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7. Januar 2021

Filmjahresrückblick 2020: Die Top Ten

“To make a film is easy; to make a good film is war. To make a very good film is a miracle.”

(Alejandro González Iñárritu)


Wieder ist ein Jahr vorübergezogen – aber keines wie jedes andere. Eher eines, das so wohl kaum einer von uns bisher erlebt hat. Das öffentliche Leben stand meist still, Kinos und Kultureinrichtungen mussten monatelang schließen, Filmstarts wurden entweder nach 2021 verschoben oder landeten direkt in unterschiedlichen Streaming-Angeboten in einer Zeit, wo die Konsumenten ohnehin überwiegend zuhause waren. Den obligatorischen Filmjahresrückblick soll es an dieser Stelle wie schon die letzten 14 Jahre trotz alledem geben, wenn auch vermutlich (womöglich?) der letzte dieser Art auf diesem Blog – gleichwohl ich mir das bereits das dritte Jahr in Folge denke und dennoch immer wieder aufs Neue diese Zeilen schreibe.

Kino – kann das weg? So postulierte ich vergangenes Jahr an dieser Stelle. Zumindest 2020 hat das Coronavirus uns hierzu die Antwort abgenommen, notgedrungen entfiel der Filmkonsum der meisten auf Streaming-Anbieter wie Netflix, Disney+, Amazon Prime, AppleTV+, HBO Max, Hulu und Co. Auch ich konsumierte meine 137 Filme dieses Jahr (2019: 166) primär digital, schaffte es immerhin vier Mal ins Kino. Hinfällig ist im Pandemie-Jahr der Blick auf Besucherzahlen, interessanter der auf die Abonnements bei den Streaming-Giganten. Netflix steigerte sich von 167 Millionen Kunden weltweit Ende 2019 auf 195 Millionen zum Ende des 3. Quartals 2020. Disney+ sprang direkt in seinem ersten Jahr auf 86 Millionen Abonnenten.

Dass die Kinos in den meisten Ländern im vergangenen Jahr nicht geöffnet hatten oder selbst in der Zeit, wo sie zugänglich waren, das Platzangebot beschränken mussten, spiegelt sich auch bei den (sozusagen) erfolgreichsten Filmen des Jahres wider. Keine Milliarden-Dollar-Blockbuster, nicht einmal die Hälfte davon nahm der (Pandemie-)Jahressieger ein, der angesichts der Umstände wenig überraschend aus China kommt. Das Epos Ba bai [The Eight Hundred] spielte rund 461 Millionen Dollar ein – und damit 35 Millionen Dollar mehr als Bad Boys for Life, dem einzigen namhafteren Film, der noch im ersten Quartal startete. Der dritte Platz geht wiederum erneut nach China mit Wo He Wo De Jia Xiang [My People, My Homeland].

Kinobesuche wie hier in Martin Eden waren im Corona-Jahr 2020 eher selten möglich.
Christopher Nolans Tenet wurde erst wochenweise verschoben, sollte dann aber im Sommer mit herrschender Corona-Ebbe doch das Kino als solches retten. Was ihm nur leidlich gelang, mit 362 Millionen Dollar reichte es letztlich zum vierterfolgreichsten Film des Jahres, so populär wie erhofft war Nolans jüngster Erguss also nicht. Auch die Nutzer der Internet Movie Database (IMDb) hatten andere Favoriten, kürten die Musical-Aufzeichnung Hamilton mit 8.6/10 auf Disney+ zum beliebtesten Film des Jahres (Stand: 03.01.2021). Sam Mendes Weltkriegs-Drama 1917 schaffte es mit 8.3/10 auf den zweiten Platz, knapp vor Pixars Soul mit 8.2/10, der auf einen Kinostart verzichtete und zum Jahresende ebenfalls direkt auf Disney+ landete.

Ohnehin hievte Disney im vergangenen Jahr wenig Filme ins Kino, schielt sonst eher auf Releases im April/Mai, Sommer und Dezember. Unter diesen Vorzeichen erübrigt sich auch ein Blick auf die weiteren erfolgreichsten Filme inklusive Vorstellung, allenfalls lässt sich sporadisch schauen, was angesichts der Vorzeichen in vereinzelten Ländern am ehesten Anklang fand in den wenigen Kinomonaten. Grob gesagt machen zwei Filme das internationale Rennen unter sich aus. Bad Boys for Life zog sowohl in den USA als auch in Deutschland am besten, auch die Schweden, Kolumbianer und Südafrikaner hielten es bei der begrenzten Auswahl mit Mike Lowry und Marcus Burnett im dritten Abenteuer der zwei Cops aus Miami – diesmal ohne Michael Bay.

Auf der anderen Seite fieberten viele Nationen mit dem Soldaten-Duo aus 1917 mit, sowohl in Großbritannien als auch in Australien war der Kriegsfilm erfolgreich, genauso in Spanien, Portugal, Finnland und den Niederlanden. Frankreich setzte seine Hoffnung auf Tenet, während Italien mit der Komödie Tolo Tolo einen einheimischen Film bevorzugte. Wie so oft kein Einzelfall, auch Norwegen (Børning 3), Polen (365 dni), die Türkei (Eltilerin Savasi), Brasilien (Minha Mãe é uma Peça 3: O Filme) sowie Südkorea (Namsanui bujangdeul) zeigten sich patriotisch. Dito die Russen, wo Lyod 2 [Ice 2] im Verlauf von 2020 reüssierte, obschon nominell die Komödie Kholop mehr einspielte, den Großteil davon jedoch bei ihrem Start Ende 2019.

Streaming-Sieger: Unter den Releases der VOD-Anbieter war Hamilton am gefragtesten.
In Japan avancierte Demon Slayer: Mugen Train zum bis dato erfolgreichsten nationalen Film aller Zeiten, während Vietnam zu Tiec Tiang Mau lachte, dem dortigen Remake des europäischen Massenexport-Films „Das perfekte Geheimnis“. Kino-Sonderfälle gab es auch erneut, so war Sonic the Hedgehog in Mexiko der buchstäbliche Renner, das Disney-Live-Action-Remake Mulan überzeugte in Thailand und die Ukrainer gefielen sich an Guy Ritchies The Gentlemen. Filme aus 2019 waren teils verspätet im Einsatz, so überzeugte Frozen II in Argentinien, während Jumanji: The Next Level in Paraguay und Bolivien das Publikum für sich gewinnen konnte. Natürlich waren überall die Einspielergebnisse 2020 geringer als sonst.

Selbst wenn Disney kaum Kinostarts verzeichnete, zählt das Studio mit dem erfolgreichen Start von Disney+ und dem Lob für die zweite Staffel The Mandalorian dennoch wie Netflix zu den Gewinnern des Jahres – wenn man von solchen sprechen mag. Auch Bong Joon-ho überstrahlte im Frühjahr mit vier Oscars für Gisaengchun [Parasite] alles. Gut verlief 2020 für weibliche Regisseure, viel Lob heimsten Chloé Zhao (Nomadland), Kelly Reichardt (First Cow), Kirsten Johnson (Dick Johnson Is Dead) und Eliza Hittman (Never Rarely Sometimes Always) ein. Sacha Baron Cohen lieferte mit Borat Subsequent Moviefilm einen Rekordstart für Amazon Prime ab und kann sich für seine Rolle in The Trial of the Chicago 7 Oscar-Hoffnungen machen.

Auch der schwarze Film fand wie die weibliche Regie-Welt großen Anklang, die “Small Axe”-Filme Mangrove und Lovers Rock von Steve McQueen schmücken ebenso zahlreiche Kritiker-Listen wie Spike Lees Vietnam-Drama Da 5 Bloods, Garret Bradleys Doku Time, das von Denzel Washington produzierte Jazz-Biopic Ma Rainey’s Black Bottom oder weitere Filme wie Queen & Slim, His House, Miss Juneteeth und Rocks. Überaus gefragt war auch die Netflix-Serie The Queen’s Gambit, mit der sich Anya Taylor-Joy, zudem in Emma. und The New Mutants vertreten, weiter profiliert hat. Fleißig aktiv war mal wieder Kristen Stewart, die 2020 in gleich vier Filmen (Charlie’s Angels, Seberg, Underwater, Happiest Season) auftauchte.

Beste Darstellerleistungen: Viktoria Miroshnichenko, Lucas Jaye, Mark Ruffalo.
Sehenswert waren 2020 auch die Darbietungen von Mark Ruffalo, der sowohl im Gerichts-Drama Dark Waters überzeugen konnte als auch in einer Doppelrolle für die HBO-Serie This Much I Know Is True. Eindrucksvoll war der körperliche Einsatz, den Chadwick Boseman mit schwerer Krankheit im letzten Jahr seines Schaffens für Filme wie Da 5 Bloods, 21 Bridges und Ma Rainey’s Black Bottom aufbrachte. Bei den Darstellerinnen wussten sowohl Evan Rachel Wood in Kajillionaire als auch Imogen Poots in Vivarium zu gefallen, minimal imposanter war dann aber doch Debütantin Viktoria Miroshnichenko in Dylda [Beanpole]. Eine authentische Nachwuchsleistung lieferte derweil der junge Lucas Jaye im Indie-Drama Driveways ab.

Ansonsten war es abseits von Corona und Kino-Shutdowns ein Jahr der Rückkehr: Josh Trank legte nach seinem Fantastic Four-Desaster mit Capone einen neuen Film vor, ebenso Miranda July mit Kajillionaire sowie Benh Zeitlin nach jahrelanger Produktion in Wendy. Andere Regie-Größen fielen durch eine Abkehr auf – zum Streaming-Service Netflix, wie bereits Martin Scorsese im Vorjahr. Ihm folgten nun Spike Lee (Da 5 Bloods), Olivier Assayas (Wasp Network), Gina Prince-Bythewood (The Old Guard), Aaron Sorkin (The Trial of the Chicago 7) und selbst David Fincher (Mank). Ein Trend, der zunehmen dürfte, Pandemie hin oder her. Erfreulich auch: Nach vielen Jahren Post-Produktions-Hölle erschien endlich The New Mutants.

