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25. November 2010

Lost

Remember… and let go.

Die US-Fernsehserie Lost wurde von Kritikern als „multimediales Ereignis“ und „das am konsequentesten umgesetzte Fernsehkonzept aller Zeiten“ bezeichnet. Sie galt als „weltweit erfolgreichste  Fernsehserie“, dies jedoch weniger wegen ihrer Einschaltquoten - die in den letzten Jahren stetig zurückgegangen sind -, sondern dank ihrer digitalen Aufzeichnung und den daraus resultierenden Downloads.  Nur wenige Serien vor Lost hinterließen einen derart bleibenden Effekt, war die Serie doch weniger Serie als vielmehr ein Phänomen. Ein Serienphänomen, das nicht nur in einem eigenen Magazin resultierte, sondern auch wöchentliche Podcasts der Showrunner hervorbrachte. Und das mit Abstrichen zum Missverständnis wurde beziehungsweise werden musste. Die umfassende und dennoch nie zu greifende Mythologie der Serie resultierte in mehreren Fanseiten und Diskussionsforen. Filmwissenschaftliche Literatur zur Serie findet sich bisher kaum, wird wohl erst nun, nach Ende der letzten Staffel, zu Tage treten. Und einen nüchternen Blick auf die narrativen Schwächen werfen, diese jedoch hinter das Requiem der Serie zu stellen haben.

Die Ursprünge von Lost verdanken sich Robert Zemeckis’ Kinofilm Cast Away aus dem Jahr 2000. Bei einem Treffen der Führungskräfte des amerikanischen Fernsehsenders American Broadcasting Company (ABC) im Sommer 2003 schlug Lloyd Braun, der damalige Vorsitzender der ABC, eine Serie mit ähnlicher Philosophie vor. Man trat an den Autoren Jeffrey Lieber heran, der eine Idee für die Serie entwickelt sollte, welcher Lieber ein Gefühl von William Goldings Lord of the Flies verleihen wollte.  Im weiteren Verlauf  der Vorbereitung zog Braun, der mit Liebers Ideen unzufrieden war, schließlich Drehbuchautor und Alias-Schöpfer J.J. Abrams hinzu. Dieser verpasste Lost dann den finalen Schliff. Er konzipierte die Insel, auf der eine Gruppe Flugzeugpassagiere abstürzt, als einen eigenen Charakter („a supernatural place where strange things happened“). Mit dem aufstrebenden Autoren Damon Lindelof konzipierte Abrams ein Szenario für eine zweiteilige Pilotfolge, deren Budget von der ABC ohne ein Drehbuch gesehen zu haben, abgesegnet wurde.

Für 12 Millionen Dollar produzierte man den zweistündigen Piloten, der am 22. September 2004 ausgestrahlt wurde. Die ersten zwei Dutzend Folgen der ersten Staffel verfolgten durchschnittlich über 15,6 Millionen US-Amerikaner, womit Lost seine festen Zuschauer gefunden zu haben schien. Abrams widmete sich anschließend seinen Kinoproduktionen und behielt lediglich seinen Produzentenstatus, weshalb seither neben Lindelof noch Carlton Cuse den Showrunner der Serie gab. In den vergangenen sechs Jahren konnte Lost nicht nur einen Golden Globe, sondern auch neun Emmy Awards mit nach Hause nehmen. Am 23. Mai 2010 lief mit The End ein bezeichnendes Finale einer der größten Shows des vergangenen Jahrzehnts. Ein Ende, das einen emotionalen Eindruck hinterließ, der noch lange anhalten wird. Ein Ende, das allerdings auch vor Augen führte, woran es Lost letztlich fehlte, um in Realität das zu werden, was es für seine Anhängerschaft über die Jahre hinweg gewesen war. Im Zuge der Rekapitulation werden in den restlichen Absätzen Spoiler zum Serienverlauf nicht abwendbar sein. Viewer discretion is advised.

Mit dem 22. September 2004 fing alles an. Nicht nur für die Zuschauer mittels der Pilotfolge(n) von Lost, sondern auch für deren Charaktere. Es war Flug Oceanic 815, der an jenem Datum in seinem Kurs von Sydney nach Los Angeles in Turbulenzen geriet und irgendwo im Pazifik abstürzte. Details, die weder das Publikum, noch die Figuren vergessen würden, und die einen eigenen Mythos innerhalb der Serie nach sich ziehen sollten. Das erste Bild der Show markierte dabei ein sich öffnendes Auge, welches in späteren Folgen (20 um genau zu sein, davon allein neun in der ersten Staffel) zum wiederkehrenden Element verkommen würde und mit der letzten Einstellung der Serie in The End seine narrative Klammer erhalten sollte. Die erste Figur, die der Zuschauer kennenlernt, ist der Arzt Jack Shephard (Matthew Fox). Eine Figur, die sich zum essentiellen Charakter von Lost entwickeln würde, zur zentralen Rolle im Geschehen der Serie. Eine Figur, die ursprünglich in der Pilotfolge sterben sollte.

Es kam letztlich doch nicht so, da die Produzenten befürchteten, Zuschauer könnten die Show ablehnen, wenn die Hauptidentifikationsfigur in der ersten Folge getötet wird. Eine Entscheidung, die Party of Five-Veteran Matthew Fox einen neuen Karrieresprung und der Serie eine Titelfigur mit allerlei Ecken und Kanten verschaffte. Von 324 Passagieren überlebten 71 den Absturz. Von den 71 würde es am Ende der sechsten Staffel nur eine Handvoll sein, die mit dem Leben davonkommt. Damit kommt Lost einem Zählreim gleich, in dem Staffel um Staffel nicht nur, aber auch ursprüngliche Hauptfiguren beziehungsweise Überlebende des Oceanic-Absturzes ums Leben kommen. Ein Schema, das so zu Beginn nicht unbedingt antizipierbar gewesen ist. Wobei zu Beginn ohnehin relativ wenig antizipiert werden konnte. Lost schwappte als potentielle neue Hit-Serie über die TV-Landschaft und zeigte mit ihrer ersten Staffel, dass sie diesem Anspruch mehr als gerecht wurde. Mit nichts ahnenden Figuren („Guys, where are we?“, Charlie in Pilot: Part II) und 14 Sprechrollen, konnte sich jeder Zuschauer eine Identifikationsfigur aussuchen.

Womit sich früh einer der Vorzüge, zugleich aber auch der wahrscheinliche „Genickbruch“ der Serie ausmachen lässt. Bei 14 Sprechrollen in der ersten Staffel, die in der darauffolgenden zweiten Staffel sogar auf 17 anwachsen sollten, gelang es Lost stets, sowohl Charakter- als auch Mythologieserie zu sein. Ein Konzept, das sich dem strukturellen Aufbau der Durchschnittsepisode verdankt (lediglich in der fünften Staffel verzichteten die Macher in drei Folgen auf dieses Konzept). Jede Episode legt den Fokus meist auf eine, in seltenen Fällen (speziell dem Staffelfinale) auch auf mehrere Figuren. In einem sekundären Handlungsstrang werden mittels Rück- und in der vierten Staffel auch Vorblenden hauptsächlich (charakterliche) Hintergründe zu einer der Rollen geliefert. Diese knüpfen oft an vorangegangene Folgen der Figur an und/oder nehmen Bezug auf den primären Handlungsstrang, sprich die gegenwärtigen Ereignisse auf der Insel. So wurde in 118 Episoden insgesamt 31 Charakteren spezielle Aufmerksamkeit gewidmet.

Von diesen 118 charakterzentrischen Episoden entfallen nun allein 15 Folgen auf Jack (auch wenn er sich drei von diesen mit anderen Figuren teilt), was einem prozentuellen Anteil von 12 Prozent entspricht. Ohnehin sollte man sich von den insgesamt 31 „Fokus“-Figuren nicht in die Irre leiten lassen, liegt der eigentliche Fokus von Lost doch auf einer Handvoll Figuren, die rund die Hälfte dieser Episoden mit ihren Hintergründen - und auch sonst das Geschehen auf der Insel - bestimmen. Am bedeutendsten neben Jack geraten hierbei Kate Austen (Evangeline Lilly) mit 12 und Jacks designierter Gegenspieler John Locke (Terry O’Quinn) mit 11 Folgen. Gefolgt von den drei verbliebenen Charakteren Sun Kwon (Yunjin Kim) mit 10, sowie Hugo „Hurley“ Reyes (Jorge Garcia) und Sayid Jarrah (Naveen Andrews) mit jeweils 9 Episoden. Wie sehr sich die Serie auf Jack konzentriert, lässt sich auch im Vergleich zu einer anderen Figur aus den Anfängen ablesen, hat Fox’ Rolle doch fast drei Mal so viele zentrischen Episoden wie beispielsweise sein Konkurrent James „Sawyer“ Ford (Josh Holloway), der in sechs Staffeln auf lediglich sechs Folgen kommt.

In den Augen der Macher war Lost also stets eine Charakterserie, das merkte der Zuschauer spätestens in der finalen Staffel, die zwar versuchte, in Folgen wie Ab Aeterno oder Across the Sea einige mythologische Fragen, die in den ersten Staffeln eingeführt wurden, zufriedenstellend aufzulösen, hierbei jedoch scheiterte (oder scheitern musste, nachdem sechs Jahre lang ein Bohai darum veranstaltet wurde, dessen Erwartungshaltung exorbitant war) und einige Fragen gänzlich unbeantwortet im Raum stehen ließ. Was speziell mit den ersten beiden Staffeln zur ultimativen Mystery-Serie avancierte, endete als Charakter-Konklusion. Surprise over substance lautete spätestens ab der dritten Staffel das Motto von Lost und die Idee, mit jeder Folge möglichst eine neue Frage zu stellen, beziehungsweise bei Schließung einer Tür, anderswo zwei Fenster zu öffnen, sollte für die Serie zur mythologischen Krux werden, die in ihrem letzten Jahr und vor allem auch der letzten Folge einige enttäuschte Gesichter zurückließ („Every question I answer will simply lead to another question“, wird Jacobs Mutter in Across the Sea selbstironisch in den Mund gelegt).

