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16. Februar 2019

Ohayō [Good Morning]

Meaningless things are easy to say.

Was wichtig ist, fällt einem schwer zu sagen. Und was bedeutungslos ist, dagegen leicht. Zu dieser Erkenntnis gelangen auch der Übersetzer Heiichirō (Sada Keiji) und seine Schwester Kayoko (Sawamura Sadako) im Verlauf von Ohayō [Good Morning], dem 2. Farbfilm des japanischen Regisseurs Ozu Yasujirō. Bekannt für seine Dramen, sticht Ohayō ein wenig aus dem Œuvre Ozus hervor durch seine Zugehörigkeit ins Komödienfach. So ist einer der Running Gags des Films die Wiederholung eines Furz-Witzes, dem hauptsächlich die Kinder-Figuren der Geschichte frönen. Im Kern ist Ohayō jedoch, wie der Filmwissenschaftler David Bordwell im Bonusmaterial der Criterion Blu-ray-Edition treffend bemerkt, ein Film über Kommunikation.

Diese äußert sich vielschichtig, reicht vom Verbalen bis hin zum Medialen. In einem Vorort Tokios vernachlässigen der 13-jährige Minoru (Koji Shitara) und sein 7 Jahre alter Bruder Isamu (Shimazu Masahiko) ihre Englisch-Nachhilfe bei Heiichirō, um stattdessen bei einem jungen benachbarten Ehepaar auf deren Fernseher gemeinsam mit ihren Freunden Sumo-Kämpfe zu bestaunen. Von ihrer Mutter (Miyake Kuniko) gescholten, fordern die Brüder ein Fernsehgerät für das eigene Haus. Als ihre Eltern dies ablehnen, legen sich die Buben kurzerhand ein Schweigegelübde auf – verweigern also die Kommunikation. Ihr Vorwurf: Erwachsene würden sich zu sehr in Floskeln retten und letztlich nichts sagen, Kindern aber den Mund verbieten.

Ihr Schweige-Streik bleibt nicht ohne Konsequenzen, für sie selbst als auch ihre Mutter. Diese hat als Schatzmeisterin des lokalen Frauenvereins die monatliche Gebühr an die Vorsitzende Haraguchi (Sugimura Hariko) weitergereicht, diese das Geld jedoch angeblich nicht erhalten. Dass sie sich aber eine neue Waschmaschine gönnte, erregt Aufmerksamkeit – und erweckt Zweifel. Bald brodelt in der Nachbarschaft die Gerüchteküche, die dann im Verlauf auch schnell umschlägt als Frau Haraguchi selbst solche streut. Kommunikation scheint allgegenwärtig in Ohayō, so auch in Person eines traurigen Handelsvertreters (Tonoyama Taiji), der versucht, Haushaltsartikel in der Nachbarschaft an den Mann bzw. die Frau zu bringen.

Ähnlich schwer tut sich Heiichirō – der sein Geld mit dem Kommunizieren vom Japanischen ins Englische verdient – damit, seine Gefühle für Setsuko (Kuga Yoshiko), Minorus und Isamus Tante, einzugestehen. Obschon eine Komödie, erzählt Ohayō aber nicht nur Humorvolles, sondern unterfüttert seine Geschichte durchaus mit ernsten Themen. Beispielsweise die schwierige wirtschaftliche Lage Japans in den 1950er Jahren. So ist Heiichirō momentan arbeitslos und auch der etwas ältere Tomizawa (Tōno Eijirō) sucht einen Job, da er mit seiner Rente nicht über die Runden kommt. Lebensmittel wie Spinat sind teuer, weshalb es zum Missfallen von Minoru und Isamu an jedem Wochentag Stockfisch und Miso-Suppe gibt.

Insofern zeigt Ozu relativ geschickt, “how often serious and unserious matters can (…) seem interchangable”, wie Filmkritiker Jonathan Rosenbaum in seinem Criterion-Essay “Structures and strictures in suburbia” schreibt. Die Faszination der Kinder für das Fernsehgerät, wie auch ihr Englischunterricht und der Waschmaschinenkauf der Haraguchis, zeugen vom wachsenden westlichen Einfluss auf die japanische Gesellschaft, wie ihn Ozu auch in seinen finalen Film Sanma no aji [An Autumn Afternoon] später einbaut. “Someone said TV will create 100 million idiots”, meint der Vater (Chishū Ryū) von Minoru und Isamu zum Aufbegehren für den Fernseher. “It’s the rebellious phase”, tut seine Gattin den Streik der Jungen ab.

