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5. April 2010

Panel to Frame: Oldeuboi

Laugh, and the world laughs with you / Weep, and you weep alone.
(Ella Wheeler Wilcox, “Solitude”)


Comics und Mangas wirken wie zwei Kinder derselben Mutter. Etymologisch betrachtet bedeutet 漫画 auch nichts anderes als eben das, ein Comic. Während die westlichen Comics aus dem 19. Jahrhundert entstammen, ehe sie in Form des Zeitungscartoons Anfang des letzten Jahrhunderts langsam die Form annahmen, in der sie heute zu bewundern sind, rühren Mangas bereits aus dem 18. Jahrhundert. Eine Wende trat nun nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als westliche Comics ihren Weg jenseits des Pazifiks zu ihren Schwestern fanden. Sowohl die Comics als auch das Ereignis des Krieges - insbesondere Hiroshima - selbst, veränderten nun die Mangas. Was sich bereits dadurch beobachten lässt, dass viele Mangafiguren verstärkt kaukasische Züge tragen (siehe zum Beispiel Kōkaku Kidōtai). Dennoch stehen Mangas für sich, und zeichneten sich über Jahre durch Meisterwerke wie eben Masamune Shirows Kōkaku Kidōtai oder allen voran natürlich auch Katsuhiro Otomos Akira-Serie aus. Und in gewisser Weise auch Garon Tsuchiyas Ōrudo Bōi.

Von 1996 bis 1998 veröffentlichen Tsuchiya und sein Zeichner Nobuaki Minegishi die acht Bände umfassende Geschichte über Shinichi Gotō, der aus unerfindlichen Gründen ein Jahrzehnt lang in eine private Haftanstalt gesteckt wird. Wieder auf freiem Fuß, beginnt die eigentliche Geschichte von Ōrudo Bōi: Die Auflösung der Inhaftierung. Gotō wird zum Spielball seines Peinigers Takaaki Kakinuma, einem ehemaligen Mitschüler aus Grundschulzeiten. Dieser verfolgt Gotō mittels GPS-Implantat, Privatdetektiv, hypnotisierten Komparsen, per Mobiltelefon und schlussendlich auch in Person. Die wirkliche Auflösung findet dabei erst im achten und letzten Band statt, während die sieben Bände zuvor im Grunde lediglich Geplänkel sind. Der Grund der Inhaftierung stellt sich dann als reichlich profan heraus, wobei Tsuchiya wohl nach sieben Bänden auch mit seiner Offenbarung nur enttäuschen konnte. Dafür ist das Schlussbild umso gelungener umgesetzt worden. Somit ist Ōrudo Bōi ein durchaus spannendes, aber auch langatmiges Manga.

Für den südkoreanischen Regisseur Park Chan-wook sollte Tsuchiyas Werk Anfang des vergangenen Jahrzehnts die Inspirationsquelle für den zweiten Teil seiner Rache-Trilogie darstellen. Parks Oldeuboi wiederum adaptierte letztlich nur die Prämisse und grobe Figurenkonstellation von Tsuchiyas und Minegishis Meisterwerk. Etwa nach der Hälfte des zweiten Bandes beginnt Park seinen eigenen Weg einzuschlagen, was dafür sorgt, dass Oldeuboi zum einen durchaus eine Manga-Adaption darstellt, andererseits jedoch auch ein eigenständiges und originäres Werk ist. Seit seiner Veröffentlichung trägt Parks Film das Etikett „Kult“ mit sich herum, angefangen von Quentin Tarantinos überschwänglichem Lob während der Filmfestspiele von Cannes 2004, bis hin zur Aufnahme zu den zehn besten asiatisch-pazifischen Filmen aller Zeiten durch CNN vier Jahre später. In der Internet Movie Database ist Oldeuboi der beliebteste südkoreanische Film und lediglich Hayao Miyazaki und Akira Kurosawa schafften es mit ihren Werken vor Park.

