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19. März 2016

The Perfect Storm

Gloucester. They’re always from Gloucester.

Liest man heutzutage über Wolfgang Petersens The Perfect Storm – oder schlicht: Der Sturm –, werden meist zumindest die Effekte (sogar Oscar-nominiert) gelobt. Dabei gehört der Film nicht gerade zu den Filmen, deren Effekte die Zeit überdauern. Nun, anderthalb Jahrzehnte später, wirken sie wenig eindrucksvoll. Was sich leider über viel von The Perfect Storm sagen lässt. Petersens Rückkehr auf hohe See nach seinem Erfolg Das Boot beruht dabei auf dem fiktionalisierten gleichnamigen Buch von Sebastian Junger (Restrepo) nach einem wahren Vorfall, der sich im Herbst 1991 im Atlantik ereignet hat. Eine Geschichte also wie gemacht fürs Kino, sollte man zumindest meinen. Was aber natürlich noch keineswegs ein Selbstläufer ist.

Die Handlung spielt in Gloucester, Massachusetts, und dreht sich um die Crew der Andrea Gail, ein lokales Schwertfischfängerboot von Kapitän Billy Tyne (George Clooney). Mit einem moderaten Fang zurückkehrend und kurz vor dem Ende der Fangsaison stehend, wirken die Aussichten um Tyne und seine Männer wenig rosig. Weshalb der erfahrene Seebär eine erneute Ausfahrt beschließt, für einen letzten großen Fang. In der Folge verlässt die Andrea Gail immer weiter ihre üblichen Gewässer und entfernt sich über 900 Kilometer von ihrer Heimatküste. Was dann zum Problem wird, als nicht nur ein, sondern gleich zwei Stürme am Horizont erscheinen – und sich zum perfekten Sturm zusammenschließen. Mittendrin dabei: die Andrea Gail.

Besonders eindrucksvoll gerät der Beginn von The Perfect Storm, der sich Zeit für ökonomische Zustände und wirtschaftliche Zusammenhänge nimmt. Exemplarisch vorgeführt an der Auszahlungsszene nach dem letzten Fang, in der Mark Wahlbergs Fischeranfänger Bobby reklamiert, nur $2,221 rauszubekommen. Bei 21.000 Pfund Fisch mit $3.50 pro Pfund sei der Ertrag $73,000, rechnet ihm Bootsbesitzer Brown (Michael Ironside) vor. Abzüglich $35,000 für Köder, Benzin und Co. blieben rund $38,000 übrig, von denen Brown als Besitzer die Hälfte kriege. Der Kapitän erhalte doppelten Anteil, die vier Crew-Mitglieder einen vollen Anteil und Bobby als Anfänger 75 Prozent des vollen Anteils. “What it is is what it is”, so Brown lapidar.

Es sind harte Zeiten für Fischer, gerade dann, wenn man keine Beute macht. “You’re on a cold streak”, wirft Brown seinem Kapitän vor. Und droht an, diesen zu ersetzen. Tyne wiederum ist verzweifelt ob der Bestände vor der Küste. Er will jenseits der üblichen Gefilde fischen. “Don’t you think about it”, ist sich Brown des Risikos bewusst. Den Druck auf sich selbst gibt Tyne an seine Crew weiter, als er ihnen eröffnet, zwei Tage nach ihrer Ankunft wieder auf See fahren zu wollen. “You boys don’t want your site, a replacement’s a phone call away.” Wie er haben auch seine Männer keine echte Wahl. “We need the money”, stellt Bobby gegenüber Lebensgefährtin Christina (Diane Lane) klar. Schulden müssen abgebaut, Scheidungsanwälte bezahlt werden.

