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27. Juli 2018

Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb

You’re gonna have to answer to the Coca-Cola company.

Heutzutage kann man sich im Grunde nicht vorstellen, dass es gefühlt jeden Moment zum nuklearen Holocaust kommen könnte. Während des Kalten Krieges zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion war dies schon anders; ganz besonders natürlich in der knapp zwei Wochen währenden Kubakrise im Oktober 1962. Eigentlich kein Thema, um darüber zu lachen – so sollte man meinen. Regisseur Stanley Kubrick sah dies seiner Zeit allerdings ein wenig anders, als er seine ursprünglich als Thriller konzipierte Adaption von Peter Georges Roman Red Alert über einen drohenden Krieg zwischen beiden Nuklearmächten ins Absurde verdrehte. Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb war das Ergebnis.

Ungeachtet seines Komödien-Genres war der Film über weite Strecken relativ authentisch gehalten – selbst wenn die Produzenten eingangs eine Texttafel integrierten, um auf die Fiktionalität des Gezeigten hinzuweisen. Ausgangspunkt der Handlung ist die Aktivierung des Wing Attack Plan R durch General Jack D. Ripper (Sterling Hayden). Im paranoiden Wahn vor sowjetischen Einflüssen auf die US-amerikanische Gesellschaft setzt er sich über die Befehlskette hinweg und instruiert die sich in der Luft befindlichen B-52 Bomber zum Gegenschlag auf die UdSSR. Darunter das Kommando von Major ‘King’ Kong (Slim Pickens). Der Gegen- ist dabei ein Präventivschlag – was die Weltvernichtungsmaschine der Sowjets aktivieren würde.

Die Hybris der Figur von Ripper ist es, die ein Untergangsszenario beschwört. Eben auch durch die Ironie, dass die Amerikaner nichts vom automatisierten sowjetischen Gegenschlag wussten. “Of course, the whole point of a Doomsday Machine is lost, if you keep it a secret!”, moniert später auch Dr. Strangelove (Peter Sellers) gegenüber dem sowjetischen Botschafter Alexi de Sadesky (Peter Bull). Zu dem Zeitpunkt sind die Figuren bereits Spielbälle eines Vorgangs, den sie kaum mehr beeinflussen können – ähnlich wie ihn John Badham 1982 für seinen Film WarGames kopieren sollte. In jenem Film weigert sich zu Beginn ein Soldat, zum nuklearen Gegenschlag auszuholen, der wie sich anschließend herausstellt, auch unbegründet gewesen wäre.

George C. Scott als bedepperter General Turgidson gibt sich angesichts vorhandener Umstände opportun. Wenn Wing Attack Plan R schon in Aktion ist, warum dann nicht gleich ganz All In gehen – um bei dem Bild zu bleiben, das Kubrick mit dem Poker-Tisch im War Room kreiert. Ein großflächiger umfassender Angriff würde den Sieg bringen, bei verhältnismäßig moderaten zivilen Verlusten um die 20 Millionen Menschen. Für US-Präsident Merkin Muffley (Peter Sellers) aber keine echte Option, will er nicht als größer Massenmörder seit Adolf Hitler in die Geschichte eingehen. “Perhaps it might be better, Mr. President, if you were more concerned with the American people than with your image in the history books”, mahnt Turgidson.

Ein Dialog, der in Hinblick auf die Trump-Administration nun praktisch seiner Zeit voraus wirkt. Figuren wie Turgidson und Ripper vertreten einen “America first”-Anspruch, während Muffley und der in Rippers Militärstützpunkt als britischer Liaison fungierende britische RAF-Captain Lionel Mandrake (Peter Sellers) die Stimme der Vernunft repräsentieren. Dr. Strangelove hat somit den Zwiespalt eines Gegen- und eines Miteinander zum Thema. Kubrick persifliert den Wettrüstungsgedanken, der den Ursprung der Doomsday Machine markiert, dabei auch in der vielleicht humorvollsten Szene des Films: jenem teils von Sellers improvisierten informierendenTelefonanruf von Präsident Muffley an seinen Gegenüber, den russischen Premier.

Der Humor der Szene wirkt dem relativ informellen Gesprächston inne (“Do you suppose you could turn the music down just a little?”), obschon das Gespräch der beiden den drohenden Kriegsausbruch abwenden soll. “I am as sorry as you are, Dmitri. Don’t say that you’re more sorry than I am because I am capable of being just as sorry as you are”, setzt Muffley das apologetische Wettrüsten auf sprachlicher Ebene fort. Auch sonst finden sich widersprüchliche Verhaltensweisen im Film. Von den etlichen, ins Gegenteil verkehrten, “Peace is our profession”-Plakaten auf Rippers Militärbasis hin zu Muffleys Tadel, als Turgidson und de Sadesky ob möglicher Spionage aneinandergeraten (“You can’t fight in here! This is the War Room”).

Der drohende Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft ist bei Kubrick zuvorderst ein verbaler. Mandrakes gutes Zureden auf Ripper stößt auf taube Ohren, wie später auch sein Bemühen, den Präsidenten von den Umständen per Telefon zu infomieren. Der angespannte Dialog zwischen USA und UdSSR inmitten des Kalten Krieges und seines nuklearen Wettrüstens führte schließlich zum Bau der Doomsday Machine und die B-52 von Kong ist später per Funk nicht mehr zu erreichen und von ihrem Kurs abzubringen. Dabei hatten die Männer an Bord sowie Kong anfangs noch die Glaubwürdigkeit des Wing Attack Plan R in Zweifel gezogen. Ebenjener Umstand, der in WarGames zu dessen Simulationsprogramm WOPR führen sollte.

