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1. August 2013

Filmtagebuch: Juli

BLADE
(USA 1998, Stephen Norrington)
6.5/10

CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND [DIRECTOR’S CUT]
[UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART]
(USA 1977, Steven Spielberg)

1.5/10

COMIC-CON EPISODE IV: A FAN’S HOPE
(USA 2011, Morgan Spurlock)
6/10

CRITTERS
(USA 1986, Stephen Herek)
7/10

CRITTERS 2: THE MAIN COURSE
(USA 1988, Mick Garris)
5.5/10

CRITTERS 3
(USA 1991, Kristine Peterson)
4/10

CRITTERS 4
(USA 1992, Rupert Harvey)
4/10

E.T. THE EXTRA-TERRESTRIAL [E.T. - DER AUSSERIRDISCHE]
(USA 1982, Steven Spielberg)

7/10

FLIGHT
(USA 2012, Robert Zemeckis)
5/10

GOJIRA [GODZILLA]
(J 1954, Honda Ishirô)

8/10

GODZILLA, KING OF THE MONSTERS!
(USA/J 1956, Honda Ishirô/Terry O. Morse)
3.5/10

GREMLINS
(USA 1984, Joe Dante)
7.5/10

GREMLINS 2: THE NEW BATCH
(USA 1990, Joe Dante)
7.5/10

INSIDIOUS
(USA/CDN 2010, James Wan)
4/10

INTOUCHABLES [ZIEMLICH BESTE FREUNDE]
(F 2011, Olivier Nakache/Eric Toledano)

2.5/10

JAWS [DER WEISSE HAI]
(USA 1975, Steven Spielberg)

10/10

THE MAKING OF STEVEN SPIELBERG’S ‘JAWS’
(USA 1995, Laurent Bouzereau)
6.5/10

ONLY GOD FORGIVES
(USA/T/F/S 2013, Nicolas Winding Refn)
4/10

PAWN STARS - SEASON 3
(USA 2010, Jairus Cobb/Guy Fiorita)
7.5/10

POLTERGEIST
(USA 1982, Tobe Hooper)
7.5/10

SCRUBS - SEASON 1
(USA 2001/02, Adam Bernstein u.a.)
8/10

SCRUBS - SEASON 2
(USA 2002/03, Michael Spiller u.a.)
7.5/10

SCRUBS - SEASON 3
(USA 2003/04, Michael Spiller/Chris Koch u.a.)
8/10

SCRUBS - SEASON 4
(USA 2004/05, Ken Whittingham u.a.)
8/10

THE SHARK IS STILL WORKING
(USA 2007, Erik Hollander)
5.5/10

SHARKNADO
(USA 2013, Anthony C. Ferrante)
1.5/10

THE RUINS [RUINEN]
(USA/AUS 2008, Carter Smith)

6.5/10

TRANCE
(UK 2013, Danny Boyle)
6/10

Werkschau: Guillermo del Toro


CRONOS
(MEX 1993, Guillermo del Toro)
6.5/10

MIMIC [DIRECTOR’S CUT]
(USA 1997, Guillermo del Toro)

6.5/10

EL ESPINAZO DEL DIABLO [DAS RÜCKRAT DES TEUFELS]
(S/MEX 2001, Guillermo del Toro)

7/10

BLADE II
(USA/D 2002, Guillermo del Toro)
5.5/10

HELLBOY [DIRECTOR’S CUT]
(USA 2004, Guillermo del Toro)

7.5/10

EL LABERINTO DEL FAUNO [PANS LABYRINTH]
(E/MEX/USA 2006, Guillermo del Toro)

8.5/10

HELLBOY II: THE GOLDEN ARMY
(USA/D 2008, Guillermo del Toro)
7.5/10

PACIFIC RIM
(USA 2013, Guillermo del Toro)
5/10

12. Juli 2013

Pacific Rim

I’m a big believer in second chances.

Es gibt sicher bessere Bewerbungszeugnisse als das Drehbuch – oder zumindest die erste Fassung ebendieses – zum katastrophalen Fantasy-Remake Clash of the Titans verfasst zu haben. Da jedoch Louis Leterriers Perseus-Quark ein moderater Kassenerfolg war, der im Vorjahr mit der Fortsetzung Wrath of the Titans bedacht wurde, verwundert es nicht, dass Drehbuchautor Travis Beachem erneut mit einer Geschichte Hunderte Millionen Dollar aus Produzenten herausleiern konnte. Das Ergebnis heißt Pacific Rim und ist ein wenig origineller Versuch, die populäre japanische Anime-Serie Neon Genesis Evangelion soweit als Live-Action-Film zu pervertieren, dass man eine Urheberrechtsklage vermeiden kann.

Hier wie da schlüpfen Menschen also in Riesenroboter, um sich mit riesigen Monstern oder Aliens zu kloppen. Wie Transformers eben, nur mit einem menschlichen Aspekt. Die Idee dahinter ist vermutlich, dass sich mit einem von Menschen kontrolliertem Avatar eher mitfiebern lässt als mit einem außerirdischen Kraftfahrzeug. Statt in Evangelions schlüpfen die Piloten um Held Raleigh Becket (Charlie Hunnam) in Pacific Rim in so genannte Jaeger, die wiederum gegen außerirdische Monster – im Film kaiji genannt, basierend auf dem japanischen Filmsubgenre um Gojira und Konsorten – kämpfen, die durch ein Dimensionsportal am pazifischen Meeresgrund auf unserem Planeten erscheinen und dessen weltweite Invasion anstreben.

Damit eint Pacific Rim viel mit den übrigen Sommer-Blockbustern à la The Avengers oder Man of Steel – Alien-Invasion-Filme als Effektgewitter ohne echte Persönlichkeit. Allerdings ist die Prämisse in diesem Fall relativ simpel, wenn Jaeger und kaiji in ein Rock ‘Em Sock ‘Em-Szenario geschickt werden und man sich an der daraus resultierenden Zerstörungsorgie ergötzen soll. Problematisch wird es im Falle von Pacific Rim dadurch, dass der Film seine simple Prämisse in eine unnötig komplizierte Narration verpackt. So tut sich die Geschichte merklich schwer damit, ihren eigenen Jaeger-Steuerungsmechanismus namens The Drift – wobei zwei Piloten mittels Erinnerungsteilung ihre Psyche verschmelzen – zu verstehen.

