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6. Dezember 2019

The Last Black Man in San Francisco

Send e-hugs.

In deutschen Großstädten steigen die Immobilienpreise kontinuierlich, auch in Vororten kostet der Quadratmeter immer mehr. Gegenüber den USA, speziell San Francisco, können unsere Mietpreise wohl noch als „finanzierbar“ erachtet werden. Für eine 1-Zimmer-Wohnung in San Francisco werden monatlich im Schnitt $3,700 aufgerufen – mehr als viele Deutsche überhaupt verdienen dürften. Mit ursächlich dafür sind Tech-Firmen wie Craigslist, Twitter, Uber oder Yelp, die sich wie Mozilla, Google und Facebook in San Francisco und der Metropolregion niedergelassen haben. Der überteuerte Wohnungsmarkt und die einhergehende Gentrifikation gehen dabei auch an den ursprünglichen Einwohnern der Metropole nicht spurlos vorbei.

Im weitesten Sinne, wenn auch überaus geschickt und subtil, erzählen Regisseur Joe Talbot und sein Hauptdarsteller Jimmy Fails in The Last Black Man in San Francisco von der etwas angespannten Lage an der Pazifikküste Kaliforniens. In dem semi-autobiografischen Werk spielt Jimmy Fails eine Version seiner selbst. Als Altenpfleger Jimmy lebt er auf dem Fußboden des Schlafzimmers seines besten Freundes Montgomery (Jonathan Majors). Alle paar Wochen besuchen sie aus ihrem Vorort San Franciscos die Stadt – genauer gesagt das alte viktorianische Haus, das Jimmys Großvater einst nach dem Zweiten Weltkrieg mit eigenen Händen baute, ehe es die Familie vor vielen Jahren verlor. Dort sieht er nun ab und an nach dem Rechten.

Jimmy streicht die Fensterrahmen, jätet das Unkraut – obschon es die ältere weiße Besitzerin (Maximilienne Ewalt) nicht zu schätzen weiß. Die Umstände wollen es dann, dass auch die jetzigen Besitzer vorerst das Haus räumen müssen, was Jimmy wiederum als Chance erachtet, zumindest kurzfristig wieder zu reklamieren, was einst seiner Familie gehörte. “There’s no place like home”, sagt er Montgomery, der seinem Freund bereitwillig hilft, das Haus mit alten Möbeln einzurichten. Jimmy ist dabei keineswegs ein Besetzer, sondern bestrebt, den Besitz des Hauses zu legalisieren. Was allerdings durch den zuständigen Yuppie-Makler Clayton (Finn Wittrock) und den überteuerten Immobilienmarkt in der Bay Area erschwert wird.

“You never really own shit”, offenbart Jimmy da Bobby (Mike Epps), ein Freund der Familie, der im alten Wagen von Jimmys Vater lebt. Als Jimmy seine Tante (Tichina Arnold) in einem Vorort besucht, um Möbel und Einrichtungsgegenstände für seinen ersten eigenen Wohnraum abzuholen, reagiert die sichtlich überrascht, dass er sich diesen in San Francisco leisten kann. Kein Wunder bei den eingangs erwähnten Mietpreisen, die sogar über denen von New York City und Los Angeles liegen. Für Einheimische scheint das Leben in ihrer Stadt kaum mehr finanzierbar, zwischen 2017 und 2019 stieg die Obdachlosigkeit in San Francisco um 17 Prozent auf über 8.000 Betroffene. Unzumutbare Zustände, die ihre Folgen mit sich bringen.

Darunter auch Gewalt, die The Last Black Man in San Francisco allenfalls peripher andeutet. Gegenüber dem Haus von Montgomery und seinem Großvater (Danny Glover) hängt jeden Tag die Gruppe von Nitty (Antoine Redus) ab. Einander beleidigend mit der Intention der Charakterstärkung für Konflikte mit anderen Gruppen. Einer von ihnen, Jimmys Jugendfreund Kofi (Jamal Trulove), tut sich sichtlich schwer mit den Beschimpfungen. Nittys Clique gibt ihm jedoch ein Gefühl der Zugehörigkeit, nach der sich letztlich alle Figuren in Talbots Film auf die eine oder andere Weise sehnen. Sei es die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem alten Haus und damit einer Form der Identität oder wie bei Montgomery zu einer künstlerischen Bestimmung.

Während Montgomery an seinem ersten Theaterstück arbeitet, lässt er sich von den Menschen seines Viertels, ihrem Sprachduktus und ihrem Ärger inspirieren. Sei es die verbale Stichelei innerhalb Nittys Clique oder ein Straßenprediger (Willie Hen), der täglich von früh bis spät die Verschmutzung des lokalen Gewässers anprangert. “Don’t quite have a plot yet”, gesteht Montgomery hinsichtlich seines Stücks, saugt aber seine realen Erfahrungen für eine fiktionale Reflektion, wie sie im Grunde auch The Last Black Man in San Francisco darstellt, unentwegt auf. “Writing is rewriting”, informiert Montgomery eingangs Jimmy – und spricht damit auf gewisse Weise nicht nur über sein Stück, sondern auch das Problem der Stadt.

Sie muss sich natürlich weiterentwickeln, die Öffnung für die Tech-Firmen war ein Bestandteil dessen. Gentrifikation mag dabei per se nichts Schlechtes sein, insofern sie jenes Gefühl der Zugehörigkeit begleitet, dass die Einheimischen besitzen. So beobachtet Jimmy in einer Szene eine Segway-Tour von Touristen durch die Straßen seiner alten Nachbarschaft, in einer anderen Szene grölen Touristen (oder Zugezogene) von einem vorbeifahrenden Cable Car. Für viele ursprüngliche Einwohner San Franciscos mag dies nicht mehr ihre Stadt sein, sei es das Verhalten der Zugezogenen oder die Mietpreise, die sie an die Peripherie oder in die Obdachlosigkeit drängen. “You never really own shit” – verkommt zur bitteren Wahrheit.

“You don’t get to hate it unless you love it”, schilt Jimmy gegen Ende zwei junge Zugezogene, als sie sich über San Francisco beschweren. Das angespannte Verhältnis von Gewesenem und Gegenwärtigem markiert den Kern von The Last Black Man in San Francisco. So scheint die Freundschaft zwischen Kofi und Jimmy angesichts der Umstände ebenso wenig zu retten wie der Besitzanspruch von Jimmys altem Haus oder sein Besitzanspruch für dieses generell. Bobby oder auch Jimmys Vater (Rob Morgan), der selbst inzwischen in einem Einzelzimmer-Wohnhaus sein Dasein fristet, haben sich von dieser illusorischen Romantik bereits gelöst, die Montgomery in seiner späteren Theateraufführung wiederum bei den Besuchern beschwört.

Montgomerys – durchaus beeindruckend dargebotene– Performance betont, dass Rückbesinnung nicht nur der Nostalgie halber, sondern auch der Fortentwicklung dient. “People aren’t one thing”, sagt Jimmy an einem Punkt. Genauso gut könnte man sagen: Houses aren’t one thing. Joe Talbot versieht The Last Black Man in San Francisco mit einer gewissen Melancholie, nicht zuletzt dank der überaus passenden Musik von Emile Mosserie. Der Film strahlt aufgrund seiner beiden positiven Hauptfiguren aber auch stets ausreichend Hoffnung aus. Am Ende folgt für Jimmy dann vielleicht die Realisation, dass es weniger darum geht, dass es nirgends so schön ist wie Zuhause, sondern dass sich ein schönes Zuhause auch im Nirgendwo findet.

8/10

19. April 2019

The Dead Don’t Die

What, are we improvising here?

Es würde immer schwerer, Finanzierung für Filme, die etwas ungewöhnlich oder nicht den Erwartungen entsprechen, zu erhalten – so klagte Jim Jarmusch im Jahr 2013 hinsichtlich seiner Vampir-Ballade Only Lovers Left Alive. Für seinen neuen Film The Dead Don’t Die dürfte es leichter gefallen sein, ein Budget zu erhalten. Schließlich sind Zombie-Filme weiterhin en vogue. So laufen in 2019 neben dem japanischen Indie-Hit One Cut of the Dead genauso Little Monsters oder Zombieland: Double Tap an. Entgegen diesen fand Jarmusch mit seinem Beitrag zum Subgenre eher wenig Anklang, als zu fad und prätentiös wurde der Film von Kritikern erachtet. Dabei macht sich Jarmusch nur einen Spaß auf Kosten unserer Gesellschaft.

“This isn’t gonna end well”, prophezeit Officer Ronnie Peterson (Adam Driver) mehrfach. Immerhin fängt es schon nicht gut an, wenn er und Chief Cliff Robertson (Bill Murray) wegen vermeintlichen Hühner-Diebstahls den lokalen Eremiten Bob (Tom Waits) im Wald konfrontieren und beschossen werden. Nur ein Vorgeschmack für den Horror, der sie die nächsten 48 Stunden erwartet. Die Welt scheint aus dem Ruder, nicht zuletzt, weil es selbst nach 20 Uhr noch taghell im Örtchen Centerville ist. Der Polizeifunk macht Faxen, Handys haben keinen Akku mehr, obschon frisch aufgeladen. Die Gründe scheinen menschengemacht, als Folge der Umweltsünden. “Polar Fracking” führt zur Achsenstörung der Erde. Wir ernten, was wir säen.

