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4. März 2009

Vorlage vs. Film: The Reader

Der Vorleser (1995)

Es war der erste deutsche Roman, der den ersten Platz der New York Times Bestseller Liste erklomm. Die Krönung war schließlich vier Jahre nach seinem Erscheinen die Aufnahme in Oprah Winfreys Buchclub. Spätestens jetzt war Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser auch in den Vereinigten Staaten von Amerika in aller Munde. Schlink, gelernter Jurist, lieferte – so die Meinung vieler – den Roman zur deutschen Vergangenheitsbewältigung schlechthin. Dabei ist seine Geschichte über eine verhinderte Romanze ebenso Coming of Age Drama wie Auseinandersetzung mit dem ekligen Thema Holocaust.

In der Ich-Form wird chronologisch in drei Teilen die Geschichte des Berliner Jugendlichen Michael Berg erzählt. An Gelbfieber erkrankt, hilft ihm eines Tages eine freundliche Frau nach Hause. Als er sich nach seiner Genesung bei dieser Frau, mit Namen Hanna Schmitz ,bedanken will, beginnt eine Affäre zwischen der 36-Jährigen und dem 21 Jahre jüngeren Schüler. Hanna gibt die Unnahbare und benutzt ohne Frage den jungen Michael zu ihren Zwecken. Dieser kommt nicht umhin sich kopflos in die Straßenbahnschaffnerin zu verlieben. Durch die Beziehung zu der älteren Frau beginnt Michael jedoch zu reifen. Bevor sie ihr Liebesspiel beginnen, verlangt Hanna von dem Schüler, dass er ihr aus seinen Schulbüchern vorliest, sei es Lessings Emilia Galotti oder Homer. Wider Erwarten besteht er das Schuljahr und gewinnt an Selbstvertrauen und Anerkennung innerhalb der Schule.

Schließlich verschwindet Hanna und der Leser wird nie erfahren, aus welchem Grund dies exakt der Fall war. Mit dieser Aktion schließt Schlink das erste Drittel, welches ausschließlich mit der Affäre zwischen diesen zwei Generationen beschäftigt war. Es folgt ein Zeitsprung von acht Jahren und Michael studiert inzwischen Jura. Wir schreiben die Zeit der Kriegsverbrecher-Tribunale und Michael besucht mit seinem Seminar, das bezeichnenderweise von den übrigen Kommilitonen KZ-Seminar genannt wird, einen Prozess gegen sechs Frauen. Diesen Frauen wird vorgeworfen, am mehrfachen Mord zahlreicher in Konzentrationslager inhaftierter Juden beteiligt gewesen zu sein. Unter ihnen, so erfährt Michael im Gericht, befindet sich auch Hanna Schmitz.

„Mein Vater wollte nicht über sich reden. (…) Wie kam ich dazu, ihn zu Scham zu verurteilen? Aber ich tat es. Wir alle verurteilten unsere Eltern zu Scham, und wenn wir sie nur anklagen konnten, die Täter nach 1945 bei sich, unter sich geduldet zu haben.“ (Auszug aus S. 88, Der Vorleser)

Die zweite Hälfte des Romans beschäftigt sich mit Michaels Gefühlen bezüglich Hannas Taten und der generellen Frage, inwieweit die so genannte „zweite Generation“ mit der Kollektivschuld bezüglich des Holocaust klarkommt. Schlinks Roman ist speziell zu Beginn relativ simpel gefasst in seiner Sprachform und scheint gemeinsam mit Michaels Entwicklung zu wachsen. Während der Gerichtsverhandlung nehmen Schlinks Sätze formalere Gestalt an, wirken geschliffener, sowohl im Satzbau als auch in ihren Formulierungen. Durch die Tatsache, dass es sich bei Der Vorleser um eine Erzählung in der Ich-Form handelt, ist die Sicht der Dinge stets subjektiv. Der Leser erfährt wenig über Hanna und ihre Gefühlswelt, gerade im ersten Teil der Geschichte. Was treibt sie zu einem Jungen, der ihr Sohn sein könnte und wieso reagiert sie stets so abweisend? Diese Antworten erfährt der Leser nicht, da auch Michael sie nicht erfährt. „Der Sommer war der Gleitflug unserer Liebe. Oder vielmehr meiner Liebe zu Hanna; über ihre Liebe zu mir weiß ich nichts“, legt Schlink seinem Protagonisten auf Seite 67 seines Romanes in den Mund.

