“As far back as I can remember I always wanted to be a gangster”, verrät Henry Hill in Goodfellas. Der Mafia-Film ist schon lange ein eigenes Subgenre und Scorseses Einblick in den Aufstieg des Mobsters Henry Hill nimmt einen der vorderen Plätze in diesem Genre ein. Das scheint für das Publikum nie uninteressant zu werden, betrachtet man die zeitliche Brücke zwischen solchen Filmen wie The Godfather (1972) und Goodfellas (1990) bis zu den The Sopranos (1999) und Gomorrha (2008). Mit seinem neuen Film Un prophète verlagert der französische Regisseur Jacques Audiard nun den klassischen Mafia-Film in ein Gefängnis. Jenes alte (Film-)Rezept würzt er zudem mit einigen kleinen Anleihen von Akira Kurosawas Yojimbo.
Zu Beginn des Films ist Malik (Tahar Rahim) noch ein Niemand. Er kann weder richtig Lesen noch Schreiben, hat außerhalb des Gefängnisses keine Freunde und ist somit vollkommen allein. Dementsprechend wird ihm an seinem ersten Tag im Gefängnishof auch gleich sein Paar Schuhe geraubt. Malik ist ein Außenseiter, mit sechs Jahren Haft vor sich. Ein gefundenes Fressen in diesem mörderischen Haifischbecken. Und schon bald bewahrheitet sich für ihn das Sprichwort: Fressen oder gefressen werden. Der korsische Mafiosi César Luciani (Niels Arestrup) will sich eines unliebsamen Zeugen entledigen und nötigt Malik dazu, den Mord zu begehen. Als Ausgleich steht dieser fortan unter dem Schutz Lucianis.
Was allerdings zur Folge hat, dass Malik nunmehr ein Kind zweier Welten ist. Für seine muslimischen Mithäftlinge ist er nur noch „der Korse“ und für die italienischstämmigen Korsen bleibt er weiterhin „der Araber“. Aus dem Status des Lakaien vermag Malik erst auszubrechen, als Lucianis innerer Kreis an Komplizen in ein anderes Gefängnis verlegt wird. Maliks Werdegang erinnert dabei an Andy Dufresne aus The Shawshank Redemption. “I had to come to prison to be a crook”, blickt dieser auf seine kriminelle Karriere hinter Gittern zurück. Über Maliks Vergangenheit erfährt man relativ wenig. Scheinbar sitzt er seine Haftstrafe wegen eines Angriffs auf einen oder mehrere Polizeibeamte ab, reklamiert jedoch, dass er unschuldig sei.
Mit dem Eintritt in das Gefängnis schlägt Audiard das Kapitel zu Maliks Vorgeschichte auch zu. Egal, ob er zu Unrecht inhaftiert wurde oder nicht – wirklich in die Kriminalität rutscht Malik erst durch seine Haftstrafe und den Kontakt zu Luciani ab. Ein Außenseiter bleibt er weiter. Lediglich Ryad (Adel Bencherif) akzeptiert ihn als Freund, macht ihn später sogar zum Patenonkel seines Sohnes. Da Malik jedoch zu keiner der beiden Gruppen innerhalb des Gefängnisses wirklich dazugehören kann, beginnt er, seine eigene Gruppe zu sein und sich um sich selbst zu kümmern. An dieser Stelle entlehnt Audiard Elemente aus Kurosawas Yojimbo, wenn Malik die verschiedenen Parteien gegeneinander auszuspielen beginnt und für seine Vorteile benutzt.
Dabei geht es weniger um den Aufstieg von Malik in der Gangster-Hierarchie, sondern vielmehr um seine Anpassung. Und sieht man von Ryad ab – der zudem in der Mitte des Filmes aus der Haft entlassen wird –, dann bleibt Malik weitestgehend auch allein, unabhängig von seiner Anpassung an seine Umgebung. Als einziger Begleiter stellt Audiard ihm Reyeb (Hichem Yacoubi), eine Ausgeburt von Maliks Fantasie, an die Seite. Reyeb war jener Zeuge, den Malik zu Filmbeginn für Luciani ermorden musste. Bedauerlicherweise schenkt Audiard den Szenen der beiden nicht mehr Tiefe, denn dass Malik den Mord von damals nie völlig verarbeitet hat, wird durch das Reyebs kontinuierliches Erscheinen deutlich. Hier wäre Potential zu mehr gewesen.
So unterhaltsam Audiards Film letztlich auch ist, vielleicht gerade deshalb, weil er nicht so aufgeregt daherkommt wie Public Enemy No.1, verliert sich der Pariser Regisseur ab einem gewissen Zeitpunkt dann zu sehr in seiner eigenen Geschichte. Da werden immer mehr Figuren eingeführt ohne dass die Handlungsstränge zu Ende geführt werden oder von gewichtiger Bedeutung für die eigentliche Geschichte wären. Auch die titelgebenden Prophezeiungen erweisen sich als nicht unbedingt zweckdienlich und zu unausgereift. All dies ändert jedoch wenig daran, dass Un prophète ein überzeugender Vertreter des Gangsterfilms ist, der gekonnt mit all jenen Elementen spielt, die er unterwegs für seine Inszenierung absorbiert.
