21. April 2008

The Savages

What the hell kinda of hotel is this?

Vor zehn Jahren kam eine kleine Dramödie heraus, über eine jüdische Familie die ein Nischenleben in Beverly Hills führte, erzählt aus der Sicht einer frühreifen und physisch proper ausgestatteten Natasha Lyonne. Von den Kritikern gelobt erhielt Autorin und Regisseurin Tamara Jenkins viele Nominierungen verschiedener Independentpreise, ihr Film Slums of Beverly Hills beeindruckte durch seine oberflächliche ernste Dramatik und seinen sich darunter versteckenden Witz. Seitdem hatte Jenkins allerdings keinen Film mehr herausgebracht, bis dieser Tage nun ihr zweiter Spielfilm The Savages erscheint, der wenig verwunderlich, dieselben Attribute verdient wie sein Quasi-Vorgänger. Produziert wurde das ganze von Spezialisten für subtil-witzige Dramen, nämlich Anne Carey und Ted Hope, für Filme wie Thumbsucker aber auch die John Irving-Adaption The Door in the Floor verantwortlich. Als ausführende Produzenten sind zudem Jenkins Ehemann und Oscarpreisträger Jim Taylor an Bord, sowie dessen kongenialer Partner Alexander Payne. Die Basis für ihren neuen Film zog sie dabei aus persönlichen Erfahrungen mit ihrer eigenen Verwandtschaft, sowie auch der Verwandtschaft von Bekannten. Ihre Thematisierung ist dabei durchaus pikant, wird das Thema Pflegeheim oder Demenz nicht oft in Hollywood als Grundlage für einen Film gewählt, sodass die doppelte Vertretung bei den diesjährigen Academy Awards mit The Savages und Away From Her die Ausnahme darstellt.

Schwere Kindheiten sind bedauerlicherweise nichts ungewöhnliches, vor allem in Amerika stellen diese oftmals in Geschichte die Basis für problembelastete Charaktere dar, die von ihren Erzählern zum Protagonisten aufgebauscht werden. Dies zieht meist ein zerrüttetes Familienverhältnis nach sich, welches auch die Beziehung von Geschwistern zueinander belastet, die durch die gegenseitige Anwesenheit nur an die schlimme Vergangenheit erinnert werden. Solche Geschwister sind die Protagonisten in Jenkins Geschichte, zwei problembelastete Charaktere, unglücklich mit ihrem Leben allgemein und im speziellen. Die Teilzeit arbeitende Wendy Savage (Laura Linney), die mehrfach bei renommierten Institutionen um ein Stipendium gebeten hat, damit sie ihren subversiven, semi-autobiographischen Stoff als Theaterstück inszenieren kann. Doch Weny scheitert, ein ums andere Mal und das hat sie mit ihrem Bruder, dem Philosophiedozenten Jon Savage (Philip Seymour Hoffman) gemeinsam, der ebenfalls mehrfach von besagten Institutionen abgelehnt worden ist. Jon selbst schlägt sich gerade mit einem Sachbuch zu Berthold Brecht herum, tritt auf der Stelle und kommt nicht so recht vorwärts, da er auch psychisch vorbelastet ist und seine polnische Freundin nach dreijähriger Liaison ihr Visum aufgeben und zurück nach Krakau ziehen muss. Bei Wendy läuft es in der Liebe nicht besser, sie pflegt eine Affäre mit dem verheirateten Theaterintendanten Larry (Peter Friedman). Zu ihrem Vater haben die beiden dabei noch weniger Kontakt, wie sie ihn zu sich selbst pflegen.

Was zu Beginn des Filmes dann folgt ist eine Familienvereinigung der anderen Art. Wendy und Jons Vater Lenny (brillant: Philip Bosco) verliert nicht nur seine langjährige Freundin an den Tod, sondern auch seine Erinnerung. Er beginnt an Demenz zu leiden und muss sein Zuhause schließlich verlassen, da es rechtmäßig seiner Freundin gehörte. Fortan sind die beiden Kinder, die zu ihrem Vater nie ein liebendes Verhältnis hatten und darüber hinaus von diesem misshandelt wurden, für dessen Leib und Wohl verantwortlich. Hierbei könnten beide Geschwister nicht ähnlicher und zugleich unterschiedlicher dargestellt sein, beide vereint ihre Inkompetenz ihre Gefühle auszudrücken und der Drang nach literarischem Erfolg. Bezüglich Lenny jedoch nimmt Jon die pragmatische Rolle ein, sein kranker Vater ist für ihn eine Last, ein Umstand, eine soziale Verpflichtung der er sich gesetzlich schuldig fühlt. Eine wirkliche Bindung zu seinem Vater ist nicht vorhanden und auch vor seiner Schwester verschließt er sich so gut wie möglich, lässt aber sichtbar seine Probleme die er mit ihrem augenscheinlichen Erfolg hat zutage treten, als diese scheinbar ihr Stipendium bewilligt bekommt, welches ihm stets versagt geblieben ist. Jon ist eine introvertierte Figur, die auch ihren Unterricht an der Universität mehr für sich selbst lehrt, als für die Studenten, der das erstbeste Pflegeheim für seinen Vater wählt, anstatt sich mit den übrigen Optionen auseinander zu setzen.