Im Verlauf der restlichen Geschichte baut Schlink seine Klimax auf. Jenes „dunkle“ Geheimnis, welches Michael und Hanna teilen werden und das den Ausgang der Handlung bestimmen soll. Die große Auflösung ist weit weniger spektakulär als man sich denken mag, im Gegenteil sogar sehr früh absehbar. Schlink macht glücklicherweise auch kein großes Aufheben um diese Auflösung und fokussiert sich vielmehr auf Michaels Innenleben. Heraus kommen viele Denkansätze über die damalige Zeit und insbesondere die „zweite Generation“. Unter anderem schreibt der Autor: „Wir sollen nicht meinen, begreifen zu können, was unbegreiflich ist, dürfen nicht vergleichen, was unvergleichlich ist (…)“ (S. 99). Letztlich versäumt der Autor es jedoch, seinen Helden eine klare Stellung einnehmen zu lassen. Die gewichtigste Entscheidung im Roman wird nicht begründet, vielmehr auf zwei Seiten übergangen. Vieles bleibt offen in einem Roman, der gut ist, dem ich selbst jedoch nicht die Bedeutung zumessen würde, die ihm (zumindest jenseits des Atlantik) zugeschrieben wird.


The Reader (2007)

What would you have done?

Man ahnt es schon. Schlinks Vorleser ist so ein epochenübergreifender Roman, den Hollywood-Filmemacher am liebsten von hinten aufrollen. In der Gegenwart. Und dann zurückblickend Die Aufblende offenbart es: Berlin, Germany 1995. Regisseur Stephen Daldry und Autor David Hare kamen nicht umhin, auch The Reader mit dieser klischeehaften Eröffnung einzuleiten. Aufgrund einer Abänderung zu Schlinks Buch folgt hier im Grunde die erste Inkonsequenz. Dem Publikum wird kein ersichtlicher Grund offenbart, wieso sich Michael Berg (Ralph Fiennes) an diesem Tag in diesem Jahr urplötzlich mit seiner Vergangenheit als Teenager auseinander setzen sollte. Aber er tut es. Eine Straßenbahn fährt am Zimmer vorbei, nachdem Michael mit einer x-beliebigen Frau (Jeanette Hain) eine gemeinsame Nacht verbracht hat. In der Straßenbahn entdeckt Michael sich selbst, sprich sein jüngeres Pendant (David Kross). Jetzt, nachdem der Hollywood-Star eingeführt wurde, kann die eigentliche Geschichte beginnen.

Ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans hatte sich Harvey Weinstein die Rechte gesichert. Er involvierte Anthony Minghella und Sydney Pollack in das Projekt und Minghella wollte das Drehbuch verfassen und Regie führen. Es kam jahrelang nie dazu, man vertraute das Projekt schließlich Stephen Daldry an und Minghella und Pollack wollten produzieren. Daldry bot die Rolle der Hanna Schmitz Kate Winslet an, die aufgrund ihres Alters und daraus resultierenden Zweifeln ablehnte. Stattdessen wurde Daldrys The Hours-Muse Nicole Kidman engagiert, die jedoch aufgrund ihrer Schwangerschaft ebenfalls absagte. Inzwischen war Kate Winslet älter geworden und Minghella und Pollack Krebsleiden zum Opfer gefallen. Daldry, der selbst in der Schule Deutsch gelernt und einige Jahre in Berlin verbracht hat, wollte den Film unbedingt in Deutschland mit deutschen Schauspielern inszenieren. Im Nachhinein war dies keine gute Idee.

Vorab sei gesagt, dass Hare ähnlich wie schon bei The Hours eine ziemlich minutiöse Adaption eines Romans abliefert. Die ersten zehn Minuten des Filmes sind dabei fast derart steif nach der Vorlage abgefilmt, dass ihnen jegliches Eigenleben abzugehen scheint. Abgesehen von den zeitlichen Sprüngen – die narrativ keinen Sinn ergeben – bleiben Hare und Daldry der Vorlage ausgesprochen treu. Zumindest in weiten Teilen. Aufgrund von geschnittenen Szenen (so zumindest meine Mutmaßung) ergeben sich jedoch das eine oder andere Mal in der Kinoversion Unstimmigkeiten. Besonders merkt man dies daran, dass einige Figuren in ihrer Etablierung vollkommen unnötig sind, beispielsweise Sophie (Vijnessa Ferkic), die in der Filmversion nur im Ansatz auftaucht oder insbesondere Marthe (Karoline Herfurth), eine spätere Studienkommilitonin von Michael, deren Auftauchen im Film nicht den geringsten Zweck erfüllt.