Mit dem Wechsel nach Südkorea ändern sich auch die Namen der Charaktere. Gotō verkommt zu Oh Dae-su (Choi Min-sik), einem verheirateten Familienvater, der nach einem Zechgelage am Geburtstag seiner Tochter auf der Polizeiwache landet. Als sein bester Freund ihn abholt, verschwindet Oh Dae-su plötzlich im Seouler Regen. Eingesperrt auf der 7 ½. Etage eines Gebäudekomplexes, avanciert in den kommenden fünfzehn Jahren der Fernseher zu seinem einzigen Freund und Geliebten. Eines Tages dann findet sich Oh Dae-su plötzlich in Freiheit wieder. Was ihn nun vorantreibt, ist der Wunsch nach Rache. Doch seine Bestrafung hat scheinbar noch nicht aufgehört. Ein Obdachloser vertraut ihm ein Mobiltelefon an, seine erste Mahlzeit nach fünfzehn Jahren Mandu-Teigtaschen wird in wilder Verzweiflung lebendig heruntergeschlungen, ehe Oh Dae-su bewusstlos zusammenbricht. Er wacht in der Wohnung von Mi-do (Kang Hye-jeong) auf, die im Film die Kellnerin Eri ersetzt. Nichtsahnend, dass auch dies zum perfiden Spiel seiner Nemesis gehört.

Der Laufzeit fällt dann die Figur der Grundschullehrerin und späteren Schriftstellerin Yukio Kusama zum Opfer, gilt es doch relativ schnell die Brücke zu schlagen, von Lee Woo-jins (Yu Ji-tae) Enthüllung über die Entdeckung der einstigen Tat bis hin zur finalen Gegenüberstellung von Protagonist und Antagonist. Eine Reduzierung, die narrativ mal mehr und mal weniger glückt. Grundsätzlich vermeidet Park auf diese Weise Redundanzen in Oh Dae-sus Suche nach der Wahrheit, verrennt sich jedoch ebenfalls in die auch im Film nicht minder unglaubwürdige Verdrängung des Schuldigen an das Ereignis der Schulzeit. Eine Hinauszögerung der Auflösung, die weder bei Park noch zuvor bei Tsuchiya überzeugen kann. Immerhin ist die eigentliche Tat von Oh Dae-su etwas einleuchtender als Ursache, denn ihr Pendant im Manga. Wobei dafür Dae-sus Verschulden in seiner Folge wiederum den Bogen etwas überspannt. Das Finale von Oldeuboi ist somit eine zwiespältige Angelegenheit, die sich zwar klar bemüht, authentischer zu sein, andererseits jedoch nicht von allen Schwachstellen ihrer Exposition vollends lösen kann.

Obschon der Film nun narrativ stark reduziert daherkommt, gelingt es ihm nicht, dennoch Längen auszuweichen. Speziell die Aufdeckung der verlorenen Erinnerung inklusive Rückblende ist zu langatmig ausgefallen, wie auch der finale Showdown ab einem gewissen Zeitpunkt ausufert. Der Prämisse und Struktur von Ōrudo Bōi bleibt sich Oldeuboi somit treu, auch was die narrativen Schwächen angeht. Über die Besetzung der Figuren wiederum kann man sich nun streiten. Kang Hye-jeong stellt optisch und schauspielerisch sicherlich die gelungenste Lösung dar, während Choi Min-sik und Yu Ji-tae sehr eigenwillige Entscheidungen repräsentieren. Chois Interpretation von Oh Dae-su gleitet oft ins overacting ab, wenn er der Figur versucht wahnhafte Züge zu verleihen. Meist deutlich, wenn Choi ein teils debiles Grinsen aufsetzt, das an John Tenniels Cheshire Cat erinnert. Yu Ji-taes Gegenspieler wiederum ist außerordentlich jung geraten, sodass man beide Figuren nur mit viel gutem Willen in eine Generation einordnet.

Yu verleiht seinem Woo-jin vielleicht deshalb oft eine entsprechende Spitzbübigkeit, welche die Figur allerdings im Gegensatz zu Minegishis Kakinuma weitaus weniger bedrohlich erscheinen lässt. Ein Aspekt, der auch durch Woo-jins Hut nochmals verstärkt wird. Man kommt nicht umhin, Park hier eine gewisse Unernsthaftigkeit im Umgang mit den beiden Männern zu attestieren, stellt speziell Chois Darstellung des Öfteren eine humoristische Annäherungsweise an den Charakter dar. Das merkt man auch in Bezug auf den Namen der Titelfigur, erklärt Oldeuboi doch, dass Oh Dae-su bedeute, „sich gut mit anderen zu verstehen“. Später gesteht Oh Dae-su dann ein, dass er ganz im Gegenteil „nie gut mit anderen Menschen klargekommen“ sei. Die Versündigung seiner alltäglichen Jugendtat wird dann durch Park stark überspitzt. Oh Dae-su wird in eine Rolle gezwungen, die ihm nicht passen will, da er und sein Vergehen ihr nicht gerecht werden kann (”Even though I'm no more than a monster - don't I, too, have the right to live?“).

