7. September 2008

The Oxford Murders

Can we know the truth?

Mitunter wird er als „Störenfried des spanischen Kinos“ bezeichnet, einen Ruf, den er sich durch seine schwarzhumorigen Filme wie Perdita Durango oder 800 Bullets verdient hat. Álex de la Iglesia überrascht seine Fans dieses Jahr jedoch, versucht er sich doch an einer Geschichte, die sehr viel mehr Mainstream zu bieten hat, wie seine bisherigen Filme. Mit The Oxford Murders adaptiert de la Iglesia den gleichnamigen Roman des argentinischen Schriftstellers und Mathematikers Guillermo Martínez, der inzwischen in über 16 Sprachen übersetzt wurde. Die Geschichte erzählt von einem argentinischen Mathematikdoktoranten, der nach Oxford kommt, damit der renommierte Logikprofessor Arthur Seldom seine Arbeit betreut. Zuerst von diesem abgelehnt, arbeiten beide letztlich doch zusammen, um eine Serie von mysteriösen Mordfällen zu lösen, die sich um mathematische Symbole dreht. Erschienen ist der Roman vor fünf Jahren, für seine Verfilmung bemühte sich de la Iglesia lange Zeit um Gael Garcia Bernal als Doktorand und Sir Michael Caine in der Rolle des Arthur Seldom. Letztlich kam es dann doch anders, die Geschichte wurde umgeändert, aus dem argentinischen Doktoranden wurde ein amerikanischer und die Figur letztlich mit „Frodo“-Darsteller Elijah Wood besetzt. Den Logikprofessor gibt nun der alteingesessene John Hurt.

De la Iglesia beginnt seinen Krimi mit dem humoristischen Versuch des culture clash. Der adrette Martin (Elijah Wood) trifft in Oxford ein und bezieht ein Zimmer im Haus von Mrs. Eagleton (Anna Massey), die einst an der Dechiffrierung der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg beteiligt war. Für Martin nichts Neues, hat er sich doch blendend vorbereitet auf die Geschichte des Hauses und von Mrs. Eagleton. Einzig die etwas giftige Beziehung zwischen Mutter und Tochter Beth (Julie Cox) wirkt etwas befremdlich. Beide scheinen den jungen Amerikaner zu umgarnen und Martin gefällt sich sichtlich in der Rolle. Schrullig und schräg sind die beiden Eagleton-Damen, den Amerikaner Martin stört es nicht. Leidlich komisch ist diese Szene, ebenso wie alle anderen, die im Verlaufe des Filmes gelegentlich für einen comic relief sorgen sollen. Es ist scheinbar eine fremde Welt, jedoch nicht für Martin, sondern für das Publikum. Der pfiffige Mathematiker verklebt seinen Squash-Court, um die kürzesten Laufwege zu berechnen. Das törnt auch die Krankenschwester Lorna (Leonor Watling) an – was will man in so einer intelligenten Umgebung wie Oxford auch sonst attraktiv finden? Ehe er sich versieht steht Martin also zwischen zwei Frauen – nur bei Arthur Seldom blitzt er radikal ab. Es gibt keine Wahrheit, verkündet Seldom bei einer Vorlesung und beruft sich auf Wittgenstein. Martin versucht den Logikprofessor zu widerlegen, beruft sich auf die Fibonacci-Reihe, nach der sich die Natur orientiert. In seine Schranken gewiesen wird er schließlich von dem Versuch Krebs mit jener berühmten Folge zu erklären. Ohne es zu ahnen, hat Martin hier den Stein des Filmes ins Rollen gebracht.

Es folgt ein Mord an Mrs. Eagleton, der jedoch fast keiner wäre. Ein kleines Detail macht ihn erst dazu, wie auch den folgenden Mord. Beide Morde werden mit einem mathematischen Symbol in Verbindung gebracht und Seldom vermutet, dass der Killer ihn auf einer intellektuellen Ebene herausfordern will. Gemeinsam mit Martins Hilfe versucht er nun das nächste Symbol zu entschlüsseln, um dem drohenden nächsten Mord zuvorzukommen. Die Arbeiten der Pythagoreer, die Heisenbergsche Unschärferelation oder der Gödelsche Unvollständigkeitssatz – sie alle finden Einzug in die Geschichte von The Oxford Murders, der sich ohne Frage sehr bewusst auf den Spuren von Dan Browns Welterfolg Sakrileg bewegt. Ähnlich wie dieser versucht de la Iglesias Film weitaus intelligenter zu sein, als er tatsächlich ist. Ein Mathematikdoktorand, der das Idiotenrätsel nicht auf Anhieb durchschaut, eine Serienkillervorlage, die aus einem Kinderbuch stammt. Seine naive Kriminalgeschichte kaschiert der Film mit viel wissenschaftlichem Geschwätz über die Unvorhersehbarkeit der Zahl Null, Wittgensteins Suche nach dem Beweis der Existenz von Wahrheit und so weiter und so fort. Immerhin hinterher hechelnd finden sich Martin und Seldom, welche ihre Abneigung vergessen, da zusammen Kelloggs-Packungen entschlüsseln weitaus mehr Spaß macht. Der große Twist, den der Film am Ende bemüht, verpufft dann ganz und gar, zu unwichtig, zu einfallslos ist alles, was er zuvor präsentiert hat.

War bereits Ron Howards The Da Vinci Code gelingt es de la Iglesias Film selten wirkliche Spannung aufzubauen. Wer wen aus welchen Gründen umbringt lässt einen ziemlich kalt. Oft wirkt The Oxford Murders auch schlichtweg strukturiert, wobei dies ein Manko des Romans beziehungsweise des Puzzle-Krimi-Genres ist. Hier fügt sich auch Woods einseitiges Schauspiel ein, welches sich nicht großartig von all seinen anderen Darbietungen unterscheidet. Sein Talent hat er damals nach Das Zweite Gesicht wohl am Set vergessen, da helfen auch die laut Regisseur „schönsten Augen des Business“ nichts mehr. Lobend hervorheben darf man jedoch die Musik von Roque Baños, die zwar gelegentlich zu sehr nach ARD-Fernsehkrimi klingt, über die meiste Zeit aber treffend die Stimmung einfängt. Das Finale des Filmes ist dabei ebenso flach, wie die gesamte vorangegangene Handlung, in der gezeigten Form nicht unbedingt vorhersehbar, aber irgendwie auch nicht sonderlich überraschend. Letztlich bemüht der Film in seiner letzten Einstellung wieder die Rückkehr zum Anfang, zu Wittgestein und der Frage nach der Existenz der Wahrheit. Beeindrucken kann dies jedoch nicht, der ganze Film und seine Geschichte bleiben unter ihrem Niveau, fesseln das Publikum zu selten und verlaufen sich ein ums andere Mal im Sande. Vielleicht sollte sich der Spanier doch wieder seinen schwarzhumorigen Geschichten zuwenden, denn einen zweiten Ron Howard braucht die Welt ganz gewiss nicht.

5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

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