Sie alle kämpfen um ihre Existenz, müssen Scheidungsanwälte oder wie im Falle von Murphy (John C. Reilly) Alimente für ihre Kinder zahlen. Mehr schlecht als recht schlägt sich auch Sully (William Fichtner) durch, weshalb er widerwillig auf der Andrea Gail anheuert, trotz Animositäten mit Murphy. Eine halbe Stunde lang lässt Petersen sein Publikum diese Figuren atmen, von Bugsys (John Hawkes) verzweifelten Versuchen, während des kurzen Landaufenthalts irgendwie Sex zu haben, bis hin zur Spiegelung dessen, was dieses Leben für eine Familie bedeuten kann in den Figuren von Murphy und Bobby. Auch Tyne selbst musste familiäre Opfer bringen, ist jedoch generell merklich mehr in den Wellengängen und der salzigen Luft Zuhause.

Wir kennen nun den Großteil der Figuren – Allen Paynes Alfred Pierre als Ausnahme –, sind bereit, an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen. Umso bedauerlicher, dass Petersen nun verstärkt Kurs auf die Kitsch-Küste nimmt. Nach der starken ersten halben Stunde wird der Zuschauer mit einem schnulzigen Voice-over von Christina gen See verabschiedet, wo Bobby und Tyne ein 0815-Expositions-Gespräch beginnen. Ironischerweise wird The Perfect Storm, je weiter er sich von der Küste Massachusetts entfernt, umso flacher. Gebeutelt von misslungenen Fängen und steigendem Frust an Bord der Andrea Gail zieht es das Schiff immer mehr nach Osten. Und Petersen – oder genau genommen Junger – wartet mit zwei Subplots als Füllmittel auf.

Während die Handlung der Andrea Gail zu diesem Zeitpunkt weitestgehend entschleunigt ist, braut weiter südlich Richtung Bermuda bereits der Sturm auf. In seinem Zentrum ein Segelboot mit drei Figuren (Bob Gunton, Karen Allen, Cherry Jones) in Seenot. Eine Truppe Rettungsschwimmer (u.a. Dash Mihok) macht sich auf den Weg, um die Segler zu retten. Das Problem ist, dass diese Figuren im Gegensatz zu den Mitgliedern der Andrea Gail keinerlei Einführung erhalten haben. Von den meisten erfahren wir nicht einmal die Namen. Unklar bleibt, wieso sich der Zuschauer um diesen anonymen Haufen scheren soll. Und auch das Hin- und Herschneiden zwischen Haupt- und Nebenplot gereicht – auch tonlich – keinem von beiden zum Vorteil.

Für die Einordnung der Situation wird zudem noch Christopher McDonalds Meteorologe eingeblendet (der sogar die Trailerträchtige Zeile “It would be… the perfect storm” murmeln darf) und auf Mary Elizabeth Mastrantonios Kapitänskollegin von Tyne geschnitten. Viel Exposition für einen Sturm, dessen Ausmaße für den Zuschauer ohnehin nicht wirklich zu begreifen sind. Wozu sie also ausführlich erläutern? Vergleichsweise machte Ridley Scott mit seinem Bootsdrama White Squall weitaus mehr mit sehr viel weniger. Auch was die Effekte und Dramaturgie angeht. Im Dunkel des Sturms und der Doppelung der Bilder der Andrea Gail und der Rettungsspringer verliert der Zuschauer bisweilen den Überblick, wo und bei wem er gerade ist.

“The fog is just lifting. Throw off your bowline, throw off your stern. You head out the south channel, past Rocky Neck, Tenpound Island, past Nile Pond, where I skated as a kid. Blow your airhorn and you throw a wave to the lighthouse keeper’s kid on Thatcher’s Island. Then the birds show up, the Blackbacks, Herring Gulls, Big Dump Ducks. The sun hits ya, you head north, open up to 12… steaming now… the guys are busy, you’re in charge. You know what? You’re a goddamn swordboat captain. Is there anything better in the world?”