Eben aus diesem Talent resultiert die Rekrutierung von Protagonist Raleigh Becket und seinem Bruder. Der richtige Drift-Partner ist entscheidend für die Effizienz und Funktionalität des Jaegers. Das zumindest propagiert der Film über eine Stunde lang, wenn erläutert werden soll, wieso die junge Mako Mori (Kikuchi Rinko) sich so ideal als Partnerin – natürlich in mehr als einer Hinsicht – für Raleigh eignet. Angesichts dieser ausgiebigen Exposition überrascht es durchaus, dass das Konzept für den dritten Akt ausgehebelt wird. Die Ursache liegt an dem Konformitätszwang des Films, der sich stur an gängigen Vertretern seiner Zunft orientiert. Was umso enttäuschender ist, wenn man bedenkt, wer hier Regie geführt hat.

Hinter der Kamera saß kein Louis Leterrier, Jonathan Liebesman oder McG, vielmehr Guillermo del Toro. Gezeichnet von Produktionsverzögerungen sowohl bei The Hobbit: An Unexpected Journey als auch seinem Passionsprojekt At the Mountains of Madness scheint der Mexikaner nach fünf Jahren nach dem erstbesten filmischen Strohhalm gegriffen zu haben, der sich ihm bot. Was seine vorherigen Filme ausgezeichnet hat, fehlt hier vollkommen. Im Audiokommentar des Oscarnominierten El laberinto del fauno nannte del Toro diesen “not a blockbuster movie, not a massive movie but a delicate little film from the heart”. Pacific Rim ist das absolute Gegenteil: ein klotzender Blockbuster ohne einen Anflug von Herz.

Profillose Figuren wie Jaeger-Leiter Stacker Pentecost (Idris Elba) klopfen pathetische Sprüche wie “Today we are cancelling the apocalypse!” und treffen Entscheidungen, die mit fortlaufender Dauer immer weniger Sinn ergeben oder nachvollziehbar sind. Die Riege der charakterlosen Charaktere reicht von einem schrulligen Wissenschaftsduo (u.a. Charlie Day) über einen deplatzierten Cameo von del Toro-Spezi Ron Perlman als kaiji-Organhändler Hannibal Chau bis hin zum bärbeißigen Iceman-Verschnitt Chuck Hansen (Robert Kazinsky) und dessen Jaeger-Kollegen (die passend aus China und Russland stammen). Letztere lernt man natürlich nie kennen, was erwartungsgemäße Konsequenzen für sie hat.

Somit sind die eindimensionalen Figuren so leblos wie ihre Jaeger-Roboter – die einzige emotionale Wucht vermag eine Rückblende von Mako Mori zu entwickeln, in der die junge Ashida Mana authentischer auftritt als das gesamte Ensemble den Film hindurch. Wenn schon die Charaktere nicht überzeugen, kann es die Handlung noch weniger. Für die kaiji fällt Beachem nichts Besseres ein als das durchgekaute Invasionsszenario, von der Vielschichtigkeit eines Gojira ist dieser Monsterfilm meilenweit entfernt. Stattdessen folgt Pacific Rim vorgefertigten, schablonenhaften Filmmustern, bis hin zum über seine eigenen dramatisierenden und visuellen Effekte stolpernden finalen Showdown am Meeresboden.

Die Action selbst verliert sich in einer ähnlichen Unübersichtlichkeit wie sie bereits Transformers: Revenge of the Fallen plagte. Wenn digitaler Jaeger auf digitalen kaiju trifft, wird im nächtlichen Regen – bei zusätzlich verdunkelndem, mehrwertlosen 3D-Effekt – nur selten klar, wer wem grad welche Extremität abgerissen hat. Ohnehin ist die Choreografie der Kämpfe grenzwertig dämlich, wenn beispielsweise nach ollem Gekloppe als letztes Mittel ein ausfahrbares Schwert herhalten soll, mit welchem der Gegenüber geköpft wird. Dass dies die letzte und nicht die erste Attackenwahl darstellt, ist sinnbildlich. Bei derartigen Taktiken verwundert es nicht, dass die Menschheit am Rande der Auslöschung steht.

Die exorbitante Länge von über zwei Stunden – die mit dazu dient, die blassen Figuren einzuführen – setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Wieso sich Pacific Rim selbst so viele Probleme bereitet, verwundert. Am Ende trägt die simple Prämisse weder die verkomplizierte Handlung, noch vermögen die versteift-vertieften Klischee-Charaktere Sympathien zu erzeugen. Als kurzweilige Fantasy-Action versagt der Film somit ebenso wie als vielschichtige Renaissance des Monsterfilms. Wirklich schade ist es am Ende lediglich um Guillermo del Toro, der sich in diesem Kuddelmuddel irgendwie nicht so recht wiederfinden will und dem man nur wünschen kann, sich alsbald mit einer zweiten Chance hiervon zu rehabilitieren.

5/10

22. Oktober 2008

Hellboy II: The Golden Army

World, here I come.

Der Mexikaner Giullermo del Toro ist nicht erst seit El laberinto del fauno gefragt. Nach Cronos lockte ihn Hollywood und mit Mimic lieferte del Toro durchschnittlichen US-Horror ab. Anschließend ging er erstmal wieder zurück nach Mexiko und drehte dort seinen Bürgerkriegshorror El espinazo del diablo. Gekonnt verknüpfte del Toro die historische Dramatik mit Gruselelementen und einer Geschichte über Freundschaft. Erneut kam Hollywood und sicherte sich seine Dienste. Dank Blade begann die neue Erfolgswelle der Comicverfilmungen und del Toro durfte 2002 den zweiten Teil inszenieren. Und es machte dieses Mal nichts, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden und der Mexikaner verkroch sich auch nicht erneut in seiner Heimat. Denn nun hatte er sich einen Namen gemacht in Hollywood. Einen Ruf, der bis heute anhält und der del Toro all seinen Erfolg brachte.

