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1. August 2010

Inception

Inception is not about being specific.

“I truly have no idea what so many people are raving about”, gestand US-Filmkritiker David Edelstein in seiner Besprechung von Christopher Nolans neuem Film, Inception, im New York Magazine. Es ist 2010 und der Filmhype hat eine neue Ebene erreicht. Was bereits 2008 mit The Dark Knight ausuferte und 2009 mit Avatar noch eine Steigerung erfuhr, ist im Grunde ein laues Lüftchen, wenn es um Inception geht. Roland Huschke bezeichnet das Werk in der Süddeutschen als den am „sehnlichsten erwarteten Film des Jahres“, für on3-radio ist Inception „ein Kinowunder“ und Claudius Seidl stellte sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die unsinnige Frage: „Habe ich von diesem Film oder hat der Film von mir geträumt?“ Was im Grunde noch verhaltene Urteile waren, im Vergleich zu manchem Blogger. Der Eine erblickte „Bilder, wie sie das Kino bisher noch nicht gesehen hat“, ein Anderer will einen „Anwärter für sämtliche All-Time-Listen“ erkannt haben und anderswo stieß man auf den „intelligentesten und innovativsten Film aller Zeiten“.

Womit ein Stichwort für Inception bereits fällt: Intelligenz. Sie wird vielerorts nicht nur dem Film zugeschrieben („intelligentes Actionkino“, schreibt Andreas Borcholte im Spiegel), sondern zuvorderst seinem Regisseur. Christopher Nolan, der amerikanische Brite beziehungsweise der britische Amerikaner, sei “the brainiest of Hollywood directors”, so Caryn James in der Newsweek. Ein „Genie“ und „Wunderkind“, geht es nach Roland Huschke. Also der lebende Beweis, dass man Mainstream-Blockbuster-Kino nach amerikanischem Rezept in Verbindung bringen kann mit intelligentem Arthouse aus Europa. Eben „intelligentes Actionkino“, was der Regisseur bereits mit The Dark Knight unter Beweis gestellt haben soll und ihm ein Einspielergebnis von einer Milliarde Dollar bescherte. Eine Marke, die damals noch etwas galt, zuletzt aber sowohl von Avatar als auch Alice in Wonderland problemlos überschritten wurde. Nolan, ein Zeichen von Zuverlässigkeit. Zum einen für die Feuilletonisten und Zuschauer, die ihn stets aufs Neue abfeiern. Zum anderen für die Studiobosse, die sich sicher seien dürfen, dass ihr investiertes Geld mit entsprechendem Gewinn wieder auf dem Konto eintrudelt.

Wie viel Nolan für seinen jüngsten Film zur Verfügung gestellt wurde, ist ungewiss. Das Budget schwankt, glaubt man Gebhard Hölzl von BR-Online, sind es 150 Millionen Dollar. Vertraut man Frank Schnelle von epd-film, summieren sich die Kosten auf 200 Millionen Dollar. Huschke spekuliert in der SZ auf 180 Millionen, Nev Pierce in der Empire auf 170 Millionen. Vielleicht sind es dann doch eher die 160 Millionen Dollar, die häufiger genannt werden, zum Beispiel auf Box Office Mojo oder von Seidl und Borcholte. Wie viel Geld genau Nolan ausgeben konnte, ist im Grunde auch irrelevant. Er hat es bereits in den USA wieder eingespielt. Konträr zum Ausmaß des Hypes dürfte es Inception jedoch schwer fallen, die Milliarden-Dollar-Grenze zu überschreiten. Was nichts daran ändert, dass Nolan nun Hollywoods neuer Liebling ist, jetzt wo Jon Favreau mit Iron Man 2 und Peter Jackson mit The Lovely Bones enttäuschten. James Cameron sitzt vielleicht auf dem Box-Office-Thron (das Einspiel von Avatar dürfte durch den kommenden Re-Release nochmals enorm steigen), aber Nolan ist eigentlich der Meister der Herzen.

Aber was ist es nun eigentlich, “what so many people are raving about”? Warum ist Inception ein Kinowunder, der innovativste und intelligenteste Film aller Zeiten, mit Bildern, die das Kino in über 100 Jahren Existenz noch nie gesehen hat? Wo die Wachowski-Brüder sich für The Matrix durch René Descartes’ Meditationes de prima philosophia inspirieren ließen, wagte sich Nolan an Traumdeutungen von Sigmund Freud und seines Schülers Carl Gustav Jung heran. Zwei bemerkenswerte Psychoanalytiker, deren Arbeiten in ebenjener Traumforschung auch Jahrzehnte später noch Standardwerke sind. „Wenn man einen Traum verstehen will, dann muss man ihn ernst nehmen“, schrieb Jung in Traum und Traumdeutung. Für Nolan sind Träume nun Aufhänger und Aufenthaltsorte für Inception, der sich trotz seiner Prämisse weniger ins Science-Fiction-, denn Heist-Genre einordnen lassen will. Dementsprechend folgt der Film auch bestimmten Genreregeln, von der Exposition des geplanten Diebstahls, über die Verwicklung der jeweiligen Beteiligten, die für den Diebstahl von Nöten sind, hin zur Kulmination – dem eigentlichen Diebstahl selbst, und letztlich zur Lysis, der Auflösung des Filmes.

