Posts mit dem Label Chris Hemsworth werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Chris Hemsworth werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

5. Oktober 2018

Bad Times at the El Royale

We might need to work on your sales pitch.

In seinem Gedicht “Faith” glaubte Edgar Guest, “that strangers are friends that we some day may meet”. Allerdings hatte Guest nie die Gelegenheit, im einst renommierten und inzwischen verblassten El Royale zu nächtigen. Das Hotel mitten auf der Staatsgrenze zwischen Kalifornien und Nevada beherbergte einst das Rat Pack und andere illustre Gestalten. Solche, wenn auch weniger namhaft, finden sich auch zu Beginn von Drew Goddards Bad Times at the El Royale in dem Etablissement ein. Vom katholischen Priester Flynn (Jeff Bridges) über die Soul-Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) hin zum Staubsauger-Vertreter Laramie Sullivan (Jon Hamm). Doch im El Royale ist dieses Mal nichts, wie es scheint – einschließlich seiner Gäste.

Die meisten von ihnen führen nicht nur buchstäbliches Gepäck mit sich, darunter auch Emily (Dakota Johnson), die mit einer Geisel (Cailee Spaeny) anreist. Wer die Figuren sind und welche Vorgeschichte sie mit sich bringen, dröselt Goddard nach einer ersten Einführung in einzelnen Segmenten auf. Welche Rolle sie spielen oder jene ominöse Tasche, die Nick Offerman in der Eröffnungsszene unter einem der Hotelzimmer vergräbt, bleibt lange offen. Und wird im Nachhinein auch nur halbherzig von Goddard erklärt. Sein Bad Times at the El Royale ist ein Kuddelmuddel aus Genre-Versatzstücken, in dem sich unter anderem Elemente aus James Mangolds Identity, Quentin Tarantinos The Hateful Eight oder Michael Bays The Rock treffen.

Goddard reißt narrativ viel an, ohne wirklich Interesse an dem zu haben, was er im Moment erzählt. Seine Geschichte ist mal Thriller, dann kurz Heist-Film, bisweilen Krimi, aber selten etwas davon lange genug, um eine Spur von Dynamik zu entwickeln. Dabei hat das Grundkonzept der Fremden, die sich in einer abgelegenen Lokalität mit unterschiedlichen, gegensätzlichen Agenden wiederfinden, prinzipiell Potential. Einschließlich solcher Figuren wie Emily als Femme fatale, dem verschüchterten Concierge Miles (Lewis Pullman) oder Flynn und Sullivan, die vorgeben, jemand zu sein, der sie nicht sind. Wie das Setting selbst weiß Goddard jedoch nicht so recht, wie er dieses mit den Charakteren und ihren Backstories zusammenbringen soll.

So macht der Film eingangs viel Aufhebens um die Tatsache, dass das El Royale auf der Staatslinie zwischen Kalifornien und Nevada gebaut ist. Was mit sich bringt, dass sich die Zimmerpreise unterscheiden oder nur auf einer Seite der Anlage Alkohol ausgeschenkt werden darf. Ein Umstand, der für die Geschichte in der Folge aber keine Bedeutung hat, wo man zuvor noch mutmaßen würde, es könnte im Verlauf zu Verwicklungen in möglichen Gerichtsbarkeiten kommen, wie sie das Bundesstaaten-System der USA möglich macht. Wie einige andere Entwicklungen im Film verfolgt Goddard dies allerdings nicht weiter, auch deswegen, da er in der zweiten Hälfte sein Interesse verstärkt einem weiteren unausgegorenen Subplot widmet.

Wie im Trailer mehr als prominent zu sehen, betritt irgendwann Chris Hemsworth als Charles-Manson-Verschnitt Billy Lee die Bühne, basierend auf einer Vorgeschichte mit einer der Figuren. Mit seinem Erscheinen bricht Hemsworth Bad Times at the El Royale vollends das Genick: Einerseits, weil die Geschichte um ihn und seine Sekte wie die Figuren zuvor keine wirkliche Exposition erfährt und eher irritiert als fasziniert. Andererseits, weil Goddard seinen Kumpel aus The Cabin in the Woods mal wieder herumblödeln lässt, was diesem (s. Ghostbusters) ohnehin selten gut zu Gesicht steht. Zumal Billy Lee eher wirkt, als hätte er eine Performance à la Michael Madsen verdient, anstatt ein soziopathischer Hippie-Clown mit Sixpack zu sein.

Dass Goddard dieses Konzept eines 90-Minüters auch noch über zweieinhalb Stunden (gefühlt: drei) laufen lässt, setzt dem Ganzen schlussendlich die Krone auf. Zumindest schauspielerisch gibt sich das Ensemble – mit Hemsworth und Abstrichen auch Johnson als Ausnahme – keine Blöße. Speziell Erivo und Pullman bleiben im Gedächtnis. Bad Times at the El Royale ist kein Totalausfall, fällt aber deutlich in die Kategorie solcher Werke wie Smokin’ Aces, die merklich auf Kultfilm getrimmt sind. In gewisser Weise will er also selbst ein Freund sein, den der Zuschauer als Fremder trifft. Manchmal bleibt einem aber ein Fremder eben auch fremd. Insofern ist der Titel von Bad Times at the El Royale gar nicht einmal so falsch gewählt.

5/10

22. April 2015

Avengers: Age of Ultron

I know you mean well. But you just didn’t think it through.

Befragt nach Avengers: Age of Ultron soll Regisseur Joss Whedon gemeint haben, der Film werde “smaller” und “not just a rehash of what worked the first time”. Anhand dieser Äußerungen muss das jüngste Action-Fest aus dem Hause Marvel als gescheitert betrachtet werden. Kleiner ist das so genannte Marvel Cinematic Universe hier keineswegs, vielmehr folgt Whedon der Blockbuster-Marschrichtung: The bigger, the better. Das heißt mehr Action, mehr Figuren, mehr, mehr, mehr. Und im Umkehrschluss vermutlich auch mehr Einnahmen an den Kinokassen als das 1,5-Milliarden-Dollar-Baby The Avengers. Am Vorgänger orientiert sich das Sequel speziell in seinem finalen Set Piece teils 1:1, was Age of Ultron entsprechend langweilig macht.