“Human beings for Kubrick possess something of the quality of mobile dolls or mannequins (…) Human actions, in his view, are governed by determinations beyond our grasp”, beschreibt der Yale-Dozent und Filmjournalist David Bromwich in seinem Essay The Darkest Room, welcher der Criterion Edition des Films beiliegt, einen der generellen Vorwürfe an Kubricks Regie. Dabei ist dies in Dr. Strangelove nur bedingt so, gerade Mandrake und Muffley sind sehr warm gezeichnete Charaktere, Turgidson und Ripper zwar von ihren Handlungen bestimmt, aber dennoch in all ihrer Lächerlichkeit nachvollziehbar skizziert. Am Ende eint Ripper und die Sowjets mehr, als sie sich eingestehen würden: die Angst vor dem jeweils anderen.

Bemerkenswert ist, dass Kubrick und Bühnengestalter Ken Adam im Prinzip den gesamten Film mit drei Sets gestalten: dem War Room, Rippers Büro und das Innere von Kongs B-52. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass hier am Budget gespart wurde, war doch gerade der War Room eine 1.200m² große Bühne mit einer Höhe von elf Metern. Wie Dr. Strangelove zeigt, war aber auch nicht sehr viel mehr nötig, um die Theaterartige Dramaturgie zu inszenieren. Dass der Film so gut funktioniert, verdankt er nicht zuletzt jedoch seinem Drehbuch von Kubrik und Terry Southern sowie dem kongenialen Ensemble, das die Worte und Charaktere der beiden Männer basierend auf Peter Georges Vorlage zum Leben erweckte.

Hochgelobt, wenn auch keine schauspielerische Glanzleistung, war der Dreifachauftritt des am Set improvisierenden Peter Sellers. Seine Besetzung in mehreren Rollen soll nach dem Erfolg von Kubricks Lolita-Verfilmung eine Forderung seitens Columbia Pictures gewesen sein. So nüchtern wie Mandrake und Muffley sind, fällt dann das Spiel von Sellers aus, am meisten Fleisch an den Knochen durfte der Schauspieler für den titelgebenden gelähmten Nazi-Wissenschaftler Dr. Strangelove gepackt haben (“Mein Führer… I can walk!”). Kubrick ließ seinen Star hier quasi als eine Art Proto-Johnny Depp an der langen Leine, was zu herrlichen Momenten wie dem von Sellers für die Figur entwickelten Alien-Hand-Syndrom führte.

Heimlicher Star des Films ist aber im Grunde George C. Scott, den Kubrick in der Regel so viele Einstellungen spielen ließ, bis er ihn an seinem theatralischem Limit hatte. Gerade jene Theatralik ist es jedoch, die Turgidson das Tüpfelchen auf dem i verleiht, als großgewachsener Schulhof-Rowdy in Militäruniform. Der Darsteller selbst soll anfangs mit der Take-Auswahl seines Regisseurs nicht glücklich gewesen sein, ehe er mit der Zeit dann doch ihre Brillanz und Notwendigkeit für den absurden Humor des Films erkannte. Dass Sellers, der ursprünglich auch noch hätte Major King spielen sollen, von dem Part zurücktrat und Kubrick ihn mit dem Rodeo-Reiter Slim Pickens ersetzte, darf im Nachhinein auch als Coup erachtet werden.

„99 Kriegsminister, Streichholz und Benzinkanister, Hielten sich für schlaue Leute“, besang Nena im Jahr 1983 in 99 Luftballons ein ähnliches Szenario über die gegenseitige Auslöschung. Mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Fall der Berliner Mauer schien ein Nuklearer Holocaust jedoch endgültig abgewendet. Ehe US-Präsident Trump zu Jahresbeginn Nordkoreas Diktator Kim Jong-un via Twitter in Turgidson-Manier wissen ließ: “I too have a Nuclear Button, but it is a much bigger & more powerful one than his, and my Button works!” Die Realität scheint das absurde Bild, das Stanley Kubrick 1964 in Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb von der Administration seines Landes zeichnete, eingeholt zu haben.

9.5/10

18. November 2015

Kurz & Knackig: Star Wars

A long time ago in a galaxy far, far away....

Keine 40 Jahre ist es jetzt her, dass in einer sehr fernen Galaxie ein junger Amerikaner den Schlüssel zum ewigen Reichtum fand. Mit Star Wars begründete George Lucas – den man damals tatsächlich noch als Auteur bezeichnen konnte – sein Vermögen von mehreren Milliarden Dollar. Und gleichzeitig auch das vierterfolgreichste Film-Franchise aller Zeiten. Inflationsbereinigt ist Star Wars (1977) der zweiterfolgreichste Film der je in den USA lief, mit starken 775 Millionen Dollar heutiger Zeit. Es folgten im Abstand von drei Jahren zwei Fortsetzungen sowie die Einordnung der Trilogie als „Episoden IV bis VI“. Neben Lucas’ Wohlstand sorgte Star Wars auch für ein pop-kulturelles Phänomen und ein Fandom wie kein zweites.

