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4. Juni 2010

Law Abiding Citizen

Justice will be served.

In der römischen Etymologie steht Iustitia für die Göttin der Gerechtigkeit und dementsprechend das Rechtswesen. Die meisten Darstellungen von Iustitia zeigen sie mit Richtschwert und Waage in der Hand, die Augen verbunden durch eine Binde. Sinn und Zweck sind einfach: Blind vor den Personen und somit unbeeinflusst durch deren Rang oder Ansehen soll sie mit der Waage die Sachlage abwägen und mit dem Richtschwert das Urteil vollstrecken. Dabei ist dies eine relativ junge Darstellung der Göttin, die erst seit dem 15. Jahrhundert gepflegt wird. Davor war Iustitia keineswegs blind, schließlich kam die Augenbinde erst als Spottbezeichnung hinzu, um die Blindheit von Iustitias Entscheidungen zu karikieren. Eine treffende Darstellung, gibt es schließlich im Rechtswesen keine Blindheit vor dem Ansehen der Person. “It’s not what you know. It’s what you can prove in court”, lautet einer der entscheidenden Sätze in F. Gary Grays Thriller Law Abiding Citizen. Ein Film, der zugleich mit dem (amerikanischen) Justizsystem abrechnet.

Selbstjustiz-Filme verkamen gerade im vergangenen Jahrzehnt wieder zu einem populären Genre. Werke wie Hard Candy, The Brave One oder Death Sentence konzentrierten sich in ihrer Erzählung darauf, den Niedergang des Täters durch sein Opfer darzustellen. In ihren Prologen ähneln sich daher die Meisten dieser Filme: das harmonische Familienleben wird durch den sprichwörtlichen Einbruch von Gewalt in seinem Mark erschüttert. Hier macht Law Abiding Citizen keine Ausnahme, wenn der tüftelnde Familienvater Clyde Shelton (Gerard Butler) die Bastelkunst seiner kleinen Tochter bewundert und nichtsahnend das Klingeln seiner Haustür beantwortet. Der als Prämisse dienende Gewaltakt als solcher ist dann auch hier wie bei seinen Genrekollegen sehr viel kurzgefasster, als seine im Verlauf des Films dargestellten Folgen. Zwei Männer dringen ein, der Rädelsführer sticht auf Clyde ein, attackiert dann seine Frau und wird in ihrer Vergewaltigung vom Eintreffen der Tochter gestört.

Rund 20.000 Gewaltverbrechen gab es die letzten beiden Jahre in Philadelphia, Pennsylvania, zusätzlich über 300 Morde jährlich und drei Mal so viele Vergewaltigungen. Lediglich Los Angeles, New York City und Houston wiesen ähnlich hohe Zahlen in diesen Rubriken auf, bedenkt man jedoch deren Einwohnerzahl, steht Philadelphia an der Spitze. Laut dem Philadelphia Inquirer verfügte die historische Stadt zugleich über die geringste Verurteilungsrate aller US-Großstädte. Und das alles in der Stadt, die zwölf Jahre lang die Hauptstadt der USA war, in der 1776 die Unabhängigkeitserklärung beschlossen und elf Jahre später die US-Verfassung verkündet wurde. Eine Stadt, die, wenn man so will, das Fundament der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt oder zumindest repräsentiert. Und die doppelt so viel Verbrechen produziert, wie das in etwa gleichstark bevölkerte Phoenix. Insofern konnte F. Gary Gray keine treffendere Stadt zum Schauplatz seines siebten Filmes auserkiesen als ebenjenes Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania.

Nach dem ausgeblendeten Verbrechen springt Law Abiding Citizen direkt zur Strafverhandlung. Wir lernen Nick Rice (Jamie Foxx) kennen, einen afroamerikanischen Staatsanwalt, der sein Studium an der Abendschule gemacht hat. “Law school’s got nothing to do with law”, weiß der karrieregeile Nick, der mit Ablehnung zu seinem Vorgesetzten, einem Harvard-Alumnus, aufblickt. Nick ist ein aufstrebender Anwalt, mit einer Verurteilungsrate von 96 Prozent, was als Ausgangsbasis des Filmes dient. Denn vermutlich wegen dieser Rate vertraut ihm der leitende Staatsanwalt Jonas (Bruce McGill) den Shelton-Fall an – was bei Nick jedoch Vorsicht auf den Plan ruft. Anstatt vor Gericht zu gehen, will er lieber einen Deal mit dem Anwalt des Haupttäters eingehen. Als Jonas erwähnt, dass ein Kind getötet wurde, entgegnet Nick lediglich, dass es ein “unperfect system” sei. Den Hinweis seines Chefs, dass er den Fall gewinnen könne, lehnt der Staatsanwalt sofort ab. “Can’t take that chance”, meint er in Bezug auf seine nahezu makellose Verurteilungsrate.