Seitens der Regierung wird das alles unterdessen bloß als wissenschaftliche Spinnerei verschrien, Unwetter und Klima-Katastrophen nicht ernst genommen. Das geht nicht gut aus – das ahnen auch drei Insassen in der nahe gelegenen Jugendstrafanstalt, die das Unheil im Fernsehen verfolgen. Den Braten gerochen hat auch Eremit Bob vor langer Zeit – und sich zurück zu seinen Wurzeln orientiert. Gierig nach mehr seien die Menschen, das ändert sich später auch nicht, als sie aus dem Leben scheiden und zu Untoten werden. Gratis Fernsehen, WLAN-Empfang, Kaffee, Xanax oder Mode – auf zynische Weise und im Stile von George A. Romero lässt Jarmusch seine Zombies selbst im Tod weiter dem Materialismus huldigen.

“They're all still around us”, singt derweil Sturgill Simpson in “The Dead Don’t Die”. Lebend oder untot – für die Zombies kein Unterschied, während sich die Gesellschaft buchstäblich selbst zerfleischt. Keine originäre Sozialkritik, was aber auch nicht bedeutet, dass sie an Aktualität eingebüßt hat. Jarmusch nutzt seinen Genrefilm somit zum einen für eine Breitseite gegen die Klimazerstörung und die damit einhergehende Ignoranz. Zum anderen für Kritik an der amerikanischen Rechten. In MAGA-Manier trägt Farmer Frank (Steve Buscemi) da einen “Keep America White Again”-Hut und bezichtigt Eremit Bob des Hühner-Diebstahls. Nicht wahrhaben will er, dass der wahre Übeltäter vielleicht lediglich ein Fuchs sein könnte.

“Fox, my ass”, ätzt er, während Jarmusch subtil gegen den gleichnamigen konservativen Sender schießt. Frank ist nicht der einzige in Centerville, der womöglich etwas zu weit rechts steht, um das Bild in Gänze sehen zu können. Über “infernal hipsters and their irony” schimpft auch der lokale Motel-Betreiber, als drei Großstädter (u.a. Selena Gomez) auf der Durchreise im Örtchen Halt machen. Was fremd ist, wird skeptisch beäugt. Das schließt auch die neue Leichenbestatterin (Tilda Swinton) mit ein, die seltsam, da schottisch, ist – aber auch buddhistischer Samurai-Schwertkunst frönt. Einen wirklichen Durch- oder Überblick besitzt kaum jemand in The Dead Don’t Die, außer eventuell denjenigen, die vorab das Drehbuch lesen durften.

Denn teils streut Jarmusch eine Prise Meta-Humor in seinen Film ein, wenn die Charaktere den Titel-Song des Films würdigen und ihn sogar für $12 auf CD erstehen dürfen. Aber auch sonst gibt es subtile amüsante Momente, sei es wenn Adam Driver das Polizeiradio auf die Frequenz 91.1 FM einpendelt oder Kindern jemanden mit den Worten “eat me” anherrschen. “We kind of can see you”, sagt Chief Robertson beim Besuch von Eremit Bob. Und könnte im Grunde The Dead Don’t Die meinen. Ein ulkiger Spaß mit Star-Besetzung – in Nebenrollen tauchen Chloë Sevigny, Danny Glover und Iggy Pop auf –, der Jarmusch die Chance für ein paar Seitenhiebe auf seine Landsleute bietet und dem Zuschauer Gelegenheit, sich darüber köstlich zu amüsieren.

Für manches Feuilleton war das ein „müder Zombie-Ball“, der „denkfaul“ Genre-Zitate zusammenpuzzelt. Ein Eindruck, der auf der unauffälligen, lakonischen Inszenierung fußt, deswegen aber nicht zwingend mit Lethargie gleichzusetzen ist. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß skurril sowie schrullig und verquickt dabei geschickt klassische Zombie-Tropen mit Meta-Momenten und bissiger Persiflage auf die amerikanische Rechte. Insofern ist The Dead Don’t Die also vielmehr ein launiger Genre-Beitrag, bei dem sich selbst Bill Murray mehrfach das Lachen verkneifen muss und der am Ende das ist, was von einem Jim-Jarmusch-Zombie-Film zu erwarten war. Oder wie Sturgill Simpson singt: “Old friends walking ’round, in a somewhat-familiar town.”

7.5/10

1. Juli 2015

Filmtagebuch: Juni 2015

AFTER EARTH
(USA 2013, M. Night Shyamalan)
4.5/10

BANDE DE FILLES [GIRLHOOD]
(F 2014, Céline Sciamma)

6/10

CLOVERFIELD
(USA 2008, Matt Reeves)
2.5/10

THE COBBLER [COBBLER: DER SCHUHMAGIER]
(USA 2014, Thomas McCarthy)

4/10

COMMUNITY – SEASON 1
(USA 2009/10, Anthony Russo/Joe Russo)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 2
(USA 2010/11, Joe Russo u.a.)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 3
(USA 2011/12, Tristram Shapeero u.a.)
7.5/10

THE DICTATOR [DER DIKTATOR]
(USA 2012, Larry Charles)

1/10

ERIN BROCKOVICH
(USA 2000, Steven Soderbergh)
7/10

FEHÉR ISTEN [UNDERDOG]
(H/D/S 2014, Kornél Mundruczó)

4/10

FRIED GREEN TOMATOES [GRÜNE TOMATEN]
(USA 1991, Jon Avnet)

6.5/10

GAME OF THRONES – SEASON 5
(USA 2015, Miguel Sapochnik u.a.)
7/10

HOJE EU QUERO VOLTAR SOZINHO [HEUTE GEHE ICH ALLEIN NACH HAUSE]
(BR 2014, Daniel Ribeiro)

6.5/10

HOT GIRLS WANTED
(USA 2015, Jill Bauer/Ronna Gradus)
5/10

KINGSMAN: THE SECRET SERVICE
(UK 2014, Matthew Vaughn)
1.5/10

JURASSIC PARK
(USA 1993, Steven Spielberg)
8.5/10

JURASSIC WORLD
(USA 2015, Colin Trevorrow)
5.5/10

LILO & STITCH
(USA 2002, Dean DeBlois/Chris Sanders)
8/10

LILTING
(UK 2014, Hong Khaou)
6/10

LOUIE – SEASON 1
(USA 2010, Louis C.K.)
7/10

MANGLEHORN
(USA 2014, David Gordon Green)
6/10

A NIGHT AT THE ROXBURY
(USA 1998, John Fortenberry)
6/10

NOTHING TO LOSE [NIX ZU VERLIEREN]
(USA 1997, Steve Oedekerk)

5.5/10

RED ARMY
(USA/RUS 2014, Gabe Polsky)
6/10

ROMY AND MICHELE’S HIGH SCHOOL REUNION
(USA 1997, David Mirkin)
5/10

SAFETY NOT GUARANTEED
(USA 2012, Colin Trevorrow)
6.5/10

SAW
(USA/AUS 2004, James Wan)
2/10

SWITCHBACK
(USA 1997, Jeb Stuart)
7/10

TALLADEGA NIGHTS: THE BALLAD OF RICKY BOBBY
[RICKY BOBBY – KÖNIG DER RENNFAHRER]
(USA 2006, Adam McKay)

6/10

TANGLED [RAPUNZEL – NEU VERFÖHNT]
(USA 2010, Nathan Greno/Byron Howard)

8/10

TOP FIVE
(USA 2014, Chris Rock)
4.5/10

VEEP – SEASON 4
(USA 2015, Becky Martin u.a.)
7.5/10

12. März 2015

Beyond the Lights

They say I’m a masterpiece.

Schon Britney Spears sang “there’s only two types of people in the world: The ones that entertain, and the ones that observe.” Eine Erfahrung, die auch das Pop-Sternchen Noni (Gugu Mbatha-Raw) in Gina Prince-Bythewoods Romantik-Drama Beyond the Lights macht. Frisch prämiert mit einem Billboard Music Award hadert die junge Sängerin mit ihrer Karriere, die ihre Mutter und Managerin Macy (Minnie Driver) seit Jahren durchgeplant hat. Gerade rechtzeitig kann sie Polizist Kaz Nicol (Nate Parker) vor einem Sprung vom Balkon abhalten. Der junge Mann sieht hinter die gekünstelte Fassade der Musikerin und zwischen beiden entwickeln sich Gefühle. Was weitreichende Konsequenzen auf das Berufsleben beider haben könnte.

Im vergangenen Jahr galt Beyond the Lights unter US-Filmkritikern als eine Art kleiner Geheimfavorit, der sich auf die ein oder andere Bestenliste am Jahresende schlich. Das Motto: Der Schein trügt. Und in der Tat werden Inhaltsbeschreibung und Trailer dem Film nicht vollends gerecht. Ohne das zugleich nicht etwas an den evozierten Bildern dran wäre. Prince-Bythewood würzt hier etwas Moderne mit Bodyguard, dabei muss ihr Film nicht zwingend als Kommentar auf Lady Gaga, Katy Perry, Rita Ora, Rihanna, Nicki Minaj und Co. gelesen werden. Vielleicht eher auf einen Künstler wie Michael Jackson. Früh kristallisiert sich Nonis Gesangstalent heraus. Für Macy vielleicht der einzige Ausweg aus ihrem ärmlichen Leben in Brixton.