Auf visueller Ebene versucht sich Park in einigen Referenzen. So erinnert die Ameisenszene in Oh Dae-sus Zelle an Luis Buñuel und Salvador Dalis Un chien andalou, der Gefängnistrakt in der Etage 7 ½ an Spike Jonzes Being John Malkovich. Die Handlung selbst, jedoch bereits in Tsuchiyas Werk begründet, natürlich an Alexandre Dumas’ Le Comte de Monte-Cristo. Der finale Twist wiederum weckt Erinnerungen an Alan Parkers Angel Heart und Brian De Palmas Obsession. Die Filmreferenzen gehen dann im Soundtrack von Jo Yeong-wook direkt weiter, wenn die meisten Titel entweder nach Filmen (z.B. The Searchers, Out of Sight oder Frantic) oder musikalische Referenzen an Antonio Vivaldi benannt sind. Ohnehin stellt Oldeuboi gerade auf audiovisueller Ebene ein besonderes Kunstwerk dar, mit Dank an Jo Yeong-wooks brillante musikalische Komposition. Visuell gefallen die von Park ausgesuchten Tapeten, wie auch die Schlussszene im verschneiten Neuseeland.

Beeindruckend ist neben der audiovisuellen Umsetzung auch Parks Single-Shot-Szene im Privatgefängnis geworden, wenn Oh Dae-su in einer fortlaufenden 160-Sekunden-Einstellung gegen über ein Dutzend Männer in einem Flur kämpft. Es sind somit einige Aspekte, die dem Film tatsächlich den Stempel „Kult“ aufdrücken, selbst wenn Park sich nicht vollends von den Schwächen der Vorlage lösen kann. Für sich genommen mag Oldeuboi somit wohl etwas besser funktionieren, als unter der Berücksichtigung einer Adaption. Wobei Park wie bereits angesprochen zumindest in der Auflösung der alles auslösenden Jugendsünde etwas glaubwürdiger agiert. Letztlich ist dem Südkoreaner ein Film gelungen, der - speziell im Ausland - für sich selbst steht, da vielen die Manga-Vorlage nicht bekannt ist. Was jedoch nicht zwingend ein Nachteil für den Konsumenten sein muss. Somit ließe sich auf Oldeuboi wie Ōrudo Bōi Woo-jins philosophisches Zitat münzen: “Be it a rock or a grain of sand, in water they sink as the same”.

7.5/10

22. Oktober 2008

Hellboy II: The Golden Army

World, here I come.

Der Mexikaner Giullermo del Toro ist nicht erst seit El laberinto del fauno gefragt. Nach Cronos lockte ihn Hollywood und mit Mimic lieferte del Toro durchschnittlichen US-Horror ab. Anschließend ging er erstmal wieder zurück nach Mexiko und drehte dort seinen Bürgerkriegshorror El espinazo del diablo. Gekonnt verknüpfte del Toro die historische Dramatik mit Gruselelementen und einer Geschichte über Freundschaft. Erneut kam Hollywood und sicherte sich seine Dienste. Dank Blade begann die neue Erfolgswelle der Comicverfilmungen und del Toro durfte 2002 den zweiten Teil inszenieren. Und es machte dieses Mal nichts, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden und der Mexikaner verkroch sich auch nicht erneut in seiner Heimat. Denn nun hatte er sich einen Namen gemacht in Hollywood. Einen Ruf, der bis heute anhält und der del Toro all seinen Erfolg brachte.

Del Toro, der Meister des Phantastischen. Warner wollte ihn für die Regie zu Harry Potter and the Prisoner of Azkaban und musste am Ende doch mit Landmann Alfonso Cúaron vorlieb nehmen. Denn del Toro selbst hatte ein anderes Projekt ausgewählt, entschied sich für ein Herzensprojekt und adaptierte Mike Mignolas Hellboy, ein in der Comicwelt renommiertes Stück Fantasy. Darin wusste er der Vorlage gegenüber treu zu bleiben und doch seinen eigenen Touch einzubringen. Nach Hellboy folgte die Oscarprämierte mexikanische Mär El laberinto del fauno und im Anschluss daran das Angebot, die Regie von J.R.R. Tolkiens The Hobbit zu übernehmen. Der wurde zwar wegen Produktionsproblemen letztlich doch von Peter Jackson selbst inszeniert, aber zumindest am Drehbuch war der Mexikaner beteiligt. Davor widmete er sich jedoch erneut seinem Baby.

