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16. April 2016

Vorlage vs. Film: Stand by Me

The Body (1982)

Stephen King gehört zu den ganz großen Schriftstellern der Geschichte – zumindest wenn es um die Anzahl von filmischen Umsetzungen geht. Da sind die Werke von Shakespeare, Dickens, Chekhov und Co. ordentlich dabei, aber eben auch der 68-Jährige aus Maine. Über 50 Filme basierend auf seinen Arbeiten führt Wikipedia, allein die Hälfte davon entstanden in den 90er Jahren. Erstaunlich für einen Mann, der bis heute 54 Romane verfasst hat – aber eben auch fast 200 Kurzgeschichten. Eine solche ist auch The Body, die 1982 gemeinsam mit Rita Hayworth and Shawshank Redemption in dem Sammelband Different Seasons erschien. Auf rund 72 Seiten erzählt King darin die Coming-of-Age-Story vierer Jungs während eines Sommers.

Die Handlung beginnt relativ harmlos und doch dramatisch zugleich: Kurz vor Ende der Sommerferien im Jahr 1960 erfahren im fiktiven Ort Castle Rock die vier Freunde Gordie, Chris, Teddy und Vern von dem Aufenthaltsort eines vermissten Jungen. Der soll von einem Zug überfahren einige Meilen entfernt im Wald liegen, wo ihn Verns älterer Bruder mit einem Kumpel fand. “So when a boy dies out in the forest, it’s a chance to see something they have never seen in their lives: a dead body”, heißt es in der Einleitung. “Their journey will teach them as much about life as about death”. Die Jungen, an der Grenze vom Kind zum Jugendlichen stehend, lernen innerhalb weniger heißer Tage, was es bedeutet, erwachsen zu werden.

Zwei Tage lang eisen sich die Vier von ihrer Familie los, um den Bahngleisen zur Leiche ihres Altersgenossen zu folgen. Dabei macht Gordie als Erzähler klar, dass die Clique durchaus etwas gespalten ist, indem Teddy und Vern offen als dumm bezeichnet werden, während Chris als Delinquent daherkommt. Hierbei ist die Geschichte direkter und weniger emotional als es die Verfilmung von Rob Reiner sein sollte. “Your friends drag you down, Gordie. Don’t you know that?”, macht Chris da seinem intelligenteren Freund deutlich, dass sich ihre Wege trennen werden. “You can’t save them. You can only drown with them.” Eine Ansprache, nicht unähnlich zu der Rede, die Ben Affleck Jahre später Matt Damon in Good Will Hunting geben würde.

Im Gegensatz zum Film spielt auch Gordies Bruder Dennis eine kleinere Rolle. Wo dieser im Film zum Vorbild stilisiert wird, ist seine Rolle bei King etwas ausgearbeiteter und doch passiver. Es wird erwähnt, dass Gordies Eltern keine Kinder bekommen konnten, ehe die Mutter plötzlich mit Dennis schwanger wurde. Fünf Jahre später kam dann noch Gordie hinzu. “For my parents, one gift from God was enough”, so Gordie. Die Beziehung zu Dennis war nicht minder unterkühlt, nicht zuletzt aufgrund des Altersunterschieds. “We rarely did things together”, erzählt der kleine Bruder. Dennis’ Tod berührt ihn daher nur bedingt, weshalb die Geschichte auch ohne die Basecap-Szene mit Ace Merrill und “Eyeball” Chambers auskommt.

Generell tauchen Ace und seine Gang nur im Off auf, ehe beide Gruppen schließlich die Leiche von Ray Brower inmitten eines heraufziehenden Sturms finden. Wo Reiners Film die Androhungen der Gang nach versagter Leichenüberführung schlussendlich ins Leere laufen lässt, berichtet Stephen King durchaus von den Konsequenzen der vier Freunde. So hagelte es für Gordie und Chris gebrochene Knochen, für Teddy und Vern immerhin üble Abreibungen. Obendrein findet The Body ein so abruptes wie düsteres Ende, denn Ray Brower wird nicht die einzige Leiche bleiben. Zusätzlich zu Chris sterben auch Teddy und Vern jung. Nur Gordie überlebt die sechziger Jahre und blickt mit 34 Jahren auf die Ereignisse aus der Jugend zurück.