Auch wenn sich später der Eindruck einschlich, Lindelof und Cuse würden die Serie stets ad hoc weiterentwickeln, zeigen sich manche zentralen Elemente durchaus von Beginn an. So zum Beispiel der Kampf Hell gegen Dunkel („Two sides. One is light. And one is dark“, Locke in Pilot: Part II), ein Echo aus George Lucas’ Star Wars-Reihe. Das Hell-Dunkel-Element sollte sich kurz darauf vier bzw. acht Folgen später (House of the Rising Sun/Raised by Another) erneut zeigen und auch speziell zur finalen Handlung hin wieder aufgenommen werden in Episoden wie The Incident der fünften oder The Substitute der sechsten Staffel. Bereits Mitte der ersten Staffel beginnt in Hearts and Minds Locke dann, seinem eigenen Weg (oder dem der Insel) zu folgen, während Lost in derselben Folge begann, ein weiteres wiederkehrendes - und bedeutendes - Element einzuführen: die Inter-Relation der Figuren. Diese war besonders prominent in den ersten drei Staffeln und führte zu direkten Konfrontationen (Jack und Desmond in Man of Science, Man of Faith) oder einem Aufeinandertreffen mit einer Person aus dem Leben eines der anderen Überlebenden (z.B. hatten Hurley und Locke denselben Boss).

Getreu der Idee „The Six Degrees of Separation“ sollte die Inter-Relation der Figuren die These untermauern, dass ihr Aufeinandertreffen vorherbestimmt war. Derlei Punkte wurden auch relativ früh angesprochen, wenn Antagonist Ben Linus (Michael Emerson) Anfang der dritten Staffel offenbart, dass zwei Tage, nachdem er von seinem Wirbelsäulentumor erfuhr, mit Jack ein Spezialist für diese Krebsform auf Bens Insel abstürzte (The Cost of Living). Die schicksalhafte Selektion der (Haupt-)Figuren wurde dann spätestens in Lighthouse (Staffel 6, Episode 5) deutlich. Dabei stand es nie zur Debatte, dass es sich bei dem Absturz von Oceanic 815 und der Passagierauswahl um Zufall gehandelt haben konnte („Do you think we crashed on this place by coincidence?“, Locke in Exodus, Part II sowie „Don’t mistake coincidence for fate“, Mr. Eko in What Kate Did). Lediglich der Grund für jene Selektion blieb ein Mysterium, welches erst zu Beginn der finalen Staffel als Handlungsgebende Prämisse offenbart wurde - sowohl für den Primär- als auch Sekundärplot.

Doch zurück zu den Anfängen, denn Lost ist eine Serie, bei der der Weg das Ziel ist. Spielte Liebers ursprüngliches Konzept eines Lord of the Flies-Szenarios in den späteren Staffeln keine Rolle mehr, war es in seinem ersten Jahr noch evident. Die 14 Sprechrollen repräsentierten unterschiedlichste Charaktere, vom Chirurgen, über eine FBI-gesuchte Mörderin bis hin zum dickleibigen Millionär oder einem drogensüchtigen Musiker. Spielte die essentielle Figur von Locke - ein Querschnittsgelähmter, der in der Pilotfolge durch die Insel geheilt wird - in der ersten Hälfte der ersten Staffel noch brav das Gemeinschaftsspiel mit, begann mit Hearts and Minds in der 13. Folge die Aufspaltung der Überlebenden, die sich spätestens zum Auftakt der vierten Staffel zeigen sollte. In den ersten Wochen des Absturzes geht es jedoch für Jack und Co. um die Akklimatisierung, das Warten auf Rettung und ab Folge 10 (Raised by Another) mit der Entführung der schwangeren Claire (Emilie de Ravin) durch Ethan (William Mapother), ein Gruppenmitglied, das nicht mit Oceanic 815 geflogen war, um die Gefahr der „Anderen“.

Eine Gefahr, die sich im Finale zuzuspitzen drohte, während mit einer mysteriösen Zahlenfolge (4 8 15 16 23 42) in Numbers und einer Luke im Dschungel (All the Best Cowboys Have Daddy Issues) zwei weitere bedeutende Punkte des Serienkanons eingeführt wurden. So schrieb man in der ersten Staffel das Mysteriöse noch, wenn Rauchmonster, wandelnde Geister, sowie Flüsterstimmen, Polarbären und Luken im Dschungel auf die Überlebenden warten. Dass die dramatische Situation nicht spurlos an den Figuren vorüberging - und einen Trend für die kommenden Staffeln startete -, sah man in ersten Morden durch vermeintlich unschuldige Charaktere wie Charlie (Dominic Monaghan) in Homecoming und Todesfällen von Hauptfiguren, deren Auftakt Boone (Ian Somerhalder) in Do No Harm darstellte („Boone was a sacrifice the island demanded“, Locke in Exodus, Part II). Und je mehr Mysterien Einzug in Lost fanden, desto mehr schien sich der reine Lord of the Flies-Aspekt zu verabschieden - während er in Wirklichkeit nur mehr und mehr begann, Ausmaße von Weltumspannender Form anzunehmen.

Die Bedeutung der Insel wurde in der zweiten Staffel eingeführt, mit einem amüsanten (vermeintlichen) MacGuffin, der sich letztlich nicht als solcher herausstellte. Mit der Öffnung der Luke und dem Betreten einer unterirdischen Station erhielt das neue Element der Dharma Initiative Einzug in die Serie. Eine Organisation, die sich der Wunder der Insel annahm, die scheinbar in der Tat mehr war als nur ein abgelegenes Eiland. Aufgesetzt auf eine elektromagnetische Quelle sorgte eine computergesteuerte Entladung alle 108 Minuten für die Rettung der Welt - wenn man den Worten von Stationsleiter Desmond Hume (Henry Ian Cusick) glauben durfte. Dieser nahm die neuen Gesichter als Möglichkeit wahr, nach drei Jahren tumbem Knopfdrücken endlich das Weite zu suchen und sollte erst zum grandiosen Flashback-Finale (Live Together, Die Alone) zurückkehren. Thematisch bewegte sich die zweite Staffel fortan in Folgen wie Lockdown und ? zwischen den Geheimnissen der Dharma Initiative und der Bedrohung der Anderen, die Michaels (Harold Perrineau) Sohn Walt (Malcolm David Kelley) entführten, hin und her.

In der zweiten Staffel wurden die eingeführten Elemente der Vorgängerstaffel nun verstärkt. Eine versprengte Gruppe der Oceanic-Überlebenden stieß hinzu und bot in Form von Ana Lucia Cortez (Michelle Rodriguez) und Mr. Eko (Adewale Akkinuoye-Agbaje) neue sympathische Figuren. Wie jedoch üblich in Lost, erforderte die Integration von neuem Leben die Verabschiedung von altem (so wurde Aaron in Do No Harm quasi zeitgleich zu Boones Tod geboren), wenn das Eintreffen von Ana Lucia und Co. zum Ableben von Shannon (Maggie Grace) führt. Eine Entscheidung, die wiederum die Anspannung unter den Überlebenden aufrecht erhielt, die sich durch die gesamte Serie hindurch nie wirklich legte. Eine besondere Hervorhebung hatte hier bereits in der zweiten Hälfte der Vorgängerstaffel das Verhältnis von Jack und Locke erfahren („We're going to have a Locke problem“, Jack in Exodus, Part II), die nun als gegensätzliche Unterscheidung von „man of science“ und „man of faith“ bis zum bitteren Ende (ironischerweise später mit vertauschten Rollen) das Schicksal der Serie bestimmen würden.

Obschon die Insel für die meisten Figuren einen Neuanfang darzustellen schien - so stellte sich gerade in der vierten Staffel für Einige die Frage, warum sie die Insel überhaupt verlassen sollen -, zeigte sich, dass die Charaktere der Figuren festgefahren waren. So wurde Charlie das Stigma des Drogenhortenden Loners nicht los, während sich Sawyer wiederum ganz in der Rolle des von allen gehassten Arschlochs gefiel. Festgefahrene Rollenbilder, allen voran Jacks Schicksal als „fixer“, die abgesehen von dem einen oder anderen kurzen Schwenk über sechs Jahre hindurch ihrer Persönlichkeit treu blieben (umso logischer, da sie wegen ihr von Jacob ausgewählt wurden). Dass jede Figur aber dennoch über einen freien Willen verfügte - was wiederum in den christlichen Charakter gerade der sechsten Staffel spielte -, zeigte sich an der Figur von Michael, die zum Staffelfinale hin ihr Schicksal in die eigenen Hände nahm und ähnlich wie Charlie zuvor ihre Unschuld im Mord an anderen Figuren, in diesem Fall Ana Lucia und Libby (Cynthia Watros), und der Auslieferung von Jack, Kate und Sawyer an die Anderen verlor.

Dass die zweite Staffel die Gelungenste der Serie darstellt, verdankt sich sicherlich der neugewonnenen Faszination einerseits von Cusicks grandioser Figur des Desmond - und seiner bewegenden Liebesgeschichte mit Penny (Sonya Walger), die - in Live Together, Die Alone eingeführt - ergreifender gerät als die zweijährige Pseudoromanze von Jack und Kate - und andererseits der mysteriösen Dharma Initiative und ihrer Stationen sowie Intentionen auf der Insel. Dass es auch Dr. Marvin Candle (François Chau) allein durch seine Orientierungsfilme vor seinem physikalischen Auftritt in der fünften Staffel zur liebgewonnen Kultfigur geschafft hat, spricht sicherlich Bände. Hinzu kamen mit Ana Lucia und Mr. Eko zwei nicht nur starke und präsente, sondern auch sympathischere Figuren als sie das Adoptivgeschwisterpärchen Boone und Shannon zuvor darstellten. Dass Lindelof und Cuse jedoch bereit waren, Handlungsstränge antworttechnisch ins Leere laufen zu lassen, zeigte sich bereits indem sie Perrineau und Kelley aus der Serie (vorerst) verabschiedeten, ohne Walts für die Anderen so interessanten übersinnlichen Kräfte erläutert zu haben.

