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25. November 2010

Lost

Remember… and let go.

Die US-Fernsehserie Lost wurde von Kritikern als „multimediales Ereignis“ und „das am konsequentesten umgesetzte Fernsehkonzept aller Zeiten“ bezeichnet. Sie galt als „weltweit erfolgreichste  Fernsehserie“, dies jedoch weniger wegen ihrer Einschaltquoten - die in den letzten Jahren stetig zurückgegangen sind -, sondern dank ihrer digitalen Aufzeichnung und den daraus resultierenden Downloads.  Nur wenige Serien vor Lost hinterließen einen derart bleibenden Effekt, war die Serie doch weniger Serie als vielmehr ein Phänomen. Ein Serienphänomen, das nicht nur in einem eigenen Magazin resultierte, sondern auch wöchentliche Podcasts der Showrunner hervorbrachte. Und das mit Abstrichen zum Missverständnis wurde beziehungsweise werden musste. Die umfassende und dennoch nie zu greifende Mythologie der Serie resultierte in mehreren Fanseiten und Diskussionsforen. Filmwissenschaftliche Literatur zur Serie findet sich bisher kaum, wird wohl erst nun, nach Ende der letzten Staffel, zu Tage treten. Und einen nüchternen Blick auf die narrativen Schwächen werfen, diese jedoch hinter das Requiem der Serie zu stellen haben.

Die Ursprünge von Lost verdanken sich Robert Zemeckis’ Kinofilm Cast Away aus dem Jahr 2000. Bei einem Treffen der Führungskräfte des amerikanischen Fernsehsenders American Broadcasting Company (ABC) im Sommer 2003 schlug Lloyd Braun, der damalige Vorsitzender der ABC, eine Serie mit ähnlicher Philosophie vor. Man trat an den Autoren Jeffrey Lieber heran, der eine Idee für die Serie entwickelt sollte, welcher Lieber ein Gefühl von William Goldings Lord of the Flies verleihen wollte.  Im weiteren Verlauf  der Vorbereitung zog Braun, der mit Liebers Ideen unzufrieden war, schließlich Drehbuchautor und Alias-Schöpfer J.J. Abrams hinzu. Dieser verpasste Lost dann den finalen Schliff. Er konzipierte die Insel, auf der eine Gruppe Flugzeugpassagiere abstürzt, als einen eigenen Charakter („a supernatural place where strange things happened“). Mit dem aufstrebenden Autoren Damon Lindelof konzipierte Abrams ein Szenario für eine zweiteilige Pilotfolge, deren Budget von der ABC ohne ein Drehbuch gesehen zu haben, abgesegnet wurde.

Für 12 Millionen Dollar produzierte man den zweistündigen Piloten, der am 22. September 2004 ausgestrahlt wurde. Die ersten zwei Dutzend Folgen der ersten Staffel verfolgten durchschnittlich über 15,6 Millionen US-Amerikaner, womit Lost seine festen Zuschauer gefunden zu haben schien. Abrams widmete sich anschließend seinen Kinoproduktionen und behielt lediglich seinen Produzentenstatus, weshalb seither neben Lindelof noch Carlton Cuse den Showrunner der Serie gab. In den vergangenen sechs Jahren konnte Lost nicht nur einen Golden Globe, sondern auch neun Emmy Awards mit nach Hause nehmen. Am 23. Mai 2010 lief mit The End ein bezeichnendes Finale einer der größten Shows des vergangenen Jahrzehnts. Ein Ende, das einen emotionalen Eindruck hinterließ, der noch lange anhalten wird. Ein Ende, das allerdings auch vor Augen führte, woran es Lost letztlich fehlte, um in Realität das zu werden, was es für seine Anhängerschaft über die Jahre hinweg gewesen war. Im Zuge der Rekapitulation werden in den restlichen Absätzen Spoiler zum Serienverlauf nicht abwendbar sein. Viewer discretion is advised.

Mit dem 22. September 2004 fing alles an. Nicht nur für die Zuschauer mittels der Pilotfolge(n) von Lost, sondern auch für deren Charaktere. Es war Flug Oceanic 815, der an jenem Datum in seinem Kurs von Sydney nach Los Angeles in Turbulenzen geriet und irgendwo im Pazifik abstürzte. Details, die weder das Publikum, noch die Figuren vergessen würden, und die einen eigenen Mythos innerhalb der Serie nach sich ziehen sollten. Das erste Bild der Show markierte dabei ein sich öffnendes Auge, welches in späteren Folgen (20 um genau zu sein, davon allein neun in der ersten Staffel) zum wiederkehrenden Element verkommen würde und mit der letzten Einstellung der Serie in The End seine narrative Klammer erhalten sollte. Die erste Figur, die der Zuschauer kennenlernt, ist der Arzt Jack Shephard (Matthew Fox). Eine Figur, die sich zum essentiellen Charakter von Lost entwickeln würde, zur zentralen Rolle im Geschehen der Serie. Eine Figur, die ursprünglich in der Pilotfolge sterben sollte.

Es kam letztlich doch nicht so, da die Produzenten befürchteten, Zuschauer könnten die Show ablehnen, wenn die Hauptidentifikationsfigur in der ersten Folge getötet wird. Eine Entscheidung, die Party of Five-Veteran Matthew Fox einen neuen Karrieresprung und der Serie eine Titelfigur mit allerlei Ecken und Kanten verschaffte. Von 324 Passagieren überlebten 71 den Absturz. Von den 71 würde es am Ende der sechsten Staffel nur eine Handvoll sein, die mit dem Leben davonkommt. Damit kommt Lost einem Zählreim gleich, in dem Staffel um Staffel nicht nur, aber auch ursprüngliche Hauptfiguren beziehungsweise Überlebende des Oceanic-Absturzes ums Leben kommen. Ein Schema, das so zu Beginn nicht unbedingt antizipierbar gewesen ist. Wobei zu Beginn ohnehin relativ wenig antizipiert werden konnte. Lost schwappte als potentielle neue Hit-Serie über die TV-Landschaft und zeigte mit ihrer ersten Staffel, dass sie diesem Anspruch mehr als gerecht wurde. Mit nichts ahnenden Figuren („Guys, where are we?“, Charlie in Pilot: Part II) und 14 Sprechrollen, konnte sich jeder Zuschauer eine Identifikationsfigur aussuchen.

Womit sich früh einer der Vorzüge, zugleich aber auch der wahrscheinliche „Genickbruch“ der Serie ausmachen lässt. Bei 14 Sprechrollen in der ersten Staffel, die in der darauffolgenden zweiten Staffel sogar auf 17 anwachsen sollten, gelang es Lost stets, sowohl Charakter- als auch Mythologieserie zu sein. Ein Konzept, das sich dem strukturellen Aufbau der Durchschnittsepisode verdankt (lediglich in der fünften Staffel verzichteten die Macher in drei Folgen auf dieses Konzept). Jede Episode legt den Fokus meist auf eine, in seltenen Fällen (speziell dem Staffelfinale) auch auf mehrere Figuren. In einem sekundären Handlungsstrang werden mittels Rück- und in der vierten Staffel auch Vorblenden hauptsächlich (charakterliche) Hintergründe zu einer der Rollen geliefert. Diese knüpfen oft an vorangegangene Folgen der Figur an und/oder nehmen Bezug auf den primären Handlungsstrang, sprich die gegenwärtigen Ereignisse auf der Insel. So wurde in 118 Episoden insgesamt 31 Charakteren spezielle Aufmerksamkeit gewidmet.

Von diesen 118 charakterzentrischen Episoden entfallen nun allein 15 Folgen auf Jack (auch wenn er sich drei von diesen mit anderen Figuren teilt), was einem prozentuellen Anteil von 12 Prozent entspricht. Ohnehin sollte man sich von den insgesamt 31 „Fokus“-Figuren nicht in die Irre leiten lassen, liegt der eigentliche Fokus von Lost doch auf einer Handvoll Figuren, die rund die Hälfte dieser Episoden mit ihren Hintergründen - und auch sonst das Geschehen auf der Insel - bestimmen. Am bedeutendsten neben Jack geraten hierbei Kate Austen (Evangeline Lilly) mit 12 und Jacks designierter Gegenspieler John Locke (Terry O’Quinn) mit 11 Folgen. Gefolgt von den drei verbliebenen Charakteren Sun Kwon (Yunjin Kim) mit 10, sowie Hugo „Hurley“ Reyes (Jorge Garcia) und Sayid Jarrah (Naveen Andrews) mit jeweils 9 Episoden. Wie sehr sich die Serie auf Jack konzentriert, lässt sich auch im Vergleich zu einer anderen Figur aus den Anfängen ablesen, hat Fox’ Rolle doch fast drei Mal so viele zentrischen Episoden wie beispielsweise sein Konkurrent James „Sawyer“ Ford (Josh Holloway), der in sechs Staffeln auf lediglich sechs Folgen kommt.

