6. September 2008

The Midnight Meat Train

I have a train to catch.

Er möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der seine Vorstellungskraft dazu benutzte die Grenzen des Seins, des Fleisch und des Blutes und vielleicht auch des Lebens selbst zu überschreiten. Die Rede ist von Horror-Guru Clive Barker, der seinem persönlichen Wunsch mit der Schöpfung von Hellraiser im Jahr 1987 bereits sehr nahe kam. Barker selbst ist nicht nur Regisseur und Maler, sondern auch Autor. In seiner Buchserie Books of Blood, die von 1984 bis 1985 erschien und sechs Bände umfasst, findet sich eine Kurzgeschichte namens The Midnight Meat Train, die für den neuesten Film des japanischen Horror-Regisseurs Ryuhei Kitamura zu Grunde lag. Der Film markiert zugleich Kitamuras US-Debüt, nachdem er sich bereits durch Versus und Azumi international einen Namen gemacht hat. Von seiner Aufmachung her zählt diese Clive Barker Adaption bei dem diesjährigen Fantasy Filmfest zu der mainstreamigeren Sorte, wird sie doch von einem der großen Studios (Universal Pictures) vertrieben und verfügt über bekannte Gesichter wie Vinnie Jones, Leslie Bibb und Brooke Shields. Dabei fügt sich diese blutige U-Bahn-Story durchaus blendend in das diesjährige Festival ein, weiß sie doch mit einer radikalen Kompromisslosigkeit zu gefallen. Und welcher Film kann schon wirklich schlecht sein, der Ted Raimi beinhaltet?

Ein Mann erwacht in der nächtlichen U-Bahn. Er geht einige Schritte, rutscht dann aber aus. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass der gesamte Boden in einer Blutlache schwimmt. Und das Erschreckende ist: der Täter ist nur einen Wagon weiter. Was als der Anfang von The Midnight Meat Train daherkommt, entpuppt sich letztlich als der Schluss des Filmes, doch dient es zugleich als Appetithäppchen. Die Geschichte selbst dreht sich jedoch um den unabhängigen Photographen Leon (Bradley Cooper), der allzu gerne den Durchbruch schaffen würde. Seine Verlobte Maya (Leslie Bibb) vereinbart einen Termin mit einer der renommiertesten Galeristinnen der Stadt. Diese verlangt von Leon jedoch in seinen Bildern noch einen Schritt weiter zu gehen, das wahre Gesicht der Stadt einzufangen. Ein nächtliches Erlebnis an der U-Bahn-Station bringt Leon den ersten Erfolg und bildet zugleich den Anfang für sein kommendes Verderben. Als er einem mysteriösen Schlächter (Vinnie Jones) eines Abends folgt, verstrickt er sich in einen Albtraum jenseits seiner Vorstellungskraft. Wieder erwarten kann er jedoch nicht vom Schlächter lassen, folgt ihm und entdeckt schließlich sein Geheimnis vom mitternächtlichen Schlachtfleischzug, um es mal wörtlich zu übersetzen. Doch Leon hat die Grenze zwischen zwei Welten überschritten und unwissentlich nicht nur sich, sondern auch seine Familie und Freunde in Gefahr gebracht.

