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16. April 2016

Vorlage vs. Film: Stand by Me

The Body (1982)

Stephen King gehört zu den ganz großen Schriftstellern der Geschichte – zumindest wenn es um die Anzahl von filmischen Umsetzungen geht. Da sind die Werke von Shakespeare, Dickens, Chekhov und Co. ordentlich dabei, aber eben auch der 68-Jährige aus Maine. Über 50 Filme basierend auf seinen Arbeiten führt Wikipedia, allein die Hälfte davon entstanden in den 90er Jahren. Erstaunlich für einen Mann, der bis heute 54 Romane verfasst hat – aber eben auch fast 200 Kurzgeschichten. Eine solche ist auch The Body, die 1982 gemeinsam mit Rita Hayworth and Shawshank Redemption in dem Sammelband Different Seasons erschien. Auf rund 72 Seiten erzählt King darin die Coming-of-Age-Story vierer Jungs während eines Sommers.

Die Handlung beginnt relativ harmlos und doch dramatisch zugleich: Kurz vor Ende der Sommerferien im Jahr 1960 erfahren im fiktiven Ort Castle Rock die vier Freunde Gordie, Chris, Teddy und Vern von dem Aufenthaltsort eines vermissten Jungen. Der soll von einem Zug überfahren einige Meilen entfernt im Wald liegen, wo ihn Verns älterer Bruder mit einem Kumpel fand. “So when a boy dies out in the forest, it’s a chance to see something they have never seen in their lives: a dead body”, heißt es in der Einleitung. “Their journey will teach them as much about life as about death”. Die Jungen, an der Grenze vom Kind zum Jugendlichen stehend, lernen innerhalb weniger heißer Tage, was es bedeutet, erwachsen zu werden.

Zwei Tage lang eisen sich die Vier von ihrer Familie los, um den Bahngleisen zur Leiche ihres Altersgenossen zu folgen. Dabei macht Gordie als Erzähler klar, dass die Clique durchaus etwas gespalten ist, indem Teddy und Vern offen als dumm bezeichnet werden, während Chris als Delinquent daherkommt. Hierbei ist die Geschichte direkter und weniger emotional als es die Verfilmung von Rob Reiner sein sollte. “Your friends drag you down, Gordie. Don’t you know that?”, macht Chris da seinem intelligenteren Freund deutlich, dass sich ihre Wege trennen werden. “You can’t save them. You can only drown with them.” Eine Ansprache, nicht unähnlich zu der Rede, die Ben Affleck Jahre später Matt Damon in Good Will Hunting geben würde.

Im Gegensatz zum Film spielt auch Gordies Bruder Dennis eine kleinere Rolle. Wo dieser im Film zum Vorbild stilisiert wird, ist seine Rolle bei King etwas ausgearbeiteter und doch passiver. Es wird erwähnt, dass Gordies Eltern keine Kinder bekommen konnten, ehe die Mutter plötzlich mit Dennis schwanger wurde. Fünf Jahre später kam dann noch Gordie hinzu. “For my parents, one gift from God was enough”, so Gordie. Die Beziehung zu Dennis war nicht minder unterkühlt, nicht zuletzt aufgrund des Altersunterschieds. “We rarely did things together”, erzählt der kleine Bruder. Dennis’ Tod berührt ihn daher nur bedingt, weshalb die Geschichte auch ohne die Basecap-Szene mit Ace Merrill und “Eyeball” Chambers auskommt.

Generell tauchen Ace und seine Gang nur im Off auf, ehe beide Gruppen schließlich die Leiche von Ray Brower inmitten eines heraufziehenden Sturms finden. Wo Reiners Film die Androhungen der Gang nach versagter Leichenüberführung schlussendlich ins Leere laufen lässt, berichtet Stephen King durchaus von den Konsequenzen der vier Freunde. So hagelte es für Gordie und Chris gebrochene Knochen, für Teddy und Vern immerhin üble Abreibungen. Obendrein findet The Body ein so abruptes wie düsteres Ende, denn Ray Brower wird nicht die einzige Leiche bleiben. Zusätzlich zu Chris sterben auch Teddy und Vern jung. Nur Gordie überlebt die sechziger Jahre und blickt mit 34 Jahren auf die Ereignisse aus der Jugend zurück.