In den Augen der Macher war Lost also stets eine Charakterserie, das merkte der Zuschauer spätestens in der finalen Staffel, die zwar versuchte, in Folgen wie Ab Aeterno oder Across the Sea einige mythologische Fragen, die in den ersten Staffeln eingeführt wurden, zufriedenstellend aufzulösen, hierbei jedoch scheiterte (oder scheitern musste, nachdem sechs Jahre lang ein Bohai darum veranstaltet wurde, dessen Erwartungshaltung exorbitant war) und einige Fragen gänzlich unbeantwortet im Raum stehen ließ. Was speziell mit den ersten beiden Staffeln zur ultimativen Mystery-Serie avancierte, endete als Charakter-Konklusion. Surprise over substance lautete spätestens ab der dritten Staffel das Motto von Lost und die Idee, mit jeder Folge möglichst eine neue Frage zu stellen, beziehungsweise bei Schließung einer Tür, anderswo zwei Fenster zu öffnen, sollte für die Serie zur mythologischen Krux werden, die in ihrem letzten Jahr und vor allem auch der letzten Folge einige enttäuschte Gesichter zurückließ („Every question I answer will simply lead to another question“, wird Jacobs Mutter in Across the Sea selbstironisch in den Mund gelegt).

Auch wenn sich später der Eindruck einschlich, Lindelof und Cuse würden die Serie stets ad hoc weiterentwickeln, zeigen sich manche zentralen Elemente durchaus von Beginn an. So zum Beispiel der Kampf Hell gegen Dunkel („Two sides. One is light. And one is dark“, Locke in Pilot: Part II), ein Echo aus George Lucas’ Star Wars-Reihe. Das Hell-Dunkel-Element sollte sich kurz darauf vier bzw. acht Folgen später (House of the Rising Sun/Raised by Another) erneut zeigen und auch speziell zur finalen Handlung hin wieder aufgenommen werden in Episoden wie The Incident der fünften oder The Substitute der sechsten Staffel. Bereits Mitte der ersten Staffel beginnt in Hearts and Minds Locke dann, seinem eigenen Weg (oder dem der Insel) zu folgen, während Lost in derselben Folge begann, ein weiteres wiederkehrendes - und bedeutendes - Element einzuführen: die Inter-Relation der Figuren. Diese war besonders prominent in den ersten drei Staffeln und führte zu direkten Konfrontationen (Jack und Desmond in Man of Science, Man of Faith) oder einem Aufeinandertreffen mit einer Person aus dem Leben eines der anderen Überlebenden (z.B. hatten Hurley und Locke denselben Boss).

Getreu der Idee „The Six Degrees of Separation“ sollte die Inter-Relation der Figuren die These untermauern, dass ihr Aufeinandertreffen vorherbestimmt war. Derlei Punkte wurden auch relativ früh angesprochen, wenn Antagonist Ben Linus (Michael Emerson) Anfang der dritten Staffel offenbart, dass zwei Tage, nachdem er von seinem Wirbelsäulentumor erfuhr, mit Jack ein Spezialist für diese Krebsform auf Bens Insel abstürzte (The Cost of Living). Die schicksalhafte Selektion der (Haupt-)Figuren wurde dann spätestens in Lighthouse (Staffel 6, Episode 5) deutlich. Dabei stand es nie zur Debatte, dass es sich bei dem Absturz von Oceanic 815 und der Passagierauswahl um Zufall gehandelt haben konnte („Do you think we crashed on this place by coincidence?“, Locke in Exodus, Part II sowie „Don’t mistake coincidence for fate“, Mr. Eko in What Kate Did). Lediglich der Grund für jene Selektion blieb ein Mysterium, welches erst zu Beginn der finalen Staffel als Handlungsgebende Prämisse offenbart wurde - sowohl für den Primär- als auch Sekundärplot.

Doch zurück zu den Anfängen, denn Lost ist eine Serie, bei der der Weg das Ziel ist. Spielte Liebers ursprüngliches Konzept eines Lord of the Flies-Szenarios in den späteren Staffeln keine Rolle mehr, war es in seinem ersten Jahr noch evident. Die 14 Sprechrollen repräsentierten unterschiedlichste Charaktere, vom Chirurgen, über eine FBI-gesuchte Mörderin bis hin zum dickleibigen Millionär oder einem drogensüchtigen Musiker. Spielte die essentielle Figur von Locke - ein Querschnittsgelähmter, der in der Pilotfolge durch die Insel geheilt wird - in der ersten Hälfte der ersten Staffel noch brav das Gemeinschaftsspiel mit, begann mit Hearts and Minds in der 13. Folge die Aufspaltung der Überlebenden, die sich spätestens zum Auftakt der vierten Staffel zeigen sollte. In den ersten Wochen des Absturzes geht es jedoch für Jack und Co. um die Akklimatisierung, das Warten auf Rettung und ab Folge 10 (Raised by Another) mit der Entführung der schwangeren Claire (Emilie de Ravin) durch Ethan (William Mapother), ein Gruppenmitglied, das nicht mit Oceanic 815 geflogen war, um die Gefahr der „Anderen“.

Eine Gefahr, die sich im Finale zuzuspitzen drohte, während mit einer mysteriösen Zahlenfolge (4 8 15 16 23 42) in Numbers und einer Luke im Dschungel (All the Best Cowboys Have Daddy Issues) zwei weitere bedeutende Punkte des Serienkanons eingeführt wurden. So schrieb man in der ersten Staffel das Mysteriöse noch, wenn Rauchmonster, wandelnde Geister, sowie Flüsterstimmen, Polarbären und Luken im Dschungel auf die Überlebenden warten. Dass die dramatische Situation nicht spurlos an den Figuren vorüberging - und einen Trend für die kommenden Staffeln startete -, sah man in ersten Morden durch vermeintlich unschuldige Charaktere wie Charlie (Dominic Monaghan) in Homecoming und Todesfällen von Hauptfiguren, deren Auftakt Boone (Ian Somerhalder) in Do No Harm darstellte („Boone was a sacrifice the island demanded“, Locke in Exodus, Part II). Und je mehr Mysterien Einzug in Lost fanden, desto mehr schien sich der reine Lord of the Flies-Aspekt zu verabschieden - während er in Wirklichkeit nur mehr und mehr begann, Ausmaße von Weltumspannender Form anzunehmen.

Die Bedeutung der Insel wurde in der zweiten Staffel eingeführt, mit einem amüsanten (vermeintlichen) MacGuffin, der sich letztlich nicht als solcher herausstellte. Mit der Öffnung der Luke und dem Betreten einer unterirdischen Station erhielt das neue Element der Dharma Initiative Einzug in die Serie. Eine Organisation, die sich der Wunder der Insel annahm, die scheinbar in der Tat mehr war als nur ein abgelegenes Eiland. Aufgesetzt auf eine elektromagnetische Quelle sorgte eine computergesteuerte Entladung alle 108 Minuten für die Rettung der Welt - wenn man den Worten von Stationsleiter Desmond Hume (Henry Ian Cusick) glauben durfte. Dieser nahm die neuen Gesichter als Möglichkeit wahr, nach drei Jahren tumbem Knopfdrücken endlich das Weite zu suchen und sollte erst zum grandiosen Flashback-Finale (Live Together, Die Alone) zurückkehren. Thematisch bewegte sich die zweite Staffel fortan in Folgen wie Lockdown und ? zwischen den Geheimnissen der Dharma Initiative und der Bedrohung der Anderen, die Michaels (Harold Perrineau) Sohn Walt (Malcolm David Kelley) entführten, hin und her.

In der zweiten Staffel wurden die eingeführten Elemente der Vorgängerstaffel nun verstärkt. Eine versprengte Gruppe der Oceanic-Überlebenden stieß hinzu und bot in Form von Ana Lucia Cortez (Michelle Rodriguez) und Mr. Eko (Adewale Akkinuoye-Agbaje) neue sympathische Figuren. Wie jedoch üblich in Lost, erforderte die Integration von neuem Leben die Verabschiedung von altem (so wurde Aaron in Do No Harm quasi zeitgleich zu Boones Tod geboren), wenn das Eintreffen von Ana Lucia und Co. zum Ableben von Shannon (Maggie Grace) führt. Eine Entscheidung, die wiederum die Anspannung unter den Überlebenden aufrecht erhielt, die sich durch die gesamte Serie hindurch nie wirklich legte. Eine besondere Hervorhebung hatte hier bereits in der zweiten Hälfte der Vorgängerstaffel das Verhältnis von Jack und Locke erfahren („We're going to have a Locke problem“, Jack in Exodus, Part II), die nun als gegensätzliche Unterscheidung von „man of science“ und „man of faith“ bis zum bitteren Ende (ironischerweise später mit vertauschten Rollen) das Schicksal der Serie bestimmen würden.

Obschon die Insel für die meisten Figuren einen Neuanfang darzustellen schien - so stellte sich gerade in der vierten Staffel für Einige die Frage, warum sie die Insel überhaupt verlassen sollen -, zeigte sich, dass die Charaktere der Figuren festgefahren waren. So wurde Charlie das Stigma des Drogenhortenden Loners nicht los, während sich Sawyer wiederum ganz in der Rolle des von allen gehassten Arschlochs gefiel. Festgefahrene Rollenbilder, allen voran Jacks Schicksal als „fixer“, die abgesehen von dem einen oder anderen kurzen Schwenk über sechs Jahre hindurch ihrer Persönlichkeit treu blieben (umso logischer, da sie wegen ihr von Jacob ausgewählt wurden). Dass jede Figur aber dennoch über einen freien Willen verfügte - was wiederum in den christlichen Charakter gerade der sechsten Staffel spielte -, zeigte sich an der Figur von Michael, die zum Staffelfinale hin ihr Schicksal in die eigenen Hände nahm und ähnlich wie Charlie zuvor ihre Unschuld im Mord an anderen Figuren, in diesem Fall Ana Lucia und Libby (Cynthia Watros), und der Auslieferung von Jack, Kate und Sawyer an die Anderen verlor.