“Some justice is better than no justice at all”, lautet seine Ausrede. Lieber einen von zwei Mördern verurteilen, als dass am Ende Beide auf freien Fuß kommen. Kurz darauf muss Nick im Gesprächszimmer Clyde erklären, dass er mit dem Haupttäter des Verbrechens einen Deal eingehen wird. “This is just how the justice system works”, ist das Resümee von Nick, der Clyde einprägen wird: “It’s not what you know. It’s what you can prove in court.” Nick ist Bestandteil eines korrumpierten Systems. Selbst verheiratet und in Kürze Vater einer Tochter weiß er sehr wohl um die Schuld des Haupttäters Darby (Christian Stolte). Ein späterer Zeitsprung von einem Jahrzehnt verrät schließlich, dass Nick seinen Job als oberste Priorität erachtet. Die Musikauftritte seiner Tochter – die ironischerweise Cello spielt, ein Instrument, dessen Beherrschung Foxx zuvor selbst für The Soloist lernte – versäumt er regelmäßig. Es kommt zu einer entscheidenden Szene vor dem Gerichtsgebäude, als Nick vor versammelter Presse von Darby zu einem Handschlag genötigt wird. Ein Handschlag, den Clyde ungläubig beobachtet und der alles verändern wird.

Im Gegensatz zu Genrekollegen wie The Brave One oder Death Sentence behandelt Law Abiding Citizen nicht Clydes Rache an Darby und dessen Mittäter. Oder nicht nur. Dieser Handlungsstrang wird mit dem ersten Akt abgeschlossen. Nach einem Jahrzehnt ist Nick nun an zweite Stelle aufgestiegen, Darby seit sieben Jahren wieder aus der Haft entlassen und sein Komplize blickt seiner Exekution entgegen. Gray inszeniert diese Hinrichtung visuell sehr gekonnt, indem er sie parallel zur Aufführung von Nicks Tochter präsentiert. Es öffnet sich der Vorhang zu einem Schauspiel, einer Show – nur wohnt Nick der falschen Show bei. Anstatt relativ schmerzfrei durch Todesspritzen umzukommen, hat Clyde die Behälter ausgetauscht. Der Täter stirbt qualvoll, anschließend lenkt er den Verdacht auf Darby, den er bei seiner Flucht vor der Polizei unterstützt. Ein durchgeplanter Racheakt, der in einem verlassenen Lagerhaus und in 25 Körperteilen Darbys endet. Wo andere enden, fangen F. Gary Gray und Drehbuchautor Kurt Wimmer erst an.

Clyde lässt sich ohne Widerstand verhaften, wird inhaftiert und anschließend von Nick aufgrund seiner Tat gelobt (“What you did…bravo”). Er weiß, dass die Täter schuldig waren, ihre seiner Ansicht nach gerechte Strafe erhielten sie aber erst durch Clydes Verhalten. Nick hat nichtsdestotrotz keine Skrupel, schnellstmöglich dessen Geständnis zu kassieren, ihm den Rücken zuzuwenden und wieder seiner Karriere zu frönen. Clydes Fall landet vor der Untersuchungsrichterin, jener Frau, die bereits den Mord seiner Familie verhandelte. Aufgrund fehlenden Beweismaterials gelingt es Clyde vor Gericht jedoch, eine Kaution für sich auszuhandeln, die dieser gleich darauf mit höhnischem Beifall quittiert. “How misguided are you?”, fragt er die Richterin, ehe er das eigentliche Problem des Filmes in den Saal brüllt. “Do you have any idea what justice is? Whatever happened to right and wrong? Whatever happened to the people? Whatever happened to justice?” Clydes Lehrstunde hat soeben ihren Anfang gefunden.