Eine echte Sympathie mit Gordie will sich während der Lektüre nicht wirklich einstellen, wozu auch seine distanzierten Beschreibungen von Dennis über Teddy und Vern beitragen. Nur zu Chris scheint er eine echte Beziehung zu haben. Das Ende der Geschichte ist nichtsdestotrotz tragisch, da bis auf Gordie alle Figuren als gescheitert betrachtet werden müssen. Sie alle leb(t)en jenes “loser’s life”, von dem Gordie sprach, welches er jedoch vermied. Inwieweit die Ereignisse um Ray Browers Tod in jenem Sommer sie geformt oder beeinflusst haben, bleibt dabei unklar. Außer, dass sie Jahre später Gordie für eine Kurzgeschichte dienen würden. “Some people drown”, heißt es da gegen Ende betrübend, die Worte von Chris reflektierend.


Stand by Me (1986)

«Have gun will travel reads the card of a man,
a knight without armor in a savage land.»


Wer im Kindesalter Filme mit Gleichaltrigen sieht, wird zu diesen vermutlich eine ganz eigene Bindung aufbauen. Egal ob dies nun The Goonies betrifft oder Stand by Me. Was beide Filme eint, ist das Erleben eines Abenteuers, wie es für Kinder in dem Alter – zumindest für ihr Empfinden – nicht ungewöhnlich ist. Auch wenn die „wahren“ Abenteuer sich nicht um Piratenschiffe oder das Finden einer Leiche drehen. “I was twelve going on thirteen the first time I saw a dead body”, berichtet uns ein Erzähler (Richard Dreyfuss) zu Beginn des Films. Das Ganze geschah im Sommer des Jahres 1959. “A long time ago – but only if you measure it in terms of years.” Auslöser ist eine weitere Leiche: die eines guten Freundes jener Zeit.

Reiner nimmt in seiner Verfilmung den Tod von Chris (River Phoenix) vorweg, ehe wir die Figur überhaupt kennenlernen. Seine Ermordung gut 26 Jahre nach den Ereignissen des Films führt zur Reflexion des alten Gordie an sein jüngeres Ich (Wil Wheaton). Der war einer jener spärlichen 1.281 Einwohner von Castle Rock “but to me it was the whole world”. Vielleicht weil sich der Sommer dem Ende neigt und sie sowieso nichts besseres zu tun haben, beschließen Chris, Gordie sowie Teddy (Corey Feldman) und Vern (Jerry O’Connell) sich die Leiche von Ray Brower anzusehen, nachdem Vern seinen älteren Bruder belauscht hat. Abgesehen von der Einleitung des älteren Gordie folgt Reiner vom Aufbau her praktisch haargenau Kings Vorlage.

Mit einigen Ausnahmen, geht der Regisseur doch an manchen Stellen ins Detail, die King nur oberflächlich berührt hat. Hier ist Widersacher Ace (Kiefer Sutherland) weitaus präsenter im Film als in der Kurzgeschichte und erhält früh ein Gesicht zu seinem Namen. So unterbricht Reiner das Abenteuer von Gordie und Co. für Szenenwechsel zu Ace und seiner Gang und unterstreicht das Draufgängertum von Ace. Zudem lässt er ihn eingangs direkt mit Gordie und Chris zusammenstoßen und verbindet diese Szene mit einer weiteren Vertiefung, die King aussparte: der Beziehung von Gordie zu seinem älteren und wenige Monate zuvor unglücklich verstorbenen Bruder Dennis (John Cusack) sowie dessen Schatten auf seinen kleinen Bruder.

Die Umstände von Dennis’ Bevorzugung aus der Vorlage fehlen im Film. Reiner macht ihn einfach zum Lieblingssohn, für den im Gegensatz zu den Eltern Gordie nicht unsichtbar ist. Er liest und schätzt die Kurzgeschichten seines Bruders und schenkt ihm seine Mütze, die Gordie später von Ace entwendet wird. Die familiäre Situation ist es auch, die Gordie im Verlauf in einer Albtraumszene verfolgt, die King in der Vorlage auf die Beziehung der Freunde münzte. So wärmer das Band zu Dennis Gordie hier auch zeichnet, irritiert die eher unterkühlte Wahrnehmung des Brudertodes. Film-Gordie scheint emotional ähnlich wenig betroffen von Dennis’ kürzlichem Ableben wie Buch-Gordie. Was die Basecap-Episode folglich etwas unnütz macht.