Exposition, Verwicklung, Kulmination, Lysis. Bei näherer Betrachtung fallen natürlich Jungs vier Traumphasen auf. In der Exposition lernen wir Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) kennen. Einen extractor, wie er sich selbst nach seiner Profession nennt - ein Industriespion. Eine Erfindung seines Schwiegervaters Miles (Michael Caine), Architekturprofessor an einer Pariser Universität, ermöglicht es Cobb, das Unterbewusstsein eines Menschen in einen „Traumraum“ zu transportieren, der dem Opfer vorgaukeln soll, sein eigener Traum zu sein, in Wirklichkeit jedoch von einem Architekten gestaltet wurde. Was komplizierter klingt, als es ist. Das Publikum wird nun eingeführt in Cobbs Wirken und die Begebenheiten, die den Film in den kommenden zwei Stunden begleiten werden. Der Inhalt ist zweitrangig, wichtiger sind die Elemente. Ein Traum innerhalb eines Traums, Industriemagnat Saito (Ken Watanabe), Cobbs verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard), die als Projektion seines Unterbewusstseins zum Saboteur der Mission avanciert. Was erneut komplizierter klingt, als es ist.

Die Mission scheitert und gelingt zugleich, die Exposition transformiert sich frühzeitig zur Verwicklung. Saito liefert die Filmhandlung, die Titelgebende inception. Cobb, der Industriespion, soll nichts aus dem Unterbewusstsein seiner Opfer stehlen, sondern etwas einfügen. Eine Idee, im Kopf von Saitos schärfsten Konkurrenten – Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy). Unmöglich, findet Arthur (Joseph Gordon-Levitt), Cobbs rechte Hand. Dieser wiederum sieht es als einzige Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen. „Nach Hause“ sind die USA, die Cobb den Tod von Mal als Mord zur Last legen, aus Gründen, die für das Verständnis des Filmes von Bedeutung sein sollen, für die Ausgangsbasis jedoch an sich unerheblich sind. Cobb nimmt Saitos Auftrag an, da dieser verspricht, dass die Anklage gegen Cobb fallen gelassen wird und dieser wieder seine Kinder sehen kann, die er in Los Angeles zurücklassen musste. Nun gilt es, ein Team zu formen, für diesen Coup aller Coups.

An Bord geht Ariadne (Ellen Page), eine begabte Architektin, die für die Gestaltung der falschen Träume verantwortlich ist. Zudem noch Eames (Tom Hardy), ein Fälscher von Traumidentitäten, und Yusuf (Dileep Rao), ein Apotheker, der für die Anästhetika zuständig ist, die einen in die Träume in Träumen katapultieren. Sind alle notwendigen Figuren in die Geschichte verwickelt, kann diese in die Kulminationsphase übergehen. Womit Inception seine vermeintliche Intelligenz zu Gunsten des Actionkinos allmählich aufgibt. Die angeblich unmögliche inception verkommt zur Nebensache. Fischer soll die Firma seines Vaters auflösen – so die einzupflanzende Idee. „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches“, definierte Freud. Eine Definition, mit der Jung brach, indem er den Traum als „subliminalen Prozeß“ beschrieb, der „keine klar umrissenen Gedanken hervorbringen“ kann. „Es sei denn, er höre auf, Traum zu sein, und würde sofort zum Bewusstseinsinhalt“, so Jung.

Für Nolan ist dies unerheblich. Die Einpflanzung der Idee geschieht auf psychologisch simple Weise. Quasi ad hoc kommt Eames mit dem Plan für die inception auf, die somit an die Stelle des nicht zu knackenden Casinos aus Ocean’s Eleven tritt, dessen Planungsprozess weit weniger wichtig ist, als die Probleme, die sich während des Diebstahls einstellen. Womit nämlich niemand gerechnet hat: Fischer hat ein Bewusstseinssicherheitstraining hinter sich. Sprich: Unterbewusst erschafft er Projektionen, die versuchen, jenes Unterbewusstsein vor dem Zugriff einer anderen Person zu schützen. Fortan geht es in Inception nicht so sehr um die inception wie die Erwehrung dieser schwer bewaffneten Fischer-Projektionen. “Most of the time, one group of guys chases another”, beschrieb dies A. O. Scott in der New York Times. Schießereien, die für Katja Nicodemus in der Zeit „nicht interessanter werden, nur weil sie auf verschiedenen Traumebenen stattfinden”. Ihr Sinn will sich nicht wirklich erklären, was jedoch nur der Inkohärenz von Nolans gesamtem Film entspricht. Denn intelligent, ist hier leider ausgesprochen wenig.

Das Traumschema in Inception ist ein Unübersichtliches. Grundsätzlich loggen sich andere Personen in den Traum einer Ursprungsperson ein, die wiederum die Vorlage des Architekten nutzt. Was an sich schon Jungs Traumkonzeption aushebelt, wenn mehrere Personen ihr Unterbewusstsein teilen, alle also träumen, aber nur eine Person den Traum gestalten kann. Die angreifenden Projektionen von Fischer entstammen also seinem Unterbewusstsein, inmitten des Unterbewusstseins der jeweils Anderen. Diese können sich jedoch Waffen erträumen, mit denen sie sich der Projektionen erwehren. Maschinengewehre zum Beispiel. Oder Granatwerfer. “You mustn't be afraid to dream a little bigger”, trällert Eames in einem Gefecht Arthur entgegen, als er sich eine Großkaliber-Waffe erträumt. Warum jedoch keinen Airstrike erträumen? Oder die Straße hochklappen, wie es Ariadne in einem Versuch getan hat? Es erschließt sich einem nicht, warum Cobb und Co. ballern müssen, anstatt ihre Umgebung zu beeinflussen. Schließlich sind es Yusuf, Arthur, Eames, und so weiter, die träumen. Aus Spannungsgründen versucht Nolan seiner phantastischen Welt physikalische Eckpfeiler zu verpassen – die letztlich seine gesamte Narration zu Boden reißen.