Kurz vor der Jahrtausendwende folgten dann die Prequels, jene „Episoden I bis III“, auf die Fans seit jeher gewartet hatten. Selbst wenn sie nicht auf diese Episoden I bis III gewartet hatten. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch, weitere Milliarden wurden im Kino eingespielt, nicht minder so viel wohl durch Merchandise. Der Zauber, den Star Wars zwei Jahrzehnte zuvor versprühte, wussten die Prequels jedoch nicht zu generieren. Mag es am Herz gefehlt haben oder schlicht am Talent hinter den Filmen. Ehe nun im Zuge der Disneyfizierung die desaströse Entwicklung von Star Wars mit der nächsten Fortsetzungs-Trilogie und Spin-Off-Filmen zu jeder Figur, die einmal übers Bild gehuscht ist, weitergeht, heißt es: Zurückblicken und Reflektieren.

Star Wars – Theatrical Cut (1977)

This is where the fun begins.

Nach gut 20 Jahren Star Wars mal wieder in seiner unbefleckten Form zu sehen, ist bereits ein kleines Highlight für sich. So ganz ohne all den CGI-Schwachsinn, den Lucas seither alle Jubel Jahre verstärkt in sein filmisches Erbe presst. Den Spruch „If it ain’t broke don’t fix it“ hat George wohl noch nie gehört. Arg viel besser als im Original wird massentaugliches Kino wohl nicht mehr, was angesichts der Umsetzung nicht selbstverständlich ist. Denn den Anfang des Films, abgesehen von kurzen Momenten mit Darth Vader (James Earl Jones) und Prinzessin Leia (Carrie Fisher), verbringt das Publikum dabei nahezu ausschließlich mit C-3PO (Anthony Daniels) und R2-D2 (Kenny Baker), zwei Robotern, von denen einer nichtmal spricht.

Star Wars ist im Kern dabei ein herzlicher Film, mit allerlei Neckereien. Sei es zwischen 3PO und R2 oder den menschlichen Figuren. So wie Obi-Wan (Alec Guiness), der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, als Han Solo (Harrison Ford) von den Qualitäten des Millennium Falcon schwärmt. Lucas präsentiert seine Welt, ohne zu viel zu erklären, was es ihr erlaubt, authentisch zu wirken. Mitten drin erleben wir dabei Luke Skywalker (Mark Hamill), einen Jugendlichen, der sich interessiert an der Rebellion gegen das Imperium zeigt, aber später hadert, als er Obi-Wan nach Alderaan begleiten soll. Luke wächst mit seiner Aufgabe, genauso wie Han Solo im weiteren Verlauf als Mensch. Star Wars präsentiert uns Figuren zum Mitfiebern.

Die Geschichte selbst ist relativ simpel und lebt weniger von der Handlung als von ihren Protagonisten. Sie funktioniert für mich sogar so gut, dass ich das Schlusskapitel, wenn die Rebellen den Todesstern in die Luft sprengen, gar nicht mehr gebraucht habe. Nicht zuletzt, weil die Bedeutung der Situation eigentlich weitaus mehr Raum verdient hätte, als eine Viertelstunde am Schluss eines bereits begeisternden Abenteuers. Nicht zuletzt, da Return of the Jedi uns im Grunde nochmal dasselbe erzählen wird. Die Sequenz erinnert mich an das Venedig-Kapitel zum Ende von Casino Royale: keineswegs schlecht, aber irgendwie mutet es wie ein nicht zwingend notwendiger Zusatz für eine bereits zufrieden stellende Geschichte an.

Dabei ist der Film nicht makellos, wobei viele Momente primär durch die Folgefilme ins Fragwürdige gezogen werden, wenn der Serienkanon Dingen eine andere Bedeutung verleiht. So wirkt Vader hier eher wie ein Handlanger (oder an der Leine von Gouverneur Tarkin, wie es Leia formuliert), anstatt die Nummer 2 des Imperiums zu sein. Etwas stutzig macht auch, woher Leia Obi-Wans Koordinaten hat und wieso dieser den wenig sinnigen Decknamen „Ben Kenobi“ nutzt. Andere Störfaktoren betreffen das Verhältnis zwischen Obi-Wan und Vader, doch hier liegt die Ursache in den Prequels, nicht dem Original selbst. “This is where the fun begins”, tönt Han Solo darin noch an einer Stelle. Und Recht behalten sollte er. Auch fast 40 Jahre später.

9.5/10

The Empire Strikes Back – Theatrical Cut (1980)

Do or do not. There is no try.

Für die meisten Fans – so heißt es jedenfalls – stellt The Empire Strikes Back den Höhepunkt des Franchises dar. Ich selbst tue mich da etwas schwerer, nicht zuletzt, da der Film fast eine halbe Stunde braucht, ehe er wirklich losgeht. All das Drama um Lukes Sondierungsausflug auf Hoth über den Angriff des Wampas und Hans Rettungsmission mit Tauntaun führt für meinen Geschmack nirgends hin. Abgesehen von ein paar humorvollen Momenten mit den Charakteren („Who’s scruffy looking?”). Wirklich Schwung nimmt der Film erst auf, wenn nach 25 Minuten Vader und das Imperium auf Hoth aufschlagen. Selbst wenn auch hier die Auseinandersetzung mit den AT-ATs – wie jede größere Action-Szene der Reihe – zu ausufernd gerät.

Anschließend teilen sich die Figuren in zwei Gruppen auf, mit gegensätzlicher Dramatisierung. Temporeich gerät die Flucht von Han, Chewbacca (Peter Mayhew), Leia und 3PO vor Vaders Truppen, die sie letztlich nach Cloud City zu Hans altem Freund Lando Calrissian (Billy Dee Williams) führt. Als Gegenpol präsentiert Regisseur Irwin Winkler Lukes Begegnung auf Dagobah mit Yoda (Frank Oz), dem letzten verbliebenen Jedi. In ruhigen, fast schon meditativen Momenten lernt Luke die Kraft der Macht, während Yoda selbst ähnlich wie 3PO und R2 zur humorvollen Auflockerung dient. Dank dieser Figuren sowie Han Solo („Never tell me the odds”) mangelt es dem Film trotz seiner Auszeichnung, der düsterste Teil der Reihe zu sein, nicht an Witz.