Dass die zweite Staffel die Gelungenste der Serie darstellt, verdankt sich sicherlich der neugewonnenen Faszination einerseits von Cusicks grandioser Figur des Desmond - und seiner bewegenden Liebesgeschichte mit Penny (Sonya Walger), die - in Live Together, Die Alone eingeführt - ergreifender gerät als die zweijährige Pseudoromanze von Jack und Kate - und andererseits der mysteriösen Dharma Initiative und ihrer Stationen sowie Intentionen auf der Insel. Dass es auch Dr. Marvin Candle (François Chau) allein durch seine Orientierungsfilme vor seinem physikalischen Auftritt in der fünften Staffel zur liebgewonnen Kultfigur geschafft hat, spricht sicherlich Bände. Hinzu kamen mit Ana Lucia und Mr. Eko zwei nicht nur starke und präsente, sondern auch sympathischere Figuren als sie das Adoptivgeschwisterpärchen Boone und Shannon zuvor darstellten. Dass Lindelof und Cuse jedoch bereit waren, Handlungsstränge antworttechnisch ins Leere laufen zu lassen, zeigte sich bereits indem sie Perrineau und Kelley aus der Serie (vorerst) verabschiedeten, ohne Walts für die Anderen so interessanten übersinnlichen Kräfte erläutert zu haben.

Spätestens mit der dritten Staffel waren die Anderen nun mehr als nur die nebulösen Antagonisten der Überlebenden: Sie wurden nun vielmehr zu einem festen Bestandteil der Serie. Gleichzeitig fand im dritten Jahr von Lost ein Novum statt: Die Staffel wurde aufgespaltet und durch einen Hiatus über zwei Monate unterbrochen. Besondere Spannung wurde in den ersten sechs Episoden durch die Platzierung von Jack, Kate und Sawyer in das Lager der Anderen erzeugt. Während letztere Zwei aus unerfindlichen Gründen in Bärenkäfigen gehalten wurden, kam die Ursache für Jacks Entführung früh ans Licht. Mit Juliet Burke (Elizabeth Mitchell) wurde die Frischzellenkur in der Serie fortgesetzt, ersetzte die vermeintliche Verbündete von Jack im Lager der Anderen zumindest auf lange Sicht den Abschied von Eko, der in der fünften Folge die Tradition und Ankündigung der Showrunner fortsetzte, dass jede der Hauptfiguren jederzeit sterben könne. Ekos Tod repräsentierte den zweiten Handlungsstrang in diesem ersten Drittel der Staffel, während Kate und Sawyer durch das „Opfer“ von Jack die Möglichkeit erhielten, vor den Anderen zu fliehen.

Mit Flashes Before Your Eyes folgte als so genannter „game changer“ auf den Hiatus ein bahnbrechender Moment für die Serie. Die brillante Episode, die zum ersten Mal das Konzept der Charakterrückblende sozusagen umschiffte, besiegelte in einem Streich das Schicksal von zwei Figuren. Desmonds Geist, angegriffen von der elektromagnetischen Implosion der Swan-Station im Vorjahresfinale, vermochte nun durch die Zeit zu reisen. Dies führte zur Einführung der scheinbar allwissenden Figur von Eloise Hawking (Fionnula Flanagan), die wieder das schicksalhafte Element der Serie betonte, wenn sie Desmond in der Vergangenheit darauf hinweist, dass es sein Schicksal war, auf der Insel zu landen und wie in Live Together, Die Alone gesehen für den Absturz von Oceanic 815 zu sorgen. Zugleich endete die Folge mit einem die Staffel durchziehenden Cliffhanger, wenn Desmond gegenüber Charlie gesteht, dass er dessen Tod vorhergesehen (und bereits zwei Mal verhindert) hat. Die gesamte Folge ist ein Echo von Ekos berühmter Äußerung „Don’t mistake coincidence for fate“, wenn Mrs. Hawking Desmond erklärt: „The universe, unfortunately, has a way of course correcting“.

Jener Desmond-Charlie-Handlungsstrang stand dann wie einige andere auch für sich allein im dritten Jahr, während wiederum Kate, Locke und Sayid bestrebt waren, Jack aus dem Dorf der Anderen zu befreien (dieses wurde wiederum sehr imposant im Staffelauftakt A Tale of Two Cities eingeführt). Wie problematisch die Auflösung essentieller Fragen für die Serie werden würde, zeigte sich bereits in der Erklärung von Lockes Querschnittslähmung, die in The Man From Tallahassee zu sehen war. Der Stoß aus einem mehrstöckigen Gebäude durch den eigenen Vater wirkte im Nachhinein spektakulär unspektakulär (ebenso wie die Auflösung in The Brig, dass Lockes Vater wiederum der echte „Sawyer“ war) und zugleich blieben sich Lindelof und Cuse treu, indem sie mit der Beantwortung dieser Frage eine weitere in den Raum stellten. Jene „magic box“, mit der Ben am Ende der Folge Lockes Vater Anthony Cooper (Kevin Tighe) aus dem Hut zauberte, gehört zu den offenen Fragen, für die in den kommenden drei Jahren keine Zeit für eine adäquate Antwort gefunden wurde. Zugleich markierte die Folge die finale Loslösung der Locke-Figur von den übrigen Überlebenden.

Locke wurde als neuer Beschützer der Insel „auserwählt“, in dessen Zuge die Konfrontation mit Jack neue Nahrung erhielt, als mit Naomi (Marsha Thomason) ein Mitglied eines Rettungskommandos auf der Insel abstürzte, das scheinbar  Penny engagiert hatte. Die Haupthandlungsstränge kulminierten zum Staffelfinale hin, wenn wieder einmal die Bedrohung der Anderen für einen traditionellen Marsch der Überlebenden sorgte, und es an Jack war, die mögliche Rettung der verbliebenen Überlebenden herbeizuführen, indem Funkkontakt zu Naomis Frachter hergestellt wird. Zugleich spielte die Serie in der vorletzten Folge Greatest Hits sehr gelungen mit dem angekündigten Tode Charlies, der schließlich auf das hochemotionale Finale Through the Looking Glass verschoben wurde. Dieses griff erneut Motive wie die Unschuld einiger Figuren - auch Jin (Daniel Dae Kim) und Hurley begingen ihre ersten Tötungsakte - und die Fehlentscheidung der selbsterkorenen Anführer (Locke lag im zweiten Staffelfinale falsch was die Swan-Station anging, Jack nun im dritten Finale, was Naomis Frachter anbelangt).

Welchen besonderen Einfluss die Fangemeinde auf Lost hatte, zeigte sich gerade in der dritten Staffel. Nachdem der Hiatus sehr negativ aufgenommen worden war (die Serie verlor bei Wiederaufnahme ein Viertel ihrer Zuschauer), entschied man sich ab der vierten Staffel auf das 24-Format umzusteigen. Dies bedeutete zum einen, dass Lost von Februar bis Mai lief und zum anderen, dass die Episodenzahl pro Staffel um ein Drittel reduziert wurde. Auch der Versuch, mit Nikki (Kiele Sanchez) und Paolo (Rodrigo Santoro) zwei unbekannte Figuren rückwirkend als Bestandteil der Überlebenden einzuführen, misslang aufgrund des unsympathischen Charakters der Beiden. Die Showrunner beugten sich dem Hass der Fans und verabschiedeten die Rollen in der ironischerweise überaus gelungenen Episode Exposé auf makaber-sarkastische Weise, wenn einerseits Sawyer (ebenfalls) nicht zu wissen schien, wer die Beiden eigentlich waren („And who the hell are you?“) und sie „Nina“ und „Pablo“ nannte. Ihren Abschied feierten sie dann, indem sie nach einem Spinnenbiss für tot gehalten und zum Ende der Folge hin lebendig begraben wurden.

Hatte Flashes Before Your Eyes bereits mit der Idee der Zeitreise aufgewartet, erweiterten Lindelof und Cuse für die vierte Staffel ihre narrative Struktur. In Through the Looking Glass wurde bereits statt einer Rück- mit einer Vorblende aufgewartet. Mit einer solchen begann dann auch The Beginning of the End, eine vorausdeutende Folge für die künftigen Ereignisse. In ihrem vierten Jahr bewegte sich die Serie somit auf drei verschiedenen Zeitebenen. Spielte die Haupthandlung auf der Insel mit der Ankunft einiger Frachtmitglieder und der Frage, ob diese den Überlebenden gut oder böse gesinnt waren, weiterhin in der Gegenwart, waren die Charakterhandlungen nun wie bisher in der Vergangenheit oder im Fall der so genannten „Oceanix Six“ - Jack, Kate, Hurley, Sayid, Sun und Aaron - in der Zukunft verankert. Was zur Folge hatte, dass Gegenwart und Zukunft parallel zueinander abliefen, wenn Jack und Co. versuchten, von der Insel zu gelangen (was, wie der Zuschauer in diesen Momenten wusste, glücken wird), andererseits Jack jedoch in den Vorblenden versuchte, seine Freunde zu einer Rückkehr zu ebenjener Insel zu bewegen.