Was bleibt, ist ein Jahr, das weniger durch seine Filme in Erinnerung bleiben wird, als die Umstände, die es begleitet haben. Zumindest haben manche Werke vielleicht mehr Aufmerksamkeit erhalten, die sonst überschattet worden wären. Nichtsdestotrotz gab es natürlich bei 137 gesehenen Filmen auch einige, die zumindest mir im Gedächtnis bleiben werden. Wie bereits im vergangenen Jahr wird erneut auf eine Flop-Liste verzichtet, einige Honorable Mentions machen wieder den Anfang, die vollständige Auflistung inklusive Ranking findet sich wie gehabt auf Letterboxd. Und nun, um den vielleicht finalen Filmjahresrückblick dieses Blogs abzuschließen, möchte ich meine zehn favorisierten Filme aus dem Jahr 2020 vorstellen:


Honorable Mentions (in alphabetischer Reihenfolge): The Assistant (Kitty Green, USA 2019), Domangchin yeoja [The Woman Who Ran] (Hong Sang-soo, ROK 2020), Kajillionaire (Miranda July, USA 2020), Sorry We Missed You (Ken Loach, UK/F/B 2019), Tabi no owari sekai no hajimari [To the Ends of the Earth] (Kurosawa Kiyoshi, J/UZ/Q 2019)

 
10.
Vivarium (Lorcan Finnegan, IRL/B/DK/CDN 2019): Das Vorstadtleben als Eltern mit Nachwuchs lässt Lorcan Finnegan in seiner schwarzen Komödie Vivarium buchstäblich zur Hölle werden, wenn sich ein junges Paar auf der Suche nach einem Eigenheim plötzlich wider Erwarten in einer Elternrolle wiederfindet, die sich für sie zum Fegefeuer entwickelt. In seiner Botschaft zwar durchweg sehr plakativ, gefällt der Film durch seine humorvolle Metapher und lebt allen voran von dem nuancierten Spiel Imogen Poots’.

9.
A Hidden Life (Terrence Malick, USA/UK/D 2019): Kaum ein Regisseur widmet sich so sehr der existenziellen Frage nach dem Wieso und Warum unseres Daseins und dem vermeintlichen Widerspruch zwischen Gut und Böse wie Terrence Malick. In seinem jüngsten Drama A Hidden Life geht es für die Hauptfigur des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter in Zeiten des Zweiten Weltkriegs weniger um das Finden von Antworten, als das Abfinden mit einer getroffenen Entscheidung und ihren Konsequenzen.

8.
Tenki no ko (Shinkai Makoto, J/CHN 2019): So unbeständig wie das Wetter kann manche Gefühlswelt sein. Licht am Horizont sieht Shinkai Makoto stets in seinen Filmen, so auch in Tenki no Ko [Weathering With You], dem Nachfolger zu Kimi no na wa. Der junge Ausreißer Hodoka lernt darin Hina kennen und lieben, die per Gebet den Regenschauern Tokios Einhalt gebietet – was jedoch nicht ohne Preis ist. Zwar entfaltet der Film nicht dieselbe emotionale Wucht wie sein Vorgänger, berührt aber dennoch ungemein.

7.
Boże Ciało (Jan Komasa, PL/F 2019) Eine von Jesu Lehren war das Vergeben, von der Katholischen Kirche dann als Ablass kommerzialisiert. Zu Vergeben lernen ist eines der Themen in Jan Komasas Oscarnominiertem Boże Ciało [Corpus Christi], in dem sich ein junger Straftäter nach der Haftentlassung in einer polnischen Gemeinde als Vertretungspriester ausgibt und im Zuge dessen nicht nur den sich von einer Tragödie erholenden Einwohnern bei der emotionalen Heilung hilft, sondern auch sich selbst.

6.
Midnight Family (Luke Lorentzen, MEX 2019): In Mexiko-Stadt sind nur 45 städtische Krankenwagen für die neun Millionen Einwohner zuständig. Weshalb zusätzlich viele privatisierte Sanitärer versuchen, aus der Lücke zu profitieren. Luke Lorentzen begleitet in Midnight Family mehrere Monate die Familie Ochoa, die einen Rettungsdienst betreibt. Seine Dokumentation zeigt ein trauriges Bild von Mexikos Notfallversorgung sowie den fragwürdigen Mitteln, zu denen Menschen gezwungen sind, um ihre Existenz zu sichern.

5.
Wendy (Benh Zeitlin, USA 2020): In seinem Nachfolger zu Beasts of the Southern Wild implementiert Benh Zeitlin viele Elemente des Vorgängers, wenn er J.M. Barries “Peter Pan” in Wendy seinen eigenen Touch verleiht. In dessen Welt wird Erwachsenwerden assoziiert mit der Aufgabe von Träumen und Abenteuerdrang, was den Film mit Steven Spielberg Meisterwerk Hook eint. Wendy zelebriert dabei weniger ein Coming of Age als vielmehr ein Staying Young – ein liebevoller Film darüber, was es bedeutet, Kind zu sein.

4.
La vérité (Koreeda Hirokazu, J/F/CH 2019): Erinnerungen können trügerisch sein – oder schlicht von einer Person aus Banalität narrativ etwas aufgepeppt werden. So wie in Koreeda Hirokazus erstem fremdsprachigen Drama La vérité, in welchem Juliette Binoche als Tochter der von Catherine Deneuve gespielten alternden Filmdiva Fabienne mit ihrer Kindheit und Persönlichkeit der Mutter hadert, während diese in einem Filmprojekt selbst von der Mutter- in die Tochterrolle gedrängt wird und ihr Leben reflektiert.

3.
Swallow (Carlo Mirabella-Davis, USA/F 2019): Selten geworden sind Filme, die Raum für Interpretationen lassen. Vergangenes Jahr lieferte Carlo Mirabella-Davis mit Swallow einen solchen ab, erzählt darin augenscheinlich von der jungen Ehefrau Hunter mit Pica-Syndrom, dabei lässt sich Letzteres problemlos als Metapher für Hunters Situation und Leben lesen, in dem es Dinge gibt, die sie schlucken muss und die es zu verdauen gilt. Das Ergebnis ist die vielleicht zufriedenstellendste Emanzipationsgeschichte des Jahres.

2.
I’m Thinking of Ending Things (Charlie Kaufman, USA 2020): Nichts bereuen – dazu sind Figuren von Charlie Kaufman in der Regel nicht fähig. Auch sein jüngster männlicher Protagonist schwelgt in I’m Thinking of Ending Things im Gestrigen, während er mit seiner neuen Freundin zum Antrittsbesuch bei seinen Eltern fährt. In der Folge verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, verschmelzen Zeit und Raum. Das Ergebnis weist viel vom Humor des Auteurs auf, könnte letztlich aber durchaus etwas subtiler sein.

1. Bloody Nose, Empty Pockets (Bill Ross IV/Turner Ross, USA 2020): In ihrem jüngsten Werk Bloody Nose, Empty Pockets inszenieren Turner und Bill Ross IV eine Totenwache für eine Kneipe, die einer Gruppe Abgehängter der Gesellschaft zum Zuhause wurde, als enorm unterhaltsames, eindringliches Dokument darüber, wie eine Umgebung Menschen definiert und Menschen ihre Umgebung. “Sometimes you wanna go, where everybody knows your name, and they’re always glad you came”, wusste schon das Cheers-Theme.

22. April 2015

Avengers: Age of Ultron

I know you mean well. But you just didn’t think it through.

Befragt nach Avengers: Age of Ultron soll Regisseur Joss Whedon gemeint haben, der Film werde “smaller” und “not just a rehash of what worked the first time”. Anhand dieser Äußerungen muss das jüngste Action-Fest aus dem Hause Marvel als gescheitert betrachtet werden. Kleiner ist das so genannte Marvel Cinematic Universe hier keineswegs, vielmehr folgt Whedon der Blockbuster-Marschrichtung: The bigger, the better. Das heißt mehr Action, mehr Figuren, mehr, mehr, mehr. Und im Umkehrschluss vermutlich auch mehr Einnahmen an den Kinokassen als das 1,5-Milliarden-Dollar-Baby The Avengers. Am Vorgänger orientiert sich das Sequel speziell in seinem finalen Set Piece teils 1:1, was Age of Ultron entsprechend langweilig macht.

Hilfreich für die Spannung ist ebenso wenig, dass Marvel im Vorfeld groß sein Line-up bis 2019 ankündigt, inklusive dem Benennen, welche Figuren in welchen Filmen auftauchen werden. Wer sich also mit der Materie auseinandersetzt, weiß schon vorab, wer am Ende des Films ins Gras beißen und um wen man sich keine Sorgen machen muss. Dass zahlreiche Trailer und TV Spots die Handlung vorwegnehmen, ist derweil schon seit Jahren Gang und Gebe in Hollywood. Insofern ist Age of Ultron ein ziemlich ermüdender Film, der ohne wirkliche Höhepunkte daherkommt. Die Action ist belanglos und die Charaktermomente verschenkt, weil die Mehrheit der Figuren – auch aufgrund ihrer Anzahl – wenig bis nichts zu tun bekommt.