Hier nun ist das Standing von Vader im Imperium ein ganz anderes, er antwortet nur noch dem Emperor und plant sogar dessen Sturz mit der Eröffnung, Luke sei sein Sohn. Bei diesem scheint die Verwandtschaft sein Nachname verraten zu haben, erscheint es doch befremdlich, dass Vader auch in Anwesenheit von Leia erneut nicht zu spüren scheint, dass diese seine Tochter ist. Womöglich ist die Macht doch nicht so stark in ihr, entgegen dem, was Yoda im nächsten Teil sagt. Wahrscheinlicher ist wohl, dass hier noch nicht klar war, dass Vaders Nachwuchs nochmals erweitert wird (siehe die Kussszene zwischen Leia und Luke zu Beginn des Films). Grundsätzlich ist The Empire Strikes Back aber eine gelungene Fortsetzung.

9/10

The Return of the Jedi – Theatrical Cut (1983)

The Emperor is not as forgiving as I am.

Überraschenderweise waren die beiden Folgeteile von Star Wars weitaus weniger erfolgreich als dieser, so auch der Trilogieabschluss The Return of the Jedi. Ähnlich wie sein Vorgänger hat er quasi einen Akt vor der eigentlichen Geschichte, wenn erst C-3PO und R2-D2, dann Leia und Chewie und schließlich Luke selbst versuchen, Han Solo aus der Gefangenschaft von Jabba the Hutt auf Tatooine zu befreien. Eine Rettungsmission, die mit Rancor und Sarlacc durchaus Spaß bereitet, obschon die Rettung selber gänzlich absurd durchdacht und enorm vom Zufall abhängig ist. Auch die Hintergründe werden nicht vollends klar, berücksichtig man die Ereignisse zum Ende des letzten und zum Beginn von diesem Teil. Aber sei’s drum.

Die Kernhandlung des Films ist das, was Lucas in seinem ersten Teil am Ende in einer Viertelstunde kurz erzählt hat: Die Rebellen müssen (mal wieder) den Todesstern in die Luft sprengen. Eine Geschichte, die Regisseur Richard Marquand in der zweiten Hälfte auf drei Ebenen erzählt, nach einem langatmigen Ausflug auf Endor zu den Ewoks. Hier verabschiedet sich Luke dann zur Konfrontation mit Vader und dem Emperor, während Han, Chewie und Leia mit den Ewoks versuchen, den Schildgenerator des Todessterns auszuschalten, damit Lando und Co. diesen zerstören können. Viele Handlungsorte mit ausufernden Szenen, wo letztlich ohnehin nur jene Sequenz interessiert, in der Luke sich seinem Schicksal stellen muss.

Der Ausflug nach Dagobah zuvor dient nur weiterer Exposition, ist Luke doch auch ohne Fortführung seines Trainings nun bereit – und autodidaktisch im Stande, Lichtschwerter zu konstruieren. Sehr schön ist aber der Moment, wenn Luke die Roboterhand seines Vaters sieht und dies ihm Warnung genug ist, nicht zu enden, wie dieser selbst. Seltsam mutet dafür an, wieso er Anakin später mit Darth Vaders Maske verbrennt. Auch hier tauchen wieder Fragen für das Franchise auf. Grundsätzlich ist Return of the Jedi aber ein solider Abschluss, der allerdings viel zu lang für alle seine Szenen aufwendet: von Hans Rettung, über die Ewoks bis hin zum Endor-Angriff und Lukes Konfrontation. Hier wäre mal wieder weniger mehr gewesen.

8/10

Star Wars – Episode I: The Phantom Menace (1999)

Yousa in big dudu this time.

Groß war die Euphorie, als mit The Phantom Menace das nächste Star Wars-Kapitel aufgeschlagen wurde. Rückblickend erscheint der Film als einziges Kuddelmuddel, der sowohl Kinder als auch ihre Eltern bedienen will und schlussendlich in beiden Fällen versagt. Im Zentrum steht eine Blockade und Invasion des Planeten Naboo durch die Handelsorganisation rund um Nute Gunray aus Besteuerungsgründen. Die Jedi Qui-Gon Jinn (Liam Neeson) und Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) sollen den Konflikt klären, entkommen aber nur knapp einem Attentat und fliehen schließlich mit Naboos Königin Amidala (Natalie Portman) und dem Einheimischen Jar Jar Binks (Ahmed Best) Richtung Coruscant – mit einem langen Zwischenstopp auf Tatooine.

Hier folgt die Einführung von Anakin Skywalker (Jake Lloyd) als Space Jesus, der unbefleckten Empfängnis entstammend buchstäblich ein Kind der Macht. Mit einer Zahl an Midi-chlorians, die sogar Yodas übersteigt. Ein nutzloses Podrace später folgt auf dem Zwischenstopp in Coruscant die Rückkehr nach Naboo. Wieso der Planet überhaupt wichtig ist, wird dabei zu keinem Zeitpunkt klar. The Phantom Menace ist ein Film, der um Actionszenen herum konzipiert ist, die über viel CGI-Effekte funktionieren sollen. Die Geschichte und die Figuren stehen hintenan – also all das, was Star Wars 22 Jahre zuvor zum Welthit werden ließ. Hinzu kommt, dass Lucas den Film zum Großteil nur als eine Exposition missbraucht – die viele Fragen aufwirft.