Die Beweisdecke ist dünn, das amerikanische Justizsystem eindeutig. Nick braucht ein Geständnis, Clyde bietet ihm eines an. Im Austausch für ein therapeutisches Bett. “You’re the one who makes deals with murderers“, entgegnet er dem Staatsanwalt lakonisch. Auf das Bett folgt der Wunsch nach einem Steak. Clyde spielt gekonnt die Partitur des bürokratischen Systems, macht Deal um Deal mit dem narzisstischen Staatsanwalt Nick. Darbys einstiger Anwalt verschwindet, Nicks hält den Deal nicht ein, ein weiteres Leben geht verloren. “Justice should be harsh. Especially to those who denied it to others.” Inzwischen hat Clyde seinen Zellennachbarn getötet, landet in Einzelhaft. Nick steckt in der Zwickmühle, sein Gegenspieler scheint ihm überlegen. Jonas lässt Kontakte spielen, organisiert ein geheimes Treffen mit einem Mittelsmann. “Someone who does some really nasty shit so we can live the American Dream.” Der Film nähert sich dem an, was Clyde eine halbe Stunde später als “broken thing” bezeichnet, das einst die USA waren.

Szene für Szene demaskiert der Film das korrupte Justizsystem. “You want me to violate this God given civil rights?”, fragt die Untersuchungsrichterin, als Nick und Jonas Einfluss auf Clydes Haftbedingungen nehmen wollen. Und beantwortet die rhetorische Frage selbst mit einem kurzen “OK”. Als Nick und Polizeiermittler Dunnigan (Colm Meaney) später auf eines von Clydes Privatgrundstücken stoßen, stehen sie vor einer ähnlichen Situation. “What about his civil rights?”, fragt Dunnigan, worauf Nick das Garagentor aufbricht und lapidar erklärt: “Fuck his civil rights.” Clyde wächst der Stadt über den Kopf, die Bürgermeisterin ruft den Notstand aus und erklärt in einer Versammlung: “I don’t care what laws we have to bend.” Es ist dies Clydes Verdienst, sein “war with this broken thing”, der das städtische Rechtsystem dazu führt, sich selbst zu negieren und als gescheitert an den Pranger zu stellen. Die obersten Instanzen, Bürgermeister, Richter, Staatsanwalt missachten ihren Ursprung.

Es ist das filmische Vorhalten eines Spiegels, der dem bürokratischen Apparat sein Scheitern vor Augen führt. Denn erst durch die Missachtung des Gesetzes gelingt es schließlich, Clyde zur Strecke zu bringen. Erst durch die Außerkraftsetzung der Verfassung, scheint Gerechtigkeit möglich. Und wenn am Ende Nick selbst zum Mörder werden muss, wie Clyde, um Gerechtigkeit zu erfahren, wie Clyde, dann schließt sich im Grunde der Kreis. Law Abiding Citizen ist nicht Clydes Geschichte, es ist Nicks Geschichte. Das Handeln eines aalglatten Staatsanwaltes, der den Mord an einer Familie hinter seine eigene Karriere zurückstellt und sich ein selbstgefälliges Grinsen auch dann nicht verkneifen kann, wenn sein Chef und sein Protege (Leslie Bibb) gestorben sind und er von der Bürgermeisterin befördert wird. Im Verlaufe des Filmes verrät Nick somit alles, was ihn zu Beginn ausgezeichnet hat. Am Ende hat er nicht nur die Verfassung gebrochen, sondern ist letztendlich selbst zum Mörder verkommen. “It’s an unperfect system.”

Im Grunde befasst sich Law Abiding Citizen also weniger mit Selbstjustiz, sondern mehr mit der Frage nach Gerechtigkeit. Eine Frage, die bereits Platon vor über 2.000 Jahren beschäftigte. In seiner Politeia widmet er beziehungsweise sein „Alter Ego“ Sokrates sich eindringlich der Frage, was genau Gerechtigkeit ist - nur um am Ende in einer Aporie zu landen. Einer von Sokrates’ Gesprächspartnern stellt eine Idee des Dichters Simonides zur Debatte. „Also Freunden gutes tun und Feinden böses sagt er sei Gerechtigkeit“ (332d3). Ein Verständnis, wie es in unserem heutigen Justizsystem auftaucht. Den Guten soll Gutes/Recht widerfahren, den Bösen dagegen Böses/Strafe. Im Shelton-Fall wäre dies nach amerikanischem Recht die Todesstrafe für Darby und seinen Komplizen Ames gewesen. Ihr Tod hätte bei Clyde zu Genugtuung geführt – eine „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Mentalität. Ein Prosa-Fall, wird doch nie erläutert, warum Darby und Ames überhaupt bei den Sheltons eingebrochen sind und die Frauen ermordet haben.

