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7. Juni 2019

Dark Phoenix [X-Men: Dark Phoenix]

There’s always a speech. But nobody cares.

In wenigen Wochen startet mit Spider-Man: Far From Home bereits das dritte Mal ein 2. Teil eines Spider-Man-Films innerhalb der letzten 15 Jahre. Quasi das Reboot vom Reboot. Dieses wird uns sicher auch irgendwann von Disney für die Dark Phoenix Saga erwarten, bis dato bildet jedoch Dark Phoenix erst den zweiten Aufguss jenes Handlungsstranges von Chris Claremont. Bereits in X-Men: The Last Stand wurde er vor 13 Jahren eher halbgar aufbereitet, nun durfte sich der damalige Drehbuchautor Simon Kinberg erneut mit einer Adaption des Stoffes versuchen – nur um auch beim zweiten Versuch kolossal zu scheitern. Selbst wenn sich Kinberg, der hier zudem sein Regiedebüt „feiert“, zumindest näher am Original bewegt.

Während einer Rettungsmission des Space Shuttles Endeavour im Jahr 1992 wird Jean Grey (Sophie Turner) von einer vermeintlichen Sonneneruption erfasst. Diese stellt sich vielmehr als kosmische Phoenix Force heraus, welche die zuvor unausgeglichenen Kräfte in der jungen Mutantin vereinnahmt. Konfrontiert mit einem Trauma aus der Vergangenheit wendet sich Jean von ihren Freunden und Teammitgliedern ab, darunter auch ihren Mentoren Raven (Jennifer Lawrence) und Charles Xavier (James McAvoy). Stattdessen erhofft sie sich Rat in Person von Erik (Michael Fassbender), der abgeschieden mit einigen Mutanten lebt. Das Exil-Alien Vuk (Jessica Chastain) sucht mit seiner Rasse der D’Bari derweil ebenfalls nach Jean.

Dark Phoenix ist ein Film über Persönlichkeitswandel und Verantwortung, der seine Themen primär auf die Schultern von Jean, Charles und Erik verfrachtet. Die Weltenrettung aus Apocalypse hat die X-Men um Kurt (Kodi Smitt-McPhee) und Peter (Evan Peters) zu Helden des Alltags stilisiert. Die Mutanten werden gefeiert, der Präsident macht Shakehands mit Charles auf offiziellen Banketten und hat einen direkten Telefonanschluss für Notfälle. Raven ist einerseits der immer riskanter werdenden Missionen überdrüssig, die andererseits auch noch das Leben der Mutanten für die normale Bevölkerung riskieren. Charles wiederum sieht den Superhelden-Status auf Abruf seiner jungen Studenten als einfachste Form der Akzeptanz an.

Als sich im Verlauf Jean zu Dark Phoenix entwickelt und dabei Angriffe auf die Staatsgewalt folgen, wandelt sich dieses Bild vermeintlich schnell ins Gegenteil. Wie genau wird jedoch nicht klar, da sich vor allem die jüngeren (aber auch älteren) X-Men-Filme nie wirklich mit dem Thema der Diskriminierung, die dem Comic innewohnte, auseinandersetzen wollten. “Not all of us can fit in so easily”, hatte Beast noch in X-Men: The Last Stand angesichts einer vermeintlichen Heilung für das Mutagen gemeint. In Dark Phoenix sehen wir aber – wie, fairerweise in den Filmen zuvor auch – keine wirklichen Vertreter jener Schicht Mutanten, die im Comic als Morlocks aufgrund ihres Aussehens als soziale Außenseiter im Untergrund hausen.

Stattdessen sieht Xavier’s School for Gifted Youngsters aus wie ein Internat für die reiche weiße Oberschicht. Wo man es von Hank (Nicholas Hoult) gewohnt ist, dass er sich seine mutierte Form für X-Men-Aktivitäten aufhebt, befremdelt es etwas, dass auch Raven hier ihr natürliches Erscheinungsbild alsbald für die blonde Schönheit von Jennifer Lawrence aufgibt. Außer Kurt hätte eigentlich niemand von ihnen Probleme, in der Gesellschaft unterzutauchen, weshalb die Schule als Refugium und Ersatzfamilie in Dark Phoenix nicht recht funktionieren mag. Unklar ist zudem, wieso sich alle Figuren mit ihren Real- statt Codenamen ansprechen, mit Ausnahme der afrikanischen Ororo (Alexandra Shipp), die stets als Storm tituliert wird.

Mit der Genesis von Dark Phoenix im Weltraum und der Integration von Vuk und den D’Bari bewegt sich Kinberg zwar näher am Original, dennoch ist seine Adaption wie schon 2006 zu distanziert von ihren Figuren, damit sich die Geschichte entsprechend entfalten kann. Wo wir damals zumindest in X-Men und X2 Zeit mit Jean verbringen konnten, wurde diese nun erst in X-Men: Apocalypse als Nebenfigur eingeführt. Wer sie wirklich ist, welche Bedeutung die X-Men für sie haben, ist in Dark Phoenix praktisch nicht etabliert. Weshalb der Wandel der Figur, ihr Trauma und ihre Zweifel, keinen wirklichen Eindruck beim Zuschauer hinterlassen. Um mit Jean zu leiden, müssten wir erst eine Beziehung zu ihr besitzen – was uns Kinberg verwehrt.

Denselben Vorwurf müssen sich auch die Gegenspieler (wie so oft in diesen leblosen Comic-Filmen) gefallen lassen. Was die D’Bari wollen und wer Jessica Chastains Figur ist, wird in einer kurzen Szene buchstäblich im Vorbeigehen erwähnt. Die Motive der Aliens bleiben aber etwas unklar, da sie einerseits Opfer der Phoenix Force sind, diese aber andererseits für sich nutzen wollen. Grundsätzlich schleppen sie ihr eigenes Trauma mit sich herum, aufgrund ihrer Handlungen kann sich jedoch keine Sympathie mit ihnen einstellen. Es verwundert daher nicht, dass sie abseits von Jessica Chastain allesamt austauschbar sind und nur als Futter für Kampfszenen gegen die X-Men-Gruppe im Verlauf des dritten und finalen Aktes dienen.

Das Problem von X-Men: The Last Stand und Dark Phoenix ist weniger die Dark Phoenix Saga, sondern die überhastete Herangehensweise an diese. Nur wenn Jean als Figur etabliert ist, genauso ihre Beziehung zu den übrigen X-Men, kann das Publikum die Tragik ihres Schicksals so ergreifen, wie sie es sollte. Stattdessen wendet sich beispielsweise Ororo nach einem dramatischen Vorfall augenblicklich von einer Figur ab, mit der sie die letzten neun Jahre verbracht hat. Wenn dies schon ihr so leicht fällt, warum sollte es dem Zuschauer, der diese Jean nur aus einem Film kennt, schwerer fallen? Ähnlich verhält es sich dann, wenn Erik einige seiner Zöglinge mit auf seine Mission nimmt, diese aber nicht einmal bei ihren Namen genannt werden.

Wo die Ausarbeitung der Figuren scheitert, macht es die Action wenig besser. Die Weltraum-Mission zu Beginn ist eher Mittel zum Zweck, die übrigen Set-Pieces beschränken sich zwar darauf, nicht ins episch Weltzerstörerische abzudriften wie in X-Men: Apocalypse, wissen in ihrer Zentrierung aber auch keine rechte Wucht zu entfalten. Unklar bleibt dabei die inkonsistente Darstellung der Mutantenkräfte: Behauptet Kurt im einen Moment, er müsse sehen, wo er hinteleportiert, gelingt ihm dies später aber auch so. Ähnlich Erik, der im Set-Piece des zweiten Aktes merklich Mühe hat, einen U-Bahn-Zug an die Oberfläche zu befördern, im Finale aber einen ganzen Zugwaggon problemlos wie ein Stück Papier zerknüllt.

Wusste X-Men: Apocalypse immerhin mit Fanservice zu gefallen und zu unterhalten, will bei Dark Phoenix nicht einmal das gelingen. Vielleicht wäre hier eine Integration von Lilandra und den Shi’ar besser gewesen als von Vuk und den D’Bari. Aber auch die Tatsache, dass Dark Phoenix nach X-Men sowie X-Men: The Last Stand mit unter zwei Stunden die kürzeste Laufzeit hat, ist bei der Etablierung der Prämisse, Zusammenhänge und Ausmaße nicht allzu dienlich, da die Geschichte noch weniger Raum zur Entfaltung erhält als dies bereits der Fall ist. Sophie Turner wirkt sichtlich bemüht, ihrer eindimensionalen Figur soweit es geht etwas Dreidimensionalität zu verleihen, was sich von Jessica Chastain wiederum nicht sagen lässt.

Am einprägsamsten ist da noch Hans Zimmers musikalische Untermalung sowie ein minimal stärkerer Fokus auf Kurt, der an die Eröffnungsszene von X2 – dem Gipfel des Franchises – erinnern darf. Sowohl Jennifer Lawrence als auch Evan Peters rücken leider nach dem ersten Akt in den Hintergrund und hinterlassen eine Lücke, die von Eriks Handlangern nicht gefüllt werden kann. So ist Dark Phoenix am Ende wie schon X-Men: The Last Stand ein reichlich enttäuschender Abschluss unter das (quasi-)rebootete Franchise (seit X-Men: First Class). Es mag das einzig Gute an der Fox-Übernahme durch Disney sein, dass sich das nächste Reboot der Mutanten-Truppe, wenn es um die Dark Phoenix Saga geht, wohl die nötige Zeit nehmen dürfte.

4.5/10

14. Mai 2016

X-Men: Apocalypse (3D)

Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
(Peter Fox, Alles Neu)


„Ich verbrenn mein Studio, schnupfe die Asche wie Koks“, singt Peter Fox in seinem Lied „Alles Neu“. Und fährt fort mit Verszeilen wie „Ich jag meine Bude hoch, alles was ich hab lass ich los“. Insofern passt das Lied ganz gut zur jüngeren Generation von Comicverfilmungen, die im großen Stil Städte pulverisieren und Destruktion zelebrieren. Dieses Jahr beschäftigten sich dann mit Batman V Superman: Dawn of Justice und Captain America: Civil War zwei Studiofilme mit den Folgen dieser Zerstörungsorgien und der Verantwortung der Superhelden an dieser. Auch in X-Men: Apocalypse werden Städte buchstäblich zu Asche gemacht und Menschen sterben en Masse. So sehr, dass Roland Emmerich mit der Zunge schnalzen würde.

