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7. Dezember 2013

The Counselor

The slaughter to come is probably beyond our imagining.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das mag sich Ridley Scott gedacht haben, als er vom Originaldrehbuch erfuhr, das Cormac McCarthy verfasst hatte. Seit langem wollte Scott dessen renommierten Roman Blood Meridian auf die Leinwand bringen, nun bot sich in The Counselor die Chance, die Worte des speziell in den USA hochgeschätzten Pulitzerpreisträgers zu verfilmen. Gespickt mit Stars und bekannten Darstellern bis in die Nebenrollen, wurde The Counselor anschließend vom Feuilleton verrissen. Relativ unverständlich, eint den Film doch viel mit der 2007 weltweit gefeierten Adaption von McCarthys Roman No Country for Old Men der Coen-Brüder.

Hier wie da bringt sich der Hauptprotagonist um Kopf um Kragen, als er sich aus Raffgier mit einem mexikanischen Kartell einlässt. Ein – dem Film seinen Titel leihender – Rechtsberater (Michael Fassbender), der allem Anschein nach in finanziellen Schwierigkeiten steckt, teilt einem seiner Klienten, dem flamboyanten Geschäftsmann Reiner (Javier Bardem), mit, dass er bereit sei, in dessen illegale Geschäfte mit dem Drogenkartell mitinvolviert zu werden. Ein weiterer Partner dieses Geschäfts ist der Mittelmann Westray (Brad Pitt), der im Folgenden wie Reiner versucht, den Counselor vor den Risiken und möglichen Folgen der Zusammenarbeit mit dem Juárez-Kartell zu warnen. Doch der Anwalt will davon nichts hören.

Er will seiner Verlobten, Laura (Penélope Cruz), jenes Luxusleben bieten, dem auch Reiner und seine arglistig-kalkulierende Freundin Malkina (Cameron Diaz) frönen. “I always liked smart women”, erzählt ihm Reiner, “but it’s an expensive hobby”. Als jedoch einer der Kuriere des Kartells ermordet wird und sich herausstellt, dass der Counselor eine Verbindung zu ihm besaß, machen sich der Anwalt sowie Reiner und Westray selbst verdächtig. “They don’t really believe in coincidences”, sagt Westray über das Kartell. “They’ve heard of them. They’ve just never seen one.” Und während Westray kurzerhand beginnt, alle Zelte abzubrechen und das Weite sucht, strebt der Counselor nach einer Lösung dieses Konflikts.

Dies wiederum unterscheidet ihn zwar von Llewelyn Moss aus No Country for Old Men, dennoch hat seine Involvierung in Kartellvorgänge für sein Umfeld ähnliche Konsequenzen. The Counselor ist dabei von nicht minder illustren Figuren bevölkert, viele von ihnen in Handlungsstränge integriert, die für den Fortgang der eigentlichen Geschichte wenig erheblich sind. Beispielsweise Bruno Ganz als niederländischer Diamantenhändler, bei dem der Counselor den Verlobungsring für Laura ersteht oder Édgar Ramírez als Priester, dem Malkina versucht, durch sexuelle Anzüglichkeiten nahe zu treten. Insofern hat McCarthys Drehbuch fast schon etwas Episodenhaftes und lebt primär von den Interaktionen seiner Figuren.

Der tragische und gnadenlose Verlauf der Geschichte sowie kleinere narrative Rückrufe im Finale auf Expositionen im ersten Akt lassen The Counselor wie ein shakespearesches Drama wirken. Die Verwicklung mit dem Kartell gleicht einem Schneeball, der einmal ins Rollen geraten, nicht mehr aufzuhalten ist. Hierbei gefallen im Film besonders die Dialogreichen Szenen zwischen Fassbenders Figur und Bardem sowie Pitt und ein kurzer Ausflug nach Chicago mit einer humorvollen Interaktion zwischen John Leguizamo und Breaking Bad’s Dean Norris verkommt fast zum Highlight. Ebenso wie die Konklusion der Geschichte, die sich keinen Hollywood-Konventionen beugen will, sondern dem Œuvre McCarthys folgt.