Zu Beginn sehen wir beide an einem Talentwettbewerb teilnehmen, für eine junge Noni ist es ihr erster. Umso mehr freut sie sich über den zweiten Platz – im Gegensatz zu ihrer Mutter. “You wanna be a runner up or you wanna be a winner?”, gibt die alleinerziehende Mutter fortan die Richtung vor. Wenn wir anschließend dann Noni, die eingangs noch a ccapella Nina Simones Blackbird sang, in einem Synthpop-Video mit ihrem Rap-Partner Kid Culprit (Machine Gun Kelly) sehen, zeigt dies den Weg, den beide Frauen hinter sich haben. Noni ist inzwischen ein Produkt, ein Kunstprojekt, mit glatten, gefärbten Haaren und Extensions, lasziv-erotisch die Kamera verführend. Für den Mensch dahinter scheint kein Platz, existent ist dieser aber dennoch.

“I see you”, macht ihr Kaz wiederum wiederholt klar. Er sieht nicht das Pop-Sternchen, sondern den Mensch dahinter. Das kleine Mädchen, das einst durch Nina Simone zur Musik fand. Für Macy und Nonis Label ist Kaz’ Anwesenheit ein Dorn im Auge, gilt es doch, ihr Debütalbum zu vermarkten. Aber auch der Karriere des jungen Polizisten, dessen Vater (Danny Glover) ihn in die Politik drängt, ist die Romanze mit der Prominenten nicht zuträglich – so denkt zumindest sein Umfeld. Beide, Noni und Kaz, leben folglich ein Leben, das ihre Eltern für sie geplant haben, damit es die Kinder leichter haben als ihre Erzeuger. “You just go get your own life”, macht Kaz seinem Vater später klar. “So you don’t have to worry so much about mine.”

Er ist damit schon etwas weiter als Noni, wurde von seinem Vater aber vermutlich auch mehr mit Liebe und Wärme versehen. Generell erzählt Beyond the Lights aber auch nicht seine, sondern Nonis Geschichte. Und von ihrer Selbstfindung. Gegen Ende wird Noni dies in einem kurzen Fernsehinterview nochmals geschickt zusammenfassen, nachdem die Figur schließlich ihr Coming of Age erreicht hat. Gugu Mbatha-Raw schultert diese Rolle zwischen verängstigtem Mädchen und stylisiertem Vamp durchweg gelungen, auch Minnie Driver überzeugt als wandelndes und mit Make-up bemaltes Skelett auf dem Karrieretrip. Die Musik – unter anderem von Nicki Minaj und Rita Ora – passt sich dabei dem Genre seiner Hauptfigur an.

Entsprechend wirkt Beyond the Lights auch weniger wie ein Indie- oder Mumblecore-Film, ohne deswegen gleich Hollywood zu sein. Von seiner Handlung und Prämisse sollte man sich nicht abschrecken lassen, der Film unterhält sehr gut. Auch, weil beide Hauptfiguren sympathisch sind und eine Chemie erkennen lassen. Ihre Zuneigung ist glaubhaft und nachvollziehbar, wenn Gina Prince-Bythewood beispielsweise in einer kurzen Einstellung zeigt, welche Bedeutung ein kurzer Händedruck haben kann. “No one cares what I have to say”, klagt Noni im Mittelteil als sich Kaz über die von Dritten gestifteten Lyrics ihrer Songs amüsiert. Dabei wird gegen Ende klar, dass eben das Nonis Fans zu schätzen lernen. Dass sie kein Fließbandprodukt ist.

7.5/10

24. Dezember 2009

The Complete: Lethal Weapon

I’m too old for this shit.

Zu den im Gedächtnis verhafteten Action-Klassikern der achtziger Jahre zählen vor allem John McTiernans Die Hard von 1988 oder auch die Eddie Murphy Filme 48 Hrs. und Beverly Hills Cop von 1982 bzw. 1984. Während zwar bereits 48 Hrs. ein afroamerikanisch-kaukasisches Ermittlerpaar präsentierte, bildet letztlich doch Richard Donners Lethal Weapon von 1987 den filmischen Auftakt des inzwischen Genreetablierten Buddy-Movies eines schwarzen und eines weißen Cops. Da stört es auch nicht weiter, dass im Vergleich zu den übrigen Vertretern der Achtziger Donners rüstige Vietnamkriegsveteranen nicht ganz so erfolgreich im Kino liefen. Aber immer noch erfolgreich genug, um drei Fortsetzungen nach sich zu ziehen, die finanziell den ersten Teil zu überbieten verstanden. Etwas, dass beispielsweise der Beverly-Hills-Cop-Reihe nicht zu gelingen vermochte, auch wenn dessen Fortsetzung 1987 gut das Zweieinhalbfache von Lethal Weapons Einspiel in den USA in die Kassen spülte.

Im Gegensatz zu anderen langlebigen Kinoreihen, speziell auch den Actionvertretern derselben Epoche, die ebenfalls drei Fortsetzungen erfuhren bzw. erfahren, zeichnet sich Lethal Weapon durch seine Kontinuität aus. Zwar war Drehbuchautor Shane Black bei den letzten beiden Teilen nicht mehr für die Geschichte verantwortlich, doch die Hauptachse mit Regisseur Richard Donner und den beiden Hauptdarstellern Mel Gibson und Danny Glover konnte über die Jahre hinweg gehalten werden. Vielversprechend klingt da an, dass Black scheinbar ein Drehbuch für eine vierte Fortsetzung für 2012 geschrieben hat, wobei bisher weder die Hauptachse bestätigt werden konnte, noch die Nebendarsteller um Joe Pesci, Rene Russo oder Chris Rock. Dass Black immer noch im Stande ist, ein intelligentes und witziges Action-Skript hervorzubringen, konnte er vor einigen Jahren mit seinem Regiedebüt Kiss Kiss Bang Bang beweisen. Sicher ist wohl, dass bei dem Mehrwert, den Lethal Weapon mit sich bringt, einer Fortsetzung kaum ein Fan abgeneigt wäre.

Lethal Weapon – Director’s Cut

Wer sich Ende der achtziger Jahre an Weihnachten in Los Angeles aufgehalten hat, muss starke Nerven besessen haben. Machte Richard Donners Lethal Weapon 1987 den Anfang, musste sich John McClane ein Jahr später in Die Hard ebenfalls in New York mit blonden Gegenspielern auseinander setzen. Dabei wirkt L.A. wenig dezemberlich in Donners Film, der zwar mit Weihnachtsbäumen aufwartet, aber gleichzeitig auch den von ihm produzierten The Lost Boys im Kino laufen lässt, obschon dessen Kinostart seiner Zeit im Sommer stattfand. Dies mag nun weniger ein Kontinuitätsfehler sein, als eine bloße Referenz des Regisseurs an sich selbst, amüsant ist es dennoch. Es ist also Weihnachten im Jahr 1987 und zwei Polizisten haben mit ihren individuellen Problemen zu kämpfen. Da ist Sergeant Roger Murtaugh (Danny Glover), der kurz vor Weihnachten nun auf die große 5-0 zugesteuert ist und bereits über seine Rente nachdenkt, da er sich schon zusammenreißen muss, damit seine Hände beim Schießen nicht zittern. Ganz andere Sorgen hat sein Kollege Martin Riggs (Mel Gibson) vom Drogendezernat. Drei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau sehnt sich der Ex-Special-Forces Vietnam-Veteran nach dem Tod.

Der suizidale Charakter von Riggs wird von Donner in seinem Director’s Cut nochmals verstärkt, wenn zur Weihnachtsbaum-Schießerei eine zusätzliche Szene um einen Schulhof-Scharfschützen hinzukommt. Insgesamt wird so in der neuen Schnittfassung viel zu viel Gewicht auf Riggs Persönlichkeit gelegt, was durch seine Redundanz dann einigermaßen langweilig wird. Hier hätte die Drogenüberführung auf dem Weihnachtsbaummarkt vollkommen gereicht, da sie mit Riggs Trailer- und Dachszene ohnehin noch ein Echo erfährt. Insgesamt kann an dieser Stelle bereits gesagt werden, dass Donners Schnittfassung dem Film weit weniger gut gereicht als die Kinoversion. Diese kommt im Endeffekt sehr viel runder und gelungener daher, da sie sich auf das beschränkt, was für die Geschichte notwendig ist, ohne auszuufern. Denn Lethal Weapon hat auch so hier und da seine Längen.

Die erste Hälfte der Annäherung von Riggs und Murtaugh gefällt. Die Selbstmörder-Szene ist hierbei ebenso gelungen wie die erste gemeinsame Ermittlung, die zum Pool-Mord führt. Beachtlich ist hierbei Riggs’ Body Count, der schon nach zwanzig Minuten (im Director’s Cut) vier Menschenleben fordert und zu Murtaughs herrlicher Dialogzeile führt: „Have you ever met somebody you didn’t kill?“. Die angesprochenen Längen stellen sich dann in der zweiten Hälfte ein und beginnen vormerklich mit und nach Hunsakers Ermordung. Gerade die Wüstenszene ist viel zu lang geraten, speziell da sie nahtlos an das Finale anschließt und somit nicht wirklich ein Ende findet bzw. Raum für eine Pause lässt. Hinzu kommt der vollkommen blasse Gegenspieler General McAllister (Mitch Ryan), der so eindimensional und formlos bleibt, dass man sich fragt, warum man diese Figur nicht einfach für ein wenig mehr Raum für Mr. Joshua (Gary Busey) gestrichen hat. Der Film kulminiert anschließend in einem reichlich enttäuschenden Finale, das nichts anderes darstellt, als eine einzige große Schulhof-Rauferei mit schaulustigen Polizisten und einem Polizeihubschrauber, der das Setting ausleuchtet.

