16. September 2008

JCVD

You won. I lost.

Er ist eine Legende. Ein Mythos. Nach dem Tod von Marlon Brando der letzte große Schauspieler der Filmbranche. Er ist The Muscels of Brussels. Der Fred Astaire des Karate. Sein Name: Jean-Claude Van Damme. Belgiens größter Filmexport ist natürlich nicht mit Brando zu vergleichen, besitzt nicht mal schauspielerische Fähigkeiten. Oder doch? Ja, das ist die große Frage, die der Belgier mit JCVD spielend beantwortet. Van Damme, der seinen Durchbruch mit 28 Jahren Ende der Achtziger mit Bloodsport erlebte, gehörte einer Generation Schauspieler an, die ihr Genre beherrschten. Neben Namen wie Steven Seagal, Chuck Norris, Bruce Willis, Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger zählt Van Damme zu den Größen den Actionkinos Anfang der neunziger Jahre. In der Mitte des Jahrzehnts sollte er seine Hochzeit haben, für Filme wie Sudden Death und Street Fighter erhielt er Gagen bis zu sechs Millionen Dollar.

Dann kam The Quest im Jahr 1996 und Van Damme brach ein. Filme wie Maximum Risk, Double Team oder Knock Off waren immer weniger erfolgreich. Gemeinsam mit seinen Kollegen Norris und Seagal musste er mit ansehen, wie seine anderen Actionkameraden in neue Sphären vorstießen. Van Damme hatte im Grunde einen Fehler gemacht, ohne diesen bewusst begangen zu haben. Denn eigentlich unterscheidet nichts einen Film wie Legionnaire (1998) von einem Lionheart (1990) - außer ihre Entstehungszeit. Während Sly und Arnie sich für andere Projekte hergaben, die sich mehr dem Actionkino der Neunziger anpassten, drehte Van Damme weiterhin Filme im Stil der achtziger Jahre. Und versackte anschließend im Direct-to-DVD Sumpf. Mit JCVD kehrt der Belgier nun zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren auf die Kinoleinwand zurück.

Ein Krisengebiet, vermutlich Terroristen. Doch kein Problem für den Helden, der sich wacker durch das Szenario prügelt und auch nicht vor Flammenwerfern und anderen Waffen zurückschreckt. Eine Szene, die in einer einzigen Einstellung gedreht wird und letztlich durch eine umfallende Kulisse endet. Wir sind am Set des neuen Films von Jean-Claude Van Damme, der keucht und fertig ist. Mit sich und der Welt. Er könne keine solche schnittlose Einstellung mehr drehen, er sei immerhin schon 47 Jahre alt, beklagt er gegenüber seinem chinesischen Regisseur. Dieser macht deutlich, dass ihm nichts an Van Dammes Meinung, geschweige denn dem Film selbst, liegt. Es ist der Tiefpunkt der Karriere eines Mannes, dessen herbste Niederlage aber erst noch folgen soll. Vor Gericht wird Van Damme das Sorgerecht für seine Tochter abgesprochen, der gegnerische Anwalt wirft ihm Verantwortungslosigkeit vor und zählt die Todesumstände von Van Dammes Gegnern in dessen Filmen auf.

Die Tochter will lieber bei der Mutter leben, da sie sich für ihren Vater schämt. Dabei ist ihr nicht bewusst, dass sie ihr Leben wie sie es lebt ebenjenen Filmen ihres Vaters zu verdanken hat. Es ist eine undankbare Gesellschaft, in der sich Van Damme zu Beginn des Filmes wieder findet. Da tut es gut, nach Hause, nach Belgien, zu kommen, wo ihn die Leute noch schätzen. Ihren Star, den sie alle liebevoll „Jean-Claude“ nennen. Eine rasche Abbuchung bei der Poststelle verkommt jedoch nach wenigen Minuten zur Geiselnahme. Polizeikommissar Bruges (François Damiens), selbst ein Fan des Action-Darstellers, hält Van Damme für den Geiselnehmer. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass er das Sorgerecht verloren und finanzielle Schwierigkeiten hat. Währenddessen versucht Van Damme die Situation in der Poststelle vor der Eskalation zu bewahren und lässt den Tag Revue passieren.