Spätestens mit der dritten Staffel waren die Anderen nun mehr als nur die nebulösen Antagonisten der Überlebenden: Sie wurden nun vielmehr zu einem festen Bestandteil der Serie. Gleichzeitig fand im dritten Jahr von Lost ein Novum statt: Die Staffel wurde aufgespaltet und durch einen Hiatus über zwei Monate unterbrochen. Besondere Spannung wurde in den ersten sechs Episoden durch die Platzierung von Jack, Kate und Sawyer in das Lager der Anderen erzeugt. Während letztere Zwei aus unerfindlichen Gründen in Bärenkäfigen gehalten wurden, kam die Ursache für Jacks Entführung früh ans Licht. Mit Juliet Burke (Elizabeth Mitchell) wurde die Frischzellenkur in der Serie fortgesetzt, ersetzte die vermeintliche Verbündete von Jack im Lager der Anderen zumindest auf lange Sicht den Abschied von Eko, der in der fünften Folge die Tradition und Ankündigung der Showrunner fortsetzte, dass jede der Hauptfiguren jederzeit sterben könne. Ekos Tod repräsentierte den zweiten Handlungsstrang in diesem ersten Drittel der Staffel, während Kate und Sawyer durch das „Opfer“ von Jack die Möglichkeit erhielten, vor den Anderen zu fliehen.

Mit Flashes Before Your Eyes folgte als so genannter „game changer“ auf den Hiatus ein bahnbrechender Moment für die Serie. Die brillante Episode, die zum ersten Mal das Konzept der Charakterrückblende sozusagen umschiffte, besiegelte in einem Streich das Schicksal von zwei Figuren. Desmonds Geist, angegriffen von der elektromagnetischen Implosion der Swan-Station im Vorjahresfinale, vermochte nun durch die Zeit zu reisen. Dies führte zur Einführung der scheinbar allwissenden Figur von Eloise Hawking (Fionnula Flanagan), die wieder das schicksalhafte Element der Serie betonte, wenn sie Desmond in der Vergangenheit darauf hinweist, dass es sein Schicksal war, auf der Insel zu landen und wie in Live Together, Die Alone gesehen für den Absturz von Oceanic 815 zu sorgen. Zugleich endete die Folge mit einem die Staffel durchziehenden Cliffhanger, wenn Desmond gegenüber Charlie gesteht, dass er dessen Tod vorhergesehen (und bereits zwei Mal verhindert) hat. Die gesamte Folge ist ein Echo von Ekos berühmter Äußerung „Don’t mistake coincidence for fate“, wenn Mrs. Hawking Desmond erklärt: „The universe, unfortunately, has a way of course correcting“.

Jener Desmond-Charlie-Handlungsstrang stand dann wie einige andere auch für sich allein im dritten Jahr, während wiederum Kate, Locke und Sayid bestrebt waren, Jack aus dem Dorf der Anderen zu befreien (dieses wurde wiederum sehr imposant im Staffelauftakt A Tale of Two Cities eingeführt). Wie problematisch die Auflösung essentieller Fragen für die Serie werden würde, zeigte sich bereits in der Erklärung von Lockes Querschnittslähmung, die in The Man From Tallahassee zu sehen war. Der Stoß aus einem mehrstöckigen Gebäude durch den eigenen Vater wirkte im Nachhinein spektakulär unspektakulär (ebenso wie die Auflösung in The Brig, dass Lockes Vater wiederum der echte „Sawyer“ war) und zugleich blieben sich Lindelof und Cuse treu, indem sie mit der Beantwortung dieser Frage eine weitere in den Raum stellten. Jene „magic box“, mit der Ben am Ende der Folge Lockes Vater Anthony Cooper (Kevin Tighe) aus dem Hut zauberte, gehört zu den offenen Fragen, für die in den kommenden drei Jahren keine Zeit für eine adäquate Antwort gefunden wurde. Zugleich markierte die Folge die finale Loslösung der Locke-Figur von den übrigen Überlebenden.

Locke wurde als neuer Beschützer der Insel „auserwählt“, in dessen Zuge die Konfrontation mit Jack neue Nahrung erhielt, als mit Naomi (Marsha Thomason) ein Mitglied eines Rettungskommandos auf der Insel abstürzte, das scheinbar  Penny engagiert hatte. Die Haupthandlungsstränge kulminierten zum Staffelfinale hin, wenn wieder einmal die Bedrohung der Anderen für einen traditionellen Marsch der Überlebenden sorgte, und es an Jack war, die mögliche Rettung der verbliebenen Überlebenden herbeizuführen, indem Funkkontakt zu Naomis Frachter hergestellt wird. Zugleich spielte die Serie in der vorletzten Folge Greatest Hits sehr gelungen mit dem angekündigten Tode Charlies, der schließlich auf das hochemotionale Finale Through the Looking Glass verschoben wurde. Dieses griff erneut Motive wie die Unschuld einiger Figuren - auch Jin (Daniel Dae Kim) und Hurley begingen ihre ersten Tötungsakte - und die Fehlentscheidung der selbsterkorenen Anführer (Locke lag im zweiten Staffelfinale falsch was die Swan-Station anging, Jack nun im dritten Finale, was Naomis Frachter anbelangt).

Welchen besonderen Einfluss die Fangemeinde auf Lost hatte, zeigte sich gerade in der dritten Staffel. Nachdem der Hiatus sehr negativ aufgenommen worden war (die Serie verlor bei Wiederaufnahme ein Viertel ihrer Zuschauer), entschied man sich ab der vierten Staffel auf das 24-Format umzusteigen. Dies bedeutete zum einen, dass Lost von Februar bis Mai lief und zum anderen, dass die Episodenzahl pro Staffel um ein Drittel reduziert wurde. Auch der Versuch, mit Nikki (Kiele Sanchez) und Paolo (Rodrigo Santoro) zwei unbekannte Figuren rückwirkend als Bestandteil der Überlebenden einzuführen, misslang aufgrund des unsympathischen Charakters der Beiden. Die Showrunner beugten sich dem Hass der Fans und verabschiedeten die Rollen in der ironischerweise überaus gelungenen Episode Exposé auf makaber-sarkastische Weise, wenn einerseits Sawyer (ebenfalls) nicht zu wissen schien, wer die Beiden eigentlich waren („And who the hell are you?“) und sie „Nina“ und „Pablo“ nannte. Ihren Abschied feierten sie dann, indem sie nach einem Spinnenbiss für tot gehalten und zum Ende der Folge hin lebendig begraben wurden.

Hatte Flashes Before Your Eyes bereits mit der Idee der Zeitreise aufgewartet, erweiterten Lindelof und Cuse für die vierte Staffel ihre narrative Struktur. In Through the Looking Glass wurde bereits statt einer Rück- mit einer Vorblende aufgewartet. Mit einer solchen begann dann auch The Beginning of the End, eine vorausdeutende Folge für die künftigen Ereignisse. In ihrem vierten Jahr bewegte sich die Serie somit auf drei verschiedenen Zeitebenen. Spielte die Haupthandlung auf der Insel mit der Ankunft einiger Frachtmitglieder und der Frage, ob diese den Überlebenden gut oder böse gesinnt waren, weiterhin in der Gegenwart, waren die Charakterhandlungen nun wie bisher in der Vergangenheit oder im Fall der so genannten „Oceanix Six“ - Jack, Kate, Hurley, Sayid, Sun und Aaron - in der Zukunft verankert. Was zur Folge hatte, dass Gegenwart und Zukunft parallel zueinander abliefen, wenn Jack und Co. versuchten, von der Insel zu gelangen (was, wie der Zuschauer in diesen Momenten wusste, glücken wird), andererseits Jack jedoch in den Vorblenden versuchte, seine Freunde zu einer Rückkehr zu ebenjener Insel zu bewegen.

Zwar spielte sich auch in den drei Jahren zuvor die Handlung zum Teil jenseits der Insel ab, dennoch markierte die nun etablierte Verlagerung einer Untergruppe der Überlebenden zurück in die Wirklichkeit eine neue Richtung. Gleichzeitig wurde durch die Zielsetzung, zur Insel zurück zu kehren, erneut der Schicksalsgedanke untermauert („Destiny is a fickle bitch“, sagt Ben zu Locke in Cabin Fever). Dass die Rückkehr für die Oceanic Six keine Besserung in Aussicht stellte, zeigte sich in den Vorblenden. Im Grunde nahmen alle fünf Figuren ihr altes Leben mehr oder weniger wieder auf, ohne dass sie dabei glücklich wären (allerdings auch nicht den Wunsch hegten, zurück zur Insel zu gelangen). Dass die Gruppe der Überlebenden wiederum versprengt war, wurde bereits zum Auftakt der Staffel betont, wo es unter anderem Charlies Tod war, der Figuren wie Hurley und Claire dazu bewog, mit Locke Zuflucht in den Baracken der Anderen zu suchen, während Jack, Juliet, Sayid und Desmond versuchten, die Agenda der Frachter-Mitglieder Daniel Faraday (Jeremy Davies), Frank Lapidus (Jeff Fahey), Charlotte Lewis (Rebecca Mader) und Miles Straume (Ken Leong) herauszufinden.

Besondere Spannung erzeugte die vierte Staffel, indem in The Economist offenbart wurde, dass in den Vorblenden Sayid und später auch Jack gemeinsame Sache mit ihrer Nemesis Ben machten. Aus vermeintlich drei Lagern wurden in den verbleibenden elf Folgen der Staffel (durch den Autorenstreik 2007/08 entfielen zwei Episoden) somit zwei Lager, dadurch zugleich die Gefahr durch das Frachtpersonal nicht nur für die Überlebenden, sondern gar die Insel, verstärkt und andererseits die in der zweiten Staffel aufgestellte Behauptung Bens, die Anderen seien die „Guten“, in gewisser Hinsicht untermauert. Vorsichtig wurde Ben also zum Sympathicus aufgebaut, auch, weil in The Shape of Things to Come seine Adoptivtochter Alex (Tania Raymonde) durch die Hinrichtung von Frachtermitglied Keamy (Kevin Durand) wie so viele vor ihr zum Opfer an die Insel mutierte. So wurde Ben im direkten Vergleich mit Industriemagnat Charles Widmore (Alan Dale) gleich weniger widerlich, wie auch seine vollkommene Hingabe zur Insel, die er zu deren Schutz (indem er sie in der Zeit verschob) in There’s No Place Like Home vermeintlich für immer verlassen musste, bemerkenswert war.