Ähnlich formulierte es ein Filmkritiker nach der Pressevorführung, was vielleicht auch ganz passend ist, da Regisseur Bryan Singer seinen vierten X-Men-Film mit einer Quasi-Hommage an Stargate beginnen lässt. Im Ägypten des Jahres 3600 vor Christus ist der als Gott verehrte erste Mutant En Sabah Nur gerade dabei, sein Bewusstsein in einen jüngeren Körper (Oscar Isaac) zu transferieren, als eine Revolution die Prozedur stoppt. Erst Jahrtausende später, im Jahr 1983, wird er wiederauferstehen – unter den Augen von CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne). Ein weltweit spürbares Ereignis, auch für Charles Xavier (James McAvoy) und Hank McCoy (Nicholas Hoult) in ihrem Internat für junge Mutanten wie Scott Summers (Tye Sheridan).

Dort sieht Studentin Jean Grey (Sophie Turner) das Ende der Welt voraus, welches durch die Rückkehr von En Sabah Nur – der dankenswerter Weise nie „Apocalypse“ genannt wird – eingeleitet wird. Der schart wiederum erstmal andere Mutanten als Gefolgsleute um sich, zuvorderst die junge Diebin Storm (Alexandra Shipp), später auch noch Psylocke (Olivia Munn), Angel (Ben Hardy) und schließlich Erik Lehnsherr (Michael Fassbender). Der hat sein Dasein als Magneto eigentlich hinter sich gelassen, doch ein tragisches Unglück befeuert seinen Hass auf die Menschheit. Ein Vorfall, den auch Mystique (Jennifer Lawrence) mitbekommt, nachdem sie einen jungen Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) aus der Gefangenschaft befreit.

So simpel die eigentliche Handlung des Films – En Sabah Nur will die Reset-Taste der Menschheit drücken –, so umfangreich gerät die Exposition, bis diese Handlung startet. Die erste halbe Stunde von X-Men: Apocalypse gerät zum konstanten Szenenwechsel, während Singer mit allen bislang und noch nicht eingeführten Figuren auf dem neuesten Stand ist. Was bei einem umfangreichen Ensemble wie es die X-Men sind dauern kann. Zu Beginn des zweiten Akts haben sich dann – wie bei X-Men-Filmen üblich – die zwei Lager rund um Professor X und Magneto gebildet. Auch wenn Letzterer über weite Strecken eine passive Handlanger-Rolle im Konflikt von Xavier und En Sabah Nur einnimmt. Ein Schicksal, das er sich mit Storm, Psylocke und Angel teilt.

Hier zeigt sich eines der (Genre-)Probleme des Films: die unausgearbeiteten Antagonisten. Egal ob sie nun Lex Luthor oder Helmut Zemo heißen, Bolivar Trask oder En Sabah Nur – wie diese Personen wirklich ticken, wird nie wirklich klar. Was auch daran liegt, dass Comicverfilmungen – und eben auch die X-Men-Filme – immer aufgeblähter geraten was ihre Figuren angeht. Da haben die Helden Priorität und unter ihnen die Hollywood-Stars noch mehr. Rudimentär gerät da die Motivation von Figuren wie Storm und Angel, sich En Sabah Nur zu fügen, im Fall von Psylocke existiert gar kein Anlass. Und auch wenn sich Magnetos abermalige Abwendung nachvollziehen lässt, sie resultiert wie in den Vorgängern immer aus demselben Anlass.

Auch En Sabah Nur, als Apocalypse einer der profiliertesten X-Men-Gegner, wirkt eindimensional. Das klassische (und immer noch tolle) Xavier-Intro-Voice-over muss ausreichen, um seine umfangreiche Macht als Auslöser von Größenwahn zu erklären. Von dieser Menschheit voll mit Nuklearwaffen und Supermächten will er jedenfalls nicht als Gott verehrt werden. Also alles auf neu – oder angesichts der geplanten Zerstörungsorgie eher: zurück zu den Wurzeln. Erfreulicherweise mittendrin statt nur dabei sind die jüngeren Versionen der aus X-Men und X2 bekannten Figuren um Nightcrawler, Jean Grey und Scott Summers – ebenfalls hier noch nicht Cyclops getauft. Gerade die letzten Beiden hadern jedoch noch mit den Ausmaß ihrer Mutation.

Gegenüber X-Men: Days of Future Past hat Apocalypse den Vorteil, dass Singer nicht versuchen muss, alle Beiträge zum Franchise irgendwie unter einem Dach zu vereinen. Abgesehen von den schwach ausgearbeiteten Antagonisten existiert somit ein etwas flüssigerer Handlungsverlauf. Und dennoch kann dieser neueste Eintrag in die Serie durchaus auch als eine Art Best of verstanden werden. Die Rückkehr von Quicksilver (Evan Peters) geschieht mit einer ähnlichen Szene wie im Vorgänger, was ihr – bei allem Vergnügen, das sie bereitet – etwas ihres Effekts beraubt. Auch sonst gibt es Rückgriffe zu X-Men und X-Men: First Class, wenn En Sabah Nur mit Magneto einen (leicht geschmacklosen) Ausflug nach Auschwitz unternimmt.

Insgesamt – und in diesem Absatz sind Spoiler enthalten – gefallen jedoch gerade die Referenzen zum Comic und den TV-Serien. Und zeugen von den cojones Singers, derartig populäre Stränge in diesen bereits umfangreichen Film zu integrieren. Von dem Verweis auf X-Men/X2 und der Einbettung von Barry Windsor-Smiths Weapon X mit dem Gastauftritt von Wolverine (Hugh Jackman) – ungeachtet der Frage, wie er vom Ende von Days of Future Past hier landete –, über die Zugabe der Dark Phoenix-Storyline im Finale bis hin zum Post-Credit-Stinger, der auf Mr. Sinister verweist. Mit Zitaten und visuellen Verweisen auf die Apocalypse-Storys der TV-Serien X-Men und X-Men: Evolution bis hin zu Storms Mohawk – hier geht dem Fan das Herz auf.

Inwiefern sich die Welt nun tatsächlich geändert hat seit den Ereignissen am Ende von Days of Future Past, bleibt offen. Außer, dass es Schulthema ist und Mystique in der Mutanten-Community zur Legende wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem destruktiven Finale, das zwar die ganze Welt betrifft, aber sich dennoch auf unser Dutzend Protagonisten in Kairo konzentriert. Immerhin muss sich hier niemand im nächsten Teil für Kollateralschäden entschuldigen, weiß Bryan Singer doch im Gegensatz zu den anderen Franchises seine X-Men nicht pseudo-seriös auf dem Boden der Tatsachen zu verankern, sondern inszeniert seine Geschichte als das, was sie ist: ein Superhelden-Action-Film, der sich zuvorderst an die X-Men-Fans richtet.

Wer mit Comic-Filmen wenig anfangen kann, ist hier gnadenlos verloren, auch DC- und MCU-Fans dürften Probleme kriegen. Belebte Bryan Singer vor 16 Jahren mit X-Men das heute florierende Genre neu, inszeniert er nun primär für ein exklusives Klientel. Das wiederum wird es ihm danken, selbst wenn Oscar Isaacs En Sabah Nur mit seiner Aufmachung in einem Power Rangers-Film besser aufgehoben scheint. Im Vergleich zu Leuten wie Zack Snyder, Joss Whedon und den Russo-Brüdern hat Singer jedoch verstanden und verinnerlicht, was einen Comic-Film ausmacht. Gespannt darf man da auf das nächste X-Men-Abenteuer warten. „Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist“, würde Peter Fox dazu wohl sagen.

7/10

20. Mai 2014

X-Men: Days of Future Past

Is the future truly set?

Man kann die Marvel-Filme um die Avengers mögen oder nicht, zumindest kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie nicht bestrebt sind, eine gewisse Kohärenz aufrecht zu erhalten. Ineinander zu laufen, sich gegenseitig zu referieren – aus einem Guss zu sein. Damit sind die Marvel-Filme von Paramount im Prinzip das komplette Gegenteil zu den Marvel-Filmen von 20th Century Fox. Denn deren X-Men-Werke sind sicherlich einiges, aber nicht sonderlich stringent. Mit X-Men: Days of Future Past kehrte Bryan Singer zu jenem Franchise zurück, das er nach X2 verließ. In einem Anfall von Ehrgeiz versucht er sich dabei nicht nur an einer der meist geschätzten X-Men-Storylines, sondern auch an der totalen Kohärenz.

Days of Future Past ist neben der Dark Phoenix Saga – die zum Teil in X-Men: The Last Stand integriert wurde – eine der populärsten Story Arcs im X-Men-Universum. Die Handlung präsentiert eine dystopische Zukunft, in der Mutanten von Robotern, den Sentinels, fast komplett ausradiert oder interniert worden sind. Der Auslöser dieser Misere ist ein Attentat, das in den 1970er Jahren von einem Mutanten auf Senator Kelly verübt wird. Im Comic reist daher Kitty Pryde (in der 1990er Animationsserie wiederum Bishop) in die Vergangenheit, um die X-Men zu warnen und das Attentat sowie die daraus resultierende Zukunft zu verhindern. Oder zumindest eine alternative Zeitachse zu erschaffen, wo dies dann der Fall ist.

Mit jener dystopischen Zukunft, die an die der Terminator-Filme erinnert, beginnt Singer seinen dritten und den insgesamt siebten X-Men-Film. Professor X (Patrick Stewart), Magneto (Ian McKellen), Wolverine (Hugh Jackman) und Storm (Halle Berry) treffen sich in China mit Kitty Pryde (Ellen Page), Iceman (Shawn Ashmore), Bishop (Omar Sy) und anderen. Die Zeit drängt, denn die Sentinels können sie jeden Moment ausfindig machen. Kitty soll Wolverines Bewusstsein durch die Zeit in sein jüngeres Ich schicken, damit dieses im Jahr 1973 Kontakt mit Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) aufnimmt, um ein Attentat zu verhindern aus dem schließlich die Sentinels resultieren.