Hilfreich für die Spannung ist ebenso wenig, dass Marvel im Vorfeld groß sein Line-up bis 2019 ankündigt, inklusive dem Benennen, welche Figuren in welchen Filmen auftauchen werden. Wer sich also mit der Materie auseinandersetzt, weiß schon vorab, wer am Ende des Films ins Gras beißen und um wen man sich keine Sorgen machen muss. Dass zahlreiche Trailer und TV Spots die Handlung vorwegnehmen, ist derweil schon seit Jahren Gang und Gebe in Hollywood. Insofern ist Age of Ultron ein ziemlich ermüdender Film, der ohne wirkliche Höhepunkte daherkommt. Die Action ist belanglos und die Charaktermomente verschenkt, weil die Mehrheit der Figuren – auch aufgrund ihrer Anzahl – wenig bis nichts zu tun bekommt.

Die Handlung des Films setzt dabei einige Zeit nach den Ereignissen von Captain America: The Winter Soldier ein. Obschon S.H.I.E.L.D. de facto nicht mehr existiert, da von HYDRA unterwandert, sind die Avengers scheinbar immer noch in Aktion, wie das Opening Set Piece in medias res zeigt. Captain America (Chris Evans) hat die Suche nach seinem alten Kameraden Bucky Barnes in die Hände von Falcon (Anthony Mackie) gelegt, kämpft stattdessen mit Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Hulk (Mark Ruffalo) gegen die Schergen von HYDRA-Bösewicht Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) im fiktiven osteuropäischen Land Sokovia.

Schnell erledigt man sich der hier aufgefundenen Probleme und hat HYDRA scheinbar endgültig besiegt. Für die Figuren von Downey Jr. und Ruffalo Anlass, mit Hilfe von Lokis geborgenem Zepter und dem darin enthaltenen Infinity Stone ihr Projekt der künstlichen Intelligenz Ultron zu perfektionieren. Diese soll auf lange Sicht die Avengers obsolet machen und selbstständig die Erde vor (außer-)irdischer Bedrohung schützen. Nur hat Ultron (James Spader) andere Pläne, strebt vielmehr danach, die Avengers und die Menschheit auszulöschen, weil sie in ihrer Evolution stagniert seien. Helfen sollen ihm dabei die aus Sokovia stammenden Mutanten-Zwillinge Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch (Elizabeth Olsen).

Die haben mit Tony Stark noch ein Hühnchen zu rupfen, weil ihr Haus einst von einer Rakete zerstört wurde, die Stark Industries hergestellt und verkauft hat. Nunmehr Waisen stellten sie sich in den Dienst von HYDRA und Baron von Strucker. Für die Avengers gilt es also, Frankensteins Monster zu eliminieren, ehe es Schaden anrichtet. Eine Mission, die die Helden vom fiktiven afrikanischen Staat Wakanda zum real existierenden Staat Südkorea über eine Zwischenstation in den USA zurück nach Sokovia führt. Mittendrin gibt es viel Krawall und Remmidemmi, in dessen Verlauf die Avengers quasi zu Terroristen avancieren, selbst wenn Ex-S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill (Cobie Smulders) dies charmant zum Social Media Trend euphemisiert.

Wirklicht thematisiert wird allerdings nicht, dass Iron Man und Hulk Anfang des zweiten Akts in Wakanda eine halbe Stadt in Schutt und Asche legen, bei der mehrere Gebäude beschädigt oder sogar zerstört werden. Womöglich sterben auch Menschen, was in diesen Disney-Marvel-Filmen schwer zu sagen ist. Später wird Joss Whedon diese innerstädtische Zerstörungsorgie noch zwei Mal wiederholen und damit Man of Steel toppen, der dies nur in zwei Städten wagte. Hier zeigt sich – zumindest für mich – eines der großen Probleme der Superhelden-Filme der Gegenwart, die glauben, großes Drama lässt sich nur dort inszenieren, wo es die Leute mitbekommen: mitten in der Stadt. Problematisch wird es, wenn ein Film hierbei redundant ausfällt.

Dass weniger manchmal mehr ist, haben Ang Lee und Bryan Singer vor zwölf Jahren in ihren Comic-Adaptionen unter Beweis gestellt. Dort wird in Hulk nicht halb San Francisco in Schutt und Asche gelegt, lediglich eine Straße aufgerissen und sowohl in X-Men als auch in X2 spielt sich der Konflikt zwischen Helden und Antagonisten außerhalb Bevölkerungsansammlungen ab. Wenn Whedon dann im Finale von Age of Ultron eine gesteigerte Neuauflage von The Avengers abliefert, spricht das Bände ob der fehlenden Ideen für dieses Sequel. Zugleich zeigen sich hier nochmals verstärkt die Probleme, die dem Film schon in seinen anderthalb Stunden zuvor die meiste Zeit über innewohnten: Er weiß mit seinen Figuren (zu) wenig anzufangen.

Denn zu den bereits angesprochenen Helden gesellen sich im Verlauf noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), War Machine (Don Cheadle) und der Android The Vision (Paul Bettany). Der Film beherbergt derart viele Figuren, dass er nie Zeit findet, sich wirklich um sie zu kümmern. Allenfalls Tony Stark bekommt eine richtige Handlung auf den Leib geschrieben, als moderner Dr. Frankenstein, dem seine Schöpfung abhanden kommt. Bezeichnend ist, wenn Thor Mitte des zweiten Akts kurzzeitig die Gruppe verlässt, um sich um eine Nebenhandlung zu kümmern, die sich im Off abspielt, für die aus unerfindlichen Gründen aber dennoch Stellan Skarsgård kurzzeitig zurück ins Franchise gezerrt wird. Alles im Dienste des Marvel Cinematic Universe.

Rechnet man die kleinen Nebenrollen von Andy Serkis als Ulysses Klaw (vorausschauend für Black Panther in zwei Jahren eingeführt) und Claudia Kim als Genetikerin Helen Cho dazu, plus Cameos von Idris Elba und Haley Atwell, beinhaltet Age of Ultron beinahe zwei Dutzend Figuren. Nahezu dankbar muss man sein, dass da die Helden-Freundinnen Gwyneth Paltrow und Natalie Portman nur in zwei Halbsätzen erwähnt werden. Und dennoch opfert Whedon Zeit, um zwei der übrigen Figuren mit einer aus heiterem Himmel ins Geschehen geschriebenen Romanze, der jegliches Fundament fehlt, auszustatten. Ironischerweise sind dies dann noch die dankbareren Momente, weil die Charaktere hier zumindest etwas zu tun kriegen.