Von ihrem Aufbau her war die vierte Staffel ausgesprochen emotional. Es war ein Jahr der Trennungen, primär der Trennung von einem geliebten Partner. So musste Claire im Staffelauftakt den Tod von Charlie verarbeiten, während Ji Yeon auf äußerst gelungene Weise - eine Vorblende von Sun wurde mit einer Rückblende von Jin kombiniert - den Tod von Jin andeutete. Auch die Beziehungen anderer Figuren wie die Liaison von Jack und Kate in den Vorblenden oder Bens Beziehung zu Alex und der Insel selbst standen vor einer Trennung. Einen Neuanfang dagegen durfte die Figur des Michael starten, der, geplagt von seinen Morden, einen Märtyrertod für seine Freunde starb. Perrineaus Rückkehr war vorab bereits bekannt geworden (zumindest in Fankreisen) und seine Reintegration wollte letztlich nur bedingt funktionieren, da von einer moralischen Erlösung nur bedingt gesprochen werden konnte (da er bis auf Sayid und Desmond mit kaum jemand richtig interagierte) und die Frage nach seinem und Walts Schicksal eher leidlich zufriedenstellend beantwortet wurde.

Wem es dann in den vier Jahren zuvor bereits mit einer Krankheiten heilenden Insel voller Eisbären, Geistern und Rauchmonstern zu mystisch war, für den hielt die fünfte Staffel besondere Herausforderungen bereit. Hatten sich die Überlebenden zuvor bereits personell aufgespaltet, taten sie es nun auch geographisch. Dies hatte zur Folge, dass das traditionelle Schema der Insel-Haupthandlung und einer sekundären Charakterhandlung in Rück- oder Vorblende umstrukturiert wurde. Fortan verfolgte Lost in der ersten Hälfte der Staffel zwei Parallelhandlungen: Die, der auf der Insel Zurückgebliebenen, und die, der Oceanic Six, die zur Insel zurückkehren wollten. Kein einfaches Unterfangen, da durch das Bestreben von Ben nun zur körperlichen Benachteiligung der verbliebenen Überlebenden die Insel wahllos durch die Zeit sprang, ehe sie schließlich im Jahr 1977 zum Stehen kam. Jene Überlebenden wurden im letzten Staffelfinale durch die Explosion des Frachters und zu Beginn der fünften Staffel durch die Zeitsprünge praktischerweise so weit dezimiert, dass spätestens jetzt wirklich nur noch die Kerncharaktere (Locke, Sawyer, Juliet, Daniel, Jin, Miles) am Leben waren.


Ob sich Lindelof und Cuse mit der durch die Zeit reisenden Insel und der anschließenden Verlagerung des Geschehens in der zweiten Hälfte der Staffel dreißig Jahre in die Vergangenheit einen Gefallen taten, darf bezweifelt werden. Speziell die Logik der Serie stand nun auf wackeligen Beinen, wenn auch in Folgen wie Whatever Happended, Happened (Sayid versucht, Ben im Kindesalter zu erschießen, was jedoch dazu führt, dass dieser zu den Anderen übertritt) oder The Incident (Jack will den Bau der Swan-Station stoppen, damit diese 27 Jahre später nicht zum Absturz von Oceanic 815 führt) versucht wurde, das Zeitparadoxon aufrecht zu erhalten („It seems kind of wishy-washy“, stellt Hurley in The Variable fest). Die Situation bringt zwar nette Momente mit sich, wenn Jack nun in der Dharma Initiative ein einfacher Hausmeister war und Sawyer als Sicherheitschef La Fleur den Anführer der Gruppe gab oder Hurley versuchte, das Drehbuch zu The Empire Strikes Back aus dem Kopf heraus aufzuschreiben, dennoch wartete man vergebens auf eine Erklärung dafür, dass die Gruppen weiterhin getrennt blieb.

Zwar wurde der Oceanic Flug 815 so gut wie möglich nachgestellt, um die kosmischen Voraussetzungen zum Ursprungsabsturz zu schaffen, dennoch war es ein Rätsel, warum Jack, Kate und Hurley in der Vergangenheit und Sun gemeinsam mit Ben, Lapidus und Locke in der Gegenwart stecken blieb. Ein Spannungskniff, sollten doch Sun und Jin weiterhin getrennt bleiben und der alte Ben möglichst nicht mit seinem jüngeren Ich dasselbe Raum-Zeit-Kontinuum beanspruchen. Wie Hurley jedoch sagte, wurde das Lost-Universum im fünften Jahr mit Ausblick auf nur noch zwei Dutzend Episoden immer undurchsichtiger, wenn ein toter Locke, der wie Ben zuvor die Insel zu deren Schutz verließ, um Jack und Co. zur Rückkehr zu bewegen und dies mit dem Leben bezahlte, plötzlich wieder lebendig war oder jeder dem Schicksalselement folgend mit irgendwelchen anderen Figuren genetisch verbunden wurde (so war Miles natürlich der Sohn von Dr. Wickmund bzw. Pierre Chang und Faraday das Kind von Eloise Hawking und Charles Widmore, somit auch der Bruder von Penny und der Schwager von Desmond, seinem Zeitreise-Kumpel).

Langsam beschlich den Zuschauer nun also das Gefühl, dass er kaum mit Antworten auf all die Fragen rechnen durfte, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt hatten. Zum Beispiel wieso die Zündung einer Nuklearwaffe dafür sorgen sollte, dass die Überlebenden von Oceanic 815 nie abstürzen würden. Denn hier findet sich erneut ein Zeitparadoxon, schließlich ist die Tatsache, dass Jack und Co. sich in 1977 befinden bereits Beweis dafür, dass die Zündung der Bombe dies nicht verhindert sondern vielmehr ausgelöst hat („It doesn't work like that. You can't change anything“, sagt Miles in Whatever Happened, Happened). Dies hat wiederum zur Folge, dass die Ereignisse der fünften Staffel zu den Ereignissen der vorangegangenen Staffeln führten. Es bleibt also fraglich, ob Jack überhaupt irgendetwas tun kann, um zu verhindern, was bereits geschehen ist oder was das betrifft, noch geschehen wird. In ihrer Darstellungsform mit Einbezug einer Atombombenzündung in der Vergangenheit wird Lost was ihren Determinismus anging somit immer übertriebener und erreichte im Vergleich zur Pilotstaffel (Überleben in seltsamer Umgebung) ungeahnte Ausmaße.

Nach dem dritten Jahr wurde Lost dann ein festes Ende gesetzt. Drei weitere Staffeln wurden produziert, ein feststehendes Finaldatum ermöglichte es, nicht mehr abzuschweifen, sondern auf ein bestimmtes Ziel hinzuschreiben. Mit dem fünften Staffelfinale The Incident begann die Serie nun, ihre eigentliche Botschaft wieder aufzugreifen. Endlich erhielt der ominöse Jacob mit Mark Pellegrino ein Gesicht und mit der gezeigten „Auserwählung“ der Hauptfiguren in deren Vergangenheit wurde zugleich das bestätigt, was ohnehin bereits seit Jahren bekannt war: Keine der (Sprech-)Rollen war zufällig auf der Insel. Auch die Hell-Dunkel-Symbolik wurde wieder aufgegriffen, indem man einem weißgekleideten Jacob in dessen Rückblende sein in schwarz gekleideter Bruder (Titus Welliver) als Nemesis zur Seite stellte. Dass Jacob so schnell wie er kam auch wieder verschwand - Ben tötet ihn im Finale -, findet seine Ursache sicherlich auch darin, dass die Figur, die für alles verantwortlich ist (und dementsprechend über die Antworten verfügte), nicht am Leben bleiben konnte, um diese Antworten weiterzugeben.

Mit der Serie auf Zielkurs und Jacob weitestgehend aus dem Weg (er erschien gelegentlich Hurley), konnte das mysteriöse Inselmassaker in seine letzten 17 Episoden gehen. Grund genug für ein neues narratives Mittel, welches die Rück- und Vorblenden vollständig ersetzte. Es spielten weiterhin zwei Handlungsstränge nebeneinander: Der Reguläre auf der Insel und eine neue Handlung, in der Oceanic 815 nie abstürzte, was von vielen Fans als Erschaffung einer alternativen Realität durch die Zündung der Nuklearwaffe in The Incident gelesen wurde. Auf der Insel wurden die Überlebenden wiederum zurück in die Zukunft katapultiert, während Juliet das Unterfangen mit ihrem Leben bezahlte. Mit den Anderen als Verbündeten, den toten Frachtermitgliedern und allen wichtigen Figuren wieder auf der Insel in der richtigen beziehungsweise selben Zeit, avancierte schließlich der wieder auferstandene Locke als Reinkarnation von Wellivers Man in Black (in Fankreisen MIB getauft) zum Hauptgegenspieler. In The Substitute wurde dem Kind explizit ein Name gegeben, als MIB Sawyer offenbarte, dass die Überlebenden Kandidaten für Jacobs Posten seien.

Abgesehen von einigem Hokuspokus um eine zurückkehrende Claire (die gegen Ende der vierten Staffel im Dschungel verschwand und im Vorjahr nicht zum Ensemble zählte) und einem von den Toten wieder auferstandenen Sayid, die nun beide innerlich verdorben waren - was genau mit beiden Figuren geschah und welche Rolle der Tempel der Anderen als Refugium und ihr Leiter Dogen (Hiroyuki Sanada) spielten, blieb, wie Vieles, unbeantwortet - ist das zentrale Handlungselement der Kampf von Team Jacob gegen das Team MIB. Zuvorderst galt es für Jack, Hurley und Jacobs rechter Hand, Richard Alpert (Nestor Carbonell), herauszufinden, wie sie MIB - oder Locke, wie ihn die Gruppe der Einfachheit halber nennt - daran hindern konnten, die Insel zu verlassen und somit nicht nur diese, sondern den gesamten Planeten zu zerstören (denn laut Ab Aeterno war die Insel der Korken, der das Böse vor der Welt bewahrt). Ein Unterfangen, das erforderte, dass Locke entweder alle Kandidaten ausschaltete beziehungsweise, wie bei Sawyer der Fall, auf seine Seite zog, oder dass die Kandidaten herausfanden, wer von ihnen Jacobs Nachfolger war, um Locke zu stoppen.

Weitaus interessanter als die Weiterführung des Zählreimprinzips auf der Insel war dagegen das Geschehen in der vermeintlichen alternativen Realität, in der erneut das „Six Degrees of Separation“-Prinzip griff. So war Ben ein Englischlehrer an der High School von Alex und Jack und Juliet haben einen Sohn aus einer gemeinsamen, aber inzwischen geschiedenen Ehe, während Sawyer gemeinsam mit Miles bei der Polizei arbeitete und Desmond die rechte Hand in der Firma von Charles Widmore war. Doch nicht alle hatten ein neues Leben erhalten, war Kate schließlich weiterhin eine FBI-Flüchtige und Locke querschnittsgelähmt. So wurde relativ schnell klar (allein durch Sawyers neues Polizisten-Dasein), dass die Zündung der Bombe in The Incident nicht für diese Realität verantwortlich sein konnte, sondern diese Realität losgelöst von den Ereignissen der fünften Staffel existierte (man erinnere sich an die TV-Serie Sliders). Immerhin hielt die alternative Realität für viele Fans die Möglichkeit parat, dass auch jene, die gestorben waren, am Ende glücklich enden würden, indem durch die Zerstörung der bisher bekannten Dimension, jeder weiterhin glücklich in der anderen leben konnte.