Sprach Obi-Wan in Star Wars Vader noch mit „Darth” an, als sei dies dessen Vorname, erfahren wir nun, dass einfach jeder Sith Lord den Beinamen „Darth” erhält. Kanzelte der Emperor in Return of the Jedi Lukes Lichtschwert noch als “Jedi weapon” ab, rennt Darth Maul (Ray Park) nun selbst mit einem herum. War Darth Maul also auch mal ein Jedi? Und während Yoda warnt, “anger leads to hate” und letztlich zur dunklen Seite der Macht, sind es gerade Wut und Zorn, die Luke in Return of the Jedi im Kampf gegen Vader obsiegen lassen und mit denen Obi-Wan nach Qui-Gons Tod wiederum Darth Maul begegnet. Es sind alles leblose Worte in einem Film, dem es an dreidimensionalen Figuren und einer erzählenswerten Geschichte fehlt.

Stattdessen bemüht Lucas das Referieren auf die Trilogie. So ist es Anakin, der C-3PO baut und R2-D2 darf bereits hier zum Alltagshelden aufsteigen. Bei der Begegnung zwischen Amidala/Padme und Anakin weht Lucas ebenso mit dem Zaunpfahl wie beim Treffen von Anakin und Obi-Wan. Dass der wiederum so wie der Rat der Jedi und Padme von dem Knirps irritiert ist, stört Qui-Gon aus unerklärlichen Gründen nicht. The Phantom Menace ist auch unabhängig von Jar Jar Binks – der mit seinem ersten Auftritt sofort nervt – ein einziges filmisches Ärgernis. Der Film will jeden ansprechen und verhallt infolgedessen unter all dem Lärm, den er verursacht. “Anger leads to hate, hate leads to suffering”, sagte Yoda. Und sollte Recht behalten.

3/10

Star Wars – Episode II: Attack of the Clones (2002)

I wish I could just wish away my feelings, but I can’t.

Wie sehr die Star Wars-Euphorie einbüßte, zeigt sich schon darin, dass Attack of the Clones ganze 300 Millionen Dollar weniger einspielte als noch The Phantom Menace. Vielleicht auch, weil die Irritation dessen, was inzwischen Star Wars war, hier noch verstärkt wurde. Auslöser der Handlung ist eine Reihe von Attentatsversuchen auf Padme, die aktuell als Senatorin von Naboo in Coruscant dient. Obi-Wan und Anakin (Hayden Christensen) werden zu ihrem Schutz abgestellt, erhalten jedoch kurz darauf jeder ihren eigenen Erzählstrang. Während Anakin und Padme sich im Versteck auf Naboo allmählich ineinander verlieben, geht Obi-Wan der Spur eines Kopfgeldjägers nach, die ihn zu einer Klonkrieger-Armee auf Kamino führt.

Erweckte der Vorgänger zumindest den Eindruck, teils in einer echten Umgebung gedreht worden zu sein, entstammt Attack of the Clones nun aus der Konserve – und sieht entsprechend hässlich aus. Vollgestopft mit CGI ist das einzig Authentische das jeweilige Kostüm, das Natalie Portman trägt. Und für jede Szene gemeinsam mit ihrer Frisur wechselt. Der Film selbst klatscht eine Referenz an die Trilogie an die nächste. Von Obi-Wans Cantina-Kampf aus Star Wars bis hin zu Boba Fetts Verfolgungstrick aus Empire Strikes Back. Dachte man “May the Force be with you” war ein gutes Zureden von Obi-Wan für Luke, erscheint es nun eher als Jedi-Grußform. Die Folge ist weniger eine Hommage als Entmystifizierung des Originals.

Peinlich wird es, wenn Obi-Wan auf der Suche nach Kamino von einem 5-Jährigen belehrt wird, während sich Padme aus verstörenden Gründen in einen Soziopathen verknallt. Dass die Darsteller dabei allesamt steif wie ein eingefrorener Besenstiel agieren, mag daran liegen, dass sie von Blue Screens umgeben waren. Denn so schlecht das Drehbuch auch ist, könnte man mehr aus diesem herausholen, als es die Darsteller tun. Positiv ist in Attack of the Clones zumindest, dass Obi-Wan mehr zu tun bekommt, Jar Jar Binks kaum auftritt und Anakin, obschon er genauso nervt wie zuvor, nun zumindest etwas mehr Persönlichkeit erhält. Das große Finale auf Geonosis ist dann wieder klassischer ausufernder CGI-Overkill à la George Lucas.

3.5/10

Star Wars – Episode III: Revenge of the Sith (2005)

What have I done?

So fraglich wie es generell sein mag, überhaupt die Genesis von Darth Vader erzählen zu wollen, war doch ziemlich deutlich, dass der ganze Sinn der Prequels am Ende in Revenge of the Sith bestand. Folglich ist das Thema der Verführung von Anakin zur dunklen Seite durch Palpatine (Ian McDiarmid) der Kern der Geschichte, während Obi-Wan wieder mal eine Extramission erhält. In dieser setzt er sich mit Roboter-General Grievous auseinander, ehe der große Jedi-Genozid startet, weil Anakin nachts nicht gut schlafen kann. “This is where the fun begins”, sagt dieser zu Beginn in einer von so vielen Szenen, die deutlich macht, dass George Lucas die Magie der Originalfilme einfach nicht begreift. Oder womöglich schlichtweg nie begriffen hat.