Scheinbar wurde versucht so viele deutsche Darsteller wie möglich im Film unterzubringen. Ob diese etwas zur Handlung beizutragen hatten, war untergeordnet. Abgesehen von Kate Winslet, Ralph Fiennes und Lena Olin handelt es sich daher bei den meisten Darstellern um Deutsche. Der Hintersinn ist offensichtlich: Winslet und Fiennes dienen lediglich als internationale Zugpferde. Das Resultat ist eher bemitleidenswert, bildet The Reader doch ein Konglomerat aus unterschiedlichen Akzenten. Während David Kross versucht in seinem Englisch bestmöglich seinen deutschen Akzent zu verbergen, ist Kate Winslet bemüht in ihrem Englisch einen deutschen Akzent zu integrieren. Beides misslingt. Immer wieder verrutscht Winslet, spricht kurzzeitig mit deutschem Akzent, um kurz darauf andere Worte klar Englisch auszusprechen. Kross wiederum hat merkliche Schwierigkeiten mit der fremden Sprache, schafft es immerhin gelegentlich ein Wort problemlos auszuspucken. Seinen Höhepunkt erreicht dies, wenn der gealterte Michael (Fiennes) akzentfreies britisches Englisch spricht, während der junge Michael (Kross) kaum ein „th“ ohne das klischeehafte „z“ herauskriegt.

Andere deutsche Darsteller variieren ebenfalls in ihrer Aussprache. Von klar (Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz) bis hin zu stotternd (Fabian Busch). Es wäre hier weitaus empfehlenswerter gewesen entweder einen Film mit reiner deutscher Besetzung (warum nicht mit der Standardbesetzung Martina Gedeck/Moritz Bleibtreu?) zu drehen oder auf Darsteller zurückzugreifen, die zumindest demselben Sprachpool entstammen. Seinen Höhepunkt erreicht diese Farce immer dann, wenn die Statisten im Hintergrund deutsche Ausrufe beisteuern, während den restlichen Film hindurch Englisch gesprochen wird. Bedauernswert auch, dass eine gestandene Schauspielerin wie Kate Winslet derartige Probleme mit ihrem Sprachlehrer hat, wenn es Cate Blanchett in The Good German mit Leichtigkeit gelang einen deutschen Akzent zu erlernen. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Empfehlungen kann ich daher nur schwer nahelegen, The Reader in seiner deutschen Synchronisation zu sichten, da hier dieser sprachliche Fauxpas umschifft wird.

Um beim Thema zu bleiben: die darstellerische Leistung ist ein anderes Problem des Filmes. Sowohl Kate Winslet als auch Ralph Fiennes haben zu Beginn ihre Probleme. Fiennes kämpft mit der geringen Leinwandpräsenz, Winslet mit den amourösen Elementen. Ihre Interpretation von Hanna ist ausgesprochen mürrisch und kalt. Kaum auszudenken, wie sich jemand in diese Frau verlieben sollte. Erst mit den Gerichtszenen beginnt die Britin aufzuspielen und zu zeigen, welch Talent in ihr steckt. Die letzte halbe Stunde des Filmes gehört dann ausschließlich Fiennes und dieser weiß sie mühelos zu schultern. Sein Spiel beeindruckt und macht gemeinsam mit Winslets Spiel eines der Hauptärgernisse beinahe vergessen. Die Besetzung von David Kross als junger Michael Berg ist neben dem Akzentkuddelmuddel einer der großen Störfaktoren. Man mag es Kross zu Gute halten, dass The Reader zum einen erst sein dritter Kinofilm und zum anderen der erste internationale ist (und Sexszenen mit Kate Winslet beinhaltet). Nichtsdestotrotz ist sein weinerliches Spiel auf die Dauer lästig, speziell wenn er im Gegensatz zu seiner Figur nicht vermag seine Naivität und Unschuld abzulegen.

Die anderen deutschen Darsteller agieren zufriedenstellend, wenn auch teilweise (z.B. Herfurth) in Rollen, derer es nicht gebraucht hätte. Aus dem Raster fällt lediglich Alexandra Maria Lara, die unter Beweis stellt, dass ihr Talent für anspruchslose Til Schweiger Komödien wie Wo ist Fred? auszureichen vermag, internationalen Ansprüchen (s. Youth Without Youth) allerdings nicht gerecht wird. Erfreulich ist hingegen die Leistung von Hannah Herzsprung als Ralph Fiennes Tochter. So ist unter dem Strich gesehen The Reader wohl vormerklich ein deutscher Film geworden, der dennoch undeutscher nicht sein könnte. Daldry und Hare beweisen wie bereits bei The Hours ein gutes Gespür für ihre Romanadaption und Einstellungen, die sehr ansehnlich von Chris Menges und Roger Deakins eingefangen wurden. Auch die musikalische Untermalung von Nico Muhly weiß zu gefallen.

