29. September 2008

Spider-Man 3

We have to forgive each other. Or everything we ever were will mean nothing.

Ein neues Phänomen erreichte in Hollywood 2007 seinen Höhepunkt: Fortsetzungen. Sie boomen wie nie und markieren neben Remakes die einträglichste Rubrik des aktuellen Kinos. Die Arbeit wird klein gehalten, man verwertet bekannte Geschichten und schlachtet andere Themen genüsslich aus. Gerade die dritten Teile hatten es dem vergangenen Jahr angetan, denn neben Shrek the Third, Ocean’s Thirteen und Rush Hour 3 warteten auch die Abschlüsse der Pirates of the Carribean- und Spider-Man-Trilogien auf. Letztgenannte Filme konnten sich erfolgsmäßig von der übrigen Masse absetzen. Den Rekord des teuersten Filmes aller Zeiten durfte Spider-Man 3 nach dem Start von Pirates of the Carribean: At World’s End an diesen abgeben. Auch finanziell war das letzte Piratenabenteuer noch eine Spur erfolgreicher als der Spinnenmann. An den Top 10 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten scheiterte der Film mit Platz 11 nur knapp, immerhin lief er in den USA erfolgreicher als Jack Sparrow und Konsorten.

Dabei stört es Sony relativ wenig, dass Spider-Man 3 einen Schlussstrich unter eine stringente Trilogie setzte, die Planungen für einen vierten Teil, der 2011 in die Kinos kommen soll, laufen bereits. Fraglich ist bisher noch, ob Sam Raimi wieder Regie und Tobey Maguire erneut die Hauptrolle spielen wird. Beide machen ein potentielles Engagement von dem Entscheid des anderen abhängig, ebenso wie Kirsten Dunst. Möglich – und im Grunde zum Scheitern verurteilt – wäre eine Neubelebung der Reihe, mit neuem Regisseur und Darstellern. Sehr wahrscheinlich, dass sich Sony dadurch selbst ins Knie schießt. Auch eine Fortsetzung der bisherigen Storyentwicklung ist kritisch.

Im Vergleich zu den beiden Vorgängern haben sich die Dinge für Peter Parker (Tobey Maguire) gewandelt. New York City liebt seinen freundlichen Nachbarschafts-Spider-Man und verleiht ihm nach der Rettung von Gwen Stacy (Bryce Dallas Howard) sogar den Schlüssel zur Stadt. Auch in Liebesdingen kann sich Peter nicht beklagen, führt er doch eine zufriedene und glückliche Beziehung mit seiner Jugendliebe Mary Jane Watson (Kirsten Dunst). Lediglich die zerrüttete Freundschaft zu Harry (James Franco) bereit ihm ein wenig Kopfzerbrechen. Dieser bereitet sich insgeheim auf die finale Konfrontation mit Spider-Man vor, ein Kampf, der eine Wendung in das Geschehen bringen wird. Während es für Peter bestens läuft, hat MJ mit Problemen zu kämpfen. Doch Peter ist nicht für sie da, zu egozentrisch ist sein augenblickliches Verhalten. Als Peter und Tante Mae (Rosemary Harris) erfahren, dass Onkel Bens wahrer Mörder, der Bankräuber Flint Marko (Thomas Haden Church), auf der Flucht ist, kocht in Peter der Wunsch nach Rache.

Nachdem Marko durch einen Unfall genetisch verändert und zum Sandman mutiert ist, sucht Peter den Konflikt. Bei seiner Vergeltungssucht verletzt er nicht nur MJ, sondern auch seinen Konkurrenten Eddie Brock Jr. (Topher Grace). Schuld an Peters Verhalten ist ein außerirdischer Symbiont, der Besitz von ihm ergriffen hat. Für Peter gilt es nunmehr, sich auf seinen wahren Charakter zu besinnen und seine Gefühle unter Kontrolle zu kriegen. Eine Katharsis muss zu Ende gebracht werden, die in Spider-Man begonnen wurde. Gekonnt verknüpft Regisseur Sam Raimi die Handlung mit den Ereignissen aus den vorangegangen Teilen. Sehr schön auch in der Eröffnungssequenz bebildert. Ein würdiger Abschluss der Trilogie in allen Belangen.

I'm not a bad person. I've just had bad luck.