So einfach lässt Platon die Frage nach Gerechtigkeit aber nicht beantworten. Die Bestimmung von Freund und Feind und damit die Einteilung, wem man Gutes und wem Böses tun kann/darf/muss/soll ist nicht eindeutig bestimmt. Zudem kann es nicht die Sache beziehungsweise im Sinne der Gerechtigkeit sein, Anderen Schaden zuzufügen. Ein kompliziertes Thema, das kurz darauf zu einer weiteren These führt: „jedermann glaubt, daß ihm für sich die Ungerechtigkeit weit mehr nützt als die Gerechtigkeit“ (360d). Unabhängig von der Tatsache, dass sich Gerechtigkeit nicht bestimmen lässt (im Lexikon wird sie als „Idee“ definiert), wirkt es, als wohne diese These den Figuren aus Law Abiding Citizen inne. Nick Price nützt es aus beruflichen Gründen mehr, einen Deal vorzuschlagen und somit gegen Clyde Sheltons Gerechtigkeitsverständnis zu handeln. Dieser wiederum agiert später ebenfalls gegen das Recht gerichtet, um zu seiner Idee von Gerechtigkeit zu kommen (“Justice should be harsh”).

Über das Missverständnis von Justiz und Gerechtigkeit hatte Friedrich Dürrenmatt vor 25 Jahren seinen Roman Justiz verfasst, in welchem, ähnlich zu Grays Film, eine offensichtliche Tat aufgrund von juristischen Hindernissen keine „Gerechtigkeit“ erfährt (“It’s not what you know. It’s what you can prove in court”). Insofern ist Wimmer und Gray ein überaus gelungener konventioneller Hollywood-Thriller mit philosophischem Nährboden gelungen. Ein Film, der hinsichtlich Clydes Plan über weite Strecken durchaus spannend und packend inszeniert ist, und viele gelungene Fragen sowie Anregungen zur Hinterfragung stellt. Ist etwas Gerechtigkeit wirklich besser als gar keine Gerechtigkeit? Wäre es akzeptabler gewesen, wenn Darby hingerichtet worden wäre und Ames wenige Jahre verbüßt hätte? Sind Clydes Handlungen vertretbar und wenn ja, bis zu welchem Punkt (“What you did… bravo”)? Kann Gerechtigkeit letztlich nur erlangt werden, indem man unrechtmäßig handelt (“Fuck his civil rights”)? Am Ende fragt Law Abiding Citizen die Zuschauer selbst: “Do you have any idea what justice is?”

8.5/10

6. September 2008

The Midnight Meat Train

I have a train to catch.

Er möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der seine Vorstellungskraft dazu benutzte die Grenzen des Seins, des Fleisch und des Blutes und vielleicht auch des Lebens selbst zu überschreiten. Die Rede ist von Horror-Guru Clive Barker, der seinem persönlichen Wunsch mit der Schöpfung von Hellraiser im Jahr 1987 bereits sehr nahe kam. Barker selbst ist nicht nur Regisseur und Maler, sondern auch Autor. In seiner Buchserie Books of Blood, die von 1984 bis 1985 erschien und sechs Bände umfasst, findet sich eine Kurzgeschichte namens The Midnight Meat Train, die für den neuesten Film des japanischen Horror-Regisseurs Ryuhei Kitamura zu Grunde lag. Der Film markiert zugleich Kitamuras US-Debüt, nachdem er sich bereits durch Versus und Azumi international einen Namen gemacht hat. Von seiner Aufmachung her zählt diese Clive Barker Adaption bei dem diesjährigen Fantasy Filmfest zu der mainstreamigeren Sorte, wird sie doch von einem der großen Studios (Universal Pictures) vertrieben und verfügt über bekannte Gesichter wie Vinnie Jones, Leslie Bibb und Brooke Shields. Dabei fügt sich diese blutige U-Bahn-Story durchaus blendend in das diesjährige Festival ein, weiß sie doch mit einer radikalen Kompromisslosigkeit zu gefallen. Und welcher Film kann schon wirklich schlecht sein, der Ted Raimi beinhaltet?