Zumindest der Ansatz, den Joss Whedon mit Age of Ultron verfolgt, ist vielversprechender als noch im Vorgänger die beliebig erscheinende Alien-Invasion. Ultron als ultimativer Avenger ist nachvollziehbar gedacht, seine augenblicklich eintretende Abkehr vom Schöpfer wirkt aber so überhastet, wie sein finaler Plan in sich selbst unsinnig. Er ist, wie so vieles in diesem Film, bloß Mittel zum Zweck und Aufhänger für die nächste Actionszene. Das Potential der Handlung wird ebenso verschenkt wie seine Figuren in dieser, von denen der im Vorgänger blass gebliebene Hawkeye vermeintlich etwas mehr Tiefe bekommt – nur macht diese den langweiligen Bogenschützen, trotz aller im Film geäußerten Beteuerungen, nicht wirklich interessanter.

Ein Urteil, das auf die meisten hier zutrifft. Wirklich spannend ist lediglich die Beziehung von Stark und Ultron, ohne dass Whedon sie vollends ins Zentrum stellt. Sie wird angerissen, wie so vieles, darunter auch die Folgen, die das Treiben von Iron Man und Avengers auf die Menschheit haben (siehe Quicksilver und Scarlet Witch oder Wakanda/Sukovia). Beiläufig erwähnt, weil: keine Zeit. Wirklich Leben bekommen die Mutanten nicht eingehaucht, genauso wenig wie The Vision. Und der eigentlich vielschichtige Ultron verkommt schnell zum 0815-Maniac, der mit seinem Weltzerstörungsplan ebenso gut der Widersacher von James Bond wie den Avengers sein könnte. Etwas mehr Auseinandersetzung mit sich selbst wäre nett gewesen.

Etwas, was man Whedon und Marvel generell als Rat mitgeben möchte. Denn irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, keine Stadt mehr zerstörbar, auch die letzte Minute der zweieinhalbstündigen Laufzeit mit am Computer gerenderter Action ausgefüllt. Dass man mit wenig auch viel, wenn nicht sogar mehr erreichen kann, zeigte zuletzt Marvels auf Netflix exportierte Serie Daredevil. Hier ist der Bösewicht eine reale Figur mit Persönlichkeit und der Held ein mit sich hadernder Weltverbesserer, beide sich nicht unähnlich und doch mit unterschiedlichen Ansätzen. Ihr Konflikt ist spannend und steht im Fokus des Geschehens. Manchmal ist weniger mehr. Zumindest an den Kinokassen wird das für Age of Ultron aber irrelevant sein.

3.5/10

1. November 2014

Filmtagebuch: Oktober 2014

ARUITEMO ARUITEMO [STILL WALKING]
(J 2008, Kore-eda Hirokazu)

8/10

BAI RI YAN HU [FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG]
(CN 2014, Diāo Yìnán)

6/10

CHILD’S PLAY [CHUCKY – DIE MÖRDERPUPPE]
(USA 1988, Tom Holland)

2.5/10

DEUX JOURS, UNE NUIT [ZWEI TAGE, EINE NACHT]
(B/F/I 2014, Jean-Pierre Dardenne/Luc Dardenne)
6/10

DEXTER – SEASON 1
(USA 2006, Michael Cuesta u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 2
(USA 2007, Marcos Siega u.a.)
8/10

DEXTER – SEASON 3
(USA 2008, Marcos Siega u.a.)
8/10

THE DOUBLE
(UK 2013, Richard Ayoade)
3/10

EDGE OF TOMORROW (3D)
(USA/AUS 2014, Doug Liman)

7/10

ENEMY
(CDN/E 2013, Denis Villeneuve)
8/10

THE EXORCIST [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1973, William Friedkin)

5/10

FED UP
(USA 2014, Stephanie Soechtig)
7/10

FRIENDS – SEASON 1
(USA 1994/95, James Burrows u.a.)
7.5/10

FROZEN
(USA 2010, Adam Green)
3/10

THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO [VERBLENDUNG]
(USA/S/N 2011, David Fincher)

4/10

GONE GIRL
(USA 2014, David Fincher)
5.5/10

THE INTERNET’S OWN BOY: THE STORY OF AARON SWARTZ
(USA 2014, Brian Knappenberger)
6/10

INTERSTELLAR
(USA/UK 2014, Christopher Nolan)
3.5/10

IVORY TOWER
(USA 2014, Andrew Rossi)
6/10

THE JUNGLE BOOK [DAS DSCHUNGELBUCH]
(USA 1967, Wolfgang Reitherman)

7/10

MICKEY BLUE EYES
(USA/UK 1999, Kelly Makin)
8.5/10

NIGHTBREED [CABAL – DIE BRUT DER NACHT]
(USA 1990, Clive Barker)

3/10

NIGHTCRAWLER
(USA 2014, Dan Gilroy)
8.5/10

OBVIOUS CHILD
(USA 2014, Gillian Robespierre)
4.5/10

OKTOBER NOVEMBER
(A 2013, Götz Spielmann)
6/10

THE SACRAMENT
(USA 2013, Ti West)
3/10

SE7EN [SIEBEN]
(USA 1995, David Fincher)

7/10

THE SIEGE [AUSNAHMEZUSTAND]
(USA 1998, Edward Zwick)

6/10

SOSHITE CHICHI NI NARU [LIKE FATHER, LIKE SON]
(J 2013, Kore-eda Hirokazu)

7/10

STROMBERG - DER FILM
(D 2014, Arne Feldhusen)
6/10

THEY CAME TOGETHER
(USA 2014, David Wain)
2.5/10

THOR
(USA 2011, Kenneth Branagh)
4.5/10

THOR: THE DARK WORLD [THOR – THE DARK KINGDOM]
(USA 2013, Alan Taylor)

3.5/10

TODA-KE NO KYŌDAI [DIE GESCHWISTER TODA]
(J 1941, Ozu Yasujirô)

5.5/10

TŌKYŌ MONOGATARI [DIE REISE NACH TOKIO]
(J 1953, Ozu Yasujirô)

7/10

THE TWO FACES OF JANUARY [DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS]
(UK/F/USA 2014, Hossein Amini)

5.5/10

UNDER SIEGE [ALARMSTUFE: ROT]
(USA/F 1992, Andrew Davis)

6.5/10

WEDDING CRASHERS [DIE HOCHZEITS-CRASHER]
(USA 2005, David Dobkin)