Beiläufig wird erklärt, fünf Minuten in der Realität entsprechen einer Stunde in der Traumwelt, sowie jeweils mehr, je tiefer man ins Unterbewusstsein eindringt. Willkürliche zeitliche Eingrenzungen, wie Nicolas Cages Zwei-Minuten-Visionen aus Next. Wer aus Träumen erwachen will, muss einfach Suizid begehen, heißt es zu Beginn. Bis Saito später angeschossen wird, und Cobb erklärt, aufgrund der Anästhesie wacht niemand auf, wenn er im Traum stirbt, sondern landet im Limbus (dem man nur entkommt, wenn man in ihm stirbt). Regeln werden im Vorbeilaufen aufgestellt und folgen keinem logischen Schema. Vielleicht versucht Nolan auch nur Jung zu folgen, wenn dieser sagt, dass „der Traum ein sonderbares und fremdartiges Gebilde [sei], das sich durch (…) Mangel an Logik, (…) und offensichtliche Widersinnigkeit (…) auszeichnet“. Was allerdings in seinem Versuch, einen Traum als realen Thriller zu erzählen – jegliche Träume innewohnende Surrealität wird in Inception quasi negiert, sodass jeder Film von David Lynch, Jim Jarmusch oder Alejandro Jodorowsky eher wie ein Traum wirkt, als Nolans Kreationen –, nicht übertragen werden kann.

Allein die Tatsache, dass die Idee der Firmenauflösung direkt als solche in Fischers Unterbewusstsein etabliert wird, entfernt sich von Freud und Jung und ist ein müder Versuch anzudeuten, dass Fischer sie in die Tat umsetzen wird. Als ob jeder, der im Traum einen Wagen kauft, am nächsten Tag zum Autohändler fährt. Wären Träume so offensichtlich wie „Lös die Firma deines Vaters auf“, hätte es der Traumdeutungen von Freud und Jung überhaupt nicht bedurft. Hinzu kommt, dass obschon mit Ariadne eine Figur ausschließlich als Statthalter des Zuschauers erschaffen wird, Nolan viel erzählt, aber nichts wirklich erklärt. Von den zehn Traumsekunden, die in der nächsten Stufe drei Minuten darstellen (wenn fünf reale Minuten sechzig im Traum repräsentieren, gibt es also kein festes Schema einer Multiplikation mit Zwölf, was es Cobb umso schwieriger machen müsste, über mehrere Traumebenen hinweg den jeweiligen Countdown auszurechnen), bis hin zu den scheinbar nur existenten drei Traumstufen, an welche sich dann der Limbus anschließt.

Nichts in Nolans Traumkonstruktionen hat Hand und Fuß und selbst die angebliche „reale“ Welt ist voller Unsinnigkeiten. So nimmt Cobb das Angebot von Saito nur an, um wieder zu seinen Kindern nach Los Angeles fliegen zu können, ohne je auf die Idee zu kommen, seine Kinder einfach durch deren Großvater abholen und nach Paris bringen zu lassen. Was angesichts der Tatsache, dass sie über eine französische Mutter verfügen (die obschon sie die Tochter von Caines Figur ist, dennoch kein akzentfreies Englisch beherrscht), kein juristisches Problem sein sollte. Ein weiterer Mangel an Logik, eine neuerliche Widersinnigkeit, eine frühzeitige Sinnlosigkeit. Eigenschaften, die Cobbs Realität zum sonderbaren Gebilde machen und Jung zufolge darauf hindeuten würden, dass seine Realität in Wirklichkeit ein Traum ist. Was natürlich ein absehbarer Schachzug von Nolan ist, der sich nicht erst in der betreffenden Szene verrät, sondern schon bevor der Vorspann zu Ende gelaufen ist. Man kennt das letzte Frame von Inception somit im Grunde schon, bevor man das Erste abgespeichert hat. Selten traf man einen Film, der derart vorhersehbar und in seiner Gesamtheit uninspirierter war, als bei Inception der Fall.

Weder ist der Film spannend aufgebaut, noch zu irgendeinem Zeitpunkt sonderlich originell. Nolan präsentiert ein leb- und liebloses Konstrukt, befüllt mit Figuren, die ohnehin nicht sterben können, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, wo Nolan darauf bauen muss, dass der Zuschauer sich emotional am Geschehen beteiligt. Immer wieder also neue Regeln, gefolgt von widersprüchlichen Sub-Regeln, die ihre Vorgänger aus dramaturgischer, nicht jedoch logischer, Sicht einschränken müssen. Was generell vertretbar wäre, wenn Nolan sich zumindest bemüht hätte, nicht eine Armada eindimensionaler Charaktere zu erschaffen. Keine der Figuren kommt über ihre Typisierung hinaus. Page gibt den Publikumsersatz, der dem Helden folgt und Fragen stellen darf, Gordon-Levitt und Hardy sind die Sidekicks, die etwas Coolness und Humor beitragen sollen. Andere, wie Rao oder Watanabe, sind nichts als schmuckes Beiwerk. Seinen Anfang findet Inception dabei in Leonardo DiCaprio als innerlich zerrissenen Mann, der von seiner toten Frau geplagt wird. Eine Rolle die der Schauspieler aus dem Effeff beherrscht, hat er sie doch erst zuletzt in Shutter Island gespielt.