Del Toro, der Meister des Phantastischen. Warner wollte ihn für die Regie zu Harry Potter and the Prisoner of Azkaban und musste am Ende doch mit Landmann Alfonso Cúaron vorlieb nehmen. Denn del Toro selbst hatte ein anderes Projekt ausgewählt, entschied sich für ein Herzensprojekt und adaptierte Mike Mignolas Hellboy, ein in der Comicwelt renommiertes Stück Fantasy. Darin wusste er der Vorlage gegenüber treu zu bleiben und doch seinen eigenen Touch einzubringen. Nach Hellboy folgte die Oscarprämierte mexikanische Mär El laberinto del fauno und im Anschluss daran das Angebot, die Regie von J.R.R. Tolkiens The Hobbit zu übernehmen. Der wurde zwar wegen Produktionsproblemen letztlich doch von Peter Jackson selbst inszeniert, aber zumindest am Drehbuch war der Mexikaner beteiligt. Davor widmete er sich jedoch erneut seinem Baby.

Am Ende des Films bekommt der Held immer das Mädchen. Selbst ein Teufel mit riesiger Steinhand die Brünette, die Feuer und Flamme für ihn ist. Und was will man noch großartig erzählen? Die letzten Nazis sind tot, die sieben Chaosgötter aus der Nachbargalaxie vernichtet und das Böse vom Guten im Bösen besiegt. Guillermo del Toro macht sich gar nicht die Mühe, sich nochmals irgendwie an jener Thematik zu versuchen. Vielmehr geht er einen anderen Weg, einen persönlicheren. Denn Hellboy II: The Golden Army ist im Grunde eine Geschichte in der Geschichte. Ein phantastisches Märchen in einem Fantasy-Film. Da lässt es sich der Mexikaner auch nicht nehmen, für den Prolog erneut John Hurt zurückzuholen, um in einer liebevollen Animation das Märchen einzuläuten. Elfen, Trolle, Kobolde – sie alle führten Krieg gegen die Menschen.

Bis die Kobolde für Elfenkönig Balor eine Armee von unzerstörbaren Kriegern anfertigten. Deren Kriegswut war so desaströs, dass Balor Frieden schloss und mit seinesgleichen in den Untergrund wanderte. Doch nun kehrt sein Sohn, Prinz Nuada (Luke Goss), aus dem Exil zurück, um die Armee zu beschwören und die Menschheit zu vernichten. Warum kehrt Nuada jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, zurück? Eine unwichtige Frage, del Toro interessiert sie nicht und auf formaler Ebene will er meist auch gar nicht überzeugen. Stattdessen lässt er die Bilder sprechen. Doch auch trügerische Bilder. Bilder, die ihn verraten. Bilder, die vermuten lassen, dass auch die Phantasie eines Guillermo del Toro nicht ohne Grenzen ist. Oder ihm war die Zeit zu knapp, sich neue Storyboards auszudenken, wenn er ohnehin noch welche von El laberinto del fauno übrig hatte.

Da hat man kleine Zahnfeen, die unverkennbar eine Verwandtschaft mit den Feen aus der Oscarmär aufweisen. Und der Engel des Todes, der sicher ein Cousin vom blassen Mann ist. Das sieht natürlich nicht weniger spektakulär aus, aber das kennt man inzwischen. Genauso wie die harte rechte Faust aus einem speziellen Material von Nuadas stummem Begleiter Wink. Es wuselt zwar in Hellboy II was das Zeug hält, aber dies lädt auch zu Wiederholungen ein. Der Freitagsspaziergang von Abe (Doug Jones) und Manning (Jeffrey Tambor) wirkt dann auch wie eine starke Referenz zu Barry Sonnenfelds Men in Black und die Wirkung des Trollmarktes kennt das Publikum zumindest aus Chris Colombus’ Harry Potter and the Philosopher’s Stone. Del Toro evoziert somit einen extrem hohen Wiedererkennungswert anderer Genrevertreter der vergangenen Jahre.

Eine ganze Welt zu erschaffen, voller seltsamer Figuren, ist nicht einfach. Dass der Mexikaner stets respektvoll und mit Hingabe an seine Figuren herangeht, macht das Ganze besser. Speziell weil die Effekte im Gegensatz zu Hellboy auch weitaus gelungener sind, von den Zahnfeen bis hin zum Waldgott und Johann Krauss (Seth MacFarlane). Enttäuschen wollen die Effekte lediglich im finalen Kampf zwischen Hellboy und der Goldenen Armee. Die gesamte Inszenierung lässt die Entstehung am Computer offensichtlich werden, wobei dies auch an der Hochauflösung der Blu-Ray gelegen haben mag. Keine übermenschlichen Nazis also, kein russischer Zauberer, keine außerirdischen Götter. Stattdessen Elfen und Trolle. Mittelerde reloaded. Die Platzierung von Hellboy (Ron Perlman), seiner Flamme Liz (Selma Blair) und dem Rest in einem großen Märchen.

Der Held bekommt das Mädchen. Soweit so gut, denn viel ändert sich sonst nicht. Manning und Hellboy sind sich noch immer spinnefeind und auch das Untergrundleben hat der große Rote langsam satt. Umso gerne lässt man sich dann im Park fotografieren und unterschreibt das Ganze auch noch fleißig. Bei einem seiner Einsätze wird es Hellboy dann zu blöd und er ergreift die Chance, sich der Welt gegenüber zu outen. Sogar zu Jimmy Kimmel schafft er es damit, doch ändern tut sich wider Erwarten nichts. Er ist fremd, er ist anders. Man traut ihm nicht, ebenso wenig wie man Jahrhunderte zuvor den anderen Fabelwesen getraut hat. Dieser Punkt ist nun nicht universell, vielmehr ist es der Alltag im X-Men-Universum und anderer Superhelden. Man ist zwar toleriert, wird jedoch nicht respektiert. Stattdessen verabscheuen einen die Menschen.

Da bildet sich auch schnell mal ein Pulk von Menschen, um Hellboy wie Frankenstein ans Leder zu wollen. Im ersten Teil hätte der hier noch nachgedacht, ob es sich lohnt, diese zu retten. Und da Nuada erst wenige Minuten zuvor gesäuselt hat, dass Hellboy eigentlich auf seiner Seite stehe sollte, würde man dergleichen nun erwarten. Doch Hellboy scheint reifer geworden zu sein. Oder es liegt nur an Liz, für die er seine Arbeit und das Schicksal der Menschen gerne aufgeben würde. Das ist wahre Liebe, wenn man sagen kann: fuck the mankind. Aber so tief innen drin, da hätte man sich dennoch eine etwas tiefere Auseinandersetzung gewünscht. Wenn Hellboy durch den Trollmarkt latscht und sich wie ein Derwisch freut, dass hier mal keiner starrt und man einfach akzeptiert wird. Doch del Toro geht dem aus dem Weg und beginnt erneut, seine Bilder sprechen zu lassen.