Der Film beginnt dabei mit einem ähnlichen CGI-Overkill wie der Vorgänger zu Ende ging. Jeder Konflikt wird in den Prequels mit dem Lichtschwert geklärt, wo dieses in der Originalreihe noch weitestgehend verzichtenswert war. Count Dooku (Christopher Lee), eine Figur, der sich Lucas zuvor wenig bis kaum gewidmet hat, wird sich erledigt. Genauso wie kurz darauf dem erst hier eingeführten General Grievous. Beschäftigungstherapie für Obi-Wan, der immer noch an Anakin zweifelt. Von der Freundschaft, über die er in Star Wars sprach, und von gefühlter Bruderliebe, wie hier am Ende, als er Anakin die Beine abschneidet, spürte der Zuschauer in allen drei Filmen in keiner einzigen Szene etwas. Alles ist nur noch Selbstzweck für Lucas.

Yoda faselt unterdessen “fear of loss is the path to the dark side”, wobei laut Prequel-Yoda sowieso alles irgendwie ein “path to the dark side” ist. Samuel L. Jacksons unterbeschäftigter Mace Windu guckt trüb in die Kamera und Padme wechselt weiter fleißig ihre Kostüme. Anakin wiederum darf Palpatine im Rat der Jedi vertreten – ohne zum Meister ernannt zu werden –, und man fragt sich, wieso Palpatine überhaupt im Jedi-Rat vertreten ist? Alles nur, um Anakin an einen Punkt zu bringen, wo er zu Vader werden darf – was nach einem weiteren CGI-Overkill mit Obi-Wan auf Mustafar der Fall ist. Weil Obi-Wan “the high ground” hat, die geschicktere Position, über Anakin stehend. Selbst wenn Darth Maul damals eigentlich auch den “high ground” besaß.

Wenig macht noch Sinn. Selbst Palpatine hat nun ein Lichtschwert, ungeachtet seiner Haltung aus Return of the Jedi nach. Wieso die Prequels so missraten sind, ist schwer zu sagen (Redlettermedia versuchte es), Potential war vorhanden. Teil 1 mit Anakin bereits im Endstadium als Padawan beginnen, den Fokus auf die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und Obi-Wan legend. In Teil 2 hätte Padme eingeführt werden können und eine erste Begegnung mit der dunklen Seite. Der wäre ein sympathischer Anakin dann in Teil 3 erlegen, weniger wegen nächtlicher Albträume und auch ohne zum wahnsinnigen Massenmörder zu werden. Das Positive ist: Schlechter als die Prequels kann auch Disneys The Force Awakens nicht mehr sein.

2/10

29. August 2008

The Lion King

The monkey’s his uncle?

“Nants ingonyama bagithi Baba“, schallt es durch die Steppe, den Hintergrund füllt ein warmes Rot. Die Sonne geht auf, die Erde bebt, die afrikanische Tierwelt macht sich auf zum Pride Rock. Seien es Flamingos, Zebras, Elefanten, oder Käfer, sie alle kommen, ihren Tribut zu zollen. Ein Thronfolger ist geboren, der zukünftige König wird seinen designierten Untertanen präsentiert. Ein Zeremoniell, durchaus, doch es verbirgt sich mehr hinter dieser Szene. Niemand kontrolliert, wer erscheint und wer nicht. Die farbenfrohen Bilder beweisen, dass die Anwesenheit aller auf freien Stücken basiert. Es ist eine glückliche Zeit, vollkommen harmonisch. Der Mandrill markiert den kommenden König und zeigt ihm zum Abschluss des Festaktes sein auf ihn wartendes Reich. Es folgt ein harter Schnitt und würde man es nicht besser wissen, könnte man aufstehen und gehen.

Der Prolog von The Lion King, dem erfolgreichsten Zeichentrickfilm aller Zeiten, besticht durch seine Weite und Hans Zimmers Musik. Sein Echo wird den Film später ausleiten und Pro- wie Epilog unterstehen der großen Thematik des Filmes: dem Kreislauf des Lebens. Eine natürliche Ordnung, die gegenseitigen Respekt fordert. Löwen fressen Gazellen, doch wenn sie sterben, werden sie zu Gras und somit selbst von den Gazellen gefressen. Es ist eher ein philosophisches denn ein unabdingbar biologisches Beispiel, aber es steht für ein großes Ganzes und ein gemeinsames Miteinander. Dementsprechen lässt die Handlung keinen Raum für eine Auseinandersetzung von Jäger und Beute (wir sehen die Löwen nicht einmal Fleisch essen), genauso wie ein direkter Kontakt zwischen König Mufasa (James Earl Jones) und seinen Untertanen in der Steppe ausbleibt.

Diese Barriere des Königtums zur Unterschicht verschwimmen zu sehen und die Geschichte noch eine Spur ethischer zu gestalten, wäre vielleicht interessant gewesen. Für das was The Lion King sein möchte, ist es aber nicht von Nöten. Denn die Geburt des Thronfolgers führt zum Konflikt des Filmes. Nach Mufasa folgt in der Rangfolge sein Bruder Scar (Jeremy Irons) – doch das ändert sich durch die Geburt von Mufasas Sohn Simba (Jonathan Taylor Thomas). Der Unterschied zwischen Scar und seinem älteren Bruder ist evident: Ist Mufasa groß und stark gewachsen, mit glatter Mähne, so ist Scar hager und geduckt. Neben seiner verzottelten Haarpracht stechen insbesondere seine grünen Pupillen hervor und verleihen ihm etwas Diabolisches. Nie konnte der Jüngere aus dem Schatten des Bruders treten, die Rolle als Erbe schien ihm zu genügen.