Ein Mann erwacht in der nächtlichen U-Bahn. Er geht einige Schritte, rutscht dann aber aus. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass der gesamte Boden in einer Blutlache schwimmt. Und das Erschreckende ist: der Täter ist nur einen Wagon weiter. Was als der Anfang von The Midnight Meat Train daherkommt, entpuppt sich letztlich als der Schluss des Filmes, doch dient es zugleich als Appetithäppchen. Die Geschichte selbst dreht sich jedoch um den unabhängigen Photographen Leon (Bradley Cooper), der allzu gerne den Durchbruch schaffen würde. Seine Verlobte Maya (Leslie Bibb) vereinbart einen Termin mit einer der renommiertesten Galeristinnen der Stadt. Diese verlangt von Leon jedoch in seinen Bildern noch einen Schritt weiter zu gehen, das wahre Gesicht der Stadt einzufangen. Ein nächtliches Erlebnis an der U-Bahn-Station bringt Leon den ersten Erfolg und bildet zugleich den Anfang für sein kommendes Verderben. Als er einem mysteriösen Schlächter (Vinnie Jones) eines Abends folgt, verstrickt er sich in einen Albtraum jenseits seiner Vorstellungskraft. Wieder erwarten kann er jedoch nicht vom Schlächter lassen, folgt ihm und entdeckt schließlich sein Geheimnis vom mitternächtlichen Schlachtfleischzug, um es mal wörtlich zu übersetzen. Doch Leon hat die Grenze zwischen zwei Welten überschritten und unwissentlich nicht nur sich, sondern auch seine Familie und Freunde in Gefahr gebracht.

Ähnlich wie andere bisherige Filme des FFF nimmt sich auch Kitamura erstmal die Zeit, den Zuschauer etwas in die Geschichte und seine Protagonisten einzuführen. Leon, der Träumer und Vegetarier, der sich immer mehr in der Welt des Schlächters verliert, zieht die Sympathien wie keine andere Figur des Filmes auf sich. Was spielt sich ab, zwischen ihm und jenem grimmigen Schlächter? Nach ihrer ersten Begegnung fangen beide an sich zu verändern, der Schlächter wird nachlässig und Leon abgestumpfter, isst letztlich sogar ein Steak. Die Gefahr des Schlächters bleibt dabei lange Zeit fern von Leon, im Grunde sogar durchweg. Es ist Leon, der jene Gefahr sucht, sein perfektes Bild, welches ihm Ruhm beschert. Die Vermutung liegt nahe, dass der Schlächter eine besondere Agenda hat, das merkt auch Leon, nachdem er ein bisschen recherchiert. Doch hält die Auflösung von Barkers Geschichte, die Motivation des Schlächters, lange zurück, bis zu den finalen fünf Minuten. Und selbst hier ist die Antwort nicht wirklich befriedigend, die Erklärung eher kurz und prägnant. Es ist wie es ist, wenn der Zuschauer das nicht akzeptieren will, hat er Pech gehabt. Barker lässt hier Platz für mehr, viele offene Fragen, viele Wegkreuzungen, die man verfolgen könnte. Zudem ist es ein kontrastreiches Ende, bedenkt man die Erlebnisse, deren Zeuge der Zuschauer in den achtzig Minuten zuvor geworden ist. Allem voran ist Barker jedoch kompromisslos, wie es ohnehin das Motto des FFF dieses Jahr zu sein scheint, was man bereits in Eden Lake oder The Oxford Murders bestaunen durfte.

Der Film teilt sich dabei in zwei Hälften, die unterschiedlich daherkommen. Während die erste Hälfte sich mehr im Thriller-Milieu bewegt, steuert Kitamura The Midnight Meat Train mehr und mehr in den Bereich des Horror, je weiter sich auch Leon in der Geschichte bewegt. Gewürzt ist das ganze mit vielen kleinen Prisen Gore, die jedoch zu einem Großteil aus dem Computer stammen. Dennoch werden viele Schädel zertrümmert, Augäpfel entfernt und literweise Blut vergossen. Jene Szenen heben sich besonders dadurch hervor, da sie im Kontrast zu den bläulich klaren Bildern der fahrenden U-Bahn stattfinden. Diese sind, wie es eines der Opfer bemerkt, durchaus sauber und gewinnen gerade dadurch eine gewisse Sterilität, die immer wieder durch den Schlächter bei seinen nächtlichen Fahrten durchbrochen wird. Zugegeben, der Film ist nicht sonderlich spannend inszeniert, das Finale absehbar und hochgeschaukelt, aber die Grundstimmung des Filmes weiß dennoch zu gefallen. Der alteingesessene Horror-Fan mag sich an den künstlichen Effekten stören, doch liegt der Fokus der Geschichte auch ganz woanders. Die Bedrohung und zugleich Anziehung des Schlächters. Wer den Film gesehen hat dürfte es sich hinterher zweimal überlegen, ob er nachts alleine einen Wagon mit Vinnie Jones teilt. Und wie bereits angesprochen weiß das Ende durch seine Radikalität und Treue zur Vorlage durchaus zu gefallen. Keine Hollywood-Weichspülerei, vielmehr ein durchaus schön photographierter Horror-Thriller.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

22. April 2008

Iron Man

Let’s be honest, this isn’t the worst thing you’ve caught me doing.