Am Ende des Films bekommt der Held immer das Mädchen. Selbst ein Teufel mit riesiger Steinhand die Brünette, die Feuer und Flamme für ihn ist. Und was will man noch großartig erzählen? Die letzten Nazis sind tot, die sieben Chaosgötter aus der Nachbargalaxie vernichtet und das Böse vom Guten im Bösen besiegt. Guillermo del Toro macht sich gar nicht die Mühe, sich nochmals irgendwie an jener Thematik zu versuchen. Vielmehr geht er einen anderen Weg, einen persönlicheren. Denn Hellboy II: The Golden Army ist im Grunde eine Geschichte in der Geschichte. Ein phantastisches Märchen in einem Fantasy-Film. Da lässt es sich der Mexikaner auch nicht nehmen, für den Prolog erneut John Hurt zurückzuholen, um in einer liebevollen Animation das Märchen einzuläuten. Elfen, Trolle, Kobolde – sie alle führten Krieg gegen die Menschen.

Bis die Kobolde für Elfenkönig Balor eine Armee von unzerstörbaren Kriegern anfertigten. Deren Kriegswut war so desaströs, dass Balor Frieden schloss und mit seinesgleichen in den Untergrund wanderte. Doch nun kehrt sein Sohn, Prinz Nuada (Luke Goss), aus dem Exil zurück, um die Armee zu beschwören und die Menschheit zu vernichten. Warum kehrt Nuada jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, zurück? Eine unwichtige Frage, del Toro interessiert sie nicht und auf formaler Ebene will er meist auch gar nicht überzeugen. Stattdessen lässt er die Bilder sprechen. Doch auch trügerische Bilder. Bilder, die ihn verraten. Bilder, die vermuten lassen, dass auch die Phantasie eines Guillermo del Toro nicht ohne Grenzen ist. Oder ihm war die Zeit zu knapp, sich neue Storyboards auszudenken, wenn er ohnehin noch welche von El laberinto del fauno übrig hatte.

Da hat man kleine Zahnfeen, die unverkennbar eine Verwandtschaft mit den Feen aus der Oscarmär aufweisen. Und der Engel des Todes, der sicher ein Cousin vom blassen Mann ist. Das sieht natürlich nicht weniger spektakulär aus, aber das kennt man inzwischen. Genauso wie die harte rechte Faust aus einem speziellen Material von Nuadas stummem Begleiter Wink. Es wuselt zwar in Hellboy II was das Zeug hält, aber dies lädt auch zu Wiederholungen ein. Der Freitagsspaziergang von Abe (Doug Jones) und Manning (Jeffrey Tambor) wirkt dann auch wie eine starke Referenz zu Barry Sonnenfelds Men in Black und die Wirkung des Trollmarktes kennt das Publikum zumindest aus Chris Colombus’ Harry Potter and the Philosopher’s Stone. Del Toro evoziert somit einen extrem hohen Wiedererkennungswert anderer Genrevertreter der vergangenen Jahre.

Eine ganze Welt zu erschaffen, voller seltsamer Figuren, ist nicht einfach. Dass der Mexikaner stets respektvoll und mit Hingabe an seine Figuren herangeht, macht das Ganze besser. Speziell weil die Effekte im Gegensatz zu Hellboy auch weitaus gelungener sind, von den Zahnfeen bis hin zum Waldgott und Johann Krauss (Seth MacFarlane). Enttäuschen wollen die Effekte lediglich im finalen Kampf zwischen Hellboy und der Goldenen Armee. Die gesamte Inszenierung lässt die Entstehung am Computer offensichtlich werden, wobei dies auch an der Hochauflösung der Blu-Ray gelegen haben mag. Keine übermenschlichen Nazis also, kein russischer Zauberer, keine außerirdischen Götter. Stattdessen Elfen und Trolle. Mittelerde reloaded. Die Platzierung von Hellboy (Ron Perlman), seiner Flamme Liz (Selma Blair) und dem Rest in einem großen Märchen.