Was folgt, ist eine im Kontext des Films unerhebliche Szene voller Effekte. Unerheblich deshalb, da sie vom Protagonisten nicht wirklich reflektiert oder eingeordnet wird. Aber auch jene Szene besitzt wieder einmal zwei Seiten einer Medaille, wie im Grunde der ganze Film. Denn del Toro schenkt seinem Publikum den vielleicht schönsten Charaktertod in der Filmgeschichte. Ungemein bild- und dadurch ausdruckstark. Für die Geschichte nicht erheblich, aber daran denkt man in jenem Augenblick nicht. Hellboy II: The Golden Army will dabei keine Geschichte über Diskriminierung und Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit wie in Bryan Singers X2 erzählen. Auch keine Geschichte über verbitterten Hass und den Drang nach Gerechtigkeit wie bei Batman oder die selbstverständliche Hörigkeit einer ideologisierten Kultur eines Superman.

Kein Kampf mit dem inneren Dämon wie in Hulk. Nein, Hellboy II ist eine Geschichte fernab von der sozialpolitischen Kritik der Marvel- und mit Abstrichen DC-Comics. Vielmehr ist es eine Geschichte um ihrer selbst willen. Eine Geschichte, um der Phantasie willen. Und es ist durchaus eine Geschichte, die del Toro hier erzählt, nur eine etwas flache. Sie wirkt herausgelöst und ohne Zusammenhang. Es gibt keine Prämisse, keine Reflektion, keine wirkliche Stringenz. Es ist ein Märchen, das sich im Nachhinein wie ein Lückenfüller anbiedert. Ein Lückenfüller für einen abschließenden und gewaltigen dritten Teil der Hellboy-Trilogie. Eine Trilogie, die im Grunde nur auf eine Art enden kann, zumindest deutet The Golden Army dies an. Del Toro besinnt sich auf die positiven Eigenschaften aus Hellboy und setzt ganz auf genreüberschreitenden Humor.

Hatte sich Hellboy aus Liebeskummer einst auf einem Hausdach mit einem Jungen bei Milch und Keksen ereifert, so sitzt er nun betrunken auf dem Teppich und singt Lieder von Barry Manilow. Del Toro nimmt sich Zeit für diese Momente, die sich neben der Handlung abspielen und eher dafür stehen, dass sie im Grunde für nichts stehen. Aber sie machen den Charakter des Films aus, jene Szenen für sich, abstrahiert vom Rest. Die humoristischen Einbindungen von Witzen über sprechende Tumore und Nazibegriffe – mal einfach so, ganz flapsig nebenbei. Eine Fantasy-Komödie, weitaus lustiger als der erste Teil, diesmal zwar nicht redundant, aber dennoch viel zu lang geraten. Erneut verliert sich del Toro in seiner phantastischen Welt und seiner narrativen Ebene – dabei hat er an sich nicht genug zu erzählen. Doch übel nimmt man es dem Mexikaner nicht.

Dafür ist Hellboy II: The Golden Army zu lustig und zu liebevoll detailliert. Ein Stöhnen hier, ein Ächzen da, keine Kreatur muss ohne auskommen. Unterstützt wird dies von dem sehr gelungenen Pop-Soundtrack auf der einen und der nicht minder gelungenen Komposition von Danny Elfman auf der anderen Seite. Dessen Arbeit macht sich in dieser märchenhaften Welt ohne Frage bezahlter als es einem Marco Beltrami gelungen wäre. Und als Fazit ließe sich nun sagen, dass del Toro zuvorderst Shakespeare beachtet und dessen Zitat aus Henry V: Dies über alles dir selber sei treu. Denn del Toro ist der Mann des Phantastischen, zu Hause in jener Welt, die er seit 15 Jahren sein eigen nennt. Eine Welt voller sympathischer Monster und Wichtel. Und eine Welt, in der er hoffentlich irgendwann trotz aller bisherigen Dementis mit Hellboy III nochmals zurückkehren wird.

7.5/10

12. Oktober 2008

Hellboy - Director’s Cut

Red, white, whatever. Guys are all the same.

Was Comics angeht, beherrschen Marvel und DC den Markt, es verwundert daher nicht, dass es neben den Marvel-Hits Spider-Man und X-Men gerade die DC-Serien sind, die sich im Kino gehalten haben. Nachdem Christopher Nolan mit Batman Begins den dunklen Ritter zurückbrachte, stieß er mit seiner Fortsetzung The Dark Knight in neue Sphären für Comicverfilmungen vor. Doch es gibt es auch kleinere Verlage, darunter das vor 25 Jahren entstandene Dark Horse Comics, dessen medial präsentestes Zugpferd der 1993 erschaffene Hellboy ist. Für diesen waren Zeichner Mike Mignola und Texter John Byrne verantwortlich, dessen erste Abenteuer in dem Band Seed of Destruction kulminieren sollten. Dabei war Mignolas erste Idee eines teuflischen Dämons, der sich der guten Seite zuwendet, zu Beginn relativ prätentiös geraten.

Doch schon nach wenigen Versuchen konnte er der Hellboy-Reihe seinen eigenen Stempel aufdrücken. Die paranormalen Fälle, in die Hellboy verwickelt ist, weisen einen starken Einfluss der Werke H.P. Lovecrafts auf. Zudem arbeitet Mignola in seiner Comicserie viel mit Schatten und einer düsteren Atmosphäre. Einige optische Ansätze erinnern an Frank Millers Sin City und auch seine narrative Erzählstruktur weckt durchaus Erinnerungen an Millers Kultcomic. Generell zeichnet sich Hellboy jedoch durch seine investigative Note aus, welche den Fällen Hellboys einen gewissen Noir-Charakter verleiht und gerade dadurch so simpel wirkt, dass sie unspektakulär Spektakuläres zu präsentieren versucht. Elf Jahre nach seiner Erstehung schaffte es Hellboy auf die große Leinwand und findet dieses Jahr in Hellboy II: The Golden Army seine Fortsetzung.