Ein weiteres Problem des Filmes ist die Erzählung aus der Dritten Person. Hare hat sein Skript speziell so gefasst, da er Erzählstimmen als langweilig empfindet, doch schadet diese Erzählstruktur dem Film ungemein. Es ist Michaels Geschichte und sie lebt von seinem Innenleben, seinem Konflikt, seinen Gefühlen. Hares Drehbuch weiß diese Aspekte nicht genug herauszuarbeiten und Kross schon gar nicht zu portraitieren. Dadurch gehen einige gewichtige Momente von Schlinks Geschichte verloren. Hierzu gehört auch die Frage der Kollektivschuld und Vergangenheitsbewältigung. „Was hätten Sie getan an meiner Stelle?“, fragt Hanna im Roman wie im Film den Richter ihres Prozesses. Während Schlink die Frage in seinem Buch weiterspinnt, greift sie Daldry nicht weiter auf, verwendet sie lediglich als kurzes Spannungselement. Die Frage ist entscheiden, gerade für die „zweite Generation“ und für die Vergangenheitsbewältigung. Zugleich ist es eine Frage, die keine universelle Antwort hat, sondern die jeder für sich selbst beantworten muss. Wenn dies überhaupt möglich ist.

Mit The Reader haben Daldry und Hare wieder bewiesen, dass sie im Stande sind große Romane entsprechend auf der Leinwand umzusetzen. Wie in den meisten Romanadaptionen wird aufgrund einer gefälligeren Struktur und des Spannungsaufbaus auf einige wichtige Aspekte nicht eingegangen, die im Falle von The Reader zwar nicht allzu schwer ins Gewicht fallen, hinsichtlich des über-Themas ebenjener Vergangenheitsbewältigung jedoch begrüßenswert gewesen wären. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten und abgesehen von der Besetzung David Kross’ schickt sich The Reader an exzellentes Darstellerkino zu werden, das gerade nach hinten heraus durch Winslet und Fiennes zu begeistern weiß. Dabei wäre es für den Film sehr von Vorteil gewesen, wenn man auf die deutschen Darsteller verzichtet hätte und stattdessen mit einem rein britischen oder zumindest synchronen Ensemble Schlinks Geschichte umgesetzt hätte. So ist der Film weit von einer perfekten Umsetzung entfernt aber in seiner Summe eine ansehnliche und letztlich gelungene Interpretation geworden.

6/10 - in anderer Form erschienen beim MANIFEST


22. November 2008

Im Winter ein Jahr

Vielleicht kann ja einer mal fragen wie’s mir geht.

Vor sieben Jahren lag ihr ganz Deutschlad zu Füßen, allerdings weit weniger euphorisch als Florian Henckel von Donnersmarck im vergangenen Jahr. Dabei war Caroline Link der Ruhm und Oscar für Nirgendwo in Afrika weitaus verdienter zugesprochen worden (größter Konkurrent war Zhang Yimous Hero) als es bei Donnersmarck gegenüber Guillermo del Toros brillantem El laberinto del fauno der Fall gewesen ist. Doch seither war es still um Link, die in den letzten sieben Jahren dem Filmgeschäft ferngeblieben war. Dieses Jahr feiert sie mit „Im Winter ein Jahr“ sozusagen ihr „Comeback“. Sie adaptierte den unbekannten (und kaum in der Originalsprache erhältlichen) Roman Aftermath von Scott Campbell und verlegte die Handlung nach Deutschland. Was bei Adaptionen wie Michel Houellebecqs Elementarteilchen gerne mal gehörig in die Hose geht, weiß Link durch ihr Talent mit Bravour zu meistern. Obschon in München platziert, merkt man dem Film seine geographische Zugehörigkeit nicht an, könnte er doch praktisch überall in Deutschland spielen. Abgesehen von einigen technischen Makeln beziehungsweise Fragwürdigkeiten zu Beginn und einem stark hinausgezögerten Ende vermag Link den wahrscheinlich besten deutschen Film der letzten Jahre abzuliefern. Ihr Familienportrait, in welchem Corinna Harfouch ausnahmsweise mal nicht negativ auffällt, besticht durch eine Stärke und Intensität wie man sie in deutschen Filmen oft vergeblich sucht. Getragen wird der Film dabei hauptsächlich von der intensiven Darstellung Karoline Herfurths, die kongenial von der Josef Bierbichlers ergänzt wird.