Alle Schauspieler würden sich „die Seele aus dem Leib“ spielen, lobt Marius Zekri bei Bayern3. Dabei spult DiCaprio dasselbe Programm runter, wie in jedem seiner Filme. Sei es Gangs of New York, Blood Diamond, The Departed oder Body of Lies. Die Mimik ist stets gleich und ändert sich nie. Im Gegensatz zu den übrigen Komparsen, bemüht sich der Hollywood-Star immerhin, selbst wenn es ihm nicht sonderlich gelingen will. Auch der müßige, wenn auch für Nolans Plottwist notwendige, Sub-Plot mit Cotillard vermag kaum emotionale Momente auf DiCaprio herauszukitzeln. Dabei ist es in einem Heist-Film wenn schon nicht unabdingbar, dann doch hilfreich, wenn der Zuschauer mit den Figuren mitfiebert und sich um sie sorgt. So funktioniert die Spannung, so werden Emotionen geweckt. Doch die Cobbs, Arthurs, Ariadnes, Eames’, Saitos und Yusufs in Inception sind einem egal. Sterben sie, werden sie wieder aufgeweckt. Es ist wie in der 2008er Version von Prince of Persia, wo der Prinz nie sterben konnte, stets gerettet wurde, und somit nie mehr war, als ein Mittel zum Zweck, aber niemand, mit dem man sich identifizierte.

Wo also weder die leidliche Handlung mit all ihren Fehlern, noch die müde aufspielenden Darsteller überzeugen können, ist es immerhin der Look von Inception, der bisweilen gefällt. Weniger das Zusammenklappen von Paris oder der Kampf in der Schwerelosigkeit, allenfalls die Limbus-Szenen. In seiner Gesamtheit erinnert Nolans jüngster Film dabei an seinen Vorgänger. „Ein liebloses Stück Film ist das, welches versucht Komplexität zu evozieren, ohne in irgendeiner Weise tatsächlich komplex zu sein“, schrieb ich zu The Dark Knight. Sowie: „Geradezu bedauernswert, diese eindimensionale Charakterausarbeitung der gesamten Figuren.“ Bedauernswert auch, dass sich die gesammelten Kritikpunkte des Batman-Teiles auch in Inception wiederfinden. “It feels like Stanley Kubrick adapting (…) William Gibson (…) like The Matrix mated with Synecdoche, New York”, meinte Nev Pierce, während Andreas Borcholte den Vergleich heranzog von „Reservoir Dogs im Lummerland“.

Am Ende ist Inception eher eine prätentiöse Version von The Italian Job, angereichert mit Versuchsideen basierend auf Freud und Jung, ohne diese jedoch auch nur ansatzweise so gut für seine Handlung zu verwenden, wie es den Wachowskis mit Descartes’ Meditationes in The Matrix gelang. Der angeblich intelligente Film widerspricht sich  meist selbst, zumindest in den Momenten, wo er nicht von vorneherein ohnehin keinen Sinn ergibt. Das eigentliche Wunder an Inception ist also weder sein überschätzter Regisseur, noch der Film selbst, sondern der unverständliche Hype, der ihm folgt und vorausgeht (Edelstein bezeichnet den Film völlig richtig als “metaphor for the power of delusional hype – a metaphor for itself”). Was Nolan jedoch mit seinem Film erreicht, ist ein kollektives Aha-Erlebnis im Kino und ein anschließendes Diskutieren vor den Eingängen. Etwas, das in heutigen Zeiten rar geworden ist. Inception ist ansonsten “something you may forget as soon as it’s over”, wie es Scott treffend formuliert. Ganz anders dagegen der nächste Hype. Denn der kommt bestimmt. Spätestens mit dem nächsten Projekt von Christopher Nolan.

3.5/10

16. Dezember 2009

Avatar

That’s what I’m talking about, bitch.

Ein Sprichwort besagt: Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. Die Wenigsten pflegen es in die Tat umzusetzen, ein Mann schien es getan zu haben. Hollywood-Regisseur James Cameron stand am 23. März 1998 auf der Bühne des Shrine Auditoriums in Los Angeles und verkündete, seinen ersten Academy Award für die beste Regie in der Hand haltend, dass er der „König der Welt“ sei. Ein Zitat aus seinem Monumentalwerk Titanic, mit welchem Cameron nicht nur elf der begehrten Trophäen gewann - und sich damit neben dem Klassiker Ben Hur einreihte -, sondern zugleich mit einem weltweiten Einspiel von 1,8 Milliarden US-Dollar auch den erfolgreichsten Film aller Zeiten (inflationsunbereinigt) ablieferte. Die Branche war sich sicher: Das würde auf lange Sicht niemand mehr übertrumpfen können. Zu der Einsicht schien auch der „König der Welt“ gekommen zu sein, und zog sich aus der Spielfilmbranche zurück.

Die Jahre zogen ins Land, Cameron produzierte zwei Unterwasser-Dokumentationen, The Return of the King - welch passender Filmtitel - gewann elf Academy Awards. Sowohl Peter Jacksons Lord of the Rings-Verfilmung als auch Gore Verbinskis Pirates of the Carribean-Filme spülten Milliardenbeträge in die Kassen ihrer Produzenten. Die Harry Potter-Adaptionen liefen nicht minder erfolgreich. Das Königreich Hollywood lebte in friedlichen Zeiten. All seine Prinzen und Fürsten, all jene Jacksons, Verbinskis, Raimis und Yates’ hielten den Glanz alter Tage aufrecht. Und unterdessen bereitete der König seine Rückkehr vor. Zuerst waren es Gerüchte, die Cameron mit einem alten Filmprojekt, einer Umsetzung des Mangas Battle Angel in Verbindung brachten. Dann wechselte der gebürtige Kanadier zu einem anderen, lang antizipierten Projekt. Zur klassischen Erzählung des “stranger in a strange land”. Zu Avatar.