Besonders Shimazu-chan gefällt mit seinem aufbrausenden Temperament und gleichzeitigen kindlichen Unbedarftheit (“I love you”), während er teils hin- und hergerissen scheint zwischen Loyalität zu Minoru und seinen täglichen Bedürfnissen. Ozu wiederum schafft es, selbst dem Furz-Witz – die Jungen konsumieren Bimssteine, um Blähungen zu erzeugen – in all seiner Redundanz immer wieder neue Facetten beizusteuern. Rosenbaum macht dann in dem Furz-Spiel von Minoru und Co. “the boys’ way of saying ‘Good morning’ to each other” aus, obschon sie ihre Eltern im Speziellen und Erwachsene allgemein gerade für alltäglich kommunizierte Floskeln wie „Guten Morgen“, „Schönes Wetter heute“ etc. an den Pranger stellen.

Der Humor in Ohayō erinnert entfernt an den eines Jacques Tati, ist aber – entgegen mancher Annahme – prinzipiell nicht ungewöhnlich für Ozu (so gerät auch Sanma no aji durchaus amüsant). Dies zeigt auch sein früher Stummfilm I Was Born, But… von 1932, als dessen Quasi-Remake Ohayō gilt, selbst wenn die Filme prinzipiell wenig gemein haben, außer dass in ihrem Verlauf zwei Brüder in einem Vorort Tokios gegen ihre Eltern streiken. Am Ende von Ohayō verkehrt sich alles irgendwie ins Positive, ungeachtet der Kommunikation der Figuren. Bedeutungslose Dinge sagen sich leicht, wichtige Dinge fallen schwer – Ozu Yasujirō dagegen besitzt das Talent, das Bedeutungsvolle und Bedeutungslose mit Leichtigkeit zu verknüpfen.

7.5/10

7. April 2017

Sanma no aji [An Autumn Afternoon]

Make hay while the sun shines.

Vor fünf Jahren war es dann geschafft: Bei der alle Jahrzehnte stattfindenden Umfrage von Sight & Sound unter Regisseuren verdrängte Ozu Yasujirōs Tōkyō monogatari [Tokyo Story] nach zwei Jahrzehnten Orson Welles’ Citizen Kane von Platz 1 der besten Filme aller Zeiten. Und das, wo der Film bei den beiden Befragungen der Regisseure zuvor nicht einmal unter den Top Ten landete. Ozu gilt gemeinhin als einer der besten Auteure der Film-Geschichte und vollendete bis auf wenige Ausnahmen ähnlich wie ein Woody Allen nahezu jährlich mindestens ein Werk. Das letzte solche war Sanma no aji [An Autumn Afternoon], der 1962 veröffentlicht wurde – rund 13 Monate ehe Ozu an seinem 60. Geburtstag schließlich seinem Krebsleiden erlag.

Ozus finaler Film handelt wie so viele seiner Werke von familiären Beziehungen zwischen Eltern und Kind. Der Witwer Hirayama (Chishū Ryū) trifft sich mit seinen ehemaligen Schulkameraden Kawai (Nakamura Nobuo) und Horie (Kita Ryūji) zu einem Klassentreffen. Zu diesem wird mit Sakuma (Tōno Eijirō), Spitzname „der Flaschenkürbis“, auch ein ehemaliger Lehrer der Männer eingeladen. Inzwischen betreibt er einen Nudel-Imbiss und lebt verwitwet mit seiner erwachsenen Tochter. Der Alkoholiker Sakuma macht Hirayama bewusst, dass er selbst seine Tochter Michiko (Iwashita Shima) – mit 24 Jahren im besten Alter – verheiraten muss, wenn er vermeiden will, dass ihr letztlich dasselbe Schicksal droht wie der Tochter von Sakuma.