Generell erscheint die vielfache Integration von Ace nicht wirklich notwendig, nur um die Figur fieser und bedrohlicher zu gestalten. Stattdessen hätte Reiner die Zeit aufwenden können, um die Freundschaft der Jungs zu vertiefen. Zumindest werden diese nicht im selben Maße denunziert wie bei King, Stand by Me lässt eher seine Bilder sprechen. Allerdings ähnlich wie bei Dennis’ Hintergrund Details aussparend. So gelingt es King, den emotional unstabilen Teddy mit wenigen Zeilen tiefgründiger zu zeichnen als dem Film, der Teddys Übermut (“Train dogde. Dig it?”) als Charaktereigenschaft darstellt. Insgesamt ist es bedauerlich, dass sowohl Stephen King als auch Rob Reiner mit Teddy die wohl komplexeste Figur etwas vernachlässigen.

Auch der Film fokussiert sich primär auf die Beziehung von Gordie und Chris, und den drohenden Abschied der Clique voneinander, indem sie bald unterschiedliche Bildungs- und Karrierewege wählen. Wenn sowohl Kings Geschichte als auch Reiners Film daher Gordie sagen lassen “We knew exactly who we were and exactly where we were going”, stellt das natürlich eine Selbstlüge dar. Von ihnen allen scheint sich höchstens Chris mit der Zukunft zu befassen – und das auch nur insofern, als dass er sich aufgrund seines biografischen Hintergrunds bereits abgeschrieben hat. Die Geschichte dreht sich vielmehr um jene Zeit, ehe sich der Selbstfindungsprozess ankündigt, der einen womöglich begleitet, bis man um die 30 Jahre alt ist.

Insofern fängt Stand by Me besser als The Body die letzten Tage kindlicher Unschuld ein (“You think Mighty Mouse could beat up Superman?”), von Reiner exemplarisch in der Lagerfeuerszene eingefangen. Hier wird PEZ mit Kirschgeschmack als lebenslange Nahrung erkoren und Gordie darf eine Kurzgeschichte nicht nur andeuten, sondern in Person von “Lard Ass” auch auserzählen (als Geschichte in der Geschichte einer Geschichte). Da ist es ironisch, dass diese ähnlich abrupt endet wie Kings The Body – was auch von den übrigen Jungs entsprechend kritisiert wird. Zugleich sorgt die Lard-Ass-Geschichte für einen Moment der Aufheiterung inmitten einer Handlung, die sonst – wenn auch etwas unscheinbar – reichlich dramatisch daherkommt.

Von Teddys Bestreben, einem Zug ausweichen zu wollen (wovor ihn im Film Chris, bei Stephen King allerdings Gordie bewahrt), über die riskante Brückenüberquerung, die Gordie und Vern nur knapp überstehen, bis hin zu Gordies „Flucht“ vor Hund Chopper (“Chopper, sic balls!”) und Teddys anschließendem Zusammenbruch. Von allen Vieren ist Vern der einzige, der sich keinen Dämonen stellen muss, während Gordie, Chris und Teddy mit ihren Vätern sowie ihrer Stellung in ihrer Umwelt hadern. Die Suche nach einem zwölf Jahre alten Leichnam, eigentlich als vergnügliches Abenteuer geplant, gerät für die Freunde immer emotionaler. “Maybe it shouldn’t be a party”, realisiert auch Gordie kurz bevor sie Rays Leiche entdecken.

Ähnlich wie bei Teddys Zugausweichen ändert Reiner im Finale wieder ein paar Details. Den Sturm, der während der Konfrontation mit Ace und Co. aufzieht, spart der Regisseur aus. Und lässt Teddy und Vern weitaus früher vor den älteren Jungs das Weite suchen. Hier ist es nun Gordie und nicht Chris, der den Revolver, den Letzterer sich von seinem Vater ausgeborgt hat, auf Ace richtet. Wenn man so will eine Art Rache für den Basecap-Diebstahl zuvor. Das Ende ist dann etwas versöhnlicher, lässt Reiner doch nicht nur die Tracht Prügel unter den Tisch fallen, sondern auch Vern und Teddy mit dem Leben davonkommen. Selbst Chris wird nicht während seines Jura-Studiums umgebracht, sondern erst Jahre später, wenn er bereits Anwalt ist.