Die Handlung des Films setzt dabei einige Zeit nach den Ereignissen von Captain America: The Winter Soldier ein. Obschon S.H.I.E.L.D. de facto nicht mehr existiert, da von HYDRA unterwandert, sind die Avengers scheinbar immer noch in Aktion, wie das Opening Set Piece in medias res zeigt. Captain America (Chris Evans) hat die Suche nach seinem alten Kameraden Bucky Barnes in die Hände von Falcon (Anthony Mackie) gelegt, kämpft stattdessen mit Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Hawkeye (Jeremy Renner), Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Hulk (Mark Ruffalo) gegen die Schergen von HYDRA-Bösewicht Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) im fiktiven osteuropäischen Land Sokovia.

Schnell erledigt man sich der hier aufgefundenen Probleme und hat HYDRA scheinbar endgültig besiegt. Für die Figuren von Downey Jr. und Ruffalo Anlass, mit Hilfe von Lokis geborgenem Zepter und dem darin enthaltenen Infinity Stone ihr Projekt der künstlichen Intelligenz Ultron zu perfektionieren. Diese soll auf lange Sicht die Avengers obsolet machen und selbstständig die Erde vor (außer-)irdischer Bedrohung schützen. Nur hat Ultron (James Spader) andere Pläne, strebt vielmehr danach, die Avengers und die Menschheit auszulöschen, weil sie in ihrer Evolution stagniert seien. Helfen sollen ihm dabei die aus Sokovia stammenden Mutanten-Zwillinge Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) und Scarlet Witch (Elizabeth Olsen).

Die haben mit Tony Stark noch ein Hühnchen zu rupfen, weil ihr Haus einst von einer Rakete zerstört wurde, die Stark Industries hergestellt und verkauft hat. Nunmehr Waisen stellten sie sich in den Dienst von HYDRA und Baron von Strucker. Für die Avengers gilt es also, Frankensteins Monster zu eliminieren, ehe es Schaden anrichtet. Eine Mission, die die Helden vom fiktiven afrikanischen Staat Wakanda zum real existierenden Staat Südkorea über eine Zwischenstation in den USA zurück nach Sokovia führt. Mittendrin gibt es viel Krawall und Remmidemmi, in dessen Verlauf die Avengers quasi zu Terroristen avancieren, selbst wenn Ex-S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill (Cobie Smulders) dies charmant zum Social Media Trend euphemisiert.

Wirklicht thematisiert wird allerdings nicht, dass Iron Man und Hulk Anfang des zweiten Akts in Wakanda eine halbe Stadt in Schutt und Asche legen, bei der mehrere Gebäude beschädigt oder sogar zerstört werden. Womöglich sterben auch Menschen, was in diesen Disney-Marvel-Filmen schwer zu sagen ist. Später wird Joss Whedon diese innerstädtische Zerstörungsorgie noch zwei Mal wiederholen und damit Man of Steel toppen, der dies nur in zwei Städten wagte. Hier zeigt sich – zumindest für mich – eines der großen Probleme der Superhelden-Filme der Gegenwart, die glauben, großes Drama lässt sich nur dort inszenieren, wo es die Leute mitbekommen: mitten in der Stadt. Problematisch wird es, wenn ein Film hierbei redundant ausfällt.

Dass weniger manchmal mehr ist, haben Ang Lee und Bryan Singer vor zwölf Jahren in ihren Comic-Adaptionen unter Beweis gestellt. Dort wird in Hulk nicht halb San Francisco in Schutt und Asche gelegt, lediglich eine Straße aufgerissen und sowohl in X-Men als auch in X2 spielt sich der Konflikt zwischen Helden und Antagonisten außerhalb Bevölkerungsansammlungen ab. Wenn Whedon dann im Finale von Age of Ultron eine gesteigerte Neuauflage von The Avengers abliefert, spricht das Bände ob der fehlenden Ideen für dieses Sequel. Zugleich zeigen sich hier nochmals verstärkt die Probleme, die dem Film schon in seinen anderthalb Stunden zuvor die meiste Zeit über innewohnten: Er weiß mit seinen Figuren (zu) wenig anzufangen.

Denn zu den bereits angesprochenen Helden gesellen sich im Verlauf noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), War Machine (Don Cheadle) und der Android The Vision (Paul Bettany). Der Film beherbergt derart viele Figuren, dass er nie Zeit findet, sich wirklich um sie zu kümmern. Allenfalls Tony Stark bekommt eine richtige Handlung auf den Leib geschrieben, als moderner Dr. Frankenstein, dem seine Schöpfung abhanden kommt. Bezeichnend ist, wenn Thor Mitte des zweiten Akts kurzzeitig die Gruppe verlässt, um sich um eine Nebenhandlung zu kümmern, die sich im Off abspielt, für die aus unerfindlichen Gründen aber dennoch Stellan Skarsgård kurzzeitig zurück ins Franchise gezerrt wird. Alles im Dienste des Marvel Cinematic Universe.

Rechnet man die kleinen Nebenrollen von Andy Serkis als Ulysses Klaw (vorausschauend für Black Panther in zwei Jahren eingeführt) und Claudia Kim als Genetikerin Helen Cho dazu, plus Cameos von Idris Elba und Haley Atwell, beinhaltet Age of Ultron beinahe zwei Dutzend Figuren. Nahezu dankbar muss man sein, dass da die Helden-Freundinnen Gwyneth Paltrow und Natalie Portman nur in zwei Halbsätzen erwähnt werden. Und dennoch opfert Whedon Zeit, um zwei der übrigen Figuren mit einer aus heiterem Himmel ins Geschehen geschriebenen Romanze, der jegliches Fundament fehlt, auszustatten. Ironischerweise sind dies dann noch die dankbareren Momente, weil die Charaktere hier zumindest etwas zu tun kriegen.

Zumindest der Ansatz, den Joss Whedon mit Age of Ultron verfolgt, ist vielversprechender als noch im Vorgänger die beliebig erscheinende Alien-Invasion. Ultron als ultimativer Avenger ist nachvollziehbar gedacht, seine augenblicklich eintretende Abkehr vom Schöpfer wirkt aber so überhastet, wie sein finaler Plan in sich selbst unsinnig. Er ist, wie so vieles in diesem Film, bloß Mittel zum Zweck und Aufhänger für die nächste Actionszene. Das Potential der Handlung wird ebenso verschenkt wie seine Figuren in dieser, von denen der im Vorgänger blass gebliebene Hawkeye vermeintlich etwas mehr Tiefe bekommt – nur macht diese den langweiligen Bogenschützen, trotz aller im Film geäußerten Beteuerungen, nicht wirklich interessanter.

Ein Urteil, das auf die meisten hier zutrifft. Wirklich spannend ist lediglich die Beziehung von Stark und Ultron, ohne dass Whedon sie vollends ins Zentrum stellt. Sie wird angerissen, wie so vieles, darunter auch die Folgen, die das Treiben von Iron Man und Avengers auf die Menschheit haben (siehe Quicksilver und Scarlet Witch oder Wakanda/Sukovia). Beiläufig erwähnt, weil: keine Zeit. Wirklich Leben bekommen die Mutanten nicht eingehaucht, genauso wenig wie The Vision. Und der eigentlich vielschichtige Ultron verkommt schnell zum 0815-Maniac, der mit seinem Weltzerstörungsplan ebenso gut der Widersacher von James Bond wie den Avengers sein könnte. Etwas mehr Auseinandersetzung mit sich selbst wäre nett gewesen.

Etwas, was man Whedon und Marvel generell als Rat mitgeben möchte. Denn irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, keine Stadt mehr zerstörbar, auch die letzte Minute der zweieinhalbstündigen Laufzeit mit am Computer gerenderter Action ausgefüllt. Dass man mit wenig auch viel, wenn nicht sogar mehr erreichen kann, zeigte zuletzt Marvels auf Netflix exportierte Serie Daredevil. Hier ist der Bösewicht eine reale Figur mit Persönlichkeit und der Held ein mit sich hadernder Weltverbesserer, beide sich nicht unähnlich und doch mit unterschiedlichen Ansätzen. Ihr Konflikt ist spannend und steht im Fokus des Geschehens. Manchmal ist weniger mehr. Zumindest an den Kinokassen wird das für Age of Ultron aber irrelevant sein.

3.5/10

18. März 2015

Foxcatcher

Do you have a problem with me?
 
Die besten Geschichten, heißt es so schön, schreibt immer noch das Leben. Das wurde nicht zuletzt dieses Jahr bei den Oscar-Nominierten für den Besten Film deutlich. Da tummelten sich Storys um Alan Turing (The Imitation Game) über Chris Kyle (American Sniper) bis hin zu Martin Luther King Jr. (Selma) und Stephen Hawking (The Theory of Everything). Selbst Richard Linklaters Boyhood wurde im Laufe seiner zwölfjährigen Entstehung von seinem Hauptdarsteller beeinflusst, erzählt somit auch Teile von seiner Biografie. Nicht unter den Nominierten war Foxcatcher, der ebenfalls auf dem Leben und Erlebten von wahren Figuren basierte. Sich hier aber wie alle Filmbiografien auch reichlich Freiheit in der kreativen Darstellung nahm.

Erzählt wird die Geschichte von Ringer Mark Schultz (Channing Tatum), der 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die Goldmedaille gewann. “This is more than just a piece of metal. It’s about what the medal represents”, erklärt Schultz zu Beginn zwei Jahre nach seinem Olympiasieg einer Schulklasse für einen Vortragslohn von $20. Es wird klar: mit der Karriere hakt es zur Zeit. Begehrt ist nur Marks älterer Bruder Dave (Mark Ruffalo), ebenfalls Olympiasieger und von den beiden der talentiertere. Nichtsdestotrotz erhält Mark die Anfrage von Multimillionär John E. du Pont (Steve Carell), dessen privates Ringer-Team Foxcatcher zu trainieren, damit es für die USA zwei Jahre später bei Olympia 1988 in Seoul antreten kann.