Die Ursache liegt sicher auch in Jungers Vorlage, prinzipiell aber eher darin, dass The Perfect Storm ohne die Segler und Rettungsspringer weniger Drama bieten könnte. Mit den beiden Nebenhandlungen gerät der Film aber etwas unausgegoren, wenn einem die eine Hälfte der Figuren ans Herz wachsen und die andere nicht. Was nicht bedeutet, dass Clooney, Wahlberg und Co. große Schauspielkunst an den Tag legen. Gerade die Hauptdarsteller bleiben etwas blass, loben ließen sich noch am ehesten Reilly, Fichtner und Hawkes, die versuchen, aus wenig viel zu machen. Eindrucksvoller als das Ensemble ist da wohl – wie so oft der Fall – James Horners lebhafte Komposition, die Sehnsucht und Abenteuerdrang zugleich ausdrückt.

Streitbar gerät die dramaturgische Gestaltung des Schlussakts, wenn angetrieben von Tyne die Fischer ihren Fang über das Risiko des Sturms stellen, über den zumindest Tyne informiert ist. Clooneys sympathischer Person mag da über den sturen Wagemut seiner Figur hinwegtrösten, vollends überzeugen will das Finale von The Perfect Storm – auch mit seinen Schnitten zu Gloucester und den dortigen Figuren – aber nicht. Das Ergebnis ist somit durchwachsen, treibt der Film doch nach einem wirklich starken Anfang im Verlauf mehr und mehr vor sich hin. Sechs Jahre später sollte Wolfgang Petersen mit Poseidon nochmals ein See-Drama inszenieren. Und mit diesem wiederum  seine Hollywood-Karriere bis heute versenken.

5.5/10

12. August 2014

Guardians of the Galaxy

We’re just like Kevin Bacon.

Ungeachtet dessen, zu was sich Hollywoods Blockbuster-Maschine entwickelt hat, ist ein interessanter Trend zu beobachten: große Filme werden kleinen Regisseuren anvertraut. Egal ob Colin Trevorrow (Safety Not Guaranteed) nun Jurassic World inszeniert, Gareth Edwards (Monsters) zuvor Godzilla, Josh Trank (Chronicle) in Kürze Fantastic Four oder wie in Guardians of the Galaxy der Fall James Gunn (Slither) hinter der Kamera Platz nimmt. Oftmals unverbrauchte Kreative mit frischen Ideen – vielleicht das einzige Zugeständnis einer Branche, die sich schon lange von kreativen frischen Ideen verabschiedet hat. Und so gerät auch Marvels jüngstes Werk vom Produktionsband: streckenweise frisch, grundsätzlich aber konventionell.

Als Ausgangsbasis dient eine Comic-Serie von 2008 um eine Gruppe merkwürdiger außerirdischer Typen, die zum Heldenteam und Schützern der Galaxie avancieren. Wie man das gewohnt ist, weicht die Filmadaption an den Stellen vom Original ab, wo es aus besseren Vermarktungsgründen empfehlenswert ist. Im Mittelpunkt des Films steht ein mysteriöses Artefakt, dessen sich der Kleinkriminelle Peter Quill aka Star-Lord (Chris Pratt) bemächtigt, hinter dem aber auch der Soziopath Ronan (Lee Pace) her ist. Er will das Artefakt für Bösewicht Thanos (Josh Brolin) besorgen, damit dieser wiederum für Ronan den Planet Xandar ausmerzt. Helfen soll Ronan dabei die Attentäterin Gamora (Zoe Saldana), eine von Thanos’ Adoptivtöchtern.

Zugleich ist Peters Ex-Team rund um Space-Pirat Yondu Udonta (Michael Rooker) wegen des Artefakts hinter ihm her, genauso wie ein Kopfgeldjäger-Duo. Das Zusammentreffen von Waschbär Rocket (Bradley Cooper) und Baumwesen Groot (Vin Diesel) mit Peter und Gamora verläuft jedoch suboptimal, weswegen sich das Quartett bald im Gefängnis wiederfindet. Dort lernen sie Drax (Dave Bautista) kennen, der eine eigene Rechnung mit Ronan und Thanos offen hat. Jetzt gilt es nur noch, gemeinsam auszubrechen, sich das Artefakt zu sichern und es zu dem ominösen Käufer The Collector (Benicio del Toro) zu bringen. Und das am besten, bevor die zwei Parteien rund um Ronan und Yondu mit ihnen aufgeschlossen haben.