Problematisch ist lediglich, dass Cameron Diaz – zu der die Jahre nicht nett waren – hier für die kleine, aber ausschlaggebende Figur von Malkina absolut fehlbesetzt ist. Ob die ursprünglich vorgesehene Angelina Jolie eine bessere Wahl gewesen wäre, sei dahingestellt. Hiervon sowie von ein paar Längen im dritten Akt und wenig gehaltvollen Auftritten von Ramírez oder Toby Kebbell abgesehen, bietet der Film jedoch eine vergnügliche Tour de Force. Zwar ist keine der Figuren derart einprägsam wie Anton Chirgurh in No Country for Old Men, dennoch ist The Counselor im direkten Vergleich sicherlich der zugänglichere Film. Selbst wenn eine Adaption von Blood Meridian angesichts der Kritiken für Scott in weite Ferne gerückt ist.

7/10

4. März 2009

Vorlage vs. Film: The Reader

Der Vorleser (1995)

Es war der erste deutsche Roman, der den ersten Platz der New York Times Bestseller Liste erklomm. Die Krönung war schließlich vier Jahre nach seinem Erscheinen die Aufnahme in Oprah Winfreys Buchclub. Spätestens jetzt war Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser auch in den Vereinigten Staaten von Amerika in aller Munde. Schlink, gelernter Jurist, lieferte – so die Meinung vieler – den Roman zur deutschen Vergangenheitsbewältigung schlechthin. Dabei ist seine Geschichte über eine verhinderte Romanze ebenso Coming of Age Drama wie Auseinandersetzung mit dem ekligen Thema Holocaust.

In der Ich-Form wird chronologisch in drei Teilen die Geschichte des Berliner Jugendlichen Michael Berg erzählt. An Gelbfieber erkrankt, hilft ihm eines Tages eine freundliche Frau nach Hause. Als er sich nach seiner Genesung bei dieser Frau, mit Namen Hanna Schmitz ,bedanken will, beginnt eine Affäre zwischen der 36-Jährigen und dem 21 Jahre jüngeren Schüler. Hanna gibt die Unnahbare und benutzt ohne Frage den jungen Michael zu ihren Zwecken. Dieser kommt nicht umhin sich kopflos in die Straßenbahnschaffnerin zu verlieben. Durch die Beziehung zu der älteren Frau beginnt Michael jedoch zu reifen. Bevor sie ihr Liebesspiel beginnen, verlangt Hanna von dem Schüler, dass er ihr aus seinen Schulbüchern vorliest, sei es Lessings Emilia Galotti oder Homer. Wider Erwarten besteht er das Schuljahr und gewinnt an Selbstvertrauen und Anerkennung innerhalb der Schule.

Schließlich verschwindet Hanna und der Leser wird nie erfahren, aus welchem Grund dies exakt der Fall war. Mit dieser Aktion schließt Schlink das erste Drittel, welches ausschließlich mit der Affäre zwischen diesen zwei Generationen beschäftigt war. Es folgt ein Zeitsprung von acht Jahren und Michael studiert inzwischen Jura. Wir schreiben die Zeit der Kriegsverbrecher-Tribunale und Michael besucht mit seinem Seminar, das bezeichnenderweise von den übrigen Kommilitonen KZ-Seminar genannt wird, einen Prozess gegen sechs Frauen. Diesen Frauen wird vorgeworfen, am mehrfachen Mord zahlreicher in Konzentrationslager inhaftierter Juden beteiligt gewesen zu sein. Unter ihnen, so erfährt Michael im Gericht, befindet sich auch Hanna Schmitz.

„Mein Vater wollte nicht über sich reden. (…) Wie kam ich dazu, ihn zu Scham zu verurteilen? Aber ich tat es. Wir alle verurteilten unsere Eltern zu Scham, und wenn wir sie nur anklagen konnten, die Täter nach 1945 bei sich, unter sich geduldet zu haben.“ (Auszug aus S. 88, Der Vorleser)

