4. August 2007

Wer früher stirbt, ist länger tot

Können Sie eigentlich Leviten lesen?

Die bekanntesten Lausbuben der Geschichte sind vermutlich Wilhelm Buschs Max und Moritz mit ihren sieben Streichen. Nachfolger fanden sie später unter anderem in Hank Ketchams Comic-Figur Dennis the Menace oder in Marcus H. Rosenmüllers Debütfilm von 2006: Wer früher stirbt, ist länger tot. In bayrischer Mundart drehte Rosenmüller mit freundlicher Unterstützung seines damaligen Arbeitgebers, dem Bayrischen Rundfunk, diese Lausbubengeschichte um den Halbwaisen Sebastian (Markus Krojer). Das Ergebnis begeisterte dann 1,8 Millionen Zuschauer, was Rosenmüllers Debüt zum siebterfolgreichsten deutschen Film des Jahres 2006 machte.

In der Geschichte von Rosenmüller und Christian Lerch wird dem elfjährigen Sebastian zu Beginn von seinem Bruder vorgeworfen, die gemeinsame Mutter durch seine Geburt umgebracht zu haben. In Sorge, beim Jüngsten Gericht durch seine Verfehlungen zu 14 Jahren Fegefeuer verurteilt zu werden, sucht Sebastian nach Mitteln und Wegen, unsterblich zu werden. Als erste Versuche scheitern, glaubt er sich von seiner Schuld reinwaschen zu können, indem er seinen Vater Lorenz (Fritz Karl) mit der Witwe Kramer (Saskia Vester) verkuppelt. Währendessen fällt seiner Lehrerin, Frau Dorstreiter (Jule Ronstedt), sein Verhalten negativ auf.

Die Handlung ergänzen der Radiomoderator Alfred Dorstreiter (Jürgen Tonkel), die in Sebastian verliebte Kramer-Tochter Evi (Pia Lautenbacher) sowie ein Stammtisch, der in der Gaststätte von Lorenz ein Bühnenstück einstudiert. Gekonnt verweben Rosenmüller und Lerch dabei jedes noch so kleine Detail mit dem großen Ganzen, sodass auch jede Kleinigkeit (wie eine auf einem Kindergeburtstag erzählte Gruselgeschichte) später ihren Teil zur Konklusion beiträgt. Zwar wird nicht alles in letzter Konsequenz zu Ende gedacht, dennoch ist der starke Fokus auf den narrativen Fortgang der Geschichte in Wer früher stirbt, ist länger tot bemerkenswert.

Ohnehin kommt der Film stets richtig in Fahrt, wenn Jungtalent Krojer seinen Schabernack treiben darf. So fragt er ungeniert die hübsche Lehrerin, ob sie mit ihm vögelt, weil ihm ein Stammtischkunde seines Vaters erklärt hat, durch Fortpflanzung lebt man weiter. Ebenso setzt der Bub dann auch Alfreds Hinweis in die Tat um, durch Gitarrenspiel wie zuvor bei Jimi Hendrix könne man unsterblich werden. Dass Sebastian eine solche Gitarre erst stehlen muss und dies mit einer Nachricht auf seinem (benutzten) Brotpapier entschuldigt, passt genauso zum Lausbuben-Charme des Films wie seine Umgarnungsversuche von Frau Kramer.

Etwas schleppender kommt da die im zweiten Teil eingeführte Romanze zwischen Lorenz und Frau Dorstreiter in Fahrt. Reichlich überfallartig beginnt sie und erklärt sich durch den Versuch von Sebastian und Evi, ihre Eltern mit Schamanenunterstützung von Alfred miteinander zu verkuppeln. Was bei einer vermeintlich großen Liebe noch verständlich wäre, wirkt durch den „Liebeszauber“ reichlich beliebig, dadurch unreal und wenig haltbar. Rosenmüller und Lerch zeigen dann auch derart wenig Interesse an der Romanze, dass sie die zuvor als solide dargestellte Ehe zwischen der Lehrerin und Alfred nun ad hoc fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.

Wo Wer früher stirbt, ist länger tot zuvor souverän die Tartanbahn entlang galoppierte, rettet sich der Film dann mit einem etwas ungelenken Satz schließlich ins Ziel, wenn sich die Ereignisse zu Beginn des dritten Akts überschlagen. So wirkt das Finale dann zwar nicht sonderlich stimmig – und das in vielerlei Hinsicht –, dennoch ist es ein Verdienst des Films, dass es diesem nicht das Genick bricht, sondern akzeptiert, wenn auch nicht bewundert wird. Zu frisch und unverbraucht erscheint Rosenmüllers Mundart-Komödie, die durch Originalität auftrumpft, wo anderswo in Deutschland bevorzugt aus Hollywood (dazu schlecht) geklaut wird.

Stattdessen erwartet den Zuschauer eine herzliche Komödie, die auch (oder: insbesondere) dank ihrer Verortung ins Bayrisch-Katholische zu überzeugen weiß. Wenn Sebastians Angst vor dem Fegefeuer zu einer amüsanten Traumsequenz führt, in der ihm all seine Streiche – großartig, was für welche alles darunter sind – vorgehalten werden, erinnert das an Chunks Geständnisszene aus The Goonies. Somit steht und fällt ein Film wie Wer früher stirbt, ist länger tot respektive eine Lausbubengeschichte wie diese natürlich mit seinem Protagonisten und da überzeugte Markus Krojer stolze 1,8 Millionen Kinozuschauer. Und damit auf ganzer Linie.

8/10

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