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27. April 2018

Only the Brave [No Way Out: Gegen die Flammen]

Act like we’ve done it before.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Beratungsunternehmen Gallup mit dem „Engagement Index“ eine Studie, nach der 85 Prozent der Arbeitnehmer kaum eine Bindung zu ihrem Arbeitsgeber haben. Die Folge ist Dienst nach Vorschrift. Buchstäblich Feuer und Flamme für seinen Job sein und dabei Dienst nach Vorschrift verrichten – das schließt sich nicht aus, wie die Waldbrandbekämpfer in Joseph Kosinskis Only the Brave deutlich machen. In Deutschland kommt das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama unter dem Titel No Way Out in die Kinos. Mit dem bilingualen Zusatz „Gegen die Flammen“, um wohl die Verwechslungsgefahr mit dem gleichnamigen Spionage-Thriller von Roger Donaldson aus dem Jahr 1987 zu minimieren.

Kosinski erzählt in seinem dritten Film nach den Sci-Fi-Ausflügen Tron: Legacy und Oblivion von Feuerwehrmann Eric Marsh (Josh Brolin) und seinen Bemühungen, seinen Trupp als Spezialeinheit für Waldbrandbekämpfung – in den USA “Hotshots” genannt – zertifiziert zu bekommen. Als Neuling im Team stößt der drogensüchtige Taugenichts Brendan McDonough (Miles Teller) zum Team, der nach einem One-Night-Stand mit Kindesfolge seine Tochter finanziell unterstützen will.  Gemeinsam mit Duane Steinbrink (Jeff Bridges), dem Chef der lokalen Feuerwehr und Marshs Vorgesetztem, hadern die designierten Waldbrandbekämpfer mit dem Tribut, den sie ihrem Job zollen, während das Familienleben daheim darunter zu leiden droht.

Die Geschichte von Marsh und seinem Team der Granite Mountain Hotshots nahm am 30. Juni 2013 ein tragisches Ende, als fast die gesamte Einheit beim Yarnell Hill Waldbrand ums Leben kam. Das seiner Zeit insgesamt zwölf Tage währende Feuer zerstörte eine Fläche von 34 km2 und das Leben von 19 der Hotshots aus Prescott, Arizona – womit es der tödlichste Waldbrand für Feuerwehrleute in 90 Jahren war. Vom Aufbau und der Struktur her erinnert Only the Brave somit an die jüngeren Werke eines Peter Berg, der in Filmen wie Patriot’s Day, Deepwater Horizon oder Lone Survivor zuletzt gerne reale Tragödien um menschliche Helden inszenierte. Ein Gespür für dieses Genre, das Sci-Fi-Mann Kosinski noch nicht ganz zu besitzen scheint.

Only the Brave erstreckt sich über einen Zeitraum von acht Jahren, ohne dass dies dem Zuschauer wirklich bewusst würde. Das narrative Konstrukt macht dabei durchaus für sich Sinn, wenn wir Marsh sowie seine Männer um Jesse Steed (James Badge Dale) und Christopher MacKenzie (Taylor Kitsch) erstmals im Jahr 2005 begegnen, wo sie noch als Aufräum-Trupp für richtige Hotshots tätig sind. Was folgt, ist in gewisser Weise eine Underdog-Story, die sich jedoch nicht mit vermeintlichen Widrigkeiten für die Feuerwehrleute aufhält. Wie wenig Fleisch die Geschichte im Kern am Knochen hat, zeigt sich schon dadurch, dass Kosinski sie mit allerlei Nebenhandlungen unterfüttert, die für den Verlauf der eigentlichen Geschichte nicht von Relevanz sind.

So ist eines der wiederkehrenden Motive das der Familie und der Opfer, die sie für den Job der Männer zu bringen hat. Man muss seinen Gatten eben mit dem Feuer teilen, weist da eine unterbeschäftigte Andie MacDowell als Marvel Steinbrink ihr Gegenüber Amanda Marsh (Jennifer Connelly) hin. Letztere will eigentlich Kinder, auch wenn ihr Mann von Beginn an deutlich gemacht haben will, dass er sich nicht nach welchen sehnt. Ein emotionales Drama, das sich auch in der intendierten Katharsis von Brendan McDonough widerspiegelt. Wie es mit dem (Familien-)Leben anderer Männer wie dem Familienvater Steed oder auch MacKenzie aussieht, lässt Only the Brave außen vor. Womöglich, um nicht zu viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren.

Nicht jede Entscheidung lässt sich hierbei aber gänzlich nachvollziehen. So ist Amanda zu einem Zeitpunkt in einen Autounfall verwickelt und Brendan wird irgendwann während der Arbeit von einer Klapperschlange gebissen. Beide Ereignisse führen nicht wirklich irgendwo hin, legen kein narratives oder charakterliches Fundament. Sie bieten im besten Fall einen kurzen Einblick in den aktuellen Familienstatus der betroffenen Figuren. In der Folge blähen sie den Film, der eigentlich nur auf die dramatische Entwicklung des Yarne Hill Fires hinarbeitet, aber unnötig auf über zwei Stunden auf. Jener Brand, der damals mit der höchsten Gefahrenstufe als Großschadensbrand und als Naturkatastrophe eingestuft wurde, geht unterdessen etwas unter.

Manche Elemente und Metaphern funktionieren sehr gut, zum Beispiel wenn Amanda auf ihrer Farm ein geplagtes Pferd mit Vorgeschichte aufnimmt, während Eric zur selben Zeit Brendan eine neue Chance bietet. Andere Szenen, wie ein in Brand stehender Bär als bebilderte Anekdote, fallen wiederum eher unglücklich aus. Das Ensemble gibt sich immerhin bemüht, von Brolin und Teller über Connelly bis hin zu Hintergrunddarstellern wie Geoff Stults und Ben Hardy. Wäre nur die Handlung etwas runder und packender, die in ihrer jetzigen Form wenig mehr beim Publikum hängen bleibt als der Plot des fiktiven und thematisch ähnlichen Films “Smoke Jumpers” aus der fünften Staffel von HBOs Meta-Hollywood-Serie Entourage.

“Sooner or later, the fire… she’s gonna come a-knocking”, prognostiziert Eric Marsh da an einer Stelle im Film, der durchaus mitunter in Klischeegefilde abdriftet. Kosinski kommt so nicht umhin, nach einem erfolgreich bekämpften Brand eine Krankenschwester schmachtend seufzen zu lassen, wie heldenhaft die Granite Mountain Hotshots seien. Ebenso heldenhaft darf Brendan später wie ein VIP in die lokale Bar eintreten, aus der er zu Beginn noch von den Türstehern gewaltsam entfernt werden musste. Etwas mehr Tiefgang hätte Only the Brave in solchen Momenten nicht geschadet. “What can I live with and what can I die without?”, stellt Duane Steinbrink einmal in den Raum. Eine Antwort auf die Frage liefert der Film aber leider nicht.

Der Zuschauer müsse die Verletzlichkeit der Figur spüren, die den Kern ihres Dilemmas bildet. “Like an onion. Without a core, there’s no layers”, weist Regisseur Verner Vollstedt (Stellan Skarsgård) in der Entourage-Folge Playing With Fire am Set von “Smoke Jumpers” seinen Star Vincent Chase (Adrian Grenier) hin. Ähnlich wie dieser Film liefert Only the Brave auf der einen Seite zwar Brand-Spektakel, dreht sich jedoch im Kern um Menschen mit verschiedenen Ebenen. Und ähnlich wie Verner im „Dienst nach Vorschrift“ von Vincent Chase vermag man als Zuschauer dies in Kosinskis Film nicht ausreichend in Handlung und Charakteren zu erkennen. Selbst wenn die sie spielenden Darsteller für ihren Job Feuer und Flamme sind.

5.5/10

31. März 2014

Noah

Alles, was auf Erden ist, soll untergehen.
(Genesis, 6,17)

Erfolgreiche Fantasy-Lektüre darf, so hat es den Anschein, nicht zu knapp sein. So hat J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings eine Seitenzahl von 1.342 und George R.R. Martins A Song of Ice and Fire-Serie läuft bisher über 4.700 Seiten. Zwar kann die Bibel mit ihren rund 1.400 Seiten (Lutherbibel) da nicht mithalten, dafür ist sie das wohl größte Fantasybuch der Welt. Von Engeln über Riesen bis zu messianisch verklärten Zombie-Zimmermännern finden sich darin vielerlei fantastische Geschichten. Darunter auch die von Noahs Arche und der Sintflut, über die Moses in vier Kapiteln seines ersten Buchs (Genesis, 6-10) erzählt. Ihre rund vier Seiten mit knapp 2.000 Wörtern bringt nun Darren Aronofsky mit Noah ins Kino.

Wer kennt sie nicht, die klassische Geschichte in der Gott 1.656 Jahre, nachdem er die Erde erschuf, beschloss, die Menschheit auszurotten. „Denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe“, verrät Gott dem Leser (Gen, 6,7). Seinen geplanten Massen-Genozid korrigiert der Schöpfer lediglich dahingehend, dass er Noah – im Film gespielt von Russell Crowe – auf die drohende Sintflut hinweist. Und diesen beauftragt, in einer Arche von 138 Meter Länge, 23 Meter Breite und 14 Meter Höhe (Gen, 6,15) – halb so lang und ein Drittel so hoch wie die Titanic – von jeder tierischen Spezies jeweils ein Paar zu retten. Und weil es sich nicht ziemt, mit Gott über Sinn und Unsinn seiner Handlungen zu diskutieren, fügt sich Noah.

Ungeachtet der Tatsache, dass in Genesis die ganze Menschheit – mit acht Ausnahmen – ausgelöscht wird, gibt Moses’ Chronik der Ereignisse relativ wenig her. Sowohl generell als auch was eine dramatische Struktur in verschiedene Akte angeht. Insofern nahmen sich Darren Aronofsky und sein Co-Autor Ari Handel, mit dem er bereits The Fountain schrieb, bei ihrer Adaption reichlich Freiheiten. Angefangen mit dem vorgezogenen Tod von Noahs Vater Lamech, der nicht einfach dahin scheidet, sondern vor den Augen des Sohnes ermordet wird. Und während Kains verkommene Erben sich durch die Lande meucheln, gilt es für Noah mit seiner Gattin Naama (Jennifer Connelly) und ihren drei Söhnen nur zu überleben.

Mit Gottes Auftrag als Agenda zeichnen sich neben Sturmwolken am Horizont auch zwei Konflikte ab. Zum einen wollen angesichts der drohenden Ausrottung auch die anderen Menschen rund um deren Anführer Tubal-Kain (Ray Winstone) an Bord der Arche. Zum anderen will Noahs zweitältester Sohn Ham (Logan Lerman) für die Zeit nach der Sintflut ebenfalls eine Frau haben, mit der er „sich mehren“ kann. Sein großer Bruder Sem (Douglas Booth) wiederum hat zwar in Ila (Emma Watson) eine Freundin, die von Noah einst als Waisenkind aufgenommen wurde, doch Ila gibt sich sexuell reichlich prüde. Probleme, die dem sich noch im Kindesalter befindlichen Jüngsten, Jafet, derweil fremd sind.

Wie auch der Bibel, wo alle drei Brüder bereits wohlweislich mit Damengesellschaft versorgt wurden. In Noah sind die Burschen jedoch größtenteils noch im Knabenalter, aber generell wird von Aronofsky was den zeitlichen Ablauf angeht, an der Uhr gedreht. Statt der sieben Tage, die Gott Noah gab, um die Arche zu bauen (Gen, 7,4), vergehen im Film zehn Jahre. Und weil sich eine Arche ziemlich schwer alleine bauen lässt, erhält Noah Unterstützung von einer Gruppe Steinengel. Die, so berichtet der Film, halfen einst dem verstoßenen Kain eine proto-industrialistische Zivilisation aufzubauen, ehe sich dessen Nachfahren gegen sie wandten. Nur Metuschelach (Anthony Hopkins), Noahs Großvater, schützte sie.