Die Hauptthemen des Filmes sind Rache und Vergebung, die alle Figuren motivieren. Peter reitet sich in einen Rachedurst hinein, als er erfährt, dass Marko der eigentliche Mörder seines Onkels ist. Er stößt MJ von sich und verliert sich vollkommen in seiner Vergeltung. Nachdem er Marko vermeintlich getötet hat, stößt er bei seiner Tante zu seiner Überraschung nicht auf Dankbarkeit, sondern Abscheu. Sein Verhalten provoziert wiederum Rache beim Sandman, der zuvor keinerlei Aggressionen gegen Spider-Man hegte („I don't want to hurt you. Leave now.“). Diese Aggressionen leiten den Sandman letztlich zu Venom, der durch Eddie Brock Jr. gesteuert ebenfalls auf Rache aus ist. Brock ist ein schmieriger Charakter, der beim Anblick seiner Freundin in Lebensgefahr nichts Besseres zu tun hat, als Photos für die Zeitung zu schießen.

Somit gehört Brock zu der Sorte Mensch, die immer auf den kürzesten Weg zum Ziel kommen möchte und sich dabei nicht scheut fragwürdige Abkürzungen zu nehmen. Durch den Symbionten wird sich Peter hier einen Feind schaffen, indem er Brock vor der gesamten Stadt demütigt. Auch Harry strebt es nach Rache, er will Spider-Man für den Tod seines Vaters büßen lassen. Nicht von ungefähr sind es ausschließlich die männlichen Charaktere, denen es nach Rache gelüstet, während das weibliche Ensemble die Tugend der Vergebung propagiert. MJ muss Peter vergeben und diesen wiederum selbst dazu bringen, zu vergeben. Diese Lektion wird er auch von seiner Tante Mae lernen.

Im Abschluss der Trilogie macht Sam Raimi vieles richtig und manches falsch. Die grundsätzliche Stimmung im dritten Teil ist gut eingefangen, ein Comic-Flair spürbar. Die Action-Szenen (abgesehen vielleicht vom Finale) sind gut choreographiert und gebührend umgesetzt. Die Musik von Christopher Young kommt meist zwar nicht an den kongenialen Score von Danny Elfman heran (es fehlt das mystische), aber das Thema zu Flint Marko ist ausgesprochen gelungen. Nach der Zweitsichtung auf DVD hatte ich dem Film noch mal einen halben Punkt mehr zugesprochen, dem ich ihm bei der jetzigen Drittsichtung wieder abziehe. Zwar ist Spider-Man 3 weitaus lustiger und selbstironischer als es der erste Teil war, doch an den Humor von Spider-Man 2 kommt er dann doch nicht heran. Herausragend ist dennoch die Portraitierung des Evil Peter – eines selbstgefälligen, arroganten und überheblichen Peter Parker.

Allein der Walk-Down von Peter in den Straßen New Yorks mit Händeklatschen und der Fingerpistole ist herrlich, aber auch sonst sind viele Einstellungen äußerst amüsant geraten. Interessant ist der Aspekt von Raimi, einen Helden zu zeigen, der negative Eigenschaften trägt, im Gegensatz zu einem Antagonisten, der scheinbar aus löblichen Beweggründen agiert. Entgegen der allgemeinen Meinung fand ich den Film nicht zu schwülstig, sondern sehr glaubhaft und emotionsgeladen. Gefühle werden verletzt, Beziehungen stehen in Gefahr. Der Kameraschwenk in wunderschön romantischen Pastellfarben erinnert an King Kong und führt zu einem dramatischen Ende aller Konflikte. Entgegen anderer Trilogie-Abschlüsse (Pirates of the Carribean, Matrix) fährt Raimi den Karren nicht gegen die Wand, sondern bringt seine Handlung zu einem gelungen und würdigen Ende. Dennoch hätte der Film weitaus besser sein können, das muss man Sony und Sam Raimi durchaus zum Vorwurf machen. Vieles ist zu redundant ausgefallen.

Where do these guys come from?

Wie in den Vorgänger muss MJ im Finale wieder von Spider-Man gerettet warden, sie wird entführt und als Falle ausgelobt. Das ganze wurde schon im zweiten Teil eintönig und ist es hier erst Recht. Dem ganzen hätte man zuvorkommen können, wenn man – wie ich an anderer Stelle schon mal erwähnt hatte – im ersten Teil auf MJ verzichtet und Gwen Stacy in den Mittelpunkt gerückt hätte. Es ist durchaus schön, diese nun endlich zu sehen und sie wird auch fantastisch von der attraktiven Bryce Dallas Howard dargestellt, nur wird sie etwas verschenkt. So wie sehr vieles im Grunde verschenkt wird, denn Spider-Man 3 krankt an seinen drei Bösewichtern. Hatte es Spider-Man in den Vorgänger immer jeweils mit einem Gegner zu tun, so sind es dieses Mal derer drei.