Der Held bekommt das Mädchen. Soweit so gut, denn viel ändert sich sonst nicht. Manning und Hellboy sind sich noch immer spinnefeind und auch das Untergrundleben hat der große Rote langsam satt. Umso gerne lässt man sich dann im Park fotografieren und unterschreibt das Ganze auch noch fleißig. Bei einem seiner Einsätze wird es Hellboy dann zu blöd und er ergreift die Chance, sich der Welt gegenüber zu outen. Sogar zu Jimmy Kimmel schafft er es damit, doch ändern tut sich wider Erwarten nichts. Er ist fremd, er ist anders. Man traut ihm nicht, ebenso wenig wie man Jahrhunderte zuvor den anderen Fabelwesen getraut hat. Dieser Punkt ist nun nicht universell, vielmehr ist es der Alltag im X-Men-Universum und anderer Superhelden. Man ist zwar toleriert, wird jedoch nicht respektiert. Stattdessen verabscheuen einen die Menschen.

Da bildet sich auch schnell mal ein Pulk von Menschen, um Hellboy wie Frankenstein ans Leder zu wollen. Im ersten Teil hätte der hier noch nachgedacht, ob es sich lohnt, diese zu retten. Und da Nuada erst wenige Minuten zuvor gesäuselt hat, dass Hellboy eigentlich auf seiner Seite stehe sollte, würde man dergleichen nun erwarten. Doch Hellboy scheint reifer geworden zu sein. Oder es liegt nur an Liz, für die er seine Arbeit und das Schicksal der Menschen gerne aufgeben würde. Das ist wahre Liebe, wenn man sagen kann: fuck the mankind. Aber so tief innen drin, da hätte man sich dennoch eine etwas tiefere Auseinandersetzung gewünscht. Wenn Hellboy durch den Trollmarkt latscht und sich wie ein Derwisch freut, dass hier mal keiner starrt und man einfach akzeptiert wird. Doch del Toro geht dem aus dem Weg und beginnt erneut, seine Bilder sprechen zu lassen.

Was folgt, ist eine im Kontext des Films unerhebliche Szene voller Effekte. Unerheblich deshalb, da sie vom Protagonisten nicht wirklich reflektiert oder eingeordnet wird. Aber auch jene Szene besitzt wieder einmal zwei Seiten einer Medaille, wie im Grunde der ganze Film. Denn del Toro schenkt seinem Publikum den vielleicht schönsten Charaktertod in der Filmgeschichte. Ungemein bild- und dadurch ausdruckstark. Für die Geschichte nicht erheblich, aber daran denkt man in jenem Augenblick nicht. Hellboy II: The Golden Army will dabei keine Geschichte über Diskriminierung und Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit wie in Bryan Singers X2 erzählen. Auch keine Geschichte über verbitterten Hass und den Drang nach Gerechtigkeit wie bei Batman oder die selbstverständliche Hörigkeit einer ideologisierten Kultur eines Superman.

Kein Kampf mit dem inneren Dämon wie in Hulk. Nein, Hellboy II ist eine Geschichte fernab von der sozialpolitischen Kritik der Marvel- und mit Abstrichen DC-Comics. Vielmehr ist es eine Geschichte um ihrer selbst willen. Eine Geschichte, um der Phantasie willen. Und es ist durchaus eine Geschichte, die del Toro hier erzählt, nur eine etwas flache. Sie wirkt herausgelöst und ohne Zusammenhang. Es gibt keine Prämisse, keine Reflektion, keine wirkliche Stringenz. Es ist ein Märchen, das sich im Nachhinein wie ein Lückenfüller anbiedert. Ein Lückenfüller für einen abschließenden und gewaltigen dritten Teil der Hellboy-Trilogie. Eine Trilogie, die im Grunde nur auf eine Art enden kann, zumindest deutet The Golden Army dies an. Del Toro besinnt sich auf die positiven Eigenschaften aus Hellboy und setzt ganz auf genreüberschreitenden Humor.