Zumindest bis zum Serienfinale, indem - erneut auf sehr selbstironische Weise - die alternative Realität in Wirklichkeit als Limbus entlarvt wurde, als jenes Szenario also, für das Viele stets die Serienhandlung allgemein ausgemacht hatten. Losgelöst von dem etwas dick aufgetragenen christlich-religiösen mumbo-jumbo war The End gerade in ihrer Sekundärhandlung ausgesprochen bewegend und epochal geraten. Zwar verfügte sie über einige Schwächen - wie die Wahl, dass Sayid lieber mit Shannon denn mit Nadia im Jenseits vereint sein wollte oder ebenso, Claire ihre dreimonatige Romanze mit Charlie als Liebe ihres Lebens ausgemacht zu haben schien, während Walt beispielsweise ganz fehlt - bildete aber grundsätzlich eine berührende Wiedervereinigung jener Figuren, die man über die Jahre liebgewonnen hatte. Wenn sich die verlorenen „Seelenpartner“ (besonders bewegend: Aarons Geburt und die daraus resultierende Wiedererkennung von Claire und Charlie) aneinander erinnerten - oder im Falle von Ana Lucias Cameo, nicht - spielt Lost die Emotionsklaviatur mit Bravur. Dass am Ende mehr Fragen wie Antworten blieben, rückte in den Hintergrund.   

Die Serienmythologie frustrierte natürlich. Die Insel war ein Korken, der das ultimative Böse dort behielt, wo es bleiben sollte. Und die behütet werden musste, was wiederum zur Handlung von Lost führte. Eine Reihe von Figuren, die ohne Motivation lebten, denen es an einer Bestimmung fehlte. Die meisten Charaktere verloren ihr Leben, die wenigsten von ihnen, um wirklich die Insel zu schützen (z.B. Boone, Libby, Shannon, in gewisser Hinsicht auch Sun und Jin in The Candidate). Zwar versuchten Folgen wie Ab Aeterno und Across the Sea Antworten zu geben, schafften dies jedoch nur bedingt. So waren die Geister Seelen, die noch nicht bereit fürs Jenseits sind. Egal ob Michael, der sich zwar durch seinen Heldentod in der vierten Staffel rehabilitiert zu haben schien, oder Isabella, jene alte Liebe von Richard, die eines natürlichen Todes starb. Sie sind es auch, die für die Flüsterstimmen verantwortlich waren, die unter anderem dazu führten, dass Ana Lucia versehentlich Shannon erschoss. Während das Rauchmonster nur das zweite Wesen von MIB war, nachdem sein Bruder ihn ermordet und hinunter in das Licht des Lebens warf.

Dies erklärte zwar nicht, warum das Monster auf Bens Kommando in den Baracken der Anderen erschien, als dieser es rief, wieso es Sonarzäune zurückhielten, es in die Seelen respektive Vergangenheit anderer Menschen blicken und die Gestalt von Verstorbenen annehmen konnte, das Aussehen von Locke anschließend jedoch nicht mehr loswurde. Wer Antworten darauf haben wollte, was und wo die „magic box“ war, die Anthony Cooper auf die Insel brachte, wer Sayid von den Toten wiedererweckte und warum er anschließend innerlich dennoch tot war, was Figuren wie Ana Lucia und Mr. Eko disqualifizierte, gemeinsam mit den Anderen ins Jenseits einzuziehen (außer finanzielle Unstimmigkeiten mit dem Darsteller) oder warum Desmond ideal war, elektromagnetischen Impulsen zu widerstehen, die daraufhin sein Bewusstsein durch die Zeit und sogar ins Jenseits befördern konnten, und Walt über übersinnliche Kräfte verfügte, der war bei Lost schlussendlich an der falschen Adresse. Denn obschon die Serie von Anfang an mit diesen mysteriösen Elementen kokettierte und sich ihrer bediente, war Lost am Ende weniger eine Mystery-, denn eine Charakterserie.   

Eine Serie voller Liebesgeschichten, von denen Desmonds und Pennys sicherlich jene Beziehung war, deren Schicksal am meisten bewegte. Eine Serie über Eltern, die von ihren Kindern getrennt waren. Und wenn es einen Zuschauer bedrückt, dass beispielsweise Jin nie seine Tochter sehen durfte und stattdessen an der Seite seiner Frau den Tod wählte, dann kann eine Serie trotz dutzender offener Fragen wenig falsch gemacht haben. Man freute sich mit den Figuren, wenn sie einander in den Armen hielten, man fühlte mit ihnen, wenn eine nach der anderen starb. Egal ob Boone, Ana Lucia, Libby, Charlie, Eko, Rosseau, Alex, Locke, Juliet, Sayid, Jin, Sun und Jack - man hatte mit ihnen gelitten, mit ihnen gehangen. Nicht, weil sie einen Flugzeugabsturz überlebten, als dessen Passagiere sie von einem unsterblichen Beschützer einer mysteriösen Insel ausgewählt wurden, sondern um ihrer selbst willen. So wirkte die Identität der Insel, das Wieso, Weshalb und Warum, letztlich eher wie eine Bürde, ein vielversprechend verpacktes Geschenk, von dessen Inhalt man hinterher enttäuscht war, nachdem man es den ganzen Abend unter dem Weihnachtsbaum begutachtet hatte.

Am Ende war Lost eine im Wortsinn herausragende Serie der bisherigen Fernsehgeschichte. Nicht nur wegen der Fankultur, die sie nach sich gezogen hatte. Dass man sich der Serie derart bereitwillig hingegeben hat, lag natürlich an den vielen Fragen, Geheimnissen und Figuren, die sie bevölkerten. Ein brillantes Forum für gerade zu Beginn zumeist brillante Geschichten. Speziell die zweite Staffel bildet hier das Nonplusultra, wenn die Querverbindungen der Figuren untereinander, sowie die Thematik um die Dharma Initiative und Anderen an Gestalt gewann (auch wenn sie in der dritten Staffel nicht entsprechend zu Ende geführt werden konnte). Dass die diese Besprechung abschließenden Wertungen vielleicht verhältnismäßig niedrig ausfallen, ist der Mehrfachsichtung gerade der ersten beiden Staffeln geschuldet. Denn Lost ist eine Serie, die am besten in der ersten Sichtung funktioniert, wenn für den Zuschauer selbst das Gesehen noch neu und das Unbekannte auch tatsächlich unbekannt ist. Dennoch hat die Serie ihren Platz gefunden, beim Zuschauer wie in der Geschichte. In diesem Sinne: Remember… and let go.


Lost - Season One: 8/10
Lost - Season Two: 8.5/10
Lost - Season Three: 8/10
Lost - Season Four: 8/10
Lost - Season Five: 8/10
Lost - Season Six: 7.5/10

20. Januar 2010

Party of Five - Season One

You know, you just can't buy love like that.

Mitunter wurde das Fernsehgerät schon als Erzieher angesehen. Statt dass sich die Eltern um ihr Kind kümmern, setzt man es vor den Fernseher. Und dieser übernimmt quasi die Überwachungsfunktion. Man verbringt als Kind sicherlich weniger Zeit draußen oder mit anderen Beschäftigungen als es noch die eigenen Eltern getan haben. Das Besondere an einem Aufwachsen mit Fernseher ist, dass man in der heutigen Medienlandschaft, speziell der Seriengesellschaft, mit eben jenen Serien aufwachsen kann. Und mit ihnen auch mit ihren Figuren. So baut man als Kind dann eine besondere Beziehung zu Parker Lewis Can’t Lose, Dawson’s Creek oder auch Party of Five auf. Jener Serie von Amy Lippman und Christopher Keyser, die eigentlich wegen ihrer schwachen Quoten nach der ersten Staffel eingestellt werden sollte. Ehe sie 1996 überraschend den Golden Globe als beste Drama-Serie gewann. Es folgten fünf weitere Staffeln und mit ihnen fünf Karrieren, die mal besser und mal schlechter verliefen.

Die „Party of Five“ bezieht sich auf die Familie Salinger aus San Francisco. Als Mutter und Vater bei einem Autounfall ums Leben kommen, muss sich der 24-jährige Charlie (Matthew Fox) als gesetzlicher Vormund um seine vier jüngeren Geschwister kümmern. Besonders problematisch wird es dadurch, dass Owen, der Jüngste, noch im Babyalter ist. Als Charlie dann auch noch ein Teil des Familiengeldes bei einem riskanten Geschäft verliert, haben die Salingers ein Problem. Oft mehr schlecht als recht raufen sich die Vier zusammen, damit das Jugendamt sie nicht auseinanderreißt. Am härtesten trifft es wohl hierbei noch Charlie, der seine Unabhängigkeit aufgeben muss, um (zu) früh Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur zieht er wieder ins Elternhaus, sondern er nimmt sogar einen Job im Familienrestaurant an. Dabei seine eigene Karriere als Tischler hinten anstellend, ohne all seine Arbeit und Mühe von den anderen Drei gewürdigt zu bekommen. Denn selbst wenn alle im Notfall am selben Strang ziehen, so möchte doch jeder im Grunde sein eigenes Leben führen, speziell ohne von einem der Geschwister bevormundet zu werden.