Im Königreich sprach man von der Rückkehr des Regenten. Von seinen Ideen und Visionen. Cameron habe eine neue Filmtechnik entwickelt. Eine Technik, die die (Film-)Welt für immer verändern sollte. Eine Virtual Camera, die am Set bereits erlaubte, den fertigen Film zu sehen, noch während er gedreht wurde. Das alles in einer 3-D-Technik, die den Weg bereiten sollte ins neue digitale Zeitalter des Kinos. “One life begins. Another ends”, heißt es in Avatar, was nicht nur mehrfach für das Geschehen im Film anwendbar ist, sondern auch für dessen Bedeutung in der technischen Entwicktlung seiner Branche. Als so genannten game changer betrachteten Experten Camerons ersten Film nach zehn Jahren. Spätestens zu Avatars Filmstart würden die bisher noch skeptischen Kinos auf die neuen DLP-Projektoren und 3-D-Technik umsatteln. Die Euphorie war gering. Würde das Volk seinen alten König wieder akzeptieren?

Die Genesis von Avatar ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte für sich. Angefangen vom ersten Teaser, der bei vielen die Erwartungen tief fallen ließ. Große blaue computergenerierte Katzen, militärische Flugzeuge, eine Handvoll Tiere. “Up ahead was Pandora. You grew up hearing about it but I never figured I’d be going there”, berichtet Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) zu Beginn. Und spricht damit eine Haltung aus, die vielen Zuschauern zu Eigen war. Hier und da war im vergangenen Jahrzehnt von Avatar gesprochen worden. Grobe Handlungselemente, ein Besuch von Peter Jackson und Steven Spielberg am Set, die sich beide in Camerons neue Technik verliebten (und sie 2010 in The Adventures of Tintin selbst anwendeten). Aber es kam nie in den Sinn, selbst in die Welt von Avatar einzutauchen. Schon gar nicht in der Form, wie sie es Cameron 2009 schließlich für Millionen von Menschen möglich gemacht hat.

Was folgte, ist bekannt. Avatar lief Mitte Dezember an und wird auch ein halbes Jahr später noch in vielen Kinos gespielt. Im März wurden die Academy Awards verliehen - ohne Cameron auf der Bühne. Sein Film blieb in den wichtigen Kategorien außen vor und das nach Meinung vieler Menschen auch zu recht. An der Rückkehr des Königs änderte dies wenig. Gefördert von Aufschlagpreisen für die beeindruckende 3-D-Technik, avancierte Avatar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten - mit einer Milliarde Dollar (!) mehr Einspiel als Titanic. Nach dem Motto «Le Roi est mort. Vive le Roi!» oblag es Cameron selbst, seinen eigenen, vor zehn Jahren aufgestellten, Rekord zu brechen. Sein Film ist eine Marketing-Melkkuh, die Ende des Jahres in einer erweiterten Fassung nochmals in den Kinos startet und deren Fortsetzung, Avatar 2, bereits angekündigt wurde (und vermutlich in einem dritten Teil als Trilogie-Abschluss enden wird).

Zuvorderst ist Avatar ein Technikfilm. Ein Werk der visuellen und Spezialeffekte, mit exzellentem Ton ausgestattet und einem 3-D-Effekt mit Vorreiterfunktion. All diese technischen Dinge wurden bei den Academy Awards ausgezeichnet. Zwar lassen einige Einstellungen erkennen, dass sie gerade für 3-D konzipiert wurden und auch die visuellen Effekte wirken gelegentlich unsauber (zumindest im Vergleich zum restlichen Film). Dennoch setzt das CGI Maßstäbe für die nächsten Jahre und die Worte meiner ersten Besprechung („In seinen schlechtesten Momenten sieht Avatar aus wie ein sehr guter Animationsfilm. Und in seinen besten Momenten wirken die Szenen wie shot on location) haben weiter Bestand. Für seinen Handlungsrahmen wiederum beschränkte sich Cameron auf altbekannten Formeln - und übernahm einfach(e) Erzählgerüste aus ähnlich gearteten Filmen, die demselben Genre entsprungen sind.

“Up ahead was Pandora”, beschreibt Jake, während sich der erdähnliche Mond vor dem blauen Gasriesen Polyphemus erhebt. “You grew up hearing about it but I never figured I’d be going there.” Pandora ist eine fremde, eine gefährliche Welt. Hier trägt die Resources Development Alliance (RDA) als Imperialistenkonsortium Mitte des 22. Jahrhunderts den Rohstoff Unobtanium ab. Sehr zum Missfallen der Einheimischen, den humanoiden Na’vi. Während Ethnologen wie Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) den Dialog mit diesen suchen, würde sie derweil der militärische Oberkommandeur Col. Quaritch (Stephen Lang) am liebsten ausrotten. In diesen Konflikt wird nun Jake katapultiert als sein Zwillingsbruder und Wissenschaftler Tom, der am so genannten Avatar-Programm teilnahm, verstirbt. In diesem wird das Bewusstsein eines Menschen per „Download“ in einen Na’vi-Mensch-Hybrid geladen, um diesem als Avatar zu dienen.

Jakes Bruder Tom sei “a significant investment” gewesen, erklären RDA-Angestellte zu Beginn und geben damit sogleich den Ton des Filmes vor. Während die RDA viel Zeit und Geld aufwendet, um die Avatare zu kreieren, investiert Jake letztlich sein Leben in die ihm zu Grunde liegende Mission (auch Avatar selbst stellt natürlich eine „signifikante Investition“ dar). Und so wie Jake wegen seiner identischen DNS in Toms Fußstapfen treten muss (oder kann), so ist es James Cameron, der dank derselben DNS in seine eigenen Fußstapfen steigen und ihren Weg fortführen kann. “One life ends. Another begins.” Der Film als Gesamtwerk propagiert dabei in gewissem Sinne eine Mise en abyme, denn so wie Jake seinen Avatar nutzt, um in die Welt der Na’vi einzutauchen, so fungiert Jake wiederum für den Zuschauer als Avatar, um in die Welt der Avatare und dementsprechend auch die der Na’vi und Pandora vorzudringen.