Eine echte Sympathie mit Gordie will sich während der Lektüre nicht wirklich einstellen, wozu auch seine distanzierten Beschreibungen von Dennis über Teddy und Vern beitragen. Nur zu Chris scheint er eine echte Beziehung zu haben. Das Ende der Geschichte ist nichtsdestotrotz tragisch, da bis auf Gordie alle Figuren als gescheitert betrachtet werden müssen. Sie alle leb(t)en jenes “loser’s life”, von dem Gordie sprach, welches er jedoch vermied. Inwieweit die Ereignisse um Ray Browers Tod in jenem Sommer sie geformt oder beeinflusst haben, bleibt dabei unklar. Außer, dass sie Jahre später Gordie für eine Kurzgeschichte dienen würden. “Some people drown”, heißt es da gegen Ende betrübend, die Worte von Chris reflektierend.


Stand by Me (1986)

«Have gun will travel reads the card of a man,
a knight without armor in a savage land.»


Wer im Kindesalter Filme mit Gleichaltrigen sieht, wird zu diesen vermutlich eine ganz eigene Bindung aufbauen. Egal ob dies nun The Goonies betrifft oder Stand by Me. Was beide Filme eint, ist das Erleben eines Abenteuers, wie es für Kinder in dem Alter – zumindest für ihr Empfinden – nicht ungewöhnlich ist. Auch wenn die „wahren“ Abenteuer sich nicht um Piratenschiffe oder das Finden einer Leiche drehen. “I was twelve going on thirteen the first time I saw a dead body”, berichtet uns ein Erzähler (Richard Dreyfuss) zu Beginn des Films. Das Ganze geschah im Sommer des Jahres 1959. “A long time ago – but only if you measure it in terms of years.” Auslöser ist eine weitere Leiche: die eines guten Freundes jener Zeit.

Reiner nimmt in seiner Verfilmung den Tod von Chris (River Phoenix) vorweg, ehe wir die Figur überhaupt kennenlernen. Seine Ermordung gut 26 Jahre nach den Ereignissen des Films führt zur Reflexion des alten Gordie an sein jüngeres Ich (Wil Wheaton). Der war einer jener spärlichen 1.281 Einwohner von Castle Rock “but to me it was the whole world”. Vielleicht weil sich der Sommer dem Ende neigt und sie sowieso nichts besseres zu tun haben, beschließen Chris, Gordie sowie Teddy (Corey Feldman) und Vern (Jerry O’Connell) sich die Leiche von Ray Brower anzusehen, nachdem Vern seinen älteren Bruder belauscht hat. Abgesehen von der Einleitung des älteren Gordie folgt Reiner vom Aufbau her praktisch haargenau Kings Vorlage.

Mit einigen Ausnahmen, geht der Regisseur doch an manchen Stellen ins Detail, die King nur oberflächlich berührt hat. Hier ist Widersacher Ace (Kiefer Sutherland) weitaus präsenter im Film als in der Kurzgeschichte und erhält früh ein Gesicht zu seinem Namen. So unterbricht Reiner das Abenteuer von Gordie und Co. für Szenenwechsel zu Ace und seiner Gang und unterstreicht das Draufgängertum von Ace. Zudem lässt er ihn eingangs direkt mit Gordie und Chris zusammenstoßen und verbindet diese Szene mit einer weiteren Vertiefung, die King aussparte: der Beziehung von Gordie zu seinem älteren und wenige Monate zuvor unglücklich verstorbenen Bruder Dennis (John Cusack) sowie dessen Schatten auf seinen kleinen Bruder.

Die Umstände von Dennis’ Bevorzugung aus der Vorlage fehlen im Film. Reiner macht ihn einfach zum Lieblingssohn, für den im Gegensatz zu den Eltern Gordie nicht unsichtbar ist. Er liest und schätzt die Kurzgeschichten seines Bruders und schenkt ihm seine Mütze, die Gordie später von Ace entwendet wird. Die familiäre Situation ist es auch, die Gordie im Verlauf in einer Albtraumszene verfolgt, die King in der Vorlage auf die Beziehung der Freunde münzte. So wärmer das Band zu Dennis Gordie hier auch zeichnet, irritiert die eher unterkühlte Wahrnehmung des Brudertodes. Film-Gordie scheint emotional ähnlich wenig betroffen von Dennis’ kürzlichem Ableben wie Buch-Gordie. Was die Basecap-Episode folglich etwas unnütz macht.

Generell erscheint die vielfache Integration von Ace nicht wirklich notwendig, nur um die Figur fieser und bedrohlicher zu gestalten. Stattdessen hätte Reiner die Zeit aufwenden können, um die Freundschaft der Jungs zu vertiefen. Zumindest werden diese nicht im selben Maße denunziert wie bei King, Stand by Me lässt eher seine Bilder sprechen. Allerdings ähnlich wie bei Dennis’ Hintergrund Details aussparend. So gelingt es King, den emotional unstabilen Teddy mit wenigen Zeilen tiefgründiger zu zeichnen als dem Film, der Teddys Übermut (“Train dogde. Dig it?”) als Charaktereigenschaft darstellt. Insgesamt ist es bedauerlich, dass sowohl Stephen King als auch Rob Reiner mit Teddy die wohl komplexeste Figur etwas vernachlässigen.