Während Bailey (Scott Wolf), der Zweitälteste, grundsätzlich zwar verantwortungsvoll ist, stellen sich gerade bei ihm mehr und mehr die pubertären Hormone ein. Die erste Freundin muss her, das erste Mal umso mehr. So wird kurzerhand das neue Kindermädchen Kirsten (Paula Devicq) zum Objekt der Begierde, wobei diese eher Interesse am gleichaltrigen Charlie hat. Seine jüngste Schwester Claudia (Lacey Chabert) wiederum ist nun abhängig von ihren Geschwistern, die trotz ihrer Mehrzahl die beiden verschiedenen Eltern nicht wett machen können. Gerade mit Ersatzvater Charlie kommt es immer wieder zu Reibereien, wie auch Claudias manchmal leicht arrogante Art ihr hin und wieder ein Bein stellt. Alle Figuren müssen nun im Laufe der ersten Staffel wachsen, mehr als man von ihnen normalerweise erwarten würde. Den größten Wandel vollzieht dabei wohl Julia (Neve Campbell), die von einer widerspenstigen Jugendlichen zu Beginn, Folge um Folge wieder zu ihrem alten Selbst findet. Grundsätzlich hat jeder der vier Salingers aber in den ersten 22 Episoden sein eigenes Päckchen zu schultern.

Als Zuschauer ist man bei diesem Prozess nun als stiller Beobachter oder weiteres Familienmitglied – je nach eigener Betrachtungsweise – anwesend. Man wird Zeuge von Baileys erstem Mal mit der wilden Jill (Megan Ward). Man bekommt mit, wenn Claudia ihre erste Periode kriegt. Man beobachtet gemeinsam mit den Anderen die ersten Schritte von Owen. Ist dabei, wenn Charlie schließlich Kirsten einen Heiratsantrag macht. Und man sieht, wie Julia aufblüht, als sie sich in ihrer ersten richtigen Beziehung befindet. Ein Charakterwandel ist dabei an sich nur bei Charlie und Julia zu bemerken, da Claudia und Bailey weitaus stabilere Figuren sind. Während Charlie sein wildes Junggesellenleben aufgeben muss, um nicht nur einer ernsthaften Beziehung ins Auge zu blicken, sondern auch elterlichen Verpflichtungen. Und Julia selbst ihre wilde Phase erst ausleben möchte, wenn sie mit einem gefälschten Ausweis in einer Nachtbar arbeitet, Schule schwänzt und Widerstand leistet, wo sie die Möglichkeit dazu hat. Dagegen sind Claudia und Bailey weitaus geerdetere Personen, die zwar auch sich selbst gelegentlich in den Mittelpunkt stellen, grundsätzlich aber moralisch nicht abseits des Pfads wandeln.

Thematisch integriert die Serie verschiedene Problemfelder mal mehr und mal weniger. So wird in einer Folge die Homosexualität von Claudias Violinlehrer Ross angesprochen, was im Staffelfinale nochmals ein leichtes Echo findet. Auch dem Thema HIV und häusliche Gewalt schenken die Macher ihre Aufmerksamkeit, doch es ist der Drogenmissbrauch, der in Form von Baileys Freundin Jill am Präsentesten ist. Und natürlich spielt auch Sex für eigentlich jede der vier Figuren auf gewisse Art und Weise eine große Rolle. Nun ist Party of Five aber keine Drama-Serie wie Roswell oder Lost, wo es ein großes Ganzes gibt, in dem sich kleine Geschichten abspielen. Und doch ist die Serie auch kein CSI, wo am Ende ein Schluss unter ein jeweils aufgeschlagenes Kapitel gezogen wird. Unspektakulär sind die meisten Folgen, aber dennoch auf gewisse Art interessant. Wobei sicherlich ein größeres Interesse an den Figuren vorherrscht als an deren Handlung. Insofern bewegt sich die erste Staffel auf einem nahezu konstant guten, aber nicht herausragenden Niveau. Lediglich der Mittelteil mit den drei Folgen Thanksgiving, Private Lives und Games People Play setzt ein kleines Ausrufezeichen.

Von den drei Hauptdarstellern sollte sich jeder kurzfristig ins Rampenlicht spielen. Während sich Wolfs Karriere nach drei Kinofilmen – u.a. Ridley Scotts White Squall – auf die Serie beschränkte, sollte Campbell zu Wes Cravens Scream-Queen werden. Mit dem Ende der Trilogie endete in gewisser Hinsicht aber auch ihre Kinokarriere. Auch Fox sollte leicht in der Versenkung verschwinden, ehe er mit Lost wieder durch eine Serie seinen Weg zurück finden würde. Einige andere Gesichter wie Nebendarsteller Scott Grimes und Gastschauspielerin Laura Innes würden bei ER zu festen Größen heranwachsen. Ähnlich Jane Kaczmarek mit Malcolm in the Middle, während Brittany Murphy und James Marsden, ebenfalls in Gastrollen zu bewundern, heutzutage sehr viel präsenter im Kino sind bzw. waren. Letztlich ist Party of Five zwar keine Ausgeburt an großem Fernsehdrama, aber sie ist eine liebgewonnene Erinnerung. Ein alter Freund aus seiner Jugend. Und wenn Closer to Free von den BoDeans im Intro spielt – das übrigens erst mit der sechsten Folge zur Serie stieß -, dann ist auch diese Serie, ähnlich wie Dawson’s Creek, wie nach langer Zeit wieder nach Hause in sein altes Kinderzimmer zu kommen.

7.5/10

8. Januar 2010

Classic Scene: Lost ("Orientation"; Season 2, Episode 3) - "It's a leap of faith"

DIE SZENERIE: Die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes finden auf einer scheinbar einsamen Insel eine verbuddelte Luke. Als sie diese mit Dynamit frei sprengen, stoßen sie auf einen Bunker, inklusive Computerraum. Während eines Schusswechsels mit Desmond, dem Bewohner des Bunkers, wird der Computer getroffen. Dieser wiederum muss alle 108 Minuten mit einem Code gefüttert werden, damit – so Desmond – die Welt nicht untergeht. Angesichts der Umstände – der Strom fällt aus und die Zeit läuft davon - ergreift Desmond schließlich die Flucht, während die Überlebenden versuchen, den Computer zu reparieren. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Anführern der Gruppe: Jack und Locke. Die Situation wird zur Glaubensfrage.

INT. HATCH – COMPUTER ROOM

The timer is at 5:00.

LOCKE: Can you fix it?

SAYID: This man, whoever he was, replaced the motherboard. The power transformer is blown.

LOCKE: Don't you need to know why?

SAYID: All I need to know is that the timer is counting down to something, and that this computer needs to be repaired. I'm sure you'll tell me why once I've done so.

Kate finds the breaker and flips the switch. The lights come back on.

KATE: Found it!

Kate and Hurley enter the computer room. We hear the alarm sound and see the timer counting down past 4:00.

HURLEY: Oh, what's that?

LOCKE: Sayid!

SAYID: Working on it.

LOCKE: You have to...

SAYID: I know what I have to do. Reconnected the processor, replaced the transformer.

Sayid hits the computer's switch and it turns on.

LOCKE: It's on.

KATE: Okay, so what now?

LOCKE: There was a code. He made me enter it.

HURLEY: What code?

SAYID: Do you remember what it is?

LOCKE: 4, 8...

HURLEY: Wait a minute...

LOCKE: 15, 16...

HURLEY: Dude, I'm serious, stop.

LOCKE: Hugo, this is not the time or the place.

HURLEY: Yeah, well, I think it is.

LOCKE: 23...

HURLEY: What is this thing? You don't even know what it does. We need...

LOCKE: 32...

HURLEY: You know what? Forget it, go ahead, do your thing.

Locke is about to push the execute button.

JACK (O.S.): It's not 32.

Locke and the others look up and see Jack entering the room.

JACK (cont.): It's 42. He just told me… Desmond. The last number's 42.

Jack is walking away.

LOCKE: You're sure?

Jack stops.

JACK: Yeah, I'm sure.

Locke enters 42, and is again about to press the execute button. The counter passes 2:15 while he hesitates and looks at Jack who starts to walk away again.

LOCKE: You do it, Jack.

Jack stops and turns around. Locke is standing up from behind the computer, meeting Jack in the middle of the room.

JACK: What?

LOCKE: You have to do it.

JACK: You do it yourself, John.

LOCKE: You saw the film, Jack. This is a two person job, at least.

SAYID: This argument is irrelevant.

Sayid makes a move to push the button.

LOCKE: Sayid, don't.

SAYID: Jack.

JACK: No. It's not real. Look, you want to push the button, you do it yourself.

LOCKE: If it's not real, then what are you doing here, Jack? Why did you come back? Why do you find it so hard to believe?

JACK: Why do you find it so easy?

LOCKE: It's never been easy!

The timer passes 1:00. Another, more insistent alarm starts to sound.

KATE: Maybe you should just do it.

JACK: No. It's a button.

LOCKE: I can't do this alone, Jack. I don't want to. It's a leap of faith, Jack.

The timer shows 0:27. Jack goes to the computer and pushes the button. The timer shows 0:01 and then resets to 108:00.

LOCKE: I'll take the first shift.

Locke sits down at the computer. Jack finally walks away. Locke looks up at the timer. The timer shows 107:00.

5. Mai 2008

Speed Racer

Cool beans.

Das Wort Anime entstammt dem lateinischen animare: zum Leben erwecken. Als Animes gelten im Westen Zeichentrickfilme aus dem japanischen Raum, dort gelten alle Zeichentrickfilme als Animes, die eigenen, wie auch die fremden. Die Wurzeln der Animes in Japan erkennt man an den bis zu 200 Serien, die jedes Jahr entstehen. Schaltet man nachmittags auf RTL 2, springen einem Dragonball Z, Pokémon und viele mehr entgegen. Einer der Pioniere des Anime-Genres ist dabei Yoshida Tatsuo (†1977), der in den 1960ern einen Manga mit dem Titel Pilot Ace schuf und ihn 1967 in den Anime Mach GoGoGo umwandelte. Dabei bezog er Inspiration aus dem Westen, orientierte sich bei seinem Helden an Elvis Presley in Viva Las Vegas und bei der Technik an Goldfinger.

Held dieser Serie war der junge Mifune Gō, ein passionierter Rennfahrer im überlegenen Wagen Mach 5. So leitet sich auch der Titel der Serie ab, steht das “Mach” für den Mach 5 und die Dreifachnennung von “Go” setzt sich aus der japanischen Bezeichnung für die Zahl 5, Mifunes Namen und dem englischen “go” zusammen. In den USA wurden die 52 Folgen der Serie von 1967 bis 1968 als Speed Racer ausgestrahlt und halfen, Animes in den USA zu etablieren. Mit Speed Racer als einer der erfolgreichsten. In Deutschland ist die Serie den meisten unbekannt, die ARD strahlte zwar die ersten drei Folgen Anfang der Siebziger aus, stellte sie jedoch anschließend ein, da sie angeblich zu gewalttätig war und von der deutschen Presse reißerisch als „Horror Comic“ verschrien wurde.