Die zweite Hälfte des Romans beschäftigt sich mit Michaels Gefühlen bezüglich Hannas Taten und der generellen Frage, inwieweit die so genannte „zweite Generation“ mit der Kollektivschuld bezüglich des Holocaust klarkommt. Schlinks Roman ist speziell zu Beginn relativ simpel gefasst in seiner Sprachform und scheint gemeinsam mit Michaels Entwicklung zu wachsen. Während der Gerichtsverhandlung nehmen Schlinks Sätze formalere Gestalt an, wirken geschliffener, sowohl im Satzbau als auch in ihren Formulierungen. Durch die Tatsache, dass es sich bei Der Vorleser um eine Erzählung in der Ich-Form handelt, ist die Sicht der Dinge stets subjektiv. Der Leser erfährt wenig über Hanna und ihre Gefühlswelt, gerade im ersten Teil der Geschichte. Was treibt sie zu einem Jungen, der ihr Sohn sein könnte und wieso reagiert sie stets so abweisend? Diese Antworten erfährt der Leser nicht, da auch Michael sie nicht erfährt. „Der Sommer war der Gleitflug unserer Liebe. Oder vielmehr meiner Liebe zu Hanna; über ihre Liebe zu mir weiß ich nichts“, legt Schlink seinem Protagonisten auf Seite 67 seines Romanes in den Mund.

Im Verlauf der restlichen Geschichte baut Schlink seine Klimax auf. Jenes „dunkle“ Geheimnis, welches Michael und Hanna teilen werden und das den Ausgang der Handlung bestimmen soll. Die große Auflösung ist weit weniger spektakulär als man sich denken mag, im Gegenteil sogar sehr früh absehbar. Schlink macht glücklicherweise auch kein großes Aufheben um diese Auflösung und fokussiert sich vielmehr auf Michaels Innenleben. Heraus kommen viele Denkansätze über die damalige Zeit und insbesondere die „zweite Generation“. Unter anderem schreibt der Autor: „Wir sollen nicht meinen, begreifen zu können, was unbegreiflich ist, dürfen nicht vergleichen, was unvergleichlich ist (…)“ (S. 99). Letztlich versäumt der Autor es jedoch, seinen Helden eine klare Stellung einnehmen zu lassen. Die gewichtigste Entscheidung im Roman wird nicht begründet, vielmehr auf zwei Seiten übergangen. Vieles bleibt offen in einem Roman, der gut ist, dem ich selbst jedoch nicht die Bedeutung zumessen würde, die ihm (zumindest jenseits des Atlantik) zugeschrieben wird.


The Reader (2007)

What would you have done?

Man ahnt es schon. Schlinks Vorleser ist so ein epochenübergreifender Roman, den Hollywood-Filmemacher am liebsten von hinten aufrollen. In der Gegenwart. Und dann zurückblickend Die Aufblende offenbart es: Berlin, Germany 1995. Regisseur Stephen Daldry und Autor David Hare kamen nicht umhin, auch The Reader mit dieser klischeehaften Eröffnung einzuleiten. Aufgrund einer Abänderung zu Schlinks Buch folgt hier im Grunde die erste Inkonsequenz. Dem Publikum wird kein ersichtlicher Grund offenbart, wieso sich Michael Berg (Ralph Fiennes) an diesem Tag in diesem Jahr urplötzlich mit seiner Vergangenheit als Teenager auseinander setzen sollte. Aber er tut es. Eine Straßenbahn fährt am Zimmer vorbei, nachdem Michael mit einer x-beliebigen Frau (Jeanette Hain) eine gemeinsame Nacht verbracht hat. In der Straßenbahn entdeckt Michael sich selbst, sprich sein jüngeres Pendant (David Kross). Jetzt, nachdem der Hollywood-Star eingeführt wurde, kann die eigentliche Geschichte beginnen.

Ein Jahr nach Veröffentlichung des Romans hatte sich Harvey Weinstein die Rechte gesichert. Er involvierte Anthony Minghella und Sydney Pollack in das Projekt und Minghella wollte das Drehbuch verfassen und Regie führen. Es kam jahrelang nie dazu, man vertraute das Projekt schließlich Stephen Daldry an und Minghella und Pollack wollten produzieren. Daldry bot die Rolle der Hanna Schmitz Kate Winslet an, die aufgrund ihres Alters und daraus resultierenden Zweifeln ablehnte. Stattdessen wurde Daldrys The Hours-Muse Nicole Kidman engagiert, die jedoch aufgrund ihrer Schwangerschaft ebenfalls absagte. Inzwischen war Kate Winslet älter geworden und Minghella und Pollack Krebsleiden zum Opfer gefallen. Daldry, der selbst in der Schule Deutsch gelernt und einige Jahre in Berlin verbracht hat, wollte den Film unbedingt in Deutschland mit deutschen Schauspielern inszenieren. Im Nachhinein war dies keine gute Idee.