In seinem zweiten Film zeigt Regisseur Mabrouk El Mechri eindrucksvoll die Demontage eines Denkmals im vollen Bewusstsein des Denkmals selbst. Jean-Claude Van Damme ist pleite. Als er seinen Agenten nach neuen Rollenangeboten fragt, offeriert dieser ihm einen idiotischen Film, den Van Damme jedoch bereits vor einem halben Jahr gedreht hat. „Dann die Fortsetzung?“, bringt der Agent lapidar als Erwiderung hervor. Der Belgier ist genervt, hat seinen Fehler von vor zehn Jahren eingesehen und sehnt sich nur noch nach einer einfachen Studioproduktion. Schließlich geht er auf die Fünfzig zu und kann nicht ewig Actionfilme drehen. „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“, prangert es da, Danny Glover aus Lethal Weapon zitierend, auf dem Kinoplakat. Doch was soll er machen? Ihm fehlt das Geld um seine Anwälte für den Sorgerechtsstreit zu bezahlen.

Ein neues Projekt muss her, etwas Geld, ein Vorschuss. Das mit dem neuen Projekt wird nichts, man hat bereits Steven Seagal engagiert. Er soll sich extra seinen Pferdeschwanz dafür abgeschnitten haben. Insiderhumor par excellence, Seagal trennt sich von dem Merkmal, das ihm in seiner Karriere sicher die eine oder andere Rolle gekostet haben dürfte. Aber Van Damme gibt nicht auf: Dreht er eben diese bescheuerte Fortsetzung seines Agenten. Zum letzten Mal, wird er sich denken, danach ändere ich mich. Vorerst braucht er aber Geld, will und darf seine Tochter nicht verlieren, immerhin ist sie das Einzige was er in diesem Leben, das nur noch von Verlust bestimmt ist, noch besitzt. Mit JCVD gelang El Mechri ein stilles Drama eines ausgelaugten Menschen, von dem mehr erwartet wird, als er zu leisten im Stande ist.

Durch seinen Status ist er für die drei Bankräuber und Geiselnehmer eine unmittelbare Gefahr, insbesondere deshalb, weil einer von ihnen selbst ein riesiger Fan von Van Damme ist. Die Szenen zwischen ihm und Van Damme bilden die Höhepunkte des Filmes. Besonders die Kritik an John Woo ist in ihrer Köstlichkeit kaum noch zu überbieten. Natürlich vollkommen fehl am Platz, denn nur weil Van Damme Woo einst für Hard Target nach Hollywood holte, bedeutet dies nicht dass der Chinese ihm irgendetwas schuldig wäre. Schade auch, dass hier nicht noch Roland Emmerich ins Spiel gekommen ist. Diese Fanboytum ist jedoch exakt das, wofür Van Damme immer stehen, was er immer bewirken wollte. Und wer würde Van Damme nicht gerne eine Zigarette wegkicken sehen, wenn er mit ihm allein in einem Raum wäre?

Zudem steht Arthur exemplarisch für den Niedergang von Jean-Claudes Karriere. Der erkannte selbst, dass seine Fanbase nicht nachwächst, sondern gemeinsam mit ihm altert. Und welcher 42-Jährige will sich vorwerfen lassen, Karate-Filme anzusehen? Aber was soll ein Jean-Claude Van Damme auch anderes machen? Adam Sandler beweißt auch in Filmen wie Reign Over Me, dass er über schauspielerisches Talent verfügt. Jedoch liegt seine Fanbase ganz woanders, das Geld für den Unterhalt seiner Familie verdient er eben durch Grown Ups und Konsorten. Seinen Wunsch sich selbst oder vielmehr seinen Kritikern etwas zu beweisen, kann Van Damme sich nicht erfüllen, für Studiofilme kommt er einfach nicht in Frage. Dabei kann er schauspielern, nur ließen es seine eindimensionalen, meist antriebslosen Figuren bisher nicht zu. Seine Chance erhält er nun in JCVD, denn wer kann ihn besser spielen als er selbst?