Nachdem er sich 1993 mit Cronos einen Namen macht, ging der Mexikaner Guillermo del Toro vier Jahre später für Mimic nach Hollywood. Der Monsterhorror in New Yorks U-Bahn war jedoch nicht der erhoffte Hit und so kehrte del Toro erst einmal wieder nach Mexiko zurück, wo er 2001 seinen ruhmreichen El espinazo del diablo inszenierte. Auf den erneuten Erfolg in der Heimat folgte die erneute Rückkehr nach Kalifornien. Hier vertraute man del Toro schließlich Blade II an – das Sequel zu jener Comicverfilmung, die dem Genre neues Leben eingehaucht hatte. Die Kritiken und der Erfolg war verhalten, del Toro blieb sich selbst in seiner düsteren Zeichnung eines phantastischen Stoffes treu, wusste aber nicht an den cool durchgestylten ersten Teil heranzureichen. Dennoch war das Resultat akzeptabler als seine Rieseninsekten fünf Jahre zuvor.

Neben dem Abschluss der Blade-Trilogie offerierte man del Toro zudem die Regie zum dritten Harry Potter-Abenteuer. Letztere würde schließlich an Landsmann Alfonso Cúaron gehen, während sich del Toro einen Wunsch erfüllte. Als er die Chance erhielt, Hellboy zu inszenieren, ließ er sich dies nicht nehmen. Entgegen der Einstellung des Filmstudios – unter anderem wünschte man sich Vin Diesel als Hauptdarsteller und Hellboy als eine Art Hulk-Verschnitt – konnte del Toro seine kreativen Ideen durchsetzen. Als Hauptdarsteller holte er mit Ron Perlman seinen Lieblingsschauspieler mit an Bord und adaptierte für seinen Hellboy das Grundgerüst von Seed of Destruction neben einigen Kurzgeschichten zu einer über zweistündigen Abenteuerfahrt durch die phantastischen Gefilde mit einem mehr als sympathischen Dämon voller Eifersucht und Liebeskummer.

Die Einleitung zu Hellboy ist dabei direkt dem Prolog von Mignolas Seed of Destruction entnommen, auch wenn einige Differenzen zwischen Comic und Film zu erkennen sind. So verzichtet del Toro beispielsweise auf den Torch of Liberty und lässt außerdem die Nazis und Alliierte nicht direkt aufeinander treffen. Interessanterweise wird Rasputin (Karel Roden) im Film dann bei seiner Beschwörung nicht mit zwei elektrifizierten Glashandschuhen dargestellt, sondern lediglich mit einem einzigen solchen an seiner rechten Hand. Ob del Toro hier eine spezifische Analogie zu Rasputins „Schöpfung“ Hellboy selbst porträtieren wollte, wäre nun zu diskutieren. Nach der Eröffnungssequenz zeigt der Mexikaner dann sogleich, dass er sehr selbstironisch mit seinem Stoff umzugehen versteht.

Hellboy ist durchaus Teil der pop-kulturellen Medien und es existiert sogar ein scheinbares Video von ihm, eine Parodie des berühmten Films von Patterson-Gimlin über Bigfoot. Der Leiter des FBI weiß solcherlei Beweise schmierig abzuschmettern, denn stets sind Bilder von Hellboy lediglich unscharf zu betrachten. Seinen Höhepunkt nimmt das Ganze dann an, wenn Hellboy in seiner Freizeit seine eigenen Comics ließt, natürlich nicht ohne gebührend Kritik anzubringen (“I hate those comic books. They never get the eyes right.”). Außerdem wurde der Name von Schöpfer Mike Mignola in der Friedhofszene auf Russisch an eines der Gräber angebracht und del Toro ließ es sich nicht nehmen Charakteren wie Ivan seine eigene Stimme zu leihen und dem Projekt einen persönlichen Touch zu geben.

Wo Hellboy im Comic den Titel “World’s Greatest Paranormal Investigator” trägt und seine Abenteuer einen solchen Charakter haben (“What a mess! You’ll have to let me read your report on this one, Hellboy.”), fügt sich del Toros Hellboy (Ron Perlman) nur widerwillig seinem Schicksal. Er hadert mit seinem Äußeren, will sich nicht unter der Oberfläche verstecken. Und weil sein Ziehvater Prof. Bruttenholm (John Hurt) an Krebs erkrankt ist, sucht er seinen Nachfolger im Bureau for Paranormal Research and Defense (BPRD). Agent John Myers (Rupert Evans) erscheint ihm viel versprechend und in einer seiner vielen Referenzen schickt del Toro Myers mit einem Baby Ruth Schokoriegel im Goonies-Stil zum großen Roten.

Doch Hellboy ist stur und uneinsichtig – Schuld sind seine Hormone. Er ist verliebt und wenn seine Auserkorene, Liz Sherman (Selma Blair), auch beim BPRD wäre, würden die ganzen Konflikte nur halb so schlimm sein. Doch Liz hadert im Gegensatz zum Comic selbst mit ihrem Schicksal, schlummert in ihr doch ein unkontrollierbares Feuer. Am Ende kommt sie dank Myers doch zum Bureau und bezeichnenderweise nimmt sich del Toro hier eine außergewöhnliche Auszeit. Er lässt Liz und Myers auf ein Date gehen und schickt seinen gehörnten Hünen als Stalker hinterher. Klimax der Szene wird schließlich eine Referenz zu On the Waterfront, wenn Hellboy darüber siniert, warum er sich von einem Jungen Ratschläge in Liebesdingen gibt, während er dessen Milch und Kekse verputzt.

Gerade durch seinen Sarkasmus hebt sich Hellboy nicht nur von seiner Umgebung, sondern auch Kollegen wie Wolverine und Co. ab. Gefördert wird dies insbesondere von einer laxen Arbeitseinstellung, die durch jenen Sarkasmus zusammengehalten wird. Beispielhaft in einer an The Matrix erinnernden U-Bahn-Schlacht mit dem unsterblichen Dämon Sammael, dessen Hiebversuch Hellboy offenbar nicht getroffen hat. Der rote Hüne staubt sich den Ärmel ab und erklärt süffisant: “You missed” – nur um durch ein Knirschen im Fundament eines Besseren belehrt zu werden. “Oh, crap!”, äußert er seinen Lieblingsspruch. Der Unterhaltungsfaktor in Hellboy wird gerade dadurch gefördert, dass es Hellboys phlegmatische Arbeitsauffassung ist, die ihn stets noch etwas tiefer reinreitet.