Im Kern dreht sich Foxcatcher wiederum um zwei Männer, die aus dem auf sie geworfenen Schatten heraustreten wollen. “You have been living in your brother’s shadow your entire life”, konstatiert du Pont in einer Szene korrekterweise gegenüber Mark. Zugleich lebt aber auch der Millionär selbst, trotz seiner Philanthropie, im Schatten seiner Mutter (Vanessa Redgrave) und seiner Familie. Seine Unterstützung des Ringer-Sports ist für ihn ein Weg, auf sich aufmerksam zu machen. “I’m giving America hope”, ist du Pont überzeugt. Und will deshalb die Goldmedaille wieder nach Hause holen – mit der Hilfe von Mark und Dave Schultz. Letzterer will jedoch nicht auf die Foxcatcher-Farm ziehen, der Familie zuliebe. So bleibt Mark also allein.

In dieser von beiden Männern gelebten Einsamkeit finden sie schließlich einander. Mark rutscht allerdings bald in ein Abhängigkeitsverhältnis und in Drogensucht, als Folge dessen beteiligt sich Dave dann doch irgendwann bei Foxcatcher. Nur was genau zwischen du Pont und Mark vorfiel und was alle drei Figuren antreibt, vermag Regisseur Bennett Miller nie wirklich hervorzuheben. Entzweite die Drogensucht von Mark ihn und seinen Gönner? Und wie bewog dieser am Ende doch Dave dazu, für ihn zu trainieren, nachdem der Ältere zuvor mehrmals ablehnte? Die Kluft zwischen Mark und du Pont ist jedenfalls derart groß geworden, dass das gemeinsame Projekt vor dem Scheitern steht. Und damit auch die Existenzen beider Männer.

Dem Film fehlt folglich ein Zugang zu seinen Figuren und ihren Motivationen, zudem eine rechte Struktur. Schließlich kulminiert Foxcatcher in einem Ereignis aus der biografischen Realität, versäumt es jedoch, auf dieses wirklich hinzuarbeiten. Eher schludrig schneidet Miller am Ende einige Bilder aneinander, die wohl Resultat der vorherigen zwei Stunden sein sollen, es aber in der Realität nur bedingt so waren. Die Frage stellt sich, was Foxcatcher uns eigentlich erzählen will: von einem bestimmten Ereignis, und wie dieses zustande kam, oder von den Figuren, deren Weg letztendlich zu diesem Ereignis führte? Keiner dieser Herangehensweisen wird der Film dabei vollends gerecht. Was bedauerlich ist, angesichts des Themas.

Zuvorderst lebt der Film neben seiner soliden technischen Inszenierung von dem Spiel seiner Darsteller. Wieso Carell dabei als Bester Hauptdarsteller nominiert wurde, bleibt offen, steht seine Figur doch hinter Mark – oder über Strecken auch Dave – Schultz zurück. Tatums Leistung ist es auch, die am ehesten im Gedächtnis bleibt, während Ruffalo gewohnt überzeugt, Carell wiederum du Pont nicht wirklich zu fassen kriegt und mit lebloser Mimik durch die Szenerie wandelt. Am Ende ist der Zuschauer so alleingelassen, wie es Mark Schultz und John du Pont die meiste Zeit des Films über waren. Als Charakterstudie versagt Foxcatcher somit genauso wie als Biografie-Drama. Und dabei schreibt das Leben doch immer die besten Geschichten.

5.5/10

20. April 2012

The Avengers

There is no version of this where you come out on top.

Jetzt, endlich, ist es soweit. Jeder Held und jede Sekretärin aus dem Avengers-Büro wurde, seit 2008 Iron Man die große Vorstellungsrunde begann, eingeführt. Okay, die Gründungsmitglieder aus dem Comic, Ant-Man und Wasp, haben es nicht in den finalen Film geschafft, aber irgendwann schien auch Marvel keinen Bock mehr gehabt zu haben, für jede Figur einen eigenen Prologfilm zu produzieren. Immerhin kostet jedes cineastische Bewerbungsgespräch der Spandex-Träger knackige 150 Millionen Dollar – Marketingkosten nicht einmal berücksichtigt. Stattdessen kommt also nun The Avengers, mit 220 Millionen Dollar etwas teurer produziert, dafür aber vollgestopft mit Superhelden und Hollywood-Stars. Total super, oder?

Das Problem war nur, wie das Ergebnis strukturiert werden würde. Denn im Gegensatz zu den beiden Iron Man-Filmen liefen die anderen Avenger-Helden zwar solide, aber auch keineswegs (ähnlich) überragend. Das Reboot-Sequel The Incredible Hulk spielte kaum mehr ein als der – gänzlich zu Unrecht – vielgescholtene Hulk von Ang Lee, während Captain America etwas mehr als die Hälfte von Iron Man 2 einbrachte. Wie passend, dass selbst in den USA Thor erfolgreicher lief als der US-Posterboy. Es oblag also nun Joss Whedon, dafür zu sorgen, dass The Avengers nicht zu Iron Man & Friends verkommen würde. Bezeichnend ist nunmehr, dass dieser Fall nun dennoch eingetreten ist. Und angesichts der Figurengestaltung im Grunde auch zurecht.

Robert Downey Jr. und sein Tony Stark sind der große Trumpf dieses Films. Egomanisch, egozentrisch und damit quasi die fleischgewordene Inkarnation Hollywoods. Kein Wunder ist es Tony Stark alias Iron Man, dem die Glanzlichter des Films gehören. Während Stark für den comic relief sorgt, indem er sich verbale Scharmützel mit dem steifen Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans) liefert oder Bruce Banner (Mark Ruffalo) und Gegenspieler Loki neckt, obliegt es Iron Man, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wenn seine Kollegen überfordert sind. Man wird folglich das Gefühl nicht los, hier einen Füllfilm zwischen Teil 2 und 3 von Iron Man zu sehen. Denn im Grunde braucht es Captain America und Co. für The Avengers nicht.

Das wiederum ist dem Gesamtkonzept geschuldet, war doch absehbar, dass es einer überaus bedrohlichen Gefahr bedurfte, um Iron Man, Captain America, Hulk und Thor zu vereinen. Am Ende ist es nun Loki (Tom Hiddlestone) geworden, der kleine Asen-Bruder von Thor (Chris Hemsworth), der ihm bereits in dessen Intro-Film nicht gewachsen war. Zwar erhält er Hilfe einer außerirdischen Rasse – die laut Produzent Kevin Feige nicht die in den Comics auftauchenden Skrulls sein sollen, seltsamerweise jedoch Chitauri, auch bekannt als Ultimate Skrulls, sind –, wirklich ins Hemd macht man sich als Zuschauer angesichts dieser aber nicht. Es passt daher ins Bild, dass die größte Gefahr im Finale nicht außerirdischen Ursprungs ist.

Ohnehin sind die Alien-Invasion und Lokis Agenda, die gleichzeitig die Prämisse des Films bilden, reichlich unausgegoren geraten. Die Aliens wollen den Tesserakt, und diesen soll ihnen Loki besorgen, der wiederum will sich die Menschheit Untertan machen, dabei war sie ihm in Thor noch total egal. Weshalb die Aliens der Hilfe von Loki bedürfen und dieser sich von Ende des ersten bis Anfang des dritten Aktes mit einem total bescheuerten Nebenkriegsschauplatz aufhält – der für sich genommen keinen Zweck erfüllt und lediglich eine Ausrede für ein Action-Set-Piece sowie eine Gegenüberstellung aller Figuren darstellt –, sollte man besser nicht hinterfragen. Denn statt einer Handlung wartet nur eine Szenen-Show.

Viele kleine Einzelszenen werden dem Publikum geboten, einige von ihnen gab es bereits im massigen Preview-Material zu sehen. Iron Man und Captain America konfrontieren Loki, Iron Man und Captain America prügeln sich mit Thor, Thor prügelt sich mit Hulk, Black Widow prügelt sich mit Hawkeye, am Ende prügeln sich alle mit den Chitauri und Nick Fury steht meistens neben Cobie Smulders’ Maria Hill und erzählt den Superhelden, was eigentlich Sache ist. Zu einer stringenten und zusammenhängenden Handlung wird dies eher gequetscht, als dass es harmonisch ineinander fließt. Und dass die Hälfte des zweiten Akts sowie der gesamte dritte Akt – und damit die ganze zweite Hälfte des Films – nur aus Action besteht, tut ihr Übriges.

Zwar klingt das spaßig, wenn man sich vorstellt, dass Iron Man, Captain America, Hulk und Thor eine geschlagene Stunde lang in Action involviert sind, nur verliert die Action dadurch irgendwann an Spannung. Allein die Actionszene im Mittelteil gerät so epochal, dass allein der Versuch, sie noch mit einer Alien-Invasion zu steigern, beinahe anmaßend ausfällt. Und wenn dann Welle auf Welle nimmermüder Chitauri niedergestreckt werden, während die B-Riege der Helden um Black Widow und Hawkeye aufgrund fehlender Superkräfte Passanten aus Bussen befreien – das alles ohne erkennbare zivile Verluste oder Blut, schließlich ist es ein FSK-12-Film von Disney –, sehnt man irgendwann nur noch sehnsüchtig das Ende herbei.