Zu Beginn des Films ist Malik (Tahar Rahim) noch ein Niemand. Er kann weder richtig Lesen noch Schreiben, hat außerhalb des Gefängnisses keine Freunde und ist somit vollkommen allein. Dementsprechend wird ihm an seinem ersten Tag im Gefängnishof auch gleich sein Paar Schuhe geraubt. Malik ist ein Außenseiter, mit sechs Jahren Haft vor sich. Ein gefundenes Fressen in diesem mörderischen Haifischbecken. Und schon bald bewahrheitet sich für ihn das Sprichwort: Fressen oder gefressen werden. Der korsische Mafiosi César Luciani (Niels Arestrup) will sich eines unliebsamen Zeugen entledigen und nötigt Malik dazu, den Mord zu begehen. Als Ausgleich steht dieser fortan unter dem Schutz Lucianis.
Was allerdings zur Folge hat, dass Malik nunmehr ein Kind zweier Welten ist. Für seine muslimischen Mithäftlinge ist er nur noch „der Korse“ und für die italienischstämmigen Korsen bleibt er weiterhin „der Araber“. Aus dem Status des Lakaien vermag Malik erst auszubrechen, als Lucianis innerer Kreis an Komplizen in ein anderes Gefängnis verlegt wird. Maliks Werdegang erinnert dabei an Andy Dufresne aus The Shawshank Redemption. “I had to come to prison to be a crook”, blickt dieser auf seine kriminelle Karriere hinter Gittern zurück. Über Maliks Vergangenheit erfährt man relativ wenig. Scheinbar sitzt er seine Haftstrafe wegen eines Angriffs auf einen oder mehrere Polizeibeamte ab, reklamiert jedoch, dass er unschuldig sei.
Mit dem Eintritt in das Gefängnis schlägt Audiard das Kapitel zu Maliks Vorgeschichte auch zu. Egal, ob er zu Unrecht inhaftiert wurde oder nicht – wirklich in die Kriminalität rutscht Malik erst durch seine Haftstrafe und den Kontakt zu Luciani ab. Ein Außenseiter bleibt er weiter. Lediglich Ryad (Adel Bencherif) akzeptiert ihn als Freund, macht ihn später sogar zum Patenonkel seines Sohnes. Da Malik jedoch zu keiner der beiden Gruppen innerhalb des Gefängnisses wirklich dazugehören kann, beginnt er, seine eigene Gruppe zu sein und sich um sich selbst zu kümmern. An dieser Stelle entlehnt Audiard Elemente aus Kurosawas Yojimbo, wenn Malik die verschiedenen Parteien gegeneinander auszuspielen beginnt und für seine Vorteile benutzt.
Dabei geht es weniger um den Aufstieg von Malik in der Gangster-Hierarchie, sondern vielmehr um seine Anpassung. Und sieht man von Ryad ab – der zudem in der Mitte des Filmes aus der Haft entlassen wird –, dann bleibt Malik weitestgehend auch allein, unabhängig von seiner Anpassung an seine Umgebung. Als einziger Begleiter stellt Audiard ihm Reyeb (Hichem Yacoubi), eine Ausgeburt von Maliks Fantasie, an die Seite. Reyeb war jener Zeuge, den Malik zu Filmbeginn für Luciani ermorden musste. Bedauerlicherweise schenkt Audiard den Szenen der beiden nicht mehr Tiefe, denn dass Malik den Mord von damals nie völlig verarbeitet hat, wird durch das Reyebs kontinuierliches Erscheinen deutlich. Hier wäre Potential zu mehr gewesen.
So unterhaltsam Audiards Film letztlich auch ist, vielleicht gerade deshalb, weil er nicht so aufgeregt daherkommt wie Public Enemy No.1, verliert sich der Pariser Regisseur ab einem gewissen Zeitpunkt dann zu sehr in seiner eigenen Geschichte. Da werden immer mehr Figuren eingeführt ohne dass die Handlungsstränge zu Ende geführt werden oder von gewichtiger Bedeutung für die eigentliche Geschichte wären. Auch die titelgebenden Prophezeiungen erweisen sich als nicht unbedingt zweckdienlich und zu unausgereift. All dies ändert jedoch wenig daran, dass Un prophète ein überzeugender Vertreter des Gangsterfilms ist, der gekonnt mit all jenen Elementen spielt, die er unterwegs für seine Inszenierung absorbiert.