Michiko, die von ihrem Vater eingangs noch als zu naiv beschrieben wird, um sich für das andere Geschlecht zu interessieren, nimmt in Sanma no aji dabei lediglich eine Nebenrolle ein. Ozus Film fokussiert sich auf Hirayama und die übrigen älteren Männer, die scheinbar tagaus, tagein ihren Arbeitstag damit beschließen, sich in Bars hemmungslos dem Bier, Sake und Whiskey hinzugeben. Die Mehrheit von ihnen scheint verwitwet zu sein und während Horie sich eine junge neue Frau suchte – nur wenige Jahre älter als seine Tochter –, führen andere Witwer wie Sakuma und Hirayama ihren Alltag mit ihren Töchtern an ihrer Seite fort. “I’d hate to end up like that”, sagt Hirayama zwar in Bezug auf Sakuma; “But you will”, betont Kawai.

Worüber sich Hirayama zu Beginn noch keine Gedanken machte, wird durch die Präsenz von Sakuma plötzlich bedrohliche Realität. “My selfishness ruined her life”, gesteht sich der alte Lehrer später hinsichtlich des Lebens seiner Tochter ein. Hirayama, dem Ozu in seiner Geschichte keine sonderlich enge Bindung zu Michiko schenkt, muss zwischen seiner Abhängigkeit zu seiner Tochter und deren Lebensglück wählen. Schlussendlich entscheidet er sich dafür, die Heirat der 24-Jährigen voranzubringen – und gibt sich hierbei sogar ausgesprochen liberal. “Probably best to let her marry the man she likes”, bespricht er sich mit seinem ältesten Sohn Koichi (Sada Keiji), auf dessen Arbeitskollegen Michiko scheinst ein Auge geworfen hat.

Gegenüber einem thematisch nicht unähnlichen Film wie Ichikawa Kons Adaption Sasameyuki [The Makioka Sisters] dreht sich Sanma no aji jedoch nun nicht darum, einen passenden Ehemann für die zu verheiratende junge Frau zu finden. Zwar gibt es mehrere Anwärter, mit Koichis Arbeitskollegen auf der einen Seite sowie einem anonymen Kandidaten, den Kawai zu Beginn ins Spiel bringt, doch Ozu hält Michiko weiterhin im Hintergrund des Geschehens. Im Vordergrund steht, wie die Männer in dieser Welt mit ihrer Umgebung und der Rolle der Frauen darin umgehen. Der Regisseur zeichnet die Herren dabei weitestgehend als hoffnungslose Alkoholiker und Träumer, abhängig von der Gunst und der Unterstützung des weiblichen Geschlechts.

Koichi selbst erhält hierbei eine eigene Nebenhandlung, in welcher er und seine Frau Akiko (Okada Mariko) sich als Nachkriegsgeneration der fortschreitenden Amerikanisierung der japanischen Gesellschaft hingeben. Koichi leiht sich von seinem Vater Geld, um einen Kühlschrank kaufen zu können. Sein Augenmerk gilt jedoch eher einem Set gebrauchter Golfschläger, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann. Die Zustimmung seiner Gattin hat Koichi dabei nicht, zudem macht Akiko gemeinsam mit Michiko mehr als einmal deutlich, dass Koichi auch nicht wirklich den Respekt erhält, der ihm als designiertes Familienoberhaupt der patriarchalischen Struktur innerhalb des Hirayama-Haushalts eigentlich gebührt.

Gemäß dem Audiokommentar von Filmwissenschaftler David Bordwell keine ungewöhnliche Darstellung im japanischen Kino. Bordwell liefert auch sonst informative Hintergründe zur Biografie Ozus und zu seiner typischen Art der Mise en Scène. “Typically Ozu’s films concentrate on few settings, revisiting and changing circumstances”, sagt Bordwell in Bezug auf die Locations in Sanma no aji, die primär aus Hirayamas Büro, seinem Zuhause, dem von Koichi sowie zweier Bars bestehen. Auch die für Ozu klassische unbewegte Kamera und seine tiefen Einstellungswinkel dürfen in seinem finalen Film nicht fehlen, der zu den wenigen sechs Werken gehört, die der Japaner in Farbe drehte (und dies ebenfalls in seine Mise en Scène integrierte).

