic-Adaptionen, deren Budgets im Verlauf exponentiell steigen sollten. Kein Wunder, dass man Bryan Singer mit einer Fortsetzung beauftragte, für die David Hayter und Zak Penn individuell Drehbücher verfassen sollten, um diese anschließend zu einem gemeinsamen Werk zu kombinieren.

Dieses Drehbuch wurde im Jahr 2002 von Michael Dougherty und Dan Harris überarbeitet und strich die Involvierung von Figuren wie Beast oder Angel. Aus Budgetgründen - das Studio gewährte Singer dieses Mal 110 Millionen Dollar - wurden auch Szenen mit den Sentinels und dem Danger Room entfernt. Zudem erhielt Halle Berry nachträglich mehr Leinwandzeit, war sie doch im Vorjahr für Monster’s Ball mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet worden. Am Ende brauchte es 27 Drehbuchentwürfe bis zum finalen Skript, also ähnlich viele wie für den ersten Teil. Da Singer in jenem bereits das Erscheinen von Phoenix angedeutet hatte, verwundert es ein wenig, dass so viel Korrektur nötig war, bis das Drehbuch zur Fortsetzung X2 zufrieden stellend war.

Im selben Jahr erschienen wie Hulk, war X2 erfolgreicher als Ang Lees Film, spielte er in den USA doch das Doppelte und weltweit das Vierfache seiner Kosten ein. Im Handlungsgeschehen selbst tauchen lediglich drei neue Figuren auf: Colonel William Stryker (Brian Cox) als Antagonist, sowie Lady Deathstrike (Kelly Hu) als dessen Handlangerin und Nightcrawler (Alan Cumming) als Neuzugang bei den X-Men. Letzterer setzte sich gegenüber Beast oder Gambit als Zugang durch, da er durch sein Erscheinungsbild nochmals die Außenseiterrolle der Mutanten untermauerte. Da der Schotte Alan Cumming deutsche Sprache beherrscht, war er Bryan Singers erste Wahl für die Darstellung der deutschstämmigen Figur, die eigentlich auf den Namen Kurt Wagner hört.

Mit Cummings und Cox wurde das Set nach Patrick Stewart (Professor X) und Ian McKellen (Magneto) um zwei weitere Darsteller der Royal Shakespeare Akademie erweitert. Leider avancierte Nightcrawler nicht zu einem festen Mitglied der Mutanten, fehlt er doch in X-Men: The Last Stand, was weniger mit dem fehlenden Interesse des Darstellers, als dem Produktionsaufwand seines Make-ups zu tun hat. Da kann man es verschmerzen, dass X2 nicht auf die Tatsache einging, dass Nightcrawler der Sohn von Mystique ist (obschon beide Figuren eine nette kleine Szene erhalten). In Rebecca Romijn hatte Cummings dann auch gleich eine Leidensgenossin gefunden, verbrachte er immerhin doppelt so viel Zeit (bis zu zehn Stunden) in der Maske wie die Mystique-Darstellerin.

Mit viel Brimborium hält sich Singer in X2 dann auch nicht auf, wird dem Publikum doch innerhalb der ersten fünf Minuten bereits die erste Actionsequenz präsentiert. Spektakulär wird die neue Figur Nightcrawler vorgestellt und in einer Szene positioniert, die bereits zu Beginn des Filmes dessen Höhepunkt darstellt. Dagegen sind die beiden späteren Kämpfe von Wolverine (Hugh Jackman) gegen Strykers Männer und Lady Deathstrike nur ein laues Lüftchen. Zudem beeindruckt Nightcrawlers Einführung auch durch ihre digitalen Effekte, stehen diese ebenso wie die Choreographie der Szene die Qualität der Handlungsexposition. So wünscht man sich als Zuschauer die Wundermaschine Kino, wobei auch Wolverines Ein-Mann-Feldzug im Internat über seine Stärken verfügt.