Nach all dem Prologgedöns der letzten vier Jahre fällt The Avengers somit doch relativ enttäuschend aus. Sicher muss der Film keinen Drehbuch-Oscar gewinnen, aber bereits seine Vorgänger wandelten auf narrativ dünnen Pfaden. Dass die krude zusammengehaltene Handlung hier nur Legitimation für Action Deluxe sein soll, macht Whedons Film jedenfalls ziemlich vergessenswert. In wenigen Monaten, wenn dann mal wieder Batman und Spider-Man über die Leinwand turnen, wird man The Avengers bereits abgehakt haben. Dabei hat der Film durchaus seine positiven Eigenschaften und Momente, nur erscheinen diese angesichts der vielen vergeudeten Möglichkeiten zu gering, als dass sie das Ergebnis korrigieren könnten.

So sind es primär die vergnüglichen Iron Man und Hulk, die mit Humor und Schmackes dem Film eine Lanze brechen, was aufgrund der enormen Überlänge von zweieinhalb Stunden und Randfiguren wie denen von Jackson, Johansson und Renner aber nicht genug erscheint. Hier wäre im Nachhinein weniger mehr gewesen. Weniger Laufzeit, weniger Action, mehr Handlung und mehr Zeit für die Figuren. Denn irgendwie hat man sich nach fünf Filmen, die hierauf zugearbeitet haben, mehr versprochen als eine einzige große Actionszene ohne wirkliche Spannungsmomente, einem eher entschuldigten denn fundierten Handlungsgerüst und einer Handvoll Figuren, die zuvorderst Downey Jr. als Futter seiner ironiegewürzten Dialoge dienen.

Wen es also nach enormer Action voller Superhelden lechzt, wer sowieso am liebsten Iron Man die Daumen drückt, der dürfte mit The Avengers die richtige Hausnummer erwischt haben. Wünscht man sich jedoch, dass sich der Film so viel Zeit für seine Figuren und Geschichte nimmt, wie Bryan Singer in seinen X-Men- oder Sam Raimi in seinen Spider-Man-Filmen, dürfte man enttäuscht werden. Sollte es eine Fortsetzung geben und Joss Whedon erneut auf den Regiestuhl zurückkehren, will er das Sequel im Übrigen „kleiner und persönlicher“ inszenieren. Das klingt zwar schon vielversprechend(er), ob dem so ist, muss sich jedoch erst zeigen. Zuvor gilt es ohnehin erst einmal fünf weitere, flache Marvel-Filme durchzustehen.

4.5/10

13. Dezember 2009

Where the Wild Things Are

Will you keep out all the sadness?

Fast auf den Tag genau 13 Monate ist es her, seit das erste Bild von Where the Wild Things Are erschien. Meine Worte damals lauteten: „Weniger die Umsetzung (...) als vielmehr das Einfügen einer Handlung dürfte hier ein Problem darstellen.“ Und dies sollte sich bewahrheiten. Denn in gewisser Hinsicht war und ist Maurice Sendaks berühmtestes Kinderbuch perfekt. 18 Bilder, 10 Sätze und 338 Wörter brauchte Sendak, um seine Geschichte von Max und dem Land, wo die Wilden Kerle wohnen, zu erzählen. Max, ein Kind mit Anflügen von ADS, wird ohne Essen auf sein Zimmer geschickt und träumt sich dort in eine phantastische Welt. Mit fortschreitender Phantasie vergrößerte Sendak die jeweiligen Bildrahmen, bis schließlich das ganze Bild von seiner Zeichnung eingenommen wird und jeglicher Text fehlt. Über 19 Millionen Exemplare konnten seit 1963 von Where the Wild Things Are verkauft werden. Und dennoch war eine Verfilmung erst Anfang der achtziger Jahre im Gespräch.

Disney, rund um John Lasseter, hatte damals Versuche unternommen, Sendaks beliebte Kindergeschichte als Animationsfilm umzusetzen. Die Adaption der ersten beiden Szenen findet man auf YouTube. Doch das Projekt wurde ebenso wie eine Realverfilmung in den Neunzigern verworfen. Richtig Form nahm Where the Wild Things Are erst Anfang des aktuellen Jahrzehnts an, als Spike Jonze Interesse anmeldete. Vor vier Jahren begannen dann intensivere Planungen und sollten fast zum Scheitern verurteilt sein. Zuerst gab es Probleme mit den Kostümen der Wilden Kerle, dann war Warner Bros. verschreckt von der scheinbaren Familienuntauglichkeit des fertigen Produkts. Die Verantwortlichen wollten das 75-Millionen-Dollar-Projekt neu drehen lassen, entschieden sich dann aber dafür, Jonze es für weitere 25 Millionen Dollar stattdessen familienfreundlicher gestalten zu lassen. Nachdem der erste Trailer, auch dank „Wake Up“ von Arcade Fire, viel versprechend aussah, bewahrheitet sich mit Where the Wild Things Are meine Äußerung von vor 13 Monaten. Während der Look durchaus überzeugt, stellt die Integration einer Handlung ein leichtes Problem dar.

In der Adaption von Dave Eggers, bisher – oder chronologisch korrekt: seitdem – verantwortlich für das Drehbuch von Sam Mendes’ Away We Go, verkommt der achtjährige Max (Max Records) nun zum Scheidungskind. Sich seiner Phantasie hingebend, lebt seine ältere Schwester Claire inzwischen ihr eigenes Leben. Und auch seine Mutter (Catherine Keener) hat keine Zeit und Lust unentwegt mit ihrem Sohn zu spielen. Schließlich verlangt es den neuen Freund (Mark Ruffalo) auch ein wenig nach Aufmerksamkeit. Max wiederum fehlt jene Aufmerksamkeit, er überstrapaziert die Nerven seiner Mutter als er sie beißt („I’ll eat you up!“) und flieht letztlich in die nächtliche Nachbarschaft. Wo in der Vorlage eine mütterliche Strafe für ungebührliches Verhalten der Initiator für Max’ sprichwörtlich ausufernde Phantasie ist, verorten Eggers und Jonze ihre Geschichte als Flucht vor der Patchworkfamilie. Die im Folgenden zur Ankunft in einer weiteren Patchworkfamilie führt. Auf einer Insel strandend trifft Max schließlich die Wilden Kerle rund um ihren inoffiziellen Anführer Carol (James Gandolfini). Und wie sich herausstellt, ist auch da wo die Wilden Kerle wohnen, Einiges im Argen.

Mit dem Auftritt der Wilden Kerle löst sich Where the Wild Things Are dann von Sendaks Vorlage. Von seiner Mutter selbst als wild thing gebrandmarkt, trifft Max bei Sendak auf andere Wilde Kerle, die ihn schließlich anerkennend zu ihrem König wählen. Nach einer chaotischen Nacht („Let the wild rumpus start!“) ergreift Max jedoch das Heimweh. Der Film beschreitet andere Wege, will tiefschürfender sein und verliert sich etwas auf der Suche nach (s)einer Botschaft. Von Wilden Kerlen ist hier, Carol (meist) ausgenommen, keine Spur. Stattdessen erwarten Max teils apatische, teils depressive Spielgesellen, die sich vom neuen König erhoffen, von ihrer Melancholie befreit zu werden. Um sie auseinander zu halten, vergaben Jonze und Eggers ihnen nicht nur Namen, sondern auch Persönlichkeiten. Wobei es sich im Grunde nur um eine Persönlichkeit handelt, nämlich die von Max. Und mit einigen seiner Facetten sieht sich der Achtjährige lieber nicht konfrontiert.

Zur Identifikationsfigur wird der ungestüme Carol auserkoren, der über den Zustand seiner eigenen Familie so wütend ist, dass er wie ein Berserker durch ihr Zuhause stürmt. Seine Gefühlswelt beschreibt er später Max gegenüber als Gebiss, in dem im Alter die Zähne immer weiter auseinander stehen und letztlich ausfallen. Nichts ist mehr so wie früher, will doch keiner mehr wild herumtollen und auch KW (Lauren Ambrose) hat kaum noch Interesse an Carols Spieltrieb. Es sind diese Beiden, die an Max ihr Herz verlieren werden und vice versa. Mit dem meist abwesenden Daniel, der lieber für sich allein ist, und dem von der Gruppe vernachlässigten Alexander (Paul Dano) hat Max dagegen weniger zu tun. Als Spiegelbilder seiner selbst zählen sie, wie auch die mies gelaunte Judith (Catherine O’Hara), zu den Facetten, die er lieber verdrängen möchte. Aber der Zustand der Wilden Kerle offenbart, dass Max vor seinen Problemen mit seiner Familie nicht davon laufen kann. Insofern bemühen Eggers und Jonze hier sehr offensichtlich eine Katharsis ihres Helden.

Wo Sendak sich auf die Botschaft der mütterlichen Liebe beschränkt – Max kehrt nach Hause zurück und findet dort doch noch sein Abendessen vor -, versieht der Film Max mit einem Konflikt, den es zu lösen gilt. Wenn auch nur mit sich selbst. Erst die Position des quasi Außenstehenden bei den Wilden Kerlen sorgt dafür, dass er begreift wie unglücklich alle unter diesen Voraussetzungen sind. Insofern will er „no longer let his anger separate him from those whom he loves and who love him“, wie es Elizabeth Kennedy ausdrückte. Interpretiert man Sendaks Werk primär aus diesem Blickwinkel, wird der Film der Vorlage durchaus gerecht. Doch die Projizierung von Max auf alle sieben „Wild Things“ will nicht immer vollends überzeugen. Schon allein deshalb, da es wie erwähnt weniger Wilde Kerle als vielmehr manisch-depressive Kerle sind, die man aufgetischt bekommt. Auch die Katharsis von Max wirkt relativ halbgar, da er nicht ein Mal seine Phantasiewelt gebacken bekommt und diese immerhin eine vereinfachte Version seiner Realität darstellt. Ingesamt wirkt Jonzes Adaption vom sozialpsychologischen Standpunkt her somit leicht überfrachtet, weshalb auch die hinzugefügte Handlung nur bedingt überzeugen will.