Nun ist Lethal Weapon kein schlechter Film, auch nicht in Donners Schnittfassung, aber er wirkt weit weniger harmonisch inszeniert als McTiernans Die Hard. Die emotionale Komponente von Riggs ist zu Beginn zu stark thematisiert, die Nebenhandlung rund um die Hunsakers eigentlich verschenkt da bedeutungslos und die wirklichen Gegenspieler nichts als Schattenfiguren und Alibi-Bösewichter. Insofern lebt Donners Film vormerklich von seinen beiden Protagonisten und deren Zusammenspiel, welches sich im Laufe der Geschichte stets verbessert. Die Action selbst ist weitestgehend solide choreographiert, wobei gerade im Finale ein Schnittgewitter folgt, in welchem sich mehr schlecht als recht ein Kampf ausfindig machen lässt. Worin Lethal Weapon jedoch erfolgreich ist, ist die Vermittelung von Murtaughs legendärem Gedanken, dass gerade er, aber auch Riggs, eigentlich zu alt sind, um sich solche actionreiche Spielereien zu gönnen. Wäre der Film um die erweiterten Szenen und zusätzliche circa zehn Minuten gestraffter, würden sich auch die Längen verabschieden. Dennoch ein fraglos gelungener und über weite Strecken außerordentlich unterhaltsamer Actionfilm.

Lethal Weapon 2 – Director’s Cut

Dass es zu diesem zweiten Teil kam, war nicht unbedingt geplant. Eigentlich wollte Regisseur Richard Donner den ersten Teil mit Murtaughs Rente enden lassen. Doch Lethal Weapon, der neunterfolgreichste Film 1987 in den USA, konnte bei einem derart eingespielten Team wie es Gibson und Glover darstellten nur eine Fortsetzung erhalten. Dabei ist Lethal Weapon 2 wohl der politischste Teil der Reihe geworden, widmet sich der Film dieses Mal unter anderem der Apartheid in Südafrika. Zudem avancierte Glovers Roger Murtaugh spätestens in diesem Teil nicht nur zum Zugpferd der Reihe, sondern zu einem der coolsten Actionhelden der Filmgeschichte. Denn wie lehrte die Simpsons-Folge Itchy & Scratchy Land: „With a dry, cool wit like that, I could be an action hero“. Und was gibt es Cooleres, als zwei Antagonisten mit einer Nagelpistole zu töten und dem Ganzen ein lockeres „nailed ‘em both” nachzuschieben?

Ein mehr als erfolgreiches Konzept fand mit diesem zweiten Teil bereits Einzug: die zusätzliche neue Figur. Während der nächsten drei Fortsetzungen sollte Donner seine Filme mit jeweils einem neuen Gesicht aufwürzen, welches als comic relief jedem der Filme eine individuelle Spritzigkeit verlieh. In diesem Fall war es Joe Pescis Leo Getz, der als Geldwäscher und Kronzeuge mittels der grandiosen Hotelzimmerszene in das Geschehen eingeführt wurde. Allein sein „okay, okay, okay“ ist zum Kult geworden und hat dem Schauspieler neben seiner Scorsese-Engagements wohl mit die meiste Aufmerksamkeit im Business beschert. Und wer von John McClanes Hubschrauber-Zerstörung per Auto in Live Free or Die Hard beeindruckt war, darf sich hier vor Augen führen, dass Martin Riggs fast zwei Jahrzehnte zuvor schon ein ganzes Haus mit seinem Fahrzeug in den Untergang fahren durfte. Im Vergleich zu Lethal Weapon tritt hier dann auch das Motto „Höher, Schneller, Weiter“ in Kraft, wenn von Klobomben bis hin zu Helikopterangriffen auf Wohnwägen und einstürzende Häuser alles dabei ist, was das Action-Herz begehrt.

Etwas zuviel des Guten wird es dann, wenn Shane Black und Richard Donner Amoklaufende südafrikanische Diplomaten (Joss Ackland, Derrick O’Connor) auf unsere beiden Cops loslassen. Wie fahrlässig hier die diplomatische Immunität ausgeweitet wird, ist bisweilen doch sehr amüsant. Ironischerweise fiel Lethal Weapon 2 genau in das Jahr, welches das Ende der Apartheid einleiten sollte. Aber einen Verdienst scheinen sich die Macher im Gegensatz zu David Hasselhoff und den Fall der Mauer nicht ankreiden zu wollen. Als weiteren Zusatz erhält Riggs dann mit Rika van den Haas (Patsy Kensit) eine neue Liebschaft, die ihm jedoch kurz darauf schon wieder genommen wird. Etwas problematisch wird es, wenn der Film versucht eine Brücke zum ersten Teil zu schlagen, indem Vorstedt (O’Connor) für den Tod von Riggs Frau verantwortlich gemacht wird. Dies wirkt dermaßen konstruiert, dass man eigentlich seinen Ohren nicht trauen möchte. So darf Riggs dann im (etwas enttäuschenden Finale – etwas, das alle Teile gemeinsam haben – nicht nur eine verflossene Geliebte rächen, sondern derer gleich zwei.

Da hätte Blacks eigentliches Ende des Filmes, in welchem Riggs durch Rudds (Ackland) Kugeln stirbt, fast schon wie eine Farce gewirkt. Insgesamt betrachtet baut der zweite Teil also ein wenig im Vergleich zum Vorgänger ab. Wieder sind einige der Actionszenen, allen voran der Helikopterangriff, zu lang geraten, wie auch allgemein es schon fast zuviel Action ist. In Verbindung mit der abstrusen Beziehung zwischen Vorstedt und Riggs will Lethal Weapon 2 somit nicht mehr ganz so überzeugen, wie noch beim Vorgänger der Fall. Auch wenn gerade die Szenen mit Leo, aber auch insbesondere die Klobombenszene natürlich ausgesprochene Pluspunkte sind. Dass das abgeänderte Ende mit Riggs' Überleben dazu geführt hat, dass Black der Reihe fortan – zumindest bis zum fünften Teil (s. Einleitung) – den Rücken kehrte, mag man dabei verschmerzen, bedenkt man, dass auch die kommenden beiden Fortsetzungen qualitativ nicht abfielen. Es kann folglich konstatiert werden, dass sowohl die Südafrikaner als Gegenspieler wie auch ihr Einbau in die Handlung selbst weit weniger gefallen, als die neue Figur und die weiterhin gut funktionierende Beziehung zwischen den beiden Titelfiguren.

Lethal Weapon 3 – Director’s Cut

Drei Jahre später folgte der Teil, den es, wenn es nach Shane Black gegangen wäre, nie gegeben hätte. Der Auftakt in den Film ist dabei ausgesprochen gelungen, wahrscheinlich sogar der Beste der gesamten Reihe. Hier wird die Chemie zwischen Gibson und Glover auf die Spitze getrieben als es darum geht eine Bombe zu entschärfen. Wie Riggs hier an diese heran tritt, um sie mit seinem Schweizer Armeemesser (!) zu entschärfen, ist überragend. Dass Donner das Ganze in einer Explosion enden lässt, die dem Team den mehr als treffenden Spitznamen „Chaos & Mayhem“ verpasst, ist ein mehr als guter Auftakt in diesen dritten Teil. Konsequent anschließend die Degradierung zu Streifenpolizisten, die der Beförderung zu Captains im vierten Teil diametral gegenübersteht. Ebenfalls gelungen ist natürlich auch die Integration der neuen Figur, in diesem Falle von Lorna (Rene Russo), die zugleich zu Riggs Freundin emporgehoben wird.

Nicht nur wegen der Jaws-Reminiszenz ist Lorna eine dankbare Figur, sondern auch in ihrer Funktion als comic relief in ihren Actionszenen, denen sich Gibsons Riggs mit Genuss hingibt. Drehbuchautor Jeffrey Boam verwertete sogar eine von Blacks ursprünglichen Szenen aus Lethal Weapon, die allerdings nicht gedreht wurde. Die humoristischen Entlastungen, zu denen auch wieder Joe Pescis Leo Getz beitragen darf, halten sich dabei gelungen die Waage mit den dramatischen Momenten in Lethal Weapon 3. Denn dieser Teil ist wohl der Emotionalste, wenn Murtaugh dazu gezwungen wird, einen alten Jugendfreund seines Sohnes Nick zu erschießen, als dieser einer Jugendbande zum Opfer fällt. Mit der Charakterentwicklung will dann der eigentliche Plot nicht mehr ganz so mithalten. Jack Travis (Stuart Wilson) als Ex-Cop und jetziger Waffendealer wirkt wie vor ihm bereits die südafrikanischen Diplomaten reichlich überzeichnet. Immerhin ist er der erste Gegenspieler, dem sich Donner in seinem Film ausschließlich widmet, hatten McAllister und Rudd zuvor doch ihre jeweiligen Handlanger (Mr. Joshua/Vorstedt), die ihnen den Müll hinausgetragen haben. Nicht so Travis, der hier noch in eigener Person mordet.