Hatte sich Hellboy aus Liebeskummer einst auf einem Hausdach mit einem Jungen bei Milch und Keksen ereifert, so sitzt er nun betrunken auf dem Teppich und singt Lieder von Barry Manilow. Del Toro nimmt sich Zeit für diese Momente, die sich neben der Handlung abspielen und eher dafür stehen, dass sie im Grunde für nichts stehen. Aber sie machen den Charakter des Films aus, jene Szenen für sich, abstrahiert vom Rest. Die humoristischen Einbindungen von Witzen über sprechende Tumore und Nazibegriffe – mal einfach so, ganz flapsig nebenbei. Eine Fantasy-Komödie, weitaus lustiger als der erste Teil, diesmal zwar nicht redundant, aber dennoch viel zu lang geraten. Erneut verliert sich del Toro in seiner phantastischen Welt und seiner narrativen Ebene – dabei hat er an sich nicht genug zu erzählen. Doch übel nimmt man es dem Mexikaner nicht.

Dafür ist Hellboy II: The Golden Army zu lustig und zu liebevoll detailliert. Ein Stöhnen hier, ein Ächzen da, keine Kreatur muss ohne auskommen. Unterstützt wird dies von dem sehr gelungenen Pop-Soundtrack auf der einen und der nicht minder gelungenen Komposition von Danny Elfman auf der anderen Seite. Dessen Arbeit macht sich in dieser märchenhaften Welt ohne Frage bezahlter als es einem Marco Beltrami gelungen wäre. Und als Fazit ließe sich nun sagen, dass del Toro zuvorderst Shakespeare beachtet und dessen Zitat aus Henry V: Dies über alles dir selber sei treu. Denn del Toro ist der Mann des Phantastischen, zu Hause in jener Welt, die er seit 15 Jahren sein eigen nennt. Eine Welt voller sympathischer Monster und Wichtel. Und eine Welt, in der er hoffentlich irgendwann trotz aller bisherigen Dementis mit Hellboy III nochmals zurückkehren wird.

7.5/10

12. Oktober 2008

Hellboy - Director’s Cut

Red, white, whatever. Guys are all the same.

Was Comics angeht, beherrschen Marvel und DC den Markt, es verwundert daher nicht, dass es neben den Marvel-Hits Spider-Man und X-Men gerade die DC-Serien sind, die sich im Kino gehalten haben. Nachdem Christopher Nolan mit Batman Begins den dunklen Ritter zurückbrachte, stieß er mit seiner Fortsetzung The Dark Knight in neue Sphären für Comicverfilmungen vor. Doch es gibt es auch kleinere Verlage, darunter das vor 25 Jahren entstandene Dark Horse Comics, dessen medial präsentestes Zugpferd der 1993 erschaffene Hellboy ist. Für diesen waren Zeichner Mike Mignola und Texter John Byrne verantwortlich, dessen erste Abenteuer in dem Band Seed of Destruction kulminieren sollten. Dabei war Mignolas erste Idee eines teuflischen Dämons, der sich der guten Seite zuwendet, zu Beginn relativ prätentiös geraten.

Doch schon nach wenigen Versuchen konnte er der Hellboy-Reihe seinen eigenen Stempel aufdrücken. Die paranormalen Fälle, in die Hellboy verwickelt ist, weisen einen starken Einfluss der Werke H.P. Lovecrafts auf. Zudem arbeitet Mignola in seiner Comicserie viel mit Schatten und einer düsteren Atmosphäre. Einige optische Ansätze erinnern an Frank Millers Sin City und auch seine narrative Erzählstruktur weckt durchaus Erinnerungen an Millers Kultcomic. Generell zeichnet sich Hellboy jedoch durch seine investigative Note aus, welche den Fällen Hellboys einen gewissen Noir-Charakter verleiht und gerade dadurch so simpel wirkt, dass sie unspektakulär Spektakuläres zu präsentieren versucht. Elf Jahre nach seiner Erstehung schaffte es Hellboy auf die große Leinwand und findet dieses Jahr in Hellboy II: The Golden Army seine Fortsetzung.

Nachdem er sich 1993 mit Cronos einen Namen macht, ging der Mexikaner Guillermo del Toro vier Jahre später für Mimic nach Hollywood. Der Monsterhorror in New Yorks U-Bahn war jedoch nicht der erhoffte Hit und so kehrte del Toro erst einmal wieder nach Mexiko zurück, wo er 2001 seinen ruhmreichen El espinazo del diablo inszenierte. Auf den erneuten Erfolg in der Heimat folgte die erneute Rückkehr nach Kalifornien. Hier vertraute man del Toro schließlich Blade II an – das Sequel zu jener Comicverfilmung, die dem Genre neues Leben eingehaucht hatte. Die Kritiken und der Erfolg war verhalten, del Toro blieb sich selbst in seiner düsteren Zeichnung eines phantastischen Stoffes treu, wusste aber nicht an den cool durchgestylten ersten Teil heranzureichen. Dennoch war das Resultat akzeptabler als seine Rieseninsekten fünf Jahre zuvor.