Verübt wird das Attentat von Mystique (Jennifer Lawrence) an Bolivar Trask (Peter Dinklage), dem Erfinder der Sentinels, der für deren Verbesserung an Mutanten experimentiert. Obschon Mystiques Attentat Erfolg hat, gerät sie dabei in Gefangenschaft. Und ihre Mutation der Replikation erlaubt es den Sentinels, in der Zukunft unbesiegbar zu werden. Nur gemeinsam können Charles und Erik jene Frau stoppen, die sie in X-Men: First Class elf Jahre zuvor entzweite. Weil Charles, von den Vorfällen damals querschnittsgelähmt, aber nicht gut auf Erik, der seit zehn Jahren unter dem Pentagon in Einzelhaft sitzt, zu sprechen ist, bedarf es viel Geduld für Wolverine, seinen jungen Mentor zu überzeugen.

“Patience”, raunt Wolverine, “isn’t my strong suit”. Daher kriegt Beast (Nicholas Hoult) auch erstmal eins auf die Nase, als dieser ihn an der Tür zu Charles’ Villa zu lange aufhält. Nach etwas Überzeugungsarbeit willigt der Professor, der dank eines Serums zu Lasten seiner Mutation wieder Gehen kann, ein, Wolverine zu unterstützen. Doch damit beginnen die eigentlichen Probleme erst, müssen sich die Figuren fortan immer wieder mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft auseinandersetzen, während sie ihre Suche nach Mystique von Amerika nach Paris und zurück treibt. Ein Szenario, das letztlich auch Bolivar Trask in die Karten spielt und somit das eigentliche Sentinel-Problem der X-Men nur weiter verstärkt.

Soviel zur Prämisse des Films, die im Grunde relativ simpel ist. Die Komplexität von Days of Future Past liegt entsprechend weniger in ihrer Jahrzehnte umspannenden Zeitreise-Handlung, sondern im Bestreben von Bryan Singer, seinen Film kanonisch geraten zu lassen. Als Folge vereint er nicht nur die Ensembles der X-Men-Trilogie und von X-Men: First Class, sondern auch deren inhärente Widersprüche. Im Nachhinein ein Unterfangen, das Singer lieber hätte lassen sollen, geraten seine Erklärversuche doch oft wenig plausibel, während er zugleich neue Fragen aufwirft. Immerhin, wäre man gewillt zu sagen, präsentiert sich seine Handlung auch abseits der rückwirkenden Stringenz meist wenig plausibel.

So bietet der Film keine Erklärung, wieso Professor X, nachdem er in X-Men: The Last Stand pulverisiert wurde, nun wieder lebt (aber dennoch nicht laufen kann). Oder warum Wolverine plötzlich wieder Adamantium auf seinen Krallen hat, obwohl ihm diese in The Wolverine doch abgetrennt wurden. Passend ist da natürlich, dass es für den Film irrelevant ist, ob die Dinger aus Adamantium sind oder nicht. Dafür verrät Patrick Stewart plötzlich, dass er mit Mystique (wie in First Class gesehen) gemeinsam aufwuchs. Wovon in X-Men, als Mystique Charles vergiftete, wenig zu spüren war. Aber in jenem Film erinnerte sich auch Sabretooth nicht an Wolverine, obwohl er laut X-Men Origins: Wolverine sein Bruder ist.

In jenem Film, der 1981 spielt, begegnete der Zuschauer auch erstmals Emma Frost, damals Anfang 20. Die von January Jones gespielte Version der Figur von 1962 in First Class war dagegen um die 30, in Days of Future Past erfahren wir nun, dass die Figur vor Jahren als eines von Trasks Versuchsopfern verstarb. Ein Großteil dieser Widersprüche, von denen an dieser Stelle nur ein paar aufgeführt wurden, verdankt sich fraglos First Class. Dass Bryan Singer dennoch etwaige Kurskorrekturen probiert, verschlimmbessert allerdings einiges. Genauso, wenn Figuren aus den vorherigen Filmen wie Stryker, Havok oder Toad in unerheblichen Nebenrollen auftauchen, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielen.

Damit sind sie nicht die einzigen. Denn auch Hugh Jackmans Wolverine ist im Grunde für den Film ohne jeden Belang. Abseits seiner Funktion als Übermittler der Botschaft wird er die meiste Zeit zum Beobachter degradiert. Dass er statt Kitty Pryde oder Bishop zurückgeschickt wurde, erklärt sich somit weniger mit seiner regenerativen Mutation, sondern eher mit Hugh Jackmans Star-Appeal. Nicht von ungefähr gilt der Australier beziehungsweise Wolverine als das Gesicht der X-Men, spielten seine beiden Solo-Filme mehr ein als First Class. Insofern fungiert Wolverine hier mehr zum Zweck des comic relief, als one liner ausspuckende Type aus der Zukunft, der nochmals die Flower-Power-Generation erleben darf.

Somit steht eigentlich Mystique mehr im Vordergrund, was aufgrund des Hypes um Jennifer Lawrence ebenso verständlich ist. Die meistert die Rolle, die dankenswerter Weise mit verbessertem Make-up daherkommt, ziemlich überzeugend, auch wenn die Motivation und Aktionen der Figur wie das meiste in Days of Future Past nur bedingt Sinn ergeben. Der Fokus auf sie ist ebenso erfreulich wie die Szenen der neu eingeführten Charaktere von Blink (Fan Bingbing) und Quicksilver (Evan Peters). Gerade die beiden letzteren erinnern in Aktion von der Qualität her an Nightcrawlers Intro in X2, einem Höhepunkt der X-Men-Serie. Generell lässt sich Days of Future Past technisch kaum ein Vorwurf machen.

Und trotz aller logischen Unebenheiten in der Handlung ist diese, manche Längen außen vor, fast durchweg mitreißend und spannend inszeniert. Die Interaktion der Figuren gefällt, die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Erfreulicherweise wird Action weniger pompös eingesetzt als vergleichsweise in The Last Stand. Als Folge wirkt das Finale beinahe antiklimatisch in seiner simplen Auflösung – gerade nach dem Tamtam seiner Exposition. Allerdings wäre vielleicht etwas mehr Zeit in der Zukunft nicht verkehrt und möglich gewesen, wenn Singer dafür einen belanglosen Ausflug in ein Militärlager in Vietnam ausgespart hätte. Von der für die Menschen so bedrohlichen Zukunft sehen wir also nur bedingt etwas.

Letztlich zeigt sich, dass das X-Men-Universum in den Händen von Bryan Singer am besten aufgehoben ist. Allem Kuddelmuddel in Stringenz, Logik und historischer Einordnung zum Trotz. Wenn man mag, kann man X-Men: Days of Future Past dank seines Zeitreise-Elements auch als das Star Trek-Reboot des X-Men-Franchises sehen. Diskutabel genug ist das Ende des Films jedenfalls ausreichend. Selbst wenn Singer also nicht wirklich darin reüssiert, hiermit alle Vorgänger unter einem Dach zu vereinen, ist der Versuch aller Ehren wert und eines der meist ambitionierten Bestreben des Genres. Und das Ergebnis allemal unterhaltsamer als die kohärenteren Marvel-Filme von Paramount. Das ist doch schlussendlich auch was.

6.5/10

15. Februar 2014

State of Play vs. State of Play

Das Remake gehört wohl zu Hollywood wie das Ei zur Henne. Schließlich hat auch Originalität ihre Grenzen. Daher nutzt die Traumfabrik gerne eigene Filme – insofern genug Zeit verstrichen ist, damit das Original bei der Zielgruppe nicht zu präsent wirkt – oder Werke aus dem Ausland, die von Erfolg gekrönt waren, als Ausgangsmaterial für ihre eigenen Produktionen. So auch vor etwa fünf Jahren, als Universal mit State of Play eine zweistündige Adaption der gleichnamigen fünfeinhalbstündigen BBC-Serie von 2003 in die Kinos brachte. Ein Trend, den zuletzt David Fincher mit House of Cards und demnächst Utopia weiterführt. Nur eben mit namhaften Schauspielern, die das Publikum auch sehen möchte.

So waren für State of Play zunächst Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen geplant, ehe Meinungsverschiedenheiten und Verzögerungen kurzfristig Russell Crowe und Ben Affleck ans Set von Kevin Macdonald spülten. Und obschon seine weniger als halb so lange Version von David Yates’ Serie nach Drehbuch von Paul Abbott bei den Kritikern gut ankam, floppte der Film sowohl in den USA als auch international an den Kinokassen (trotz fehlender Konkurrenz). Dabei macht Macdonalds Remake vieles – wenn leider auch nicht alles – richtig. Aber welche Version ist nun besser oder gut? An dieser Stelle soll wieder mal ein Head-to-Head feststellen, welche Geschichte in den Druck gehen darf.

The Reporter

Das Erbe von Woodward und Bernstein tritt in Paul Abbotts Geschichte der Reporter Cal McAffrey an, in der BBC-Version von John Simm (höchstens Doctor Who-Fans hierzulande ein Begriff) gespielt. Eher klein und schmächtig ist er bemüht, seinem alten Kumpel Stephen Collins, für den er einst Wahlkampf machte, über den plötzlichen Tod seiner Geliebten zu helfen. Nur um selbst mit Collins’ entfremdeter Gattin zu korpulieren. Was mehr Zeit beansprucht, als es sollte. Wenig nuanciert wird man mit Simm nicht so recht warm, auch nicht als investigativer Journalist. Das mag auch daran liegen, dass er diesen Job mit James McAvoy – dessen Figur im Remake ausgespart wurde – teilen muss. Günter-Wallraff-Faktor: 45%

Man kann verstehen, wieso fürs Remake zuerst an Brad Pitt gedacht wurde. Stattdessen gab kurzfristig dann ein löwenmähniger Russell Crowe den Schnüffler von der Zeitung, eingeführt als sich im Auto mit Junk Food vollstopfender Radio-Gröler. Immerhin sehen wir Crowes McAffrey weitaus mehr „Investigation“ betreiben, auch der Tatsache geschuldet, dass er mit Polizeiermittler Bell (hier: Harry Lennix) bekannt ist. Wenn Crowes Figur den Killer auf sich lenkt, dann nicht, während er sich gerade verlustiert. Insofern darf dieser Cal McAffrey ein glaubwürdigerer Journalist sein als sein britischer Kollege, eben weil er – wenn auch nicht unbedingt äußerlich – mehr dessen Bild entsprechen mag. Günter-Wallraff-Faktor: 55%