Des Weiteren kommt der dritte Teil der Reihe weit weniger Actiongeladen daher wie noch der Vorgänger. Zumindest wirkt die Action sehr viel geerdeter, sieht man von der versehentlichen Sprengung zu Beginn ab. Allerdings scheint es erneut so, als würde man das Pulver vor dem Finale verschießen. Denn der Showdown in den U-Bahn-Schächten bis hin zu Travis’ Bauprojekt ist reichlich mau und wird letztlich nur zu einem Ende geführt, weil die ominösen „Copkiller“-Kugeln als McGuffin zu Beginn mehr schlecht als recht in die Handlung integriert wurden. Welchen Zweck hierbei jener junge Cop erfüllt, der bei Travis’ Flucht jenen Kugeln zum Opfer fällt – nachdem ihre Durchschlagskraft zuvor bereits etabliert wurden – will sich nicht so recht erschließen. Dass Donner die Szene mit einem mehr als deplatzierten „Happy Birthday“ von Riggs abschließen lässt, ist dabei nicht minder missraten. So hat Travis zwar von allen Gegenspielern der vier Teile am meisten Profil erhalten, doch ist der Umstand, in dem er in die Geschichte eingefügt wird, etwas schwach ausgefallen. Zudem hat das Finale den faden Beigeschmack, dass scheinbar Lorna wider eigentlicher Planung doch nicht sterben muss. Was fragwürdig erscheint, will Boam hier dem Publikum weiß machen, dass zwei kugelsichere Westen durchschlagsstärker sind, als eine Baggerschaufel (die hier gleich zweimal durchschlagen wird).

Alles in allem stellt der dritte Teil jedoch wieder eine Steigerung dar, da er nicht mehr und nicht weniger zu sein versucht, als kurzweilige Unterhaltung mit Figuren, die einem inzwischen ans Herz gewachsen sind. Dies trifft spätestens in diesem Teil auch für Captain Murphy (Steve Kahan) zu, allen voran aber Russo, die sich hier nahtlos in das Ensemble einreiht und gleich Stellung bezieht. Sieht man davon ab, dass Boam eine Szene aus Blacks Drehbuch zum ersten Teil quasi verwendete, macht sich Blacks Abwesenheit nicht wirklich bemerkbar. Die Chemie zwischen Riggs und Murtaugh stimmt wie eh und je und macht sich gerade zu Beginn bei der Bombenentschärfung bemerkbar, aber auch in den meisten anderen Szenen, die Gibson und Glover miteinander teilen. Insofern ist Lethal Weapon 3 ein netter Actionfilm für Zwischendurch, der gekonnt im Fahrwasser der erfolgreichen Reihe schwimmt und wie auch wenige Jahre später der vierte und bisher letzte Teil veranschaulichte, dass unsere beiden Helden doch noch nicht zu alt für diesen Scheiß sind.

Lethal Weapon 4

Zwischen Teil Drei und Vier vergingen nun mehr Jahre, als zwischen dem ersten und dem dritten Film. Quasi der Teil, mit dem niemand mehr gerechnet hatte und der seiner Zeit zuerst auch reichlich skeptisch aufgenommen wurde. Für die Meisten waren Gibson und Glover inzwischen wirklich zu alt für diesen Scheiß, wurden jedoch trotz der nur teilweise gelungenen Verjüngungskur eines Besseren belehrt. Hongkong-Star Jet Li feierte als Bösewicht Ku sein amerikanisches Spielfilmdebüt, erhielt hierbei wohl auch aufgrund seiner Sprachbarriere reichlich wenig Profil und verkommt zur bloßen Martial-Arts-Nummer, die für einige Ahs und Ohs sorgen durfte. Ähnlich verhält es sich mit Chris Rock als Detective Butters und zugleich Murtaughs unwissentlichen Schwiegersohn. Zwar weiß Rock einige nette Dialogzeilen beizusteuern, wohl speziell die Zeilen, der er improvisiert hat, dennoch ist Rocks vollkommen fehlendes schauspielerisches Talent einer der großen Makel dieses Filmes. Dies bietet gerade Joe Pesci die Chance sich wieder zum Sidekick Nummer Eins zu entwickeln.

Grundsätzlich nähert sich Lethal Weapon 4 dem zweiten Teil an, was die teils politisierte Handlung und ihren konstruierten Charakter angeht. Während die chinesischen Triaden zu Beginn bei ihrer großflächigen Schmuggelaktion in die USA entdeckt werden, nutzt Donner dies zum einen als Kritik an der heimischen Immigrationspolitik – primär von Murtaugh als Anlass für einige Tiraden genommen – und zum anderen, um den Subplot der vier Triaden-Väter und Kus Bruder einzuführen. Die gesamten Szenen zwischen Riggs und den Triaden sind dabei wie schon die Einbindung der südafrikanischen Diplomaten etwas zu viel den Guten. Dabei sind die Actionszenen, gerade die Verfolgung im chinesischen Viertel aber auch der Kampf im Fertighaus nicht unbedingt schlecht geraten. Selbiges gilt für das Finale, das zu den Besseren innerhalb der Reihe zählt. Die Eröffnungsszene ist zwar ebenfalls ganz nett geraten, bedenkt man jedoch, dass sie lediglich Verwendung als Running Gag findet und hierbei neben Gibsons Gehalt von 25 Millionen Dollar reichlich zu dem ohnehin explodierten Budget beigetragen hat, wäre es eventuell von Vorteil gewesen, auf sie zu verzichten.

Wie immer lebt der Film gerade von Gibson und Glover, exemplarisch zu sehen in ihrer Beförderungsszene, aber auch sonst wird Humor in diesem längsten Film der Reihe relativ groß geschrieben. Dabei stellt Lethal Weapon 4 ein Sammelsurium all dessen dar, was die Reihe innerhalb der letzten elf Jahre ausgezeichnet hat. Hier ist es Hong, der als Sympathiefigur und noch viel bedeutsamer, als Identifikationsfigur des eigentliches „Falls“, zum Opfer wird wie im Vorgänger der junge Polizist. Des Weiteren wird auch die Rente von Murtaugh wieder thematisiert, so wie es auch eine Verfolgungsjagd mit dem Auto gibt. Dass auch der vierte Teil wie schon die beiden Vorgänger der Reihe keine neuen Ideen beizufügen weiß – sondern im Gegenteil mit der Addition von Rock erneut dem Schema der anderen Fortsetzungen folgt -, stört hierbei nicht sonderlich. Grundsätzlich ist Lethal Weapon nämlich kein Film über eine Geschichte, sondern über zwei Figuren.

Insofern ist der (bisherige) Abschluss der Reihe ein versöhnlicher gewesen. Allen voran natürlich auch Harmonie pur. Murtaugh wird endlich in die seit dem ersten Teil propagierte Rente entlassen, hat zudem keine Geldsorgen und wird Großvater. Da nimmt man am Ende auch einen Schwiegersohn wie Biscuit, äh, Butters in Kauf. Ähnlich verhält es sich mit Riggs, der nicht nur Vaterfreuden entgegenblickt, sondern schließlich auch bereit für den Bund der Ehe ist. Und der kleine Ping, der nun zwar keinen Großvater mehr hat, darf gemeinsam mit seiner Familie auch in den USA bleiben. Folglich also Ende gut und Alles gut. Wenn dann der Abspann einsetzt und die zahlreichen Photographien der vergangenen Jahre respektive Filme nochmals Revue passieren, will und kann man Lethal Weapon 4 seinen übertriebenen chinesischen Martial-Arts-Einschlag oder Chris Rock auch nicht mehr übel nehmen. Und sollte es tatsächlich für einen fünften Teil reichen, bin ich auf jeden Fall wieder mit von der Partie.

Lethal Weapon – Director’s Cut: 7.5/10
Lethal Weapon 2 – Director’s Cut: 7/10
Lethal Weapon 3 – Director’s Cut: 7.5/10
Lethal Weapon 4: 7/10

8. November 2009

2012

We’re gonna need a bigger plane. 

Er gilt als der Master of Desaster und die Rede ist bei weitem nicht von Michael Bay. Niemand zerstört so gerne und genüsslich wie der Sindelfinger Roland Emmerich. Egal ob die Hauptstädte der Erde durch eine sommerliche, außerirdische Invasion dran glauben müssen oder eine mutierte Riesenechse New York City zerlegt. Roland kennt keine Gnade. Nachdem ihn sein Wahl-Lokalpatriotismus mit The Patriot in etwas überzogen-pathetische Gefilde getrieben hatte, versuchte Emmerich parallel zur Rot-Grünen Bundesregierung eine politische Botschaft mit seinem liebsten Hobby bzw. Beruf in Einklang zu bringen. In The Day After Tomorrow stellte Wissenschaftler Dennis Quaid fest, dass die Erde den Bach runtergehen wird. Von wegen Klimawandel, globale Erwärmung und so. Ein Szenario, dass nun in Emmerichs neustem Film 2012 ein Echo erfährt. Hier darf Wissenschaftler Chiwetel Ejiofor dem US-Präsidenten die „frohe“ Botschaft bringen, dass die Menschheit so 2009 ist. 