Jede Menge Figuren – zu denen sich Nebula (Karen Gillan), eine weitere Adoptivtochter Thanos’, und die Xandar-Beamten Nova Prime (Glenn Close) und Rhomann Dey (John C. Reilly) gesellen –, weshalb es nicht verwundert, dass Guardians of the Galaxy sich keiner von ihnen wirklich widmet. Randbemerkungen müssen als Charakterisierung ausreichen (Ronan tötete die Familie von Drax, Thanos die Familie von Gamora, Peter verlor seine Mutter an Krebs und Rocket ist ein wissenschaftliches Experiment), was zwar als lose Motivation ausreicht, einem die Figuren allerdings nicht näher bringt. Noch schlechter schneiden da nur die Antagonisten ab, deren Handeln – und Rolle – sich der Film nicht einmal die Mühe macht, wirklich zu erläutern.

Ronan will kaputt machen, der Collector will sammeln, Thanos will das Artefakt und Nebula will irgendwas (oder auch nichts) – weitere Infos gibt es wohl in den Comics. Da verwundert es nicht, dass es für die hier erzählte Geschichte des Collectors und Thanos’ nicht bedarf, sondern diese wohl eher als Marvel-Bindeglied zu Thor: The Dark World und The Avengers dienen. Vielleicht dient Ronan auch nur als MacGuffin, um eben unsere Heldengruppe zusammenzuführen. Deren Interaktion ist das szenische Highlight eines Films, der ähnlich wie The Avengers zuvorderst von dem Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Figuren lebt. Seien es ironiefreie Straight Player wie Gamora und Drax oder sarkastische Einzeiler von Peter und Rocket.

Allerdings weiß James Gunn auch hier nicht, wann es zuviel ist, weshalb manches letzte Wort oder mancher letzte Blick als Pointe nicht vollends überzeugen. Generell hätte der Film etwas mehr Zeit mit den Figuren im Gefängnis verbringen können, um diese sich tatsächlich kennenlernen zu lassen. Opferungswürdige Szenen hierfür gibt es anschließend noch genug. Grundsätzlich stimmt jedoch die Atmosphäre von Guardians of the Galaxy, als sich nicht ernst nehmendes Space-Fantasy-Abenteuer voller illustrer Figuren. Die sind zwar in der Regel nur bunt angemalt und nicht so liebevoll zelebriert wie von Guillermo del Toro in Hellboy II, dennoch macht die Alien-Truppe rund um einen Waschbär und wandelnden Baum oft (genug) Spaß.

Hierbei können sich an sich auch die Effekte sehen lassen, selbst wenn diese im – wie man es von Marvel leider inzwischen gewohnt ist – überfrachteten Finale ins Comic-hafte abzurutschen drohen. Bei Rocket und Groot gibt es jedoch wenig zu meckern, womöglich hat man auch aufgrund gleich zweier wichtiger CGI-Charaktere auf die Ausstaffierung weiterer Statistenfiguren verzichtet. Für zusätzlichen Charme neben Chris Pratt als überzeugenden Space-Söldner sorgt der von Gunn zusammengestellte Soundtrack voller Evergreens, die im Film selbst eine ganz eigene Rolle spielen – allerdings zugleich ein paar Fragen aufwerfen. An diesen ist Guardians of the Galaxy keineswegs arm, immerhin handelt es sich um einen Blockbuster.