The Girl

Unfairerweise verdient sich Kelly Macdonalds Version der naseweisen Della schon allein deshalb einen Sonderpunkt, weil ihr schottischer Akzent im britischen Original ein Highlight für sich ist (nie klang das Wort “murder” schöner). Allerdings erfährt die Figur – wenn auch nachvollziehbar – einen leicht extremen Wandel von der selbstbewussten Schnüfflerin zur eingeschüchterten Petze, als ihr Leben während der Recherche in Gefahr gerät. Zwar fängt sich die Figur gegen Ende wieder etwas, doch da ist der „Vertrauensbruch“ bereits geschehen. Die zudem im Verlauf verstärkt subtil angedeutete sexuelle Spannung zwischen Della und Polizeichef Bell hilft dem Ganzen auch nicht wirklich. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

In der US-Version avanciert Della schlauerweise zur Bloggerin der Zeitung, die sich den Respekt von Cal McAffrey erst durch Rechercheerfolge verdienen muss. Insofern nimmt sie eher die Funktion eines “rookies” ein, wenn auch ihre Recherche identisch mit der ihres britischen Pendants ist. So erklärt sich vermutlich, weshalb sie nach dem Krankenhaus-Attentat weniger eingeschüchtert als bestärkt wirkt, was sicherlich dem Film dienlich ist. Zwar nicht ganz so sexy wie Kelly Macdonald überzeugt die Dynamik zwischen McAdams’ Della und McAffrey mehr als in der BBC-Fassung. Selbst wenn ihre Beziehung später fast in romantische Bahnen gelenkt wirkt, was eher verstört. Tamara-Dewe-Faktor: 50%

The Politician

Die Rolle des sichtbar steifen, aber politisch vielversprechenden Regierungsvertreters übernahm in David Yates’ Serie David Morrissey (eher bekannt als “Governor” in The Walking Dead). Hier darf Morrissey noch am ehesten die ganze Palette seiner schauspielerischen Fähigkeiten zeigen, von verunsichert über erzürnt bis am Boden zerstört. Und obschon viel für Sympathiebonus seitens der Zuschauer für ihn spricht (Geliebte und Kind tot, Ehefrau schläft mit bestem Freund), vermag dieser Stephen Collins nie recht seine ihm angeheftete gewisse Durchtriebenheit abzulegen. Dies mag auch am Wissen um Morrisseys Walking Dead-Rolle liegen. Insofern also: politically correct. John Edwards-Faktor: 60%

Wer denkt, David Morrissey ist steif, hat die Rechnung ohne Ben Affleck gemacht. Zwar überzeugt Affleck – enormes Kinn hin oder her – als Kongressabgeordneter, nur vermag sein Spiel sich nie der Figur richtig zu öffnen. Dass er und Russell Crowe Uni-Kumpels sein sollen, erfordert ordentlich “suspension of disbelief”. Immerhin ist Afflecks Stephen Collins im Gegensatz zu seinem britischen Kollegen weitaus weniger präsent im US-Film und wirkt zugleich weitaus unschuldiger beziehungsweise weniger verdächtig. Was dem Twist zum Schluss sicherlich zuträglicher ist. Das fehlende Schauspiel Afflecks ist hierbei allerdings hinderlich, weshalb man mit Ed Norton besser gefahren wäre. John Edwards-Faktor: 40%

The Wife

Die Rolle der betrogenen Anne Collins fiel in der sechsteiligen Serie Polly Walker (bekannt aus der HBO-Serie Rome) zu. Was nicht ohne Probleme ist. Es mag zum Teil an ihrer Frisur liegen, aber Walkers Frau zwischen zwei Männern will in keiner Konstellation so recht überzeugen. Sie passt weder wirklich zu Morrisseys noch zu Simms Figur, was auch daran liegt, dass wir von ihrem Charakter wenig mitbekommen. Umso unerklärlicher ist ihr Wandel im Schlussakt, der sie von der Opferrolle eher in die Bitch-Ecke rückt. Sie ist im Grunde nur da, um als “sexual interest” zu fungieren – was für weibliche Figuren selten positiv endet. Insofern: viel “Screen time” für einen blassen Charakter. Jenny Sanford-Faktor: 40%

Noch blasser, wenn auch ansehnlicher, kommt Robin Wright im Spielfilm daher. Zwar hat auch ihre Figur eine Affäre mit McAffrey, immerhin jedoch nur in der Vergangenheit. So wundert man sich zwar, wieso Collins und der Reporter weiterhin befreundet sind, ist aber zugleich dankbar, dass der Film für Bettspiele keine Zeit opfert. Abgesehen von zwei Szenen, in denen auf dieser Affäre rumgekaut wird, hat Anne Collins nichts zu tun. Was sich grundsätzlich dadurch erklärt, dass die UK-Figur nur für Sex existierte und insofern für das Remake in Ordnung geht. Wrights Rolle bleibt ein Nicht-Charakter, aber immerhin einer, der nett aussieht und für den nicht mehr Zeit als nötig aufgewandt wurde. Jenny Sanford-Faktor: 60%

The Editor

Es gibt Schauspieler, die können wenig falsch machen. Der wunderbare Bill Nighy ist einer von ihnen. Denn als scharfzüngiger Herausgeber im BBC-Original ist sein Cameron Foster eher einer von der Truppe – die meist geschlossene Tür seines Büros zum Trotz. Mehr kumpelhaft kommt das Verhältnis mit McAffrey daher, zugleich hält Nighys Chef vom Dienst seiner Truppe den Rücken frei und übernimmt mehrfach aktiv eine Rolle in der Recherche. Hierbei fungiert Cameron durchaus auch als “comic relief” – gerade im Doppel mit Sohnemann Dan –, dennoch nimmt man Nighy seine redaktionelle Kompetenz durchweg ab. Entsprechend ist dies eine absolut atmende dreidimensionale Figur. Ben Bradlee-Faktor: 65%

Im Kinofilm übernimmt Helen Mirren die redaktionelle Aufgabe der Herausgeberin. Darunter leidet am meisten die Beziehung zu ihren Reportern, wirkt Mirrens Cameron doch oftmals wie der Redaktion aufs Auge gedrückt denn als Teil von dieser. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Cameron im Film weniger direkt in die Recherche eingebunden ist, somit eher eine passive Rolle einnimmt. Der Großteil der Figur wird für den Sub-Plot der heimgesuchten Medienkrise aufgewandt, was zwar seine eigenen Vorzüge hat (s. The Tone), worunter jedoch die Ausarbeitung des Charakters leidet. In ihrer Funktion als Herausgeberin ist Cameron aber durchaus glaubwürdig. Ben Bradlee-Faktor: 35%

The Middleman

Das Zünglein an der Waage in Paul Abbotts Handlung gibt derweil der windige bisexuelle Mittelsmann Dominic Foy, im Original von Marc Warren als blonder Pimp gespielt. Über mehrere Episoden müssen McAffrey, Della und Co. diesen erst in eine Position bringen, in der er die politischen Verwicklungen um Collins’ tote Geliebte aufklärt – ehe dieser ihm den Kiefer zerdeppert. Auch wenn Foy als Witzfigur angelegt ist, will man nicht so recht glauben, welche Rolle der Figur hier zugeschrieben wurde. Was zum Teil auch an Warren selbst liegt. Grundsätzlich wird auf seinen Charakter jedoch, wie auch auf den von Anne Collins, für nur bedingten Erlös generell zu viel Zeit vergeudet. Tirath Khemlani-Faktor: 40%

Weniger wie ein Zuhälter aber nicht minder flamboyant kommt Jason Batemans Interpretation der Rolle daher. Ähnlich wie bei Robin Wright wird für ihn nur wenig Zeit aufgespart. Zwar immer noch mit dem Makel der Witzfigur behaftet, wird sein Dominic Foy zumindest als das behandelt, was er ist: ein Mittel zum Zweck, um die Handlung auf die Zielgerade zu bringen. Dies geschieht zugegeben relativ schnell – und als off-screen eingefangenes Geständnis auf Videoband –, ist jedoch dadurch verzeihbar, dass man so ein wohl bis zu einstündiges Katz-und-Maus-Spiel vermieden hat. Insgesamt kommt dieser schmierige Mittelsmann dennoch kompakter und somit konsequenter daher. Tirath Khemlani-Faktor: 60%

The Tone

Ein Merkmal der 2003er BBC-Serie ist nicht nur der heutzutage fast als Standard zu findende Newsroom in der Redaktion, sondern auch die Einbindung von Humor in die Handlung. Dies mag angesichts der politischen Verschwörung und der daraus resultierenden Toten zwar verwundern, ist dennoch aufgrund der Protagonisten wie McAvoys Dan Foster, Rebekah Statons Liz oder Sean Gilders Sergeant ‘Chewy’ Cheweski ganz amüsant. All diese Figuren fehlen natürlich im US-Remake. Von Westminster und der Zeitungslandschaft kriegt der Zuschauer dennoch nur bedingt etwas mit, wenn auch zumindest Vorgehensweisen von Letzterer in der ersten Hälfte eine Rolle spielen. Reality-Check-Faktor: 40%

Zwar ist Humor in Kevin Macdonalds Version kein Fremdkörper, sondern gerade im Zusammenspiel zwischen Russell Crowe und Rachel McAdams ein wiederkehrendes Element, dennoch vergeudet der Film keine Zeit darauf. Erfrischend, wenn auch leicht altbacken, ist der in die Handlung verwobene Subplot der Medienkrise, die sich in Faktoren wie Facelifts für den Zeitungskopf oder Dellas Funktion als Bloggerin niederschlägt. Zum US-Kongress erhalten wir zwar auch hier keinen Einblick, dafür erfährt der Plot mit der Privatisierung durch Sicherheitsunternehmen à la Blackwater wie im Falle der Medienkrise ein zeitgenössisches Update. Eine gelungene Neuausrichtung der Handlung also. Reality-Check-Faktor: 60%

Fazit

Die britische TV-Fassung überzeugt dadurch, dass die Recherche über eine Woche verteilt wird, während die Adaption sie auf zwei Tage komprimiert. Aber dies schien nötig, um dieselbe Geschichte in weniger als der Hälfte der Zeit zu erzählen. Leider ging so manch liebenswerte Figur verloren, glücklicherweise aber auch viel Ballast. Die jeweilige Besetzung nimmt sich nur bedingt etwas, Andrew Macdonalds Film wirkt jedoch aktueller. Wer sich also nur für die Geschichte von State of Play interessiert, darf dem amerikanischen Film-Remake den Vorzug geben. Dieses setzt sich mit 5:3 im Head-to-Head durch. Winner on points: State of Play (US-Film)!

