10. Dezember 2008

The Day the Earth Stood Still

If the Earth dies, you die. If you die, the Earth survives.

Das Telefon klingelt. Dabei hat Helen Barnes (Jennifer Connelly) eigentlich keinen Nerv jetzt zu telefonieren, hat sie doch soeben das Abendessen für ihren Stiefsohn Jacob (Jaden Smith) vorbereitet. Die männliche Stimme am Telefon unterrichtet Helen schließlich davon, dass sie in Kürze abgeholt wird. Wohin will er ihr nicht sagen. Helen wird nervös und als kurz darauf Polizeisirenen ertönen und es an ihre Tür klopft, weicht die Nervosität einer langsamen Angst. Ein Staatsbeamter steht in ihrem Türrahmen, hinter ihm ein Polizeikonvoi von zwei Geländewagen und vier Polizisten zu Motorrad. Ohne wirklich eine Chance zu haben steigt Helen ein, erhält jedoch auch unterwegs keine Antwort für ihre nächtliche „Entführung“. Der Bundesagent der sie abholt wurde selber nicht informiert. Kurz darauf wird Helen auf einem Flughafen in ein Frachtflugzeug gesetzt, gemeinsam mit einigen anderen renommierten Wissenschaftlern. Es mutet durchaus etwas lächerlich an, dass die Astrobiologin Helen von einem Polizeikonvoi abgeholt werden muss, da ihr im Grunde keine Gefahr blüht.

Die anschließende Szenerie überrascht, denn anstatt dass Helen direkt zu ebenjenem Raumschiff gebracht wird, das die Handlung von Scott Derricksons Remake zu The Day the Earth Stood Still ausmacht, geht der Film zuerst einen anderen, interessanteren Weg. Das amerikanische Militär unterrichtet Helen und die anderen von einem unbekannten Objekt, welches auf die Erde zurast. Man rechnet mit einem Meteoriten oder Asteroiden. Die rasche Versammlung der Wissenschaftler hat einen Grund – die Einschlagszeit findet in etwas mehr als einer Stunde statt. Während sich die Wissenschaftler auf die Nachwirkung des Einschlags vorbereitet, kommt alles ganz anders als sie dachten. Das unbekannte Flugobjekt ist letztlich exakt das, was es in den fünfziger Jahren ausgezeichnet hat: ein UFO. Und ein UFO wäre kein UFO, würde es keine außerirdische Lebensform bergen. Nun stellt sich die Fragen aller Fragen: kommt der Besucher in Frieden oder mit feindlichen Absichten?

In gewissem Sinne ist Robert Weides The Day the Earth Stood Still von 1951 ein Meisterwerk seines Genres, zumindest hat es den Science-Fiction Film mit Alien-Thematik zur damaligen Zeit erstmals finanzielle Früchte tragen lassen. Die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts markierten eine Zeit voller Ängste. Zum einen die Angst vor einem nuklearen Holocaust, kulminierend aus dem Kalten Krieg mit der UdSSR und zum anderen eine Invasion feindlich gesinnter Außerirdischer. Zu einem Teil stellten die Außerirdischen dabei selbst nur eine Analogie für die „rote Gefahr“ aus dem Osten da. Geschöpfe aus einer anderen, fremden Welt, die den eigenen Lebensstil auslöschen wollten. In jener Frühphase des Kalten Krieges erschien schließlich Weides Film, der teilweise andere, bemerkenswerte Pfade beschritt, zugleich jedoch in seiner Botschaft letztlich doch versagte. Als der außerirdische Repräsentant Klaatu auf die Erde kommt, hat er den Führern des Planeten eine wichtige Botschaft mitzuteilen.

Doch seine Planungen erweisen sich schwieriger als geplant. Die Sowjets wollen sich nicht in Washington treffen und die Amerikaner nicht in Moskau. Auch die Idee mit den Vereinten Nationen stößt bei der amerikanischen Regierung auf Ablehnung. Klaatus Auftrag ist quasi beendet, bevor er begonnen hat. Seine Botschaft selbst dabei sehr simpel. Aufgrund der Entdeckung der Wasserstoffbombe stellen die Menschen eine Gefahr für das Universum dar. Sollten sie versuchen Nuklearwaffen ins All zu transportieren, würden sie damit die Aggression der vereinten außerirdischen Mächte auf sich ziehen. Ein Fingerzeig gegen das Wettrüsten und eine Bloßstellung der Engstirnigkeit sowohl von amerikanischer wie sowjetischer Seite. Zwar versuchte sich Weides Film als Plädoyer gegen die Gewalt der Menschen untereinander, doch wird dieses Plädoyer von seinem Finale letztlich korrumpiert.