Als swashbuckling Weltraum-Abenteuer kann der Film trotz Überlänge und nur angerissener Figuren(-dynamik) aber überzeugen. Wenn man so will eine Art Mischung aus Star Wars und Firefly, weshalb der Film bei Marvels Christopher-Nolan-Pendant Joss Whedon sicher auf Anklang stößt. So ist Guardians of the Galaxy zwar einerseits erfrischend anders im Vergleich zu seinen Marvel- und Genre-Geschwistern, zugleich aber in Struktur und Aufbau wieder ziemlich konventionell. James Gunn macht folglich viel richtig und manches genauso „falsch“ wie seine Kollegen. Zumindest hat Guardians of the Galaxy ein eigenes Flair und eine eigene Geschichte, muss also nicht Wegbereiter für einen anderen Film sein – außer für sein eigenes Sequel.

6.5/10

22. August 2012

We Need to Talk About Kevin

There is no point. That’s the point.

Einer Studie der Universität Oldenburg von 2009 zufolge ist Kevin unter Grundschullehrern kein Name, „sondern eine Diagnose“. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft mit den Justins, Chantals und Mandys in Deutschland – Kinder, deren Weg bereits durch ihre Namen vorherbestimmt scheint. Zumindest wenn es nach Grundschullehrern geht, die sie als verhaltensauffällig und frech einstufen. Ähnliche Phänomene gibt es natürlich auch in anderen Ländern und zugegeben, sein Name war wohl nicht die Ursache, warum in Lynne Ramsays We Need to Talk About Kevin über Ezra Millers Protagonisten geredet werden muss. Dabei weist der genau die Symptome auf, die ihm die Oldenburger Studie bescheinigt.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2003 von Lionel Shriver wird die Vor- und Nachgeschichte eines Schulmassakers erzählt – aus der Sicht der sich verantwortlich fühlenden Mutter. Diese wird im Film von Tilda Swinton bis zur Perfektion verkörpert, während ihre – bezeichnend benannte – Eva gedanklich zurückspringt. Hin zu der Nacht, in der sie mit ihrem Freund Franklin (John C. Reilly) das gemeinsame Kind gezeugt hat, rüber zur Geburt von Kevin, nach und nach die von Konfrontationen bestimmte Beziehung zwischen Mutter und Sohn aufarbeitend. Liegt in der Erziehung der Mutter die Schuld am von Sohn verübten Massaker oder ist Kevin schlicht das Böse in Person?

Thematisch folgt We Need to Talk About Kevin unweigerlich auf das Schulmassaker von Littleton an der Columbine High School von 1999. Zwei Schüler töteten damals 13 Menschen und später wurde Sue Klebold, Mutter eines der Schützen, vorgeworfen, in ihrer Erziehung versagt zu haben. Gleichzeit wirft Shrivers Roman auch seine Schatten voraus, nicht nur auf den Amoklaufs in Erfurt von 2002, sondern insbesondere auch auf das Schulmassaker von Winnenden in 2009. In beiden Fällen hießen die Schützen zwar nicht „Kevin“, sondern Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer, aber speziell Kretschmer erschütterte mit seiner Tat nicht nur das Leben der Opfer und ihrer Familien, sondern auch das der eigenen.

Wenige Monate nach dem Amoklauf von Tim Kretschmer musste seine Familie Winnenden verlassen und anderswo eine neue Identität annehmen. „Die Wucht der Ablehnung hat mich selbst überrascht“, sagte der Bürgermeister Jürgen Kiesl damals. Eine Rückkehr der Kretschmers wäre für alle Beteiligten „undenkbar“. Shrivers Roman und Ramsays Adaption widmen sich in ihrer Geschichte nun weniger den ermordeten Schülern oder dem Täter, seiner Tat und den Beweggründen, sondern der Frage, welche Rolle die Eltern an sich beziehungsweise die Mutter im Besonderen spielte. Die Schuldfrage nimmt eine zentrale Funktion ein, die sich beide Hauptfiguren in gewisser Weise stellen, ohne sie annehmen zu wollen.