Der Humor des Films ist dabei eine seiner großen Stärke und prägendes Bindeglied in del Toros US-Filmen. In Ron Perlman haben del Toro und Mignola – die beide den über 60-Jährigen im Kopf hatten – die perfekte Inkarnation für Hellboy gefunden. Von seinem plumpen Wesen erinnert er mitunter an Marv aus Sin City und man kann sich auch darüber streiten, ob der Rot-Ton im Film nicht eine Spur zu hell ist, nichtsdestotrotz ist Hellboy wohl die einprägsamste Figur in Perlmans Filmographie, die immerhin einige Arbeiten mit Woody Allen vorzuweisen hat. Nicht minder wissen die anderen Darsteller rund um Selma Blair, Doug Jones und John Hurt zu gefallen. Sie alle gehen in ihren Rollen auf und verleihen ihnen das nötige Leben. Allerdings hadert Hellboy ganz klar mit seiner Redundanz.

Es ist durchaus bemerkenswert, wie man durch einige Anderungen den inhaltlich recht einfach strukturierten und sparsamen Seed of Destruction aufgebläht hat. Daher kommt del Toro nicht umhin, sich vermehrt zu wiederholen, sodass gerade die Auseinandersetzungen zwischen Hellboy und Sammael mit der Zeit ihren Reiz verlieren. Auch der (Re)Etablierung von Liz hätten einige Minuten weniger durchaus gut getan. Del Toro verwendet zu viel Zeit darauf, seine Hellboy-Welt zu gestalten, die zu diesem Zeitpunkt bereits problemlos etabliert ist. Das merkt man dem Film speziell im zehn Minuten längeren Director’s Cut an, der weniger wegen der neuen Szenen störend wirkt – die ergänzen sinnvoll –, sondern jene Szenen verschlimmert, die schon im Kino-Cut redundant waren.

Dass die Spezialeffekte etwas künstlich ausgefallen sind, tut dem Spaß in Hellboy keinen Abbruch. Für eine 60 Millionen Dollar teure Produktion sind sie ohnehin mehr als beachtlich. Und dafür, dass der kleine Hellboy etwas stark animiert wirkt, macht die Gestaltung von Sammael einiges wieder wett. Insgesamt ist Hellboy eine gelungene Adaption von Mignolas Werk, auch wenn gerade die Noir-Aspekte zu Gunsten des selbstironischen Zuges gestrichen wurden. Del Toro steigert sich nach seinen vorherigen Filmen erneut, wobei seine mexikanischen Filme – man sieht es an El laberinto del fauno – ohnehin eine Spur besser sind, da del Toro hier einen anderen Schwerpunkt legen kann, der dem US-amerikanischen respektive internationalen Publikum kaum zuzutrauen ist. Ingesamt gesehen ist Hellboy ein vergnüglicher Spaß über einen sympathischen Superhelden.

7.5/10

22. Januar 2008

El orfanato

Tonight's my turn.

Zutaten für einen vermarktbaren Horrorfilm: 1. Man nehme entweder ein Remake (Vorlage erster Wahl wäre japanisch) oder organisiere sich einen bekannten Genreregisseur als Produzenten 2. die Hauptrolle ist mit einer Frau, wenn möglich attraktiv zu besetzen 3. sehr gut eignen sich verstörte Geisterkinder oder solche mit einem Makel, bzw. Merkmal 4. diese Kinder sollten vor mehreren Jahrzehnten von ihren Eltern oder einer anderen, nahe stehenden Person umgebracht worden sein 5. Diese Kinder sind nicht böse, sondern werden lediglich falsch verstanden, die Auflösung des Filmes kommt durch eine Annäherung zwischen Protagonistin und Geisterkind zu Stande. Fertig ist das Horror-Film Rezept, offen auf dem Markt zugänglich und inzwischen weithin verbreitet. Missverstandene, weil umgebrachte, Geisterkinder sind en vogue. Wer kann sich auch schon gegen diese kleinen, bleichgesichtigen Racker verwehren, besonders wenn sie verdrehte Gliedmaße haben. Seien es Ju-on bzw. The Grudge oder Ringu bzw. The Ring, Kinder und Horror funktionieren bestens. An American Haunting gab es letztes Jahr, in der Sneak lief in selbigem auch der Indie-Horror The Sick House (der im übrigen immer noch keinen richtigen Starttermin hat). Gut vermarkten lassen sich solche Horrorfilme auch immer dann, wenn jemand aus Hollywood seinen Namen sprichwörtlich plakativ hergibt. Quentin Tarantino präsentiert Hostel oder Michael Bay präsentiert jedes andere Horrorremake – da lässt man es sich im spanischsprachigen Kino natürlich nicht nehmen, das neue Wunderkind Guillermo del Toro nach seinem Welterfolg mit El laberinto del fauno als Paten zu gewinnen. Del Toro, der selbst einst mit El espinazo del diablo einen Geisterkind-Horror ablieferte, gibt nunmehr seinen Namen für den spanischen – richtig! - Geisterkind-Horrorfilm El orfanato her.

Einst war Laura (Belén Rueda) ein Waisenkind, welches mit fünf anderen Kindern in einem Waisenhaus lebte. Bis Laura adoptiert wurde. Jetzt ist Laura nicht nur erwachsen, sondern auch verheiratet mit dem Arzt Carlos (Fernando Cayo) und beide haben den HIV-infizierten Simón (Roger Princep) adoptiert. Und weil Laura so ein gutes Herz hat, ist sie mit ihrer Familie zurück in das leerstehende alte Waisenhaus gezogen, weil sie daraus ein Heim für behinderte Kinder machen will. Eine enge Beziehung hat sie zu ihrem Sohn Simón, der nicht viele Freunde hat, bzw. nur zwei, und die sind auch lediglich erfunden. Bei einem Ausflug zum Strand lernt Simón dann einen neuen, unsichtbaren Freund, Tomas, kennen. Mit diesem und fünf anderen unsichtbaren Kindern spielt Simón fortan lustige Schnitzeljagdspiele, zieht sich dabei jedoch allmählich den Ärger seiner Mutter auf sich. Der Disput der beiden eskaliert, als Simón seiner Mutter am Tag der Heimeröffnung das kleine Haus von Tomas zeigen will, diese jedoch keine Zeit hat. Nach einem scheinbaren Angriff von Tomas auf Laura, ist Simón unauffindbar. Laura selbst verdächtigt eine alte Sozialarbeitern, die damals kurz nach dem Einzug auf dem Grundstück auftauchte. Trotz eindringlicher Suche der Polizei lässt sich Simón nicht auffinden, nach neun Monaten schaltet Laura daher einen Fachmann für das Paranormale und ein Medium (Geraldine Chaplin) ein – welche ihr schließlich offenbart, dass sie sich auf das Spiel der Kinder einlassen soll. Gegen den Unmut von Carlos verbarrikadiert sich Laura allein im Waisenhaus und trifft ihre Vorbereitungen für das Spiel mit den Kinder um Simón. Man stelle sich vor, jemand backt einen Apfelkuchen nach einem vorgegebenen Rezept und dann backt jemand anderes einen Apfelkuchen, aber nach demselben Rezept und so weiter und so fort. Das Rezept des Apfelkuchens bleibt immer dasselbe, daher werden alle Apfelkuchen im Prinzip auch jedes Mal gleich schmecken. Natürlich schmeckt der eine etwas besser und der andere war vielleicht zu lang oder zu kurz im Ofen, aber eigentlich unterscheiden sich die Kuchen lediglich im Detail, im Geschmack.