Der Film präsentiert nun die beiden gegensätzlichen Kulturen von Natur und Industrialisierung, mit Giovanni Ribisis Firmenfigur des Parker Selfridge, der zuerst die Interessen der Aktieninhaber im Blick hat. Jake verkommt hier zur idealen Mittlerfigur, ist er doch durch seine Querschnittslähmung (man erfährt weder vollständig den Ursprung von Jakes Verletzung noch die Todesumstände von Tom) ein Kind zweier Welten. Kaum auf Pandora gelandet, wird er von den dortigen Marines als “hot rod” und “meals on wheels” verunglimpft. Eine wirkliche Funktion erfüllt Jake für Quaritch nur insofern, dass sein Kopf mit der militärischen Doktrin gefüllt ist und er dem Colonel somit als Spitzel dienen kann. Für die Wissenschaftler wiederum bringt Jakes Charakter eine gewisse Durchschlagskraft mit sich, die intuitiv handelt. Insofern ist Jake weniger „Auserwählter“ als vielmehr der richtige Mann am richtigen Ort.

Es sind diese Umstände, die die Handlung in Gang setzen. Als Nicht-Wissenschaftler steht Jake den Anderen im Weg, er entfernt sich von der Gruppe und bringt sich in Gefahr. “You are like a baby. Making noise, don’t know what to do”, beurteilt Na’vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana) später sein Verhalten. Und in der Tat verhält sich Jake gerade in der ersten Hälfte ausgesprochen kindlich, was jedoch als Offenheit zu lesen ist. Mit kindlicher Faszination spielt er mit Pandoras Flora und sieht sich plötzlich einem Thanator gegenüber. Auch später, beim Aufeinandertreffen mit Neytiri, behält sich Jake seine kindliche Faszination. Wie bei einem Kind, hat sein Verhalten jedoch auch Konsequenzen. Er erweckt die Aufmerksamkeit einiger Viperwölfe, derer er sich schließlich nur durch Neytiris Zutun erwehren kann. In einem kathartischen Moment schreitet dann das Schicksal, hier in Gestalt der Lebensspendenden Kraft Eywa, ein.

Was folgt, ist der große Ideenklau. Cameron bedient sich freigiebig bei Dances with Wolves, der Pocahontas-Legende - allen voran der Disney-Version von 1995 - und bei anderen (darunter FernGully: The Last Rainforest und Mononoke-hime). Der weiße Fremde lernt die Kultur der Einheimischen kennen. Das Band mit Eywa (“All energy is only borrowed, and one day you have to give it back”), Tsaheylu, die Verbindung mit den übrigen Lebensformen auf Pandora. Wie John Dunbar, wie John Smith vor ihm, beginnt sich Jake mit der fremden Zivilisation zu identifizieren. Verkommt zum “tree hugger”, wie man naturphile Menschen heute nennt und wie auch Jake und Co. im Film tituliert werden. Avatar ist ein Film über das Kulturgut indogener Völker, auf das bei Filmstart auch von manchen Rezensenten reichlich despektierlich herabgesehen wurde, wenn Camerons Werk vielerorts als „Esoterikkitsch“ abgetan wurde.

Dabei unterscheidet Eywa letztlich relativ wenig von George Lucas’ in Star Wars implementierter “force”, abgesehen von ihrer Etablierung und visuellen Manifestierung. Es fällt der westlichen iPod-Generation daher nachvollziehbar schwer, die Bedeutung von Eywa zu erfassen (Parker Selfridge drückt es passend aus, wenn er proklamiert: “You throw a stick in the air around here, it falls on some sacred fern”). Die Na’vi leben an der Basis des Lebens, die gesamte Indogenität ihrer Kultur fängt Cameron nicht nur in seinen Anlehnungen an die nordamerikanischen Ureinwohner, sondern auch durch James Horners mitreißende Musik (ebenfalls von vielen als „Ethnokitsch“ verschrien) ausgesprochen gelungen ein. Wenn überhaupt, dann übertreibt es der Regisseur lediglich in Augustines Heilungsprozedur mit der esoterischen Gewichtung, die an dieser Stelle zwar nicht peinlich, aber etwas aus dem Ruder gelaufen wirkt.

Konträr zur esoterischen Darstellung Pandoras platziert Cameron die kapitalistische RDA, die entgegen einiger Meinungen kein negatives Bild des US-Militärs darstellen soll. Vielmehr kritisiert Cameron hier das Söldnertum von Firmen wie Blackwater und ihre Involvierung in außenpolitische Ereignisse (s. hierzu auch State of Play). Dies verdeutlicht der Regisseur bereits zu Beginn, wenn er Jake noch am Flughafen erklären lässt, dass die anwesenden Soldaten auf der Erde Marines waren, “fighting for freedom”, auf Pandora nun jedoch “just hired guns” seien, “taking the money, working for the company”. Dementsprechend ist Quaritch dann auch lediglich eine Summe jeglicher Xenophobie, der im Zusammenhang mit den Na’vi deutlich macht, dass er diese zur Zusammenarbeit, wenn nötig, zwingen und „Terror mit Terror bekämpfen“ werde. Als reines Feindbild und Antagonist braucht Quaritch somit auch kein Motiv.