Neben dem Abschluss der Blade-Trilogie offerierte man del Toro zudem die Regie zum dritten Harry Potter-Abenteuer. Letztere würde schließlich an Landsmann Alfonso Cúaron gehen, während sich del Toro einen Wunsch erfüllte. Als er die Chance erhielt, Hellboy zu inszenieren, ließ er sich dies nicht nehmen. Entgegen der Einstellung des Filmstudios – unter anderem wünschte man sich Vin Diesel als Hauptdarsteller und Hellboy als eine Art Hulk-Verschnitt – konnte del Toro seine kreativen Ideen durchsetzen. Als Hauptdarsteller holte er mit Ron Perlman seinen Lieblingsschauspieler mit an Bord und adaptierte für seinen Hellboy das Grundgerüst von Seed of Destruction neben einigen Kurzgeschichten zu einer über zweistündigen Abenteuerfahrt durch die phantastischen Gefilde mit einem mehr als sympathischen Dämon voller Eifersucht und Liebeskummer.

Die Einleitung zu Hellboy ist dabei direkt dem Prolog von Mignolas Seed of Destruction entnommen, auch wenn einige Differenzen zwischen Comic und Film zu erkennen sind. So verzichtet del Toro beispielsweise auf den Torch of Liberty und lässt außerdem die Nazis und Alliierte nicht direkt aufeinander treffen. Interessanterweise wird Rasputin (Karel Roden) im Film dann bei seiner Beschwörung nicht mit zwei elektrifizierten Glashandschuhen dargestellt, sondern lediglich mit einem einzigen solchen an seiner rechten Hand. Ob del Toro hier eine spezifische Analogie zu Rasputins „Schöpfung“ Hellboy selbst porträtieren wollte, wäre nun zu diskutieren. Nach der Eröffnungssequenz zeigt der Mexikaner dann sogleich, dass er sehr selbstironisch mit seinem Stoff umzugehen versteht.

Hellboy ist durchaus Teil der pop-kulturellen Medien und es existiert sogar ein scheinbares Video von ihm, eine Parodie des berühmten Films von Patterson-Gimlin über Bigfoot. Der Leiter des FBI weiß solcherlei Beweise schmierig abzuschmettern, denn stets sind Bilder von Hellboy lediglich unscharf zu betrachten. Seinen Höhepunkt nimmt das Ganze dann an, wenn Hellboy in seiner Freizeit seine eigenen Comics ließt, natürlich nicht ohne gebührend Kritik anzubringen (“I hate those comic books. They never get the eyes right.”). Außerdem wurde der Name von Schöpfer Mike Mignola in der Friedhofszene auf Russisch an eines der Gräber angebracht und del Toro ließ es sich nicht nehmen Charakteren wie Ivan seine eigene Stimme zu leihen und dem Projekt einen persönlichen Touch zu geben.

Wo Hellboy im Comic den Titel “World’s Greatest Paranormal Investigator” trägt und seine Abenteuer einen solchen Charakter haben (“What a mess! You’ll have to let me read your report on this one, Hellboy.”), fügt sich del Toros Hellboy (Ron Perlman) nur widerwillig seinem Schicksal. Er hadert mit seinem Äußeren, will sich nicht unter der Oberfläche verstecken. Und weil sein Ziehvater Prof. Bruttenholm (John Hurt) an Krebs erkrankt ist, sucht er seinen Nachfolger im Bureau for Paranormal Research and Defense (BPRD). Agent John Myers (Rupert Evans) erscheint ihm viel versprechend und in einer seiner vielen Referenzen schickt del Toro Myers mit einem Baby Ruth Schokoriegel im Goonies-Stil zum großen Roten.