Man stelle sich vor, man hat so einen Apfelkuchen bereits gut ein halbes Dutzend Mal gegessen, und bekommt nun erneut einen solchen Apfelkuchen vorgesetzt. Ganz genau, man weiß bereits wie er schmeckt und im Grunde hat man überhaupt keine Lust ihn überhaupt zu probieren. Dieser Apfelkuchen ist El orfanato. Dabei ist der Film so spannend, wie es The Others nach The Sixth Sense gewesen ist. J.A. Bayona präsentiert einen total vorhersehbaren Film, der nur von seinen musikalischen Schockelementen lebt. Spult man bei diesen die Lautstärke um fünfzig Prozent herunter, hat man gute Chancen bereits nach den ersten 20 Minuten eingeschlafen zu sein, denn Spannung erzeugt der Film bedauerlicherweise nicht. Wieso del Toro für so etwas seinen Namen hergibt, ist nicht ersichtlich, einzige Möglichkeit findet sich wohl in seinem Patriotismus, nach dem Motto „Latinos müssen zusammenhalten“. Dabei spielen die Darsteller, was man ihnen lassen muss, ihre Rollen durchaus gut und glaubhaft, lediglich die Musik, und das vorhersehbare Drehbuch sind ein Dorn im Auge, enttäuschend wie Regisseur J.A. Bayona den Film nach Schema F herunterspielt und sich derselben Methoden bedient wie allgemein im Genre üblich. Es wäre gelogen, wenn man behauptet, dass aus der Handlung mehr herauszuholen gewesen wäre, denn das stimmt nicht. Die Handlung ist einfach so ausgelutscht wie ein Schweizer Hustenbonbon und hat ihre Innovativität bereits nach Ringu verloren gehabt.

2/10

1. November 2007

El laberinto del fauno

Visible only to those who know where to look.

International werden besonders zwei, an sich jedoch drei Regisseure mit dem jüngsten Aufschwung des mexikanischen Kinos in Verbindung gebracht. So sehr sogar, dass sie im vergangenen Jahr sogar gemeinsam den Gotham World Cinema Tribute Award erhielten. Die Rede ist von den three amigos Alejandro Gonzáles Iñárritu (Babel), Alfonso Cuarón (Children of Men) und Guillermo del Toro. Letzterer erntete zuletzt mit El laberinto del fauno beim Filmfestival in Cannes 22 Minuten Stehbeifall und erhielt nebst der Nominierung zum besten fremdsprachigen Film auch drei Auszeichnungen bei den diesjährigen Academy Awards für seine Ausstattung, Kameraarbeit und das Make-Up seines sechsten Spielfilms.

Das den Fremdsprachen-Oscar stattdessen Das Leben der Anderen gewonnen hat, passt in das groteske Bild der diesjährigen Oscars. Wie dem auch sei ist Guillermo del Toros Film eine grandiose Verknüpfung von phantastischen Elementen eines Märchens mit traurigen Fakten und Bildern des spanischen Bürgerkriegs von 1944. Ein Film, der in seiner Entstehung die Jahre überdauern und zu del Toros persönlichstem Film werden sollte, hierbei viele Elemente von Charles “Lewis Carroll” Dodgsons Alice’s Adventures in Wonderland, Hans Christian Andersen bis hin zu Charles Dickens David Copperfield oder Pink Floyd verarbeitend. Als Vorwarnung sei gesagt, dass die letzten Absätze mit Spoilern den Film interpretieren.

Die elfjährige Ofelia (Ivana Baquero) zieht mit ihrer schwangeren Mutter (Ariadna Gil) zu ihrem neuen Stiefvater, dem frankistischen Hauptmann Vidal (Sergi López), der von einer alten Mühle im Wald aus gegen Partisanen kämpft. Diese werden von Vidals Haushälterin Mercedes (Maribel Verdú) und seinem Hausarzt Ferreiro (Álex Angulo) unterstützt. Ofelia beginnt mit ihrer Ankunft in der Mühle ein phantastisches Abenteuer als sie einer Fee begegnet. Die erkennt in ihr die vermisste Prinzessin Moana und macht die mystische Figur des Fauns (Doug Jones) auf sie aufmerksam. In drei Charakterprüfungen muss Ofelia beweisen, dass sie in ihrer Abwesenheit aus dem Königreich nicht menschlich geworden ist.

Im eigentlichen Sinne ist El laberinto del fauno eine Fortsetzung zu del Toros letztem spanischen Werk El espinazo del diablo. Nicht nur werden beide Geschichten von der Ankunft eines Kindes im Auto an einen zentralen Handlungsort eingeleitet, auch sind sie von mystischen Elementen und ernsten historischen Themen durchzogen. Del Toro selbst führt im Audiokommentar immer wieder diese Parallelen der beiden Filme an. Hinzu kommt, dass fast jede entscheidende Szene innerhalb von El laberinto del fauno widergespiegelt wird, dabei allerdings zumeist eine andere Wendung nimmt. Dies markiert auch die Thematik des gesamten Filmes: das Zusammenwirken von Entscheidungen und Ungehorsam.