Die Szenen in Augustines Labor oder bei der RDA sind eher die Ausnahme. Fluchtmomente, die vor Augen führen, dass sich das „wirkliche“ Leben woanders abspielt. Und wie Jake kann es der Zuschauer nicht erwarten, wieder in sein Pod, zurück in den Avatar, zu steigen. Diese Sogentwicklung ist eine von Avatars großen Stärken, die zudem davon abhängt, dass der zweite Akt sich mit fast einer Stunde genug Zeit nimmt, neben Jake auch die Zuschauer in die Flora und Fauna von Polypephemus’ Trabanten einzuführen. Es sind jene Momente mit Jake und Neytiri in der Natur, die dem 3D-Effekt eine Daseinsberechtigung bescheren. Denn ohne die Flora des Trabanten, verkäme auch hier die Technik zum bloßen Gimmick. Insofern lohnt es sich in diesem Fall durchaus, für eine Sichtung einen Aufpreis zu zahlen, der in anderen Fällen wie Clash of the Titans) lediglich einem Griff in die Geldbörsen der Kinobesucher gleichkommt.

Seinen Wurzeln als Action-Regisseur wird Cameron dann im Finale gerecht, wenn er ein über halbstündiges Kampfgefecht anzettelt, das sich nicht zu schade ist, einige der über zwei Stunden liebgewonnenen Figuren über die Klippe zu schubsen. Fraglos etwas redundant über seine Dauer und hinsichtlich seines explosiven Ausmaßes auch etwas die Ideologie des Filmes konterkarierend, beeindruckt die Choreographie dennoch, auch oder gerade weil sie sich im Gegensatz zu einem Michael Bay die Zeit nimmt, dem Zuschauer tatsächlich zu zeigen, was sich gerade abspielt, anstatt Computerpixel unkoordiniert durcheinander zu schneiden. Dennoch kommt auch Cameron nicht umhin, sich in seinen Bildern zu verlieren und Einstellungen zu produzieren (Quaritch springt im AMP-Anzug aus dem abstürzenden Flugzeug, welches hinter ihm im Wald explodiert), die selbst für einen Film wie Avatar letzten Endes etwas over the top wirken.

Trotz seiner gelungenen Umsetzung produziert Avatar jedoch auch offene Fragen und Problemstellen. Sieht man von Quaritch ab, ist es bedauerlich, dass zumindest Figuren wie Trudy (Michelle Rodriguez) und Selfridge nicht etwas mehr Tiefe verliehen wurde. So erklärt sich nicht, wieso Trudy mit Sully, Augustine und Co. sympathisiert. Cameron wies zwar darauf hin, dass Trudy und Jake die beiden einzigen militärischen Figuren seien (weil sie über ihr Handeln nachdenken), dennoch wirkt ihre Verortung in das RDA-Programm und Sympathie mit den Avataristen etwas fragwürdig. Und wo sich bei Quaritch als vollkommenen Bösewicht auf eine Charakterstudie verzichten lässt, zeigt zumindest Selfridge bei der Zerstörung von Home Tree, dass er durchaus eine kritische Sicht auf sein eigenes Handeln haben könnte. Auch über Tom Sully - der immerhin das krasse Gegenteil seines Bruder darstellt - hätte sicherlich noch mehr gesagt werden können.

Andere Fragen betreffen die Fauna von Pandora, zum Beispiel wieso die Na’vi als einzige Lebewesen nur über vier und nicht wie die Übrigen über sechs Extremitäten verfügen. Doch ist dies eine untergeordnete Frage, die hinter der Integration von Tsaheylu zurücksteht. Jenem Band, das die Na’vi mit Eywa, einander und den übrigen Lebewesen verbindet. Besonders fragwürdig ist die Zähmung der Banshees, in der Jake sein auserwähltes Tier zu Boden ringt, und diesem Tsaheylu sprichwörtlich aufzwingt. Das Ganze verleiht speziell dieser Szene etwas von einer emotional-psychologischen Vergewaltigung, derer sich die Banshee nicht erwehren kann, sondern die sie über sich ergehen lassen muss. Was in unserer Kultur hinsichtlich der Zähmung eines Pferdes noch „vertretbar“ wäre, gewinnt in der Kultur der Na’vi, in der Eywa alles durchströmt und ein Band mit den übrigen Kreaturen geflochten wird, eine sehr zu hinterfragende Bedeutung, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Abgesehen davon ist Avatar jedoch ein außergewöhnlicher Film geworden. Nicht der proklamierte game changer und auch nicht die angekündigte Kinorevolution, aber dennoch einer der unterhaltsamsten und somit gelungensten Filme des Kinojahres 2009 bzw. 2010. Allerdings auch ein Film, der beim mehrmaligen Sehen abbaut und beginnt, Längen aufzuweisen. Was jedoch auf die meisten Filme zutrifft, wenn sie innerhalb weniger Monate mehrere Male gesehen werden. Letztlich hat James Cameron die Vakanz des Königsthrones, die von ihm selbst geschaffen wurde, aus Ermangelung eines Nachfolgers wieder mit sich selbst besetzt. Es ist somit eine triumphale Rückkehr des Königs, die dieser vorerst nicht wiederholen möchte. Avatar 2 ist aktuell für 2015 angekündigt, mit dem Versprechen auf zwei weitere Fortsetzungen und damit einer Filmserie. Aufhören, wenn es am Schönsten ist, ist eben nur ein Sprichwort.

8/10 - die ursprüngliche Besprechung findet sich bei evolver

10. Juni 2009

Drag Me to Hell

I'm perfectly capable of making a tough decision.

”For every action, there’s a reaction. And a pikey reaction … is quite a fucking thing”, stellte Guy Ritchies Protagonist Turkish am Ende von Snatch resümierend fest. Welche Auswirkungen ein Zusammentreffen mit Zigeunern haben kann, musste Robert John Burke einst in der Adaption von Stephen Kings Thinner am eigenen Leib erfahren. Vorurteile gegenüber den Roma haben sich in den meisten Gesellschaften eingebürgert und Regisseur Sam Raimi greift einige dieser Stereotype willkommen auf. In seiner Rückkehr zum Horror-Genre nach 17 Jahren (The Gift zählt eher in den Bereich Mystery) beweist Raimi, dass auch altmodischer Horror immer noch zweckdienlich sein kann. Sein Drag Me to Hell kommt erfrischend old school daher und weiß innerhalb des PG-13-Ratings seine Grenzen auch relativ gelungen auszuloten.