 Zum ersten Mal seit er in Hollywood arbeitet hatte sich Emmerich nach einem Film gleich wieder ans Steuer gesetzt. Vielleicht auch deshalb, weil 10.000 BC alles andere als gelungen war. Und obschon Emmerich mit dem Zerstören der Erde eigentlich abgeschlossen hatte, lieferte ihm sein Filmkomponist nach dem Urzeit-Actioner ein Drehbuch, dass der Schwabe nicht ablehnen konnte. Nach dem Motto „wenn ich die Welt nicht zerstöre, zerstört sie ein Anderer“ rief sich Emmerich ins Gedächtnis, dass niemand die Welt so gut zerstört wie er. Gesagt getan und mehrere Tausend Digitaleffekte später ist sie nun fertig gestellt: Emmerichs Interpretation einer Maya-Prophezeiung, die vorsieht, dass wir alle am 21. Dezember 2012 sterben. Im Gegensatz zu The Day After Tomorrow also ein unverschuldetes Sterben, was die Bezüge zur Gegenwart auf ein Mindestmaß beschränkt. Weshalb der Film auch besser in den USA ankommen könnte, selbst wenn Emmerich das tollste Land der Erde – nach eigenem Selbstverständnis – als Erstes sprichwörtlich den Bach runtergehen lässt.

Die Prophezeiung der Mayas dreht sich nun um Sonnenstürme, die für eine Überhitzung des Erdkerns sorgen – so zumindest die aktuelle Deutung. Emmerich lässt daher die Erdkruste zerfallen, was zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Riesentsunamis führt. Ein Doomsday-Szenario, von dem der US-amerikanische Geologe Dr. Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor) 2009 mittels eines indischen Kollegen in Kenntnis gesetzt wird. Die US-Regierung wird informiert und baut in Abstimmung mit den anderen großen Nationen – die Kleinen müssen sich um sich selbst kümmern – Riesenarchen, deren Plätze für 1 Milliarde Euro, pro Person versteht sich, auf den Markt geschmissen werden. Etwas von dem Ottonormalbürger nichts mitbekommt, man will ja keine Panik verursachen. Aber als sich Helmsley in seinen Kalkulationen irrt und die Kacke statt kurz vor Weihnachten 2012 bereits im Sommer desselben Jahres am Dampfen ist – warum haben die Mayas das nicht gewusst? -, muss alles Schlag auf Schlag gehen. Mittendrin der gescheiterte Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack), der eigentlich nur wieder eine richtige Beziehung zu seiner Ex-Frau (Amanda Peet) und den gemeinsamen Kindern haben möchte.
  Nun macht der deutsche Regisseur keinen Hehl aus seinen Ambitionen und räumt seinem Prolog zum Weltuntergang lediglich so viel Raum ein, wie absolut nötig ist. Ganz kurz wird die Vorbereitungsphase abgehandelt, ehe Emmerich zum Punkt kommt. Nach einigen Erdbeben stürzt der Deutsche schließlich erst Los Angeles und dann die ganze Westküste der Vereinigten Staaten ins Unglück. Curtis, der während eines Camping-Ausflugs mit seinen Kindern dank dem überdrehten Radiomoderator Charlie (Woody Harrelson) vom Ende der Welt und den Archen Kenntnis erhalten hat, schnappt sich kurzerhand seine Familie und rettet sich mit einer Stretch-Limo (!) aus dem zusammenstürzenden L.A. Spätestens hier wird klar, dass Emmerich seinen Film vollkommen selbstironisch ausgelegt hat. Was jetzt beginnt, wird sich die kommende Stunde fortsetzen und 2012 zur teuersten Komödie aller Zeiten werden lassen.

Immer wieder, oder besser gesagt die ganze Zeit, können Curtis und seine Patchwork-Familie – der neue Freund seiner Ex-Frau, Gordon (Thomas McCarthy), darf mit und dankt es, indem er praktischerweise Flugerfahrung hat – in letzter Sekunde den zerstörerischen Erdmassen entfliehen. Dass Curtis derweil für seinen Sohn von „Jackson“ wieder zu „Dad“ avanciert, ist ein nettes Zubrot. Die Flucht der Familie Curtis ist dabei fernab jeglicher Realität von Emmerich inszeniert, natürlich ihrer eigenen Lächerlichkeit bewusst und kostet diese mit Vergnügen aus. Wo Klosers Drehbuch bei 10,000 BC noch jenseits jeglichen guten Geschmacks war – und auch nicht mehr als Trash durchgehen konnte -, funktionieren speziell die Dialoge dieses Mal erstaunlich gut. Gerade weil sie wirken, wie etwas, das von den Figuren erwartet, aber von ihnen auch bewusst so wahrgenommen wird. Da blufft Curtis auch seine kleine Tochter nicht, wenn er sie zur Beruhigung fragt, ob er ängstlich aussieht, während hinter ihm der Yellowstone Nationalpark in Flammen aufgeht.

Weitaus dramatischer und seriöser geht es dagegen bei Helmsley zu. Zwar kommentiert Emmerich auch diesen Handlungsstrang gerade im Finale sehr selbstironisch, doch primär hier findet sich die emotionale Keule des Regisseurs. Abschiedsanrufe an den eigenen Vater führen zu einer Massenaussöhnung von Vätern mit ihren Kindern, die auch vor dem US-Präsidenten (Danny Glover) selbst nicht Halt macht. Dabei sollte man sich nicht wundern, wenn alle Figuren in 2012 am Ende über drei Ecken entweder verwandt oder bekannt miteinander sind. Im Auge des Massen-Genozids der Menschheit ist es eben wirklich eine kleine Welt, in der man fortan lebt. Nach gut anderthalb Stunden beginnt Emmerich dann sein Katastrophenfilm-Schema beiseite zu legen. Die Zerstörungswut, die gerade noch das Weiße Haus und den Petersdom befallen hat, nimmt ab und die Handlung selbst beruhigt sich etwas, als sie an ihrem Endpunkt im chinesischen Hochgebirge anlangt. Und scheinbar endet mit den Katastrophen auch der Humor, der 2012 bisher so überraschend gut im Rennen gehalten hat. Stattdessen beginnt das letzte Reise-nach-Jerusalem-Spiel in der Geschichte der Menschheit. Plötzlich also die Kehrtwende und die Handlung wird dramatisch. Es wird gebettelt, gefleht und geweint. Emmerich verirrt sich nun in eine überlange Referenz an Filme wie Wolfgang Petersens Poseidon, wenn sich das Schauspiel auf der Arche schließlich fortsetzt. Unspannend ist das nicht, auch wenn klar ist wie das Ganze ausgehen wird, aber seine Längen hat es nichtsdestotrotz. Eine halbe Stunde weniger hätte hier alles andere als geschadet, speziell da vieles im Finale unnötig hinausgezögert wird, wahrscheinlich um dem Film mehr Tiefe zu verleihen. Hier verliert sich Emmerich etwas und zerstört die überaus gelungene Unterhaltung zuvor, wenn er nach all dem Jux aus dem Nichts heraus ein ernstes Gesicht aufsetzt. Zwar setzen sich bis zum Schluss die überzogenen Spielereien fort, verkommen jedoch nur zu comic relief in dieser überbordenden Dramatik. Dabei konnte Emmerich mit 2012 einiges wieder wett machen, was er letztes Jahr seinen Zuschauern mit seinem Wüste-an-Gletscher-Vehikel noch eingebrockt hatte.

Die Charaktere werden nicht vernachlässigt, was ob des Weltuntergangs im Hintergrund durchaus beachtlich ist. Besonders bei der Patchwork-Familie haben sich Kloser und Emmerich Mühe gegeben, gerade in Bezug auf die Konstellation von Curtis, Gordon und Curtis’ Sohn Noah (Liam James). Zwar verflacht das Ganze dann gegen Ende wieder in Klischeemuster, ähnlich wie im Falle des anderen Handlungsstrangs um Thandiwe Newtons Figur der First Daughter, generell sind die Bemühungen, den Figuren eine entsprechende Tiefe und Glaubwürdigkeit, auch oder gerade in diesem teils nicht ernst zu nehmendem Umfeld, zu verleihen aber sehr löblich. Die in Vielfalt vorhandenen Spezialeffekte sind hierbei nicht unbedingt state of the art, überzeugen jedoch im Kontext des Filmes ausreichend, um keine Augenbrauen hochschnellen zu lassen. Weitaus nerviger sind dagegen fehlbesetzte Figuren wie Danny Glover – passenderweise bemühte Emmerich sich die Staatsoberhäupter authentisch zu besetzen, vom afroamerikanischen US-Präsidenten bis hin zur weiblichen Bundeskanzlerin – geraten.

Was 2012 auszeichnet, ist die Tatsache, dass er die meiste Zeit total Gaga daherkommt und dies auch gewollt. Das hat in diesem Zusammenhang nichts mehr mit einem schlechten Drehbuch zu tun, weil es weitestgehend das sein will, was es ist. Das sollte man Emmerich anrechnen und letztlich ändert daran auch die Überlänge und überschwängliche Dramatik im dritten Akt nicht sonderlich viel. Insofern konsolidiert sich der Schwabe mit seinem neuesten/letzten Desasterfilmle, das hinsichtlich seiner Stärken und Schwächen in etwa auf eine Stufe neben Godzilla zu stellen wäre. Sollte dies wirklich Emmerichs Abschied vom Genre darstellen, so ist es ein gebührender Abschied in all seiner Kompromisslosigkeit. Denn wie oft haben sich Filmemacher schon getraut, die ganze Menschheit zur Unterhaltung auszurotten? Ein Vorhaben, dasswohl nur aus einer deutsch-österreichischen Kollaboration wie der von Emmerich und Kloser stammen kann. Wer sich an zweieinhalb Stunden Explosionen und Katastrophen erfreuen kann und dabei im Gegensatz zu einem Michael-Bay-Film auch etwas von seinen Figuren mitnehmen möchte, der ist bei 2012 fraglos an der richtigen Adresse. 

