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13. April 2018

Roman J. Israel, Esq.

Doing the impossible for the ungrateful.

Es heißt ja, der erste Schritt sei immer der Schwerste. Gerade für Regisseure ließe sich aber fast sagen, dass ihr 2. Film oft weitaus diffiziler ist. So mancher Debütfilm legt die Messlatte schon ziemlich hoch, mit denen der ein oder andere Regisseur daraufhin zu kämpfen hat. Zwar war Richard Kellys Southland Tales ein kongenialer Nachfolger seines Kultfilms Donnie Darko, floppte jedoch aufgrund seiner Kreativität sowohl finanziell wie im Feuilleton. Mit The Box versuchte es Kelly im Anschluss nochmals, scheiterte aber erneut. Seither ist es still geworden um das einstige Talent. Und auch Dan Gilroy, der vor ein paar Jahren mit dem Satire-Thriller Nightcrawler ein wahres Brett als Debüt rausgehauen hat, steht nun in dessen Schatten.

Überaus ambitioniert ist es da, mit Roman J. Israel, Esq. ausgerechnet ein Justiz-Drama ins Rennen zu schicken. In diesem wird der Rechtsbeistand Roman J. Israel (Denzel Washington) mit dem schweren Krankheitsfall seines Kanzlei-Partners konfrontiert. Das gemeinsame Büro muss aus finanziellen Gründen schließen und auch wenn Roman in der renommierten Kanzlei von George Pierce (Colin Farrell) unterkommt, tut sich der exzentrische Bürgerrechtsaktivist dort merklich schwer und eckt mit seinen sozialen Ticks und Störungen bei den Kollegen an. Roman hadert mit seinen politischen Idealen von einst, die heute nicht mehr gefragt scheinen – nicht einmal in einer entsprechenden Organisation wie der von Maya (Carmen Ejogo).

“Hope don’t get the job done”, ist eine jener betrüblichen Erkenntnisse ihres Justizsystems, die drohen, engagierte Charaktere wie Roman und Maya mental zu brechen. Die Entschlossenheit der Hauptfigur eint sie dabei in gewisser Weise mit Jake Gyllenhaals Louis Bloom aus Gilroys Debütwerk. Wo dieser aber sein Glück selbst in die Hand nahm, ist Roman weitaus lethargischer. “My lack of success is self-imposed”, weiß er sehr wohl. Sieht sich jedoch – potentiell – in einer Reihe mit Bürgerrechts-Größen wie Bayard Rustin. Seit vielen Jahren arbeitet Roman an einer Mandats-Reform für das im US-Justizsystem populäre Strafmilderungsverfahren, für dessen Abschluss er aber scheinbar weder seinen alten Partner noch Pierce gewinnen kann.

Wie ein Relikt aus alten Zeiten inszeniert Gilroy auch seinen Protagonisten. Der echauffiert sich, wieso Männer nicht stehenden Damen ihren Platz anbieten, nutzt noch ein Klapphandy und trägt alte Anzüge auf. Während sein Kanzlei-Partner nach außen das Gesicht des Büros war und die Verfahren leitete, war Roman im stillen Kämmerlein für deren Vorbereitung zuständig. Was er an sozialen Schwächen mitbrachte, wurde so wohl nur noch verstärkt. “I can always count on you to say the utterly inappropriate thing”, wirft ihm da eingangs nach einem verbalen Fauxpas die Sekretärin vor. Die Ideale von Roman und seinem Partner sind überholt in einer Welt, die auf Effizienz und Gewinn ausgelegt ist, statt auf Moral und Ethik.

“This place runs more like a charity service than a law firm”, kritisiert Lynn (Amanda Warren), die Tochter von Romans Partner. Und erklärt so das aufgehäufte finanzielle Defizit, das zur Schließung führt. Entgegen dieser Beschreibungen ist Roman J. Israel, Esq. aber nicht an einem Gegenüber von Damals und Heute interessiert. Ebenso wenig wie an jenem Mandat, das Roman seit jeher vorbereitet. Im Grunde wird der Zuschauer etwas im Stich gelassen – womöglich analog wie manche von Romans Klienten selbst vom Justizsystem –, was nun die Geschichte einem eigentlich erzählen will. Vom Scheitern eines Idealisten? Nur bedingt, dafür wird das Engagement zu wenig angerissen, als dass sich ein Bild inklusive Rahmen dazu ergibt.