Nachvollziehbare Änderungen, die einen weniger bedrückt zurücklassen und somit Stand by Me mehr etwas von einer positiven Erinnerung verleihen. Der Film profitiert dabei fraglos von seinem starken Ensemble, allen voran die Jungdarsteller um River Phoenix und Corey Feldman sind perfekt besetzt und bringen ihre Charaktere authentisch rüber. Mit den passenden Hit-Songs jener Epoche ist Stand by Me eine überaus gelungene Adaption (auch King favorisiert sie unter all seinen Verfilmungen), die absolut nostalgisch gerät. Vielleicht auch, weil man mit ihr aufwuchs, wo jeder Film noch besonders wirkte. Sodass man ein Zitat des Films ummünzen könnte: I never had any films later on like the ones I had when I was twelve. Jesus, does anyone?

9.5/10

15. Januar 2008

The Mist

I don’t know how good it is. But I guess we’ll have to make do.

Wenn man an das Genre Horror denkt, taucht ein Name unweigerlich mit auf: Stephen King. Er gilt als Meister des Horrors und hat seine Fans mit Romanen wie It das Grauen gelehrt. Und wenn man zu den großen Geschichtenerzählern der USA gehört, führt an ihnen für Hollywood unweigerlich kein Weg vorbei. Über 200 Kurzgeschichten und 50 Romane hat King bisher verfasst – ein quantitatives Paradies für die Produzenten und Studiobosse. Bis zum Jahr 2007 entstanden rund achtzig Verwirklichungen von Kings Werken in den Medien. Egal ob Kino-, Fernseh- oder Kurzfilm, Mehrteiler, Serien oder Hörspiele. Am besten funktionieren hierbei natürlich die Kinofilme, die eine größere Masse ansprechen und zugleich die – zumindest technisch – beste Qualität bieten. Reizvoll fanden auch die großen Regisseure Kings Geschichten, hierzu zählen Brian De Palma (Carrie), Stanley Kubrick (The Shining) und Rob Reiner (Stand By Me, Misery). Gewissermaßen einen Narren am König hat Frank Darabont gefressen, der dieses Jahr mit The Mist seine dritte King-Verfilmung in die Kinos brachte. Für seine Adaptionen von The Shawshank Redemption und The Green Mile war Darabont gelobt und gerühmt worden. Doch bereits vor der Produktion dieser beiden Filme hatte Darabont geplant gehabt, The Mist zu verwirklichen. Die Kingsche Novelle entstammte der 1980 erschienenen Horror Anthologie Dark Forces, die Geschichte selbst basiert – so King – auf eigenen Erfahrungen. Nach einem enormen Sturm habe King einst mit seinem Sohn einen Supermarkt aufgesucht und sich in der Schlange zur Kasse stehend gefragt, was wohl wäre, wenn die eingeschlossene Menge von einem prähistorischen Vogel terrorisiert würde. Doch in Kings Geschichten geht es oftmals weniger um das personifizierte Böse, als vielmehr um die Psyche seiner Opfer. Der Fokus seiner Geschichte liegt daher nicht auf der Kreatur, außerhalb des Supermarktes, sondern auf den „Kreaturen“, innerhalb des Supermarktes. Eingepfercht vom Horror – dieselbe Thematik lag bereits den anderen beiden King-Verfilmungen von Darabont zu Grunde.