Jede der gezeigten Figuren befindet sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben und muss Entscheidungen treffen, die allesamt mit einer gewissen Form von Ungehorsam zu tun haben. In einer zentralen Szene des Filmes erklärt Dr. Ferreiro gegenüber Hauptmann Vidal, dass das Gehorchen, nur um des Gehorchenswillen eine Sache für Soldaten sein mag, nicht jedoch für rational denkende Menschen. Entsprechend bestehen auch Ofelias Prüfungen aus dem Zusammenspiel von Entscheidungen und Gehorsam respektive Ungehorsam. Del Toro erklärt dem Publikum mit seinem Film, dass es im Leben Momente gibt, in welchen wir uns für den Ungehorsam entscheiden oder zumindest den Gehorsam hinterfragen müssen.

Ofelias Prüfungen bestehen nicht so sehr darin, diese selbst zu bestehen, sondern dem Faun gegenüber zu beweisen, dass sie immer noch die Seele von Prinzessin Moana besitzt. Somit muss sie sich folglich selbst beweisen und tut dies auch den ganzen Film hindurch. Aber auch die anderen Figuren wie Dr. Ferreiro, Mercedes, ihr Bruder und Partisanenführer Pedro oder Vidal müssen sich gegenüber sich selbst beweisen und dahingehende Prüfungen bestehen/-schreiten. Sein prinzipiell trostloses Märchen inszeniert del Toro mit großer Liebe fürs Detail in goldenen und blauen Bildern, hierbei Kontraste bildend zwischen der kalten und herzlosen Welt Vidals sowie der farbenfrohen und phantastischen Welt des Fauns.

Im Verlauf des Films verändern sich diese Farben, wenn die Grenzen beider Welten ineinander zu fließen scheinen. Jede grausame Szene, welche das Franco-Regime widerspiegelt, wird anschließend abgelöst von einer Szene, die ein phantastisches Element beinhaltet – sei es der Faun, eine Fee oder eine Alraune. Somit erzählt del Toro eigentlich zwei Geschichten parallel zueinander und lässt diese im Verlauf seines Films assimilieren. Die eine ist eine klassische Märchengeschichte, die andere der Kampf der Bürger gegen ein totalitäres Regime. Dies dient dem Zweck, das Publikum durch die phantastischen Elemente empfänglicher für die Gewalt zu machen und diese zugleich dadurch abzuschwächen.

Einige Jahre vor Produktionsstart hatte Guillermo del Toro in einem Taxi sein Notizbuch verloren, doch wurde ihm dies von dem Taxifahrer zurückgebracht als dieser den inhaltlichen Wert erkannte. Del Toro sah dies als Omen an und legte sich mit Überzeugungskraft ins Werk, schilderte seinem Kollegen, Freund und Mitproduzenten Alfonso Cuarón sowie dem Hauptdarsteller Sergi López die Handlung des Films bereits eineinhalb Jahre vor Drehbeginn – ehe er sich überhaupt an das Drehbuch gesetzt hatte – exakt so, wie der Film nun auf der Leinwand zu bestaunen ist. Dieses große Ausmaß an Phantasie lässt sich in jeder einzelnen Szene begutachten und zieht das Publikum vollkommen in den Bann.

Weniger mit Dialogen als vielmehr durch seine Kameraführung und seine Bilder verleiht del Toro seinen Figuren ihren Charakter, bis hin zu einer Stabheuschrecke. Was diese Figuren tun, hat Hand und Fuß, genauso was ihnen wichtig erscheint, beispielsweise eine Uhr. Äußerst lobenswert ist, dass del Toro nicht nur auf bloße visuelle Effekte setzt, sondern seine phantastischen Figuren durch Make-up und Puppen darstellen lässt. Die Auszeichnungen für ebenjenes Make-up, besonders natürlich für den Faun und den blassen Mann, sowie für die Ausstattung sind ebenso verdient wie für Guillermo Navarros träumerische Kameraarbeit, die gerade in den Partisanenszenen im Wald atemberaubend schöne Lichtspiele einfängt.

Unter Fans viel diskutiert wurde die Frage, ob sich die Phantasiewelt nur in Ofelias Kopf abspielt oder real ist. Viele Szenen lassen sich so interpretieren, dass Ofelia durch ihr Dasein als Prinzessin und die Aufgabe des Fauns nur der Realität rund um Vidal zu entfliehen versucht. Zeichen hierfür sind die vielen Märchen, die sie liest – darunter eines über ein Mädchen, welches auf Feen trifft –, aber auch die Parallelen zwischen der Wirklichkeit und den widergespiegelten Szenen in der Phantasiewelt. Genauso gibt es Anzeichen wie das Wirken der Alraune, die Blüte am verdorrten Baum und allen voran das Stück Kreide, mit welchem Ofelia flieht, welche für die reale Existenz der phantastischen Welt sprechen.

Entgegen dem allgemeinen Glauben liegen Ofelias Prüfungen nicht darin, dem Faun blind zu gehorchen, sondern selbstständig Entscheidungen zu treffen. In der Szene mit dem blassen Mann trifft Ofelia zwei solcher Entscheidungen: die eine endet gut, die andere endet böse. Letzteres muss sie jedoch der Fall sein, damit Ofelia die dritte und eigentlich einzige Prüfung wirklich richtig bestehen kann. Ihr Verhalten spiegelt das von Dr. Ferreiro wieder, gerade als dieser gegenüber Vidal erwähnt, dass es keinen Sinn ergibt, nur um des Gehorchenswillen zu gehorchen. Man muss seinen Instinkten trauen und Entscheidungen hinterfragen (dürfen) – und im schlimmsten Fall dann auch die Konsequenzen dafür tragen.

In seinem Audiokommentar zum Film erklärt Guillermo del Toro, dass er selbst aufgrund der Anwesenheit des angeblich fiktiven Stücks Kreide in Vidals Gemach an die phantastische Welt des Fauns glaubt. Daran also, dass Ofelia (wieder) eine Prinzessin wird und zu ihrer Heimatstätte zurückkehrt und letztlich Unsterblichkeit gewinnt – weil sie ihre eigene Sterblichkeit hierfür riskiert hat. Auch hierzu gibt es Parallelen in der Realität ob der Entscheidungen von Mercedes und Dr. Ferreiro. Ob das Gezeigte real ist oder nicht, bleibt dennoch eine subjektive Frage. Fraglos dagegen ist aber, dass El laberinto del fauno das bisherige Meisterwerk von del Toro darstellt – und es wahrscheinlich immer bleiben wird.

9/10