5. August 2013

Trance

Remember, do not be a hero.

Wie in Trance fühlt man sich, wenn man Dinge erledigt, ohne sich ihrer Ausübung wirklich bewusst zu sein. Ein Dämmerzustand also, der vorübergehend die Aufmerksamkeit ändert und eine Entspannung einleitet – ausgelöst durch Hypnose. Unterschwellig lassen sich auf diese Weise Verhaltensänderungen vornehmen. “Do you want to remember or do you want to forget?”, fragt Hypnotiseurin Elizabeth Lamb (Rosario Dawson) am Ende von Danny Boyles jüngstem Film Trance eine der Figuren. Sich an Vergessenes erinnern steht im Mittelpunkt von Boyles Psycho-Thriller, den dieser während seiner Vorbereitungen für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London im vergangenen Jahr drehte.

In dem Quasi-Remake eines britischen TV-Films von 2001 muss sich der Kunstauktionator Simon (James McAvoy) daran erinnern, wo er Francisco Goyas „Hexen in der Luft“ versteckt hat. Dieses wollte der Kriminelle Franck (Vincent Cassel) stehlen, nachdem ihm Simon, von Wettschulden geplagt, über dessen Wert und Auktionstermin informierte. Als der Überfall nicht wie geplant verläuft und Simon nach einem Kopfstoß und der anschließenden Operation vergessen hat, wo er den Goya unterbrachte, engagiert Franck kurzerhand Dr. Lamb, um dem Gedächtnis von Simon auf die Sprünge zu helfen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen während der folgenden Sitzungen dann immer mehr.

“Everyone knows amnesia is bollocks”, ächzt Franck zwar zuerst noch ob Simons Kondition, macht dann allerdings doch gute Miene zum bösen Spiel. Fünf Prozent der Bevölkerung seien empfänglich für Hypnose habe er in einem Buch gelesen, konfrontiert Franck in einer Szene Lamb. Deren Beweggründe, sich mit ihm und seiner Gang einzulassen, überraschen derweil noch zu Beginn, um erst gegen Ende von Trance eine – allerdings wenig eindrucksvolle – Erklärung zu erhalten. Boyle versucht sich ziemlich deutlich an einem Film, in welchem nichts so sein soll, wie es zu sein scheint. Warum weint Lamb als sie über Simons Angriff im Auktionshaus liest und wird dieser von einer imaginären Frau bis in die Realität verfolgt?

Dass die rassige Hypnotiseurin dabei nicht nur Simon, sondern bald auch Franck den Kopf verdreht, verkompliziert die Sache nur noch. Gerade weil Simon, zuvor bereits durch Franck und seine Männer eingeschüchtert, nun zusätzlich eifersüchtig wird und sich mental noch mehr abschirmt. Sehr zur Ungeduld von Francks Handlanger Nate (Danny Sapani), der zu einem gewissen Zeitpunkt die Dinge selber in die Hand nimmt. Was folgt sind Blut, Mord und Totschlag, aufklärende Rückblenden, Twists und das ganz große Drama. Eben wie man das so kennt, aus Thrillern, in denen Figuren Wahrnehmungsstörungen haben. Problematisch ist nur, dass jenes Tabula rasa in Danny Boyles finalem Drittel allerdings wenig überzeugen will.

Das liegt zum einen daran, dass die Twistwendung relativ früh erahnbar ist und Trance, wie bereits Christopher Nolans Inception, kaum etwas aus seinen Gedankenspielereien zu machen versteht. Hypnose funktioniert bei Boyle als bloßes Drauflosquatschen, ihr anheim fällt dann, wer seinen Geist nicht bei Drei auf die Bäume bringt. Dass der Brite zudem versucht, mit visuellen Kameraspielereien einige Szenen in der Realität möglichst doppeldeutig erscheinen zu lassen – gewünschte Zuschauerreaktion: Ist das jetzt Trance oder real? – macht das Ganze nicht wirklich besser und schon gar nicht cleverer. Stattdessen bürdet sich der Film in bester Manier eines Damon Lindelof mehr Antizipation auf als er letztlich einlösen kann.

Auch zuvor schon fehlt dem Film eine rechte atmosphärische Einordnung, inszeniert Boyle sein jüngstes Werk doch teils mit der Verve seiner Anfangsjahre, wenn McAvoy wie einst Ewan McGregor als Erzähler direkt in die Kamera spricht, während die visuelle farbintensive Kameraarbeit eines Anthony Dod Mantle jenen lässigen Charakter des Films unterstützt. Ein Feel-Good-Thriller irgendwie, der zwar in seinen ersten beiden Akten streckenweise durchaus Spaß macht, nach hinten raus jedoch immer mehr abbaut. So merkt man Trance an, dass das Ausgangsmaterial eher auf TV-Niveau zu verordnen ist und dass Olympia-Regisseur Danny Boyle mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen zu sein scheint. Wie in Trance.

6/10

6. Juni 2011

X-Men: First Class

Go fuck yourself.

Im Kontext der Geschichte war 1962 das Jahr der Kuba-Krise, die die Welt an den Rand des Abgrunds brachte und kurz hinunter schielen ließ. Aber auch das Jahr der US-Bürgerrechte, wurde James Meredith doch am 1. Oktober der erste schwarze Student im Bundesstaat Mississippi, was dort zu Ausschreitungen und zwei Toten führte. Welche Periode als die Sechziger eignete sich also besser in ihrer Zweideutigkeit, um als Bühne für die X-Men-Reihe zu dienen? Schließlich standen die in der Gesellschaft diskriminierten Mutanten dort nicht nur aber auch für die Jahrhunderte lang unterdrückte Minderheit der Afroamerikaner. Umso überraschender daher, dass Matthew Vaughns X-Men: First Class die Bürgerrechtsfrage vollständig negiert.

Stattdessen versucht sich der Film als Charakterexposition für zwei seiner profiliertesten Figuren: Professor X (James McAvoy) und Magneto (Michael Fassbender). Die Freunde und späteren Gegner aus der X-Men-Trilogie werden hier zusammengeführt, aber ohne deswegen gleich zum Kanon zu gehören. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht bei diesem bedienen kann. So übernimmt Vaughn das Intro aus X-Men, um seinem eigentlichen Hauptdarsteller seine spätere Motivation zu verleihen. Als Opfer emotionaler Folter trifft der junge Erik Lehnsherr auf einen maliziösen Kevin Bacon, der versucht Deutsch zu sprechen, ohne sich zu verschlucken. Es fallen Schüsse, es sterben Menschen und die Welt ist um einen Größenwahnsinnigen reicher.

Dies führt zum späteren Antrieb von Magneto: Rache und Vergeltung. Über die Schweiz und Argentinien foltert er sich nach Florida, wo er auf die anderen Figuren trifft. Zum Beispiel Moira MacTaggert (Rose Byrne), die von einer schottischen Genetikerin zur Strapse tragenden CIA-Agentin mutiert (nicht buchstäblich). Aber auch Charles Xavier, ein saufender Schürzenjäger, der von Klein auf mit Mystique (Jennifer Lawrence) aufgewachsen ist. Die beiden streben nun danach, den Sebastian Shaws (Kevin Bacon) Hellfire Club aufzuhalten. Was das eigentlich ist, warum Professor X und Mystique zusammen aufwuchsen und wieso CIA-Agentinnen auf Missionen ein kleines Schwarzes drunter tragen, hat das Publikum nicht zu interessieren.

Oder anders gesagt: der Film interessiert sich nicht dafür. Weder für die kleinen Details seiner arg konstruierten Handlung (der Hellfire Club plant den nuklearen Holocaust, weil dann alle Menschen sterben und nur die Mutanten überleben), noch für deren Struktur oder für seine Figuren. Über Professor X erfährt man abgesehen von der Sandkasten-Freundschaft zu Mystique lediglich, dass er stinkreich ist und ihm seine Mama früher keinen Kakao gemacht hat. Des Weiteren ist er für den restlichen Filmverlauf eine gehende Version der Patrick-Stewart-Figur und erhält zwar mehr Leinwandzeit, aber deswegen nicht mehr Charaktertiefe als die übrigen Figuren wie Mystique, Beast, Havok, Banshee, Angel, Riptide, Emma Frost und Konsorten.

Sie alle sind austauschbare Gesichter, deren Auswahl durch Xavier und Lehnsherr man nicht wirklich nachvollzieht. Ein willkürliches Ensemble, da sie für die Erzählung der Geschichte unerheblich sind. Ihre Kräfte sind dabei unterschiedlich von Belang, von geht so (Beast) bis gar nicht (Mystique). Speziell die von Jennifer Lawrence porträtierte Gestaltwandlerin geht völlig unter, was umso bedauerlicher ist, da sie abgesehen von Jason Flemyngs Azazel die einzige (!) Figur repräsentiert, deren Mutation für das bloße Auge sichtbar ist. Und selbst dieses wahre Äußere wird die meiste Zeit über unterdrückt, was sicher auch mit der Maske zu tun hat und allein deswegen dankbar ist, da diese im Vergleich zur Trilogie unfassbar hässlich gerät.

Ein nicht minder großes Ärgernis ist die ADHS-Handlung, die während der ersten 90 Minuten keine fünf am Stück an ein und demselben Ort mit ein und denselben Charakteren verbringen kann. Man fragt sich, warum Vaughn nicht die exorbitante Zahl der langweiligen Figuren reduziert und sich auf zwei bis drei eindringlicher konzentriert hat. Statt dem lahmen Alex Summers (Lucas Till) zum Beispiel dessen Bruder Scott a.k.a. Cyclops (beide verfügen ohnehin über dieselbe Kraft), dazu eine junge Jean Grey und notfalls noch Beast. Man hätte mehr Zeit für weniger Figuren und könnte seine Handlung für 10, 15 Minuten an einem Ort entfalten, ohne dauernd von London nach Argentinien nach Moskau und Las Vegas zu hopsen.