Von der technischen Umsetzung her ist Where the Wild Things Are jedoch ausgesprochen gelungen. Die digitalisierten Gesichter auf den realen Kostümen synthetisieren gut und es schadet den Wilden Kerlen nur, wenn Jonze sie durch die Luft springen lässt. Hier wirken die Bewegungen nun wenig natürlich, was aber ob der geringen Präsenz an Sprüngen annehmbar ist. Ein besonderer Trumpf ist jedoch der Soundtrack von Karen O, der unentwegt jenes phantastische Gefühl zu transportieren weiß, das Sendaks Geschichte innewohnt. Und während sich Records erstaunlich gut schlägt, zwischen all den Riesenkostümen, sind es speziell Gandolfini und Dano, deren Stimmen besonders gut gewählt scheinen. Somit ist Where the Wild Things Are vielleicht kein Meisterwerk, aber trotzdem – und gerade in seinen letzten Minuten – ein teils wunderschöner und ergreifender Film geworden. „L.O.V.E., it’s a mystery“, singt Karen O schließlich im Abspann und es verabschiedet sich mit Spike Jonze nach vier Jahren Arbeit der wahre König der Wilden Kerle.

7/10

18. Oktober 2008

Blindness

The only thing more terrifying than blindness is being the only one who can see.

Unter den Blinden ist der Einäugige König. Die Redewendung kennt man ja und bedeutet, dass man selbst mit Mittelmäßigkeit noch jemandem überlegen sein kann, der schlechter dran ist als man selbst. Der portugiesische Schriftsteller José Saramango verfasste 1995 mit Blindness einen Roman, der in eine andere Richtung geht. Saramango entwarf eine Geschichte über eine Gesellschaft, die plötzlich blind wird. Nicht alle auf einmal, sondern nach und nach. Wie bei einer Epidemie. Was der Portugiese anschließend skizziert ist eine sich selbst demontierende Gesellschaft, die abseits ihrer erschaffenen Bequemlichkeit kaum im Stande ist ihre zivilisierte Ordnung aufrecht zu erhalten. Lange Zeit galt Blindness als einer jener Romane, denen man das Prädikat „unverfilmbar“ anheftet. Doch in heutigen Zeiten bedeutet das nichts mehr. Peter Jackson adaptiert mehr schlecht als recht Tolkiens Lord of the Rings und Tom Tykwer versucht sich noch eine Nummer größer an Süßkinds Das Pafüm. Der Mann, der sich an Saramangos Werk wagte, war schließlich Fernando Meirelles, der sich inzwischen dank Cidade de Deus und The Constant Gardener einen Namen gemacht hat. Mit seinem Film, der die Filmfestspiele von Cannes dieses Jahr eröffnet hat, läutet Meirelles dann auch den Herbst der Oscaranwärter ein, der noch so namhafte Konkurrenz wie Sam Mendes’ Revolutionary Road beherbergt. Ob es dem Brasilianer gelingt erneut seinen Film in der vordersten Front der Kategorien zu platzieren dürfte fraglich sein. Obschon Blindness bisweilen ein filmisches Werk von meisterlicher Intensität ist, büßt die Narration der Geschichte gerade zum Schluss hin stark ein und trübt das Gesamtergebnis.

Urplötzlich wird ein Mann (Yusuke Iseya) in seinem Auto auf offener Straße von einer milchigen Blindheit geschlagen. Der Besucht bei seinem Augenarzt (Mark Ruffalo) eröffnet, dass an seinen Augen kein Schaden festzustellen ist. Ehe er sich versieht, leidet am folgenden Tag auch der Arzt an jener milchigen Blindheit und übergibt sich der Gesundheitsbehörde. Die befürchtete Epidemie bewahrheitet sich. Neben dem Augenarzt und dem ersten Blinden finden sich in einer verlassenen Irrenanstalt auch andere Patienten des Arztes wieder, die in Reichweite des ersten Blinden gekommen sind. Was die anderen Patienten und auch die Gesundheitsbehörde nicht wissen, die Frau des Arztes (Julianne Moore) hat sich ebenfalls einweisen lassen – obwohl sie bestens sehen kann. Im folgenden fungiert sie insgeheim als die Augen des ganzen Blocks, während sich die Zahl der Infizierten immer mehr erhöht. Schon kurze Zeit später beginnen sich Spannungen aufzubauen, denn die Essensrationen der Regierung decken nicht den Bedarf aller Insassen. Deren Zahl wiederum übersteigt allmählich die Kapazität der Anstalt. Bei dem Versuch einer Aussprache erklärt sich ein Barkeeper (Gael Garcia Bernal) zum König von Block 3 und kurz darauf zum Anführer der Anstalt. Er erpresst die anderen Patienten im Austausch für Geld und Schmuck an den Lebensmittelrationen teilhaben zu können. Als die finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, macht er den Vorschlag, dass sich die Frauen des Blocks zur sexuellen Verfügung stellen. Während die gesellschaftliche Ordnung innerhalb der Anstalt fortwährend degeneriert, entfremden sich auch der Arzt und seine Frau, ehe die Situation letztendlich zur Eskalation führt.

Passend zur Thematik der milchigen Blindheit seiner Protagonisten hält Meirelles seine Bilder in oftmals klaren und ausgesprochen hellen Bildern. Diese wirken mitunter fast schon ausgebleicht und verhelfen Blindness zu einer gewissen Sterilität, die das Gezeigte eine Spur transzendenter erscheinen lässt. Durch die Kameraführung von César Charlone fühlt sich der Zuschauer speziell in den Szenen innerhalb der Anstalt gelegentlich selbst wie einer der wenigen Sehenden respektive wie die Frau des Arztes. Unterstützt wird jenes Szenario von der träumerischen Musik Marco Antônio Guimarães’, dessen Thema zum Film in manchen Einstellungen fast schon grotesk ob seines versteckten Optimismus wirkt. Von seiner technischen Seite präsentiert sich Blindness hervorragend. Dem Wunsch von Saramango kam man zwar nach, keine reale Stadt als Hintergrund zu verwenden, doch sind die Einstellungen zu Beginn aus Brasilien durchaus erkennbar. Diese vermischen sich dann später mit Szenenwechseln nach Kanada und Uruguay, sodass Meirelles seinem Film auf überzeugende Weise eine spezielle Globalität zu verleihen weiß. Gerade jene Szenen in der verwahrlosten Stadt hinterlassen einen bleibenden Eindruck, nicht weniger jedoch wie ihre Pendants in der Anstalt. Mehr und mehr degenerieren die Menschen mit ihrer Umgebung, welche sie visuell nicht einmal wahrnehmen können, sodass dieser Umstand nur noch stärker als Spiegelbild ihres eigenen Niedergangs angesehen werden kann.

Mit der visuellen Kraft des Filmes kann die Geschichte selbst dann eher nicht mithalten. Durch Nichtkenntnis der Vorlage lässt sich schlecht bestimmen, ob dies an Saramango oder Meirelles liegt, es wird jedoch von letzterem ausgegangen. Mehrfach verschiebt sich die Sichtweise innerhalb des Filmes, versucht man sich zu Beginn an einer gewissen Objektivität, folgt Blindness ab der Anstaltseinweisung verstärkt der Frau des Arztes. Allerdings wechselt diese Perspektive nach einiger Zeit zu Gunsten des Mannes mit der Augenklappe (Danny Glover), welcher zuvor für den eigentlichen Ablauf der Handlung keine Bedeutung hatte. Er ist es dann auch, der den Film durch seine Erzählstimme bis zum Ende begleitet, was es nicht unbedingt schwer macht der Handlung zu folgen, doch ist es ein etwas störendes Stilmittel, dessen sich der Brasilianer hier bedient. Hierzu zählt auch die fehlende Fokussierung auf alle Figuren, deren Oberfläche Meirelles gelegentlich ankratzt, aber dem nie näher nachgeht. Neben dem Mann mit der Augenklappe trifft dies auch auf die Frau mit der Sonnenbrille (Alice Braga) zu. Wer ist sie? Was macht sie aus? Zwischen der einen Einstellung und der nächsten präsentiert Meirelles auf einmal emotionale Spannungen zwischen ihr und dem Arzt, die dann wieder ebenso schnell verblassen. Und praktisch nebenher führt er eine Beziehung zwischen ihr und dem Mann mit der Augenklappe ein. Große Gefühle, die unverständlich wirken, da man beide Figuren zuvor kein einziges Mal zusammen in einer Einstellung gesehen hat. Traurigerweise trifft diese Vernachlässigung der Charaktere nicht nur die Nebendarsteller, sondern auch den Arzt und seine Frau. Was in ihnen und den anderen vorgeht weiß der Regisseur nicht in seine Bilder zu packen, sodass es einem trotz der dramatischen Bilder schwer fällt, wirklich mit den Figuren zu sympathisieren.