Auch der Film fokussiert sich primär auf die Beziehung von Gordie und Chris, und den drohenden Abschied der Clique voneinander, indem sie bald unterschiedliche Bildungs- und Karrierewege wählen. Wenn sowohl Kings Geschichte als auch Reiners Film daher Gordie sagen lassen “We knew exactly who we were and exactly where we were going”, stellt das natürlich eine Selbstlüge dar. Von ihnen allen scheint sich höchstens Chris mit der Zukunft zu befassen – und das auch nur insofern, als dass er sich aufgrund seines biografischen Hintergrunds bereits abgeschrieben hat. Die Geschichte dreht sich vielmehr um jene Zeit, ehe sich der Selbstfindungsprozess ankündigt, der einen womöglich begleitet, bis man um die 30 Jahre alt ist.

Insofern fängt Stand by Me besser als The Body die letzten Tage kindlicher Unschuld ein (“You think Mighty Mouse could beat up Superman?”), von Reiner exemplarisch in der Lagerfeuerszene eingefangen. Hier wird PEZ mit Kirschgeschmack als lebenslange Nahrung erkoren und Gordie darf eine Kurzgeschichte nicht nur andeuten, sondern in Person von “Lard Ass” auch auserzählen (als Geschichte in der Geschichte einer Geschichte). Da ist es ironisch, dass diese ähnlich abrupt endet wie Kings The Body – was auch von den übrigen Jungs entsprechend kritisiert wird. Zugleich sorgt die Lard-Ass-Geschichte für einen Moment der Aufheiterung inmitten einer Handlung, die sonst – wenn auch etwas unscheinbar – reichlich dramatisch daherkommt.

Von Teddys Bestreben, einem Zug ausweichen zu wollen (wovor ihn im Film Chris, bei Stephen King allerdings Gordie bewahrt), über die riskante Brückenüberquerung, die Gordie und Vern nur knapp überstehen, bis hin zu Gordies „Flucht“ vor Hund Chopper (“Chopper, sic balls!”) und Teddys anschließendem Zusammenbruch. Von allen Vieren ist Vern der einzige, der sich keinen Dämonen stellen muss, während Gordie, Chris und Teddy mit ihren Vätern sowie ihrer Stellung in ihrer Umwelt hadern. Die Suche nach einem zwölf Jahre alten Leichnam, eigentlich als vergnügliches Abenteuer geplant, gerät für die Freunde immer emotionaler. “Maybe it shouldn’t be a party”, realisiert auch Gordie kurz bevor sie Rays Leiche entdecken.

Ähnlich wie bei Teddys Zugausweichen ändert Reiner im Finale wieder ein paar Details. Den Sturm, der während der Konfrontation mit Ace und Co. aufzieht, spart der Regisseur aus. Und lässt Teddy und Vern weitaus früher vor den älteren Jungs das Weite suchen. Hier ist es nun Gordie und nicht Chris, der den Revolver, den Letzterer sich von seinem Vater ausgeborgt hat, auf Ace richtet. Wenn man so will eine Art Rache für den Basecap-Diebstahl zuvor. Das Ende ist dann etwas versöhnlicher, lässt Reiner doch nicht nur die Tracht Prügel unter den Tisch fallen, sondern auch Vern und Teddy mit dem Leben davonkommen. Selbst Chris wird nicht während seines Jura-Studiums umgebracht, sondern erst Jahre später, wenn er bereits Anwalt ist.

Nachvollziehbare Änderungen, die einen weniger bedrückt zurücklassen und somit Stand by Me mehr etwas von einer positiven Erinnerung verleihen. Der Film profitiert dabei fraglos von seinem starken Ensemble, allen voran die Jungdarsteller um River Phoenix und Corey Feldman sind perfekt besetzt und bringen ihre Charaktere authentisch rüber. Mit den passenden Hit-Songs jener Epoche ist Stand by Me eine überaus gelungene Adaption (auch King favorisiert sie unter all seinen Verfilmungen), die absolut nostalgisch gerät. Vielleicht auch, weil man mit ihr aufwuchs, wo jeder Film noch besonders wirkte. Sodass man ein Zitat des Films ummünzen könnte: I never had any films later on like the ones I had when I was twelve. Jesus, does anyone?