Zu sanften Klängen tanzt ein blonder junger Mann (Cyril Sjöström) mit seinem iPod im Schnee. Während ihn seine Schwester Lilli (Karoline Herfurth) von ihrem Zimmer aus beobachtet, befindet sich seine Mutter Eliane (Corinna Harfouch) mit einer Videokamera draußen bei ihm. Die Beziehung der beiden scheint herzlich, sie tollen gemeinsam im Schnee. Beim anschließenden Joggen wird Eliane von einem Schuss plötzlich aufgeschreckt. Die Ursache verrät sich erst allmählich, obschon sie absehbar ist. Nach einem Schnitt befinden wir uns im Atelier des Malers Max (Josef Bierbichler). Er wurde Eliane empfohlen, ist er doch nicht nur ein talentierter Künstler, sondern jemand, der Erfahrung damit hat Tote zu zeichnen. Eliane wünscht sich ein Familienportrait, ihre beiden Kinder sollen gemeinsam abgebildet werden. Was die Tochter denn so mache?, fragt Max. Lilli studiert an einer Kunstakademie Gesang, Schauspiel und Tanz. Momentan bereitet sie sich auf die Hauptrolle in einer Adaption von Lewis Carrolls Alice im Wunderland. „Und der Bub?“, fragt Max weiter. „Ja, das ist das Problem“, erwidert Eliane. Bei einem Jagdunfall sei er im Winter vor einem Jahr ums Leben gekommen. Für 20.000 Euro lässt sie sich nun ein Portrait ihrer Kinder anfertigen. Ein Portrait, mit dem sich die rebellische Lilli nicht so recht anfreunden will. Doch mit ihrem sturen Verhalten stößt sie bei Max auf Granit. Durch die gemeinsamen Gespräche beginnt sich die junge Studentin allmählich zu öffnen. Aber die Familie befindet sich in einem emotionalen Tief, und das Ausmaß von Lillis Depression drückt sich speziell in ihrer neuen Beziehung zum Bildhauer Aldo (Misel Maticevic) aus.

Gegebenfalls mag es an meinem Kino gelegen haben, doch nehme ich dies für diese Besprechung einfach einmal nicht an. Zu Beginn ihres Filmes spielt Link bewusst mit der Schärfe der Kamera. Besonders gut zu sehen bei Elianes ersten Besuch im Atelier. [Sollte dies doch an meinem Kino gelegen haben, entfällt selbstverständlich die Kritik]. Während die Objekte im Vordergrund unscharf erscheinen, sind es die Dinge, die sich dahinter abspielen, die Link in den Fokus rücken lässt. Für diesen Kniff findet sich sicherlich die Begründung, dass die Familie Richter, um die es im Film geht, selbst aus dem Fokus gerückt und somit gegenseitig als unscharf wahrgenommen wird. Sinnbildlich und gemeinsam mit dem Film rücken die Ereignisse somit Stück für Stück wieder in ihren Ursprung zurecht und werden für den Zuschauer dadurch scharf. Der psychologisch-philosophische Aspekt dieses Kniffes ist oder wäre durchaus erkennbar, ist dem Film selbst jedoch nur bedingt zuträglich. Wenn die Unschärfe von Link beabsichtigt war, ist sie als misslungen oder zumindest unnötig anzusehen. Denn dass die Richters nicht mehr das sind, was sie einst waren, erkennt man auch so. Genauso verstört zu Beginn die wackelnden Kamera, die Link scheinbar nicht für nötig befunden hat auf ein Stativ zu setzen. Ähnlich wie alle technischen „Mängel“ verschwindet jedoch auch dieser Aspekt im Laufe des Filmes. Als letzter Makel wären die aufdringlichen Nahaufnahmen der Darsteller zu benennen, die – Francis Ford Coppola hat es im Laufe der Jahre zurecht kritisiert – den Figuren unnötig auf die Pelle rücken. Eine einfache Totalaufnahme scheint Link zu Beginn des Filmes wohl zu profan gewesen zu sein.