Wendy hingegen, obwohl emotional gegenüber Larry immer von einer gefestigten Distanziertheit geprägt, nimmt sich die Demenz ihres Vater sehr zu Herzen. Sie organisiert Luftballons und Beileidskarten, als sie mit Jon zur Kondolenzbekundung für dessen Freundin in ein abgeschiedenes Rentnerörtchen in Arizona reist, sie sorgt sich um die Kleidung ihres Vaters, um die Ausstattung seines Zimmers, wird sogar richtiggehend wütend, als ein Kissen verschwindet, dass sie ihm gekauft hat. Außerdem bemüht sich Wendy um die Aufnahme in einem besseren Pflegeheim, nicht weil sie ihren Vater liebt oder nur das beste für ihn möchte, sondern wie Jon richtig interpretiert um sich selbst einen Gefallen zu tun. Sie fühlt sich schuldig, nicht für ihren Vater da zu sein, sich nicht selbst um ihn zu kümmern, ihn zu versorgen, ihn stattdessen in ein spärliches Pflegeheim abzuschieben – mit der Ironie, dass Lenny nicht mal merkt wo er ist, sondern die Einrichtung als Hotel wahrnimmt. All ihre Bemühungen zielen darauf ab, sich selbst von Schuld los zu sprechen, es dem Elternteil so bequem wie möglich zu machen, während man es für sich selbst ebenfalls bequem hält. Ein soziales Problem, das hier thematisiert wird: wie ist mit den Alten umzugehen? Das Elternteil wird alt, gebrechlich, dement, kann sich weder alleine anziehen, aufs Klo und weiß weder wo es sich befindet, noch wer sich in seiner Umgebung aufhält. Sich um so eine Person ist äußerst anstrengend, weil redundant, das weiß jeder, der mal mit solchen Menschen beschäftigt war, sei es aus eigener Erfahrung oder dank eines Praktikums in einer sozialen Einrichtung.

Der Film ist keine Komödie, auch wenn er in der IMDb als solche geführt wird, vielmehr ist er Drama, das nur deshalb gelegentlich komisch wirkt, weil man sich selbst darin erkennt, in einer gewissen Form von Schadenfreude. Wenn Lenny im Flugzeug auf dem Weg zum Klo die Hose plötzlich herunterrutscht, ist das per se nicht amüsant, man schmunzelt dennoch. Viel stärker noch als in ihrem Debüt skizziert Jenkins hier den subtilen, subversiven Humor, der nicht offen zelebriert wird, sondern sich aus der Sicht der Geschwister ergibt. Ziel des Filmes ist es allerdings nicht das Publikum zu amüsieren, sondern ein Bild abzugeben von der Auseinandersetzung relativ junger Menschen mit dem Tod. Wie ist zu verfahren, wenn der Vater – oder die Mutter – nicht mehr für sich selbst sorgen kann? Wer bringt tatsächlich die Kraft auf sein Leben hinten anzustellen und sich um die betreffende Person zu kümmern? Wer würde nicht auch lieber diese Person einfach in ein betreutes Wohnprojekt oder Pflegeheim abgeben? Jenkins Geschichte ist durchaus ehrlich, die private Probleme der Geschwister außer Acht gelassen. Überaus gut geschrieben, fast so tiefgreifend wie das Skript von Nancy Oliver, bedauerlicherweise gehen viele der witzigen Momente bzw. Untertöne in der deutschen Synchronisation verloren, was schon angesichts der Tatsache dass Philip Seymour Hoffman deutsch singt sehr zu bedauern ist. Eine Schande wäre es, wenn Mrs. Jenkins erneut zehn Jahre zum nächsten Projekt warten würde, hat sie ihr literarisches Talent hiermit untermauert.

8/10

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