Überraschen dürfte niemand, wenn er vom Interesse eines Nicolas Cage erfährt, ihn zu spielen: den Iron Man. Glücklicherweise wurde es dann aber weder Cage noch Tom Cruise, der sich ebenfalls für den Part begeistert hatte. Stattdessen besetzten die Produzenten relativ gegen den Strich und Robert Downey Jr. bekam den Zuschlag. Wie sich herausstellt, ist Downey Jr. ein riesiger Iron Man-Fan – wie eigentlich immer jeder Hauptdarsteller in einer Comicverfilmung ein riesiger Fan des betreffenden Comics ist. Da sehnt man sich so ehrliche Menschen wie Richard Harris zurück, der in den ersten beiden Harry Potter-Filmen den Professor Dumbledore gab, ohne je eine einzige Seite der Vorlage gelesen zu haben.

Und wenn es nach Downey Jr. geht, der für diesen Film mit 40 Jahren das Krafttraining anfing, kann es ruhig 15 Fortsetzungen geben. Man möchte hoffen, dass jemand in Hollywood Erbarmen mit den Zuschauern hat. Als Produzenten profilieren sich, wie bei Marvel-Verfilmungen üblich, die Gebrüder Arad. Für die Regie wurde am Ende weder Quentin Tarantino noch Joss Whedon oder Nick Cassavetes engagiert, sondern der eher unerfahrene Jon Favreau erhielt den Zuschlag. Eine Innovation markiert Iron Man am Ende dann doch, ist es schließlich der erste Spielfilm der Marvel Studios, die über zehn Projekte (darunter auch der kommende The Incredible Hulk) mehr Einfluss auf ihre Verfilmungen gewinnen wollen.

Iron Man ist quasi Marvels Batman: ein Superheld ohne Superkräfte. Beide sind schwerreiche Playboys, die in ihrer Freizeit inkognito das Verbrechen bekämpfen. Dabei finanzieren und entwickeln sie ihren hilfreichen Schnickschnack selbst, auch wenn Tony Stark gegenüber Bruce Wayne diesbezüglich die Nase vorn haben dürfte, dank seines fliegenden Stahlanzuges. Ein weiterer Hintersinn der Marvel Studios ist der Wunsch nach Authentizität gegenüber der Comicvorlage. Verwunderlich, da die Iron Man-Verfilmung nicht wirklich authentisch gegenüber dieser ist. Abgesehen von der Tatsache, dass Obadiah Stane (Jeff Bridges) einen Vollbart hat, wird sich nur an die Origin Story von Iron Man gehalten.

Er gerät in die Hände amerikanischer Feinde (aus Kommunisten werden Islamisten), und wird zum Waffenbau genötigt. Gemeinsam mit Professor Yinsen (Shaun Toub) entwickelt er stattdessen den Iron Man-Prototyp und entkommt. Auf seiner Flucht lernt er dann aber nicht Perry Rhodes (Terrence Howard) kennen, denn mit ihm ist er bereits seit Jahren dicke. Und Obadiah Stane versucht auch nicht, als Konkurrent Stark Industries zu übernehmen, sondern ist Tonys Ziehvater. Schon zu Beginn zeigt sich, dass es den Machern eher um vermehrte Einnahmen ging, denn um die authentische Erzählung ihres Stoffes. Stan Lee wird das wenig gestört haben, er erhält seinen üblichen Cameo in Marvel-Filmen seiner Werke.