Ein Sturm zu Beginn prophezeit sich als unheilsvolles Omen. Familienvater David Drayton (Thomas Jane) sucht gemeinsam mit seinem Sohn den örtlichen Supermarkt auf und befindet sich bald als Gefangener in diesem wieder. In einer ursprünglichen Szene wurde zu Beginn erklärt, was es mit dem Nebel auf sich hat, welcher sich über das friedliche Örtchen legen sollte. Doch Darabont entfernte diese Szene und tat letztlich gut daran. Ein blutiger Mann stürmt in den Supermarkt, redet von Toten, von einem ominösen Nebel. Dieser legt sich sofort über die Kleinstadt, die Kunden des Supermarktes sind verängstigt. Sie wissen ebenso wenig wie der Zuschauer, was hier eigentlich vor sich geht. Was ist der Nebel und wo kommt er her? Es ist nicht klar und wird an sich auch nicht aufgelöst werden. Darabont überlässt dem Publikum seine Spekulation, die Krümel für seine Fährte lässt er jedoch fallen. Während King in Geschichten wie Duddits oder It eine Bande von Freunden, von Gleichgesinnten, auf ein Übel treffen ließ, so findet in The Mist die Umkehrt statt. Logischerweise dient der Supermarkt als Querschnitt durch die Gesellschaft. Eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig teils verabscheuen – nunmehr verdammt zusammen zu arbeiten. Ein Tropfen Öl kann einen ganzen Wasservorrat verunreinigen. Dieser Tropfen Öl ist Mrs. Carmody (Marcia Gay Harden), eine christliche Alttestamentlerin, Anhängerin eines rachsüchtigen Gottes. Sie ist ein zwiespältiger Charakter, ähnlich wie in Paul Thomas Anderson im selben Jahr mit seiner Figur Eli in There Will Be Blood erschaffen wird. Gottestreu verabscheuen sie anders denkende Menschen und bedienen sich dennoch dieser als Anhänger und Mittel zum Zweck. Carmody spielt der Nebel die Karten in die Hand, welche sie gerissen zu nutzen weiß. Nichts treibt Menschen näher zusammen als Angst und ein gemeinsamer Feind. Diesen macht sie jedoch nicht außerhalb der Barrikaden aus, sondern inmitten ihrer Schäfchen.

Blasphemie und Gotteslästerei als Ursachen der Verdammung. Der Nebel spielt der Offenbarungspredigt von Carmody gelungen in die Karten, mit jedem Unheil wächst ihre Macht und die Verschiebung der Gewichtung. Während es für Carmody um das Jüngste Gericht geht, suchen die Eltern im Supermarkt, unter ihnen Drayton, lediglich einen Weg ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Es bilden sich zwei Lager, die Gläubigen und Skeptiker. Dieser Nebel ist nicht von Gott geschaffen, doch an sein Unheil glauben nicht alle. Später spaltet sich das übrig gebliebene Lager der Gläubigen nochmals auf. Die zentralen Figuren Drayton und Carmody jeweils auf einer Seite. Zu diesem Zeitpunkt spielen die Monster des Nebels nur noch eine untergeordnete Rolle – der wahre Feind schläft eine Reihe weiter bei der Milch. King gelingt hier ein glaubwürdiges Kammerspiel, welches Darabont versucht mit Steadycam einzufangen. Zwei Kamerateams der Fernsehserie The Shield unterstützten ihn vor Ort und halfen ihm mit ihrer Beweglichkeit in den engen Gängen des Supermarktes. Was manche einem Zuschauer negativ aufstoßen mag, ist durchaus ausgeklügelt. Darabont erschafft dadurch ein solches „YouTube“-Gefühl, dessen sich auch andere Horrorvertreter wie Vorreiter The Blair Witch Project oder Cloverfield verschrieben. Willkürliche, wackelige Nahaufnahmen und ungewöhnliche Kameraeinstellungen erzeugen ein Gefühl der Anwesenheit. Die Abkehr fester Einstellungen, die stur draufgehalten sind wie bei einem 30 Days of Night gelingt hier und ist zweckdienlich. Weniger wie ein omnipräsenter Erzähler richtet Darabont seine Kamera vielmehr auf das, was seine Figuren in ihr Blickfeld aufnehmen. Ruckartig, ungenau, wackelig und daher irgendwie authentisch. Selbstverständlich unterstützt dies alles einen gewissen trashigen Faktor, aber Edward D. Wood Jr. wäre stolz auf Darabont gewesen. Die wechselseitige Atmosphäre im Film hätte wahrscheinlich nicht besser, als auf diese Weise eingefangen werden können.