Zwar spielte sich auch in den drei Jahren zuvor die Handlung zum Teil jenseits der Insel ab, dennoch markierte die nun etablierte Verlagerung einer Untergruppe der Überlebenden zurück in die Wirklichkeit eine neue Richtung. Gleichzeitig wurde durch die Zielsetzung, zur Insel zurück zu kehren, erneut der Schicksalsgedanke untermauert („Destiny is a fickle bitch“, sagt Ben zu Locke in Cabin Fever). Dass die Rückkehr für die Oceanic Six keine Besserung in Aussicht stellte, zeigte sich in den Vorblenden. Im Grunde nahmen alle fünf Figuren ihr altes Leben mehr oder weniger wieder auf, ohne dass sie dabei glücklich wären (allerdings auch nicht den Wunsch hegten, zurück zur Insel zu gelangen). Dass die Gruppe der Überlebenden wiederum versprengt war, wurde bereits zum Auftakt der Staffel betont, wo es unter anderem Charlies Tod war, der Figuren wie Hurley und Claire dazu bewog, mit Locke Zuflucht in den Baracken der Anderen zu suchen, während Jack, Juliet, Sayid und Desmond versuchten, die Agenda der Frachter-Mitglieder Daniel Faraday (Jeremy Davies), Frank Lapidus (Jeff Fahey), Charlotte Lewis (Rebecca Mader) und Miles Straume (Ken Leong) herauszufinden.

Besondere Spannung erzeugte die vierte Staffel, indem in The Economist offenbart wurde, dass in den Vorblenden Sayid und später auch Jack gemeinsame Sache mit ihrer Nemesis Ben machten. Aus vermeintlich drei Lagern wurden in den verbleibenden elf Folgen der Staffel (durch den Autorenstreik 2007/08 entfielen zwei Episoden) somit zwei Lager, dadurch zugleich die Gefahr durch das Frachtpersonal nicht nur für die Überlebenden, sondern gar die Insel, verstärkt und andererseits die in der zweiten Staffel aufgestellte Behauptung Bens, die Anderen seien die „Guten“, in gewisser Hinsicht untermauert. Vorsichtig wurde Ben also zum Sympathicus aufgebaut, auch, weil in The Shape of Things to Come seine Adoptivtochter Alex (Tania Raymonde) durch die Hinrichtung von Frachtermitglied Keamy (Kevin Durand) wie so viele vor ihr zum Opfer an die Insel mutierte. So wurde Ben im direkten Vergleich mit Industriemagnat Charles Widmore (Alan Dale) gleich weniger widerlich, wie auch seine vollkommene Hingabe zur Insel, die er zu deren Schutz (indem er sie in der Zeit verschob) in There’s No Place Like Home vermeintlich für immer verlassen musste, bemerkenswert war.

Von ihrem Aufbau her war die vierte Staffel ausgesprochen emotional. Es war ein Jahr der Trennungen, primär der Trennung von einem geliebten Partner. So musste Claire im Staffelauftakt den Tod von Charlie verarbeiten, während Ji Yeon auf äußerst gelungene Weise - eine Vorblende von Sun wurde mit einer Rückblende von Jin kombiniert - den Tod von Jin andeutete. Auch die Beziehungen anderer Figuren wie die Liaison von Jack und Kate in den Vorblenden oder Bens Beziehung zu Alex und der Insel selbst standen vor einer Trennung. Einen Neuanfang dagegen durfte die Figur des Michael starten, der, geplagt von seinen Morden, einen Märtyrertod für seine Freunde starb. Perrineaus Rückkehr war vorab bereits bekannt geworden (zumindest in Fankreisen) und seine Reintegration wollte letztlich nur bedingt funktionieren, da von einer moralischen Erlösung nur bedingt gesprochen werden konnte (da er bis auf Sayid und Desmond mit kaum jemand richtig interagierte) und die Frage nach seinem und Walts Schicksal eher leidlich zufriedenstellend beantwortet wurde.

Wem es dann in den vier Jahren zuvor bereits mit einer Krankheiten heilenden Insel voller Eisbären, Geistern und Rauchmonstern zu mystisch war, für den hielt die fünfte Staffel besondere Herausforderungen bereit. Hatten sich die Überlebenden zuvor bereits personell aufgespaltet, taten sie es nun auch geographisch. Dies hatte zur Folge, dass das traditionelle Schema der Insel-Haupthandlung und einer sekundären Charakterhandlung in Rück- oder Vorblende umstrukturiert wurde. Fortan verfolgte Lost in der ersten Hälfte der Staffel zwei Parallelhandlungen: Die, der auf der Insel Zurückgebliebenen, und die, der Oceanic Six, die zur Insel zurückkehren wollten. Kein einfaches Unterfangen, da durch das Bestreben von Ben nun zur körperlichen Benachteiligung der verbliebenen Überlebenden die Insel wahllos durch die Zeit sprang, ehe sie schließlich im Jahr 1977 zum Stehen kam. Jene Überlebenden wurden im letzten Staffelfinale durch die Explosion des Frachters und zu Beginn der fünften Staffel durch die Zeitsprünge praktischerweise so weit dezimiert, dass spätestens jetzt wirklich nur noch die Kerncharaktere (Locke, Sawyer, Juliet, Daniel, Jin, Miles) am Leben waren.


Ob sich Lindelof und Cuse mit der durch die Zeit reisenden Insel und der anschließenden Verlagerung des Geschehens in der zweiten Hälfte der Staffel dreißig Jahre in die Vergangenheit einen Gefallen taten, darf bezweifelt werden. Speziell die Logik der Serie stand nun auf wackeligen Beinen, wenn auch in Folgen wie Whatever Happended, Happened (Sayid versucht, Ben im Kindesalter zu erschießen, was jedoch dazu führt, dass dieser zu den Anderen übertritt) oder The Incident (Jack will den Bau der Swan-Station stoppen, damit diese 27 Jahre später nicht zum Absturz von Oceanic 815 führt) versucht wurde, das Zeitparadoxon aufrecht zu erhalten („It seems kind of wishy-washy“, stellt Hurley in The Variable fest). Die Situation bringt zwar nette Momente mit sich, wenn Jack nun in der Dharma Initiative ein einfacher Hausmeister war und Sawyer als Sicherheitschef La Fleur den Anführer der Gruppe gab oder Hurley versuchte, das Drehbuch zu The Empire Strikes Back aus dem Kopf heraus aufzuschreiben, dennoch wartete man vergebens auf eine Erklärung dafür, dass die Gruppen weiterhin getrennt blieb.

Zwar wurde der Oceanic Flug 815 so gut wie möglich nachgestellt, um die kosmischen Voraussetzungen zum Ursprungsabsturz zu schaffen, dennoch war es ein Rätsel, warum Jack, Kate und Hurley in der Vergangenheit und Sun gemeinsam mit Ben, Lapidus und Locke in der Gegenwart stecken blieb. Ein Spannungskniff, sollten doch Sun und Jin weiterhin getrennt bleiben und der alte Ben möglichst nicht mit seinem jüngeren Ich dasselbe Raum-Zeit-Kontinuum beanspruchen. Wie Hurley jedoch sagte, wurde das Lost-Universum im fünften Jahr mit Ausblick auf nur noch zwei Dutzend Episoden immer undurchsichtiger, wenn ein toter Locke, der wie Ben zuvor die Insel zu deren Schutz verließ, um Jack und Co. zur Rückkehr zu bewegen und dies mit dem Leben bezahlte, plötzlich wieder lebendig war oder jeder dem Schicksalselement folgend mit irgendwelchen anderen Figuren genetisch verbunden wurde (so war Miles natürlich der Sohn von Dr. Wickmund bzw. Pierre Chang und Faraday das Kind von Eloise Hawking und Charles Widmore, somit auch der Bruder von Penny und der Schwager von Desmond, seinem Zeitreise-Kumpel).

Langsam beschlich den Zuschauer nun also das Gefühl, dass er kaum mit Antworten auf all die Fragen rechnen durfte, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt hatten. Zum Beispiel wieso die Zündung einer Nuklearwaffe dafür sorgen sollte, dass die Überlebenden von Oceanic 815 nie abstürzen würden. Denn hier findet sich erneut ein Zeitparadoxon, schließlich ist die Tatsache, dass Jack und Co. sich in 1977 befinden bereits Beweis dafür, dass die Zündung der Bombe dies nicht verhindert sondern vielmehr ausgelöst hat („It doesn't work like that. You can't change anything“, sagt Miles in Whatever Happened, Happened). Dies hat wiederum zur Folge, dass die Ereignisse der fünften Staffel zu den Ereignissen der vorangegangenen Staffeln führten. Es bleibt also fraglich, ob Jack überhaupt irgendetwas tun kann, um zu verhindern, was bereits geschehen ist oder was das betrifft, noch geschehen wird. In ihrer Darstellungsform mit Einbezug einer Atombombenzündung in der Vergangenheit wird Lost was ihren Determinismus anging somit immer übertriebener und erreichte im Vergleich zur Pilotstaffel (Überleben in seltsamer Umgebung) ungeahnte Ausmaße.