Marvel-Helden zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass sie menschlich und nicht perfekt sind, außer Acht gelassen. Zumindest die ersten beiden Punkte treffen auch auf Tony Stark zu, einen Bilderbuch-Narzissten, der sich gern selbst inszeniert und wenig um seine Mitmenschen schert. Bis er seine Katharsis erlebt, das Leid der Menschen mit eigenen Augen sieht respektive nicht sieht und am eigenen Leib erfährt. ”The first and most important rule of gun-running is: Never get shot with your own merchandise”, hat Yuri Orlov dem Publikum in Andrew Niccols Lord of War eingetrichert, einem Film, der in jeder Sekunde gelungener die Kritik an der US-Waffenindustrie rüber brachte, als es Iron Man versucht.

Selbiges passiert jedenfalls Stark, was wiederum zu seiner Katharsis führt, die hier bereits nach fünf Minuten eintritt und den kommenden Filmverlauf einleitet. Was anschließend folgt, ist dann die Weiterentwicklung des Ganzen, Starks Rehabilitation und Innovation des Anzugs. Dafür verwendet Favreau gut eine Stunde, die gemächlich vor sich hin dümpelt, ohne irgendeinen rechten Unterhaltungswert zu besitzen und lediglich hin und wieder von (der recht hübsch anzuschauenden) Gwyneth Paltrow als Starks Assistentin „Pepper“ unterbrochen wird. Die absolut unnötige Intention des Ganzen (unnötig, weil wie sich später herausstellte, sie von vorneherein etabliert war): Die finale Klimax des Films aufbauen.

Iron Man versucht sich als Mainstream-Actioner, der seine humoristischen Momente hat, wenn Stark tadelnd mit seinen KI-Greifarmen spricht, und etwas Satire sein möchte, wenn er Stark zum Opfer seiner eigenen Produkte werden lässt. Dies alles verkommt zur öden Nummernrevue von Robert Downey Jr., der nicht unbedingt schlecht spielt, aber einfach fehlbesetzt als Tony Stark ist. Von Terrence Howard ganz zu schweigen, dessen unnützer Perry Rhodes abseits seines comic relief-Dienstes so überflüssig ist, dass es weh tut. Jeff Bridges als vollbärtiger und glatzköpfiger Bösewicht wirkt im Gegensatz dazu die meiste Zeit unterfordert. So sehr sogar, dass sein Spiel etwas Hölzernes hat.

Doch einen Film wie diesen zeichnen natürlich nicht seine Darsteller, sondern seine imposante Action aus. Diese kommt wiederum spärlich daher, etwas portioniert zu Beginn und anschließend als kleine Appetithäppchen zwischendurch, ehe dann das große, typische Hollywood-Finale aufwartet. Das wirkt passend wie eine Kombination aus dem neuen Hulk-Teaser und Michael Bays Transformers, ist somit gänzlich frei von kreativen Eigenideen und in seiner Auflösung so profan wie einschläfernd. Lediglich ein kleiner Ausflug von Iron Man nach Afghanistan als persönliche Racheaktion weiß von seiner Inszenierung her zu gefallen, verkommt am Ende jedoch zu nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Problem ist, dass sich die Autoren Mark Fergus und Hawk Ostby nichts Eigenständiges haben einfallen lassen. Für ihre Adaption von Children of Men mit einer Oscarnominierung bedacht, bedienen sie sich hier bei Genrekollegen wie Hulk oder Spider-Man 2, von Transformers ganz zu schweigen. Der auf cool getrimmte Soundtrack kann auch nichts retten, obschon Ramin Djawadis Titeltheme nett anklingt. Gemeinsam mit Leslie Bibb bildet es traurigerweise eines der wenigen Highlights eines insgesamt enttäuschenden Films. Das mit steigenden Produktionskosten (hier 186 Millionen Dollar ohne Marketingkosten) nicht ein guter Film einhergeht, dürfte den Machern selbst nicht unbedingt bewusst gewesen sein.

Der Cast harmoniert zwar besser als die Fantastic Four und auch die Effekte geraten überzeugender, dennoch bietet sich der Vergleich mit den Marvel-Kollegen am ehesten an. Denn beide Filme funktionieren nicht wirklich und bleiben weit hinter ihren Erwartungen zurück. Ein psychologisch-tiefes Stück wie Ang Lees Hulk bildet immer noch den Maßstab. Im direkten Vergleich mit seinem DC-Pendant sieht man, wie man es zumindest hätte besser machen können. Christopher Nolan stattete seinen Bruce Wayne mit ausreichend Tiefe aus, stellte die Action in den Hintergrund und ließ den Protagonisten zum Helden werden. Da wird Favreau auch in seinem Sequel nicht mehr viel retten können.

4.5/10