Dies fällt einem besonders beim Verhalten von Julianne Moores Figur schwer, welches selten bis gar nicht nachvollziehbar ist, speziell wenn man die Umstände betrachtet. So offenbart sie jederzeit den Ausweg aus dieser „Hölle“, doch lässt Meirelles sie nicht diesen Pfad bestreiten. In gewissem Sinne ist daher jene Massenvergewaltigungsszene der Höhepunkt des Filmes, von einer derartigen Intensität geprägt, dass sich einem der Magen umdreht. Gerade die Szenen mit dem König von Block 3 sind schwer zu ertragen, da hier die wahre Fratze der menschlichen Existenz zum Vorschein dringt. Dabei besitzt Bernals Figur durchaus Tiefe, wie auch von ihm selbst bestimmt, doch auch jene Tiefe wird von Meirelles nicht wirklich auf die Leinwand transferiert. Der König ist ein Mensch, wie man ihn überall findet, die andere Seite zur Medaille, die mit dem Arzt vervollständigt wird. Wenn hier die Sitten verrohen, nimmt Blindness immense Fahrt auf, ist ein schwer erträgliches, da authentisches Bild der Menschheit und fasziniert. Durch die Vernachlässigung der Figuren, die Art und Weise der Narration und der unsäglichen – obschon hervorragend inszenierten – letzten Viertelstunde verliert der Film sehr viel. Ratsamer wäre es gewesen, weniger Charaktere einzubauen oder wenn schon so viele, diese auch entsprechend auszuleuchten. Mal hü und mal hott geht dann jedoch nicht. Dass Meirelles vieles im Raum stehen lässt, kann man oft nachvollziehen, spielt einiges – zum Beispiel was die Blindheit ist – auch nur eine untergeordnete Rolle. Was Blindness wirklich sein will, verrät sich in seiner letzten Einstellung und den finalen Worten. Dass das, was man zuvor gesehen hat, unweigerlich damit zusammenhängt, erschließt sich einem nicht unbedingt. Meirelles verschenkt viel Potential, was sich seinen mehrfachen Wendungen verdankt. Ist Blindness sowohl vom technischen Aspekt wie seinen Schauspielern gelungen, hapert es doch ein wenig an seiner Geschichte.

6/10

27. Juni 2008

Reservation Road

Can you hear music if you're in Heaven?

König Theoden sagt in The Two Towers, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen. Der Tod eines Elternteils ist in Hollywood-Filmen oftmals Auslöser für eine Selbstfindung der hinterbliebenen Kinder und wird zentral in Dramödien wie Garden State oder Elizabethtown behandelt. Beide Filme haben ruhige und konsternierte Söhne als Hauptprotagonisten, die das Elternteil zwar vermissen, an dem Verlust jedoch nicht zu Grunde gehen. Anders dagegen ist dies, wenn ein Elternteil sein Kind verliert. Sean Penn inszenierte in The Crossing Guard Jack Nicholson als verbitterten Vater, der Rache an David Morse für den Tod seines Kindes ausüben wollte. Auch Naomi Watts verlor in 21 Grams von Alejandro Gonzáles Iñárritu ihre beiden Kinder nebst Ehemann und zerbrach schier daran. In John Burnham Schwartz’ Roman Reservation Road (dt. Eine Sekunde nur) wird ein solches Ereignis beschrieben.

Nach einem glücklichen Ausflug macht die Familie Learner um Oberhaupt Ethan und Ehefrau Grace Halt an einer Raststätte auf der Reservation Road. Der zehnjährige Sohn, Josh, verlässt den Wagen und wird daraufhin von einem ausscherenden Geländewagen erfasst und tödlich verletzt. Im Wagen saß Dwight Arno mit seinem Sohn Sam, beide auf dem Heimweg von einem Baseballspiel. Dwight hält zwar kurz an, begeht dann jedoch Fahrerflucht und lässt eine trauernde Familie auf der Reservation Road zurück. Schwartz’ Roman wurde im vergangenen Jahr von Terry George fürs Kino verfilmt. George, der für seine Drehbücher zu In the Name of the Father und Hotel Rwanda jeweils eine Oscarnominierung erhielt, adaptierte Schwartz’ Drehbuch und besetzte den Film mit hochkarätigen Schauspielern. Erfolg war ihm dabei jedoch nicht vergönnt, der Reservation Road spielte weltweit nicht mal eine Millionen Dollar ein und wurde auch bei den diesjährigen Academy Awards übergangen.

Der Roman von Schwartz beeindruckt dadurch, dass jedes Kapitel sich abwechselnd auf das Innenleben von Ethan, Grace und Dwight beschränkt, ihr Innenleben reflektiert und so die Handlung vorangetrieben wird. Dabei ist sich Dwight seiner Schuld durchaus bewusst und er plant letztlich sein Geständnis bei der Polizei, will zuvor aber noch etwas Zeit mit seinem eigenen zehnjährigen Sohn verbringen, der bei Dwights Ex-Ehefrau Ruth lebt. Während sich Ethan und Dwight im Roman nie begegnen, veränderte George das Drehbuch an diesem Punkt. Nach dem Verlust von Josh wird Ethan (Joaquin Phoenix) von Rachegelüsten überfallen. Immer mehr entfremdet er sich von seiner ebenfalls trauernden Frau Grace (Jennifer Connelly). Da er die Ermittlungen der örtlichen Polizei als unzureichend empfindet, informiert Ethan sich übers Internet in etwaigen Foren und schaltet schließlich eine Anwaltskanzlei ein.

Wie das Schicksal so spielt, arbeitet ausgerechnet der Täter und Fluchtwagenfahrer Dwight (Mark Ruffalo) bei dieser Anwaltskanzlei - doch Ethan erkennt ihn nicht. Bei den Kritikern kam Reservation Road nicht besonders gut weg, Filmrezensent James Berardinelli von ReelViews bemängelte insbesondere das schwache Ende im Vergleich zur Vorlage. Wer den Roman kennt, mag sich wundern, wovon Berardinelli eigentlich spricht, denn abgesehen von einem Ortswechsel ist das Ende im Film vom Inhalt her identisch mit dem des Romans. Die Abänderung der Beziehung zwischen Ethan und Dwight mag man dagegen durchaus kritisch beobachten, Roman und Film gehen hier zwei verschiedene Wege, die letztlich am selben Ziel enden. Es lässt sich jedoch kaum leugnen, dass in den Szenen zwischen den Beiden die Spannung förmlich in der Luft liegt, ein Knistern, das eine herbe Explosion anzudeuten vermag.

Wirklich bedauerlich hingegen ist die Kürzung von Grace im Film, die dem Publikum mehr von der großartigen Jennifer Connelly vorenthält. Im Roman wird ihr eine weitaus bedeutendere Rolle zugesprochen, im Film hingegen konzentriert sich George zuforderst auf die Gemeinsamkeiten zwischen Ethan und Dwight. Zwei Männer, die in etwa im selben Alter sind und die beide einen zehjährigen Sohn haben. Während Dwight mehrfach Streitereien mit seiner Ehefrau Ruth (Mira Sorvino) hatte und schließlich das Sorgerecht verlor, ist Collegeprofessor Ethan eine gute Seele und stolzer Vater zweier musikalisch begabter Kinder. Man mag sich daran beißen, dass die Learner hier die klischeehafte, harmonische Familie geben, im Laufe des Filmes wird sich dies jedoch ändern. Anstatt für seine Familie da zu sein, kapselt sich Ethan immer mehr in seinem Kummer ab. Ein einsamer Mann auf der Suche nach Vergeltung. Seine Ehefrau Grace hingegen versucht mit dem Verlust ihres einzigen Sohnes zurecht zu kommen und ihrer Tochter Emma (Elle Fanning) eine gute Mutter zu sein.

Dwight hingegen ist von enormen Schuldgefühlen geplagt, als Vater ist er sich des verursachten Schmerzes durchaus bewusst. Da er nicht überführt werden kann, plant er sich zu stellen. Zuvor will er jedoch noch die Meisterschaft im Baseball mit seinem Sohn verfolgen, ein letztes positives Ereignis, ehe er für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern wird. Zwei Männer mit Seelenballast, zwei Männer die etwas zu verlieren haben. Man mag sich fragen, was passiert wäre, wenn Ethan Dwights Sohn Lucas und nicht umgekehrt Dwight Ethans Sohn Josh überfahren hätte. George skizziert zwei liebende Familienväter, die lediglich versuchen ihre Familie zusammenzuhalten und mit dem Schmerz klar zu kommen. Besondere Spannung erhält dies selbstverständlich durch den Umstand, dass Dwight durch seine Arbeit in die Umgebung der Learners gezogen wird.

Die Oscarpreisträger im Cast finden sich mit Connelly und Sorvino auf Seiten der beiden Damen, Reservation Road jedoch gehört alleine den männlichen Schauspielern um Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo. Besonders Phoenix weiß hier als introvertierter Vater zu überzeugen, sein Spiel ist von einer außerordentlichen Tiefe geprägt, dagegen kommt selbst Ruffalo mit einer ebenfalls guten Leistung oft nicht an. Aber auch Connelly weiß wie so oft zu überzeugen, obschon ihre Figur im Gegensatz zur Vorlage etwas eingeschränkt wurde. Von Sorvino sieht man leider viel zu wenig, sie fügt sich jedoch mit Elle Fanning in das großartig aufspielende Ensemble ein, welches den Film im Grunde alleine trägt. Abgerundet wird das Ganze dann von Mark Ishams stimmungsvollen Kompositionen, die versuchen in ruhigen Tönen den Schmerz der Familie Learner und die innere Zerrissenheit von Dwight einzufangen.

Georges Film schließt den Zuschauer etwas aus dem Innenleben der Figuren aus, dass man eine solche Geschichte jedoch auch aufteilen kann, hat im vergangenen Jahr Todd Field mit seinem großartigen Little Children bewiesen. Nichtsdestotrotz ist Reservation Road Schauspielkino erster Güte und der Schmerz, den die Learners empfinden, transferiert sich wunderbar auf die Leinwand und wirkt ergreifend auf das Kinopublikum. Das Ende, betrachtet man das Geschehene nur konsequent, erinnert in seiner Auflösung jedoch etwas an Hanekes Caché. Zuletzt sei gesagt, dass der Trailer zum Film wieder mal sinnbildlich für die Inkompetenz der Trailercutter steht. Wenn sie einem nicht gänzlich die Laune auf einen Film vermiesen, wie bei Hallam Foe oder XXY, so nehmen sie das Ende des Filmes, wie hier geschehen, bereits vorweg. Wer Reservation Road in 150 Sekunden gepresst sehen will, sei somit der Trailer geraten, alle anderen sollten um diesen einen Bogen machen.