Nach dem dritten Jahr wurde Lost dann ein festes Ende gesetzt. Drei weitere Staffeln wurden produziert, ein feststehendes Finaldatum ermöglichte es, nicht mehr abzuschweifen, sondern auf ein bestimmtes Ziel hinzuschreiben. Mit dem fünften Staffelfinale The Incident begann die Serie nun, ihre eigentliche Botschaft wieder aufzugreifen. Endlich erhielt der ominöse Jacob mit Mark Pellegrino ein Gesicht und mit der gezeigten „Auserwählung“ der Hauptfiguren in deren Vergangenheit wurde zugleich das bestätigt, was ohnehin bereits seit Jahren bekannt war: Keine der (Sprech-)Rollen war zufällig auf der Insel. Auch die Hell-Dunkel-Symbolik wurde wieder aufgegriffen, indem man einem weißgekleideten Jacob in dessen Rückblende sein in schwarz gekleideter Bruder (Titus Welliver) als Nemesis zur Seite stellte. Dass Jacob so schnell wie er kam auch wieder verschwand - Ben tötet ihn im Finale -, findet seine Ursache sicherlich auch darin, dass die Figur, die für alles verantwortlich ist (und dementsprechend über die Antworten verfügte), nicht am Leben bleiben konnte, um diese Antworten weiterzugeben.

Mit der Serie auf Zielkurs und Jacob weitestgehend aus dem Weg (er erschien gelegentlich Hurley), konnte das mysteriöse Inselmassaker in seine letzten 17 Episoden gehen. Grund genug für ein neues narratives Mittel, welches die Rück- und Vorblenden vollständig ersetzte. Es spielten weiterhin zwei Handlungsstränge nebeneinander: Der Reguläre auf der Insel und eine neue Handlung, in der Oceanic 815 nie abstürzte, was von vielen Fans als Erschaffung einer alternativen Realität durch die Zündung der Nuklearwaffe in The Incident gelesen wurde. Auf der Insel wurden die Überlebenden wiederum zurück in die Zukunft katapultiert, während Juliet das Unterfangen mit ihrem Leben bezahlte. Mit den Anderen als Verbündeten, den toten Frachtermitgliedern und allen wichtigen Figuren wieder auf der Insel in der richtigen beziehungsweise selben Zeit, avancierte schließlich der wieder auferstandene Locke als Reinkarnation von Wellivers Man in Black (in Fankreisen MIB getauft) zum Hauptgegenspieler. In The Substitute wurde dem Kind explizit ein Name gegeben, als MIB Sawyer offenbarte, dass die Überlebenden Kandidaten für Jacobs Posten seien.

Abgesehen von einigem Hokuspokus um eine zurückkehrende Claire (die gegen Ende der vierten Staffel im Dschungel verschwand und im Vorjahr nicht zum Ensemble zählte) und einem von den Toten wieder auferstandenen Sayid, die nun beide innerlich verdorben waren - was genau mit beiden Figuren geschah und welche Rolle der Tempel der Anderen als Refugium und ihr Leiter Dogen (Hiroyuki Sanada) spielten, blieb, wie Vieles, unbeantwortet - ist das zentrale Handlungselement der Kampf von Team Jacob gegen das Team MIB. Zuvorderst galt es für Jack, Hurley und Jacobs rechter Hand, Richard Alpert (Nestor Carbonell), herauszufinden, wie sie MIB - oder Locke, wie ihn die Gruppe der Einfachheit halber nennt - daran hindern konnten, die Insel zu verlassen und somit nicht nur diese, sondern den gesamten Planeten zu zerstören (denn laut Ab Aeterno war die Insel der Korken, der das Böse vor der Welt bewahrt). Ein Unterfangen, das erforderte, dass Locke entweder alle Kandidaten ausschaltete beziehungsweise, wie bei Sawyer der Fall, auf seine Seite zog, oder dass die Kandidaten herausfanden, wer von ihnen Jacobs Nachfolger war, um Locke zu stoppen.

Weitaus interessanter als die Weiterführung des Zählreimprinzips auf der Insel war dagegen das Geschehen in der vermeintlichen alternativen Realität, in der erneut das „Six Degrees of Separation“-Prinzip griff. So war Ben ein Englischlehrer an der High School von Alex und Jack und Juliet haben einen Sohn aus einer gemeinsamen, aber inzwischen geschiedenen Ehe, während Sawyer gemeinsam mit Miles bei der Polizei arbeitete und Desmond die rechte Hand in der Firma von Charles Widmore war. Doch nicht alle hatten ein neues Leben erhalten, war Kate schließlich weiterhin eine FBI-Flüchtige und Locke querschnittsgelähmt. So wurde relativ schnell klar (allein durch Sawyers neues Polizisten-Dasein), dass die Zündung der Bombe in The Incident nicht für diese Realität verantwortlich sein konnte, sondern diese Realität losgelöst von den Ereignissen der fünften Staffel existierte (man erinnere sich an die TV-Serie Sliders). Immerhin hielt die alternative Realität für viele Fans die Möglichkeit parat, dass auch jene, die gestorben waren, am Ende glücklich enden würden, indem durch die Zerstörung der bisher bekannten Dimension, jeder weiterhin glücklich in der anderen leben konnte.

Zumindest bis zum Serienfinale, indem - erneut auf sehr selbstironische Weise - die alternative Realität in Wirklichkeit als Limbus entlarvt wurde, als jenes Szenario also, für das Viele stets die Serienhandlung allgemein ausgemacht hatten. Losgelöst von dem etwas dick aufgetragenen christlich-religiösen mumbo-jumbo war The End gerade in ihrer Sekundärhandlung ausgesprochen bewegend und epochal geraten. Zwar verfügte sie über einige Schwächen - wie die Wahl, dass Sayid lieber mit Shannon denn mit Nadia im Jenseits vereint sein wollte oder ebenso, Claire ihre dreimonatige Romanze mit Charlie als Liebe ihres Lebens ausgemacht zu haben schien, während Walt beispielsweise ganz fehlt - bildete aber grundsätzlich eine berührende Wiedervereinigung jener Figuren, die man über die Jahre liebgewonnen hatte. Wenn sich die verlorenen „Seelenpartner“ (besonders bewegend: Aarons Geburt und die daraus resultierende Wiedererkennung von Claire und Charlie) aneinander erinnerten - oder im Falle von Ana Lucias Cameo, nicht - spielt Lost die Emotionsklaviatur mit Bravur. Dass am Ende mehr Fragen wie Antworten blieben, rückte in den Hintergrund.   

Die Serienmythologie frustrierte natürlich. Die Insel war ein Korken, der das ultimative Böse dort behielt, wo es bleiben sollte. Und die behütet werden musste, was wiederum zur Handlung von Lost führte. Eine Reihe von Figuren, die ohne Motivation lebten, denen es an einer Bestimmung fehlte. Die meisten Charaktere verloren ihr Leben, die wenigsten von ihnen, um wirklich die Insel zu schützen (z.B. Boone, Libby, Shannon, in gewisser Hinsicht auch Sun und Jin in The Candidate). Zwar versuchten Folgen wie Ab Aeterno und Across the Sea Antworten zu geben, schafften dies jedoch nur bedingt. So waren die Geister Seelen, die noch nicht bereit fürs Jenseits sind. Egal ob Michael, der sich zwar durch seinen Heldentod in der vierten Staffel rehabilitiert zu haben schien, oder Isabella, jene alte Liebe von Richard, die eines natürlichen Todes starb. Sie sind es auch, die für die Flüsterstimmen verantwortlich waren, die unter anderem dazu führten, dass Ana Lucia versehentlich Shannon erschoss. Während das Rauchmonster nur das zweite Wesen von MIB war, nachdem sein Bruder ihn ermordet und hinunter in das Licht des Lebens warf.

Dies erklärte zwar nicht, warum das Monster auf Bens Kommando in den Baracken der Anderen erschien, als dieser es rief, wieso es Sonarzäune zurückhielten, es in die Seelen respektive Vergangenheit anderer Menschen blicken und die Gestalt von Verstorbenen annehmen konnte, das Aussehen von Locke anschließend jedoch nicht mehr loswurde. Wer Antworten darauf haben wollte, was und wo die „magic box“ war, die Anthony Cooper auf die Insel brachte, wer Sayid von den Toten wiedererweckte und warum er anschließend innerlich dennoch tot war, was Figuren wie Ana Lucia und Mr. Eko disqualifizierte, gemeinsam mit den Anderen ins Jenseits einzuziehen (außer finanzielle Unstimmigkeiten mit dem Darsteller) oder warum Desmond ideal war, elektromagnetischen Impulsen zu widerstehen, die daraufhin sein Bewusstsein durch die Zeit und sogar ins Jenseits befördern konnten, und Walt über übersinnliche Kräfte verfügte, der war bei Lost schlussendlich an der falschen Adresse. Denn obschon die Serie von Anfang an mit diesen mysteriösen Elementen kokettierte und sich ihrer bediente, war Lost am Ende weniger eine Mystery-, denn eine Charakterserie.   

Eine Serie voller Liebesgeschichten, von denen Desmonds und Pennys sicherlich jene Beziehung war, deren Schicksal am meisten bewegte. Eine Serie über Eltern, die von ihren Kindern getrennt waren. Und wenn es einen Zuschauer bedrückt, dass beispielsweise Jin nie seine Tochter sehen durfte und stattdessen an der Seite seiner Frau den Tod wählte, dann kann eine Serie trotz dutzender offener Fragen wenig falsch gemacht haben. Man freute sich mit den Figuren, wenn sie einander in den Armen hielten, man fühlte mit ihnen, wenn eine nach der anderen starb. Egal ob Boone, Ana Lucia, Libby, Charlie, Eko, Rosseau, Alex, Locke, Juliet, Sayid, Jin, Sun und Jack - man hatte mit ihnen gelitten, mit ihnen gehangen. Nicht, weil sie einen Flugzeugabsturz überlebten, als dessen Passagiere sie von einem unsterblichen Beschützer einer mysteriösen Insel ausgewählt wurden, sondern um ihrer selbst willen. So wirkte die Identität der Insel, das Wieso, Weshalb und Warum, letztlich eher wie eine Bürde, ein vielversprechend verpacktes Geschenk, von dessen Inhalt man hinterher enttäuscht war, nachdem man es den ganzen Abend unter dem Weihnachtsbaum begutachtet hatte.