Fünf Menschen, die mit Speed Racer respektive Mach GoGoGo aufwuchsen, sind Andy und Lana Wachowski, John Goodman, Emile Hirsch und Hiroyuki Sanada. Produzent Joel Silver vereinte sich mit erneut mit den Wachowski-Geschwistern, um die Live-Action-Version des Anime in die Kinos zu bringen. Ironischerweise spielt hierbei auch Deutschland eine große Rolle, jenes Land, das die Serie nie richtig zu schätzen wusste. Die Macher entschiedenen sich für das Studio Babelsberg, um dort während 60 Tagen vor Greenscreen zu filmen. Hierfür verwendeten die Wachowskis die HD-Kamera F-23 von Sony, die damals noch gar nicht auf dem Markt erhältlich war. Für die von den Geschwistern gewünschte bunt-artifizielle Optik des Films war das Medium High Definition jedoch wie geschaffen.

Und da der Film schon in Deutschland gedreht wurde, war sich die deutsche Filmförderung auch nicht zu schade, stolze 13 Millionen Dollar deutscher Steuergelder in diese 120 Millionen Dollar teure US-Produktion zu stecken. Da 13 Millionen im Vergleich zu 120 relativ irrelevant sind, kann man diese Summe eher als eine Art Bestechungsgeld verstehen, um einige deutsche B-Promis im Film unterzubringen. Neben Cosma Shiva Hagen und Benno Fürmann tummeln sich daher noch Moritz Bleibtreu, Ralph Herforth, Christian Oliver, Oscar Ortega Sanchez und so manch anderer in Nebenrollen. Doch dazu später mehr, zumindest dürfen sich die deutschen Zuschauer den Film auch mit leicht stolz geschwellter Brust zu Gemüte führen – schließlich haben sie Speed Racer (mit-)finanziert.

Realisieren sollte das Projekt ursprünglich Alfonso Cúaron, nach einem Drehbuch von J.J. Abrams. Stattdessen engagierte Silver die Wachowskis, mit denen er bereits die Matrix-Trilogie und V for Vendetta gedreht hatte. Spekulierte man anfangs noch mit Joseph Gordon-Levitt oder Shia LaBeouf in der Hauptrolle, vertraute man diese dann doch Emile Hirsch an, einem Fan der Serie. Hatte Keanu Reeves seinen bereits wieder verbleichenden Ruhm den Wachowskis zu verdanken, lehnte er dennoch den Part des Racer X ab. Auch Vince Vaughn, der eine Zeit lang für die Rolle und als ausführender Produzent vorgesehen war, verließ das Projekt wieder vor den Dreharbeiten. Letztlich engagierte man Lost-Star Matthew Fox für die mysteriöse und verschwiegene Figur als talentierten Fahrer Racer X.

Weder Kate Mara noch Elisha Cuthbert bekamen den Zuschlag als Speeds Freundin Trixie, dafür angelte sich die inzwischen auf Charakterrollen festgelegte Christina Ricci diesen Charakter. Allgemein kann man bei der Besetzung also nicht meckern, bei der sich sehr an die Figuren der Originalserie gehalten wurde. Egal ob John Goodman als Pops Racer oder die liebreizende Susan Sarandon als Mom Racer, die Ähnlichkeit ist vorhanden, auch dank der Kostümtreue zu dem Anime aus den Endsechzigern. Diesem wird schließlich vollends in Speeds Beteiligung am Casa Cristo 5000 gewürdigt, wenn er darin sein obligatorisches blaues Hemd mit weißem Kragen und roten Halsband tragen darf. Und auch beim schicken, weißen Mach 5 bewahrte die Macher die Treue zur Vorlage.

Was die Wachowskis zu Speed Racer trieb, war ihr Wunsch, einen Familienfilm zu machen. Und genau das ist der Film geworden, ist er nicht nur für die ganze Familie, sondern die Familie steht zentral im Mittelpunkt. In der World Racing League (WRL) bestimmen einzelne Hersteller das Geschehen, egal ob Togokhan Motors oder die Firma von Mr. Musha (Hiroyuki Sanada). An der Spitze steht jedoch Royalton Industries von Arnold Royalton (Roger Allam). In diesem Klassen-System behauptet sich das Familienunternehmen von Pops Racer und seinen Söhnen. Dessen ältester Sprößling, Rex Racer, suchte nach einem Zwist mit dem Vater jedoch den Weg in die WRL. Dort fand er schließlich den Tod und hinterließ in seiner Familie eine Kluft, die diese noch enger zusammenschweißte.

Von einer besonderen Stärke ist die Anfangsphase gezeichnet, wenn Speed das Rennen in Thunderhead quasi gegen die Erinnerung an Rex fährt. Und egal was im Film geschieht, die Racers halten zusammen. Dabei sind sie nicht vor Meinungsverschiedenheiten gefeit, aber sie gehen die Probleme gemeinsam an. Hierbei hat man es jedoch nicht mit einer Heile-Welt-Familie zu tun, die von klischeehafter US-amerikanischer Harmonie getragen wird, sondern es ist gerade jener Tod von Rex, der diese Gemeinschaft erschaffen hat. Es ist bewundernswert, wenn die beiden Wachowskis am Ende des Films dann nicht denselben Weg wie zuvor die Anime-Serie beschreiten, damit in ihrer Geschichte individuell bleiben und auf diese Weise mit den Erwartungen der Zuschauer spielen.

Neben dem Familienelement wird die andere Hälfte von Speed Racer natürlich von den verschiedenen Rennszenen eingenommen. Und im Gegensatz zu George Lucas’ wenig immersiver Pod-Race-Szene machen die Choreographien der Wachowskis enorm viel Laune, soviel sei verraten. Das Thunderhead-Rennen zu Beginn ist hierbei nicht mehr als ein Appetizer und Vorgeschmack auf das, was die Zuschauer in den kommenden knapp zwei Stunden noch erwarten wird. Denn bereits das zweite Rennen des Fuji Helexicon Kurses schlägt einen allein wegen seiner Aufmachung in den Bann. Hier bekommt man nun nochmals einen besseren Eindruck, welches Potential in Speed Racer tatsächlich steckt und der Höhepunkt des Films lässt ab da nicht mehr lange auf sich warten.

Speed nimmt an einer Querfeldein-Rallye über mehrere Kontinente teil, genannt: ‘The Crucible’ (dt. die Feuertaufe). Ihr offizieller Name lautet Casa Cristo 5000 und sie ist das Rennen, das Rex das Leben kostete. Hier hat der Film seinen stärksten Moment, kurz vor den Malteser Eishöhlen. Es kommt alles zusammen, die Action, der Charme, die Kamera, der Schnitt und das wunderbare Theme von Michael Giacchino – die Rennszenen des Casa Cristo sind dabei zum Niederknien und werden auch im Final-Grand-Prix nicht mehr erreicht. Was auf der Leinwand als Mischung als Days of Thunder und Cars daherkommt, ist weitaus weniger gefährlich als es den Anschein hat, aber trotz allem nicht frei von Spannung. Speziell hier haben sich die Wachowskis außerordentliche Mühe gegeben.

Der Grund das Speed Racer funktioniert, ist seine Optik. Die ist knallig, bunt, schrill, einfach eine Phantasiewelt, in die man sich hineinversetzen muss. Der Film verwendet mitunter zwar auch originale Landschaftsbilder und orientiert sich an den Skylines aufstrebender Städte wie Shanghai und Hongkong, erhebt jedoch nicht den Anspruch, ein authentisches Bild wiedergeben zu wollen. Die Farbgebung ist dabei gewollt intensiver als üblich und vom Effekt-Mann Dan Glass daher auch treffend als “pop-timistic” und “Techno-Color” bezeichnet. Hierbei handelt es sich nicht um die einzigen Wortneuschöpfungen. Der dargestellte Motor-Extremsport wurde von den Wachowskis liebevoll “Car-Fu” getauft, da es sich teilweise – und die Bilder bestätigen das – um Martial Arts mit Autos handelt.

Obschon Settings wie die Malteser Eishöhlen oder die Megastadt Cosmopolis durch ihre intensive Farbgebung mehr als unnatürlich wirken, gewinnen sie dadurch erst den Charme. Es ist ein poppiges buntes Spektakel, das sich selbstverständlich in vorderster Linie an Kinder richtet. Unerklärlich ist, dass die Visuellen Effekte von Dan Glass und John Gaeta bei den Oscars nicht einmal nominiert wurden. Das auditive Yang zum visuellen Yin liefert dann Michael Giacchino, der an verschiedenen Stellen Abwandlungen des Speed Racer-Anime-Themes einbringt und mit seiner ganzen Erfahrung die Stimmung einfängt. Hiervon ausgenommen sind die mit Vocals bedachten Pop-Songs, die sich an die Miley-Cyrus-Generation wenden, abgesehen vielleicht vom rap-haften Abspannsong.

Wenn man sagt, dass das Schlechteste an Speed Racer die Auftritte seiner deutschen Gaststars ist, spricht das für die gelungene restliche Arbeit aller Beteiligten. Neben der poplastigen Musik stören gelegentlich die Szenen mit Spritle und Chim-Chim, bei denen die Grenzen des comic relief sehr weit ausgelastet werden. Beide gehören natürlich zum Franchise dazu und sorgen auch für einige Lacher, doch gerade in der klimatischen Szene zwischen Royalton und Speed stören ihre ständigen Unterbrechungen den Erzählfluss ungemein. Vor allem wenn man bedenkt, dass ihre eigene kleine „Geschichte“, für das große Ganze keinerlei Zweck erfüllt. Erträglich und charmant sind die beiden jedoch allemal und ein klares Zugeständnis an das junge Publikum, welches ihnen sofort anheim fallen dürfte.

Der wahre Dorn im Auge sind dagegen unsere deutschen Schauspieler. Cosma Shiva Hagen kann in ihrer Rolle als Quasi-Hostess mit wenig Text kaum etwas falsch machen und selbst Benno Fürmann, wenn auch total fehlbesetzt, schlägt sich relativ gut. Da weiß am ehesten schon Christian Oliver in der Rolle von Speeds Erzfeind Snake Oiler zu gefallen, etwas das Ralph Herforth nicht zu gelingen vermag. Herforth muss in einem Schlafsack in den Babelsberger Studios wohnen, anders lässt sich nicht erklären, wieso sein völlig talentfreies Gesicht in jeder US-Produktion von dort (siehe hierzu auch Æon Flux) auftaucht. Doch wer sich zu früh freut, den bestraft das Leben. Denn das Unmögliche tritt dann doch noch ein: Herforths schauspielerische Leistung wird sogar unterboten.