9.5/10

30. Oktober 2008

The Fox and the Hound

And we'll always be friends forever. Won't we?

Er war einer der Zeichner von Walt Disney und hat speziell in den Siebzigern für das Studio an Filmen wie Robin Hood und The Rescuers gearbeitet. Doch Ende der siebziger Jahre hatte Don Bluth genug, vielmehr wollte er sein eigenes Animationsstudio gründen und tat dies letztlich auch. Hierbei warb Bluth elf Zeichner seines vorigen Arbeitgebers ab (17% der Angestellten), sodass Disney gezwungen war neue und unerfahrene Zeichner einzustellen. Zu diesen neuen und jungen Zeichnern zählten neben den späteren Disney Regisseuren Ron Clements und John Musker (The Little Mermaid, Aladdin) auch Tim Burton und der zweifache Oscarpreisträger Brad Bird (Ratatouille, The Incredibles). Die jungen Zeichner und Gestalter propagierten für The Fox and the Hound, einer Geschichte die auf dem gleichnamigen Roman von Daniel Pratt Mannix aus dem Jahr 1967 basierte, letztlich einen konservativen Zeichenstil.

Der Film ist weniger wild, wie man es aus den Zeiten von Bluth (z.B. The Rescuers) gewohnt war. Vielmehr wird dem Publikum hier eine meist ruhige, in klassischen Bildern gehaltene Moralgeschichte erzählt. Die konservative Stimmung des Filmes wird auch durch die Musik noch mal untermalt. Durch die Abwanderung der Zeichner wurde die Produktion ein Jahr lang hinausgezögert, letztlich war der Film ein Symbol für einen Neubeginn. Nicht nur die neuen, ehrgeizigen Zeichner waren an Bord, sondern The Fox and the Hound verwendete auch als letzter Disney-Film die Abblende „The End“. Anschließend wurden die Credits nicht mehr zu Beginn gezeigt, sondern in einem Abspann, ein klassisches „The End“ sollte keine Disney-Geschichte mehr erfahren. Wenn auch nicht perfekt, so wird dieser Film aus dem Jahr 1981 von vielen doch sträflich unterschätzt, besitzt er doch im Gegensatz zu anderen Disney-Filmen eine klare sozialkritische Botschaft.

Der Film wird durch eine Analogie zu Bambi eingeleitet. Ein Jäger verfolgt eine Füchsin und ihr Junges. Während die Füchsin ihr Junges absetzt, sieht sie kurz darauf ihrem Tod entgegen. Das Junge ist zum Waisenkind geworden und die großmütterliche Eule Big Mamma nimmt sich des Kleinen an. Mit Hilfe ihrer gefiederten Freunde Dinky und Boomer kann sie die gutmütige Witwe Tweed auf das Fuchsjunge aufmerksam machen. Diese benennt das Junge wegen seines Kleinkindstatus (engl. toddler) „Tod“ und zieht es fortan auf. Auch der benachbarte Jäger Amos hat Zuwachs bekommen. Zu seinem in die Jahre gekommenen Jagdhund Chief hat er sich den Spürhundwelpen Copper (gesprochen von Corey Feldman) zugelegt. Während Tods alltäglicher Eskapaden treibt ihn die Langweile ein wenig über die Grenzen von Witwe Tweeds Grundstück hinaus. Die natürlichen Feinde Tod und Copper begegnen sich – sind sich ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Abneigungen nicht bewusst. Vielmehr freunden sie sich an und verbringen ihre Freizeit miteinander.

Doch der Jäger und Chief dürfen davon nichts erfahren und als Tod eines Tages aus Versehen auf das Grundstück des Jägers wandert, ist dessen Bild von dem Fuchsjungen vorgefertigt. Fortan ist Tod auf dem Radar des Jägers und vom alten Chief. Die Jahreszeiten wechseln und der Jäger nimmt Copper über den Winter mit zur Ausbildung als Jagdhund. Nachdem Copper (gesprochen von Kurt Russell) im Frühjahr zurückkehrt, ist er erwachsen geworden und so auch Tod. Während dieser seinen Freund besucht, beginnt eine Hetzjagd unter der Führung von Chief. Als Copper seinen Freund findet, lässt er ihn von der Angel, doch durch einen Unfall wird Chief schwer verletzt. Copper schwört Rache und so auch der Jäger. Witwe Tweed sieht keine andere Möglichkeit, als Tod in einem Naturschutzgebiet auszusetzen. Dort lernt er die reizende Füchsin Vixey kennen, ist vor den Rachegelüsten des Jägers aber nicht in Sicherheit.