Selbst die zum Ziel gesetzte Entfaltung der Freundschaft von Charles und Erik misslingt, da Vaughn sich ihr mit derselben Aufmerksamkeit widmet wie den übrigen Mutanten. Warum hier eine Freundschaft entsteht, die auch noch in 60 Jahren existiert – berücksichtigt man den semi-kanon-artigen Charakter von X-Men: First Class mit der X-Men-Trilogie – bleibt unklar, hat die Freundschaft doch kaum Raum zur Entfaltung. Letztlich gelang Vaughn ein Film über irgendwie nichts, taugt die Geschichte doch weder über eine divergierende Freundschaft, noch über gesellschaftlichen Rassismus und Diskriminierung. Allenfalls als Analogie auf den Kalten Krieg mit Mutanten als kleinsten gemeinsamen Nenner für Kapitalisten und Kommunisten.

Hinzu kommt ein leicht missratener Look, speziell in der Gestaltung der Mutanten. Dass es die 68 Personen aus dem Make-Up-Department nicht schafften, insbesondere Mystique, aber auch Azazel und Beast ansehnlich umzusetzen, ist erstaunlich und bedauerlich. Auch die visuellen Effekte variieren, von peinlich berührend in der ersten Zurschaustellung der Kräfte von Erik bis solide (mit Abstrichen das Finale). Erfreulich ist dagegen, dass das Endprodukt nicht mit nutzlosem und fehlerhaftem 3D-Effekt in den Kinos startet, wie es heutzutage gang und gäbe ist. Dies könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass es zeitlich einfach nicht mehr für eine Konvertierung gereicht hat. Was bei den unumgänglichen Fortsetzungen anders sein dürfte.

Doch was ist gut an X-Men: First Class oder zumindest besser als an X-Men: The Last Stand und/oder X-Men Origins: Wolverine? Zum einen gibt Kevin Bacon – vom Finale abgesehen – einen gelungenen, charismatischen Antagonisten, der in gewisser Weise tatsächlich eine Bedrohung für die Mutanten und die normale Bevölkerung darstellt. Zum anderen trumpft der Film gelegentlich mit charmanten Ideen auf, seien es Cameos von Figuren und Darstellern aus früheren X-Men-Abenteuern oder etwaige Einbindungen der Mutantenkräfte, die besonders gut in Fassbenders ersten Szenen zum Tragen kommen. Auch das Ensemble schlägt sich wacker, von Bacon über Fassbender bis hin zu den Jungdarstellern der blassen Nebenrollen.

Am Ende reicht das nicht, um die wenig inspirierte und ausgearbeitete Geschichte im Slideshow-Format inklusive unbeachteter Figuren zu überdecken. Dass dann im Abspann Musik von Take That runtergedudelt wird, ist der negative Höhepunkt. Somit setzt Matthew Vaughn, der einst den Trilogie-Abschluss inszenieren sollte (was er sich dann aber nicht zutraute), seine abfallende Karriere seit dem starken Layer Cake bis hin zum mauen Kick-Ass fort. Ein Schicksal, das Bryan Singer, der seiner Zeit Superman Returns den Vorzug gab und hier als ausführender Produzent zurückkehrte, ebenso blüht, wie der gesamten Reihe. Denn auf X-Men: First Class lässt sich ein Zitat aus dem Film münzen: Es ist schlimmer als wir dachten.

4.5/10

20. September 2008

Wanted

Boom goes the dynamite.

Es gibt sie noch, diese kleinen, innovativen Geschichten. Die nicht nur abseits des Stroms zu finden sind, wie Oasen, die den Durst versprechen zu löschen, sondern die vielmehr noch gegen jenen Strom schwimmen. Zum Beispiel Alan Moores Watchmen, welches die Grenzen des Comics durchbrach und von Kritikern sogar als einer der gelungensten Romane des 20. Jahrhunderts angesehen wird. Dabei transferiert Moore in seinem Kultbuch nicht durch die Angst vor dem nuklearen Dritten Weltkrieg aus den Fünfzigern in die Achtziger, sondern ihm gelingt sogar ein brillanter Seitenhieb auf das Comicgenre der DC und Marvel Verlage. Eine trostlose Welt voller Superhelden, die von der Gesellschaft verachtet werden. Ein Krieg, der dank der Anwesenheit eines übernatürlichen Wesens gerade Pause macht. Moore schrieb seine Geschichte so komplex, dass es für Zach Snyder äußerst schwierig werden wird, ihr auch nur Ansatzweise gerecht zu werden. Im Grunde kann er nur scheitern, zumindest in seiner Kinoversion.

Denn Watchmen ist voller Helden, die morden und vergewaltigen – alles für ein höheres Ziel. Es gibt sie noch, diese kleinen, innovativen Geschichten, die in ihrer Auflösung des Zuschauer sagen: fick dich. Anfang des 21. Jahrhunderts verfasste der Schotte Mark Millar mit Wanted eine solche Geschichte. Klein, innovativ, gegen den Strom. Kultig. Klar, dass Hollywood hier zuschlagen muss. Die Geschichte als Basis für einen Super-Blockbuster. Die Rechte sicherte man sich dann auch Ende 2004 und die Planungen für den Film begannen Ende 2005. Als Regisseur holte man den Kasachen Timur Bekmambetov an Bord, der sich dank seiner überraschend guten Verfilmung der Dozor-Bücher von Sergei Lukyanenko ausgezeichnet hatte. Nun passiert in Hollywood das, was eigentlich immer passiert, wenn man auf eine interessante Geschichte trifft: man zerstört sie. Wobei zerstören das falsche Wort ist, vielmehr erschafft Hollywood eine Art Cyborg oder eher noch einen filmischen Borg. Ein total künstliches Werk mit einem Hauch der originalen Handlung.

Jene Handlung, welche die Geschichte erst so besonders gemacht hat. Auch für die Herren Produzenten aus Hollywood. Im Falle von Wanted verbinden Film und Vorlage gerade einmal eine handvoll Einstellungen, sowie Titel und Namen der beiden Hauptprotagonisten. Das ist erschütternd. Als würde man einen Film mit Namen Lord of the Rings machen, dessen Titelfigur Frodo heißt und die einen Ring von Punkt A nach B bringen muss. Und den Rest ändert man. Aus Frodo macht man einen Kleinwüchsigen und zwischen Punkt A und Punkt B muss er sich mit der Mafia, der CIA und El Kaida anlegen, ehe er den Ring einem Supermodel an den Finger stecken kann. All die Elemente, die Wanted zu Wanted und Millars Werk so universell einzigartig machten, ließ man fallen. Eine offizielle Begründung lautet: der erste Drehbuchentwurf entstand, als gerade einmal das zweite von sechs Heften draußen war. Nur stimmt das so in zweierlei Hinsicht nicht.

Erstens sicherte man sich die Rechte Ende 2004 und zweitens wurde die erste Drehbuchfassung unter anderem von Millar und Bekmambetov verworfen. Die Wahrheit ist wohl einfach die, dass man in Hollywood keine cojones hatte, Wanted so zu erzählen, wie die Geschichte erzählt werden muss. Denn was Millar hier erschaffen hat, ist in seiner Form auf der Kinoleinwand nicht umsetzbar, höchstens von dem französischen Kino, welches die moralischen Grenzen der Menschen seit Jahren mit Filmen wie À l’intérieur oder Martyrs auslotet. Mit Wanted erschuf Millar einen Helden wie Du und ich, jemanden aus der Gesellschaft, jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Wesley Gibson ist ein Verlierer, der in seinem Job in einem Großraumbüro versackert und sich von seiner afroamerikanischen Chefin unterbuttern lassen muss. Seine Freundin vögelt seinen besten Freund, weiß aber nicht, dass Wesley das weiß. Dafür beichtet sie ihm, dass sie mit 22 ihrer männlichen Mitarbeiter gefickt hat, was Wesley auch nicht wirklich stört.

Was soll er auch sonst machen, mit wem sonst zusammenleben? Sein Alltag besteht daraus irgendwelche Krankheiten für seine eingebildeten Symptome zu googeln oder sich im Internet Pornos anzusehen. Doch alles ändert sich, als er in seiner Imbissbude die dunkelhäutige Fox kennenlernt. Indem sie jeden Besucher des Ladens kurzerhand erschießt, löst sie Wesley gleichzeitig von seinem alten Leben. Und noch viel mehr, Wesley erfährt, dass sein Vater gestorben ist und ihm nicht nur zum Multimillionär gemacht hat, sondern auch seinen Arbeitsplatz hinterlässt. Wesleys Vater war der Killer. Richtig gelesen, nicht ein Killer, sondern der Killer. Der absolut beste Killer auf der Welt. Und ein Mitglied der Elite von Superbösewichtern. Diese vereinten sich 1986 und merzten in einer mehrere Monate andauernden Schlacht epischen Ausmaßes jeden, aber auch wirklich jeden Superhelden der Erde aus. Superman, tot. Wonder Woman, tot. Batman, tot. Alle tot.

Ohne Superhelden keine Gegenwehr. Die Bösen regieren die Welt. Jedoch nicht offensichtlich, sondern im Untergrund. Die Menschheit weiß nichts mehr von den Ereignissen des Jahres 1986, die Erinnerung an die Superhelden wurde bis auf Comichefte ausgemerzt. Fünf Köpfe der Bösewichte herrschen über den Planeten, jeder kriegt einen Kontinent. Mister Rictus, das personifizierte Böse, musste Australien nehmen und ist sichtlich angepisst. Wesley wird in den folgenden Wochen auf Wunsch seines Vaters zum tough guy trainiert. Fortan hat es Wesley mit Figuren wie Fuckwit zu tun, quasi dem Superman mit Down-Syndrom. Oder Shit-Head, ein wandelnder Scheißhaufen, der aus den Fäkalien von 666 fiesen Wichsern – darunter natürlich auch Hitler – erschaffen wurde. Und das Beste ist: Wesley gehört dazu. Fortan darf er erschießen wen er will und vergewaltigen wen er will. Niemand stört es, niemand erfährt es. Vom Niemand zum Unantastbaren an einem Tag.