Ähnlich wie andere bisherige Filme des FFF nimmt sich auch Kitamura erstmal die Zeit, den Zuschauer etwas in die Geschichte und seine Protagonisten einzuführen. Leon, der Träumer und Vegetarier, der sich immer mehr in der Welt des Schlächters verliert, zieht die Sympathien wie keine andere Figur des Filmes auf sich. Was spielt sich ab, zwischen ihm und jenem grimmigen Schlächter? Nach ihrer ersten Begegnung fangen beide an sich zu verändern, der Schlächter wird nachlässig und Leon abgestumpfter, isst letztlich sogar ein Steak. Die Gefahr des Schlächters bleibt dabei lange Zeit fern von Leon, im Grunde sogar durchweg. Es ist Leon, der jene Gefahr sucht, sein perfektes Bild, welches ihm Ruhm beschert. Die Vermutung liegt nahe, dass der Schlächter eine besondere Agenda hat, das merkt auch Leon, nachdem er ein bisschen recherchiert. Doch hält die Auflösung von Barkers Geschichte, die Motivation des Schlächters, lange zurück, bis zu den finalen fünf Minuten. Und selbst hier ist die Antwort nicht wirklich befriedigend, die Erklärung eher kurz und prägnant. Es ist wie es ist, wenn der Zuschauer das nicht akzeptieren will, hat er Pech gehabt. Barker lässt hier Platz für mehr, viele offene Fragen, viele Wegkreuzungen, die man verfolgen könnte. Zudem ist es ein kontrastreiches Ende, bedenkt man die Erlebnisse, deren Zeuge der Zuschauer in den achtzig Minuten zuvor geworden ist. Allem voran ist Barker jedoch kompromisslos, wie es ohnehin das Motto des FFF dieses Jahr zu sein scheint, was man bereits in Eden Lake oder The Oxford Murders bestaunen durfte.

Der Film teilt sich dabei in zwei Hälften, die unterschiedlich daherkommen. Während die erste Hälfte sich mehr im Thriller-Milieu bewegt, steuert Kitamura The Midnight Meat Train mehr und mehr in den Bereich des Horror, je weiter sich auch Leon in der Geschichte bewegt. Gewürzt ist das ganze mit vielen kleinen Prisen Gore, die jedoch zu einem Großteil aus dem Computer stammen. Dennoch werden viele Schädel zertrümmert, Augäpfel entfernt und literweise Blut vergossen. Jene Szenen heben sich besonders dadurch hervor, da sie im Kontrast zu den bläulich klaren Bildern der fahrenden U-Bahn stattfinden. Diese sind, wie es eines der Opfer bemerkt, durchaus sauber und gewinnen gerade dadurch eine gewisse Sterilität, die immer wieder durch den Schlächter bei seinen nächtlichen Fahrten durchbrochen wird. Zugegeben, der Film ist nicht sonderlich spannend inszeniert, das Finale absehbar und hochgeschaukelt, aber die Grundstimmung des Filmes weiß dennoch zu gefallen. Der alteingesessene Horror-Fan mag sich an den künstlichen Effekten stören, doch liegt der Fokus der Geschichte auch ganz woanders. Die Bedrohung und zugleich Anziehung des Schlächters. Wer den Film gesehen hat dürfte es sich hinterher zweimal überlegen, ob er nachts alleine einen Wagon mit Vinnie Jones teilt. Und wie bereits angesprochen weiß das Ende durch seine Radikalität und Treue zur Vorlage durchaus zu gefallen. Keine Hollywood-Weichspülerei, vielmehr ein durchaus schön photographierter Horror-Thriller.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

Kommentare:

  1. Rudi, ist echt nice, wie du versuchst, dich den Filmen fair und ernsthaft zu widmen. ;)

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  3. Der Film ist nicht sonderlich spannend inszeniert, das Finale absehbar und hochgeschaukelt, aber die Grundstimmung des Filmes weiß dennoch zu gefallen

    Damit triffst du den Nagel auf den Kopf! Die Atmosphäre des Films ist packend. Das liegt m. E. vor allem daran, dass MMT optisch zu gefallen weiß: Sehr schöne Lichtkompositionen, Farbgebungen (hast du ja in der Rezi auch ansatzweise beschrieben!) und kluge Kamerafahrten. Auch die Tonspur ist toll: Leicht übertriebene Soundeffekte (da bemerkt man den asiatischen Regisseur), dennoch sehr geschmackvoll. Nur schauspielerisch fand ich das nicht durchweg überzeugend, liegt aber evtl. auch an einem Drehbuchhänger am Ende des 2. Aktes. Jedenfalls bringt deine Rezi das alles gut auf den Punkt.

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