7.5/10

25. Dezember 2007

Zodiac

Just because you can’t prove it doesn’t mean it isn’t true.

Ende der 1960er Jahre versetzte ein unbekannter Täter in San Francisco eine ganze Region in Panik. Zwischen Dezember 1968 und Oktober 1969 brachte ein Mann, der sich selbst „Zodiac“ nannte, fünf Menschen um und verletzte zwei weitere schwer. Seine ersten Opfer waren am 20. Dezember 1968 die erst 16-jährige Betty Lou Jensen und ihr 17-jähriger Freund David Faraday, welche in Vallejo von dem Killer ermordet wurden. Am Unabhängigkeitstag im folgenden Jahr wurde die Kellnerin Darlene Ferrin auf der Lover’s Lane, einem Treffpunkt für Pärchen, erschossen, während ihr Begleiter Michael Mageau überlebte. Am 27. September attackierte er in einem Park ein weiteres Pärchen, Cecilia Shepherd und Bryan Hartnell, auch hier konnte der Mann schwer verletzt überleben. Sein letztes Opfer fand der Zodiac offiziell in dem Taxifahrer Paul Stine, welchen er am 11. Oktober 1969 erschoss. Was anschließend begann, war eine briefliche Konferenz zwischen Täter und Polizei, die sogar einen Ausflug ins Fernsehen fand. Schließlich hörte der Zodiac auf zu morden und die Ermittlungen gerieten ins Schleppen. Zwei Jahre später glaubte man in Arthur Leigh Allen einen Verdächtigen gefunden zu haben, doch konnte dieser nie mit den Morden in Verbindung gebracht werden. Der Zodiac verschwand und allmählich auch die Erinnerung an ihn.

Bereits 1971 fand der Zodiac ein Forum in der medialen Welt. Don Siegel inszenierte Dirty Harry, in welchem Clint Eastwood einen Serienkiller mit dem Decknamen „Scorpio“ jagte. In David Finchers Verfilmung von Robert Graysmiths Büchern Zodiac und Zodiac Unmasked ist eine Kinovorführung von Siegels Film für die Polizei von San Francisco zu sehen. Fincher, der selbst noch mit dem Zodiac aufgewachsen war, findet in diesem ungelösten medialen Thrillerstoff eine großartige Plattform für einen Film. Anderthalb Jahre recherchierte er Material für seine Adaption, während das Drehbuch von James Vanderbilt gemeinsam mit Robert Graysmith entstand. Fincher bildete dabei Paramounts erste Wahl für den Stoff, hauptsächlich wegen seiner Arbeit an Se7en. Zur selben Zeit war Fincher jedoch für eine Verfilmung von James Ellroys The Black Dahlia vorgesehen, konnte sich aber mit den Produzenten auf keinen gemeinsamen Nenner einigen. Für seine Verfilmung des Zodiac-Stoffes verwendete Fincher zum ersten Mal in der Filmgeschichte ausschließlich eine digitale Kamera, für die er in den Jahren zuvor durch Werbungen für Nike oder Heineken Erfahrungen sammelte.

Die Handlung von Zodiac setzt beim Mord von Darlene Ferrin ein, beginnt also ein halbes Jahr, nachdem der Zodiac zum ersten Mal gemordet hat. Die Redaktion des San Francisco Chronicle erhält daraufhin einen Brief des Täters, dessen Veröffentlichung er verlangt. Dem Brief anbei liegt ein chiffriertes Rätsel, welches die Identität des Killers offenbaren soll. Redakteur Paul Avery (Robert Downey Jr.) beginnt seine Recherchen für den Fall und kollidiert dabei mit den Interessen der San Franciscoer Ermittler David Toschi (Mark Ruffalo) und William Armstrong (Anthony Edwards). Stattdessen beginnt sich der Karikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) für den Fall, insbesondere das Rätsel, zu interessieren. Nachdem die Ermittlungen gegen den Zodiac jedoch im Sande verlaufen, widmet sich Toschi anderen Fällen, auch wenn er den Ermittlungen gegenüber offen bleibt. Während sich Armstrong versetzen lässt und Avery am Scheitern des Falles zugrunde geht, ist es Graysmith, der nach mehreren Jahren erneut den Fall aufzurollen versucht. Doch Toschi will von seinen privaten Erkenntnissen nichts wissen und auch Graysmiths Ehe mit seiner Frau Melanie (Chloë Sevigny) ist im Begriff, an seiner Zodiac-Manie zu scheitern.

Seine Produktionskosten von 65 Millionen Dollar konnte der Film weltweit mit einem kleinen Gewinn wieder einspielen, wieso er jedoch gerade in den USA mit lediglich 30 Millionen Dollar so geflopt ist, erscheint unverständlich. Schließlich ist der Zodiac ein amerikanischer Serientäter, zudem einer, der nie überführt wurde. In einem Land, das seine Mörder so sehr verehrt wie die USA, sollte eigentlich eine größere Begeisterung für das Thema existieren. Dass es sich bei Zodiac um keinen zweiten Se7en handelt, sollte den meisten Zuschauern klar gewesen sein. Da kann es schon eher an der Laufzeit von zweieinhalb Stunden gelegen haben, dass manch Amerikaner dem Film fernblieb. Wie so oft spiegeln die Kritiker ein anderes Bild wieder, als das tatsächliche Einspielergebnis, mit 89% bei Rotten Tomatoes erreicht der Film seine besten Werte. Dabei liefert Fincher keinen klassischen Thriller mit Spannungselementen, sondern offeriert seinen Zuschauern eine minutiöse Abhandlung der Ermittlungen von Avery, Graysmith und Toschi.

Der Film ist durchzogen von Zeitsprüngen, meist werden mehrere Wochen übersprungen, teilweise auch Jahre. Was allerdings zwischen diesen teilweise sehr langen Sprüngen passiert, bleibt dem Zuschauer verschlossen. David Fincher erzählt hier keine stringente Geschichte einer einzelnen oder mehrerer Figuren, sondern er springt von Entwicklung zu Entwicklung. Was die Charaktere denken, fühlen oder tun, zwischen dem einen Brief und dem nächsten, zwischen diesem Ereignis und einem darauffolgenden, bleibt im Unklaren und macht es schwer, ein wirkliches Interesse für die Charaktere aufzubringen. Insbesondere Robert Graysmiths Leben ist dabei kritisch zu betrachten, denn wenn er auch zu Beginn gleich auftaucht, spielt er schließlich erst im letzten Drittel eine entscheidende Rolle. Seine plötzliche Begeisterung und Manie für den Fall über vier Jahre nach dem letzten Mord wird nicht wirklich verständlich. Auch sein Verrennen in die Mordfälle, sodass sein Familienleben scheitert, wirkt nicht sonderlich glaubwürdig oder für den Zuschauer ergreifend. Dazu wurde sein Familienverhältnis zu wenig gezeigt.

Inwiefern der Fall das Leben der anderen vier Protagonisten beeinflusst, bleibt ebenso unklar. Auf einmal ist Avery ein seelisches Wrack, wie genau es dazu kam, wird nicht ausreichend geschildert. Ebenso verhält es sich bei Armstrong und teilweise Toschi, von denen allein einzelne Reaktionen gezeigt werden. Fincher stellt die Figuren eindeutig hinter die Geschichte, vernachlässigt ihre Entwicklungen und zeigt nur den Verlauf des Zodiac-Falles. Obschon er hierbei keine wirkliche Handlung erzählt, sondern Fakten und Verbindungen diskutiert, wird dennoch das Interesse am Film aufrecht erhalten. Zodiac ist dabei nicht zu dokumentarisch, um nicht zu unterhalten, zugleich zu sehr für sich stehend, um reine Dokumentation zu sein. Manche Klischeehafte Charakterisierung wie Avery als Pausenclown mit etwaigen Faxen und Einzeilern oder Graysmiths nerdiger Cartoonist mit Begeisterung für Rätsel fallen dabei leicht aus dem Rahmen. Die Figuren bleiben folglich etwas blass,  fast so wie die Visuelle Gestaltung des restlichen Films über weite Strecken – kein Wunder, dass er bisher ohne Auszeichnungen blieb.

Positiv zu vermerken ist, dass sich Fincher nicht irgendwelchen eigenen Spekulationen hingibt, sondern an den wahren Tatsachen und Mutmaßungen orientiert. Wie dem Tatverdacht gegenüber Arthur Leigh Allen. Ebenso positiv ist Finchers Ansatz, einen unkonventionellen Thriller der Gegenwart zu drehen, der sich nicht dem Gore hingibt und somit die perversen Phantasien einer gewaltgeilen Generation bedient. Vielleicht liegt hier der Grund, dass der Film beim Publikum scheiterte, vielleicht fehlten ihm nur ausgeschnittene Augen und abgetrennte Schädel. Wenn Fincher jedoch den Zodiac seine Opfer angreifen lässt, erschreckt dies nicht wegen dem Tathergang an sich, sondern aufgrund seiner Umstände. Wer würde schon damit rechnen, am helllichten Tag an einem See mehrfach abgestochen zu werden? Technisch ist Zodiac also makellos inszeniert, es bleibt lediglich fraglich, ob eine 1:1-Verfilmung eines Tatsachenberichtes vollends als Unterhaltungsfilm funktioniert, da hierbei Handlung und Figuren bisweilen zum Opfer fallen.

8/10