8/10

ZODIAC [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2007, David Fincher)

8/10

13. Oktober 2012

Snow White and the Huntsman vs. Mirror Mirror

Kreativität in Hollywood ist seit längerem eine eher rare Sache. Und wenn es eine Idee für einen Film gibt, haben sie oftmals mehrere Personen gleichzeitig. Sozusagen. Daher veröffentlichten 1998 sowohl Pixar als auch DreamWorks je einen Film über Ameisenhelden (A Bug’s Life vs. Antz). Im selben Jahr drohte zudem sowohl in Deep Impact als auch in Armageddon ein Meteorit die Erde auszulöschen. Auch sonst leuchten die Glühbirnen gerne mal doppelt auf. So waren ursprünglich zwei unterschiedliche Filme über Frida Kahlo als auch Sherlock Holmes geplant, produziert wurden letztlich nur Frida und Sherlock Holmes, während die Projekte um Jennifer Lopez beziehunsweise Sacha Baron Cohen auf Eis gelegt wurden.

Die Liste der filmthematischen Doppelgänger ließe sich fortsetzen mit den 2006er Zauberer-Mysterien The Prestige und The Illusionist, den Mars-Missionsfilmen aus dem Jahr 2000, Mission to Mars und Red Planet, oder den Vulkan-Dramen Dante’s Peak und Volcano von 1997. Dieses Jahr erschienen im Abstand von wenigen Wochen Snow White and the Huntsman und Mirror Mirror, zwei unterschiedliche Adaptionen der Schneewittchen-Mär der Gebrüder Grimm. Der eine Film war düster gehalten, der andere dagegen bunt. Aber welcher ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll anstatt eines gewöhnlichen Reviews ein Head-to-Head feststellen, wer die Schönste (Verfilmung) im ganzen Land ist.

Snow White

Auf der einen Seite haben wir Twilight-Vamp Kristen Stewart, die mit Schnutengesicht im Kerker gehalten und dennoch eines Tages vom Zauberspiegel zur “fairest of them all” gekürt wird. Es zählen eben die inneren Werte. Anschließend auf der Flucht und in steter Not, ist sie bis zum Finale abhängig von ihren männlichen Protagonisten, sodass Snow White and the Huntsman gar nicht so emanzipiert daherkommt, wie man zuvor vielleicht hätte vermuten können. Stewart bleibt dabei ähnlich blass wie in ihren bisherigen Filmen, mit einer pathetischen Kriegsrede à la Jeanne d’Arc als grausigem Highlight. Sex-Appeal-Faktor: 15%

Weitaus puppenhafter und lebendiger kommt dagegen Phil Collins’ Tochter Lily daher, die ebenfalls eine Gefangene der bösen Königin ist, wenn auch sehr viel sauberer im privaten Schlafgemach gehalten. Wieso beide Königinnen die Mädchen am Leben erhalten, bleibt allerdings offen. Die Snow White in Mirror Mirror ist sehr viel selbstbestimmter und aktiver als die stewartsche Version. Sie übernimmt das Kommando im Zwergenhaushalt, wird per Montage zur kampferprobten Mini-Amazone und wirkt besser ausgearbeitet, was vielleicht daran liegt, dass die Figur näher an der Disney-Version orientiert ist. Sex-Appeal-Faktor: 85%

The Evil Queen

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann schreit Charlize Theron noch heute. Sich total der Hysterie hingebend, keift die Südafrikanerin den Großteil ihrer Dialogzeilen und ist angetrieben vom Wahn nach ewiger Jugend. Oder ewiger Macht. Oder beidem. Scheinbar mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet, die nie vollends erklärt werden (ihr Bruder hat jedenfalls keine), lässt ihre tyrannische Ravenna das Land vor die Hunde gehen, weil das eben das ist, was Tyrannen so machen. Da Geschrei aber nicht sonderlich maliziös ist und Theron jegliche Selbstironie abgeht, fehlt es auch dieser Figur schlicht an Charakter. Bitch-Faktor: 30%

Völlig von der Erde losgelöst spielt dagegen Julia Robert genüsslich ihre böse Königin mit ordentlich Hang zur Selbstironie (“They’re not wrinkles. They’re just crinkles”) und einem gehörigen Schuss Sarkasmus. Zwar fehlt auch ihrer Figur die Motivation, ebenso wie ihre Beziehung zum Zauberspiegel offene Fragen zurücklässt, aber Roberts ist einer der Höhepunkte des Films. Insbesondere ihre Dialoge mit Nathan Lane, aber auch ihr im Übermaß ausgelebter Hang zum Narzissmus zeichnen die Figur aus, die letztlich nur darunter leidet, dass ihr das Drehbuch ein ausgesprochen schwaches Finale zugestanden hat. Bitch-Faktor: 70%

The Love Interest

Es ist schon bemerkenswert, dass Kristen Stewart auch in Snow White and the Huntsman wieder gleich zwei love interests an die Backe geschmiert bekommt. Das kennt sie ja bereits aus den Twilight-Filmen oder Adventureland. Ähnlich wie dort sind sie einem auch hier ziemlich Jacke wie Hose, sowohl Chris Hemsworths charmefreier Antiheld „Eric“ aka der Jägersmann als auch Sam Claflins aufrechte Jugendliebe. Ersterer versucht sich (und scheitert) als verwitweter Alkoholiker in einer Rolle, für die er zu jung scheint. Letzterer hat von vorneherein den Kürzeren gezogen, da er in der Friend Zone festhängt. Mr. Right-Faktor: 50%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Armie Hammers Prinz Alcott, der als treudoofer Naivling zum Liebesobjekt für Snow White und zum Goldesel für die Königin avanciert. Letztlich dient Hammers Prinzenrolle eher dem comic relief, sodass ihm zumindest Hemsworths Macho-Figur bei einer direkten Konfrontation problemlos den Gar ausmachen würde. Da in Mirror Mirror jedoch weniger aufgesetzte Pseudo-Seriosität von Bedeutung ist, denn selbstironische Persiflage, fällt Alcotts peinliches Welpenverhalten weniger negativ auf als man erwarten würde. Zudem wirkt seine Zuneigung zu Snow White aufrichtiger. Mr. Right-Faktor: 50%

The Dwarves

Welche Rolle die Zwerge in Snow White and the Huntsman spielen, merkt man bereits am Titel: Sie wurden schlichtweg ersetzt. Zwar prominent gecastet sind sie jedoch extrem unpräsent, abgesehen vom Übergang des zweiten zum dritten Akts. An und für sich würde der Film auch ohne sie genauso funktionieren, da sie einem schlicht nicht in Erinnerung bleiben. Einige von ihnen wie Ian McShane, Ray Winstone oder Nick Frost sind eklatant unterfordert, außer Eddie Marsan und Toby Jones kriegt auch keiner von ihnen – bis auf den achten Zwerg, dessen Schicksal vorhersehbar war – wirklich einen Charakter. Heigh-Ho-Faktor: 15%

Anders dagegen in Mirror Mirror, wo schon allein die Tatsache ins Auge springt, dass es sich um eine Multi-Ethnische-Zwergentruppe handelt. Vom Asiaten über den Latino bis hin zum Kaukasier stellen sie hier mehr eine Art Zusammenschluss dar, weniger einen Familienverbund. Außerdem sind sie auch weitaus mehr in die Handlung eingebunden und verfügen dementsprechend über klar erkennbare Persönlichkeiten – was sie am meisten von ihren Pendants des anderen Films unterscheidet. Bis auf den etwas nervigen Wolf sind sie auch allesamt ziemlich liebenswert in ihrer oftmals anarchischen Art und Weise. Heigh-Ho-Faktor: 85%

The Mirror

Nun zum Zauberspiegel, der als eine Art Schönheits-11880 die eigentliche Handlung erst lostritt und damit zumindest eine untergeordnete Rolle einnimmt. In Snow White and the Huntsman ist er ein riesiger Gong aus dem heraus sich eine verhüllte Gestalt herausmorpht. Matrix trifft Herr der Ringe. Er ist es, der die in ihrem eigenen Dreck dahinvegetierende Snow White zur “fairest of them all” erhebt – und sie damit zur Zielscheibe macht. Ähnlich übertrieben aufwendig inszeniert wie Tarsems Pendant, bedenkt man, dass der Spiegel im weiteren Verlauf kaum eine Rolle spielt und hier in der 2. Hälfte somit fehlt. Wiedererkennungs-Faktor: 40%

Wie in allen anderen Bereichen gerät der Spiegel in Mirror Mirror weitaus lebendiger. Hier ist er ein Doppelspiegel, in welchem sich Roberts’ böse Königin mit sich selbst konfrontiert sieht, was dem Ganzen eine weitaus psychologischere Ebene verleiht. Warum der Spiegel in einer Art Resort-Hütte im Meer beheimatet ist, bleibt allerdings ebenso offen wie seine Herkunft und Funktionsweise. Immerhin wird er aber im Finale nochmals zur Sprache gebracht und mit dem Geschehen in der „Realität“ verknüpft und ist durch seine Doppeldeutigkeit nicht nur Hokuspokus, sondern eine Art Meta-Kommentar. Wiedererkennungs -Faktor: 60%

The Minion

Was wäre ein Bösewicht ohne seinen Lakai als treuen Diener? Ravenna hat in Finn ein blondes Brüderlein mit bescheuerter Frisur, der auf irgendeine Art und Weise von seiner Schwester über die Jahre hinweg jung gehalten wurde – zumindest relativ gesehen. Ihm ist es zu verdanken, dass Snow White zur Mitte des ersten Akts hin ausbrechen kann und auch später ist er seiner Schwester keine sonderlich große Hilfe. Offen bleibt, wozu man den Jägersmann engagiert hat, wenn Finn und Co. ohnehin auch in den dunklen Wald gehen. Dass er von Depri-Alki Eric später problemlos kalt gemacht wird, spricht auch nicht wirklich für ihn. Support-Faktor: 40%

Ein völlig anderes Kaliber ist dagegen Nathan Lane als passend benannte Ulknudel Brighton. Gekonnt spielt er sich mit Roberts die Bälle hin und her und fungiert als vergnüglicher aber nie lächerlich werdender Hilfsdiener. Genauso wie im Zwillingsfilm ist es dem Lakaien zu verdanken, dass Snow White entkommen kann und ihrem Tod entgeht. Brighton wird dafür auch in kafkaesker Weise bestraft. Mit seinem komödiantischen Charme passt Lane sehr viel besser in Mirror Mirror als auf der Gegenseite der mürrisch dreinblickende Sam Spruell. Letztlich hätte Tarsems Film wohl von noch mehr Lane-Roberts-Momenten sogar profitiert. Support-Faktor: 60%

The Monster

Paradoxerweise trumpfen beide Filme auch mit einer Bestie im Wald auf. In Snow White and the Huntsman ist sie Wikipedia zufolge ein Troll, der von seiner Gestaltung so aussieht, als hätten die Designer zu viele Filme von Guillermo del Toro geschaut. Optisch zwar durchaus ansprechender und zudem bedrohlicher wirkend als sein Kollege in Mirror Mirror, taucht der Troll jedoch so plötzlich auf wie er verschwindet – letztlich ohne einen Zweck zu erfüllen. Damit ist er Bestandteil eines ohnehin ziemlich unsinnigen zweiten Akts, in welchem Rupert Sanders’ Adaption auf einmal märchenhaft wirken will – und dabei scheitert. Freak-Faktor: 50%

Dem Schema treu bleibend erinnert die Bestie bei Tarsem eher an einen Bastard aus Fuchur der Unendlichen Geschichte und Mushu aus Mulan. Ein Kuddelmuddel aus verschiedenen Tieren, sucht die Bestie hier den Wald heim – zumindest laut Brighton. Da man das Monster aber bis zum Finale nicht zu Gesicht kriegt und ansonsten sogar die Zwerge als die weitaus „gefährlicheren“ Waldbewohner anmuten, erfüllt auch dieses Monster im Grunde keinen rechten Zweck. Das ist der schwachen Exposition geschuldet, aber auch dem Finale, das wie bereits mehrfach angesprochen in Mirror Mirror leider ziemlich verschenkt wird. Freak-Faktor: 50%

The Castle

Ein Großteil beider Handlungen spielt in dem jeweiligen königlichen Schloss. Die Chance für Snow White and the Huntsman auch mal eine Rubrik für sich zu entscheiden. Das Schloss am Strand kommt genauso düster daher wie der Rest des Films, macht jedoch strategisch um einiges mehr Sinn als die Version von Tarsem. Abgeschottet mit dem Meer im Rücken ist es sehr gut zur Verteidigung gedacht, bedenkt man, dass Angreifer nur über einen schmalen Sandstreifen und auch hier scheinbar nur während Ebbe attackieren können. Snow White und ihre Zwergenarmee schaffen es dennoch. Märchenschloss-Faktor: 80%

Weitaus unsinniger und zudem optisch nicht besonders ansprechend gerät das Schloss in Mirror Mirror. Wie ein liebloser Hinterhof-Kreml sieht es aus und ist am Ende eines Felsvorsprungs beheimatet. Damit ist auch dieses Schloss nur von einer Seite aus zu attackieren, sodass es sich zwar gut verteidigen, allerdings auch gut abschotten lässt. Würde man sich bemühen, die kurze Felsverbindung zu zerstören, wäre das Königshaus erstmal auf sich allein gestellt, während man sich das Königreich einverleibt. Strategisch wie optisch zieht Tarsems ziemlich lieblose Variante klar den Kürzeren – enttäuschend. Märchenschloss-Faktor: 20%

The Tone

Abschließend soll nochmals auf den Grundton der zwei Filme eingegangen werden. Snow White and the Huntsman versucht sich als düstere und seriöse Adaption des Schneewittchen-Stoffs, macht aber speziell im zweiten Akt viel falsch. Sei es Snow Whites drogeninduzierter Spaziergang durch den dunklen Wald, die Begegnung mit dem Troll oder die darauf folgende quietschbunte und somit farbharmonisch beißende Episode im “happy place”. Der Film ist voller unsinniger oder verschenkter Momente, denen bei aller Ernsthaftigkeit ein gewisses Maß an Selbstironie oder Aufgelockertheit nicht geschadet hätte. Atmosphäre-Faktor: 25%

Wie man es – zumindest zu einem Großteil – richtig macht, zeigt dagegen Tarsem Singh mit Mirror Mirror. Einer optisch wie narrativ quietschbunten Verfilmung derselben Story, die sich zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt, sondern im Gegenteil mit einigen Elementen des Märchens wie dem vergifteten Apfel geschickt spielt. Letztlich hätte noch mehr Anarchie dem Film gut getan, überzeugt er doch gerade in seinen Gaga-Momenten. Warum das Finale so in den Sand gesetzt wurde, bleibt zwar rätselhaft, aber der herrliche Bollywood-Abspann macht dann wieder ordentlich Spaß und passt zur vorherigen Tonalität. Atmosphäre-Faktor: 75%

Fazit

Tarsem wusste, was er erzählen wollte und wie er es erzählen wollte. Über weite Strecken hat dies auch perfekt funktioniert. Dagegen kommt Rupert Sanders’ Film als Kuddelmuddel daher, das zwar erfolgreicher an den Kinokassen lief, bei dem der Regisseur aber aufgrund anderer Umstände nicht mehr beim kolportierten Sequel mit an Bord sein wird. Die Frage, welches der schönste Schneewittchen-Film im Land ist, lässt sich somit nach einem klaren 8:3-Sieg aus dem Head-to-Head-Direktvergleich ziemlich eindeutig beantworten. Winner by defeat: Mirror Mirror!

20. April 2012

The Avengers

There is no version of this where you come out on top.

Jetzt, endlich, ist es soweit. Jeder Held und jede Sekretärin aus dem Avengers-Büro wurde, seit 2008 Iron Man die große Vorstellungsrunde begann, eingeführt. Okay, die Gründungsmitglieder aus dem Comic, Ant-Man und Wasp, haben es nicht in den finalen Film geschafft, aber irgendwann schien auch Marvel keinen Bock mehr gehabt zu haben, für jede Figur einen eigenen Prologfilm zu produzieren. Immerhin kostet jedes cineastische Bewerbungsgespräch der Spandex-Träger knackige 150 Millionen Dollar – Marketingkosten nicht einmal berücksichtigt. Stattdessen kommt also nun The Avengers, mit 220 Millionen Dollar etwas teurer produziert, dafür aber vollgestopft mit Superhelden und Hollywood-Stars. Total super, oder?

Das Problem war nur, wie das Ergebnis strukturiert werden würde. Denn im Gegensatz zu den beiden Iron Man-Filmen liefen die anderen Avenger-Helden zwar solide, aber auch keineswegs (ähnlich) überragend. Das Reboot-Sequel The Incredible Hulk spielte kaum mehr ein als der – gänzlich zu Unrecht – vielgescholtene Hulk von Ang Lee, während Captain America etwas mehr als die Hälfte von Iron Man 2 einbrachte. Wie passend, dass selbst in den USA Thor erfolgreicher lief als der US-Posterboy. Es oblag also nun Joss Whedon, dafür zu sorgen, dass The Avengers nicht zu Iron Man & Friends verkommen würde. Bezeichnend ist nunmehr, dass dieser Fall nun dennoch eingetreten ist. Und angesichts der Figurengestaltung im Grunde auch zurecht.

Robert Downey Jr. und sein Tony Stark sind der große Trumpf dieses Films. Egomanisch, egozentrisch und damit quasi die fleischgewordene Inkarnation Hollywoods. Kein Wunder ist es Tony Stark alias Iron Man, dem die Glanzlichter des Films gehören. Während Stark für den comic relief sorgt, indem er sich verbale Scharmützel mit dem steifen Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans) liefert oder Bruce Banner (Mark Ruffalo) und Gegenspieler Loki neckt, obliegt es Iron Man, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wenn seine Kollegen überfordert sind. Man wird folglich das Gefühl nicht los, hier einen Füllfilm zwischen Teil 2 und 3 von Iron Man zu sehen. Denn im Grunde braucht es Captain America und Co. für The Avengers nicht.

Das wiederum ist dem Gesamtkonzept geschuldet, war doch absehbar, dass es einer überaus bedrohlichen Gefahr bedurfte, um Iron Man, Captain America, Hulk und Thor zu vereinen. Am Ende ist es nun Loki (Tom Hiddlestone) geworden, der kleine Asen-Bruder von Thor (Chris Hemsworth), der ihm bereits in dessen Intro-Film nicht gewachsen war. Zwar erhält er Hilfe einer außerirdischen Rasse – die laut Produzent Kevin Feige nicht die in den Comics auftauchenden Skrulls sein sollen, seltsamerweise jedoch Chitauri, auch bekannt als Ultimate Skrulls, sind –, wirklich ins Hemd macht man sich als Zuschauer angesichts dieser aber nicht. Es passt daher ins Bild, dass die größte Gefahr im Finale nicht außerirdischen Ursprungs ist.