Während im Kino eine Farbfassung des Filmes lief, packte Darabont auf eine limitierte DVD-Version auch seine favorisierte Fassung. Seine Schwarz-Weiß Version von The Mist ist als Director’s Cut zu sehen und spiegelt die Intention des Filmes durchaus etwas gelungener wieder. In den schwarz-weißen Bilden, die oftmals ungenau in ihren eigenen Schattierungen verschwinden, wird das Gefühl der Horror-Filme aus den fünfziger und sechziger Jahren wiederbelebt. Es findet sich kein gravierender Unterschied zwischen Farb- und schwarz-weiß-Fassung (wie ihn Darabont beschwört), aber die farblosen Bilder helfen durchaus ungemein dabei die Atmosphäre des Filmes und zugleich die Intention des Regisseurs zu verstärken. Obschon es nicht dem Willen des Regisseurs entsprach, haftet The Mist ein extremer Trash-Faktor an. Ausgelöst wird dies unter anderem durch die Tatsache, dass eine Handlung, die im Grunde in den Achtzigern beheimatet ist – man betrachte nur die Dialoge und Charakterzeichnungen – in eine Atmosphäre aus den Sechzigern versetzt wurde. Die Vermischung dieser beiden Zeitepochen in einem Film, der in der Gegenwart spielen soll, erzwingt praktisch Lacher. Dabei ist Darabonts Film nicht unlogischer wie die meisten anderen Genrevertreter, nur fällt es hier eher auf. Geschmälert wird der trashige Faktor allerdings durch die Schwarz-Weiß-Fassung, die eher das Ambiente der klassischen Horrorfilme hervorruft und damit stärker den Ton trifft als die Farbversion. In Verbindung mit der Steadycam erhalten die farblosen Bilder nochmals einen zusätzlichen Touch, was eine bisher ungeahnte Vermischung ergibt – wackelige Schwarz-Weiß Bilder. Nicht auszudenken, wie viel der Film noch hätte gewinnen können, hätte man das Filmmaterial absichtlich „ramponiert“, wie in Quentin Tarantinos Death Proof bisweilen geschehen.

In dieses Bild eines klassischen B-Movie-Horror-Films fügen sich auch die Effekte glänzend ein. Sie sind alles andere als perfekt, wirken zum Teil billig und gerade deshalb so gut in die wackeligen schwarz-weißen Einstellungen. Die letzte gelungene Nuance ist das fast völlige Verzichten auf jegliche musikalische Untermalung. Der Terror im Supermarkt, der Kampf zwischen den Überlebenden untereinander – Darabont liefert dies seinem Publikum pur und Zuckerrohr. Erst als zum Ende die Flucht gelingt, in eine ungenaue, pessimistische Zukunft, erklingt das apokalyptische The Host of Seraphim von Dead Can Dance. Im Gegensatz zu dem Wunsch des Studios konnte sich Darabont bei seinem Filmende durchsetzen. Die Trostlosigkeit und der Terror nimmt kein Ende – und erneut geht dieser Terror nicht von den Wesen aus dem Nebel aus. Vielmehr ist er selbst geschaffen, ein Resultat einer paranoiden, verängstigten Gesellschaft. Letztlich zahlt sich weder Mrs. Carmodys Fundamentalismus aus, noch Draytons Spontan-Mentalität. Stattdessen feiert Darabont eine reine und naive Seele als den Gewinner aus dem ganzen Chaos. Jenes Chaos, das nicht von Gott aufgelastet, sondern vom Mensch selbst verursacht wurde. Ein Chaos, welches die Menschen im Supermarkt nur aufgrund ihres eigenen Verschuldens heimgesucht hat. Zu oft schlägt The Mist einen amüsanten, trashigen Weg ein, ist allerdings dennoch ein über weite Strecken gelungener Horrorfilm, der den wahren Horror nicht in Monstern, sondern in Menschen findet.

7/10 - in anderer Form erschienen bei Wicked-Vision

16. September 2007

1408

It’s an evil fucking room.

Neulich hab ich noch bei Premonition von den europäischen Regisseuren geredet, die sich durch ihren Erfolg auf dem alten Kontinent in Hollywood versuchen dürfen und dort als Debüt meist einen zweitklassigen Thriller abliefern. Den Weinstein-Brüdern scheint es besonders Mikael Håfström angetan zu haben, denn nach seinem Debüt Derailed, mit Clive Owen und Jennifer Aniston, produzierten sie auch seinen zweiten US-Film. Diesmal darf Håfström sich an einer Kurzgeschichte vom Horror-Altmeister Stephen King austoben und in den meisten Fällen kann man in Hollywood mit Kings Stoff nicht viel falsch machen. In ebenjener Kurzgeschichte von 2000 und dem filmischen Pendant dazu, ist, wie so oft in Kings Büchern, ein Schriftsteller die Hauptfigur und das bösartige Paranormale sein maliziöser Antagonist.