Der wiederum nimmt später noch eine entscheidende Rolle ein, um einen der beiden Konflikte in der zweiten Filmhälfte einzuleiten. Auch hier konstruiert Aronofsky erneut künstlich Dramatik, um die Zeit nach der Sintflut spannend zu gestalten. Schließlich müssen die 53 Wochen, die zwischen der Flut und dem Trocknen der Erde vergehen (Gen, 8,14) auch mit Handlung gefüllt werden. Im Mittelpunkt steht dabei Noah selbst, dessen Handlungen verstärkt Konsequenzen für die übrigen Reisenden der Arche haben – und für die Psyche des Weltenretters selbst. In all jenen narrativen Verrenkungen, die nicht nur den Ablauf der Ereignisse, sondern auch die Charaktere betreffen, findet sich das Scheitern von Noah.

In gewisser Weise mag man die Intention der Änderungen nachvollziehen. Eine Arche, selbst wenn sie nicht besonders groß ist – zumindest nicht groß genug, um zwei Exemplare aller Tiere dieser Welt zu fassen –, allein in sieben Tagen zu bauen (die Hilfe dreier erwachsener Söhne ungeachtet), ist womöglich schwerer zu glauben, wie wenn sie in zehn Jahren mit Hilfe von Steinengeln zusammengezimmert wird. Indem Sem, Ham und Jafet sehr viel jünger sind, wird der Familiengedanke gestärkt. Der diabolische Antagonist Tubal-Kain als personifizierter Grund für die Sintflut gibt der Dramaturgie eine gewisse Würze, auch wenn dessen Verhältnis zum zwiegespaltenen Ham wie vieles wenig ergründet wird.

Ham erhält von allen Brüdern die meiste Aufmerksamkeit, womöglich, weil sein Geschlecht in der Bibel von Noah später verflucht wurde (Gen, 9,25). Seine ihn korrumpierende Geilheit kann natürlich als Saat der alten Welt gesehen werden, die in der neuen Welt gesät wird. Nur hat bereits der Noah von Darren Aronofsky wenig mit jenem Mann gemein, der von Gott als gerecht empfunden wurde (Gen, 7,1). Dieser versündigt sich schon im ersten Akt und mutiert zur Filmmitte hin zu einer Art Proto-Actionheld, wenn er sich mit den Steinengeln alle jener erwehrt, die ihm in die Arche wollen. Passend, dass sein wahnhafter Verlust im fundamentalistischen Glauben am Schluss im Alkoholismus enden muss (Gen, 9,21ff.).

Es mag einen Grund geben, warum die Geschichte von Noah, wie auch die des Paradiesvertriebs, weitaus weniger adaptiert wird wie die von Moses oder Jesus. Die ohnehin bereits wenig sinnige Erzählung durch versteinerte Engelriesen, Schuppenhunde und eine Veganismus praktizierende Heldenfamilie zu erweitern, hebt die Lächerlichkeit des Originals nur noch hervor. Irritierend wird es dann, wenn Aronofsky den bereits schon in der Bibel innewohnenden Inzest der menschlichen Abstammung sogar noch verstärkt, indem die Frauen von Ham und Jafet ausgespart werden. Am Ende darf Emma Watsons bereits zuvor schon sexuell missbrauchte Ila dann ganz allein (oder eben mit Naama) die Menschheit aufbauen.

Natürlich liegt diese Idiotie in der Bibel begründet. Immerhin teilt Eva als Teil Adams ja mit diesem ihre DNS (Gen, 2,23). Fraglich ist dennoch, mit welcher Frau Kain nach seiner Flucht eigentlich im Lande Nod Nachwuchs gezeugt haben soll (Gen 4,17), genauso wie sein Bruder Set (Gen 4,26), die nicht auch von Eva geboren wurde und somit deren Schwester sein müsste. Hier wäre Gelegenheit für Aronofsky gewesen, abseits der 2.000 Wörter umfassenden Bibelstelle etwas mehr Verstand in die Geschichte zu bringen, denn an fehlender Treue zur Vorlage mangelt es angesichts der Darstellungen in Noah keineswegs. Da passt es dann ins Bild, dass die Welt, vor der uns Noah retten sollte, anschließend wieder zurückkehrte.

Zwar versuchen die Schauspieler in Noah ihr Bestes, ihren auch hier nicht ausgearbeiteten Figuren Lebensodem einzuhauchen, doch an der kruden Ideologie der Geschichte müssen sie dennoch scheitern. Einer handvoll interessanter Bildmotive zum Trotz (blutgetränkte Erde, eine von Stürmen überzogene Erdkugel) bietet der Film auch visuell wenig. Die Tiermasse wird wohlweislich selten im Detail gezeigt und da, wo dies der Fall ist, sehen diese wenig realer aus wie die klobigen Steinengel. Gefällig kommen allenfalls Zeitrafferaufnahmen daher, in denen Aronofsky zu versuchen scheint, die kreationistische Idee der siebentägigen Entstehung des Universums und allen Seins mit der Evolutionstheorie zu vereinen.

Selbst als Fantasy-Pulp oder spiritueller Trash à la The Passion of the Christ vermag Noah nicht zu funktionieren. Zu ernst nimmt sich der Film – auch wenn Anthony Hopkins als greiser Mann auf der Suche nach Beeren teils für Lacher sorgt. Überraschenderweise stehen trotz der vielen inhaltlichen Abweichungen und Veränderungen christliche Vereinigungen wie auch Papst Franziskus hinter dem Film. Vielleicht ist Noah wirklich nur etwas für hartgesottene Anhänger der christlich-jüdischen Tradition. Dank eines soliden Startwochenendes hat Darren Aronofsky mit seinem 160 Millionen teuren Bibel-Blockbuster somit wohl nicht seine eigene Karriere abgesoffen. Scheinbar wurde auch er von Gott für gerecht empfunden.

3/10

8. April 2010

As Time Goes By: Jennifer Connelly

Each film is a chapter in my life wherein I learn so much more about myself.

Am 12. Dezember 1970 wurde Jennifer Lynn Connelly in den Catskill Mountains, New York geboren. Als einziges Kind von Gerard Connelly, einem New Yorker Kleidungsverkäufer irisch-norwegischer Abstammung, und der russisch-polnisch-stämmigen Eileen Connelly, die ehemals ein Antiquitätengeschäft in Woodstock betrieb und inzwischen in Kalifornien als Cranio-Sacral-Therapeutin arbeitet, verbrachte Connelly die meiste Zeit ihrer Jugend in Brooklyn Heights, New York, wo sie die St. Ann Privatschule besuchte. Mit zehn Jahren sollte sich ihr Leben jedoch für immer ändern, als sie erste Schritte in Richtung Unterhaltungsbranche unternahm. Ein Freund der Familie arbeitete in der Werbung und schlug den Connellys vor, mit ihrer Tochter zu einem Vorsprechen zu gehen. Es folgten zahlreiche Engagements für Zeitungs- und Magazinwerbungen, welche die Zehnjährige auf Trab halten sollten. Die Repräsentation des Jungmodels übernahm die New Yorker Ford Agentur, deren Gründer ironischerweise Eileen und Gerard Ford heißen.

Rückblickend auf ihre Modelkarriere äußerte Connelly später den Satz: ”It wasn’t my niche“. Diese sollte sie stattdessen in der Schauspielerei finden. Ein Scout wurde auf die Vierzehnjährige aufmerksam und empfahl sie dem italienischen Regisseur Sergio Leone für eine Rolle in dessen Amerika-Epos Once Upon a Time in America. Ihre Nebenrolle für den Altmeister Leone sollte Connelly dann bereits ein Jahr später den nächste Part beschaffen. Der Italiener empfahl die Teenagerin seinem Freund und Kollegen Dario Argento, in dessen Phenomena Connelly ihr zweites Engagement fand. Ihr nächstes großes Projekt sollte der Jim-Henson-Film Labyrinth sein, in welchem Connelly an der Seite von Pop-Star David Bowie spielen würde. Ihre übrigen achtziger Jahre Filme wie Etoile, Seven Minutes in Heaven oder Some Girls verliefen im Vergleich zu ihren Arbeiten für Henson und Leone sehr bescheiden und unbemerkenswert. Immerhin sorgten Rollen in Etoile und Phenomena dafür, dass Connelly Französisch und Italienisch lernte.

Gegen Ende der Achtziger begann sich aber erneut eine gewisse Überdrüssigkeit einzustellen. ”The movies I was making weren’t the movies I wanted to go see“, erklärte Connelly. So lehnte sie 1988 einerseits die Rolle der Veronica im Kultfilm Heathers ab, ergatterte im Jahr darauf im Gegenzug jedoch nicht den Part in Cameron Crowes Say Anything. Stattdessen trieb es Connelly wie andere junge Schauspielerinnen - z.B. Natalie Portman oder Emma Watson - an die Universität. Im Herbst 1990 schrieb sie sich in New Haven an der Yale University im Fachgebiet Englisch ein. Sich nach Anonymität sehnend, wurde sie jedoch von ihrer Mitbewohnerin in Labyrinth erkannt. Während ihrer Zeit in Yale nahm Connelly Rollen in The Hot Spot an der Seite von Don Johnson oder in der Comic-Verfilmung The Rocketeer an. Nach zwei Jahren wechselte Connelly an die Stanford University in Kalifornien, wo sie Schauspiel, Theater und Improvisation studierte. Allerdings würde die Darstellerin das Studium nach einem Jahr abbrechen.

Ihre Nebenrolle in The Rocketeer brachte ihr 1991 die Zuneigung von gleich zwei Männern. Auf der einen Seite die Liebe ihres Filmkollegen Bill Campbell, mit dem Connelly in den kommenden fünf Jahren immer wieder zusammen kam. Auf der anderen Seite die bewundernde Zuneigung des angesehenen Filmkritikers Roger Ebert, der Connelly in The Rocketeer als ”sweet and sexy“ bezeichnete. Attribute, die er ihr im Laufe des kommenden Jahrzehnts noch mehrfach zuschreiben würde. So nannte er ihr Engagement im fünf Jahre später erschienenen Mulholland Falls eine der ”key casting decisions“ und beschrieb Connelly selbst als ”sexy in the way Marilyn Monroe was sexy--as if she doesn't quite believe it, and can't quite help it“. Im Jahr darauf attestierte er ihr in Inventing the Abbotts an der Seite von Liv Tyler, Billy Crudup und Joaquin Phoenix ”the most interesting Abbott girl“ gewesen zu sein und ging nach dem 2000 erschienenen Requiem for a Dream so weit, die New Yorkerin gar als ”sex symbol“ zu bezeichnen.

Anerkennung, die nicht nur bei Campbell und Ebert der Fall gewesen zu sein schien. So landete Connelly im August 1991 auf dem Cover von Esquire im Zuge derer ”Women We Love“-Reihe. Und 1992 gab sie im Musikvideo I Drove All Night des vier Jahre zuvor verstorbenen Roy Orbison den love interest für Serien-Star Jason Priestley. Schließlich landete sie 1993 auf den 14. Platz von Celebrity Sleuth’s ”25 Sexiest Women of 1993“. Eine Nennung, die sie sicherlich auch ihrer Nacktszene in The Hot Spot zu verdanken hatte und deren ersten Platz damals Sharon Stone nach dem im Vorjahr erschienenen Basic Instinct einnahm. In den kommenden Jahren sollte Connelly jedoch noch in zahlreichen anderen und ähnlichen Listen auftauchen. So zählte sie zu den vom People Magazin 2002 gekürten fünfzig schönsten Menschen, als auch zu FHMs ”100 Sexiest Women“ sowohl 2002 als auch 2005. Die Leser des britischen Empire Magazins platzierten Connelly vor drei Jahren dann auf Rang 54 der ”100 Sexiest Stars in Film History“.