6/10

18. Oktober 2008

Blindness

The only thing more terrifying than blindness is being the only one who can see.

Unter den Blinden ist der Einäugige König. Die Redewendung kennt man ja und bedeutet, dass man selbst mit Mittelmäßigkeit noch jemandem überlegen sein kann, der schlechter dran ist als man selbst. Der portugiesische Schriftsteller José Saramango verfasste 1995 mit Blindness einen Roman, der in eine andere Richtung geht. Saramango entwarf eine Geschichte über eine Gesellschaft, die plötzlich blind wird. Nicht alle auf einmal, sondern nach und nach. Wie bei einer Epidemie. Was der Portugiese anschließend skizziert ist eine sich selbst demontierende Gesellschaft, die abseits ihrer erschaffenen Bequemlichkeit kaum im Stande ist ihre zivilisierte Ordnung aufrecht zu erhalten. Lange Zeit galt Blindness als einer jener Romane, denen man das Prädikat „unverfilmbar“ anheftet. Doch in heutigen Zeiten bedeutet das nichts mehr. Peter Jackson adaptiert mehr schlecht als recht Tolkiens Lord of the Rings und Tom Tykwer versucht sich noch eine Nummer größer an Süßkinds Das Pafüm. Der Mann, der sich an Saramangos Werk wagte, war schließlich Fernando Meirelles, der sich inzwischen dank Cidade de Deus und The Constant Gardener einen Namen gemacht hat. Mit seinem Film, der die Filmfestspiele von Cannes dieses Jahr eröffnet hat, läutet Meirelles dann auch den Herbst der Oscaranwärter ein, der noch so namhafte Konkurrenz wie Sam Mendes’ Revolutionary Road beherbergt. Ob es dem Brasilianer gelingt erneut seinen Film in der vordersten Front der Kategorien zu platzieren dürfte fraglich sein. Obschon Blindness bisweilen ein filmisches Werk von meisterlicher Intensität ist, büßt die Narration der Geschichte gerade zum Schluss hin stark ein und trübt das Gesamtergebnis.

Urplötzlich wird ein Mann (Yusuke Iseya) in seinem Auto auf offener Straße von einer milchigen Blindheit geschlagen. Der Besucht bei seinem Augenarzt (Mark Ruffalo) eröffnet, dass an seinen Augen kein Schaden festzustellen ist. Ehe er sich versieht, leidet am folgenden Tag auch der Arzt an jener milchigen Blindheit und übergibt sich der Gesundheitsbehörde. Die befürchtete Epidemie bewahrheitet sich. Neben dem Augenarzt und dem ersten Blinden finden sich in einer verlassenen Irrenanstalt auch andere Patienten des Arztes wieder, die in Reichweite des ersten Blinden gekommen sind. Was die anderen Patienten und auch die Gesundheitsbehörde nicht wissen, die Frau des Arztes (Julianne Moore) hat sich ebenfalls einweisen lassen – obwohl sie bestens sehen kann. Im folgenden fungiert sie insgeheim als die Augen des ganzen Blocks, während sich die Zahl der Infizierten immer mehr erhöht. Schon kurze Zeit später beginnen sich Spannungen aufzubauen, denn die Essensrationen der Regierung decken nicht den Bedarf aller Insassen. Deren Zahl wiederum übersteigt allmählich die Kapazität der Anstalt. Bei dem Versuch einer Aussprache erklärt sich ein Barkeeper (Gael Garcia Bernal) zum König von Block 3 und kurz darauf zum Anführer der Anstalt. Er erpresst die anderen Patienten im Austausch für Geld und Schmuck an den Lebensmittelrationen teilhaben zu können. Als die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, macht er den Vorschlag, dass sich die Frauen des Blocks zur sexuellen Verfügung stellen. Während die gesellschaftliche Ordnung innerhalb der Anstalt fortwährend degeneriert, entfremden sich auch der Arzt und seine Frau, ehe die Situation letztendlich zur Eskalation führt.

Passend zur Thematik der milchigen Blindheit seiner Protagonisten hält Meirelles seine Bilder in oftmals klaren und ausgesprochen hellen Bildern. Diese wirken mitunter fast schon ausgebleicht und verhelfen Blindness zu einer gewissen Sterilität, die das Gezeigte eine Spur transzendenter erscheinen lässt. Durch die Kameraführung von César Charlone fühlt sich der Zuschauer speziell in den Szenen innerhalb der Anstalt gelegentlich selbst wie einer der wenigen Sehenden respektive wie die Frau des Arztes. Unterstützt wird jenes Szenario von der träumerischen Musik Marco Antônio Guimarães’, dessen Thema zum Film in manchen Einstellungen fast schon grotesk ob seines versteckten Optimismus wirkt. Von seiner technischen Seite präsentiert sich Blindness hervorragend. Dem Wunsch von Saramango kam man zwar nach, keine reale Stadt als Hintergrund zu verwenden, doch sind die Einstellungen zu Beginn aus Brasilien durchaus erkennbar. Diese vermischen sich dann später mit Szenenwechseln nach Kanada und Uruguay, sodass Meirelles seinem Film auf überzeugende Weise eine spezielle Globalität zu verleihen weiß. Gerade jene Szenen in der verwahrlosten Stadt hinterlassen einen bleibenden Eindruck, nicht weniger jedoch wie ihre Pendants in der Anstalt. Mehr und mehr degenerieren die Menschen mit ihrer Umgebung, welche sie visuell nicht einmal wahrnehmen können, sodass dieser Umstand nur noch stärker als Spiegelbild ihres eigenen Niedergangs angesehen werden kann.

Mit der visuellen Kraft des Filmes kann die Geschichte selbst dann eher nicht mithalten. Durch Nichtkenntnis der Vorlage lässt sich schlecht bestimmen, ob dies an Saramango oder Meirelles liegt, es wird jedoch von letzterem ausgegangen. Mehrfach verschiebt sich die Sichtweise innerhalb des Filmes, versucht man sich zu Beginn an einer gewissen Objektivität, folgt Blindness ab der Anstaltseinweisung verstärkt der Frau des Arztes. Allerdings wechselt diese Perspektive nach einiger Zeit zu Gunsten des Mannes mit der Augenklappe (Danny Glover), welcher zuvor für den eigentlichen Ablauf der Handlung keine Bedeutung hatte. Er ist es dann auch, der den Film durch seine Erzählstimme bis zum Ende begleitet, was es nicht unbedingt schwer macht der Handlung zu folgen, doch ist es ein etwas störendes Stilmittel, dessen sich der Brasilianer hier bedient. Hierzu zählt auch die fehlende Fokussierung auf alle Figuren, deren Oberfläche Meirelles gelegentlich ankratzt, aber dem nie näher nachgeht. Neben dem Mann mit der Augenklappe trifft dies auch auf die Frau mit der Sonnenbrille (Alice Braga) zu. Wer ist sie? Was macht sie aus? Zwischen der einen Einstellung und der nächsten präsentiert Meirelles auf einmal emotionale Spannungen zwischen ihr und dem Arzt, die dann wieder ebenso schnell verblassen. Und praktisch nebenher führt er eine Beziehung zwischen ihr und dem Mann mit der Augenklappe ein. Große Gefühle, die unverständlich wirken, da man beide Figuren zuvor kein einziges Mal zusammen in einer Einstellung gesehen hat. Traurigerweise trifft diese Vernachlässigung der Charaktere nicht nur die Nebendarsteller, sondern auch den Arzt und seine Frau. Was in ihnen und den anderen vorgeht weiß der Regisseur nicht in seine Bilder zu packen, sodass es einem trotz der dramatischen Bilder schwer fällt, wirklich mit den Figuren zu sympathisieren.