Ob Scar seit jeher ein sadistischer Charakter gewesen ist, erfahren wir nicht, Disney zeichnet ihn zumindest ohne jeden menschlichen Zug. Nur auf den eigenen Vorteil bedacht und ohne Sympathien. Im zuvor erschienenen Aladdin pflegte Jafar immerhin ein freundschaftsartiges Verhältnis zu Iago. Da der Papagei wenig Nutzen für den Wesir hatte, kann man hier eine gewisse Affektion herauslesen. Dagegen ist Scar das personifizierte Böse, er hegt keinerlei Gefühle für die Verwandtschaft und ähnelt damit mehr an Ursula aus The Little Mermaid. Somit ist Scar das komplette Gegenteil von Mufasa: Ein narzisstischer Manipulator, der sein Fähnchen nach dem Wind ausrichtet. Obschon er das schwarze Schaf der Familie ist, legt Mufasa dennoch Wert auf Scars Anwesenheit beim Initiationsritus. Weniger aus Liebe, sondern weil es der Anstand gebot.

Für Scar kann es somit nur darum gehen, seine angestammte Position wieder zu erlangen. Hierfür muss er Simba ausschalten, ihn vom Königshof locken. Jugendliche Neugier und Abenteuerlust, dies sind die Ursachen, welche die Dramatik lostreten. Am Morgen noch schilderte Mufasa seinem Sohn die Weite des Reiches. “Everything the light touches is our kingdom”, erklärte der König ehrfürchtig. Ein Ausflug in die verbotene (Schatten-)Zone wird dann schnell zum Spießrutenlauf und kann letztlich nur durch Mufasas Eingreifen gerettet werden. Entgegen seinen Worten begab sich Simba in Gefahr und realisierte zu spät, wie lebensbedrohlich die Situation geworden ist. Auch der Sohn scheitert also an den Fußstapfen des Vaters, was im Heimweg gelungen eingefangen wird, wenn Simbas Pfote in einem tiefen Abdruck Mufasas versinkt.

Das Vorbild, das Mufasa seinem Sohn gibt, ist übergroß, im Grunde kann Simba wie Scar nur daran scheitern, wenn er diesem gerecht werden will. Als zukünftiger König will sich Simba seines Muts beweisen (“Danger? I laugh in the face of danger“) und wird in seine Schranken gewiesen. Doch der Vater kann dem Sohn nicht böse sein, der Konflikt wird schnell gelöst, zugleich aber auch die Vorbereitung zum nächsten Akt getroffen. Ob sein Vater immer für ihn da sein wird, stellt Simba die Frage, die jedes Kind irgendwann seine Eltern gefragt haben dürfte. Auch hier weiß Mufasa mit dem Kreislauf des Lebens aufzuwarten, er ahnt jedoch noch nicht, wie schnell dieser für ihn selbst in Kraft treten wird. Das Versagen von Shenzi (Whoopie Goldberg) und Banzai (Cheech Marin) reizt Scar nur noch mehr und treibt seinen Plan eine Spur weiter über seinen persönlichen Rubikon.

Der Königsmord hebt das Filmlevel auf Shakespearesche-Niveau. Drehbuchautorin Irene Mecchi wurde vor ihrem Engagement gesagt, die Story ließe sich als „Bambi in Afrika trifft auf Hamlet“ beschreiben. Weshalb sie das Projekt fortan „Bamlet“ nannte. Und in der Tat handelt es sich im weitesten Sinne um eine Adaption von Shakespeares Meisterwerk. Geschickt spielt Scar mit Simbas Schuldgefühlen und seinem verletzten Stolz, vor wie nach der Tat. Das Miterleben des Publikums von Scars perfidem Plan (“Long live the king!“), der inszenierte Mord an Mufasa, dürfte jeden Zuschauer zutiefst erschüttert haben. Die dramatische Sequenz, angefangen mit der brillanten Gnu-Stampede (die allein ganze drei Jahre Bearbeitungszeit durch die Zeichner beansprucht hatte), wäre in Zeiten von Bambi in einer derartigen Inszenierung nicht möglich gewesen.

Das kindliche Unverständnis eines plötzlich leblosen Objektes durch Simbas Reaktion steigert den Moment nochmals. Man kann sich fragen, weshalb die Gnus so reagiert haben, wie sie reagiert haben. Sie zeigen keinerlei Bewusstsein für Simbas oder Mufasas Präsenz, die Gefahr durch die Hyänen ist zu diesem Zeitpunkt in der Talsohle schon lange nicht mehr gegeben. Auch sucht Simba keinen Kontakt zu ihnen, spricht sie nicht an. Ebensowenig wie Mufasa als König. Sicherlich kann man die Situation auf die Panik der Tiere schieben, doch zwingend Sinn macht die Sequenz nicht. Zumindest nicht im logischen Sinn, für die Handlung jedoch umso mehr. Die Schuld an dem Unfall lastet sich Simba an, nicht nur weil sein Vater beim Versuch ihn zu retten stirbt, sondern da er davon ausgehen muss, dass er mit dem Echo seines Gebrülls die Stampede ausgelöst hat.