Unbestritten scheint also Connellys bewunderte Schönheit, die dafür sorgte, dass Disney sich in seiner Gestaltung der Prinzessin Jasmin in ihrem Meisterwerk Aladdin an Connellys Äußerem orientierte. Zugleich schien Hollywood aber auch nicht viel weiter als bis zu jener Äußerlichkeit zu sehen, betrachtet man Connellys Rollen in den Neunzigern. In Filmen wie The Rocketeer oder Mulholland Falls ist die Schauspielerin wie bereits zuvor in The Hot Spot nichts als die schöne Frau an der Seite des Helden. Ein Aspekt, den man durch Hervorhebung ihrer Brüste zu dieser Zeit noch zu untermauern versuchte. Erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wandelte sich ihr Rollenbild ein wenig. In John Singletons Higher Learning spielte Connelly eine lesbische Lehrerin, in ihren Rollen aus Inventing the Abbotts oder Waking the Dead gab sie sich verletzlicher. Auch acht Jahre später sollte Ebert der Schauspielerin noch attestieren, dass ”nobody is better than Connelly at looking really soulful“. Dennoch schien sie vorerst typisiert zu sein.

Immerhin gewannen ihre Filme an Profil und visueller Influenz. In Alex Proyas’ Dark City sieht man Connelly ebenso am Ende eines Hafensteges stehen, wie später auch in Requiem for a Dream und House of Sand and Fog. Zudem sollte der Film ihre Rollentypisierung der kommenden Jahre vorgeben, sah man nun die Schauspielerin doch öfter nicht nur als schöne Frau an der Seite des Helden, sondern zugleich auch als Frau an der Seite des Helden, der droht seine Persönlichkeit zu verlieren. Elemente, die sich offensichtlich in Dark City, Hulk oder A Beautiful Mind wiederfinden, in gewisser Hinsicht aber auch in Requiem for a Dream. Gerade letzterer Film sollte Connelly viel Anerkennung bescheren, gibt sie in Darren Aronofskys Meisterwerk doch eine junge Frau, die nicht nur ihre Liebe, sondern letztlich auch ihre Unschuld an ihre Drogensucht verliert. Die Rolle bringt Connelly eine Nominierung bei den Independent Spirit Awards und stellte sich schließlich als Echo heraus, für den Erfolg, der ihr noch bevorstand.

In A Beautiful Mind gewann Regisseur Ron Howard, der zuvor Inventing the Abbotts produziert hatte, Jennifer Connelly für die Rolle der Alicia Nash. Ihre Darstellung der Ehefrau des Nobelpreisträgers John Forbes Nash Jr. brachte Connelly schließlich ihren ersten und bisher einzigen Academy Award als Beste Nebendarstellerin ein. Obschon seit 17 Jahren im Business, hatte sich die New Yorkerin erst jetzt vollends etabliert. Ihr Oscargewinn wurde dabei von ihrer viel kritisierten Dankesrede überschattet, die Connelly von einem Zettel ablas, nachdem sie sich zuerst nicht sicher war, ob sie überhaupt eine Rede vorbereiten sollte und im Nachhinein überrascht war, dass entgegen einer Versicherung doch kein Rednerpult auf der Bühne stehen würde, hinter welchem sie die Rede verbergen könne. Mit ihrem Gewinn war Connelly ihrer Kollegin Marcia Gay Harden gefolgt, die im Vorjahr für ihre Rolle in dem gemeinsamen Film Pollock ausgezeichnet worden war. Und auf den Oscargewinn folgte erst ein Mal eine wohlverdiente Pause.

Zwei Jahre später sollte sie in einer viel beachteten, aber kritisch gesehenen und einer wenig beachteten, aber gut aufgenommenen Produktion wiederfinden. In Ang Lees liebevoller Adaption von Hulk schlüpfte Connelly zum zweiten Mal in die Rolle der Geliebten eines Comichelden. Als Betty Ross ist sie das Bindeglied zwischen dem Hulk und seinem Alter Ego, Bruce Banner. Hulk, obschon für das Studio eine leichte Enttäuschung, sorgte neben A Beautiful Mind dafür, dass Connellys letzte beiden Filme weltweit eine halbe Milliarde Dollar eingespielt hatten. Eine Summe, an die House of Sand and Fog nicht ansatzweise heranreichte. Dafür bot sich hier für die Schauspielerin die Chance, ihrer Schublade zu entkommen. Endlich spielte sie nicht die Frau an der Seite des Helden, sondern portraitierte eine gebrochene Figur, die ihren eigenen Kampf auszufechten hat. Von Kritikern gelobt, sollte die Literaturadaption House of Sand and Fog an der Seite von Ben Kingsley ihr letztes Projekt sein, ehe sie sich ihrer zweiten Schwangerschaft widmete.

Am 1. Januar 2003 hatte Connelly ihren Kollegen und Filmpartner Paul Bettany, den sie am Set von A Beautiful Mind kennenlernte, geheiratet. Nur wenige Monate später kam der gemeinsame Sohn Stellan, benannt nach Bettanys Freund und Kollegen Stellan Skarsgård, auf die Welt. Es war Connellys zweiter Sohn, nachdem sie bereits Ende der Neunziger mit dem Photografen David Dugan das gemeinsame Kind Kai zur Welt gebracht hatte. Auch damals gönnte sich die New Yorkerin eine einjährige Auszeit, bevor sie in der Fernsehserie The $treet eine Rolle übernahm, weil diese in der Nähe ihrer Manhattaner Heimat drehen konnte. Erst 2005 sollte Connelly zurück auf die Leinwand kehren, mit dem Asia-Remake Dark Water, basierend auf Hideo Nakatas Honogurai mizu no soko kara. Ein Film der weitestgehend im Bewusstsein des Publikums unterging, der Connelly jedoch ihre zweite unabhängige Frauenrolle einbrachte. Ein Rollentypus, dem sie anschließend nur noch in Edward Zwicks Blood Diamond gerecht werden konnte.

In Todd Fields Little Children ordnete sich Connelly wieder einer Nebenrolle unter, als Mutter und Ehefrau eines Mannes, der eine Affäre beginnt. Im selben Jahr gab sie in Blood Diamond ihre letzte unabhängige Frauenfigur, ehe sie sich in den kommenden drei Jahren ganz der (Film-)Rolle der Ehefrau und Mutter hingab. In Reservation Road sah man sie erneut in einer Literaturadaption und in einem Part, dem im Film letztlich viel zu wenig Raum gewährt wurde. Es sollte ihr einziger Film 2007 sein, ehe sie an der Seite von Keanu Reeves und mit dem Remake The Day the Earth Stood Still ihr dritterfolgreichstes Projekt in Angriff nahm. Der unterschätzte Sci-Fi-Film war neben einem Cameo in Inkheart und ihrer Sprechrolle in 9 wie schon im Vorjahr Connellys einziger Film. Im letzten Jahr beschränkte sie sich im Ensemblefilm He’s Just Not That Into You mit der Rolle einer Frau, die von ihrem Mann betrogen wird, sowie an der Seite ihres Mannes Paul Bettany in dem Independent-Drama Creation als Ehefrau von Charles Darwin.

Jennifer Connelly ist eine Schauspielerin, die fernab von all jenem Hollywood-Trubel lebt. Privat eine begeisterte Naturperson mit Affinität für die Gebiete der Physik und Philosophie, liefert sie wenig Material für Skandale. Vielleicht spiegelt sich ihr persönliches Bild von sich selbst in ihrer Rollenwahl wider, hält sie doch einen gewissen Grad an Identifizierung für notwendig. So ließen sich auch die unzähligen Rollen als Ehefrau und Mutter - acht ihrer letzten elf Charaktere fallen darunter - erklären. Durchschnittlich werden ihre Filme bei Rotten Tomatoes mit 59% bewertet, wobei Connelly stärkste Phase in ihren Projekten zwischen 2000 und 2003 (72%) zu finden war. Von den vergangenen elf Oscarpreisträgerinnen in ihrer Kategorie landet Connelly, was die Rezeption ihrer Filme seit dem Oscargewinn bei den Kritikern angeht, im Mittelfeld (52.22%). Hier heben sich lediglich Cate Blanchett (66.75%) und Tilda Swinton (65.5%) durch ihre Rollenwahl ab, während Angelina Jolie (40.81%) abgeschlagen den letzten Platz einnimmt.

Das Bild von Jennifer Connelly als „Sexbombe“ aus den Neunzigern hat inzwischen aufgrund ihres Alters - sie wird dieses Jahr 40 - und ihres Familienstatus’ als Ehefrau und Mutter etwas nachgelassen. Was nichts an der Anerkennung ihres Aussehens ändert, wurde sie vor zwei Jahren als neues Werbegesicht von Revlon auserkoren. Auch schauspielerisch steht ihr Talent außer Frage, selbst wenn sich Connelly primär auf Rollen ohne wirklichen Tiefgang beschränkt. In ihrem diesjährigen Film What’s Wrong with Virginia, dem Regiedebüt von Oscarpreisträger Dustin Lance Black nach dessen eigenem Drehbuch, spielt sie erneut eine Mutter. Als ehemalige Geliebte eines Sheriffs und möglichen Politikers (Ed Harris, mit dem sie im kommenden Salvation Boulevard zum vierten Mal zusammenarbeiten wird), sorgt weniger sie, als vielmehr ihr Sohn für Aufsehen, der sich in die Tochter (Emma Roberts) ihres ehemaligen Geliebten verliebt. Und wer weiß, vielleicht springt am Ende für Jennifer Connelly ihre zweite Oscarnominierung heraus.

25. Oktober 2009

A Beautiful Mind

I need to believe that something extraordinary is possible.

„Hollywood will fuck you when no one else will“, hieß es in Brian De Palmas The Black Dahlia Adaption. Da „ficken“ ein mehrdeutiger Begriff ist, kann man so eine Äußerung drehen und wenden wie man möchte. Hollywood nimmt sich der Menschen an und vermarktet sie zielgerecht. Am besten positiv, da man mit Personen, die man sympathisch findet, besser mitfühlt. So wird ein Schindler oder Stauffenberg schnell zum Liebling von Jedermann und sogar fiktive Figuren wie Tony Stark in Iron Man werden um ihre negativen Charaktereigenschaften beschnitten. Es sollte also nicht verwundern, wenn in vielen Filmbiographien oder Werken, die auf dem Leben einer historischen Persönlichkeit basieren, am Ende nur noch die Namen der Charaktere stimmen, während der Rest aus den Gedankenströmen emsiger Drehbuchautoren stammt, von denen einer stets die Fassung des anderen überarbeitet. Massentauglicher macht. „Hollywood will fuck you when no one else will.“

John Forbes Nash Jr. galt als „Genie“ und brillanter Mathematiker. In Princeton studierte und promovierte er über eine Wirtschaftsfrage, die 44 Jahre später mit dem Nobelpreis belohnt werden sollte. Erste Anzeichen seiner Schizophrenie zeigten sich bei Nash Ende der fünfziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Beziehung mit einer Krankenschwester abgebrochen, nachdem diese ihm gestanden hatte, von ihm schwanger zu sein. Nash heiratete eine seiner Studentinnen, doch die Ehe zerbricht Anfang der Sechziger als Nash sich ganz in seiner Krankheit verliert. Bis 1970 ist er mehrmals in psychiatrischer Behandlung, an Arbeit ist sowieso nicht zu denken. Dann aber das entscheidende Jahr 1970: Nash scheißt auf die Medikamente und zieht mit seiner inzwischen von ihm geschiedenen Frau Alicia in eine Art Wohngemeinschaft, denn eine romantische Beziehung existiert zwische ihnen nicht mehr. Anfang der Neunziger dann Licht am Ende des Tunnels: Nash lehrt inzwischen in Princeton, erhält 1994 den Nobelpreis. Es geht aufwärts, die Liebe entflammt wieder zwischen ihm und Alicia, die 2001 zum zweiten Mal heiraten. Die Vorwürfe der Homosexualität und des Antisemitismus seien an dieser Stelle mal außen vor gelassen.