Vorab sei gesagt, dass Hare ähnlich wie schon bei The Hours eine ziemlich minutiöse Adaption eines Romans abliefert. Die ersten zehn Minuten des Filmes sind dabei fast derart steif nach der Vorlage abgefilmt, dass ihnen jegliches Eigenleben abzugehen scheint. Abgesehen von den zeitlichen Sprüngen – die narrativ keinen Sinn ergeben – bleiben Hare und Daldry der Vorlage ausgesprochen treu. Zumindest in weiten Teilen. Aufgrund von geschnittenen Szenen (so zumindest meine Mutmaßung) ergeben sich jedoch das eine oder andere Mal in der Kinoversion Unstimmigkeiten. Besonders merkt man dies daran, dass einige Figuren in ihrer Etablierung vollkommen unnötig sind, beispielsweise Sophie (Vijnessa Ferkic), die in der Filmversion nur im Ansatz auftaucht oder insbesondere Marthe (Karoline Herfurth), eine spätere Studienkommilitonin von Michael, deren Auftauchen im Film nicht den geringsten Zweck erfüllt.

Scheinbar wurde versucht so viele deutsche Darsteller wie möglich im Film unterzubringen. Ob diese etwas zur Handlung beizutragen hatten, war untergeordnet. Abgesehen von Kate Winslet, Ralph Fiennes und Lena Olin handelt es sich daher bei den meisten Darstellern um Deutsche. Der Hintersinn ist offensichtlich: Winslet und Fiennes dienen lediglich als internationale Zugpferde. Das Resultat ist eher bemitleidenswert, bildet The Reader doch ein Konglomerat aus unterschiedlichen Akzenten. Während David Kross versucht in seinem Englisch bestmöglich seinen deutschen Akzent zu verbergen, ist Kate Winslet bemüht in ihrem Englisch einen deutschen Akzent zu integrieren. Beides misslingt. Immer wieder verrutscht Winslet, spricht kurzzeitig mit deutschem Akzent, um kurz darauf andere Worte klar Englisch auszusprechen. Kross wiederum hat merkliche Schwierigkeiten mit der fremden Sprache, schafft es immerhin gelegentlich ein Wort problemlos auszuspucken. Seinen Höhepunkt erreicht dies, wenn der gealterte Michael (Fiennes) akzentfreies britisches Englisch spricht, während der junge Michael (Kross) kaum ein „th“ ohne das klischeehafte „z“ herauskriegt.

Andere deutsche Darsteller variieren ebenfalls in ihrer Aussprache. Von klar (Alexandra Maria Lara, Bruno Ganz) bis hin zu stotternd (Fabian Busch). Es wäre hier weitaus empfehlenswerter gewesen entweder einen Film mit reiner deutscher Besetzung (warum nicht mit der Standardbesetzung Martina Gedeck/Moritz Bleibtreu?) zu drehen oder auf Darsteller zurückzugreifen, die zumindest demselben Sprachpool entstammen. Seinen Höhepunkt erreicht diese Farce immer dann, wenn die Statisten im Hintergrund deutsche Ausrufe beisteuern, während den restlichen Film hindurch Englisch gesprochen wird. Bedauernswert auch, dass eine gestandene Schauspielerin wie Kate Winslet derartige Probleme mit ihrem Sprachlehrer hat, wenn es Cate Blanchett in The Good German mit Leichtigkeit gelang einen deutschen Akzent zu erlernen. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Empfehlungen kann ich daher nur schwer nahelegen, The Reader in seiner deutschen Synchronisation zu sichten, da hier dieser sprachliche Fauxpas umschifft wird.

Um beim Thema zu bleiben: die darstellerische Leistung ist ein anderes Problem des Filmes. Sowohl Kate Winslet als auch Ralph Fiennes haben zu Beginn ihre Probleme. Fiennes kämpft mit der geringen Leinwandpräsenz, Winslet mit den amourösen Elementen. Ihre Interpretation von Hanna ist ausgesprochen mürrisch und kalt. Kaum auszudenken, wie sich jemand in diese Frau verlieben sollte. Erst mit den Gerichtszenen beginnt die Britin aufzuspielen und zu zeigen, welch Talent in ihr steckt. Die letzte halbe Stunde des Filmes gehört dann ausschließlich Fiennes und dieser weiß sie mühelos zu schultern. Sein Spiel beeindruckt und macht gemeinsam mit Winslets Spiel eines der Hauptärgernisse beinahe vergessen. Die Besetzung von David Kross als junger Michael Berg ist neben dem Akzentkuddelmuddel einer der großen Störfaktoren. Man mag es Kross zu Gute halten, dass The Reader zum einen erst sein dritter Kinofilm und zum anderen der erste internationale ist (und Sexszenen mit Kate Winslet beinhaltet). Nichtsdestotrotz ist sein weinerliches Spiel auf die Dauer lästig, speziell wenn er im Gegensatz zu seiner Figur nicht vermag seine Naivität und Unschuld abzulegen.