Vielleicht auch weil Singer hier die Schere ansetzte, um ein jugendfreies Rating zu erhalten, kommt die Szene nicht an den Anfang heran. Noch weniger gelingt dies dem Kampf von Wolverine und Lady Deathstrike, der schon deswegen an Spannung einbüßt, da Wolverine hier gegen sein weibliches Pendant kämpft. Ohnehin haben sich die Macher mit Lady Deathstrike keinen Gefallen getan, beschränken sich Kelly Hus Dialoge im gesamten Film auf eine einzige Zeile. Gerade hier hätte man eine Figur wie Gambit einbauen können, trägt dieser doch seine eigenen dunklen Geheimnisse mit sich herum. Viel mehr handfeste Action kriegt das Publikum dann auch nicht zu sehen, was angesichts der diesbezüglichen Steigerung in Brett Ratners X-Men: The Last Stand etwas beschämend ist.

Dabei eignen sich die X-Men aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten doch so gut, um verschiedenste Kämpfe darzustellen. Aufgrund ihrer Quantität besteht nicht mal die Notwendigkeit jede Figur mit ihrer Historie einzuführen. Generell gebührt Singer Lob dafür, dass er es schafft, erfolgreich eine Geschichte zu erzählen, die um ein Dutzend Figuren konstruiert ist. Dennoch kommen dabei einige Figuren wie Lady Deathstrike, aber auch Pyro (Aaron Stanford) etwas zu kurz, obschon sie in vielen Einstellungen auftauchen. Hier wäre weniger mehr gewesen, trägt Rogue (Anna Paquin) zum Beispiel wieder einmal wenig bis gar nichts zur Entwicklung der Handlung bei, ähnliches lässt sich auch Iceman (Shawn Ashmore), Cyclops (James Marsden) und Storm (Halle Berry) vorwerfen.

Allgemein spielt das X-Men-Universum nur bedingt eine Rolle in Singers Verfilmungen, geht dieser doch sehr spielerisch mit dem Erbe Stan Lees um. Anstatt mit Kitty Pryde impliziert man eine tiefere Beziehung zwischen Rogue und Wolverine, zusätzlich befindet sich Rogue in einer Liebesbeziehung zu Iceman, wo dies in den Comics mit dem in den Filmen abwesenden Gambit der Fall ist. Auch familiäre Beziehungen (hier: die Mutterschaft von Mystique zu Rogue und Nightcrawler, später die Verwandschaft von Professor X und Juggernaut) werden außen vor gelassen. Dabei hätten diese Punkte X2 mehr Tiefe verleihen können, als sich auf Stryker zu fokussieren, der seinen Ursprung ohnehin mehr in einer Origin-Story von Wolverine hat, als im X-Men-Universum.

Zudem hat X2 an demselben Problem wie Hulk: zu knabbern: die Handlung ist zu komplex. Für eine Comic-Doppelausgabe von circa 80 Seiten funktioniert das fraglos einfacher, in einer Verfilmung fehlt dem Zuschauer jedoch die nötige Bindung zur Geschichte wie auch den betreffenden Figuren. Viel Lärm um Nichts wird erneut um Wolverines mysteriöse Vergangenheit gemacht, ohne dass man dieser auch nur einen Deut näher auf die Spur kommt. Künstlich werden Verbindungen zu Figuren wie Lady Deathstrike und Nightcrawler hergestellt, letzten Endes versucht, irgendwie auch noch die Antagonisten aus X-Men nunmehr als Verbündete in X2 einzubauen. Das alles mit zusätzlicher Gewichtung auf Cerebro, der bereits im ersten Teil zur Genüge gezeigt wurde.

Dem übergeordneten Thema des Rassismus wird im zweiten Teil wenig nachgegangen. Man baut zwar eine Drama-Szene zwischen Iceman und seiner Familie ein, die seinem Coming Out als Mutant dient. Nur dauert dies erstens zu lange und führt zweitens nirgendwo hin. Übertroffen wird das nur noch vom wenig überzeugenden Finale, in welchem sich Jean aus unerfindlichen Gründen für die Gemeinschaft opfert, obschon sie fünf X-Men (Nightcrawler, Storm, Iceman, Cyclops und Professor X) hätten retten können. Löblich, dass Singer hier die Plattform für die Geburt von Phoenix im dritten Teil bilden wollte, bloß entbehrt die Szene entbehrt jeglicher Glaubwürdigkeit. X2 ist also in vieler Hinsicht eine Verbesserung zu seinem Vorgänger, allerdings mit einigen Mängel im Drehbuch.

8.5/10

6. Juni 2008

X-Men

What do you say we give the geeks another chance?

In den 1970er Jahren entstanden die größten und erfolgreichsten Superhelden des Marvel-Verlags, darunter Spider-Man, Hulk oder die X-Men. Dabei sind die X-Men etwas jünger als die beiden genannten Kollegen, wenn auch nur ein Jahr. Im Jahr 1963 erschufen Stan Lee und Jack Kirby eine Gruppe Mutanten, die die Menschheit vor einer feindlich gesinnten Gruppe anderer Mutanten zu beschützen versucht. Zu Beginn lief die Serie jedoch etwas schleppend und vermisste noch ihr heute bekanntestes Mitglied: Wolverine. Der mysteriöse Einzelgänger stieß erst in Ausgabe 94 zu den X-Men, wobei er sein Debüt zuvor in einer Ausgabe des Hulk feierte. Inzwischen, und dies nicht erst durch die Kinotrilogie von 20th Century Fox, steht Wolverine jedoch stellvertretend für die X-Men.

In ihrer Ursprungsformation bestanden die X-Men aus Professor X, Cyclops, Jean Grey, Storm, Angel, Beast und Iceman. Interessanterweise markieren die X-Men die einzige Marvel-Serie, die seit ihrer Entstehung durchgehend veröffentlicht wird - im Gegensatz zu Spider-Man, den Fantastic Four oder Hulk. Was die X-Men dabei von den anderen Marvel-Superhelden unterscheidet, sind ihre Kräfte. Denn diese sind im Gegensatz zu Spider-Man oder Hulk kein Unfallrsultat, sondern Mutationen im Zuge der Evolution. Die X-Men sind eine Minderheit, die einen Sprung in der DNS-Kette erfahren hat, der ihnen ihre individuellen Fähigkeiten beschert. Daher können die Mutanten niemandem die Schuld für ihr Schicksal zuschieben, sondern ihr Dasein ist letztlich schlichtweg ihr Schicksal.

Angesichts der Popularität der X-Men, war eine Verfilmung seit jeher im Gespräch. In den späten Achtzigern begannen die Gespräche für eine Adaption und wie zur damaligen Zeit üblich, fiel hierbei auch der Name von Tim Burton, der mit seinen Batman-Filmen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen sollte. Damals sicherte sich Carolco Pictures die Rechte an den Marvel-Mutanten. Ebenjene Firma, die unter anderem hinter der Rambo-Trilogie stand und in James Cameron einen bekannten Schirmherren hatte, der hier als Produzent fungieren sollte (sich aber später Spider-Man zuwandte). Carolco spielte für seinen Film mit einigen bekannten Namen, darunter für Cyclops (Michael Biehn, Vince Vaughn, Edward Norton), Rogue (Natalie Portman) oder Storm (Angela Bassett).

Mit entscheidend schien schienen jedoch die Rollen von Jean Grey und Wolverine zu sein, rankten sich um Erstere Darstellerinnen wie Julianne Moore, Charlize Theron oder Ashley Judd. Für Wolverine waren neben Keanu Reeves auch Mel Gibson und Russell Crowe im Gespräch. Letztlich wurde es der Schotte Dougray Scott, der aufgrund seines Engagements in Mission: Impossible II jedoch absagte. Den Zuschlag erhielt dann der australische Mime Hugh Jackman, der mit seiner Darstellung des charmanten Grantlers den Durchbruch schaffen und zu seinem heutigen Starruhm aufsteigen sollte. Wie sein Comic-Pendant ist auch Jackman inzwischen das filmische Gesicht der X-Men geworden und erhält 2009 unter der Regie von Oscarpreisträger Gavin Hood sein eigenes Sequel.

Noch mehr Chaos als bei der Besetzung gab es lediglich beim Drehbuch zum Film. Im Laufe der Jahre wurden 25 Fassungen geschrieben, eine der ersten stammte vom Oscarprämierten Andrew Kevin Walker (Se7en) aus dem Jahr 1994. Sein Drehbuch wurde anschließend von John Logan (Gladiator) überarbeitet, das wiederum bei Michael Chabon (Wonder Boys) landete. Dieser konzentrierte sich ganz auf die innere Struktur der X-Men und ersparte sich die Anwesenheit von Antagonisten. Verständlich, dass dies das Studio wenig erfreute, weshalb das Skript zur Überarbeitung an Ed Solomon (Men in Black) weitergereicht wurde. Als man mit dessen Fassung ebenso unzufrieden war, kam Joss Whedon (Firefly) an Bord, der der Einfachheit halber ein vollkommen neues Drehbuch schrieb.

Inzwischen war nach einiger Überzeugungsarbeit Bryan Singer als Regisseur engagiert worden, der mit Whedons Skript zu seinen The Ususal Suspects-Partner Christopher McQuarrie ging, der die bisherigen Entwürfe überarbeitete. Am Ende vermerkte die Writers Guild of America lediglich David Hayter als Drehbuchautoren, da dieser als Letztes am Drehbuch gewerkelt hatte. Abgesehen von einigen charakterlichen Änderungen, die gleich angesprochen werden, muss man jedoch eingestehen, dass X-Men zu jenen Comic-Verfilmungen gehört, die ein funktionierendes und stringentes Drehbuch besitzen. Diesem gelingt es außerdem den sozialkritischen Subtext der Vorlage nicht nur geschickt, sondern auf die gesamte Trilogie übertragen sogar sehr bemerkenswert zu adaptieren.

Was die X-Men zusätzlich von den anderen Superhelden unterscheidet, ist ihr Team-Charakter. Die Folge ist eine Unmenge an Figuren, was eine Kinoauswertung nicht erleichtert. Singer verzichtet daher auf viele X-Men und beschränkt sich, mit unterschiedlicher Charaktertiefe, auf einige von ihnen. Dennoch kommen prominente X-Men wie Cyclops (James Marsden) und Storm (Halle Berry) unter die Aufmerksamkeitsdefiziträder der Hollywoodmachinerie, nehmen sie neben Wolverine (Hugh Jackman) doch lediglich eine Sidekick-Funktion ein. Noch härter trifft es die Partei der Antagonisten, bei denen nur Magneto (Ian McKellen) ausführlicher beleuchtet wird, während Mystique (Rebecca Romijn), Toad (Ray Park) und Sabretooth (Tyler Mane) austauschbare Handlanger repräsentieren.

Besonders die ambivalente Beziehung zwischen Wolverine und Sabretooth geht X-Men leider völlig ab. Neben Jackmans Charakter stellt Singer auch Jean Grey (Famke Janssen) ausführlicher vor und bildet im Laufe des Films eine perfekte Einleitung für den Trilogieverlauf (den Singer selbst dann nicht mehr vollendete). Ansonsten bekommt man ein gewisses Verständnis für von Professor X (Patrick Stewart) und Rogue (Anna Paquin). Letztere wird vor ihrem Aufeinandertreffen mit Ms. Marvel gezeigt, sodass sie nur über einen Teil ihrer späteren Kräfte verfügt. Sie hat natürlich ihre Funktion im Finale, doch zu Lasten ihrer eigenen (Comic-)Persönlichkeit. Zugleich presst Singer sie in die Rolle von Kitty Pride, wenn Paquin als Protege und emotionales Anhängsel von Wolverine dargestellt wird.