Doch Hellboy ist stur und uneinsichtig – Schuld sind seine Hormone. Er ist verliebt und wenn seine Auserkorene, Liz Sherman (Selma Blair), auch beim BPRD wäre, würden die ganzen Konflikte nur halb so schlimm sein. Doch Liz hadert im Gegensatz zum Comic selbst mit ihrem Schicksal, schlummert in ihr doch ein unkontrollierbares Feuer. Am Ende kommt sie dank Myers doch zum Bureau und bezeichnenderweise nimmt sich del Toro hier eine außergewöhnliche Auszeit. Er lässt Liz und Myers auf ein Date gehen und schickt seinen gehörnten Hünen als Stalker hinterher. Klimax der Szene wird schließlich eine Referenz zu On the Waterfront, wenn Hellboy darüber siniert, warum er sich von einem Jungen Ratschläge in Liebesdingen gibt, während er dessen Milch und Kekse verputzt.

Gerade durch seinen Sarkasmus hebt sich Hellboy nicht nur von seiner Umgebung, sondern auch Kollegen wie Wolverine und Co. ab. Gefördert wird dies insbesondere von einer laxen Arbeitseinstellung, die durch jenen Sarkasmus zusammengehalten wird. Beispielhaft in einer an The Matrix erinnernden U-Bahn-Schlacht mit dem unsterblichen Dämon Sammael, dessen Hiebversuch Hellboy offenbar nicht getroffen hat. Der rote Hüne staubt sich den Ärmel ab und erklärt süffisant: “You missed” – nur um durch ein Knirschen im Fundament eines Besseren belehrt zu werden. “Oh, crap!”, äußert er seinen Lieblingsspruch. Der Unterhaltungsfaktor in Hellboy wird gerade dadurch gefördert, dass es Hellboys phlegmatische Arbeitsauffassung ist, die ihn stets noch etwas tiefer reinreitet.

Der Humor des Films ist dabei eine seiner großen Stärke und prägendes Bindeglied in del Toros US-Filmen. In Ron Perlman haben del Toro und Mignola – die beide den über 60-Jährigen im Kopf hatten – die perfekte Inkarnation für Hellboy gefunden. Von seinem plumpen Wesen erinnert er mitunter an Marv aus Sin City und man kann sich auch darüber streiten, ob der Rot-Ton im Film nicht eine Spur zu hell ist, nichtsdestotrotz ist Hellboy wohl die einprägsamste Figur in Perlmans Filmographie, die immerhin einige Arbeiten mit Woody Allen vorzuweisen hat. Nicht minder wissen die anderen Darsteller rund um Selma Blair, Doug Jones und John Hurt zu gefallen. Sie alle gehen in ihren Rollen auf und verleihen ihnen das nötige Leben. Allerdings hadert Hellboy ganz klar mit seiner Redundanz.

Es ist durchaus bemerkenswert, wie man durch einige Anderungen den inhaltlich recht einfach strukturierten und sparsamen Seed of Destruction aufgebläht hat. Daher kommt del Toro nicht umhin, sich vermehrt zu wiederholen, sodass gerade die Auseinandersetzungen zwischen Hellboy und Sammael mit der Zeit ihren Reiz verlieren. Auch der (Re)Etablierung von Liz hätten einige Minuten weniger durchaus gut getan. Del Toro verwendet zu viel Zeit darauf, seine Hellboy-Welt zu gestalten, die zu diesem Zeitpunkt bereits problemlos etabliert ist. Das merkt man dem Film speziell im zehn Minuten längeren Director’s Cut an, der weniger wegen der neuen Szenen störend wirkt – die ergänzen sinnvoll –, sondern jene Szenen verschlimmert, die schon im Kino-Cut redundant waren.

Dass die Spezialeffekte etwas künstlich ausgefallen sind, tut dem Spaß in Hellboy keinen Abbruch. Für eine 60 Millionen Dollar teure Produktion sind sie ohnehin mehr als beachtlich. Und dafür, dass der kleine Hellboy etwas stark animiert wirkt, macht die Gestaltung von Sammael einiges wieder wett. Insgesamt ist Hellboy eine gelungene Adaption von Mignolas Werk, auch wenn gerade die Noir-Aspekte zu Gunsten des selbstironischen Zuges gestrichen wurden. Del Toro steigert sich nach seinen vorherigen Filmen erneut, wobei seine mexikanischen Filme – man sieht es an El laberinto del fauno – ohnehin eine Spur besser sind, da del Toro hier einen anderen Schwerpunkt legen kann, der dem US-amerikanischen respektive internationalen Publikum kaum zuzutrauen ist. Ingesamt gesehen ist Hellboy ein vergnüglicher Spaß über einen sympathischen Superhelden.

7.5/10