29. Juli 2008

Surveillance

Is that your statement?

Wenn man es in Hollywood zu etwas bringen will, helfen einem nur drei Dinge: entweder man besitzt Talent, sieht verdammt gut aus oder wird in die Traumfabrik hineingeboren. Je mehr dieser Komponenten zusammenkommen, desto erfolgreicher sind die jeweiligen Aussichten. Beste Beispiele hierfür sind Kate Hudson und Angelina Jolie, aber auch viele andere Schauspielerinnen und Schauspieler stammen aus entsprechenden Familien. Jennifer Chambery Lynch ist keine Schauspielerin, sondern Regisseurin. Wie ihr Nachname bereits verrät, ist sie die Tochter von Kultregisseur David Lynch, dem Schöpfer von Filmen wie Eraserhead und Mulholland Drive. Besonders tief verwurzelt ist Jennifer Lynch im Business jedoch nicht, ihr erster und letzter Film Boxing Helena entstand vor fünfzehn Jahren. Anschließend scheint sie sich ausführlich um die Erziehung ihrer Tochter gekümmert zu haben, die sich jetzt in einem Alter befindet, in welchem Mama wieder hinter die Kamera verschwinden kann. Sollte ihr Film Surveillance (Unter Kontrolle) zuerst von Hexen handeln, entschieden sich Lynch und Co-Autor Kent Harper am Ende doch für einen Thriller mit Serienkillern. Das Ganze sollte gewürzt werden durch eine gehörige Portion Spannung sowie technische Spielereien. Bei der Aufbringung des Independent-Budgets von 3.5 Millionen Dollar dürfte sicher Papa David geholfen haben, der auch als ausführender Produzent des Filmes fungiert. Währenddessen sicherte sich Co-Autor Kent Harper, ganz im Stile eines Leigh Whannell (Saw), eine der zentralen Nebenrollen in dem Killer-Thriller. Halbwegs prominent besetzt wurde das Projekt dann noch mit David Lynchs ehemaligen Darstellern Bill Pullman (Lost Highway) und Julia Ormond (Inland Empire). Wenn man sich den Film zu Gemüte geführt hat, wird einem schließlich klar, dass ohne Papa hier wohl überhaupt nichts zu Stande gekommen wäre und man merkt auch, zu welcher Kategorie Tochter Jennifer zu zählen ist.

Zwei Killer dringen in ein Haus ein, überfallen ein schlafendes Ehepaar im Schlaf und ermorden diese nach kalkuliertem Psychospiel. Wirklich etwas mit dem Film zu tun hat diese Szene nicht, außer dass sie die abwesenden Mörder vorstellt. Der Fall zudem die FBI Agenten Hallaway (Bill Pullman) und Anderson (Julia Ormond) gerufen werden, hängt mit einem anderen Verbrechern dieser mutmaßlichen Täter zusammen. Glücklicherweise sind drei Augenzeugen mit dem Leben davon gekommen und während sich die Bundesagenten auf der Polizeiwache mit den dortigen Polizeibeamten (u.a. Michael Ironside) herumschlagen müssen, werden drei Kameras in den Verhörzimmern aufgebaut. Die Zeugenaussagen sollen aufgenommen werden (daher der englische Titel), die Verhöre parallel zueinander stattfinden. Dem Publikum präsentiert Jennifer Lynch die drei einzelnen Geschichten, die im Rashômon-Stil einander ergänzen. Hierbei will Lynch dadurch gefallen, dass sie jede der Geschichten einen eigenen Farbton verpasst. Während die Nacherzählung von Officer Bennet (Kent Harper) über die Ereignisse mit seinem Partner Jim Conrad (French Stewart) in leichtes Sepia gehüllt ist, besticht die Geschichte der achtjährigen Stephanie durch ein klares und scharfes Bild. Ganz im Gegensatz zu dem Geständnis der drogensüchtigen Bobby (Pell James), deren Erlebnisse mit Freund Johnny (Mac Miller) durch Farbübersättigung hervorstechen. Außerdem besticht die erste Hälfte des Filmes durch penetrante Musik, die pseudo-psychisch daherkommt. Von technischer Seite sieht man dem Film seinen Low-Budget-Status an, die Spielereien mit den Farbfiltern sind zwar ganz nett, erfüllen jedoch keinen höheren Zweck und bleiben letztlich überflüssig.