Der Subtext von X-Men ist dabei durchaus sozialkritisch motiviert, behandelt die Serie ganz zentral Themen wie Rassismus, Diskriminierung, Genozid und Faschismus. Erfreulich, dass dies auch Einzug in Singers Film findet, der sich primär für den Diskriminierungsfaktor interessiert. Wenn Senator Kelly (Bruce Davison) im Parlament eine Liste mit denunzierten Mutanten zu Tage fördert und vehement deren Demaskierung verlangt, ist dies ein gelungenes Spiegelbild der McCarthy-Ära. Das Mutanten-Thema wird im Film folglich sozio-politisch behandelt, und Magneto scheint sich mit dem Urteil abgefunden zu haben, das nur den offenen Konflikt als Lösung bietet. Die gute Seele repräsentiert sein alter Freund und Weggefährte Professor X, der an den positiven Wandel der Menschheit glaubt.

Hier divergiert der Film wohl am meisten zu Spider-Man, werden die Mutanten doch nicht mit Paraden bejubelt, sondern müssen im Untergrund arbeiten und eine Gesellschaft beschützen, die sie nicht akzeptiert, sondern verachtet. Gerade weil die X-Men verhasst sind, imponiert ihr Edelmut mehr als bei den anderen Comicfiguren. Bedauerlicherweise versäumt es die Trilogie mit den Marauders auf einen weiteren Subtext einzugehen. Bei den Marauders handelt es sich nämlich um eine Gruppe von Mutanten, die aufgrund ihrer anatomischen Mutationen im Gegensatz zu Jean Grey oder Rogue noch verdeckter leben muss. Immerhin wurde es geschafft, manche der Marauders zum Treffen der Bruderschaft der Mutanten im Trilogie-Abschluss X-Men: The Last Stand zu integrieren.

Die X-Men stellen quasi stellvertretend für die Afroamerikaner während der Bürgerrechtsfrage der 1960er Jahre. Bezeichnenderweise sind unter den X-Men wiederum selbst kaum Farbige, nimmt Storm hier eine Ausnahmestellung ein. Doch Singer greift nicht nur soziopolitische Themen auf, sondern er spickt X-Men auch mit einigen Referenzen, natürlich zur Comic-Serie, aber auch zu The Phantom Menace oder Enter the Dragon. Zur Verfügung standen ihm dabei moderate 75 Millionen Dollar, während Sam Raimi für Spider-Man immerhin fast das Doppelte erhielt. Weltweit gelang es dem Film dann auch nur bescheidene 300 Millionen Dollar einzuspielen, die sich in keiner Weise mit dem Erfolg von Spider-Man (Einspiel: 821 Mio.) messen können, sondern lediglich mit Ang Lees Hulk.

Dabei ist X-Men ein starker Film, das Drehbuch trotz seiner Querelen, überzeugend und auch die spärlich eingesetzten Effekte durchaus glaubwürdig. Lediglich in der Mitte verzeichnet Singers Film eine leichte Schwächephase, namentlich die zweite Fluchtszene von Rogue. Trotz allem macht der Film über weite Strecken ungemein Spaß, besitzt Tempo und Tiefe. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass X-Men maßgebend verantwortlich für die neue Welle an Comic-Verfilmungen war. Selbst wenn Blade zwei Jahre zuvor und Spider-Man zwei Jahre danach auch ihren Teil beitrugen. Fans vermissen vielleicht die Vertiefung einiger Nebenfiguren (beziehungsweise Integration solcher Charaktere wie Gambit), dennoch zählt Bryan Singers X-Men zu den wenigen gelungenen Genrebeiträgen.

8.5/10

30. März 2008

Dirty Sexy Money – Season One

Everybody in this family gets away with everything but me.