Die erste Hälfte des Filmes ist ein einziger Schmusefaktor. Wie oft der Fall kann man Tierjungen relativ schlecht widerstehen und wenn Copper anfängt zu reden und Tod beginnt zu schauen, dann ist man bereits mitten drin in der Geschichte. Vordergründig spielt hier jedoch die Sozialkritik eine Rolle. Tod und Copper stehen für die unbefleckte Jugend, die keinerlei Animositäten hegt – schon gar nicht gegen einander. Beide sind frei von den Vorurteilen, die in der Gesellschaft verankert sind. Der Fuchs, der gewiefte Dieb und Räuber, immer hinter den Hühnern her. Aus dem Zusammenhang gerissen unterläuft auch der Jäger diesem Vorurteil, als er aufgescheuchte Hühner und Tod zusammen sieht. Doch Tod ist kein gewöhnlicher Fuchs, hegt keinerlei Interesse an den Hühnern.

Ebenso wenig wie Copper unbedingt Gefallen an der Jagd auf Tiere findet. Für ihn ist es vielmehr ein Spiel, eine Herausforderung. Er spürt etwas auf und jault wenn er es gefunden hat. Die Konsequenzen seines Handelns sind ihm dabei nicht bewusst, ihm wird nicht erklärt, dass hierbei andere Tiere sterben müssen. Für Copper ist die Freundschaft zu Tod etwas Universelles, erst im Erwachsenenalter wird ihm die Gefahr, in der Tod schwebt, klar. Als sein Mentor Chief zu Schaden kommt, fällt jedoch auch Copper in das Muster der Vorurteile. Was genau geschah wird nicht thematisiert, hierzu hat Tod auch keine Gelegenheit sich zu erklären. Am Ende stehen sich die beiden Freunde als Feinde gegenüber und ihre Freundschaft scheint vorbei.

Die einzig reine Figur in The Fox and the Hound ist im Grunde Tod beziehungsweise auch die beiden mütterlichen Figuren Big Mamma und Witwe Tweed. Als hauszahmer Fuchs lebt Tod zugegeben in unnatürlichen Verhältnissen. Diese bewirken seinen Charakter, der vollkommen vorurteilsfrei ist. Zu keinem Zeitpunkt hat Tod etwas Böses im Sinn und obschon er ihm nach dem Leben trachtete, ist es letztlich Tod, der seinen Freund Copper nicht im Stich lässt und ihm zu Hilfe eilt. Die Ursachen finden sich hier wohl in den Erziehern, wie es auch im wahren Leben der Fall ist. Menschen werden nicht mit Vorurteilen geboren, sondern diese werden ihnen beigebracht. Rassismus als Erziehung. Der vorurteilsfreie Copper entwickelt nach dem Unfall von Chief selbst Vorurteile, ausgelöst durch seine beiden Bezugspersonen Jäger und Chief. Die Umgebung in der Tod lebt, von Witwe Tweed über Big Mamma bis hin zu Vixey und dem Stachelschwein, ist vorurteilsfrei. Eine Welt in der ein Miteinander und kein Nebeneinander herrscht. Hass und andere negative Gefühle werden in dieser Welt von außen herein getragen.

Die Freundschaft zwischen Fuchs und Jagdhund scheint untolerierbar, keine Brücke zwischen den beiden Parteien möglich. Dass es möglich ist, zeigt Disney in vielen seiner Filme, die ohnehin meist Parallelen aufweisen. Jäger und Beute als Freunde, dass kennt man auch aus The Lion King oder Jungle Book. In letzterem findet sich auch die Thematik der gefiederten Freunde und Helfer, die ebenfalls Einzug in Dumbo, Finding Nemo oder The Little Mermaid erhalten haben. Der Humor von The Fox and the Hound ist ebenfalls klassisch, kommt hier noch ohne popkulturelle Referenzen aus, welche in heutigen Animationsfilmen unabdingbar sind, um das Publikum noch zu amüsieren. Doch der Film leidet teilweise an seiner redundanten Erzählstruktur, verläuft sich gelegentlich und hat denselben Fehler, wie andere Werke. Der Konflikt zwischen den Parteien wird nicht hinterfragt. Ähnlich wie Simba sieht man Tod nie Beute machen. Zu verzeihen ist es jedoch dieser unschuldigen Disney-Welt. Spätestens wenn Tod uns einen Blick zuwirft oder Copper etwas sagt. Kein Meisterwerk, aber ein Klassiker.

8/10