Im Mittelpunkt steht dabei die Tatsache, dass Eva ein Freigeist ist, der eigentlich kein Kind haben will. Zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, als sie mit Kevin schwanger wird. Sie schenkt dem Kind nur bedingt die offenherzige Liebe, die man von frischgebackenen Müttern kennt, sehnt sich vielmehr nach Ruhe und scheint mit ihrer neuen Rolle überfordert. Das Kind wiederum scheint diese abgehende Liebe zu spüren und fortan entfremden sich Mutter und Sohn immer mehr voneinander. Ist Kevin dann erst einmal ein Kleinkind (mit fast schon damieneskem Spiel von Rock Duer), verheißt allein sein leerer Blick nichts Gutes. Und wenn er dann das Schulalter erreicht, gewinnt der Konflikt mit Eva eine völlig neue Dynamik.

Kevin (nun von Jasper Newell dargestellt) agiert derart berechnend und kalkuliert, dass die Figur problemlos zum „Film-Bösewicht des Jahres“ werden könnte. Gekonnt gibt er sich Eva als Satansbraten, während er Franklin gegenüber das Engelchen mimt. Nach ersten Zweifeln rund um die Geburt stellt sich der Zuschauer schnell auf die Seite von Eva und schüttelt über Kevins Verhalten nur den Kopf. Dessen Verhalten scheint jedoch einen tiefer gehenden Grund zu haben, obschon uns die Figur als nahezu charakterlos präsentiert wird. Die Frage nach bedingungsloser Liebe stellt sich im Verlauf für beide Figuren immer wieder. “Just because you’re used to something doesn’t mean you like it”, sagt Kevin einmal treffend.

Lynne Ramsays Film lebt von diesem terroristischen Beziehungsverhältnis, das We Need to Talk About Kevin bisweilen etwas Horrorartiges verleiht. Somit ist das Endergebnis wohl nur oberflächlich als Ursachenforschung für einen Schulamokläufer zu verstehen, sondern eher zwei Figuren, die eigentlich vom jeweils anderen geliebt werden wollen, jedoch darunter leiden, dass sie es nie zum selben Zeitpunkt zu können vermochten. Das Resultat ist ein spannender Film über Liebe und Hass, über Schuld und Sühne, dabei über die gesamte Laufzeit großartiges Schauspielkino des gesamten Ensembles. Billy Hopkins untermauert hier seinen hervorragenden Ruf als einer von Hollywoods führenden Besetzungschefs.

Neben den drei Kevin-Darstellern sticht natürlich Tilda Swinton hervor, deren gepeinigte Eva Dreh- und Angelpunkt des Films ist. Nicht minder herausragend sind jedoch auch die Kameraarbeit und Bildkomposition von Seamus McGarvey (der sich unter anderem auch durch Atonement bereits auszeichnen konnte) sowie generell die Mise-en-scène. Viel von dem Interpretationsspielraum und den Analysemöglichkeiten des Films wird mittels sich wiederholender Handlungs-, Bild- und Farbelemente transferiert, wobei die Farbe Rot und all die ihr innewohnende Symbolik eine große Rolle spielen. Sehr geschickt erzählt Ramsay so Shrivers Geschichte, die stets die richtigen Blickwinkel und –perspektiven wählt.

Eine definitive Antwort auf die Ursache eines Schulamoklaufs kann We Need to Talk About Kevin natürlich nicht geben – und das will der Film auch gar nicht. Die spätere Entwicklung ist letztlich nicht mehr als ein Kollateralschaden, zumindest für Kevin selbst. Prinzipiell ist Ramsays Film also ein zwischenmenschliches Familiendrama, bisweilen mit Zügen eines Psychohorrorfilms und dabei stets faszinierend, selbst wenn einiges zu Gunsten der Dramatisierung überzogen scheint. Am Ende ist es vermutlich kein Film für werdende Mütter geworden – oder vielleicht gerade für die. Zumindest den Vorurteilen von Grundschullehren gegenüber den Kevins dieses Landes wird der Film allerdings keinen Dienst erwiesen haben.

8/10