Das neue Serienphänomen dürfte im Grunde jedem bekannt sein, der sich etwas mit dem amerikanischen Serienmarkt auseinandersetzt. Hier gibt es im Grunde mehr Angebot, als es die eigene Nachfrage decken könnte und gestandene SchauspielerInnen und Regisseure sind sich nicht mehr zu schade, fürs Fernsehen zu arbeiten. Ganz im Gegenteil eigentlich. Hierbei sind dennoch wichtige Regeln einzuhalten, das ungeschriebene Gesetz des amerikanischen Fernsehens sieht zum einen vor, dass es der Mehrzahl der Serienstars nicht gelingt sich im Kino durchzusetzen (Ausnahme: George Clooney) und dass diese Serienstars meist wieder in anderen Serien landen. Prominente Beispiele sind Courtney Cox (Friends/Dirt), Matthew Fox (Party of Five/Lost) oder Calista Flockheart (Ally McBeal/Brothers & Sisters). Aber man sollte auch nicht einfach einen Kinostar in das Fernsehgeschäft werfen, da auch dies meist scheitert und deswegen durch die berühmten Cameos umgangen wird. Fernsehen und Kino sind somit zwei Medien, die sich gegenseitig bedienen, aber dennoch ein eigenes Leben, unabhängig voneinander führen. Daher agieren Regisseure meist auch nur als Paten, anstatt eine Serie ganz und vollständig zu begleiten, wie es früher bei Joe Dante (Eerie, Indiana) zum Beispiel, der Fall war. Ein Jack Bender (Lost, Alias) ist eine gestandene Seriengröße, der auf der Kinoleinwand bisher nicht in Erscheinung trat. Bryan Singer hingegen stand bereits Pate für den Ärzte-Hit House M.D. und fungiert auch bei Dirty Sexy Money als Produzent. Der Schöpfer der Serie ist jedoch Craig Wright, der sich zuvor bereits durch seine Mitarbeit an Six Feet Under, Lost oder Brothers & Sisters auszeichnen konnte. Wright erschuf eine spritzige, mitunter zynische Serie rund um die Serienetablierten Peter Krause und Samaire Armstrong, gewürzt mit ehemaligen Kinogrößen wie Donald Sutherland und William Baldwin. 

Der New Yorker Anwalt Nick George (Peter Krause) lebt zufrieden mit seiner Frau und Tochter, ist sozial engagiert und im Grunde wunschlos glücklich. Da erreicht ihn die Mitteilung dass sein Vater Dutch, mit dem Nick vor einigen Jahren gebrochen hatte, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Bei der Beerdigung trifft Nick auf die Familie Darling, eine von New Yorks reichsten Familien. Dutch arbeitete für die Darlings als Familienanwalt, was seine gesamte Zeit beansprucht und zur Vernachlässigung von Nick geführt hatte. Nun ist Dutch tot und Familienoberhaupt Tripp (Donald Sutherland) bemüht sich darum, Nick als Anwalt zu gewinnen. Dieser lehnt aus einem ersten Impuls heraus ab, hat er doch an seinem eigenen Vater gesehen, wie sich die Arbeit für die Darlings auf das eigene Familienleben auswirkt. Schließlich folgt er aber der Verlockung des Geldes, denn Tripp sichert Nick zehn Millionen Dollar zu, die dieser karitativen Zwecken spenden kann – eine Chance, die dieser nicht ablehnen kann und will. Ehe er sich versieht, ist er mitten drin im Alltagswahnsinn einer Upper-Class-Familie und muss sich schneller als ihm lieb ist Tag aus Tag ein um die kleinen und großen Wünsche der fünf Darling-Sprößlinge kümmern. Neben den Partywünschen und finanziellen Super-GAUs der Society-Zwillinge Jeremy und Juliet (Samaire Armstrong) darf sich Nick noch um die Affäre des Ältesten und Senators Patrick (William Baldwin) mit einem Transvestiten und das uneheliche Kind von Pfarrer Brian kümmern. Und schließlich ist da noch Karen (Natalie Zea), ehemalige Liebe von Nick, die diesem immer noch hinterher trauert und für Spannungen zwischen diesem und seiner Frau führt. Für Nick primär wichtig ist jedoch herauszufinden, wie sein Vater gestorben ist und wer hinter seinem Tod steckt – ist es Tripp gewesen, ein anderes Familienmitglied oder der ominöse Milliardär Simon Elder (Blair Underwood)?