Am Ende war Lost eine im Wortsinn herausragende Serie der bisherigen Fernsehgeschichte. Nicht nur wegen der Fankultur, die sie nach sich gezogen hatte. Dass man sich der Serie derart bereitwillig hingegeben hat, lag natürlich an den vielen Fragen, Geheimnissen und Figuren, die sie bevölkerten. Ein brillantes Forum für gerade zu Beginn zumeist brillante Geschichten. Speziell die zweite Staffel bildet hier das Nonplusultra, wenn die Querverbindungen der Figuren untereinander, sowie die Thematik um die Dharma Initiative und Anderen an Gestalt gewann (auch wenn sie in der dritten Staffel nicht entsprechend zu Ende geführt werden konnte). Dass die diese Besprechung abschließenden Wertungen vielleicht verhältnismäßig niedrig ausfallen, ist der Mehrfachsichtung gerade der ersten beiden Staffeln geschuldet. Denn Lost ist eine Serie, die am besten in der ersten Sichtung funktioniert, wenn für den Zuschauer selbst das Gesehen noch neu und das Unbekannte auch tatsächlich unbekannt ist. Dennoch hat die Serie ihren Platz gefunden, beim Zuschauer wie in der Geschichte. In diesem Sinne: Remember… and let go.


Lost - Season One: 8/10
Lost - Season Two: 8.5/10
Lost - Season Three: 8/10
Lost - Season Four: 8/10
Lost - Season Five: 8/10
Lost - Season Six: 7.5/10

1. August 2009

Roswell - Season Three

If you help me graduate this year, then you won't have to see me next year.

„Previously on Roswell” … was hab ich diesen Satz nicht gerne gehört und höre ihn auch heute noch gerne. Und dazu Didos „Here With Me“, welches ich genauso gerne höre, speziell in Verbindung mit der Titelsequenz von Jason Katims Roswell. Nach einer herausragenden ersten Staffel und einer zumindest noch überzeugenden zweiten Staffel sah die Serie um drei Außerirdische in Roswell, New Mexico in ihrem dritten Ausstrahlungsjahr ihrem Ende entgegen. Die dritte Staffel hadert mit mehreren Problemen, zuvorderst dem, dass es keinen roten Faden gibt. Unzählige kleinere Nebenhandlungen spielen sich ab, tauchen einige Episoden lang auf, nur um innerhalb weniger Folgen abgespult zu werden. Und dies nicht einmal zufriedenstellend. Ging es im ersten Jahr noch um Max (Jason Behr) und Liz (Shiri Appleby), um Michael (Brendan Fehr) und Maria (Majandra Delfino) und die Offenbarung ihrer außerirdischen Herkunft, so tritt die Serie nunmehr auf der Stelle.

Indem Max das Leben von Liz rettete, trat er die Ereigniskette der Serie los. Hierbei sah er nicht nur den Ermittlungen von Sheriff Valenti (William Sadler) auseinander gesetzt, sondern hatte auch das FBI auf seinen Fersen. Das war Spannung, das war Drama, das waren Emotionen. In der zweiten Staffel hatte die Serie dann eine andere Wendung genommen, die grundsätzlich zu begrüßen war. Mit Tess (Emilie de Ravin) kam ein viertes Alien hinzu und mit ihr die Prämisse der Serie. Max sei eigentlich Zan, der König von Antar. Jener Planet, auf dem er gemeinsam mit Tess als Königin herrschte, wurde von Max’ Schwester Isabelle (Katherine Heigl) für ihre Liebe zum verfeindeten Kavar verraten. Um die Bevölkerung von Antar zu retten, wurden genetische Duplikate der königlichen Vier erstellt und auf die Erde in Sicherheit gebracht. Nun erhielt die Existenz von Max, Michael und Isabelle eine Bedeutung – die Befreiung ihres antarischen Volkes. Umso dramatischer die Ereignisse der Serie, die Tess und Liz gegeneinander ausspielten und darin endeten, dass Erstere schwanger fliehen musste, nachdem sie den gemeinsamen Freund Alex (Colin Hanks) auf dem Gewissen hatte.

Was würde nun die dritte Staffel bereit halten? Letztlich war es Altbekanntes. In der Auftaktfolge Busted eröffnet sich, dass Max glaubt, sein Sohn sei in Gefahr. Gemeinsam mit Liz – mit der er wieder zusammen ist – sucht er nach einem Raumschiff, mit welchem er nach Antar fliegen kann, um seinem Fleisch und Blut beizustehen. Aus dem Raumschiff wird jedoch nichts. Damit hat sich dann auch die Handlung um die Rettung seines Sohnes erledigt. Scheinbar muss dieser wohl selber klarkommen, denn seine Existenz spielt für Max im Folgenden keine wirkliche Rolle mehr. Stattdessen wird Isabelles Beziehung zu Jesse (Adam Rodriguez), dem Kanzleipartner ihres Vaters, zum Problem. Doch Max und Michael können die Hochzeit der beiden nicht verhindern. Fortan kommt es darauf an, Jesse nichts von Isabelles Herkunft wissen zu lassen. Speziell dann nicht, als Kavar mal wieder auf der Bildfläche erscheint. Doch auch diese Handlungsebene verläuft sich nach wenigen Folgen. Ein symptomatisches Dilemma der gesamten Staffel, die nie wirklich einen Fokus finden will, sondern sich unentwegt für neue Dinge interessiert.

Den Vogel schießt man dann mit der mehr als unnötigen Doppelfolge Panacea und Chant Down Babylon ab. Hier kommt aus heiterem Himmel Morgan Fairchild in einer Gastrolle als Liebesgespielin auf, die Max dazu nötigt ihren sterbenskranken Ehemann zu retten, nur damit Max anschließend stirbt, um seinen Körper neu zu manifestieren. Der Inhalt der beiden Folgen ist von keinerlei Belang, weder für die dritte Staffel noch für die Serie oder überhaupt irgendetwas auf dieser Welt (oder Universum). Roswell tritt auf der Stelle, weiß nicht so recht wohin und hadert sichtlich mit der Tatsache, dass die Show nicht für eine vierte Staffel verlängert wurde. Was machen, was erzählen? Und wie? Dies scheint die große Frage gewesen zu sein. Volles Kommando auf die Klimax also. Ein Raumschiff stürzt ab, Tess ist wieder da. Mit Max’ Sohn. Das wieso und weshalb offenbart die Planlosigkeit der Autoren. Musste Tess Ende der zweiten Staffel nicht den Planeten verlassen, weil ihr Sohn auf der Erde nicht überleben konnte, will uns Katims nun weismachen, dass Zan – so der Name des Kindes – zu hundert Prozent menschlich ist (bei Tess und Max selbst handelt es sich um Hybriden, genetisch ist dies folglich möglich) und er deshalb von Kavar als Thronfolger abgelehnt wurde.

Somit wird in Four Aliens and a Baby mal eben das Ende der zweiten Staffel versucht ad absurdum zu führen. Wirklich klappen will dies jedoch nicht. Dennoch zählt die Folge zum Höhepunkt der finalen Staffel, fast ausschließlich wegen de Ravins großartigem Schauspiel. Abgesehen davon wollen nur die wenigsten Episoden wirklich überzeugen, selbst wenn mit Samuel Rising erneut die Weihnachtsfolge besonders schön und ergreifend (wenn auch redundant) ausgefallen ist. Trotz allem offenbaren sich mehrere Logiklöcher, die sich Roswell in der Eile seines Niedergangs selbst geschaufelt hat. Besonders enttäuschend ist hier das Serienfinale The Graduation, in welchem die Vorkommnisse der zweiten Staffel im Grunde mit Füßen getreten werden. Die Gruppe begibt sich schließlich auf die Flucht vor dem FBI, Max „verscherbelt“ seinen Sohn vorab und scheißt im wahrsten Sinne des Wortes auf sein Volk bzw. Antar. Sicherlich ist das schön romantisch, wenn Max und Liz als Ehepaar in den Sonnenuntergang fliehen, wohin ihr Weg letztlich führen soll bleibt unklar. Denn dass das FBI aufgibt, hat man im Verlauf der letzten dreißig Jahre gesehen, ist nicht der Fall. Offenbar wollen die Kids also fortan fliehen, bis sie an Altersschwäche sterben müssen.