Was Mark Millar hier geschaffen hat, ist die Umkehr des klassischen Comicbuchs. Es gibt keine Helden, es gibt nur die Bösen und die etwas psychisch labileren Bösen. Kann man jemanden zum sympathischen Held machen, der fast schon gelangweilt darüber berichtet, wie er mittags einen Hollywoodstar vergewaltigt hat? Millar kann es. Zwar ist Wesley mitunter eine recht eindimensionale Figur, deren Kritikpunkte seines unveränderten Zustandes ich durchaus nachvollziehen kann. Aber es sind dennoch andere Umstände. War Wesley zuvor ein Sklave der Gesellschaft, gefangen in einem aussichtslosen Job und einer aussichtslosen Beziehung, ist er jetzt zwar nicht sein eigener Herr, da Professor Seltzer unterstellt, doch hat er weitaus mehr Freiheiten als vorher. Niemanden zwingt ihn für Seltzer zu arbeiten oder auf Fox zu hören. Er tut es zwar, aber er muss es nicht. Dabei beschäftigt sich Wesley durchaus zu einem Zeitpunkt mit der Moralität seines Handelns, erfährt durch Fox später noch Läuterung.

Von der 113 Seiten umfassenden Story Millars adaptiert Hollywood nun starke 4 Blätter und nicht einmal die sind wirklich getreu. Von einem „basiert auf“ kann also bei Bekmambetovs Film in keiner Weise die Rede sein. Eher lose inspiriert ist Wanted und nicht einmal das trifft es. Zwischen Vorlage und Film liegen Welten, sodass man sich fragt, wieso man eigentlich die Rechte an dem Stoff gesichert hat. Vor allem da das Resultat so dermaßen armselig geworden ist, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Bösewichter als Helden kann man dem Amivolk nicht verkaufen, schon gar nicht in der Zeit nach 9/11. Also werden die Superbösewichter kurzerhand zu einer Jahrtausende alten Bruderschaft von Auftragskillern (das PS3-Spiel Assassin’s Creed lässt grüßen) – und jetzt kommt das Beste – die insgeheim die Welt im Gleichgewicht halten! „Töte einen, rettet tausend“, erklärt da Angie lasziv, gute dreißig Minuten ehe sie einen ganzen Zug voller unschuldiger Zivilisten in den Abgrund jagt.

Doch es wundert nicht, dass Wanted allgemein gnadenlos inkonsequent ist, in seiner umgepolten Welt, die sich eigene Gesetze aufstellt, die sie je nach Szenenwechsel biegt und bricht. Im Sinne von „was kümmert mich mein Geschwätz aus der Szene zuvor“. Dabei bringt Bekmambetiv in der Tat einige nette Ideen, wie zum Beispiel das um die Ecke schießen oder die verlangsamte Reaktionszeit. Schließlich müssen die Helden ja irgendwas besonders haben, wenn sie schon keine Superbösewichter sein dürfen. Die Ideen hier sind gut, ob es wirklich dem unentwegt verwendeten Zeitraffer bedürft hätte, ist eine andere Frage. Da Wanted per se keine richtige Geschichte hat, lebt der Film ganz und gar von seiner stylistischen Aufmachung. Dass Bekmambetov sich daran zu ergötzen weiß, beweisen seine Dozor-Filme. Dies in Bullet Time geschossen, das in Bullet Time geschossen – im Grunde sind die wenigsten Szenen in Wanted nicht in Bullet Time geschossen.

Klar, dass die Wachowskis uns das beschert haben ist eine coole Sache und in The Matrix fetzt das auch so richtig, nur Bekmambetov verwendet den Effekt bis zum geht nicht mehr und wiederholt sich hier ständig. Kugel in Bullet Time wird abgelöst von Auto in Bullet Time wird abgelöst von Kugel in Bullet Time wird abgelöst von schanzendem Auto in Bullet Time und dann schließt sich der Kreis und die Schose geht von vorne los. Exzellent, Genosse. Die erste Hälfte des Filmes wird dann zusätzlich noch aufgepeppt durch zeitgenössische Musik, bevorzugt Nine Inch Nails, die man dann in der zweiten Hälfte (denn hier wird es ja nun dramatisch) für Danny Elfmans bemerkenswert unbemerkenswerten Score in den Hintergrund rückt. Dabei vermag die Visualität des Filmes nur sehr selten über den fehlenden Inhalt hinwegtäuschen. Wesleys Charakter wird dabei noch weniger erörtert, als es bereits bei Millar der Fall ist. Wieso auch, schließlich verliert dessen moralisches Dilemma seine Bedeutung, da in der Verfilmung überhaupt keine Moralität in Frage gestellt wird.

Hierzu gesellt sich auch die plumpe Hinnahme von Sloans (Morgan Freeman) Erläuterung, dass einer der ihren, Cross (Thomas Kretschmann), Wesleys Vater erschossen haben soll. Und schon brennt der Baum und Wesley nimmt die Querelen auf sich, die ihm den Kopf von Cross bringen sollen. Dass hier die große Wendung des Filmes lauert – ja, mei, hat denn der Cross wirklich den Vadder umgebracht? – wird jedem klar, nur nicht James McAvoys Figur. Jener Wendepunkt des Filmes ist in seiner lächerlichen Armseligkeit dann auch nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Dass die Bruderschaft eine Vorgabe braucht und diese Vorgabe für die Tötungen eine mystische Spindel ist, ist eine nette Mischung aus Philip K. Dicks Minority Report und Platons Spindel der Notwendigkeit aus seiner Politeia. Gegen diese Idee – so dämlich sie auch sein mag – habe ich nicht einmal etwas einzuwenden. Wenn man sich dann der Spindel bedient und das Finale an ihr aufhängt, dann muss man jedoch sich und seiner Geschichte auch treu bleiben.

Tut Bekmambetov allerdings nicht. Vielmehr versucht sich in aufgezwungener Coolness zu verlieren, um einen Film zu präsentieren, der dann auch sogleich die Köpfe seiner Zuschauer verdreht. Fliegende Autos, Kugeln in Bullet Time, da jauchzt das Herz, da ist das Publikum glücklich. So hat der Film weltweit bereits das Vierfache seiner Kosten wieder eingespielt, es verwundert also nicht, dass Wanted 2 und Wanted 3 bereits in Planung sind. Mit Wanted war dann auch Mark Millar durchaus zufrieden, was natürlich wenig verwundert. Warum sich groß beklagen für einen Film, der mit dem eigenen Produkt zwar nichts zu tun hat, einem aber dennoch einen Beteiligungsbonus beschert. In Bekmambetovs Film erwartet das Publikum eine unsinnige Geschichte, die inhaltsfrei, spannungsarm und schlecht besetzt ist. Nie nimmt die Story Zug auf, verliert sich stattdessen in Zeitlupenschießereien. Wer Wanted für einen extrem coolen Film hält, dem rate ich ab, Millars Comicvorlage zu lesen. Es könnte ihm sonst der Kopf platzen.

2.5/10

13. Juli 2008

The Chronicles of Narnia: The Lion, the Witch and the Wardrobe

You know that doesn't really rhyme.

Über die Magie von Kinderbüchern dürfte weitestgehend alles bekannt sein, der Schub den die Harry Potter-Reihe für das Genre gebracht hat, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Die Verfilmung von dessen ersten Teil führte im Endeffekt dazu, dass auch The Lion, the Witch and the Wardrobe für die Kinoleinwand verfilmt wurde. Geschrieben wurde das Fantasy-Werk 1950 und stammt aus der Feder des nordirischen Autoren Clive Staples Lewis. Von 1950 bis 1957 verfasste C.S. Lewis seine etwa 1400 Seiten umfassende Fantasy-Reihe mit dem Titel The Chronicles of Narnia. Innerhalb der Geschichte umfassen die jährlich erschienenen sieben Bände mehrere tausend Jahre, wobei Lewis hier keine stringente Handlung in seinem Zyklus erzählt, sondern verschiedene Erzählungen unter das Fächer „Narnia“ treibt. Besonderes Merkmal seines Werkes ist der christliche Charakter seiner Geschichte. Dabei war Lewis selbst jahrelang Atheist, ehe er die Bekanntschaft von Autorenkollege J. R. R. Tolkien machte. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begründete Lewis mit Tolkien und anderen die Inklings. Die Inklings waren ein literarischer Diskussionskreis von christlich geprägten Männern. Nach seiner Bekanntschaft mit Tolkien konvertierte Lewis zum Christentum und war anschließend außerordentlich aktiver Christ. Bereits 1967 kam es zu einer Verfilmung von The Lion, the Witch and the Wardrobe, zehn dreißigminütige Folgen wurden für das Fernsehen adaptiert. Zwölf Jahre später kam es schließlich zu einer anderthalbstündigen animierten Fernsehversion und 1988 sollte noch mal eine knapp dreistündige, in vier Teile aufgespaltete Verfilmung – diesmal wieder mit echten Darstellern – erscheinen. Alle drei bisherigen Verfilmungen jedoch wurden lediglich für das Fernsehen produziert, weshalb sich Kathleen Kennedy und Frank Marshall – bekannt durch ihre Zusammenarbeiten mit Steven Spielberg – Anfang der neunziger Jahre um eine Kinoadaption bemühten.