Zugegeben, Bill Pullman war noch nie ein großer Fisch im Teiche Hollywoods, aber immerhin durfte er den US-Präsidenten in dem zeitlang erfolgreichsten Film aller Zeiten spielen. Doch Independence Day ist lange vorbei und so ist auch die Zeit von Pullman. Zuletzt konnte man den guten Mann in der vierten Auflage von Scary Movie begutachten. Dieses Engagement spricht mehr wie hundert Worte, da wundert es auch nicht, dass sich Pullman für das Projekt von David Lynchs Tochter hergegeben hat. Noch weniger wundert einen dann sein maßlos übertriebenes und meist nur mit einem unterdrückten Lachen erträgliches Spiel als FBI Agent. Auch Julia Ormond konnte sich nach ihrem Part als Fräulein Smilla nicht richtig etablieren in der Filmbranche und war zuletzt häufiger in Fernsehproduktionen zu begutachten. Ihre Figur, der verletzlichen und emotionalen Agentin bleibt über den gesamten Film gesehen genauso blass, wie jede andere Figur. Am intensivsten wird vielleicht noch Junkie Bobby portraitiert, die sogar relativ überzeugend von Newcomerin Pell James dargestellt wird. Etwas unterfordert, jedoch souverän, spielt zudem Michael Ironside (Total Recall) seinen Part als hiesigen Polizeichef herunter. Wirklich überzeugen kann einen das Ensemble aber nicht, wobei dies durchaus auch den miesen Dialogen und dem allgemein schlechten Drehbuch geschuldet ist.

Das Drehbuch ist es auch, woran Surveillance scheitert, die erste Hälfte des Filmes zieht sich wie ein zäher Kaugummi und bringt die Handlung keinen Deut weiter. Was noch viel schlimmer ist, sie erzeugt auch keinerlei Spannung, sondern langweilt vielmehr. Insbesondere langweilt einen der Beginn des Filmes so sehr, da man bereits nach wenigen Minuten weiß, in welche Richtung die Handlung verläuft, wer hinter den Killern steckt und was für ein Ende den jeweiligen Figuren beschert wird. Dieses Wissen hilft dem Zuschauer jedoch keineswegs das Geschehene leichter zu verdauen, er verstärkt die Tortur nur noch. Der Trailer zum Film - wie bei Trailern inzwischen so oft – nimmt die ganze Handlung nicht nur bereits vorweg, sondern impliziert einen weitaus unterhaltsameren Film, wie Lynch ihn einem anschließend serviert. Durch ihre Verwendung der Musik will die Regisseurin zu Beginn in die Fußstapfen ihres Vaters treten, kann bei diesem Versuch jedoch nur scheitern und tut dies auch. Die Spielereien mit den drei Kameras werden im Film nicht wirklich genutzt, das Rashômon-Potential zu keinem Zeitpunkt ausgeschöpft. Was bringt es Lynch die Figuren eine Geschichte A erzählen zu lassen, wenn sie dem Publikum in Rückblenden eine Geschichte B erzählt? Weitaus vielschichtiger wäre der Film geworden, wenn die einzelnen Zeugenaussagen jeweils die Rückblenden ergänzt und neu beleuchtet hätten. Aber abgesehen von der kleinen Spielerei mit dem Farbfilter, scheint Lynch keine Verwendung für dieses Detail zu finden. Das große Hauptmanko des Drehbuches ist aber seine fehlende Spannung, die Surveillance zu keinem Zeitpunkt im Stande ist aufzubauen. Hinzu kommt noch, dass man den Film bereits zu Beginn – wenn nicht sogar schon davor – durchschaut. Die grausamen Dialoge und lächerlichen Charaktere wirken da wie ein schlechter Witz. Diesen Film braucht wahrlich keiner - zumindest ich nicht.

2/10

Kommentare:

  1. Pulmans Leinwand Abstinenz könnte natürlich auch damit zusammenhängen, daß er seit 2002 wieder ein Mann des Theaters ist;)

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  2. Pullman ist für mich gar nicht abstinent, gerade war er in YOU KILL ME zu sehen, davor sah ich ihn zuletzt in der wunderbaren Komödie ALIEN AUTOPSY.

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  3. dass sich gute Darsteller auch für Schrott hergeben sollte doch spätestens seit Pacino bekannt sein.
    Ansonsten ein Film bei dem mir der Trailer schon mehr als missfiel.

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  4. Larifari, ich wollte darauf hinaus, dass er von 96-99 groß im Kommen war und dann wieder "in der Versenkung" verschwunden ist.

    @jmk: Der Trailer ist ein Witz, der lockt einen auf eine ganz falsche Fährte, meines Erachtens. Der Film ist weitaus langweiliger, als es der Trailer vermuten lässt.

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  5. Oha, gute Erinnerung, dass ich auch noch was schreiben muss ... :D

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  6. @therudi
    Weil er einfach sympathisch ist:D

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