Dies fällt einem besonders beim Verhalten von Julianne Moores Figur schwer, welches selten bis gar nicht nachvollziehbar ist, speziell wenn man die Umstände betrachtet. So offenbart sie jederzeit den Ausweg aus dieser „Hölle“, doch lässt Meirelles sie nicht diesen Pfad bestreiten. In gewissem Sinne ist daher jene Massenvergewaltigungsszene der Höhepunkt des Filmes, von einer derartigen Intensität geprägt, dass sich einem der Magen umdreht. Gerade die Szenen mit dem König von Block 3 sind schwer zu ertragen, da hier die wahre Fratze der menschlichen Existenz zum Vorschein dringt. Dabei besitzt Bernals Figur durchaus Tiefe, wie auch von ihm selbst bestimmt, doch auch jene Tiefe wird von Meirelles nicht wirklich auf die Leinwand transferiert. Der König ist ein Mensch, wie man ihn überall findet, die andere Seite zur Medaille, die mit dem Arzt vervollständigt wird. Wenn hier die Sitten verrohen, nimmt Blindness immense Fahrt auf, ist ein schwer erträgliches, da authentisches Bild der Menschheit und fasziniert. Durch die Vernachlässigung der Figuren, die Art und Weise der Narration und der unsäglichen – obschon hervorragend inszenierten – letzten Viertelstunde verliert der Film sehr viel. Ratsamer wäre es gewesen, weniger Charaktere einzubauen oder wenn schon so viele, diese auch entsprechend auszuleuchten. Mal hü und mal hott geht dann jedoch nicht. Dass Meirelles vieles im Raum stehen lässt, kann man oft nachvollziehen, spielt einiges – zum Beispiel was die Blindheit ist – auch nur eine untergeordnete Rolle. Was Blindness wirklich sein will, verrät sich in seiner letzten Einstellung und den finalen Worten. Dass das, was man zuvor gesehen hat, unweigerlich damit zusammenhängt, erschließt sich einem nicht unbedingt. Meirelles verschenkt viel Potential, was sich seinen mehrfachen Wendungen verdankt. Ist Blindness sowohl vom technischen Aspekt wie seinen Schauspielern gelungen, hapert es doch ein wenig an seiner Geschichte.

6/10

5. April 2008

Be Kind Rewind

Are you the Key Holder or the Gate Keeper? 

Neben Cloverfield handelt es sich hierbei wohl um den durch das Internet am meisten gehypte Film von 2008. Nicht nur gab es bereits seit Monaten die geswedeten Filme im Internet respektive Trailer zu sehen, sondern Regisseur und Autor Michel Gondry swedete sogar den eigenen Trailer zum Film. Die Idee zu seinem Projekt hatte Gondry während der Dreharbeiten zu seiner Pseudo-Musik-Dokumentation Block Party, erste Ansätze zu den geswedeten Filmen lieferte ihm Dave Chapelle, der ursprünglich die Rolle des Mike übernehmen sollte. Zentrum von Be Kind Rewind ist der gleichnamige Videoladen des alten Mr. Fletcher (Danny Glover), der seine altmodischen VHS-Kassetten für einen Dollar das Stück verleiht. Es versteht sich von selbst, dass er damit keinen Gewinn macht, weswegen es seinem Laden sowohl finanziell, als auch allgemein nicht wirklich gut geht. In bester The Shop Around the Corner Manier macht sich Mr. Fletcher schließlich auch auf, unter falschem Vorwand seinen Kommerzkollegen aus zu spionieren. Für kleine Läden wie die Be Kind Rewind-Videothek scheint es in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch Platz zu geben, für die VHS-Kassette schon mal gleich gar nicht, ist doch inzwischen selbst ihr Nachfolger, die DVD, von den HD-Medien überholt worden. Höchstens in einer verlassenen Gegend wie dem Stadtviertel von Mr. Fletcher in Passaic, New Jersey ist Platz für seine Videothek, die hier sprichwörtlich der Laden um die Ecke ist. Doch nicht nur das Viertel ist etwas heruntergekommen, auch die Be Kind Rewind-Videothek – weswegen die Stadt sie zugunsten einer Reihensiedlung abreißen lassen will. Nun gilt es für den guten Mr. Fletcher das fehlende Geld zur Restaurierung aufzutreiben, daher auch seine kleine Spionagetour. 

Und da Mr. Fletcher diesbezüglich eine Woche wegfährt, überlässt er seine Videothek seinem Ziehsohn Mike (Mos Def), der sehr bemüht ist, seine Vaterfigur nicht zu enttäuschen. Diese Mission gefährdet jedoch der trottelige Jerry (Jack Black), Besitzer eines Schrottplatzes, auf dem er auch gleich wohnt. Um seine Handlung – die Neudrehung der Hollywood-Filme – zu etablieren, bedient sich Gondry einer relativ profanen Szenerie: Jerry will ein Kraftwerk sabotieren, dass neben seinem Schrottplatz steht. Der Grund hierfür sind die ausgesendeten Mikrowellen, vor denen sich Jerry mit Töpfen und Alufolie zu schützen versucht. Bei seinem nächtlichen Anschlag wird er dann allerdings doch verstrahlt, beziehungsweise magnetisiert. Durch diese Magnetisierung werden die Videobänder gelöscht – fertig ist Gondrys Film. Etwas dilettantisch kommt diese Exposition daher, nicht wegen ihrer nicht vorhandenen Glaubwürdigkeit (welche Gondry auch sicher nicht erwecken wollte), sondern wegen ihrer Einfallslosigkeit. Das einzig innovative an der Kraftwerkszene sind Jerrys Tarnungsbemühungen, die sicherlich einen gewissen Charme haben, im größeren Kontext der Sabotage jedoch keinen wirklichen Zweck erfüllen. Für die Magnetisierung der Videofilme hätte man einen einfacheren und besseren Grund finden können, denn wenn Mike sich zuerst fünf Minuten lang sträubt Jerry zu helfen, nur um ihm dann doch zu helfen, geht der Sinn etwas flöten. Und wenn man ehrlich zugibt, dann interessiert einen an Be Kind Rewind nicht das wieso oder weshalb, sondern die nachgedrehten Kinofilme, welche dann auch alsbald erzeugt werden. Am meisten Aufmerksamkeit wird hierbei der Entstehung des ersten Videos geschenkt, Ivan Reitmans Ghostbusters. Die Bemühungen von Mike und Jerry, sowie die Art ihrer Inszenierung des Kultfilmes amüsieren und bilden den ersten starken Moment von Gondrys Film, obschon gerade diese Szene seit Monaten bereits durch das Internet geistert.

Die Kunden merken natürlich nicht, dass ihre eigenen Videothekenbesitzer in dem Film mitspielen, den sie gerade gesehen haben oder wenn sie es bemerken, dann sprechen sie es nicht an. Vielmehr verlangen sie nach mehr, nach einer zwanzigminütigen Version von Rush Hour 2 oder Robocop – immer noch merkt niemand, dass es Jerry und Mike sind, die in den Filmen alle Rollen übernehmen, anders lässt sich deren Ausrede, es handele sich um „geschwedete“ Versionen nicht erklären. Wieso die Labelisierung des „sweded“ auch dann noch fortgeführt wird, als die Kunden selbst in ihren Filmen mitspielen, ist auch nicht nachvollziehbar, weswegen man am besten auch nicht nachfragt, sondern die Menschen in Gondrys Film einfach so nimmt wie sie sind. Ansonst muss man sich mit Fragen auseinandersetzen, weshalb jemand zwanzig Dollar für ein Video bezahlt, in dem er selbst mitgespielt hat. Irgendwann holt Gondry dann den Kapitalismus-Hammer heraus, präsentiert Sigourney Weaver in der unnötigsten Rolle des bisherigen Kinojahres und schiebt die Thematik der Urheberrechtsverletzung vor, ohne dieser im weiteren Verlauf des Filmes nachzukommen. Hierfür spricht auch das Ende, das irgendwie ein Zwitter ist, ohne wirklich in den Fluss der restlichen Handlung einzutauchen. Ohne Frage sind die geschwedeten Filme von Mike und Jerry, sowie der Reinigungskraft Alma (Melonie Diaz), voller Charme und Witz, eine einzige Liebeserklärung an die Filme selbst, wie auch an das Kino. Sie machen die Stärke des Filmes aus, ähnlich wie es Stéphanes Träumereien in La Science des rêves getan haben. Gondry beweist ein großartiges Auge fürs Detail und für die kleinen Dinge, beeindruckt gerade hier durch seine Kreativität.

Probleme jedoch, dass lässt sich in seinem Sujet nicht von der Hand weisen, hat der Franzose mit der Ausarbeitung seiner Drehbücher, vor allem in der Gestaltung einer (stringenten) Handlung. Es werden einfach der liebenswürdige Mike und der schrullige Jerry präsentiert und fortan soll der Film von deren Zusammenspiel leben. Zu einem Zeitpunkt wird Gondry kurz das Aufflammen einer Liebesgeschichte zeigen, ohne dieser jedoch, wie vielem anderen, anschließend weiter zu folgen. Extrem halbherzig geht er immer in den Szenen vor, die sich nicht mit dem Nachdrehen anderer Filme beschäftigen. Es ist ihm leider nicht gelungen, um diese „Remakes“ eine funktionierende Geschichte zu installieren, sein eigener Film wirkt über weite Strecken so unfertig, wie Mike und Jerrys Eigenproduktionen. Zudem baut Gondry noch einen Subplot um den Jazzmusiker Fats Waller ein, der mit der Geschichte die er eigentlich erzählt, überhaupt nichts zu tun hat, und schlimmer noch, einen Subplot der sich selbst in seiner Anfangsszene bereits vorweg nimmt. Bei aller Liebe zu einem Musiker, aber so lassen sich zwei Geschichten nicht miteinander verknüpfen, Gondry zeigt mit Be Kind Rewind, dass ihm sein kongenialer Partner Charlie Kaufman fehlt, um einen starken Film wir Eternal Sunshine of the Spotless Mind zu erschaffen. Vielleicht scheitert sein aktueller Film auch lediglich an den hohen Erwartungen die er geschürt hat, die Liebe zum Kino allein zu zelebrieren, reicht jedoch nicht aus, um selbst Liebe für den eigenen Film zu erzeugen. 

5/10