Die anderen deutschen Darsteller agieren zufriedenstellend, wenn auch teilweise (z.B. Herfurth) in Rollen, derer es nicht gebraucht hätte. Aus dem Raster fällt lediglich Alexandra Maria Lara, die unter Beweis stellt, dass ihr Talent für anspruchslose Til Schweiger Komödien wie Wo ist Fred? auszureichen vermag, internationalen Ansprüchen (s. Youth Without Youth) allerdings nicht gerecht wird. Erfreulich ist hingegen die Leistung von Hannah Herzsprung als Ralph Fiennes Tochter. So ist unter dem Strich gesehen The Reader wohl vormerklich ein deutscher Film geworden, der dennoch undeutscher nicht sein könnte. Daldry und Hare beweisen wie bereits bei The Hours ein gutes Gespür für ihre Romanadaption und Einstellungen, die sehr ansehnlich von Chris Menges und Roger Deakins eingefangen wurden. Auch die musikalische Untermalung von Nico Muhly weiß zu gefallen.

Ein weiteres Problem des Filmes ist die Erzählung aus der Dritten Person. Hare hat sein Skript speziell so gefasst, da er Erzählstimmen als langweilig empfindet, doch schadet diese Erzählstruktur dem Film ungemein. Es ist Michaels Geschichte und sie lebt von seinem Innenleben, seinem Konflikt, seinen Gefühlen. Hares Drehbuch weiß diese Aspekte nicht genug herauszuarbeiten und Kross schon gar nicht zu portraitieren. Dadurch gehen einige gewichtige Momente von Schlinks Geschichte verloren. Hierzu gehört auch die Frage der Kollektivschuld und Vergangenheitsbewältigung. „Was hätten Sie getan an meiner Stelle?“, fragt Hanna im Roman wie im Film den Richter ihres Prozesses. Während Schlink die Frage in seinem Buch weiterspinnt, greift sie Daldry nicht weiter auf, verwendet sie lediglich als kurzes Spannungselement. Die Frage ist entscheiden, gerade für die „zweite Generation“ und für die Vergangenheitsbewältigung. Zugleich ist es eine Frage, die keine universelle Antwort hat, sondern die jeder für sich selbst beantworten muss. Wenn dies überhaupt möglich ist.

Mit The Reader haben Daldry und Hare wieder bewiesen, dass sie im Stande sind große Romane entsprechend auf der Leinwand umzusetzen. Wie in den meisten Romanadaptionen wird aufgrund einer gefälligeren Struktur und des Spannungsaufbaus auf einige wichtige Aspekte nicht eingegangen, die im Falle von The Reader zwar nicht allzu schwer ins Gewicht fallen, hinsichtlich des über-Themas ebenjener Vergangenheitsbewältigung jedoch begrüßenswert gewesen wären. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten und abgesehen von der Besetzung David Kross’ schickt sich The Reader an exzellentes Darstellerkino zu werden, das gerade nach hinten heraus durch Winslet und Fiennes zu begeistern weiß. Dabei wäre es für den Film sehr von Vorteil gewesen, wenn man auf die deutschen Darsteller verzichtet hätte und stattdessen mit einem rein britischen oder zumindest synchronen Ensemble Schlinks Geschichte umgesetzt hätte. So ist der Film weit von einer perfekten Umsetzung entfernt aber in seiner Summe eine ansehnliche und letztlich gelungene Interpretation geworden.

6/10 - in anderer Form erschienen beim MANIFEST


7. Juli 2008

Youth Without Youth

I have access to knowledge unavailable to mankind.