Eines Abschlusses würdig ist das Finale somit nicht. Zu viele Fragen bleiben offen. Da ist die Zukunft des antarischen Volkes (um welches sich die Serienmacher trotz der Integrierung scheinbar nie gekümmert haben) nur das am wenigsten wichtigste Detail. Das fühlt sich alles viel zu unfertig an, als dass man wirklich Abschied nehmen könne. Wie zum Beispiel von Scrubs, das in seinen finalen Minuten – ähnlich einem Six Feet Under – äußerst gelungen „Auf Wiedersehen“ gesagt hat. Da sind Kyles plötzliche Identifizierung mit den Aliens und Valentis überraschende Einstellung im Sheriffs-Department nur die Spitze des wenig nachvollziehbaren Eisberges. Was der dritten Staffel am meisten gefehlt hat, war ein roter Faden. Max’ Sorge um seinen Sohn, Isabelles Liebe zu Jesse, deren Hochzeit, Kavars Auftauchen, Liz’ „Infektion“, Max’ „Tod“ und die Rückkehr von Tess – dies alles sind derart viele Subplots (die meisten beanspruchen zwei bis drei Folgen), dass man sich nie wirklich in einem der Handlungsstränge verlieren will. Gerade dann nicht, wenn eine Folge wie Busted auch noch die Ereignisse des Sommers im Schnelldurchlauf durchspult. Hier wäre sicherlich mehr drin gewesen, ein ehrenvollerer und insbesondere zumindest halbwegs logischer Abschluss für eine der innovativsten Serien um die Jahrtausendwende.

Etwas mehr hatte man sich von der dritten und letzten Staffel dieser doch ungemein sympathischen Serie versprechen können. Nichtsdestotrotz sind einem die Figuren natürlich ans Herz gewachsen. Ganz besonders Kyle, der nie wirklich im Rampenlicht stand – auch dieses Jahr nicht – und der stets im Vergleich zu allen anderen Figuren zurück zu stecken hat. Generell verdient sich die Serie ein Lob, weil nach de Ravin im vorangegangenen Jahr mit Adam Rodriguez erneut eine neue Figur gelungen und glaubhaft in das Ensemble integriert werden konnte. Umso schöner natürlich der Gastauftritt von de Ravin in der vorletzten Episode. Was von Roswell bleibt, sind drei ungemein schöne Jahre, die leider mit jeder Staffel abgebaut haben. Am meisten natürlich dieses Mal der Fall. Zwar wissen die meisten Folgen zu unterhalten, doch wirken sie oft zu lang, da sie wenig bis nichts zu erzählen haben. So kommt die abschließende Staffel nicht über einen unterdurchschnittlichen Status hinweg – was sie sich dank des unrühmlichen Serienfinales im Nachhinein auch verdient hat. Bedauerlich, dass außer Katherine Heigl niemand wirklich den Durchbruch geschafft hat. Letztlich teilt sich die Show hier aber nur das Schicksal, welches auch andere Erfolgsserien (z.B. Dawson’s Creek, aber auch E.R.) heimgesucht hat. Trotz allem sind sie einem ungemein ans Herz gewachsen, diese Aliens. Bis demnächst, in Roswell.

6/10

24. November 2008

Roswell - Season Two

We create our own destiny.

Es passiert nicht allzu oft, dass Serien in ihrem zweiten Jahr größere Einschaltquoten erzielen, als ihre Debütsaison. Doch im Gegensatz zur ersten Staffel wusste die zweite Runde von Roswell einige neue Zuschauer an Bord zu locken. Insgesamt war die zweite Staffel jedoch weit weniger erfolgreich, als ihr Vorgänger, baute sie besonders inhaltlich stark ab. Das Notsignal wurde aktiviert, alle anderen möglichen Außerirdischen am Ende der vergangenen Staffel informiert. Die Königlichen Vier geben sich quasi preis und erhalten sogleich Antwort. Zwar hat Nasedo (Jim Ortlieb) die Identität von Agent Pierce (David Conrad) übernommen, doch scheint die Regierung in Form der Kongressabgeordneten Whitaker (Gretchen Egolf) nicht von Max (Jason Behr) und den Anderen lassen zu wollen. Allerdings geht die Gefahr für die Außerirdischen in dieser Staffel nicht von der amerikanischen Regierung aus, sondern vielmehr von anderen Außerirdischen, den sogenannten „Skins“.

Die stehen stellvertretend für das Volk von Kavar, jenem Mann, der Max von seinem Thron verdrängt und sein Volk in die Sklaverei genötigt hat. Da versteht es sich von selbst, dass Kavar seine rechte Hand, Nicolas (Miko Hughes), aussendet, um Max und die Anderen auszulöschen oder zumindest von einer Rückkehr in die Heimat abzuhalten. Das ganze Szenario rückt dann auch Isabelles (Katherine Heigl) Vergangenheit als „Velondra“ in ein neues Licht. Als Geliebte von Kavar hatte sie einst ihren Bruder und ihr Volk verraten. Für Max geht es nunmehr darum, seine Freunde vor den Übergriffen der Skins zu bewahren und zugleich seine große Liebe Liz (Shiri Appleby) zurück zu gewinnen. Diese will jedoch dem Schicksal von Max und Tess (Emilie de Ravin) nicht im Wege stehen.

In der letzten Staffel offenbarte sich das ganze Ausmaß von Max, Tess, Isabelle und Michael (Brendan Fehr). Als Königliche Vier sollen sie eines Tages auf ihren Heimatplaneten zurückkehren, um gegen die dortigen Unterdrücker vorzugehen und somit ein ganzes Volk aus der Tyrannei zu befreien. Jene Entwicklung macht insbesondere Max und Liz zu schaffen. Liz will sich nicht in den Weg des Schicksals stellen und somit für die Unterdrückung eines ganzen Volkes verantwortlich sein. Besondere Gewichtung erhielt dies durch die beste Folge der zweiten Staffel: The End of the World. Max aus der Zukunft reist mit Hilfe des Granolithen zurück in die Vergangenheit, um Liz davon zu überzeugen, dass beide kein Paar werden dürfen. Das Leben der Außerirdischen hänge davon ab. Mit jenen Schuldgefühlen versucht Liz fortan Max auf Abstand zu halten, ihn vielmehr sogar mit Tess zusammen zu bringen.

Doch Max lässt nicht locker, sodass Liz so weit geht, ihn vorsätzlich zu verletzen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Max selbst will sich seinem deterministischen Schicksal nicht fügen, die Beziehung mit Tess bedeutet ihm nichts. Ohnehin hat er nun weitaus mehr mit dem (rechtmäßigen) Status des Anführers zu kämpfen als zuvor. Dies kulminiert in Ask Not, wenn er seine eigenen Entscheidungen mit denen von Kennedy in der Kubakrise gleichzusetzen versucht. Als er gegen Ende der Staffel speziell gegenüber Isabelle seinen Königsstatus gerecht werden will, hat er mit merklichen Problemen zu kämpfen. Das Schicksal seines Volkes ignoriert Max dabei die meiste Zeit hindurch, was für einen Teenager mit Liebeskummer auch sicherlich schwer nachzuvollziehen ist. Im besten Interesse seines Volkes handelt Max jedoch während der gesamten Serie (!) hindurch kaum bis gar nicht. Vordergründig steht immer das Wohl von Isabelle, Michael und Liz. Eine ungewöhnliche Heldengeschichte, die primär egoistisch ausgerichtet ist.

Wie bei einer Teenager-Serie nicht ungewöhnlich, spielt die Liebe weiterhin inhaltlich die erste Geige. Allem voran natürlich jene zwischen Max und Liz, aber auch die Beziehung von Michael und Maria (Majandra Delfino) wird eine Spur ernster. Es gibt kein Hin und Her mehr, beide gehen eine feste und dauerlastige Beziehung miteinander ein. Erschüttert wird diese lediglich kurzfristig von der Anwesenheit Courtneys (Sara Downing), einer abtrünnigen Skin, die sich auf die Seite der Außerirdischen stellt. Eigentlich ohne große Erklärungen wird die Romanze zwischen Isabelle und Alex (Colin Hanks) ad acta gelegt. Einer von vielen Aspekten, die in der zweiten Staffel ohne wirkliche Begründung einen Wandel erfährt.

Von Kyle (Nick Wechsler) braucht man erst gar nicht reden, eine generell vernachlässigte Figur, die meist nur dem comic relief dient, wie auch bei Alex mehr und mehr der Fall. Weiterhin im Fokus bleibt dagegen Sheriff Valenti (William Sadler), der wie einige andere Figuren im Laufe der Staffel einen ultimativen Preis für seine Freundschaft und Unterstützung der Außerirdischen bezahlen muss. Vermehrt nimmt er jetzt die Rolle der Vaterfigur für alle ein, nicht nur für Tess, die er praktisch adoptiert hat. Auffällig ist diese Konstellation gerade in Viva Las Vegas, allerdings auch an anderen Stellen. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Valenti und den Kids ist generell eine der positiven Elemente der zweiten Staffel und macht viel von dem neuartigen Charme der Serie aus.

Auch in der zweiten Staffel findet wieder eine thematische Untergliederung statt – diesmal jedoch in mehrere Subplots, die meist drei oder mehr Folgen umfassen. Den Anfang macht die Nachforschung von Whitaker gegenüber Max und den Anderen. Abgelöst wird dieses Element von der Ankunft der Skins, die kurzfristig zur Bedrohung werden, ehe sie von dem zweiten Satz der Königlichen Vier abgelöst werden. Neben der Zukunfts-Max-Folge macht dies den Höhepunkt der Staffel aus und findet mit den Folgen 8 (Meet the Dupes) und 9 (Max in the City) in etwa auch die Mitte der zweiten Instanz. Anschließend schlägt die Serie eine völlig andere Richtung ein und fokussiert sich innerhalb von vier Folgen auf die Obduktion von Laurie Dupree (Allison Lange), die eine gemeinsame Vergangenheit mit Michael besitzt. Was genau jenes Storyelement soll, wird dem Zuschauer dabei nicht klar, denn innerkontextuell spielt Laurie und ihr Hintergrund keine wichtige Funktion.