Mike Enslin (John Cusack) ist Autor von Geistergeschichten, die vermeintlich tatsächlich stattgefunden haben. Hierzu besucht er die zehn gruseligsten Friedhöfe und dergleichen, sein nächstes Buch soll sich um Hotels drehen. Durch eine mysteriöse Postkarte wird er auf das Zimmer 1408 im New Yorker Dolphin Hotel aufmerksam, seine Recherchen ergeben, dass die Story ein Fundament besitzt. Bevor er jedoch eincheckt, versucht Hotelmanager Olin (Samuel L. Jackson) noch, Enslin davon abzubringen, in dem verfluchten Zimmer zu übernachten. Kein Mensch hätte je länger als eine Stunde darin überlebt, bereits über 50 Menschen ihren Tod gefunden. Enslin ist angetan von Olins Geisterkonstrukt und besteht darauf, ihm Zimmer 1408 zu nächtigen. Dort scheint dann alles wie von Enslin vorgesehen abzulaufen – bis plötzlich der Radiowecker einen Countdown von 60 Minuten einläutet.

John Cusack spielt Enslin gut und er passt auch exzellent zu diesem Charakter. Samuel L. Jackson glänzt hier mal wieder und zeigt, dass er eigentlich ein sehr guter Schauspieler ist, auch wenn er dies manchmal in dubiosen Rollen oder Projekten konterkariert. Was er aber in manchen Szenen allein mit seinen Augen auszudrücken vermag, dafür wäre es schwer ihm passende Sätze in den Mund zu legen. Die Rolle von Mary McCormick ist ziemlich bedeutungslos, sie hat in dieser Funktion auch nur Kate Walsh (Grey’s Anatomy) ersetzt, die verhindert war. Schauspielerisch also eine akzeptable Leistung, bietet 1408 Referenzen zu The Amytiville Horror und Stephen Kings eigenem The Shining, auch die Zahl 13 findet nicht nur im Titel sondern in anderen Funktionen mehrfach Einzug in die Handlung.


Da ich kein Horror-Fan bin und vor allem durch die Musikuntermalung zumeist erschreckt werde, ist es dann schon lobenswert (oder kritisch, je nachdem), dass ich nur dreimal zusammengefahren bin. Allgemein baut der Horrorfaktor jedoch in der zweiten Filmhälfte ab und wandert eher ins Thriller-Genre – auch Ursache einer Spannungsarmut. Zudem wird zu Beginn ein Twist eingebaut, den man leicht durchschaut (auch wenn er am Ende anders verläuft, wie gedacht) und viele Details, die in der Kurzgeschichte vielleicht Sinn machen, im Film aber ins Leere laufen. Dazu zählt Enslins erster Roman, der mit seiner Beziehung zu seinem Vater zusammenhängt. Was dahinter steckt, kann man nur erahnen, der Film vertieft es nicht. Auch das Geheimnis des Raumes, soviel sei an dieser Stelle vorweg genommen, wird nicht gelüftet (insofern es überhaupt vorhanden ist).

Dies sind die Wermutstropfen von 1408, dessen Handlung an sich okay ist, aber nicht besonders spektakulär. Håfström gelingt es aber – auch mittels Hitchcocks berühmtesten Kameraeffekt – eine durchdringliche und klaustrophobische Atmosphäre im Hotelzimmer zu schaffen. Hierbei beeindrucken vor allem die Effekte, welche zwar keine Maßstäbe setzen, sich aber gut in die Handlung einfügen. Zusammen mit Håfström’s Farbspiel kann sich das Publikum hervorragend in Enslins Lage hineinversetzen und sich der schwedische Regisseur nach seinem Reinfall mit Derailed wieder etwas rehabilitieren. Der letzte Kritikpunkt wäre das Filmende, dass dem widerspricht, was man eigentlich erwartet und dadurch doch etwas deplaziert wirkt. Es wurde allerdings auch nachgedreht, nachdem das ursprüngliche Ende dem Testpublikum missfiel. 1408 ist kein Meisterwerk des Horrors und fraglos kein großer Wurf, für zwischendurch empfehlenswert, wobei die Abnutzungserscheinungen nach mehrmaligen Sehen immens sein dürften.

5.5/10