Selbstverständlich kommt dafür nur ein weiterer deutscher Schauspieler in Frage und es ist der gute Moritz Bleibtreu, der mit seiner Darstellung von Grey Ghost so ziemlich sicher einen vorderen Platz in den Top Ten der miesesten schauspielerischen Leistungen des Jahres inne haben dürfte. Bleibtreus nerviges Spiel trübte zumindest mein Kinoerlebnis, außerdem verlieren sich die Wachowskis mitunter etwas im eigenen Erzählfluss, insbesondere deshalb, da ihre Profil-Nahaufnahmen mit der Zeit ebenso redundant wirken, wie der Beginn des Grand Prix. Trotz allem ist Speed Racer aber ein vergnüglicher und gerade optisch beeindruckender Spaß geworden, der nicht nur eine der gelungeneren Comicverfilmungen ist, sondern neben Pixars Wall-E wohl der Familienfilm des Jahres.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

16. Februar 2008

Vantage Point

Stop! Rewind that.

Das der amerikanische Präsident nicht gerade zu den beliebtesten Menschen dieses Planeten gehört, das wissen wohl die meisten Menschen, und manchmal ist die Abneigung gegen diesen so groß, dass es Personen gibt, die einen Mordanschlag auf ihn verüben. Siebzehn Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist dies der Fall gewesen, in vier Fällen mit positivem bzw. negativem Ausgang. Was bezweckt man mit einem Attentat auf den mächtigsten Mann der Welt? Gegen die Politik eines Landes kann man dadurch nicht rebellieren, lediglich ein Lebenszeichen seines Widerstandes abgeben. Ein Attentat auf den amerikanischen Präsidenten nahmen sich auch die Kinoneulinge Barry Levy als Drehbuchautor und Pete Travis als Regisseur vor. In ihrem Action-Thriller Vantage Point besucht der US-Präsident Ashton (William Hurt) ein Gipfeltreffen bezüglich des Krieges gegen den Terrorismus in Salamanca, wo er sich mit dem Bürgermeister in der abgeschlossenen Plaza Mayor vor versammelter Zuschauermenge trifft. Währenddessen werden die Strassen vor der Plaza mit Protestgegner gegen Ashton gesäumt, von den Medien rund um Sendeleiterin Rex Brooks (Sigourney Weaver) jedoch ignoriert. Die Kritik am amerikanischen System ist für das Fernsehen nicht interessant, das macht sie auch gegenüber ihrer Reporterin Angie (Zoё Saldaña) klar, die sich einen Hinweis vor laufender Kamera über die Stimmung der Menge nicht verkneifen konnte. Man bekommt hier als Zuschauer eine entscheidende Szene zu sehen, die vielleicht die einzige Antwort auf all die Fragen bereitstellt, die Travis’ Film im Begriff ist loszutreten.

Bevor sich der Zuschauer versieht, wird das gesamte Geschehen nochmals auf Anfang zurückgespult, diesmal aus dem Blickwinkel eines anderen Beteiligten. Dies ist die Idee und das Konzept, für das Vantage Point steht, resultierend aus einem fünfzig Jahre alten japanischen Film. 1950 gewann Regisseur Akira Kurosawa für Rashōmon Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig und zog somit die Augen der westlichen Filmwelt zum ersten Mal gen Osten. Sein Film beschäftigte sich mit dem Mord an einem Ehemann und reflektierte die Handlung über vier Augenzeugenberichte, sowohl durch den vermeintlichen Täter als auch das Opfer. Die Academy honorierte dies mit einer Nominierung zum besten fremdsprachigen Film und etablierte Kurosawa als einen der Regisseure unserer Zeit. Dieselbe Idee liegt nunmehr „8 Blickwinkel“ zugrunde, nur mit der Ausnahme dass es das Publikum mit der doppelten Anzahl von Blickwinkeln und weitaus mehr Action zu tun bekommt. Angepriesen wird der Film dabei mit dem Untertitel „8 Fremde, 8 Blickwinkel, 1 Wahrheit“, was, wie man am Ende des Filmes feststellen wird, nicht ganz den Tatsachen entsprechen dürfte. Zumindest drei der beteiligten Personen kennen sich, denn man erlebt das Attentat aus der Sicht von Ashton selbst, wie auch seiner beiden Secret Service Agenten Barnes (Dennis Quaid) und Taylor (Matthew Fox). Außerdem spielt auch der amerikanische Tourist Howard Lewis (Forest Whitaker) eine wichtige Rolle, denn er hat – wie einst Abraham Zapruder beim Kennedy-Attentat – die Schüsse auf den Präsidenten mit einer Kamera gefilmt und wird daraufhin in das Geschehen hineinverwickelt. Zudem gibt es noch ein Pärchen und mögliche Verdächtige deren Sicht wichtig ist.

Die Produzenten und Beteiligten von Vantage Point loben die Rashōmon-Struktur ihres Filmes über alle Maßen, denn man könne den Film nur verstehen, wenn man alle acht Blickwinkel kennt, da jeder einzelne ein Puzzlestück des ganzen sei. Dumm nur, dass diese Rechnung nicht aufgeht, denn schon in der Mitte des Filmes beginnt man spätestens zu wissen wie der Hase läuft, wer mit wem und wieso ergibt sich daraus von selbst. Hier hätte man mehr Einfallsreichtum beweisen können und einfach einen anderen Weg wählen sollen, als man es getan hat. Denn das problematischste an Travis’ Film ist dass er durch seine Handlung und seine Auflösung unwahrscheinliche viele Fragen aufwirft, bedauerlicherweise jedoch keine einzige davon beantwortet, zumindest nicht zufrieden stellend. Die ausgesuchte Geschichte funktioniert aber lediglich dann glaubwürdig, wenn man sie absichert, verbindet, erklärt, nachvollziehbar gestaltet. Einfach drauflos schreiben, in der Hoffnung überraschende Wendungen zu erzielen reicht da leider nicht aus. Die Auflösung enttäuscht ohne dabei per se schlecht zu sein, wäre man intensiver auf die Thematik des Handelns eingegangen. Hierbei hätten Rückblenden geholfen und eine Dehnung der einzelnen Charaktergeschichten, denn der Film muss nicht zwingend eine Lauflänge von neunzig Minuten haben, 15 Minuten mehr hätten ihm sehr gut getan, wenn dafür die Figuren und ihre Motivationen mehr Tiefe verliehen worden wäre.

Dabei ist der Hintergrund des Filmes der, dass niemand der ist, der er vorgibt zu sein. So gibt es überhaupt kein Attentat auf den Präsidenten, da dieser zu dem öffentlichen Auftritt ein Double geschickt hat und es stellt sich mit fortlaufender Dauer heraus, dass nicht die Frage ist, wer etwas mit dem Attentat zu tun hat, sondern wer eigentlich nicht. Held der Geschichte ist dabei der emotional labile Geheimdienstagent Barnes, der zum ersten Mal wieder im Einsatz ist, nachdem er vor einem Jahr Ashton das Leben vor einem anderen Attentat gerettet hat. Seine Begleitung, wie sich herausstellen wird, ist nicht ohne Hintersinn, so wie das meiste was geschieht nicht ohne Hintersinn ist. Und hier steckt die Crux des ganzen, denn das Attentat und seine Details sind so ausgearbeitet und hintersinnig, dass alles ziemlich unglaubwürdig wirkt und die Logik gerne mal ad absurdum geführt wird. An Action mangelt es Vantage Point jedoch nicht, auch wenn die hauptsächliche Action – das Attentat und seine Nachwehen – sich wiederholen. Denn Travis spult nach jedem Blickwinkel die Szenerie zurück, zurück zu zwölf Uhr, die Ausgangsbasis für den Film. Während Figuren wie Rex Brooks, Frank Barnes, Präsident Ashton, Howard Lewis oder der spanische Polizist Enrique (Eduardo Noriega) ihre Blickwinkel ausgiebig wiedergeben dürfen, werden die von Veronica (Ayelet Zurer), Suarez (Saïd Taghmaoui) und Javier (Edgar Ramirez) in ein einzelnes Kapitel komprimiert. Wenn man berücksichtigt, dass Sigourney Weaver kaum zu sehen ist, hätte man sich durchaus mehr Fokus auf Charaktere wie Kent Taylor oder andere gewünscht.

Seine Arbeit an Vantage Point stellt das erste Kinodrehbuch von Barry Levy dar und auch für Fernsehregisseur Pete Travis ist es der erste Ausflug auf die große Leinwand. Vielleicht findet sich hier die mangelhafte Ausarbeitung der Figuren, denn wie nah sich Figuren wie Barnes und Taylor stehen, erfährt man lediglich aus dem Presseheft („wie Brüder“, findet man dort). Diese und ähnliche andere Eigenschaften sucht man im Film vergeblich, denn dieser konzentriert sich allein auf seine Handlung und vernachlässigt dabei seine Charaktere. Da er sich jedoch am Ende wiederum auf diese beruft, kann seine Geschichte nicht anders als einbrechen. So gelingt es dem Action-Thriller tatsächlich den überbewerteten Rashōmon noch zu unterbieten, obschon die Actionszenen, Kameraführung und Schnitt bestens bearbeitet sind. Letzterer im Übrigen vom Ex-Regisseur Stuart Baird, nach erfolglosen Ausflügen ins Kino wieder an das Schnittpult zurückgekehrt. Am besten gelungen und das Herzstück des Filmes ist die exzellente Musik vom Isländer Atli Örvarsson, die jede Szene passend und äußerst spannend untermalt. Auch das Darstellerensemble weiß zu überzeugen, selbst wenn manche der Darsteller (5 US-Stars, 4 international-etablierte) durch ihre komprimierten Rollen nicht ihr ganzes Talent abrufen können. Vantage Point will vieles sein, ohne dem gerecht zu werden – das traurige daran ist, dass der Ansatz dazu da war. So ist der Film jedoch nicht mehr als ein technisch sehr gut gemachter doch inhaltlich durchschnittlicher Thriller mit Starensemble und 24-Feeling.

4/10