Mit sehr viel Sorgfalt und Bedacht widmet sich Link der allmählichen Exposition ihrer Geschichte. Den Schwerpunkt legt sie dabei nicht auf Alex’ Tod und dessen Ursachen – vielmehr bleiben diese bis zum Schluss eher im Dunkeln und lassen sich nur mutmaßen -, sondern stattdessen auf seine Schwester Lilli und mit Abstrichen auch auf ihre Mutter. Obwohl ein Jahr vergangen ist, kämpfen sich beide noch durch die fünf Stadien der Trauer, wollen Alex’ Ableben nicht wirklich akzeptieren und werden auch von ihren Erinnerungen an ihn nicht losgelassen. Zuflucht suchen beide, speziell jedoch Lilli in ihrer rebellischen Abgeschottenheit. Bewusst und wahrscheinlich auch absichtlich vermisst Lilli ein ums andere Mal die Problem für „Alice“. Die logische Konsequenz ist ihr Rausschmiss aus dem Musical, der für die junge Studentin dann doch überraschend kommt. Es ist der Familienvater (Hanns Zischler), der die meisten emotionalen Fortschritte macht. Er will sein Landhaus hinter sich lassen und zurück in die Stadt ziehen. Bis zuletzt versucht er auch die Ehe mit Eliane zu retten, trotz seiner Affäre mit seiner Lektorin. Allerdings ist auch er es, den Alex’ Tod am wenigsten nahe geht. Stets musste der Sohn Ansprüchen des Vaters genügen, wie auch Lilli. Dass Alex als (erfolgreicher) dabei in der interfamiliären Gunst vorne lag, ergänzt hier nur noch das Bild. Die Richters sind somit eine dieser reichen Klischeefamilien, die zwar vor Geld nur so strotzen, einen Skibegabten Sohn auf einem Internat und eine künstlerisch begabte Tochter auf einer Medienschule haben, jedoch dennoch innerlich zerrüttet sind. Man darf es als Links Verdienst ansehen, dass Im Winter ein Jahr aber dennoch nicht in seinen Klischees ertrinkt, sondern sich sogar über diese zu stellen vermag. So ist Links Film weniger auf Verlust ausgerichtet, als auf „beschädigte Güter“, wie es Dominic Greene in Quantum of Solace so schön umschrieben hatte.

Besonders hervorgehoben wird hierbei die Beziehung zwischen Max und Lilli. Ganz bewusst versucht diese jegliche Verbindung zwischen den beiden zu unterminieren, den Maler vor den Kopf zu stoßen. Doch Max stellt sich mit seiner Lebenserfahrung dagegen und Stück für Stück entfaltet sich auch seine Geschichte, seine Verluste, die ihre Narben hinterlassen haben und die durch die Begegnung mit Lilli zu Heilen beginnen. Gerade jene Szenen zwischen Bierbichler und Herfurth machen die ungemeine Stärke von Links Film aus. Zu verdanken ist dies natürlich den beiden Darstellern. Während Bierbichler die stoische Ruhe des Max gekonnt runterspielt, ist es Karoline Herfurth, welcher der Film gehört und die ihn auch durchweg zu tragen vermag. Lediglich ein emotionaler Ausbruch zur Mitte hin lässt die junge Schauspielerin kurzzeitig ins Overacting abgleiten, was jedoch von ihrer ansonsten makellosen Leistung kaschiert wird. Zischler spielt seinen Part ebenso gekonnt wie Bierbichler, Corinna Harfouch schafft es die meiste Zeit hindurch ebenfalls, nicht in ihr sonst grottiges Spiel abzugleiten. Für Gastauftritte waren sich dann auch die Jungstars Paula Kallenberg und Franz Dinda nicht zu schade. Alles in allem ist Im Winter ein Jahr wahrscheinlich der beste deutsche Film des laufenden Kalenderjahres. Es wäre zu wünschen, dass man ihn dem unsäglichen Baader Meinhof Komplex als deutschen Oscarbeitrag vorzieht, die Chancen für Link erneut zu gewinnen wären sicherlich nicht gering. Abgesehen von den technischen Schwächen zu Beginn macht der Film dann lediglich am Ende noch mal einen Fehler, indem die Regisseurin den Schluss der Geschichte unnötig hinauszögert. Zwar ist die finale Einstellung eine schöne Analogie zum Anfang des Filmes, doch hätte man den Film auch an drei anderen Stellen zuvor gut abschließen können. Caroline Link jedenfalls beweist hiermit erneut, weshalb sie zu den besten deutschen Regisseuren der Gegenwart zählt.

8/10