8.5/10




Jean-Dominique Bauby wurde am 23. April 1952 in Paris geboren und er starb am 9. März 1997 in Garchese, nur wenige Tage nach Erscheinen seines Buches Le scaphandre et le papillon. Bauby hatte die achtundzwanzig Kapitel des Buches über vierzehn Monate hinweg Claude Mendibil diktiert und wie er es in seiner Widmung richtigerweise schrieb, kann man sich das Ausmaß von Medibils Arbeit – ebenso wie der von Bauby selbst – nicht vergegenwärtigen, wenn man nicht das Buch liest oder besser noch den Film sieht. Bauby wachte jeden Morgen um 5 Uhr auf und begann sich die Absätze für sein Buch zu überlegen und schließlich auswendig zu lernen, damit er sie später Buchstabe für Buchstabe Stundenlang diktieren konnte. Am Ende sprangen nach fünfstündiger Arbeit etwas mehr wie eine Seite niedergeschriebenes Material heraus, aber was wie eine Sisyphus-Arbeit anmutet war vielmehr der Überlebenskampf eines menschlichen Geistes. An einer Stelle des Filmes wird Bauby ein Gespräch mit einem Mann führen, bzw. dieser ein Gespräch mit ihm, über einen zufälligen Vorfall vor einigen Jahren, der dennoch das Leben der beiden Männer grundlegend verändern sollte. Bauby überließ diesem Mann seinen Platz in einem Flugzeug, nichtahnend dass ebenjenes Flugzeug anschließend nach Beirut entführt werden sollte, wo der Mann dem Bauby seinen Platz überlassen hatte, vier Jahre lang als Geisel gehalten wurde. Das einzige was ihn davor gerettet hatte den Verstand zu verlieren, sei die Aufzählung von verschiedenen Weinsorten gewesen, Hauptsache das Gehirn ist beschäftigt.
Besonders die erste Viertelstunde von Le scaphandre et le papillon ist von einer unglaublich eindringlichen und bisher in der Geschichte des Filmes unerreichten Intensität, wenn man das Geschehen aus den Augen von Bauby wahrnimmt. Der Zuschauer sieht und hört exakt das, was Bauby sieht und hört, einschließlich unscharfen Bildern, Farbpixeln oder etwaiger akustischer Störungen. Man ist weniger Zuschauer als vielmehr selbst Bauby und das ist in der Tat beängstigend und verstörend. Was außerhalb des Fokus ist, nimmt man nicht wahr und selbst das was sich innerhalb des Fokus befindet, zumeist nur verschwommen. Höhepunkt dieses Gefühls ist der Moment, in welchem Bauby sein rechtes, nicht mehr durchblutetes Auge (mit welchem er jedoch in jenem Augenblick noch zu sehen im Stande ist) von einem Chirurgen zugenäht wird und sich langsam die Lieder neigen und von einem Faden verschlossen werden – hier ist Gänsehaut garantiert! Zudem markiert diese Szene den ersten Kamerawechsel von der Ego-Perspektive Baubys in die des Zuschauers, jetzt erst erhält man einen Blick auf Matthieu Almaric, der insgesamt eine grandiose schauspielerische Leistung abliefert und wahrscheinlich nicht zu Unrecht im nächsten Bond-Abenteuer den Bösewicht mimen darf. Schwer vorstellbar, dass ursprünglich Schnabel-Freund Johnny Depp in die Rolle Baubys schlüpfen sollte, dann aber durch Pirates of the Caribbean davon abgehalten wurde. Almarics Darstellung ist so intensiv, sowohl in den Szenen im Berck-sur-Mer, als auch in seinen Phantasieszenen und Rückblenden, dass ihm, wie auch den anderen Darstellern und Darstellerinnen zuzuschauen ein wahres Vergnügen ist. Dabei ist alleine Max von Sydows Schauspielkunst, wenn er als Baubys Vater Papinou seinen Sohn im Krankenhaus anruft, allemal das Eintrittsgeld wert.
Neben die tollen Darstellungen von Amalric und von Sydow reihen sich auch die ausnahmslos attraktiven Schauspielerinnen mit ihren Leistungen ein. Neben einer fabelhaft gealterten und frisch aufspielenden Emmanuelle Seigner wissen auch Anne Consigny und Marie-Josée Croze zu überzeugen. Besonders die Szenen mit Croze sind äußerst schön geraten, sodass man sich glatt selbst in Henriette verlieben möchte. In Nebenrollen dürfen zudem französische Stars wie Emma de Caunes und einige César-Gewinner wie Patrick Chesnais, Niels Arestrup, Marina Hands und Isaach De Bankolé glänzen. Überboten werden die Darsteller und der Soundtrack lediglich noch vom Kameraspiel Janusz Kaminskis. Der Stamm-Kameramann von Steven Spielberg wurde scheinbar von Spielberg-Produzentin Kathleen Kennedy ins Boot geholt, jedenfalls zaubert er atemberaubende Bilder und Kamerafahrten zu Stande, die kongenial von Juliette Welfings Schnitt abgerundet werden. Das Zusammenspiel zwischen den Bildern und der Musik funktioniert dabei perfekt und besonders das Theme von Paul Cantelon – welches an Yann Tiersen erinnert – erzeugt ein wunderbar melancholisches Gefühl bei der Betrachtung des Gezeigten.