Ergo: Nash ist eine ambivalente Figur. Ein brillantes Genie vielleicht, aber mit scheinbaren menschlichen Schwächen (in den Augen Hollywoods). Vorwürfe der Homosexualität - und das in den fünfziger Jahren. Einen Sohn, dessen Mutter er bei Verkündung der Schwangerschaft verlassen hat. Eine schizophrene Flucht nach Europa als Nash den Boden unter den Füßen verliert. Die gescheiterte Ehe, die zum gemeinsamen Leben ohne gemeinsames Leben mutiert. Insofern ist Nash jemand, den man beruflich schätzen kann, auch oder insbesondere wegen der psychischen Umstände, mit denen er zu kämpfen hat. Privat sieht das dann etwas anders aus. Hollywood-Material ist das nicht gerade, das dürften auch Drehbuchautor Akiva Goldsman, Produzent Brian Grazer und Regisseur Ron Howard gemerkt haben. Nicht dienlich, dass Nash erst während Alicias Schwangerschaft beginnt schizophren zu werden. Schließlich will man auch das Princeton-Stadium erzählen. Muss man ja, wenn man den Film auf dem Höhepunkt des Nobelpreises für Nashs Uni-Promotion enden lassen will. Und dass Nash nie visuelle, sondern stets auditorische Halluzinationen hatte, lässt sich mit der Kamera auch eher mittelprächtig einfangen.

Unverfilmbar ist so was nicht. Eher schon ungenießbar bzw. nicht vermarktbar. Also beginnen die Halluzinationen von John Nash (Russell Crowe) schon in Princeton und zwar gleich am Anfang. Der gute Charles (Paul Bettany) verkörpert dabei den imaginären Freund, der John Gesellschaft leistet,da er sich als Einzelgänger fühlt. Denn die anderen Kollegen wie Martin Hansen (Josh Lucas) nehmen ihn wegen seiner Eigenarten eher auf den Arm als das sie ihn anerkennen. Und Anerkennung ist das, was John sich wünscht. Anerkennung ist das, was er sieht, als einer der Dozenten von seinen Kollegen Wertschätzung erfährt. „Try to see accomplishment“, rät ihm Nashs exquisit von Judd Hirsch portraitierter Dozent. Dann die Promovierung, der gute Job als Mathematiker. Zweimal in vier Jahren wird er sogar von der Regierung um Hilfe gebeten. Doch für Nash ist das nicht genug. Noch mehr Anerkennung will er von Vater Staat und laut Goldsman erfindet er sich dann einfach William Parcher (Ed Harris) vom Verteidigungsministerium. Er sei der beste Analytiker den er je getroffen habe, schmiert Parcher bzw. Nash sich selbst Honig ums Maul. Ab sofort werden Codes gebrochen was das Zeug hält. Alles streng geheim natürlich, nur Nash ist wichtig genug, um eingeweiht zu werden.

Dann die Beziehung mit Alicia (Jennifer Connelly), die zwar eigentlich aus El Salvador kommt, aber Hollywood besetzt nicht so gerne Minderheiten in seinen Oscaranwärtern. Dafür stattdessen die in der Tat groß aufspielende Connelly, deren Rolle anschließend zur Heiligen stilisiert wird (auch wenn dies Goldsman und Howard in ihren unterschiedlichen Audiokommentaren verneinen). Die gute Ehefrau, die stets an der Seite ihres Mannes bleibt. Aus Liebe, versteht sich. Das ist dann auch das große Thema von A Beautiful Mind: die Liebe zwischen Alicia und Nash. Verständlich, dass die „Wohngemeinschaft“ und die 24 Jahre in Scheidung hier nicht gut reinspielen. Der Teppich beginnt sich zu wölben mit all den Dingen, die Goldsman darunter gekehrt hat. Inwiefern die Academy hier noch urteilen wollte, was genau der Autor so gut aus Sylvia Nasars Biographie adaptiert hat, dass man ihm einen Oscar verleihen musste, bleibt unklar. Nun versteht sich A Beautiful Mind aber auch nicht als wirkliches Biopic und ehrlicherweise muss man eingestehen, dass Howard dem Publikum auch ein „Beruht auf wahren Begebenheiten“ erspart, wie man es von jedem Hansel mit einer 8mm-Kamera kennt, der in seinem Film auch nur ein Detail einbaut, das auf etwas Realem basiert.

Insofern kann man nicht unbedingt von Heuchelei sprechen, selbst wenn dieses Wort einem in Anbetracht der Umsetzung als erstes einfallen möchte. Das ist nicht das Leben von John Forbes Nash Jr., das die Zuschauer hier sehen. Es ist eine fiktive Geschichte, die sich an Elementen aus dem Leben eines wirklichen Menschen orientiert. Sein Genie, seine Krankheit und wie seine Karriere darunter gelitten hat. Eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich in wenig guten und vielen schlechten Zeiten einander die Treue gehalten haben. Eine Underdog-Geschichte von jemand, der auszog um Anerkennung zu finden und am Ende schließlich einer Leistungserfüllung entgegenblickte. Es ist ein Hollywood-Märchen, in dem zwar nicht alles optimal läuft, aber sich schließlich ins Gute verkehrt. Der strauchelnde Held, der die Oberhand behält. Der in Stockholm auf der Bühne steht und seine Wertschätzung gegenüber seiner Frau zum Ausdruck bringt. Der strauchelnde Held ist in A Beautiful Mind aber nicht John Nash, sondern seine Frau Alicia. Seine Anerkennung ist ihre Anerkennung. Die Liebe obsiegt, an dieser Stelle ausnahmsweise nicht nur in der filmischen Umsetzung, sondern auch im wahren Leben. Nasar selbst meinte, der Film weiche von ihrer Biographie stark ab, werde jedoch dem Geist von Nashs Leben gerecht.

Wie man der obigen Ausführung entnehmen kann, ist Howards Film also mehr schlecht als recht eine wahrheitsgemäße Wiedergabe von Nashs Leben. Darüber kann man sich jetzt streiten, ob das in Ordnung ist oder den Film, der eh etwas ganz anderes sein will, verfälscht. Dennoch funktioniert A Beautiful Mind als typischer Hollywood-Film erstaunlich gut. Das Schauspielensemble gefällt, allen voran die beeindruckenden Jennifer Connelly und Josh Lucas. Aber auch Ed Harris, Christopher Plummer oder Paul Bettany können in ihren Rollen überzeugen. Crowe wiederum, der speziell in den Princeton-Jahren eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem echten John Forbes Nash Jr. aufweist, spielt erst in seiner Darstellung des 1994er-Nash groß auf. Zuvor hat er gelegentlich seine Momente, schwankt jedoch in seiner Leistung gerade in den Paranoia-Szenen. Das Casting geht im Grunde aber auch wegen seiner tollen Nebendarsteller (Adam Goldberg, der bereits erwähnte Judd Hirsch, Austin Pendleton, Anthony Rapp) in Ordnung. Bedenkt man, dass statt Russell Crowe kurzzeitig auch Tom Cruise im Gespräch für die Hauptrolle gewesen war, lässt sich auch an der Besetzung des Neuseeländers trotz des einen oder anderen Hängers nichts aussetzen.

Die Regie von Howard und das Drehbuch von Goldsman sind wie angesprochen Hollywood-zweckdienlich. Die Gesetzmäßigkeiten der Branche werden erfüllt und dies bisweilen auch ehrlicherweise sehr gelungen. Die humoristischen Auflockerungen, sei es ein scherzender John Nash oder die Müllmann-Szene zwischen ihm und Alicia, funktionieren. Noch besser sogar die kitschigen und rührseligen Szenen, wenn Nash seine Dankesrede gibt, die zur Liebeserklärung wird oder er zum Abschied die kleine Marcee (Vivien Cardone) küsst, seine dritte und letzte Manifestation. Wer sich auf A Beautiful Mind als Emotionskino einlässt, kann zu Tränen gerührt werden. Howard setzt viele der ohnehin schon manipulierten Szenen noch manipulativer ein und oftmals von Erfolg gekrönt. Wäre der Noir-lastige Nebenplot rund um Parcher und die sowjetische Verschwörung nicht, der Film würde noch viel besser dastehen. Zumindest was seinen reinen Unterhaltungseffekt angeht. Die Portraitierung der Schizophrenie ist dabei bisweilen durchaus interessant eingesetzt, aber irgendwie auch nicht zur Genüge. „You’re not real” stottert Nash als er Parcher zum ersten Mal seit seiner Insulin-Behandlung wiedersieht. „Of course I am. Don’t be ridiculous”, entgegnet dieser nur.

„Imagine if you had suddenly learned that the people and the places and the moments most important to you were not gone, not dead … but worse, had never been”, hatte der von Christopher Plummer dargestellte Psychiater zuvor resümiert. Der Film greift es später noch mal im Scherz auf. Woher will man – gerade, aber nicht nur – als Schizophrener wissen, wer real ist und wer nicht? Sicher, im Endeffekt stellt sich raus, dass niemand mit Charles oder Parcher interagiert hat, dass Marcee über ein Feld voller Tauben rannte, ohne diese aufzuschrecken. Aber die Szene bezüglich Charles im Sanatorium fasst es gut zusammen. Ob sie Charles schon mal getroffen hätte, ob er bei ihrer Hochzeit anwesend gewesen sei, fragt Plummer hier Connelly. Nein, ist die Antwort. Aber nur weil man jemandem noch nie begegnet ist, muss das ja nicht heißen, dass er nicht existent ist. Oder anders gesagt: wie definiert man Existenz? Später gesteht Nash seiner Frau, dass er manchmal die Gespräche mit Charles vermisst. Was unterscheidet nun ein Gespräch mit einer realen von dem mit einer nicht realen Person? Fragen, die Howard nicht berücksichtigt, genauso wenig wie eine ständige Hinterfragung, welcher der Figuren, mit denen Nash nach seiner Diagnose nun interagiert, auch tatsächlich real sind.

Aber es ist ein Hollywood-Film und kein Indie-Mindfuck-Thriller. Als rührseliges Oscarkino kann A Beautiful Mind überzeugen, dazu braucht der Film von seinem Drehbuch und seiner Regie her nicht unbedingt originell oder gelungen sein. Er bewegt bisweilen und das möchte er auch. Ein großes Lob verdient sich hierfür auch James Horner mit seiner stimmigen und mitunter träumerisch-melancholischen Musik. Auch Roger Deakins Kameraarbeit ist grandios, wie so oft zeichnet sich der Engländer durch seine phantastische Ausleuchtung aus. Überraschend, dass er für seine Arbeit als einer der wenigen nicht mit einer Oscarnominierung bedacht wurde. Was soll man nun von Howards Film halten? Er wird der Person nicht gerecht, erhebt aber auch nicht den Anspruch, dies zu wollen oder zu versuchen. Er erzählt eine Geschichte, wie sie Hollywood gerne erzählt und die bisweilen auch funktioniert. Der Film ist dabei jedoch zu lang, was weniger an seiner Laufzeit liegt als vielmehr an der Tatsache, dass die Verschwörungsnebenhandlung etwas überzogen wirkt. Vieles – allen voran die Krankheit an sich – bleibt zudem eine Facette, die lediglich als Aufhänger für das Gefühlskino dient. Insofern lautet das Fazit wohl, dass A Beautiful Mind vielleicht kein Meisterwerk ist und seinen Oscar als Bester Film auch wirklich nicht verdient hat, für das was er sein möchte jedoch in Ordnung geht.

6.5/10

8. Februar 2009

He's Just Not That Into You

Ken Kwapis zeichnete sich als Regisseur einiger Episoden der kultigen Sitcoms The Office und Malcolm in the Middle aus. Seine Kinokomödien wie Licence to Wed stinken dagegen meist gewaltig. So auch sein neuestes Vehikel, welches stargespickt bis zum Anschlag daherkommt. Einen Grund sich das dennoch anzutun wäre die atemberaubende Jennifer Connelly. Meine Besprechung zum Film findet sich beim MANIFEST.

3.5/10

10. Dezember 2008

The Day the Earth Stood Still

If the Earth dies, you die. If you die, the Earth survives.

Das Telefon klingelt. Dabei hat Helen Barnes (Jennifer Connelly) eigentlich keinen Nerv jetzt zu telefonieren, hat sie doch soeben das Abendessen für ihren Stiefsohn Jacob (Jaden Smith) vorbereitet. Die männliche Stimme am Telefon unterrichtet Helen schließlich davon, dass sie in Kürze abgeholt wird. Wohin will er ihr nicht sagen. Helen wird nervös und als kurz darauf Polizeisirenen ertönen und es an ihre Tür klopft, weicht die Nervosität einer langsamen Angst. Ein Staatsbeamter steht in ihrem Türrahmen, hinter ihm ein Polizeikonvoi von zwei Geländewagen und vier Polizisten zu Motorrad. Ohne wirklich eine Chance zu haben steigt Helen ein, erhält jedoch auch unterwegs keine Antwort für ihre nächtliche „Entführung“. Der Bundesagent der sie abholt wurde selber nicht informiert. Kurz darauf wird Helen auf einem Flughafen in ein Frachtflugzeug gesetzt, gemeinsam mit einigen anderen renommierten Wissenschaftlern. Es mutet durchaus etwas lächerlich an, dass die Astrobiologin Helen von einem Polizeikonvoi abgeholt werden muss, da ihr im Grunde keine Gefahr blüht.

Die anschließende Szenerie überrascht, denn anstatt dass Helen direkt zu ebenjenem Raumschiff gebracht wird, das die Handlung von Scott Derricksons Remake zu The Day the Earth Stood Still ausmacht, geht der Film zuerst einen anderen, interessanteren Weg. Das amerikanische Militär unterrichtet Helen und die anderen von einem unbekannten Objekt, welches auf die Erde zurast. Man rechnet mit einem Meteoriten oder Asteroiden. Die rasche Versammlung der Wissenschaftler hat einen Grund – die Einschlagszeit findet in etwas mehr als einer Stunde statt. Während sich die Wissenschaftler auf die Nachwirkung des Einschlags vorbereitet, kommt alles ganz anders als sie dachten. Das unbekannte Flugobjekt ist letztlich exakt das, was es in den fünfziger Jahren ausgezeichnet hat: ein UFO. Und ein UFO wäre kein UFO, würde es keine außerirdische Lebensform bergen. Nun stellt sich die Fragen aller Fragen: kommt der Besucher in Frieden oder mit feindlichen Absichten?

In gewissem Sinne ist Robert Weides The Day the Earth Stood Still von 1951 ein Meisterwerk seines Genres, zumindest hat es den Science-Fiction Film mit Alien-Thematik zur damaligen Zeit erstmals finanzielle Früchte tragen lassen. Die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts markierten eine Zeit voller Ängste. Zum einen die Angst vor einem nuklearen Holocaust, kulminierend aus dem Kalten Krieg mit der UdSSR und zum anderen eine Invasion feindlich gesinnter Außerirdischer. Zu einem Teil stellten die Außerirdischen dabei selbst nur eine Analogie für die „rote Gefahr“ aus dem Osten da. Geschöpfe aus einer anderen, fremden Welt, die den eigenen Lebensstil auslöschen wollten. In jener Frühphase des Kalten Krieges erschien schließlich Weides Film, der teilweise andere, bemerkenswerte Pfade beschritt, zugleich jedoch in seiner Botschaft letztlich doch versagte. Als der außerirdische Repräsentant Klaatu auf die Erde kommt, hat er den Führern des Planeten eine wichtige Botschaft mitzuteilen.

Doch seine Planungen erweisen sich schwieriger als geplant. Die Sowjets wollen sich nicht in Washington treffen und die Amerikaner nicht in Moskau. Auch die Idee mit den Vereinten Nationen stößt bei der amerikanischen Regierung auf Ablehnung. Klaatus Auftrag ist quasi beendet, bevor er begonnen hat. Seine Botschaft selbst dabei sehr simpel. Aufgrund der Entdeckung der Wasserstoffbombe stellen die Menschen eine Gefahr für das Universum dar. Sollten sie versuchen Nuklearwaffen ins All zu transportieren, würden sie damit die Aggression der vereinten außerirdischen Mächte auf sich ziehen. Ein Fingerzeig gegen das Wettrüsten und eine Bloßstellung der Engstirnigkeit sowohl von amerikanischer wie sowjetischer Seite. Zwar versuchte sich Weides Film als Plädoyer gegen die Gewalt der Menschen untereinander, doch wird dieses Plädoyer von seinem Finale letztlich korrumpiert.

Am Ende des Filmes hält Klaatu einen pathetischen Monolog, der in seinem Inhalt nicht weniger faschistisch und chauvinistisch ist, als die Systeme, die der Film zuvor kritisierte. Unter anderem äußert Klaatu so schöne Sätze wie „The threat of aggression by any group, anywhere, can no longer be tolerated” oder „Your choice is simple: join us and live in peace, or pursue your present course and face obliteration”. Analog dazu lassen sich Sätze aus George W. Bushs Rede vom 28. Januar 2003 stellen, die den bis heute andauernden Irakkrieg einläuteten. „We will answer every danger and every enemy that threatens the American people”, sagte Bush und fuhr unter anderem fort, „Sometimes peace must be defended. (…) And if war is forced upon us, we will fight with the full force and might of the United States military, and we will prevail”. Unter dem Strich gesehen „legitimierte“ Klaatus Rede die amerikanische Außenpolitik der vergangenen fast sechzig Jahre. Die ach so edle Botschaft knüpft sich selber ihren Strick. Es ist unter anderem diesem Aspekt zu verdanken, dass Scott Derrickson es geschafft hat ein Hollywood-Remake zu drehen, dass sein Original überflügelt, indem es die Schwachpunkte der Vorlage ausmerzt und zugleich die Handlungsebene einer vergangenen Epoche in die Gegenwart zu versetzen vermag. Man mag sich über die eine oder andere Szene des Remakes streiten, die durch ihre Belanglosigkeit auffallen, aber abgesehen von einem etwas fragwürdigen Weg, den bereits das Original einschlug, macht Derrickson in seinem zweiten Kinofilm alles richtig, was er richtig machen kann.

Statt Kaltem Krieg und Gewalt untereinander – die natürlich immer noch in unserer Gesellschaft verankert ist – hat The Day the Earth Stood Still einen anderen, aktuelleren Schwerpunkt gewählt. In Zeiten von An Inconveniant Truth und The Eleventh Hour ist die Globale Erwärmung oder der Raubbau an der Natur präsenter als je zuvor. Anstatt dass Klaatu wie im Original ein Repräsentant einer Vereinigung von Mächten ist, die de facto einen Präventivkrieg gegen die Erde anstreben, ist die Funktion der Außerirdischen nunmehr eher mit beschützender Absicht. In einer Szene brüskiert sich die amerikanische Verteidigungsministerin Regina Jackson (Kathy Bates), dass es „unser Planet“ sei, um den es hier geht. Klaatus Antwort ist präzise und prägnant in einer rhetorischen Frage formuliert: „your planet?“. Für die Außerirdischen ist alles Leben auf der Erde gleichwertig und somit verdient es ebenso geschützt zu werden, wie jede andere Lebensform. Von entwaffnender Wahrheit ist da der Schlüsselsatz des Filmes, dass die Menschen nicht ohne die Erde leben können, aber die Erde ohne die Menschen.

Da die Menschen nicht im Stande sind sorgsam mit ihrem Planeten umzugehen, obliegt dies der Verantwortung der Außerirdischen. Der bezeichnende Makel ist, wie später angesprochen wird, das Wissen um seine Schuld und die Fortführung der eigenen Taten wider besseren Wissens. Das Kyoto-Protokoll lässt grüßen. Eine ähnliche Kritik an der menschlichen Zivilisation fand man in artgemäßer Form bereits in The Matrix von den Gebrüdern Wachowski. Zugleich versäumt es Derricksons Film jedoch nicht, sich dem Problem von zwei Seiten zu stellen. Hierzu dient die Konfrontation von Klaatu mit Professor Barnhardt (John Cleese), die in einem entscheidenden und evolutionstechnisch gesehen durchaus nachvollziehbaren Dialog mündet. Somit ist es nicht nur gelungen die moralische Frage des Filmes in die Gegenwart zu verlagern, sondern sie sogar zu einem stringenten Ende zu führen, was Weides Film einst versagt blieb.

Die Störfaktoren des Filmes sind jedoch ebenso offensichtlich. Zuvorderst bereits die Einleitung, die vollkommen überflüssig da unnötig zum Verständnis des Filmes ist. Weitaus ärgerlicher ist da jedoch das penetrante Product Placement, das im Grunde nur als widerlich zu bezeichnen ist. Anbiedernd wird da das Microsoft Vista Logo in die Kamera gehalten, mit einem Honda durch die Gegend gefahren und schließlich bei McDonalds Halt gemacht. Die Hure Hollywood macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Zu bemängeln wären auch die nicht sonderlich überzeugenden visuellen Effekte. Weshalb das außerirdische Raumschiff eine schimmernde Kugel ist, ergibt sich spätestens dann, wenn man sich den Leiter der zugehörigen Abteilung ansieht. Jeffrey A. Okun hatte einst bei Barry Levinsons Sphere seine Hände mit im Spiel und scheint kurzerhand seine alten Pläne rausgekramt zu haben, statt sich neuer kreativer Ergüsse zu bedienen.

Auch Gort wirkt dermaßen künstlich, dass man sich zu Recht fragt, weshalb ihn die Macher unbedingt achteinhalb Meter groß machen mussten. Allerdings muss man eingestehen, dass die Effekte nicht wirklich weh tun und im Rahmen ihrer Platzierung akzeptabel sind. Streitbar wäre dagegen fraglos die verstärkte messianische Konnotation von Klaatus Figur im Vergleich zu Weides Film. Bereits dort waren die Analogien zu Christus offensichtlich, doch finden sie bei Derrickson nochmals eine Ausdehnung. Nicht nur wandelt Klaatu in einer Szene über das Wasser, sondern er erweckt auch Tote wieder zum Leben und wird von Stigmata gezeichnet. Dies könnte sicherlich dem einen oder anderen etwas sauer aufstoßen. Die Vergleiche zur Christus-Figur sind jedoch derartig ersichtlich, dass sie eher zum Schmunzeln und zur Belustigung an- als zur Brüskierung aufregen.

Zu guter letzt ist es auch die Besetzung, die ein Lob verdient. In die Rolle von Klaatu schlüpft im Remake nun Keanu Reeves, der augenscheinlich perfekt für die Figur zu sein scheint. Denn Klaatus Emotionslosigkeit über die meiste Spielzeit hinweg erfordert nicht sonderlich viel schauspielerisches Talent, sodass Reeves hier mit seinem steinernen Blick größtenteils richtig liegt. Zudem passt er sein Spiel dem Wandel seiner Figur innerhalb der Geschichte an, sodass man dem Schauspieler keinerlei großartigen Vorwürfe machen kann. Ähnlich verhält es sich mit Jaden Smith, dem zweitjüngsten Sprössling von Hollywood-Superstar Will Smith, der in The Day the Earth Stood Still den verbitterten und bornierten Stiefsohn von Jennifer Connelly spielt. Connelly wiederum ist schauspielerisch über jeden Zweifel erhaben und durch ihren Auftritt in Hulk bereits gewohnt eine Biologin zu spielen, die mit dem US-Militär in Hubschraubern unmenschlichen Gegnern folgen muss. Des weiteren treten in Nebenrollen die Fernsehschauspieler Kyle Chandler und Robert Knepper auf.

Einziger Schwachpunkt des Filmes ist leider Kathy Bates als amerikanische Verteidigungsministerin. Dass Mrs. Bates eine exzellente Schauspielerin ist, steht außer Frage, die Rolle der toughen Ministerin, die das Ende der Welt abwenden soll, kauft man der kleinen üppigen Frau dann aber doch nicht so ganz ab. Insgesamt überzeugt das Schauspielerensemble und mit ihnen der gesamte Film. Dass es heutzutage einem Hollywood-Remake zu gelingen vermag, seinem Original zu enteilen ist eine Seltenheit und verdient hier in der Tat Lob. Ob der Film gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika finanziell erfolgreich sein wird, ist zu bezweifeln, bedenkt man die kritischen Töne, die Derricksons Film gerade gegenüber der Umwelt- und Militärpolitik des Landes anschlägt. Auf alle Fälle zählt The Day the Earth Stood Still zu den besten Science-Fiction Filmen des Kalenderjahres.

7.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

27. Juni 2008

Reservation Road

Can you hear music if you're in Heaven?

König Theoden sagt in The Two Towers, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen. Der Tod eines Elternteils ist in Hollywood-Filmen oftmals Auslöser für eine Selbstfindung der hinterbliebenen Kinder und wird zentral in Dramödien wie Garden State oder Elizabethtown behandelt. Beide Filme haben ruhige und konsternierte Söhne als Hauptprotagonisten, die das Elternteil zwar vermissen, an dem Verlust jedoch nicht zu Grunde gehen. Anders dagegen ist dies, wenn ein Elternteil sein Kind verliert. Sean Penn inszenierte in The Crossing Guard Jack Nicholson als verbitterten Vater, der Rache an David Morse für den Tod seines Kindes ausüben wollte. Auch Naomi Watts verlor in 21 Grams von Alejandro Gonzáles Iñárritu ihre beiden Kinder nebst Ehemann und zerbrach schier daran. In John Burnham Schwartz’ Roman Reservation Road (dt. Eine Sekunde nur) wird ein solches Ereignis beschrieben.

Nach einem glücklichen Ausflug macht die Familie Learner um Oberhaupt Ethan und Ehefrau Grace Halt an einer Raststätte auf der Reservation Road. Der zehnjährige Sohn, Josh, verlässt den Wagen und wird daraufhin von einem ausscherenden Geländewagen erfasst und tödlich verletzt. Im Wagen saß Dwight Arno mit seinem Sohn Sam, beide auf dem Heimweg von einem Baseballspiel. Dwight hält zwar kurz an, begeht dann jedoch Fahrerflucht und lässt eine trauernde Familie auf der Reservation Road zurück. Schwartz’ Roman wurde im vergangenen Jahr von Terry George fürs Kino verfilmt. George, der für seine Drehbücher zu In the Name of the Father und Hotel Rwanda jeweils eine Oscarnominierung erhielt, adaptierte Schwartz’ Drehbuch und besetzte den Film mit hochkarätigen Schauspielern. Erfolg war ihm dabei jedoch nicht vergönnt, der Reservation Road spielte weltweit nicht mal eine Millionen Dollar ein und wurde auch bei den diesjährigen Academy Awards übergangen.

Der Roman von Schwartz beeindruckt dadurch, dass jedes Kapitel sich abwechselnd auf das Innenleben von Ethan, Grace und Dwight beschränkt, ihr Innenleben reflektiert und so die Handlung vorangetrieben wird. Dabei ist sich Dwight seiner Schuld durchaus bewusst und er plant letztlich sein Geständnis bei der Polizei, will zuvor aber noch etwas Zeit mit seinem eigenen zehnjährigen Sohn verbringen, der bei Dwights Ex-Ehefrau Ruth lebt. Während sich Ethan und Dwight im Roman nie begegnen, veränderte George das Drehbuch an diesem Punkt. Nach dem Verlust von Josh wird Ethan (Joaquin Phoenix) von Rachegelüsten überfallen. Immer mehr entfremdet er sich von seiner ebenfalls trauernden Frau Grace (Jennifer Connelly). Da er die Ermittlungen der örtlichen Polizei als unzureichend empfindet, informiert Ethan sich übers Internet in etwaigen Foren und schaltet schließlich eine Anwaltskanzlei ein.

Wie das Schicksal so spielt, arbeitet ausgerechnet der Täter und Fluchtwagenfahrer Dwight (Mark Ruffalo) bei dieser Anwaltskanzlei - doch Ethan erkennt ihn nicht. Bei den Kritikern kam Reservation Road nicht besonders gut weg, Filmrezensent James Berardinelli von ReelViews bemängelte insbesondere das schwache Ende im Vergleich zur Vorlage. Wer den Roman kennt, mag sich wundern, wovon Berardinelli eigentlich spricht, denn abgesehen von einem Ortswechsel ist das Ende im Film vom Inhalt her identisch mit dem des Romans. Die Abänderung der Beziehung zwischen Ethan und Dwight mag man dagegen durchaus kritisch beobachten, Roman und Film gehen hier zwei verschiedene Wege, die letztlich am selben Ziel enden. Es lässt sich jedoch kaum leugnen, dass in den Szenen zwischen den Beiden die Spannung förmlich in der Luft liegt, ein Knistern, das eine herbe Explosion anzudeuten vermag.

Wirklich bedauerlich hingegen ist die Kürzung von Grace im Film, die dem Publikum mehr von der großartigen Jennifer Connelly vorenthält. Im Roman wird ihr eine weitaus bedeutendere Rolle zugesprochen, im Film hingegen konzentriert sich George zuforderst auf die Gemeinsamkeiten zwischen Ethan und Dwight. Zwei Männer, die in etwa im selben Alter sind und die beide einen zehjährigen Sohn haben. Während Dwight mehrfach Streitereien mit seiner Ehefrau Ruth (Mira Sorvino) hatte und schließlich das Sorgerecht verlor, ist Collegeprofessor Ethan eine gute Seele und stolzer Vater zweier musikalisch begabter Kinder. Man mag sich daran beißen, dass die Learner hier die klischeehafte, harmonische Familie geben, im Laufe des Filmes wird sich dies jedoch ändern. Anstatt für seine Familie da zu sein, kapselt sich Ethan immer mehr in seinem Kummer ab. Ein einsamer Mann auf der Suche nach Vergeltung. Seine Ehefrau Grace hingegen versucht mit dem Verlust ihres einzigen Sohnes zurecht zu kommen und ihrer Tochter Emma (Elle Fanning) eine gute Mutter zu sein.

Dwight hingegen ist von enormen Schuldgefühlen geplagt, als Vater ist er sich des verursachten Schmerzes durchaus bewusst. Da er nicht überführt werden kann, plant er sich zu stellen. Zuvor will er jedoch noch die Meisterschaft im Baseball mit seinem Sohn verfolgen, ein letztes positives Ereignis, ehe er für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern wird. Zwei Männer mit Seelenballast, zwei Männer die etwas zu verlieren haben. Man mag sich fragen, was passiert wäre, wenn Ethan Dwights Sohn Lucas und nicht umgekehrt Dwight Ethans Sohn Josh überfahren hätte. George skizziert zwei liebende Familienväter, die lediglich versuchen ihre Familie zusammenzuhalten und mit dem Schmerz klar zu kommen. Besondere Spannung erhält dies selbstverständlich durch den Umstand, dass Dwight durch seine Arbeit in die Umgebung der Learners gezogen wird.

Die Oscarpreisträger im Cast finden sich mit Connelly und Sorvino auf Seiten der beiden Damen, Reservation Road jedoch gehört alleine den männlichen Schauspielern um Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo. Besonders Phoenix weiß hier als introvertierter Vater zu überzeugen, sein Spiel ist von einer außerordentlichen Tiefe geprägt, dagegen kommt selbst Ruffalo mit einer ebenfalls guten Leistung oft nicht an. Aber auch Connelly weiß wie so oft zu überzeugen, obschon ihre Figur im Gegensatz zur Vorlage etwas eingeschränkt wurde. Von Sorvino sieht man leider viel zu wenig, sie fügt sich jedoch mit Elle Fanning in das großartig aufspielende Ensemble ein, welches den Film im Grunde alleine trägt. Abgerundet wird das Ganze dann von Mark Ishams stimmungsvollen Kompositionen, die versuchen in ruhigen Tönen den Schmerz der Familie Learner und die innere Zerrissenheit von Dwight einzufangen.

Georges Film schließt den Zuschauer etwas aus dem Innenleben der Figuren aus, dass man eine solche Geschichte jedoch auch aufteilen kann, hat im vergangenen Jahr Todd Field mit seinem großartigen Little Children bewiesen. Nichtsdestotrotz ist Reservation Road Schauspielkino erster Güte und der Schmerz, den die Learners empfinden, transferiert sich wunderbar auf die Leinwand und wirkt ergreifend auf das Kinopublikum. Das Ende, betrachtet man das Geschehene nur konsequent, erinnert in seiner Auflösung jedoch etwas an Hanekes Caché. Zuletzt sei gesagt, dass der Trailer zum Film wieder mal sinnbildlich für die Inkompetenz der Trailercutter steht. Wenn sie einem nicht gänzlich die Laune auf einen Film vermiesen, wie bei Hallam Foe oder XXY, so nehmen sie das Ende des Filmes, wie hier geschehen, bereits vorweg. Wer Reservation Road in 150 Sekunden gepresst sehen will, sei somit der Trailer geraten, alle anderen sollten um diesen einen Bogen machen.

7.5/10

10. Juni 2008

Hulk

You’re making me angry. You wouldn’t like me when I’m angry.

In das goldene Jahrzehnt der Marvel Comics gehört auch Bruce Banner alias der Hulk. Er entstammte wie die meisten populären Marvel Charaktere aus der Feder des genialen Stan Lee in Zusammenarbeit mit Jack Kirby und erlebte seine ersten Abenteuer im selben Jahr wie Spider-Man, nämlich 1962. In seiner Grundstruktur verkörpert die Geschichte Lees dabei eine Mischung aus Elementen von Frankenstein bis hin zum offensichtlichen Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Dabei handelt es sich, wie so oft bei Lee, um eine Geschichte mit stark philosophischer Konnotation. Der Hulk erscheint dem unerfahrenen Leser zwar wie ein plumpes Wesen, welches sich nicht einmal richtig artikulieren kann, doch trügt der Schein. Man sollte den Hulk nicht als eigenständiges Wesen sehen, sondern immer im Zusammenhang mit seinem Alter Ego Bruce Banner. Banner ist ein genialer Wissenschaftler, innerhalb der Serie wird er sogar als einer der brillantesten Köpfe der Erde beschrieben. Da verwundert es auch nicht, dass Banner selbst für die Gammaexplosion sorgt, die ihn letztlich zu dem werden lässt, was den ziemlich eindeutigen Titel "Hulk" (dt. Koloss, Klotz) trägt.

Banner und Hulk sind ein und dieselbe Person, das grüne Monster – welches in seiner ersten Ausgabe noch grau war – verkörpert Banners dunkle, aggressive Seite. Jeder Mensch trägt einen grünen aggressiven Klotz in sich und immer wenn man eine Ungerechtigkeit hinunter schlucken muss, wird dieser Klotz genährt und gestärkt. Dieser Klotz aufgestauter Aggressionen ist der Hulk. In Stresssituationen oder wenn er wütend gemacht wird, mutiert Banner zum Hulk. Somit entsteht sein Alter Ego immer dann, wenn Banner selbst mit einer Situation überfordert scheint, dieses übernimmt man die jeweilige Konfliktlösung. Wie Spider-Man zählt auch der Hulk zu den populären Figuren des Comic-Universums und brachte es nicht nur auf 16 Comic-, sondern auch zu drei Animations- und zwei Fernsehfilmen. Diese wurden 1977 ausgestrahlt und mündeten in einer vierjährigen Serienauskopplung, die durch ihren Hulk-Darsteller Lou Ferrigno geprägt wurde. Gut vierzig Jahre nach seinem Entstehen schaffte es der Hulk 2003 nach 12 Jahren Entwicklung endlich die Kinoleinwand zu stürmen.

In den neunziger Jahren kam etwas Leben in die Bemühungen, 1994 wurde Joe Johnston als Regisseur verpflichtet und, wie bei Comicverfilmungen nicht ungewöhnlich, verschiedene Drehbuchentwürfe durchgearbeitet. Unter anderem verfassten Michael France (GoldenEye, The Punisher), Michael Tolkin (Deep Impact) und David Hayter (X-Men) verschiedene Entwürfe für Drehbücher. Hayters Version beinhaltete die Hulk-Bösewichter The Leader und The Absorbing Man und bildete die Grundlage für das finale Skript. Dieses wurde von James Schamus verfasst, dem Stammautoren von Ang Lee, der die Regie für das Projekt übernahm. Letztlich wurde auf die Verwendung der typischen Hulk-Gegner verzichtet und stattdessen erschuf man eine neue Variation, indem man Hayters Bösewichter gemeinsam mit Zzzax zu einem Bösewicht verschmelzen ließ, der im Finale als Hauptantagonist dient, indem er mit Bruce Banners Vater David Banner verschmilzt.

Für dessen Besetzung stand Nick Nolte fest, die beiden Hauptrollen von Bruce Banner und seiner großen Liebe und Arbeitskollegin Betty Ross hingegen brachten wieder einmal auf interessante Weise das Darstellerkarussell zum Drehen. Mitte der Neunziger war Johnny Depp als Banner vorgesehen, fraglos weil wie so oft der Burtonsche Name über dem Projekt schwebte. Aber auch Steve Buscemi, Tom Cruise, Jeff Goldblum und David Duchovny gehörten neben Edward Norton zu dem auserlesenen Kreis. Norton wiederum darf sich dieses Jahr in der Neuauflage unter Louis Letterier als Banner versuchen. Ang Lees Favorit auf die Rolle war Billy Crudup, der allerdings ablehnte, sodass schließlich der Australier Eric Bana engagiert wurde, der die Rolle seiner Darstellung in Chopper zu verdanken hatte. Lee selbst hatte für sein Herzensprojekt Hulk auf eine Involvierung im dritten Terminator-Abenteuer verzichtet und spickte seine Kinoadaption mit vielen Referenzen zur Fernsehserie The Incredible Hulk und dessen Darsteller Lou Ferrigno (der zu Beginn einen Cameo gemeinsam mit Schöpfer Stan Lee erhielt).

Im Jahre 1998 betrugen die Kosten für das Projekt, welches zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Drehtag hinter sich hatte, bereits zwanzig Millionen Dollar, allein aufgrund der Ausgaben für die Drehbuchentwürfe. Wenige Jahre später sollten die Arbeiten von ILM beginnen, um die Figur glaubwürdig auf die Leinwand zu zaubern. Für insgesamt 137 Millionen Dollar entstand der Film letztlich und spielte diese Summe in etwa auch wieder am amerikanischen Kinomarkt ein. Dabei verzeichnete Hulk eine traurige Bilanz, verlor er doch am zweiten Wochenende enorme 70% seines Debüteinspiels, sodass er am Ende die Hälfte seines US-Einspiels am ersten Wochenende eingespielt haben sollte. Mit weiteren 118 Millionen international ist der Erfolg von Hulk als äußerst bescheiden zu bezeichnen, allgemein wurde der Film als zu ernst aufgenommen, zu komplex. Doch dazu später mehr. Der kritischste Punkt im Projekt sollte die digitale Animation des Hulk werden, die von ILM in anderthalb Jahren betrieben wurde, über 2,5 Millionen Stunden und die Arbeit von 180 Technikern beanspruchen sollte.

Was anschließend auf Hulk einprasselte, waren Vergleich mit DreamWorks Shrek sowie Hohn und Spott. Dass es selbst fünf Jahre später nicht besser geht, beweist Leterrier mit seiner Neuauflage. Die digitale Umsetzung sollte die Techniker von ILM noch des Öfteren fordern, allen voran die umstrittene Kampfszene zwischen Hulk und den Hulk-Hunden. Jene Sequenz zählt zu den umfangreichsten Animationen, die ILM bis zu der damaligen Zeit vorgenommen hatte und wurde lediglich zu einem Drittel umgesetzt. Dabei ist die Animation des Hulk im Grunde nicht als schlechter anzusehen, wie die von Spider-Man im Jahr zuvor. Das knallige Grün ist dabei in der Serie ebenso verankert, wie die protzige Statur von Hulk, der in Lees Filmen dennoch praktisch nach dem Spitznamen „Stiernacken“ schreit. Hulk ist aber ein Fremdkörper in seiner Gesellschaft und trotz allem – bedenkt man die Umstände – gelungen animiert. Insbesondere die Momente der Metamorphose von Banner zu Hulk und vice versa lassen sich sehen und beeindrucken, wie allgemein die digitalen Effekte sich sehr gut in die von Lee angestrebte Inszenierung als wahrhaftige Comic-Adaption einfügen. Pate als Hulk beim Motion Capture stand Lee selbst.

Ein Novum und bisheriges Unikat im Genre der Comic-Adaptionen ist Lees Schnitttechnik. Diese orientiert sich fast durchweg an den gepinselten Vorlagen und strotzt nur so von Überblendungen sowie Zoom-ins und Zoom-outs. Besonders markant wird dies in Hulks Fluchszene eingesetzt, in welcher die Bilder fließend ineinander übergehen, aneinander vorbeifließen und sich praktisch die Hand reichen. Dieser explizit erzeugte Look eines bewegten Comics kam bedauerlicherweise bei den meisten Zuschauern nicht an, was mitunter dafür gesorgt haben dürfte, dass nachfolgende Kinoadaptionen wie Iron Man oder X-Men: The Last Stand auf diese Funktion verzichteten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Publikum sich bei einer Kino-Comic-Version durch Comic-Stilmittel überfordert fühlte. Insgesamt zählt die Schnitttechnik von Tim Squyres allerdings zu den grandiosen Höhepunkten dieser Hulk-Verfilmung.

Lobend erwähnt werden muss auch der kongeniale Score von Danny Elfman, dessen fantastische Klänge bereits bei Spider-Man fokussiert wurden. Sein Hulk-Theme jedenfalls erzeugt die perfekte Stimmung und zugleich Tiefe. Elfman beweist auch hier, weshalb er zu den begnadensten Komponisten – vor allem im Fantasy-Genre – zählt. Sein Komposition wiederum ist selbst eine Referenz an seinen Kollegen Bernard Herrmann, der mit Altmeister Alfred Hitchcock zusammengearbeitet hatte. Nicht unterschätzen darf man auch das Casting des Filmes, für welches sinnbildlich die Besetzung von Todd Tesen steht, der als junger Verschnitt von Sam Elliotts Figur des General Ross in seinen Szenen die Leinwand für sich einnimmt, sodass sein ebenfalls gut gecastetes Pendant Paul Kersey absolut blass aussieht. Aber auch die Besetzungen von Sam Elliott (Gen. Ross), Josh Lucas (Major Talbot), Jennifer Connelly (Betty Ross) und Eric Bana (Bruce Banner) sind überaus gelungen und zählen zu den eindrucksvollsten im Bereich der Comic-Adaptionen.

Neben der Vermischung von Elementen aus Frankenstein sowie Dr. Jekyll und Mr. Hyde wurde Lees Film stark beeinflusst von der griechischen Tragödie an sich, genauer gesagt von Ödipus. In Hollywood gehört es eigentlich zum guten Ton, in seine Filme eine gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung einzubauen. Steven Spielberg kommt seit zwanzig Jahren in seinen Filmen gar nicht mehr ohne aus, und auch in Lees Hulk dreht sich alles um die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Im Gegensatz zum Comic ist Banners Mutation nicht eigenes Selbstverschulden, sondern genetisch bedingt. David Banner (Nick Nolte) experimentierte mit seinen eigenen Genomen und vererbte die Wirkung schließlich an seinen Sohn weiter, den er zum Testobjekt degradierte. Ein Unfall löst schließlich die Mutation aus, doch ehe das Publikum den Hulk zu sehen bekommt, vergehen beinahe 45 Minuten. Gerade in dieser Exposition ist Lees Film etwas zu lang geraten, die aufgesetzte Komplexität der Geschichte hätte man auch verkürzt darstellen können.

Zu den misslungen Szenen zählt sicherlich auch die Hulk-Hunde-Sequenz, die allgemein von den Fans missbilligend zur Kenntnis genommen wurde (selbst wenn sie auf einer Ausgabe der Serie basiert). Im Kampf zwischen Hulk und Pudel sei die Frage gestattet, weshalb die Tiere nicht über dieselben Fähigkeiten wie Hulk verfügen, doch vielleicht sollen sie dies auch gar nicht. Lächerlich wirken sie und die ganze Sequenz allemal, so gerne man sie auch versucht zu mögen, bedenkt man die Probleme, welche sie dem ILM Team bereitet hat. Die Actionsequenz in der Wüste mit Hulk und den Panzern ist jedoch weitaus gelungener und im Grunde auch das Highlight des Filmes, zumindest in der Action-Hinsicht. Das Finale wiederum zählt mit der Einleitung zu den etwas missratenen Punkten. Zu sehr legt Lee den Fokus auf David Banner und dessen Forschung, die im Grunde überhaupt nichts mit Banner/Hulk zu tun hat. Auch die Tatsache, dass man Banner zum Endgegner aufstachelte, indem man drei beliebte Hulk-Antagonisten in ihm vereinte, wirkt äußerst misslungen, ebenso wie das tatsächliche Ende.

Doch es ist nicht das Finale, an dem Lees Film für die Massen gescheitert scheint, sondern allgemein die Gewichtung der Familienbeziehung innerhalb des filmischen Kontextes. In einer ersten Hulk-Verfilmung hat eigentlich eine Familientragödie griechischen Ausmaßes nichts verloren, zumindest nicht in dieser Form und vor allem nicht in einem Piloten. Selbstverständlich, dass das den unbefleckten Kinozuschauer überforderte, nicht umsonst sind alle Piloten im Comic-Genre gleich gestrickt. Wer ist der Held, wie gewann er seine Kräfte und gegen wen muss er sich anschließend durchsetzen? All das hat Lee für seinen Hulk durchaus berücksichtigt, jedoch gelegentlich falsch ins Licht gerückt und zu sehr die Nebenfigur David Banner beleuchtet. Im Gegensatz dazu geht Talbot beispielsweise gänzlich unter, insbesondere seine Machtspielchen mit General Ross, die dem Zuschauer praktisch im Vorbeigehen serviert werden. Enttäuschend ist sicherlich auch die Tatsache, dass der Hulk hier tatsächlich zum bloßen Klotz verkommt und abgesehen von einer Traumsequenz überhaupt nicht sprechen darf (die finale Szene außen vor gelassen).

Wahrscheinlich befürchtete Lee, dass die Zuschauer den grünen Riesen aufgrund seiner fehlenden Artikulation in der von sich selbst oft in der dritten Person spricht („Hulk smash!“). Hier hätte die Gefahr bestanden, dass das Publikum Hulk für zurückgeblieben halten könnte, dabei gewinnen die Comics gerade durch Hulks oftmals unsinnigen Beschreibungen seiner eigenen Handlungen ihren humoristischen Charakter. Hauptdarsteller Bana zufolge vermied Lee jedoch konsequent eine amüsante Stimmung am Set, sah er sein Projekt doch verbissen als Superhelden-Drama. An dieser Ambition scheinen er und sein Film letztlich gescheitert zu sein, zumindest in den Augen des Massenpublikums, welches mit seinen Bewertungen und allem voran mit seinen damaligen Besucherzahlen Bände spricht (spielte der Film fast nur ein Viertel wie Spider-Man ein Jahr zuvor ein). Für den Fan ist Hulk hingegen weitaus gelungener und wer sich mit dem Genre respektive Produkt „Comic“ genauer beschäftigt, wird auch dem Drama-Schauwert dieser Verfilmung einiges abgewinnen können, auch wenn sie nicht frei von Fehlern ist.

8/10

22. Dezember 2007

Little Children

You couldn't change the past. But the future could be a different story.

Bereits im Jahre 2001 konnte Todd Field mit In the Bedroom beweisen, dass er es versteht mit familiären Themen umzugehen. Damals sollte eine Affäre eines Studenten mit einer verheirateten Frau zwei Familien in eine Tragödie stoßen. Es gab damals nicht nur drei Oscarnominierungen für die Schauspieler, sondern auch zwei für Todd Field selber, sowohl für den besten Film, als auch das beste adaptierte Drehbuch. In diesem Jahr erschien eine neuerliche Romanadaption von Todd Field, in der ebenfalls wieder Affären das Familienleben beeinflussen. Field adaptierte gemeinsam mit dem Romanautor Tom Perrotta dessen 2004 erschienenen gleichnamigen Roman und erhielten dafür dieses Jahr eine weitere Oscarnominierung, ebenso wie Kate Winslet und Jackie Earle Haley. Es möchten sich unweigerlich Vergleiche mit dem thematisch ähnlichen American Beauty aufdrängen, dennoch erzählt Little Children eine andere, eigenständige, aber nicht weniger dramatische Geschichte, jedoch ohne an den Witz und Humor von American Beauty anknüpfen zu können. Dafür ist der Subplot, der sich um Kindesmisshandlung dreht, viel zu ernst, als dass Field sich hier humoristische Töne erlauben würde – auch wenn der Film dennoch dieses ernste Thema, wie die meisten Filme, nicht zentral ins Licht rückt, sondern sogar im Vergleich zur Romanvorlage beschneidet.

In einer kleinen amerikanischen Vorstadt treffen sich die Hausfrauen mit ihren Kindern beinahe täglich im Park und während die Kinder spielen, wird unter den desperate housewives der neueste Klatsch ausgebreitet. Sowohl dazugehörend, als auch Außenseiterin ist dabei die feministische Sarah (Kate Winslet), die mit ihrer Tochter Lucy oftmals überfordert zu sein scheint. Abschätzige Blicke erhält sie insbesondere von der erzkonservativen Mary Ann. Aufregung bildet sich unter den Frauen nur, wenn der „Abschlussballkönig“ Brad (Patrick Wilson) mit seinem Sohn den Park betritt. Obschon Grundlage für viele Tagträume der Frauen, hat noch keine der Damen je mit ihm geredet. Da Sarah die anderen verklemmten Frauen ohnehin überdrüssig sind, geht sie zu Brad und beginnt ein Gespräch, welches schließlich in einen kurzen Kuss zur Abschreckung der anderen mündet. Doch der Augenblick will beiden nicht aus dem Kopf und da sowohl Sarah, als auch Brad in seiner Ehe mit der Dokumentarfilmerin Kathy (Jennifer Connelly) unglücklich sind, beginnt das Interesse der beiden aneinander zu wachsen und endet in täglichen kleinen Refugien im städtischen Bad. Zur selben Zeit wird in die Gemeinde der entlassene Kinderschänder Ronnie (Jackie Earle Haley) entlassen, der fortan nicht nur von der Gemeinde, sondern auch vom frühpensionierten Polizisten Larry (Noah Emmerich) unter Beobachtung steht.

Das Highlight von Fields Little Children ist, dass er sich eines allwissenden Erzählers bedient, der hin und wieder das Seelenleben oder Hintergrundinformationen über die Figuren ans Publikum übermittelt. Bedauerlicherweise nimmt dies zum Ende, wenn die Handlung in ihre dramatische Phase eindringt, etwas ab. Trotz allem verleiht gerade dies der Geschichte einen besonderen Charakter und verleiht dem ganzen eine gewisse Erzählstruktur. Zum Teil entpersonalisiert es auch die Figuren in der Geschichte, wirkt aber nie fehl am Platze. Verwendung findet dieser Kniff zumeist dann, wenn etwas erzählt werden soll, was zu viel Platz einnehmen würde, wenn man es ausführlich darstellen würde. Dies trifft zum Beispiel auf Sarahs Ehemann Richard zu, der für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle spielt und lediglich als Impuls für Sarahs Verhalten dargestellt wird. Wenn Richard in seinem Büro sitzt und sich auf seinem Rechner Pornos der verruchten Hausfrau Slutty Kay ansieht oder in seinem Arbeitszimmer zu Hause mit einem getragenen Höschen auf dem Kopf von Sarah beim Masturbieren unterbrochen wird, entbehrt dies natürlich nicht einer gewissen Komik. Symbolisch steht es natürlich für die Entfremdung der beiden innerhalb ihrer Ehe, wenn keiner der Partner mehr das bekommt, wonach er sich eigentlich sehnt. Während es bei Richard das Ventil der Pornographie ist, schaltet Sarah bei einem Spaziergang ab.

Mit Sehnsucht findet sich auch das übergeordnete Thema von Little Children, denn jede der Figuren sehnt sich nach etwas in ihrem Leben, nach einem Zustand, den sie einst innegehabt, dann jedoch irgendwann verloren haben. Bei Sarah scheint dieser Wandel mit der Geburt ihrer Tochter eingesetzt zu haben, welche sie die meiste Zeit vernachlässigt und nicht wirklich auf sie eingeht. Die Wünsche und Bedürfnisse von Lucy kollidieren in den meisten Fällen mit denen von Sarah, wenn sich diese nur ein paar Minuten Ruhe für ihre Literatur wünscht. In einer Szene begutachtet Sarah im Bad lieber ihre Haut, als ihrer Tochter die Tür zu öffnen, welche den ganzen Tag damit verbracht hatte ihr ein Geschenkt zu basteln und es ihr übergeben wollte. Erst später soll Sarah herausfinden, wie viel sie tatsächlich für Lucy empfindet. Ebenso wie Richard bleibt auch Kathy eher im Hintergrund. Das Problem in der Ehe zwischen Brad und Kathy liegt darin, dass Kathy diejenige ist, die durch ihre Arbeit das Geld verdient, während Brad, der bereits zweimal durch die Zulassungsprüfung für Anwälte gefallen ist, das Heimchen gibt. Unter Druck gesetzt fühlt er sich dabei von seiner Frau, die nicht zu verstehen scheint, dass er eigentlich gar kein Anwalt sein will. So endet sein nächtlicher Weg zur Bibliothek immer am örtlichen Skaterpark, wo er stundenlang den Jugendlichen bei ihrer Leichtigkeit zusieht.

Während die Feministin Sarah gegen das eheliche Gebilde erfolglos rebelliert und schließlich in Brad ihren innerlichen Aufschrei, ganz wie Emma Bovary, findet. Die Analyse des Romans von Gustave Flaubert wird in einer Buchgruppenreflexion direkt auf den Zustand von Sarah übertragen. Brad hingegen findet in Sarah Aufmerksamkeit und Verständnis für seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Sarah erkennt sofort, dass Brad nicht glücklich damit ist, Anwalt zu werden und unterstützt ihn im Gegensatz zu Kathy bei seinen nächtlichen Football-Spielen mit Larry und seinen Polizistenfreunden. Klimatischer Gipfelpunkt ist ein Essen zwischen beiden Familien, bei welchem Sarah überrascht reagiert, als sie etwas über Brad erfährt, was sie vorher nicht wusste. Mit ihrer Reaktion bewirkt sie den ersten Verdachtsmoment bei Kathy. Sowohl Brad als auch Sarah fühlen sich also in der konservativen Vorstellung der Familie gefangen, unberücksichtigt und eingeschränkt. Dies mündet in einer großartigen Szene, als sich Sarah einen Badeanzug bestellt, damit sie mit Lucy in das öffentliche Bad gehen kann, von dem sie weiß, dass Brad mit seinem Sohn öfters dort ist. Und tatsächlich treffen sich die beiden, jedoch hinreißend geplant zufällig. Die täglichen Treffen im Freibad bilden für beide ein erstes Ventil, welches sich jedoch im körperlichen Kontakt Luft verschaffen muss. Wie Field und Perrotta dies ganz allmählich aufbauen lässt sich nur als sagenhaft beschreiben, von einer beeindruckenden Ehrlich- und Glaubwürdigkeit.

Sehnsüchte haben auch Larry und Ronnie. Larry, der einst durch ein Missverständnis einen Teenager erschossen hat, leidet unter seinem Trauma und musste in Frühpension bei der Polizei gehen. Dabei vermisst er seinen Job so sehr, dass er sich der Nachbarschaftspolizei anschließt und sich nach Bedeutung in seinem Leben sehnt, sei dies in der Sicherung der Nachbarschaft oder beim Footballspielen. Da kommt ihm der entlassene Kinderschänder Ronnie gerade recht, der wieder bei seiner Mutter eingezogen ist. Im Gegensatz zur Romanvorlage hat Ronnie im Film die Sehnsucht einfach ganz normal zu sein und lässt sich sogar von seiner Mutter zu einem Blind Date breitschlagen, welches er zu Beginn auch noch ganz gut meistert, ehe es am Ende aus dem Ruder läuft. Die Außenseiterrolle Ronnies gipfelt in der wahrscheinlich besten Szene des Filmes, wenn Ronnie mit Flossen und Schnorchel das Freibad aufsucht und unter Wasser an einem heißen Sommertag die tollenden Kinder beobachtet. Als die Mütter ihn schließlich erkennen, mündet dies in einer hastigen Rettungsaktion aller Kinder aus dem Becken, als befände sich ein weißer Hai darin. Während Ronnie wie dieser seine Runde unter Wasser dreht, stehen die Mütter mit ihren Kindern gaffend am Beckenrand, ehe die Polizei Ronnie aus dem Freibad entfernt. Und sofort als er aus dem Becken ist, löst sich die drückende Stimmung wie ein dunkler Schleier.

Gerade diese kleinen Details sind es, die Little Children so besonders machen, was es bei Brad bewirkt, wenn sein Sohn beim Anblick seiner Mutter seinen Lieblingshut davon schmeißt, oder Sarahs erwartungsvoller Blick, als sie ihren Badanzug in den Händen hält und darin ihre Hoffnung wiederspiegelt. Wie bereits in In the Bedroom liefert Todd Field ein demaskierendes Bild der glücklichen (amerikanischen) Familienidylle, ohne humoristisch-künstliche Kniffe wie Sam Mendes in American Beauty. In Little Children sagen Blicke mehr wie tausend Worte und besonders Kate Winslet kann sich durch ihre Verkörperung der Sarah wieder einmal hervortun. Wann schenkt man dieser Frau endlich ihren langverdienten Oscar, fragt man sich beim Betrachten, genauso wie es Paul Bettany eigentlich geschafft hat, diese atemberaubende Jennifer Connelly zu seiner Frau zu machen. Todd Field zeigt ebenfalls wieder sein Talent und sein Gespür für ruhige Dramen, auch wenn das Ende wieder typisch amerikanische Züge annimmt, selbst wenn es für die Entwicklung der Charaktere steht. Einziger Wermutstropfen ist, dass wie nur allzu oft in Hollywood-Produktionen das Thema der Kindesmisshandlung, wie in Mystic River oder Gone Baby Gone, lediglich als Aufhänger für den Narzissmus der Erwachsenen dient. Denn dafür ist das Thema an sich eigentlich viel zu ernst und dramatisch.

8.5/10