Für Simba bleibt somit nach Scars diabolischer Suggestion nur das Exil, sein Fortleben ist lediglich seinen gescheiterten Attentätern, den Hyänen, bekannt. Das Kapitel seines Treffens mit Timon (Nathan Lane) und Pumba (Ernie Sabella) hat zur Verortung in der Geschichte keine tiefere Bedeutung, die Meerkatze und das Warzenschwein dienen zu einem Großteil dem bloßem comic relief nach dieser hochemotionalen Szene. Nach dem düsteren Kapitel fokussiert sich die Handlung also auf das Außenseiterleben des Trios und die Tatsache, dass Simba versucht seine Vergangenheit hinter sich zu bringen. “Hakuna Matata“ lautet das Motto und Simba lässt sich angesichts der Vorfälle bereitwillig in ihre Mitte aufnehmen. Ein Zeitsprung überbrückt einige Jahre, und Simba (Matthew Broderick) scheint augenscheinlich seine Herkunft verdrängt zu haben.

Ein nächtliches Erlebnis mit Timon und Pumba, welches zufällig wirkt, aber Tradition zu sein scheint, sorgt für die aufkommende Katharsis. Ob Simba nicht zuvor bereits an seinen Vater erinnert worden ist, bleibt daher unklar. Nunmehr geht es jedenfalls Schlag auf Schlag. Nachdem Mandrill Rafiki von Simbas Überleben erfährt, trifft dieser alsbald auf Jugendfreundin Nala. Mit ihr erwacht sein Verantwortungsbewusstsein und somit das schlechte Gewissen. Eine alte Wunde wird aufgerissen, der hamletsche Zustand offenbart. Scar hat sich zum König erhoben, vom Mord am Bruder weiß niemand. Der rechtmäßige Thronfolger kehrt zurück und deckt das Komplott auf. Auslöser für die Simbas Entscheidung ist die Rückbesinnung auf die eigene Identität. “The past can hurt”, lehrt Rafiki ihn und zugleich das Publikum. “You can either run from it, or... learn from it.

Timons Auffassung nach passieren schlimme Dinge und man kann nichts dagegen unternehmen. Den bedeutenden Faktor erfasst er nicht. Fehler sind nicht dazu da, verdrängt zu werden, sondern um aus ihnen zu lernen. Simba muss sich seiner Schuld stellen und mit ihr seiner Vergangenheit. Auch wenn er selbst die Schuld am Ende nicht trägt, geht es in The Lion King darum, dass Simba lernt, sich selbst zu vergeben. Damit ist er die einzig wichtige Figur, zumindest die, welche essentiell in der Handlung verankert ist. Bedauerlicherweise werden die Frauen nicht sonderlich in das Geschehen einbezogen. Sarabi ist kaum anwesend und auch Nalas Präsenz beschränkt sich auf die Romanze in der Oase. Es ist eine Königswelt, in der Männer wie Mufasa, Scar und Simba aktiv agieren. Ganz unähnlich zu Hamlet, wo Gertrud und Ophelia stärker eingebunden sind.

Dass der Film so gut funktioniert, ist auch der Musik. Elton Johns Stücke sind punktuell und pointiert, sie ergänzen die Handlung fließend. Zimmers Kompositionen sind ungemein kraftvoll und tragen oftmals das Geschehen und verleihen ihm zusätzlich Leben. The Lion King beweist somit, dass Disney auch großartige Musicalnummern einbauen kann, die nicht von Alan Menken (The Little Mermaid, Aladdin) stammen. Die Musik ergreift den Zuschauer und macht somit natürlich auch im Musical zum Film jede Menge Spaß. Kein Wunder, dass John bei den damaligen Academy Awards 3 Mal nominiert war und letztlich den Preis für “Can You Feel the Love Tonight“ erhielt. Auch Zimmer wurde in seiner Kategorie ausgezeichnet, wie wohl auch der Film selbst als bester Animationsfilm geehrt geworden wäre, hätte es die Kategorie bereits 1995 statt erst 2001 gegeben.

Bei genauerer Betrachtung kann man die Adaptionen aus Osamu Tezukas Kimba the White Lion, einer Animationsserie aus den Sechzigern, nicht übersehen. Viele Einstellungen aus The Lion King sind identisch mit denen der Kimba-Serie, ebenso wie die Gefährten (Meerkatze, Warzenschweins, Mandrill) oder die Erscheinung des toten Vaters im Himmel. Von Disney ist bis heute kein Zugeständnis diesbezüglich, die Ausrede des zufällig identischen Idee verfügt über lächerliche Züge. Bedenkt man, dass der Film bei 80 Millionen Dollar Kosten beinahe eine Milliarde Dollar eingespielt hat, lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb man nicht einen Teil hiervon nachträglich für die Rechte abtritt. Stattdessen obsiegen die Geldgier und der Stolz. Unabhängig davon überzeugt und amüsiert die Disney-Geschichte und ist dabei oft ergreifend oder gar erschütternd.

Der letzte Disney-Film, der unter der Leitung von Jeffrey Katzenberg entstand, zählt zu den großen Meisterwerken des Studios und dürfte nicht nur Gregory Pecks Lieblings-Animationsfilm gewesen sein. Die beiden Regisseure Roger Allers und Rob Minkoff haben mit The Lion King sicher ihre, zumindest bisherige, Meisterleistung abgeliefert. Allers konnte sich in den Jahren zuvor als Autor der Filme Animalympics, Oliver & Company, sowie den beiden vorangegangenen Disneys Beauty and the Beast und Aladdin hervortun. Auch Minkoff war mit dem Studio seit Jahren verwurzelt und in die Arbeit an The Black Cauldron, aber auch The Brave Little Toaster involviert. Mit den vielfältigen, kräftig-warmen Farben, sowie der anrührenden Geschichte, verpackt in großartiger Musik, ist The Lion King auch mein zweiter Lieblingsfilm von Disney. Immer wieder gern gesehen.

10/10