“Ozu is mysterious in his simplicity”, berichtet der Filmkritiker Michel Ciment in einem Fernsehfeature des Bonusmaterials einem Kollegen. Die Handlung ist wie so oft bei Ozu sehr einfach gestrickt, aber deswegen keinesfalls belanglos. Für den französischen Schriftsteller Georges Perec erzählen Ozus Films “what’s happening when nothing is going on”. Dabei ist Sanma no aji trotz der subtil vorherrschenden Tragik der mehr von Abhängigkeit denn Liebe gezeichneten Eltern-Kind-Beziehung ein ausgesprochen amüsanter Film, der einige sehr nette running gags mit sich bringt zwischen der Altherrengruppe um Hirayama, Kawai und Horie. Ein würdiger Abschluss unter die Filmografie eines der wohl besten Auteure der Film-Geschichte.

8/10

1. November 2014

Filmtagebuch: Oktober 2014

ARUITEMO ARUITEMO [STILL WALKING]
(J 2008, Kore-eda Hirokazu)

8/10

BAI RI YAN HU [FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG]
(CN 2014, Diāo Yìnán)

6/10

CHILD’S PLAY [CHUCKY – DIE MÖRDERPUPPE]
(USA 1988, Tom Holland)

2.5/10

DEUX JOURS, UNE NUIT [ZWEI TAGE, EINE NACHT]
(B/F/I 2014, Jean-Pierre Dardenne/Luc Dardenne)
6/10

DEXTER – SEASON 1
(USA 2006, Michael Cuesta u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 2
(USA 2007, Marcos Siega u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 3
(USA 2008, Marcos Siega u.a.)
8/10

THE DOUBLE
(UK 2013, Richard Ayoade)
3/10

EDGE OF TOMORROW (3D)
(USA/AUS 2014, Doug Liman)

7/10

ENEMY
(CDN/E 2013, Denis Villeneuve)
8/10

THE EXORCIST [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1973, William Friedkin)

5/10

FED UP
(USA 2014, Stephanie Soechtig)
7/10

FRIENDS – SEASON 1
(USA 1994/95, James Burrows u.a.)
7.5/10

FROZEN
(USA 2010, Adam Green)
3/10

THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO [VERBLENDUNG]
(USA/S/N 2011, David Fincher)

4/10

GONE GIRL
(USA 2014, David Fincher)
5.5/10

THE INTERNET’S OWN BOY: THE STORY OF AARON SWARTZ
(USA 2014, Brian Knappenberger)
6/10

INTERSTELLAR
(USA/UK 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

IVORY TOWER
(USA 2014, Andrew Rossi)
6/10

THE JUNGLE BOOK [DAS DSCHUNGELBUCH]
(USA 1967, Wolfgang Reitherman)

7/10

MICKEY BLUE EYES
(USA/UK 1999, Kelly Makin)
8.5/10

NIGHTBREED [CABAL – DIE BRUT DER NACHT]
(USA 1990, Clive Barker)

3/10

NIGHTCRAWLER
(USA 2014, Dan Gilroy)
8.5/10

OBVIOUS CHILD
(USA 2014, Gillian Robespierre)
4.5/10

OKTOBER NOVEMBER
(A 2013, Götz Spielmann)
6/10

THE SACRAMENT
(USA 2013, Ti West)
3/10

SE7EN [SIEBEN]
(USA 1995, David Fincher)

7/10

THE SIEGE [AUSNAHMEZUSTAND]
(USA 1998, Edward Zwick)

6/10

SOSHITE CHICHI NI NARU [LIKE FATHER, LIKE SON]
(J 2013, Kore-eda Hirokazu)

7/10

STROMBERG - DER FILM
(D 2014, Arne Feldhusen)
6/10

THEY CAME TOGETHER
(USA 2014, David Wain)
2.5/10

THOR
(USA 2011, Kenneth Branagh)
4.5/10

THOR: THE DARK WORLD [THOR – THE DARK KINGDOM]
(USA 2013, Alan Taylor)

3.5/10

TODA-KE NO KYŌDAI [DIE GESCHWISTER TODA]
(J 1941, Ozu Yasujirô)

5.5/10

TŌKYŌ MONOGATARI [DIE REISE NACH TOKIO]
(J 1953, Ozu Yasujirô)

7/10

THE TWO FACES OF JANUARY [DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS]
(UK/F/USA 2014, Hossein Amini)

5.5/10

UNDER SIEGE [ALARMSTUFE: ROT]
(USA/F 1992, Andrew Davis)

6.5/10

WEDDING CRASHERS [DIE HOCHZEITS-CRASHER]
(USA 2005, David Dobkin)

8/10

ZODIAC [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2007, David Fincher)

8/10