Diese treten jedoch nicht parallel, sondern immer abwechselnd auf, sodass man gerne mal die anderen beiden vergisst, wenn sie eine zwanzig Minuten lang nicht im Bild sind. Frühzeitig legten sich Raimi und Tobey Maguire auf die Anwesenheit des Sandman fest. Dabei ist dieser eine ziemlich langweilige Figur und wurde vom Regisseur nur deswegen ausgewählt, weil seine Umsetzung eine Herausforderung darstellte. Und die Umsetzung ist auch gelungen, der Sandman wurde großartig animiert. So großartig, dass für Venom scheinbar nicht mehr genug Geld vorhanden war. Dass es Venom überhaupt in den Film geschafft hat, verdankt sich Produzent Avi Arad, der Raimi dazu aufforderte, den Fan-Liebling in den letzten Teil der Reihe mit einzubeziehen.

Der Film wird Venom jedoch nicht gerecht, insbesondere nicht in dessen Animation und Darstellung durch Topher Grace. Im Grunde stellt er nur einen Sidekick für Sandman dar, welcher der eigentliche Antagonist ist, da er Peters Rachethema vorantreibt. Eines sporadischen Venom hätte der Film dann nicht bedurft, die Figur ist verschenkt. Auch der Sandman, als liebender Vater, der nur das Beste für seine kranke Tochter wollte, ist ein kleiner Störfaktor. Lieber hätte ich es gesehen, wenn man sich auf einen Hauptbösewicht beschränkt hätte, dazu noch die Auseinandersetzung mit dem New Goblin. Wobei es fraglich ist, ob man Harry überhaupt ein Pseudonym geben muss, da er die Stadtbevölkerung gar nicht angreift. Die Handlung kann den drei Strängen jedenfalls nicht immer folgen, man fühlt sich bisweilen gehetzt, die finale Exposition kommt ebenfalls ziemlich überhastet. Auch die Einbindung der Stadtbevölkerung in das Finale – inklusive amerikanischer Flagge – beißt sich.

Meistens erweckt Spider-Man 3 den Eindruck, als habe man zwei Filme in einem erzählen wollen. So erklärt sich auch MJ’s Verhalten gegenüber Peter. Dennoch funktioniert der Film überaus gut, besonders als Comicadaption. Ich stufe ihn daher hinter dem zweiten Teil als den besten der Trilogie ein, entlohnen dürfte den Fan alleine der Cameo von Bruce Campbell, der seine Leistung aus dem Vorgänger erneut zu toppen weiß. Manches Logikloch im Skript findet sich dennoch, man hätte den Film durchaus anders und somit etwas plausibler erklären können. Wie ein anderes Ende für Spider-Man 3 hätte aussehen können, zeigt ein äußerst amüsanter und animierter Internet-Spoof. Dennoch war der dritte Teil ohne Frage ein Höhepunkt des vergangenen Kinojahres und zählt zu den gelungen Comicverfilmungen in einem Genrepool, der zurzeit keinen Beckenrand zu kennen scheint.

8/10

7 Kommentare:

  1. Sehe ich ganz ähnlich. Besonders das mit den "zwei Filmen in einem" - so kann ich als großen Kritikpunkt auch nur das gehtzt wirkende Erzählgerüst nennen. Ich hoffe ja immer noch auf eine erweiterte Fassung mit etwas mehr Substanz in den charakterbildenden Szenen. Dennoch auf jeden Fall eine erstklassige Comicverfilmung!

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  2. Fraglich ist bisher noch, ob Sam Raimi wieder Regie und Tobey Maguire erneut die Hauptrolle spielen wird.

    Hoffentlich nicht. Den Rest kannst Du dir denken;)

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  3. Jetzt werden schon Uralt-Kritiken als neu ausgegeben?

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  4. @Vega: Nein, ich hab den Beitrag neu editiert, also Passagen neu verfasst. Aber im Zuge der Spider-Man und X-Men-Besprechung wollte ich nicht lediglich "updaten" wie sonst, sondern den Beitrag neu ins Gedächtnis rufen. Aber immerhin passt du auf :)

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  5. Natürlich, von meiner Aufmerksamkeit kannst du dir noch 'ne Scheibe abschneiden. ;)

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  6. furchtbarer Film, einer der wenigen, bei denen ich kurz davor war das Kino zu verlassen.

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  7. fährt Raimi den Karren nicht gegen die Wand, sondern bringt seine Handlung zu einem gelungen und würdigen Ende.

    Also ich war vom dritten "Spider-Man" doch schon ziemlich enttäuscht. Meiner Meinung nach war dieser Film zwar kein Totalschden, aber doch schon ein gehöriger Blechschaden. Übrigens finde ich die Rezension an sich weitaus kritischer, als es dann die Wertung wieder spiegelt.

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