Ohnehin sind die Alien-Invasion und Lokis Agenda, die gleichzeitig die Prämisse des Films bilden, reichlich unausgegoren geraten. Die Aliens wollen den Tesserakt, und diesen soll ihnen Loki besorgen, der wiederum will sich die Menschheit Untertan machen, dabei war sie ihm in Thor noch total egal. Weshalb die Aliens der Hilfe von Loki bedürfen und dieser sich von Ende des ersten bis Anfang des dritten Aktes mit einem total bescheuerten Nebenkriegsschauplatz aufhält – der für sich genommen keinen Zweck erfüllt und lediglich eine Ausrede für ein Action-Set-Piece sowie eine Gegenüberstellung aller Figuren darstellt –, sollte man besser nicht hinterfragen. Denn statt einer Handlung wartet nur eine Szenen-Show.

Viele kleine Einzelszenen werden dem Publikum geboten, einige von ihnen gab es bereits im massigen Preview-Material zu sehen. Iron Man und Captain America konfrontieren Loki, Iron Man und Captain America prügeln sich mit Thor, Thor prügelt sich mit Hulk, Black Widow prügelt sich mit Hawkeye, am Ende prügeln sich alle mit den Chitauri und Nick Fury steht meistens neben Cobie Smulders’ Maria Hill und erzählt den Superhelden, was eigentlich Sache ist. Zu einer stringenten und zusammenhängenden Handlung wird dies eher gequetscht, als dass es harmonisch ineinander fließt. Und dass die Hälfte des zweiten Akts sowie der gesamte dritte Akt – und damit die ganze zweite Hälfte des Films – nur aus Action besteht, tut ihr Übriges.

Zwar klingt das spaßig, wenn man sich vorstellt, dass Iron Man, Captain America, Hulk und Thor eine geschlagene Stunde lang in Action involviert sind, nur verliert die Action dadurch irgendwann an Spannung. Allein die Actionszene im Mittelteil gerät so epochal, dass allein der Versuch, sie noch mit einer Alien-Invasion zu steigern, beinahe anmaßend ausfällt. Und wenn dann Welle auf Welle nimmermüder Chitauri niedergestreckt werden, während die B-Riege der Helden um Black Widow und Hawkeye aufgrund fehlender Superkräfte Passanten aus Bussen befreien – das alles ohne erkennbare zivile Verluste oder Blut, schließlich ist es ein FSK-12-Film von Disney –, sehnt man irgendwann nur noch sehnsüchtig das Ende herbei.

Nach all dem Prologgedöns der letzten vier Jahre fällt The Avengers somit doch relativ enttäuschend aus. Sicher muss der Film keinen Drehbuch-Oscar gewinnen, aber bereits seine Vorgänger wandelten auf narrativ dünnen Pfaden. Dass die krude zusammengehaltene Handlung hier nur Legitimation für Action Deluxe sein soll, macht Whedons Film jedenfalls ziemlich vergessenswert. In wenigen Monaten, wenn dann mal wieder Batman und Spider-Man über die Leinwand turnen, wird man The Avengers bereits abgehakt haben. Dabei hat der Film durchaus seine positiven Eigenschaften und Momente, nur erscheinen diese angesichts der vielen vergeudeten Möglichkeiten zu gering, als dass sie das Ergebnis korrigieren könnten.

So sind es primär die vergnüglichen Iron Man und Hulk, die mit Humor und Schmackes dem Film eine Lanze brechen, was aufgrund der enormen Überlänge von zweieinhalb Stunden und Randfiguren wie denen von Jackson, Johansson und Renner aber nicht genug erscheint. Hier wäre im Nachhinein weniger mehr gewesen. Weniger Laufzeit, weniger Action, mehr Handlung und mehr Zeit für die Figuren. Denn irgendwie hat man sich nach fünf Filmen, die hierauf zugearbeitet haben, mehr versprochen als eine einzige große Actionszene ohne wirkliche Spannungsmomente, einem eher entschuldigten denn fundierten Handlungsgerüst und einer Handvoll Figuren, die zuvorderst Downey Jr. als Futter seiner ironiegewürzten Dialoge dienen.

Wen es also nach enormer Action voller Superhelden lechzt, wer sowieso am liebsten Iron Man die Daumen drückt, der dürfte mit The Avengers die richtige Hausnummer erwischt haben. Wünscht man sich jedoch, dass sich der Film so viel Zeit für seine Figuren und Geschichte nimmt, wie Bryan Singer in seinen X-Men- oder Sam Raimi in seinen Spider-Man-Filmen, dürfte man enttäuscht werden. Sollte es eine Fortsetzung geben und Joss Whedon erneut auf den Regiestuhl zurückkehren, will er das Sequel im Übrigen „kleiner und persönlicher“ inszenieren. Das klingt zwar schon vielversprechend(er), ob dem so ist, muss sich jedoch erst zeigen. Zuvor gilt es ohnehin erst einmal fünf weitere, flache Marvel-Filme durchzustehen.

4.5/10

25. April 2011

Thor

Is there a Renaissance Fair in town?

Die einen kriegen ein Superserum, andere beißen radioaktive Spinnen, die Blitzgescheiten basteln sich einen eigenen Super-Anzug und wer Glück hat, braucht gar nichts davon – denn er ist ein Gott. Mit Thor geht Marvels Filmprolog-Reihe zum 2012 startenden The Avengers in die nächste Runde. Und wohl kaum einer der Marvel-Helden dürfte es so schwer gehabt haben auf der großen Leinwand zu landen, wie der Gott des Donners. Schließlich verschmelzen in Thor, der wie seine Kollegen aus der Feder von Stan Lee und/oder Jack Kirby stammt, doch unsere Gegenwart und die nordische Göttermythologie zu einem kohärenten Ganzen. Entsprechend belächelt wurden erste Stills, die zu Kenneth Branaghs Adaption veröffentlicht wurden.