Die meisten Kritiker sehen seinen Schauspielbeweis in einem scheinbar improvisierten fünfminütigen Monolog, der quasi als Beichte oder Geständnis fungiert. Dabei handelt es sich hierbei um die schwächste Szene des Filmes, da sie zum einen gestelzt ist und zum anderen nichts offenbart, was man nicht schon gewusst hat. Als Star lauern überall Drogen und keiner stört sich daran, wenn man welche nimmt. Das ist ein offenes Geheimnis. Egal ob Charlize Theron, Nicole Kidman, Matthew McConaughy, sie alle konsumieren Drogen, manche sogar in der Öffentlichkeit. Wenn man Lindsay Lohan heißt, kann man sogar mit Kokain im Kofferraum Autounfälle bauen, ohne im Knast zu landen. Auch seine Rechtfertigung in Bezug auf seine Ehen wirkt hier unnötig.

Natürlich empfindet Van Damme für jede seiner vier Frauen eine besondere Liebe, dafür muss er sich nicht rechtfertigen, schon gar nicht dem Publikum gegenüber. Ebenso wenig für seine Filme, schließlich ist das die Sorte Kino, die das Publikum Anfang der Neunziger noch wollte. „You won, I lost“, erklärt er betrübt und hebt hervor, dass er nie jemanden verurteilt hat. Das kauft man ihm nicht ab, verurteilen doch wir alle andere Menschen, es ist ein menschliches Charakteristikum. Wäre Van Damme noch Multimillionär hätte er kaum JCVD gemacht und dieses Statement von sich gegeben. Weitaus interessanter wäre gewesen, wenn er über seine Tochter gesprochen hätte, beziehungsweise die Tatsache, dass sie sich ihres Vaters schämt. Nur hier kann der wahre Schmerz dieses Mannes liegen. Doch JCVD versäumt es dieser Thematik nachzugehen.

Dass der Belgier in der Tat schauspielern kann, beweist er nicht im Monolog, sondern in all den anderen Szenen. Wenn die Polizei seine Mutter an das Telefon holt, die ihren Sohn fragt, was er da eigentlich macht - das ist Schauspielerei. Van Damme kann es also, es wäre auch lachhaft gewesen, wenn er in zwanzig Jahren in Hollywood kein Talent aufgeschnappt hätte. Vielleicht ist JCVD da der Schritt in die richtige Richtung, obschon sich Gerüchte häufen, dass der Abschluss der Universal Soldier-Trilogie sich anbahnt (was ich im Übrigen begrüßen würde). Demnächst plant Van Damme mit Full Love sich nicht nur noch mal selbst zu spielen, sondern er zelebriert mal wieder sein Autoren- und Regietalent. Mit JCVD hat Van Damme jedenfalls alles richtig gemacht. Die Dramatik seiner Lebenskrise ist gegenwärtig und spürbar.

Ein Mann am Wendepunkt seines Lebens, müde und der Vergangenheit überdrüssig. Gewürzt wird das alles durch aberwitzige Szenen, die bereits bei der brillanten Einleitung des Gaumont-Logos beginnen und sich in der finalen Auflösung des Geiselkonfliktes fortsetzen. Das Ende des Filmes ist diskutabel, jedoch im Kontext des zuvor Gezeigten durchaus konsequent. Die Bilder sind dabei oftmals sehr dunkel geraten und voll von Schatten, was eine Aufnahme mit einer digitalen Kamera vielleicht besser gemacht hätte. Nichtsdestotrotz ist JCVD ein Highlight für jeden bekennenden Fan von Van Damme und wohl auch für diejenigen zu empfehlen, die zumindest etwas mit seiner Filmographie anfangen können. Wer jedoch nicht weiß wer Van Damme ist und was für Filme er in seiner Karriere gedreht hat, wird der bitteren Ironie dieses Werkes kaum folgen können.

8.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

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