Es erschließt sich dem Zuschauer bereits in der Pilotfolge von selbst, dass die Darlings ein Abziehbild der US-Milliardärsfamilie Hilton sind, allen voran natürlich Juliet Darling, Party-Blondchen mit Hündchen im Schlepptau. Der Humor der Serie findet sich im Zusammenspiel des rationalen und bodenständigen Nick mit den oberflächlichen und naiven Darlings, running gag hierbei die Einspeicherung verschiedener Klingeltöne für die eigenen Darlings von Nicks Sekretärin (z.B. Hochzeitsmusik bei Karen). Durch die erste Staffel hindurch ziehen sich die kleinen Familiengeheimnisse, jeder der Darlings hat das eine oder andere zu verbergen und Nick wie sein Vater Dutch spielen hierbei eine größere Rolle, wie zu Beginn der Serie offenbart wird. Die Hauptprämisse der Serie war ursprünglich die Aufklärung von Dutchs Tod durch Nicks Arbeit bei den Darlings, doch bereits in der Mitte der ersten Staffel scheint dieses Thema vorerst abgehakt und sich dem Zwist von Tripp und Simon Elder zuzuwenden. Es wird natürlich impliziert, dass beide Themen zusammenhängen, auch wenn sich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau erschließt. Den hervorragenden Eindruck zu Beginn konnte die Serie dann nicht durchweg bestätigen, problematisch hier wahrscheinlich, dass die ursprünglichen zweiundzwanzig Episoden durch den Autorenstreik unterbrochen wurden, weshalb die erste Staffel nunmehr lediglich aus zehn Episoden ohne rechten Klimax besteht.

Als Dramaserie getarnt hält sich das Drama im Grunde in Grenzen, doch auch als Comedyserie lässt sich DSM schwerlich beschreiben, eher schon als Mischung aus beiden, doch vordergründig ein herzliches semi-sozialkritisches Bild einer superreichen Familie. Gerade die Zwillinge offenbaren immer wieder ihre Realitätsferne, wissen überhaupt nicht mit Geld umzugehen und sich unter normalen Menschen „normal“ zu verhalten. In den letzten fünf Episoden kochen die Emotionen zwischen allen Figuren allmählich hoch und die berüchtigte Figur des Simon Elder erhält mit Underwood ein erstaunlich charismatisches Gesicht. Wright beweist auch mit DSM sein Talent für unterschwelligen Humor, der sich nicht offen anbiedert, den er schon in Six Feet Under und Brothers & Sisters einbringen konnte. Krause spielt die Rolle des Familienvaters und Anwaltes überzeugend, ohne sich großartig auszuzeichnen. Die Figuren verlieren sich etwas in ihrer eigenen Oberflächlichkeit, absorbieren das Spiel ihrer Darsteller, sodass allein Armstrong und Sutherland durch ihr Schauspiel insofern herausragen. Nichtsdestotrotz überzeugen auch alle anderen Schauspieler in ihren Rollen, die einzelnen Episoden sind nicht unbedingt spannend, aber in den meisten Fällen durchaus unterhaltsam, auch wenn sie hin und wieder etwas redundant wirken. Der Charme der Serie liegt wohl wirklich in der liebevollen Anbiederung eines High Society Familie wie es die Hiltons sind, mit all ihren Fehlern und Makeln. Diese Welt sieht der Zuschauer aus den Augen der einzigen Figur, mit der er sich identifizieren kann: Nick. Dessen Verhalten erschließt sich einem nicht immer, besonders das Verhältnis zu seinem Vater Dutch wurde bisher unzureichend dargestellt, was die beiden Männer auseinander trieb bedarf noch etwas mehr Tiefgründigkeit – Raum für die 2. Staffel ist vorhanden.

7/10