Mit einer großartigen Einführung hält sich der Altmeister dann auch erst gar nicht auf. Abgesehen von dem Vorspann mit Shaun San Denas (Flor de Maria Chahua) erster Begegnung mit dem Dämonen Lamia wirft Raimi das Publikum direkt hinein in das Geschehen. Christine Brown (Alison Lohman) ist Kreditberaterin einer Bank und spekuliert gemeinsam mit einem neuen Mitarbeiter auf die Stelle des stellvertretenden Bankdirektors. Da Christine jedoch ein zu gutes Herz hat, stehen ihre Aussichten eher schlecht. Um sich bei ihrem Chef, Mr. Jacks (David Paymer), beliebter zu machen, fällt Christine eine harte Entscheidung und verweigert der alten und auf einem Auge blinden Mrs Ganush (Lorna Raver) eine dritte Verlängerung ihres Hauskredits. Als diese daraufhin eine Szene provoziert, beginnt für Christine ihr Schlamassel: Die scheinbare Zigeunerin ladet ihr nach einem Handgemenge einen dreitägigen Fluch auf.

Im Folgenden ist Drag Me to Hell relativ schnörkellos erzähltes Horrorkino. Oder auch nicht. Ähnlich wie in seinen Anfängen mit den Evil Dead-Filmen, verbindet Raimi gekonnt Horror-uriges mit komödiantischen Elementen. Wahrscheinlich erklärt dies das milde Urteil der US-Zensur (bei uns erhielt der Film die FSK-16-Auflage). Denn obschon auch hier gestorben wird, fließt im Grunde nicht wirklich Blut. Raimi setzt auf Schockeffekte, die insbesondere von seiner Kameraarbeit gefördert werden. Ein langsames, stetiges Zoomen auf Lohmans Gesicht als sie ein Geräusch im Garten hört wirkt hier effektiver als sonstiges Schockmomente im Durchschnittswust des Genres. Es ist hier auch Lohmans überzeugendem Spiel zu verdanken, dass man derart mit dieser im Grunde unschuldigen Figur mitfühlt.

Was Raimi dem Zuschauer an Blut erspart, macht er durch andere Körperflüssigkeiten wett. Besonders Mrs Ganush darf mehrfach Vampirgleich an Christines Kinn sabbern und nagen, während auch sonst gerne Augen triefen, explodieren und derlei anderes. In dieser Hinsicht übertreibt es Raimi sichtlich, denn schon nach einer Weile wirken ausblutende Augen im Kuchen und andere Gimmicks nur noch nervig und erinnern an das Totreiten von Körperflüssigkeiten, wie man sie aus Teenie-Filmen gewohnt ist. Ohne diese Ergüsse wäre Drag Me to Hell erwachsener geworden, stattdessen verlor sich Raimi scheinbar in seiner infantilen Naivität. Gut möglich, dass man jenes Cartooneske, das hier gelegentlich eingebaut wird, einfach nicht mehr im Genre findet, sodass es bei seiner „Rückkehr“ hier in diesem Fall nur etwas verstörend wirken kann.

Auch inhaltlich ist Raimis Rückkehr ins Horrorfach bisweilen weniger souverän. Bereits angefangen bei der Darstellung von Mrs Ganush, die zwar scheinbar einen Menschen in die Hölle schicken kann, jedoch nicht im Stande ist mit ihren Kräften ihr Haus zu retten. Ohnehin werden die Roma im Film nicht sonderlich nachvollziehbar dargestellt. Nicht mal als Christine schließlich Ganush aufsucht, damit diese den Flucht zurück nimmt. Sicherlich verleiht die geringe Profilierung jener Bevölkerungsgruppe dieser ihre notwendige Mysteriösität, doch wirken plötzliche ewige Verdammungen von Bankangestellten fraglos etwas überzogen. Da passt es dann auch gut ins Bild, dass man das Ende des Filmes schon relativ zu Beginn gegen den Wind riecht, weshalb sich in der finalen Klimax auch die Spannung einstellt. Allerdings trumpfen die wenigsten Horrorfilme durch ihre inhaltliche Intelligenz auf, sondern sehen ihre Stärken in Exposition und Darstellung. In beiden Bereichen funktioniert Drag Me to Hell die meiste Zeit bestens, zumindest genug, um das Publikum zu unterhalten.

Immerhin zeigt Raimi, dass er sein vor 22 Jahren begonnenes Handwerk auch nach all den Jahren nicht verlernt hat. Und dass er unglaublich viel Spaß und Freude dabei gehabt haben muss. Denn Drag Me to Hell ist trotz seiner Mängel ein durchaus charmantes Stück Film, dass sowohl in seinen Schockeffekten, als auch mit seiner Besetzung (Justing Long, Dileep Rao und Adriana Barraza komplettieren das Ensemble) und seinen Effekten zu überzeugen vermag. Raimis Versuch zurück zu seinen Wurzeln zu gelangen ist somit an sich gelungen und die Verbindung von Horror und Komik dürfte auch beim jüngeren Publikum Anklang finden können. Denn letztlich sticht der Film durch seine Individualität aus der Masse hervor und dies nicht durch grenzwertige Gewaltorgien wie man sie aktuell im französischen Genrekino findet, sondern durch das, was speziell Raimi dem Fach vor zwei Jahrzehnten beizusteuern wusste. Somit ist Drag Me to Hell zuvorderst ein Film für Fans von Raimi und der guten alten Zeit.

4.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision