14. Dezember 2007

Gone Baby Gone

You got to take a side.

Wieder ein Film mit vielen Vorschußloreeren, der Berücksichtigung finden sollte, für den großen Jahresrückblick. Ben Affleck, dessen Schauspielerkarriere so ziemlich gegen die Wand gefahren scheint, inszenierte hier nicht nur seinen dritten Spielfilm und den ersten der es tatsächlich auf die Leinwand schaffte, sondern er verfilmte auch sein persönliches Lieblingsbuch, den gleichnamigen Roman von Dennis Lehane aus dem Jahr 1998. Dabei ist Gone Baby Gone nur ein Roman aus einer ganzen Reihe von Romanen, die sich um das Ermittlerpärchen Kenzie-Gennaro drehen. Für Aufsehen hat der Film bereits vor seinem Start in Großbritannien gesorgt, wo er wegen der Ähnlichkeiten zu dem Maddie McCann-Fall bisher nicht in den Kinos anlief. Dass die kleine Maddie McCann vor gut einem halben Jahr aus der Ferienwohnung ihrer Eltern in Portugal verschwand dürfte inzwischen jeder mitbekommen haben, der sich in dieser Zeit nur einen Tag einem Medium (TV, Zeitung, Radio) geöffnet hat. Eine halbe Millionen Kinder werden jährlich in den USA als vermisst gemeldet, wobei gut neunzig Prozent von diesen Kindern wieder gefunden werden.

Boston, Massachusetts: Sei drei Tagen wird im Bostoner Stadtteil Dorchester die kleine Amanda McGready vermisst. Das private Ermittlerpärchen Patrick Kenzie (Casey Affleck) und Angie Gennaro (Michelle Monaghan) wird von der Tante der Kleinen zusätzlich zu den Polizeiermittlungen engagiert. Die Zusammenarbeit widerstrebt zwar dem leitenden Polizeichef Doyle (Morgan Freeman), aber er muss sie per Gesetz gewähren lassen. Als Patrick und Angie in der Stammkneipe der Mutter erfahren, dass diese als Drogenkurier arbeitet, gewinnen sie das Vertrauen der zuständigen Ermittler Bressant (Ed Harris) und Poole (John Ashton). Scheinbar hat Amandas Mutter, Helene McGready (Amy Ryan), ihren Dealer um $130.000 geprellt, Patrick und Bressant wollen eine Lösegeldübergabe mit dem Dealer machen und werden von Doyle abgenickt. Als die Übergabe an einem verlassenen künstlichen See stattfinden soll, fallen plötzlich Schüsse und Amanda stirbt in dem nächtlichen Chaos. Doyle muss seinen Hut nehmen, doch Angie und Patrick können das Geschehene nicht vergessen - da verschwindet wieder ein Kind, und Patrick beginnt seine Ermittlungen von neuem.

Das größte Highlight des Filmes ist ganz klar die Rückkehr von John Ashton auf die Kinoleinwand. Man befürchtete ja bereits, dass dieser verstorben sei, seit man ihn in Beverly Hills Cop 2 zuletzt gesehen hatte. Und Ashton ist so gut wie eh und je, das sei versichert. Zusammen mit dem glänzend aufspielenden (wenn auch gelegentlich die Grenzen zum overacting überschreitend) Ed Harris stellen sie ein tolles Ermittlerpärchen dar - ganz im Gegensatz zu Lehanes beiden Protagonisten. Es verwundert zu sehen, dass Kenzie und Gennaro bereits in drei Romanen zusammengearbeitet haben sollen, da sie zu Beginn von Gone Baby Gone erstaunlich unerfahren wirken. Besonders Angie Gennaro und somit auch Michelle Monaghan sind absolut verschenkt, da die Handlung exakt gleich funktionieren würde, wenn es die Figur in der Geschichte überhaupt nicht gebe. Ob ihre Funktion in den anderen Romanen gewichtiger ist, lässt sich nicht beurteilen. Große Schande auch wieder einmal für Deutschland, bekommt Casey Affleck hier eine ganz andere Synchronstimme als sonst – dabei findet sich sein regulärer Synchronsprecher in dem in etwa gleichzeitig gestarteten The Assassination of Jesse James (…) Film. Die Ursache hierfür scheint der Glauben gewesen zu sein, dass die etwas zittrige Stimme zu verweichlicht für einen Ermittler ist, anders kann man es sich nicht erklären.

Gone Baby Gone zeigt zwei Gesichter: ein schönes in der ersten Hälfte und ein grausiges in der zweiten. Atmosphärisch dicht und ergreifend wird in der ersten Hälfte die Reaktion auf das Verschwinden der kleinen Amanda gezeigt, wobei ihre White Trash Mutter Helene - welche brillant verkörpert wird von Broadway-Darstellerin Amy Ryan - im Fokus der Presse und der Ermittler steht. Es stößt zwar etwas sauer auf, dass Kenzie und Gennaro innerhalb der ersten 12 Stunden gleich den Fall gelöst zu haben scheinen, nachdem die Polizei drei Tage im Dunkeln tappte, aber die Inszenierung des Ganzen tröstet darüber hinweg. Nachdem der Film dann in seine zweite Hälfte gegangen ist, bricht Lehane wie schon bei Mystic River grauenhaft ein. Seine Handlung nimmt die unlogischsten Wendungen und die Verbindungen, welche er schließlich aufbaut, um seine Geschichte zu einem möglichst dramatischen Ende kommen zu lassen, wirken so gezwungen und absurd, dass es beinahe schon wehtut es mit anzusehen.

Wie Lehane es sowohl in Mystic River wie in Gone Baby Gone pflegt die Arbeit der Polizei darzustellen, ist mitunter schon lächerlich. Als Stümper werden sie oftmals dargestellt, in Gone Baby Gone werden sie sogar von einem Pseudo-Ermittlerpärchen ohne jegliche Erfahrung düpiert, die den Fall scheinbar im Handumdrehen gelöst zu haben scheinen. Eine Frage hier und eine Frage da und schon haben sie die gewünschten Antworten, aus dem einfachen Grund, dass Patrick mit dem hier portraitierten Bodensatz der Gesellschaft zur Schule gegangen ist. Wieso weshalb und warum die Polizei Amanda nicht gefunden hat, wird dann am Ende in der finalen Auflösung offeriert, die wie erwähnt äußerst wackelig konstruiert ist, sodass man statt mit staunendem Mund mit schüttelndem Kopf dasitzt. Das wie bereits in Mystic River das eigentliche Thema, nämlich Kindesentführung und -misshandlung, lediglich als Aufhänger für eine gewollt-spannende Verschwörung dient, in der sich die dunklen Seiten aller Beteiligten zeigen, ist auch kritisch zu beäugen. Wenn Patrick dann am Ende seine schwerwiegende Entscheidung fällt, in tiefster Überzeugung das richtige zu tun, nur um in der nächsten Einstellung eines besseren belehrt zu werden, zeigt dies nur die Unernsthaftigkeit seiner ganzen Geschichte.

Dabei lässt sich den Schauspielern kein Vorwurf machen, die ihre Figuren überzeugend darstellen. Allen voran Amy Ryan, welche gestern auch für ihre Leistung eine der wenigen gerechtfertigten Golden-Globe-Nominierungen erhielt, aber auch Ed Harris und John Ashton können, wie angesprochen, überzeugen. Freeman kann sich in seiner Leinwandzeit nicht sonderlich profilieren, Affleck war in dem Jesse-James-Western weitaus besser (Matt Damon hätte eher zu Patrick Kenzie gepasst) und verdiente sich dafür ebenfalls eine Globe-Nominierung und Monaghan ist einfach nur verschenkt. Außer dass auffällt, dass sie eine bessere Wahl als Meredith Grey in Grey’s Anatomy wäre, als Hungerhaken Ellen Pompeo. Der einzige Vorwurf, den man Regisseur und Autor Ben Affleck machen kann, ist wieso er einen so schlechten Krimi verfilmen musste. Dass er Talent hat, konnte er jedenfalls mit Gone Baby Gone beweisen. Schöne Einstellungen und äußerst gelungene Kamerafahrten zeugen von einer Karriere, die hinter der Kamera eventuell besser gewählt zu sein scheint, als davor. Die ansehbare Geschichte der ersten Hälfte setzt Lehane dagegen selber in ihrer Auflösung in den Sand, was den Film am Ende die meisten seiner Punkte kostet, da er hier einfach den Weg des Durchschnittthrillers mit schlecht inszeniertem Ausgang geht.

5.5/10

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