Da beide Mitte der Neunziger jedoch keine geeigneten Plätze in Großbritannien zum Drehen fanden, wollten sie die Handlung, die 1940 spielt, in die Gegenwart versetzen. Dagegen sträubte sich jedoch Douglas Gresham, Stiefsohn von Lewis und Mitproduzent des Filmes. Dank Harry Potter and the Philosopher’s Stone wurden die Produzenten in ihrer Hoffnung bekräftigt, dass sich Lewis’ Werk verfilmen ließe. Um die Jahrhundertwende wurden die Bestrebungen wieder aufgenommen und man trat an Guillermo del Toro als Regisseur heran. Der Mexikaner war aber mit den Vorbereitungen an seinem Meisterwerk El laberinto del fauno beschäftigt und sagte ab. Stattdessen wurde Andrew Adamson engagiert, der sich durch seine beiden Shrek-Filme des Studios DreamWorks auszeichnen konnte. Als Drehbuchautoren konnten die beiden Emmy-Preisträger Christopher Markus und Stephen McFreely (The Life and Death of Peter Sellers) an Bord geholt und für ein stattliches Budget von 180 Millionen Dollar begann man die Dreharbeiten in Neuseeland, dem Land der Lord of the Rings-Verfilmung. In die Kinos gebracht wurde Lion/Witch/Wardrobe in der Weihnachtszeit 2005, was dem Film ein beachtliches Einspielergebnis bescherte. Allein in den Vereinigten Staaten konnten fast dreihundert Millionen Dollar eingespielt werden, weltweit spielte Adamsons erster Live Action Film das Vierfache seiner Kosten wieder ein. Bei den anschließenden Academy Awards konnte daraufhin auch das Make-up ausgezeichnet werden und die Weichen für eine weitere Verfilmung waren gestellt. Im Juli 2008 startet nun die Fortsetzung und Verfilmung des zweiten Buches, Prince Caspian. Diese hat starke finanzielle Einbußen hinzunehmen, was sicherlich an ihrem Starttermin liegen dürfte, der nicht im Winter, sondern im Sommer angesetzt wurde. Dennoch soll der Verfilmung des dritten Buches, The Voyage of the Dawn Treader für 2010 nichts im Wege stehen, im Gegenteil wollte Adamson auch den vierten Band, The Silver Chair, gemeinsam mit diesem drehen.
 
Wie bereits erwähnt spielt sich das beschriebene Geschehen im Jahre 1940, somit während des Zweiten Weltkrieges, ab. London wird von den deutschen Fliegern bombardiert und die vier Geschwister Pensieve müssen aufs Land fliehen. Dort kommen Peter (William Moseley), Susan (Anna Popplewell), Edmund (Skandar Keynes) und Lucy (Georgie Henley) beim verschrobenen Professor Kirke (Jim Broadbent) unter. Für die vier Trübsal blasenden Kinder heißt es in dessen Anwesen jedoch: nichts anfassen und nicht auffallen! Leichter gesagt als getan und aus Langeweile wird schließlich bald ein Abenteuer. Beim Versteckspielen stößt Lucy auf einen mysteriösen Wandschrank. Als sie sich in diesem versteckt, trifft sie jedoch nicht auf eine Rückwand, sondern einen schneebedeckten Wald. An einer Laterne im Nirgendwo trifft sie schließlich den Faun Tumnus (James McAvoy). Als Tumnus bemerkt, dass Lucy ein Mensch ist, lädt er sie zu sich nach Hause ein, mit bösen Hintergedanken. Doch Lucy kehrt nach Hause zurück, kann ihre Geschwister jedoch nicht von dem mysteriösen Land Narnia im Wandschrank vom Professor überzeugen. Als sie sich nachts noch mal nach Narnia schleicht, folgt ihr Edmund und löst damit eine unwiderrufliche Kette an Ereignissen aus. Die vier Geschwister sehen sich alsbald dem königlichen Löwen Aslan (Stimme: Liam Neeson), einem freundlichen Bieber (Stimme: Ray Winstone) und einer fiesen weißen Hexe (Tilda Swinton) gegenüber. Letztlich müssen die Kinder lernen, nicht an Narnia zu glauben, sondern an sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten, während beide feindlichen Lager ihre Armeen für die finale Schlacht zusammenstellen. Bereits vier Jahre vor der großen Wanderung von Tolkiens Gefährten dürfen die Pensieves in Lewis’ Werk ein geheimnisvolles Land durchschreiten und dabei mit allerlei sagenhaften Gestalten wie Greifen, Centauren oder Minotauren ein Abenteuer epischen Ausmaßes bestehen.

Für seine Geschichte wurde Lewis seit jeher kritisiert, unter anderem von seinem Freund und Weggefährten Tolkien. Viel zu naiv gehe Lewis mit den Religionen um, befand Tolkien. In der Tat mischt Lewis alles Spirituelle zu einem bunten Kuddelmuddel in seiner Geschichte zusammen. Angefangen damit, dass in Narnia nicht nur Englisch gesprochen wird (das selbst wäre ja noch verzeihbar), sondern Staatsreligion scheinbar auch das Christentum ist. Denn immerhin feiert man in Narnia Weihnachten, was das unorthodoxe Auftreten des Weihnachtsmannes beweist. Dieses insbesondere stellte nicht nur für Tolkien ein Hauptmanko des Filmes dar, höchst streitwürdig ist die Tatsache – ganz davon abgesehen, dass die Szene absolut lächerlich ist –, dass der Weihnachtsmann den Geschwistern bei ihrem Treffen Waffen als Geschenke überreicht („they’re tools, not toys“). Da kann man sich nur an den Kopf fassen, epische Schlacht um das Schicksal einer Welt hin oder her. Allgemein ist Lewis Werk ausgesprochen Gewalt verherrlichend, was auch eine Szene bezeugt, in der Peter von Aslan ermutigt wird, seinen Gegenüber Maugrim (Stimme: Michael Madsen) zu töten. Neben dem Christentum finden sich aber auch andere Elemente in Narnia wieder, zum Beispiel der Islam, verkörpert durch den Löwen Aslan (türkischer Name für „Löwe“). Lewis selbst war nach einem Besuch im Osmanischen Reich damals so angetan, dass er seinen König von Narnia nach der Garde des Sultans benannte. Noch bizarrer wird das ganze, wenn Lewis Aslan zu seiner Messiasfigur innerhalb der narnischen Chroniken erhebt. Noch herrlicher wird das Gesamtbild dann, wenn ein tierischer Messias mit islamischen Namen Seite an Seite mit Fabelwesen aus der nordischen wie griechischen Mythologie kämpft. Was sich Lewis hier gedacht hat, kann man sich wohl nicht erklären, Tolkien selbst und zahlreiche andere Kritiker warfen Lewis seine Charaktergestaltung jedenfalls seit jeher vor. Auch andere, obschon spätere, Entwicklungen wurde von Fantasyautoren wie Philip Pullman (His Dark Materials) oder Neil Gaiman (Stardust) stark kritisiert.
  Die Handlung seines Lion/Witch/Wardrobe ergibt größtenteils wenig bis gar keinen Sinn, in seinem Finale offenbart Lewis, dass die vorgespiegelte Spannung gänzlich hinfällig ist. Ein säuerlicher Aslan latscht betrübt des Nachts zu seiner Hinrichtung, nur um nach seiner Auferstehung zu offenbaren, dass er wusste, was passieren würde. Da fragt man sich doch, warum das arme Viech fast geheult hat, wenn er doch wusste, dass ihm nichts passiert. Dass die Pseudo-Hexe, die immerhin seit gut einem Jahrhundert herrscht, ihre eigenen Künste nicht checkt, spricht da für sich. Anschließend sprintet Super-Löwe Aslan in den Palast der Hexe und befreit mit bloßem Atemhauch alle vermeintlich Toten, die dieser zur Last gefallen waren. Dann geht’s ab zum Schlachtfeld, ein gekonnter Sprung, ein Biss und alle sind glücklich bis an ihr Lebensende. Wer sich hier nicht veräppelt vorkommt, ist eine glückliche Seele. Penetrant klatscht einem Lewis die ach so wichtige Prophezeiung um die Ohren, von vier Menschenkindern, die bla bla bla. Und am Ende erledigt Aslan den gesamten Konflikt innerhalb eines Vormittags. Wieso hat er das nicht einen Tag, einen Monat oder ein Jahr vor der Ankunft der Pevensies gemacht? Ein Logikloch in dem selbst sein schwarzes Pendant locker Platz finden dürfte. Am Ende der großen Schlacht sind alle vermeintlich Toten wieder lebendig, der Löwe haucht hier, der Löwe haucht da. Zudem stößt die ganze christliche Thematik von Verrat, Vergebung, Tod, Auferstehung und Erlösung extrem sauer auf. Besonders ironisch, dass Edmund seinen Verrat wegen türkischem Honig begeht und anschließend von dem „türkischen“ Aslan Vergebung erfährt. Waffenmogul Nikolaus ist dabei nur das Tüpfelchen auf dem I, die Story ist jedenfalls unterirdisch.

Ganz im Gegensatz zur Handlung kann sich hingegen der Rest sehen lassen. Vielleicht abgesehen von den jugendlichen Darstellern, die allesamt nicht sonderlich ansehnlich sind. Und da sie auch nicht überzeugend spielen können, haben sie im Grunde gar keinen Zweck, es bleibt lediglich zu hoffen, dass sie ihre Leistung (vergleichbar mit derjenigen der Harry Potter-Darsteller) in der Fortsetzung zu steigern wissen. Aber zurück zu den positiven Aspekten, zu denen die Ausstattung, die Effekte, die Kostüme, das Make-up und mit Abstrichen die Musik gehören. Der gesamte technische Aspekt des Filmes ist durchaus gelungen, selbst wenn man in vielen Szenen den Green Screen praktisch sehen kann. Dennoch ist besonders Aslan selbst glaubwürdig animiert und fügt sich mit den Biebern, Centauren und anderen Tieren beziehungsweise Tiermenschen sehr gut in das Ambiente ein. Das musikalische Thema kann sich auch durchaus sehen lassen, selbst wenn es das eine oder andere Mal etwas zu großzügig eingesetzt wurde. Das Make-up wiederum geht mit der Ausstattung Hand in Hand mit den visuellen Effekten, sodass sich Lion/Witch/Wardrobe vor einem Lord of the Rings nur minimal verstecken muss. Nimmt man das technische und das inhaltliche bei Adamsons Film zusammen, ergibt sich ein recht durchschnittliches Werk, welches im Gegensatz zu Peter Jacksons Charaktervergewaltigung zumindest seinen Figuren gegenüber treu bleibt, wie Adamson allgemein sehr sorgsam Lewis’ Vorlage folgt. Abzüglich der extrem positiv dargestellten Gewalt und seinen sehr arschkriechenden christlichen Symbolik ist die erste Verfilmung der narnischen Chroniken äußerst solide und in einer Zeit von Bridge to Terabithia und Co mischt dieses „Braveheart-mit-Tieren“-Vehikel sicherlich noch halbwegs verdient oben mit. Gehört dennoch in die Kategorie: kann man mal gesehen haben, muss man jedoch nicht. Ob wirklich alle sieben Teile verfilmt werden, bleibt aber noch abzuwarten und ist als eher unwahrscheinlich anzusehen. 

5/10