Während die beiden Trailer als kruder Mix aus Superman und The Day the Earth Stood Still erschienen und ein Trash-Fest erster Güte versprachen. Der fertige Film bewegt sich nun irgendwo dazwischen. Wie es sich für einen Prolog gehört – und mehr als eine Charakterexposition ist in Thor auch nicht zu sehen – ist sein Inhalt recht kurz und simpel. Und durch seine Lokalisierung in ein Königshaus zugleich wie geschaffen für Shakespeare-Regisseur Branagh, der seine Comicverfilmung als VFX-Action-Crossover aus Henry V und King Lear anlegte. Seinen Antrieb gewinnt der Film dann auch primär aus seiner Dreiecksbeziehung zwischen Thor (Chris Hemsworth), Göttervater Odin (Anthony Hopkins) und Bruder Loki (Tom Hiddleston).

Jene von Neid und Eifersucht angetriebene Beziehung der Brüder, das gereizte Verhältnis der Thronfolger-Erben zu ihrem Vater und das Coming of Age eines Helden, der erst zu einem solchen heranreifen muss, bilden das Fundament des Films. Infolgedessen fallen die Szenen in Asgard und Jötunheim weitaus interessanter aus als Thors Reifeprozess, der inklusive des obligatorischen love interest Jane Foster (Natalie Portman) in einem kleinen Kaff im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico von Statten geht. In seiner Kontemporäradaption ging Marvel nunmehr Kompromisse ein, um sowohl Nerds als auch die Massenklientel zufrieden zu stellen. Die Frostriesen rund um Laufey (Colm Feore) geben die Antagonisten.

Mit von der Partie sind die drei Krieger (u.a. Ray Stevenson) sowie Sif (Jaimie Alexander), es gibt einen kleinen Querverweis zu Thors Alter Ego Donald Blake und natürlich den unabdingbaren Cameo von Stan Lee. Um die Götter der Filmbranche zufrieden zu stellen, verfügt Thor zugleich in Kat Dennings über einen Comic-Relief-Sidekick, Stellan Skarsgård gibt einen unterforderten Mentor und Portmans Jane Foster wird von der einfachen Krankenschwester zur renommierten Astrophysikerin befördert. Und weil alles politisch korrekt zugehen muss, stellt Idris Elba den einzigen afroamerikanischen Asen in Asgard dar, während Asano Tadanobus Hogun zur Identifikation für die asiatische Bevölkerungsgruppe dienen darf.

Im Grunde geht das alles weitestgehend auf, selbst die vollkommen unerhebliche Integration von S.H.I.E.L.D. und ein belangloser Cameo von Jeremy Renners Avengers-Figur Hawkeye. Als neuerliches Charakter-Prelude ist das Endresultat fast durchweg sympathisch, was sich auch der Tatsache verdankt, dass Branagh dem narzisstischen Asen genug Raum für Humor und Selbstironie lässt. Und in Form eines Comics wäre die Geschichte von Thor in all ihrer plakativen Anlehnung an The Day the Earth Stood Still auch durchaus annehmbar und unterhaltsam. Als eigenständiger Kinofilm, losgelöst von der Historie der fast 50-jährigen Comicfigur und dem nächstes Jahr folgenden The Avengers, fällt Thor jedoch reichlich durchwachsen aus.

Die Simplizität der Handlung ist erschreckend banal und vieles wird scheinbar als selbstverständlich erachtet. Warum wird Thor zum Beispiel ausgerechnet in ein Am-Arsch-der-Welt-Kaff in New Mexico verbannt? Und wieso landet sein Hammer Mjölnir praktischer Weise nur 50 Meilen entfernt? Warum ist ein Krieg zwischen Asgard und Jötunheim so dramatisch, wo die Frostgiganten doch in ihrer Welt festzusitzen scheinen? Beginnt man das Gezeigte zu hinterfragen, bröckelt der Glanz. Wenn Thor sich auf der Erde aufführt wie ein alter nordischer Gott, und seine Weggefährten um Sif als verirrte Comic-Con-ler anmuten, dann ist das ganz amüsant und charmant, wie auch der klassische Vater-So(e)hn(e)-Konflikt teilweise unterhält.

Vom rasanten Trash-Fest des Trailers ist dies jedoch meist meilenweit entfernt, das mentale Schulter-zucken ob des Gezeigten an sich vorprogrammiert. Thor verkommt zu einem zwiespältigen Produkt, mit dem man wenig anfangen kann. Die Kostüme und Asgard selbst (ein Amalgam des Olymps aus Clash of the Titans und Coruscant der Star Wars-Filme) sehen weniger bescheuert aus, wie erste Bilder befürchten ließen, das Ensemble von Hopkins über Portman und Hiddleston bis hin zu Hemsworth schlägt sich angesichts der enormen Campness ihrer Umgebung erstaunlich gut. Über den 3D-Effekt lässt sich das weniger sagen. Er raubt den Bildern das Licht, ist selten positiv bemerkenswert oder der Narration zuträglich.

Letztlich merkt man es Thor durchgehend an, dass es sich um eine reine Charakterexposition handelt. Der Donnergott ist nur einer von mehreren Gefährten, das mordorsche Auge lastet jedoch auf dem ultimativen Familientreffen, das ab Mai von Regisseur Joss Whedon inszeniert wird. Angesichts der Leichtigkeit, mit der sich die Thors, Hulks und Iron Mans in ihren jeweiligen Abenteuern ihrer Widersacher entledigen, und der Fülle an Ego und Pathos, wird es für Whedon eine Herkules-Aufgabe sein, seine Helden – inklusive der zweiten Garde um Jeremy Renner und Scarlett Johansson – nicht nur bei Laune zu halten, sondern ihnen auch (einen) Gegenspieler zu liefern, der eine Kräftebündelung dieser Form rechtfertigt.

Als kurzweiliges Comic-Fest mit einem gewissen Augenzwinkern lässt sich Kenneth Branaghs Götterdämmerung (bevorzugt in 2D, so möglich) zwar durchaus genießen, fällt er doch sehr viel runder und gelungener aus, als die überfrachteten und eskalierenden Iron Man-Filme oder The Incredible Hulk. Dass uns ein Thor 2 nicht erspart bleiben wird, ist angesichts der nicht enden wollenden Sequel-Manie von Hollywood im Allgemeinen und Marvel/Disney im Speziellen wenig überraschend. Immerhin hat die Fortsetzung dann die Chance, etwas mehr zu sein, als lediglich ein reiner Prolog für einen anderen Film. Nötig wäre es jedenfalls nicht, denn unsterblich ist der Odinssohn schließlich auch bereits so – ganz ohne ein andauerndes Franchise.

5.5/10