Am Ende des Filmes hält Klaatu einen pathetischen Monolog, der in seinem Inhalt nicht weniger faschistisch und chauvinistisch ist, als die Systeme, die der Film zuvor kritisierte. Unter anderem äußert Klaatu so schöne Sätze wie „The threat of aggression by any group, anywhere, can no longer be tolerated” oder „Your choice is simple: join us and live in peace, or pursue your present course and face obliteration”. Analog dazu lassen sich Sätze aus George W. Bushs Rede vom 28. Januar 2003 stellen, die den bis heute andauernden Irakkrieg einläuteten. „We will answer every danger and every enemy that threatens the American people”, sagte Bush und fuhr unter anderem fort, „Sometimes peace must be defended. (…) And if war is forced upon us, we will fight with the full force and might of the United States military, and we will prevail”. Unter dem Strich gesehen „legitimierte“ Klaatus Rede die amerikanische Außenpolitik der vergangenen fast sechzig Jahre. Die ach so edle Botschaft knüpft sich selber ihren Strick. Es ist unter anderem diesem Aspekt zu verdanken, dass Scott Derrickson es geschafft hat ein Hollywood-Remake zu drehen, dass sein Original überflügelt, indem es die Schwachpunkte der Vorlage ausmerzt und zugleich die Handlungsebene einer vergangenen Epoche in die Gegenwart zu versetzen vermag. Man mag sich über die eine oder andere Szene des Remakes streiten, die durch ihre Belanglosigkeit auffallen, aber abgesehen von einem etwas fragwürdigen Weg, den bereits das Original einschlug, macht Derrickson in seinem zweiten Kinofilm alles richtig, was er richtig machen kann.

Statt Kaltem Krieg und Gewalt untereinander – die natürlich immer noch in unserer Gesellschaft verankert ist – hat The Day the Earth Stood Still einen anderen, aktuelleren Schwerpunkt gewählt. In Zeiten von An Inconveniant Truth und The Eleventh Hour ist die Globale Erwärmung oder der Raubbau an der Natur präsenter als je zuvor. Anstatt dass Klaatu wie im Original ein Repräsentant einer Vereinigung von Mächten ist, die de facto einen Präventivkrieg gegen die Erde anstreben, ist die Funktion der Außerirdischen nunmehr eher mit beschützender Absicht. In einer Szene brüskiert sich die amerikanische Verteidigungsministerin Regina Jackson (Kathy Bates), dass es „unser Planet“ sei, um den es hier geht. Klaatus Antwort ist präzise und prägnant in einer rhetorischen Frage formuliert: „your planet?“. Für die Außerirdischen ist alles Leben auf der Erde gleichwertig und somit verdient es ebenso geschützt zu werden, wie jede andere Lebensform. Von entwaffnender Wahrheit ist da der Schlüsselsatz des Filmes, dass die Menschen nicht ohne die Erde leben können, aber die Erde ohne die Menschen.

Da die Menschen nicht im Stande sind sorgsam mit ihrem Planeten umzugehen, obliegt dies der Verantwortung der Außerirdischen. Der bezeichnende Makel ist, wie später angesprochen wird, das Wissen um seine Schuld und die Fortführung der eigenen Taten wider besseren Wissens. Das Kyoto-Protokoll lässt grüßen. Eine ähnliche Kritik an der menschlichen Zivilisation fand man in artgemäßer Form bereits in The Matrix von den Gebrüdern Wachowski. Zugleich versäumt es Derricksons Film jedoch nicht, sich dem Problem von zwei Seiten zu stellen. Hierzu dient die Konfrontation von Klaatu mit Professor Barnhardt (John Cleese), die in einem entscheidenden und evolutionstechnisch gesehen durchaus nachvollziehbaren Dialog mündet. Somit ist es nicht nur gelungen die moralische Frage des Filmes in die Gegenwart zu verlagern, sondern sie sogar zu einem stringenten Ende zu führen, was Weides Film einst versagt blieb.

Die Störfaktoren des Filmes sind jedoch ebenso offensichtlich. Zuvorderst bereits die Einleitung, die vollkommen überflüssig da unnötig zum Verständnis des Filmes ist. Weitaus ärgerlicher ist da jedoch das penetrante Product Placement, das im Grunde nur als widerlich zu bezeichnen ist. Anbiedernd wird da das Microsoft Vista Logo in die Kamera gehalten, mit einem Honda durch die Gegend gefahren und schließlich bei McDonalds Halt gemacht. Die Hure Hollywood macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Zu bemängeln wären auch die nicht sonderlich überzeugenden visuellen Effekte. Weshalb das außerirdische Raumschiff eine schimmernde Kugel ist, ergibt sich spätestens dann, wenn man sich den Leiter der zugehörigen Abteilung ansieht. Jeffrey A. Okun hatte einst bei Barry Levinsons Sphere seine Hände mit im Spiel und scheint kurzerhand seine alten Pläne rausgekramt zu haben, statt sich neuer kreativer Ergüsse zu bedienen.