Er erschuf sich in den siebziger Jahren ein Denkmal, welches noch heute erstrahlt. Seine beiden The Godfather-Teile von 1972 und 1974, sowie sein Apocalypse Now von 1979 sind Meisterwerke der Filmgeschichte und begründeten den Namen von Francis Ford Coppola. In den Achtzigern dann begann sein Abstieg, mit Filmen wie Peggy Sue Got Married oder Gardens of Stone konnte Coppola nicht überzeugen, trotz seines Abschlusses der Godfather-Trilogie und der Adaption von Bram Stoker’s Dracula bleiben einem die katastrophalen Jack und The Rainmaker doch eher im Gedächtnis. Da verwundert es auch nicht, dass der gute Mann seit elf Jahren nicht mehr hinter der Kamera aktiv war. Viele werden sich gedacht haben, dass dies auch besser so sei, doch 2008 wollte die Regiegröße seine Kritiker eines besseren belehren. In Europa drehte er seine Mircea Eliade-Adaption Youth Without Youth, für die Deutschen besonders interessant wegen Alexandra Maria Laras erstem Ausflug in das internationale Kino und einer Nebenrolle für Bruno „Adolf Hitler“ Ganz. Den Hauptpart besetzte Coppola mit dem britischen Charakterdarsteller Tim Roth und auch sein Rainmaker-Darsteller Matt Damon war sich für eine bedeutungslose Gastrolle nicht zu schade. Für wenig Geld versuchte sich Coppola nun als Arthouse-Regisseur, was auch sein aktuelles Projekt Tetro bezeugt. Dabei hat sein respektive Eliades Youth Without Youth starke Anleihen von Science Fiction, die nicht immer gelungen mit der restlichen Handlung verwoben werden. Auch in der Wahl seiner Darsteller scheint sich Coppola keinen Gefallen getan zu haben, die hauptsächlich negative Resonanz auf sein Comeback sprechen hier praktisch Bände. Zugegeben ist sein Werk äußerst zwiespältig, die Geschichte will mehr sein, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Wirklich erschließen, lässt sie sich aber dennoch nicht, vor allem, da ein Bruch in der Mitte des Filmes auftritt.

Der rumänische Wissenschaftler Dominic Matei (Tim Roth) reist nach Bukarest, um seinen erfolglosen Leben ein Ende zu bereiten. All seine Ziele konnte er nicht erreichen, selbst seine große Liebe Laura (Alexandra Maria Lara) kam ihm abhanden. Doch bevor Dominic sich umbringen kann, wird er von einem Blitz getroffen. Im Krankenhaus beeindruckt seine schnelle Regeneration den dortigen Professor Stanciulescu (Bruno Ganz). Nicht nur ist Dominic am Leben, sondern seine siebzig Lebensjahre sind wie weggeblasen, ein Mann Ende Dreißig liegt im Krankenbett. Mit frischem Haar und frischen Zähnen ausgestattet, wird das lebende Wunder Dominic bald zum Interessensobjekt der Nationalsozialisten. Hitler selbst beauftragt seinen Adjutanten Rudolf (André Hennicke) sich des Falles anzunehmen. Dieser setzt eine mysteriöse, aber auch laszive Frau (Alexandra Pirici) auf Dominic an, um den sich die Schlinge enger zieht. Damit lässt sich die erste Hälfte des Filmes beschreiben, ein mysteriöses Drama mit übersinnlicher Konnotation. In der Mitte des Filmes, gut nach einer Stunde, setzt ein Bruch ein und die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung, gerade zu dem Zeitpunkt, wo man eigentlich den Abspann erwarten würde. Stattdessen geht Coppola in die zweite Runde und präsentiert eine Liebesgeschichte zwischen Dominic und der jungen Veronika (Alexandra Maria Lara), die ebenfalls übernatürliche Elemente besitzt. Ein wirklicher Zusammenhang zwischen beiden Geschichten – abgesehen von Dominic als männlichen Hauptprotagonisten – lässt sich jedoch nicht erkennen. Mit seiner gefühlten Laufzeit von drei Stunden tat sich Coppola mit dem Bruch der Geschichte keinen Gefallen, eben da die erste Geschichte praktisch ad acta gelegt wird. Beide Handlungsstränge für sich genommen würden sicherlich eher eigenständig funktionieren, als hier zusammengenommen, nicht nur weil sie beide sehr unverständlich sind, sondern eben einem eigenen Faden folgen.
Technisch gesehen erfüllt der Film fraglos den Zweck, den Coppola haben wollte. Minimalistisch sind viele Einstellungen, sehr ruhig mit der HD-Kamera eingefangen. Die Geschichte wiederum, ist durchaus philosophisch, wenn nicht sogar ausschließlich philosophisch. Punkte die in Eliades Geschichte angesprochen werden, sind das Bewusstsein, Identität und viele andere Gesichtspunkte. Vorab gesagt, mögen diese Umsetzungen in Roman oder Film anregend sein, sogar schlüssig, in eine stringente Handlung passen sie jedoch nicht so ganz. Ein alter Mann wird jung, das Leben steht ihm nochmals offen, aber die Nazis wollen sein Geheimnis erfahren. In diesem Teil der Geschichte finden sich viele amüsante Momente, von Swastika-Strapsen bis hin zu Bruno Ganz, der hier oftmals wie seine Hitler-Figur aus Der Untergang nur ohne die dazugehörige Behaarung wirkt. Ein erster Blick auf Frau Lara offenbart, dass sie – wie eigentlich alle deutschen Schauspieler – mit internationalem Schauspiel überfordert ist. Das mag vielleicht reichen, für eine Slapstick-Komödie wie Wo ist Fred?, aber in einem ernstzunehmenden Drama offenbaren sich hier die Welten zwischen deutschem Schauspiel und dem der restlichen Welt. Gut möglich, dass für Coppola ihre rumänische Herkunft ausschlaggebend war, um sie zu besetzen. Ganz selbst spielt die Rolle zwar überzeugend, muss sich jedoch wie erwähnt den Vorwurf gefallen lassen, dass sein Auftreten viel zu sehr an Der Untergang erinnert. Hennicke wiederum weiß den Klischee-Nazi (die Indiana Jones-Teile lassen grüßen) mit der nötigen Lächerlichkeit zu spielen, das gesamte Ensemble jedoch, einschließlich Roth, weiß die meiste Zeit nicht wirklich zu überzeugen oder war mit der Handlung überfordert.