Jene vier Folgen zählen neben den anderen „Lückenbüßern“ zwischendrin (die keinen Zusammenhang mit den anderen Folgen haben) auch die Schwachpunkte der Staffel dar. Die Ausnahme bildet hier Viva Las Vegas, die im Prinzip zum Teil an The End of the World anknüpft und immerhin Spaß macht. Abgesehen von „Off the Menu“, der vorletzten Folge der Staffel, die produktionshistorisch jedoch klar früher anzusetzen wäre (ein herber Fauxpas bei der Ausstrahlung/Zusammenstellung) bilden die abschließenden Folgen auch die Klimax der zweiten Staffel. Auf der einen Seite natürlich Alex’ Tod als Auslöser der Ereignisse, aber auch die Entfremdung zwischen Liz und Max sowie daraus folgernd die Annäherung von ihm und Tess. Kulminierend in Tess’ Schwangerschaft muss in der finalen Episode The Departure auch einiges auf Teufel komm raus überhastet erklärt werden. Hätte man sich mehr Zeit hierfür genommen, wäre jene Auflösung auch weitaus plausibler geraten.

Selbstverständlich hat die zweite Staffel ihre starken Momente, allen voran natürlich die Konzeption des futuristischen Max’ oder des zweiten Satzes, aber auch die „gezwungene“ Liebesbeziehung zwischen Max und Tess. Dennoch schadet der Staffel insbesondere die Quantität an Handlungen, die deren Qualität erheblich beeinflussen. Die Skins, Laurie Dupree, Alex’ Tod und dazu noch die kleinen Beziehungskrisen wollen nicht so wirklich unter einen Hut passen. Hinzukommen dann noch Folgen wie Summer of ´47, die dermaßen belanglos und uninteressant sind, dass es wehtut. Großen Schaden verursacht auch das Staffelfinale. Es wird nicht wirklich klar, warum Alex im Stande gewesen sein soll, das Buch der Außerirdischen zu übersetzen, sprich wie Tess darauf gekommen ist. Und weshalb sie nicht einfach gefragt hat, anstatt es ihm aufzuzwingen. Von der Tatsache ganz zu schweigen, was sie alles für Illusionen hat aufbauen müssen und das über zwei Monate, während ihre Kräfte in Roswell (s. Amy DeLuca) keine wirkliche Beständigkeit haben.

Das wirkt dermaßen gezwungen, dass es nur mühsam zusammengehalten wird. Scheinbar wusste man nichts besseres als Cliffhanger anzubieten oder musste de Ravin auf die einfachste Art aus der Serie schreiben. Immerhin ist es mit der restlichen Stimmung der Staffel, dass Schicksal nichts in Stein gemeißeltes ist, vereinbar. Die Königlichen Vier sind getrennt, somit hat man im Grunde ein Terminator-ähnliches Szenario erschaffen, in welchem sich die Ereignisse nicht mehr abwenden lassen. Der Heimatplanet der Außerirdischen ist jetzt eigentlich schon dem Untergang geweiht, doch wird diese Thematik in der abschließenden Staffel noch mal gelegentlich aufgegriffen werden. Als Cliffhanger versagt das Finale etwas, die ganze Staffel ist aufgrund ihrer Schwächen ein Rückschritt im Vergleich zum Vorgänger.

8/10

13. Juni 2007

Brick

You better be sure you wanna know what you wanna know.

Der hardboiled detective hat im angloamerikanischen Roman Noir eine archetypische Funktion inne, mit seinem zynischen Weltbild und seinen eigenen, nicht immer gesetzeskonformen Idealen. Bekannte Vertreter sind Raymond Chandlers Philip Marlowe sowie Dashiell Hammetts Sam Spade, beide bezeichnenderweise von Humphrey Bogart in The Big Sleep und The Maltese Falcon dargestellt. Speziell Hammett war es dann, der mit seinen Romanen einen bleibenden Eindruck auf den jungen Regisseur Rian Johnson gemacht hat. Inspiriert von der Noir-Welt Hammetts konzipierte Johnson für seinen Debütfilm seine eigene Kriminalgeschichte: Brick. Das Ungewöhnliche an Johnsons Geschichte ist: Sie spielt in einer High School.

Die Funktion des Ermittlers übernimmt der Außenseiter Brendan (Joseph Gordon-Levitt), dessen Ex, Emily (Emilie de Ravin), sich mit dem lokalen Drogenboss The Pin (Lukas Haas) einlässt und dies schließlich mit ihrem Leben bezahlt. Sukzessive versucht Brendan die Zusammenhänge aufzuschlüsseln, unterstützt vom Schulhof-Schlaubi The Brain (Matthew O’Leary), Insider-Starlet Kara (Meagan Good) und der Femme fatale Laura (Nora Zehetner). Worin hatte sich Emily verstrickt? Und welche Rollen spielten dabei ihr Junkie-Lover Dode (Noah Segan) und Tug (Noah Fleiss), das physische Yin zu dem psychischen Yang des Pins? Brendan dringt tiefer in die lokale Drogenszene ein und macht sich bald selbst verdächtig.

Weil er nicht einfach nur die Welt von Hammett imitieren wollte, kam Johnson die Idee, seinen Neo Noir an einer Schule anzusiedeln. Die Prämisse war so originell, dass sie bezeichnenderweise bei den Studios in Hollywood auf Ablehnung stieß. Daher tat Johnson, was vor ihm schon andere Filmdebütanten taten – er lieh sich das Produktionsbudget bei Freunden und Familie. Für weniger als eine halbe Millionen Dollar inszenierte er Brick letztlich an seiner eigenen ehemaligen High School im kalifornischen San Clemente. Der Lohn war das fast neunfache Einspiel der Kosten, Auszeichnungen in Sundance (2005) und beim deutschen Fantasy Filmfest (2006), sowie der rasch gewonnene Status als Kultfilm.

Mit ein Hauptgrund hierfür dürfte schlicht die Prämisse des Films gewesen sein, an einer High School eine Noir-Geschichte zu erzählen. Johnson spart Klassenraumszenen aus, lässt Brick vielmehr nach der Schule oder in Freistunden spielen. Der Schulhof ist zumeist verlassen, wüsste man es nicht besser, man würde die Filmhandlung in die Ferien verorten. Das wahre Leben in Brick spielt sich in Hinterräumen ab. Im Keller des Pin, in einer sturmfreien Oberschichtsvilla, zwischen den Stühlen der Theater AG. Gekonnt und zielsicher bewegt sich der vermeintliche Außenseiter und Loner Brendan zwischen diesen Plätzen hin und her – und damit auch zwischen den sozialen Schichten und Hierarchien seines Schulkosmos.

Zugleich wartet der Film jedoch mit einer durchaus seriösen Behandlung seines Kriminalfalls auf, ist damit keineswegs ein Mordkomplott im Gewand eines quietschig-infantilen American Pie, sondern vielmehr ein auf dem Schulhof stattfindender Chinatown. Die Schule ist hier ihre eigene kleine Welt, zu der auch der Konrektor (Richard Roundtree) keinen Zugang hat, auch wenn er im brickschen Kosmos die Funktion des Gesetzes übernimmt. Konsequent bedarf es für die Auflösung des Falls daher Brendan, der weiß, wo und wie er die Aufmerksamkeit derjenigen Personen auf sich zieht, die er für notwendig hält. Auch die übrigen Figuren partizipieren an diesem „Gesellschaftssystem“ und doch auch wieder nicht.

Jeder Charakter hat seine eigene Agenda, von Brendan über Tug bis hin zu Laura. Dabei nutzt Johnson den Titelgebenden Brick, ein Stück Heroin mit tragischer Verkettung, nicht so sehr als MacGuffin wie auch das Mysterium des Plots zweitrangig ist. Selbst für Brendan geht es nicht darum, den Mörder seiner Ex zu finden, sondern das große Ganze dahinter aufzudecken. Der Weg ist somit das Ziel und Johnson offenbart sich als so unterhaltsamer wie zuverlässiger Führer. Denn Brick funktioniert nur, wenn seine Neo-Noir-Atmosphäre funktioniert. Wenn wir seine Figuren ernst nehmen und die gezeigte Welt als Gegebenheit akzeptieren. Auch wenn dies bisweilen nicht einfach fällt, aufgrund der komischen Momente.

Denn für wirklich voll mag man Figuren wie Tug nicht nehmen, wie auch der Pin dank Mutti-bringt-Plätzchen-Szenen, sowie theatralischen Umhang und Hobbit-Verweise eher als Witzfigur, denn Drogenboss anmutet. Durchaus mit einem Augenzwinkern serviert Johnson also seine hardboiled high school story, die dennoch weitestgehend zu gefallen weiß. Nicht zuletzt dank seiner Darsteller Joseph Gordon-Levitt und Nora Zehetner, die glaubhaft die beiden interessantesten Figuren mit der faszinierendsten Dynamik verkörpern. Für ein selbstfinanziertes Independent-Projekt kann sich Brick also allemal sehen lassen. Letztlich ist seine Schul-Noir-Geschichte weniger ungewöhnlich als einfach ungewöhnlich gut.

8.5/10