Auch Gort wirkt dermaßen künstlich, dass man sich zu Recht fragt, weshalb ihn die Macher unbedingt achteinhalb Meter groß machen mussten. Allerdings muss man eingestehen, dass die Effekte nicht wirklich weh tun und im Rahmen ihrer Platzierung akzeptabel sind. Streitbar wäre dagegen fraglos die verstärkte messianische Konnotation von Klaatus Figur im Vergleich zu Weides Film. Bereits dort waren die Analogien zu Christus offensichtlich, doch finden sie bei Derrickson nochmals eine Ausdehnung. Nicht nur wandelt Klaatu in einer Szene über das Wasser, sondern er erweckt auch Tote wieder zum Leben und wird von Stigmata gezeichnet. Dies könnte sicherlich dem einen oder anderen etwas sauer aufstoßen. Die Vergleiche zur Christus-Figur sind jedoch derartig ersichtlich, dass sie eher zum Schmunzeln und zur Belustigung an- als zur Brüskierung aufregen.

Zu guter letzt ist es auch die Besetzung, die ein Lob verdient. In die Rolle von Klaatu schlüpft im Remake nun Keanu Reeves, der augenscheinlich perfekt für die Figur zu sein scheint. Denn Klaatus Emotionslosigkeit über die meiste Spielzeit hinweg erfordert nicht sonderlich viel schauspielerisches Talent, sodass Reeves hier mit seinem steinernen Blick größtenteils richtig liegt. Zudem passt er sein Spiel dem Wandel seiner Figur innerhalb der Geschichte an, sodass man dem Schauspieler keinerlei großartigen Vorwürfe machen kann. Ähnlich verhält es sich mit Jaden Smith, dem zweitjüngsten Sprössling von Hollywood-Superstar Will Smith, der in The Day the Earth Stood Still den verbitterten und bornierten Stiefsohn von Jennifer Connelly spielt. Connelly wiederum ist schauspielerisch über jeden Zweifel erhaben und durch ihren Auftritt in Hulk bereits gewohnt eine Biologin zu spielen, die mit dem US-Militär in Hubschraubern unmenschlichen Gegnern folgen muss. Des weiteren treten in Nebenrollen die Fernsehschauspieler Kyle Chandler und Robert Knepper auf.

Einziger Schwachpunkt des Filmes ist leider Kathy Bates als amerikanische Verteidigungsministerin. Dass Mrs. Bates eine exzellente Schauspielerin ist, steht außer Frage, die Rolle der toughen Ministerin, die das Ende der Welt abwenden soll, kauft man der kleinen üppigen Frau dann aber doch nicht so ganz ab. Insgesamt überzeugt das Schauspielerensemble und mit ihnen der gesamte Film. Dass es heutzutage einem Hollywood-Remake zu gelingen vermag, seinem Original zu enteilen ist eine Seltenheit und verdient hier in der Tat Lob. Ob der Film gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika finanziell erfolgreich sein wird, ist zu bezweifeln, bedenkt man die kritischen Töne, die Derricksons Film gerade gegenüber der Umwelt- und Militärpolitik des Landes anschlägt. Auf alle Fälle zählt The Day the Earth Stood Still zu den besten Science-Fiction Filmen des Kalenderjahres.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

Kommentare:

  1. Und welche Wertung hättest Du dem Film verpasst, wenn Ms. Connelly nicht mitspielen würde? ;)

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  2. Lachhaft. Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein.

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  3. Oha, da schau an. Da wird über sechs Absätze größtenteils kritisiert, daß die Schwarte kracht und dann doch 8 Punkte. Der Text liest sich eher wie ein 5 bis 6 Punkte Kandidat.;)

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  4. Am Ende muss ja der Gegen-den-Strom-Faktor zum Tragen kommen. Vielleicht überwindet Rudi diese Kinderkrankheit ja irgendwann noch mal. Ich würde es ihm wünschen.

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  5. @Tumulder: Die Kritik richtet sich ja eher gegen das Original und hebt für mich hervor, was das Remake richtig gemacht hat, unabhängig von seinen eigenen Fehlern.

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  6. Die Wertung kam nur auf Grund von Frau Connelly zu Stande, egal was Du sagst :D

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  7. Am Ende muss ja der Gegen-den-Strom-Faktor zum Tragen kommen. Vielleicht überwindet Rudi diese Kinderkrankheit ja irgendwann noch mal. Ich würde es ihm wünschen.

    Das schreibt der, der laut eigenem Versprechen niemals aus seiner postpubertären Verweigerungshöhle hinauskommen wird.:D

    @TheRudi
    In anbetracht der Tatsache, daß im Moment eh nichts im Kino läuft und die nächsten Wochen auch eh nichts laufen wird. Werde ich vielleicht mal einen Blick riskieren.;)

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  8. Schau dir doch den neuen Allen an, den kann ich dir nur ans Herz legen.

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  9. Den habe ich schon wieder vergessen, hatte ihn aber eh nur als DVD Sichtung auf der Rechnung, da ich die Cruz nicht wirklich leiden kann. Aber unter Allen kann das natürlich was mit ihr werden.

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  10. Schau dir doch den neuen Allen an, den kann ich dir nur ans Herz legen.

    Meine Meinung!

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