Das Problem, oder sagen wir mein Problem, mit dem Film manifestiert sich in der Figur von Matt Damon. Sie taucht auf, deutet etwas an, erscheint anschließend nie wieder. Wozu wurde sie von Coppola installiert? Und überhaupt, warum unterscheiden sich die beiden Teile des Films so enorm? Endet die erste Hälfte in einer Szene, welche die Geburtsstunde eines neuen Superhelden a la Captain America erwarten lässt, verkommt die zweite Hälfte zu einem sozial-linguistischen Drama, getragen vom overacting der lieben Frau Lara. Auch hier möchten Coppola und Eliade wieder viele philosophische Denkanstöße liefern und interpretieren kann man immer viel. Dominics Liebe zu zwei Frauen oder ein und derselben Frau scheitert an seiner Arbeit und seine Arbeit scheitert letztlich an seiner Liebe. Einer der Aspekte, die man aus Coppolas Film extrahieren kann. Nur strengt dies an, den Film zu verstehen oder zumindest verstehen zu wollen, strengt enorm an. Die Unterhaltungskomponente des Filmes geht dabei verloren, wird der Intellektualität geopfert, insofern der einzelne Zuschauer diese ausmachen kann. Sicherlich ist es löblich, dass Coppola hier versucht einen Arthouse-Film zu machen, den man auf seine Art und Weise bestimmt als gelungen erachten kann, doch für die Masse der Zuschauer ist sein Film nicht wirklich erträglich. Für viele dürfte Youth Without Youth eine Frage von Lieben oder Hassen sein, zumindest finden sich zahlreiche User bei IMDb, die den Film in ihr Herz geschlossen haben, während eine Vielzahl an Kritikern an Coppolas Werk keinen Gefallen finden konnten. Vielleicht handelt es sich auch lediglich um einen Film, der mit jeder neuerlichen Sichtung dazu gewinnt oder der nur dann greift, wenn man mit Eliades Denkansätzen bekannt ist. Für sich genommen ist er jedenfalls zu komplex, zu langatmig, zu zwiespältig, um den durchschnittlichen Kinogänger für sich begeistern zu können. Wer jedoch an Herausforderungen wachsen will, darf gerne einen Blick riskieren.

4/10