Statt an einem Thema oder einer spezifischen Handlung hängt Gilroy seinen zweiten Spielfilm an seiner Hauptfigur und ihrer Faszination auf. Diese erstreckt sich dabei auf die anderen Charaktere fast eher als auf das Publikum. Sowohl Pierce als auch Maya entwickeln ihre ganz eigenen Beziehungen zu Roman, der in ihnen eher unwillkürlich – obschon gewollt – eine Art neues Feuer des Aktivismus entfacht. Ganz im Gegensatz zur Figur selbst, die im Verlauf ob der Widrigkeiten bei einem Mordfall gegen seinen Klienten Ellerbee (DeRon Horton), eher desillusionierter gerät. Was in anderen Justiz-Filmen nun der Auftakt für ein kathartisches Hauruck wäre, avanciert hier eher zum halbgaren Blick in den moralischen Abgrund.

Roman J. Israel, Esq. fehlt ein wenig der Fokus – sei es auf einen konkreten Fall, ein alles übergreifendes Thema oder die inneren Mechanismen seiner Figur. So ist der Film am Ende von allem etwas, aber eben nichts davon wirklich oder genug. Geschultert von einer soliden und erfreulicherweise weitestgehend zurückgenommenen Darbietung von Denzel Washington, findet sich nicht wirklich ein Zugang zu dem, was Dan Gilroy hier versucht, zu erzählen. Roman mag zwar seine sozialen Ticks haben, ist aber keineswegs so charismatisch wie der soziopathisch veranlagte Louis Bloom. Wo Nightcrawler eine Botschaft transportierte (stellenweise sicher mit dem Holzhammer), mäandert Roman J. Israel, Esq. zu sehr im Nichts.

Von verschenktem Potential kann man im Fall von Roman J. Israel, Esq. dabei nicht mal reden. Die Zahl der mitreißenden und aussagekräftigen Justiz-Filme ist überschaubar und Gilroys Werk keines, das dem Genre sonderlich viel hinzuzufügen hat. Gut möglich, dass es der Kohärenz der Geschichte in die Parade fuhr, dass Gilroy nach eigenen Aussagen Washington zu viel Einfluss auf die Gestaltung schenkte, sodass eine leichte Fehlharmonie entstand. Oder es ist schlicht die Erwartungshaltung Schuld: Wer nach einem starken Debütfilm ebenso überzeugend im Nachfolger an den Zuschauer liefern soll, kann vielleicht nur scheitern. Oder wie es Roman J. Israel selbst im Film sagt: “Doing the impossible for the ungrateful.”

5/10

21. September 2009

The Taking of Pelham 1 2 3

You do what you have to do. But we need milk.

Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier gibt es nicht nur die Möglichkeit vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, hier wird auch regelmäßig der Durchschnittsbürger zum Held des Tages. Da geht es nicht nur darum, dass Leben eines Einzelnen zu retten, sondern gleich eine ganze Stadt bzw. die Gesellschaft. Und am Ende eines harten und ereignisreichen Arbeitstages, der so ganz anders war, wie ein normaler Arbeitstag, ruht sich der Held nicht auf seinen Lorbeeren aus. Er nimmt nicht einmal den Dank entgegen, schließlich steht er über diesem. Ein ehrenhafter Held kämpft um der Sache Willen. Nach der Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel bringt er seiner Familie noch die Milch mit. Und was die Familie oder die Stadt oder der Staat braucht, dass weiß der amerikanische Held darzubieten. Die Befriedigung der Erwartungshaltung. In gewissem Sinne ist also auch Tony Scott ein amerikanischer Held – obschon er Engländer ist –, befriedigt auch er die ihm entgegengebrachte Erwartungshaltung.

Immerhin versucht sich der kleine Bruder von Ridley Scott mit The Taking of Pelham 1 2 3 erstmals in seiner Karriere an einem Remake. Dabei orientiert sich der Brite weniger an Morton Freedgoods Roman als an John Sargents filmischer Umsetzung, die ein Jahr nach dem Buch erschien. Damals lieferten sich Robert Shaw und Walther Matthau ein trocken-süffisantes Dialogduell über Funk, während Matthaus U-Bahn-Ermittler versuchte, dem ominösen Mr. Blue das Handwerk zu legen. Der spannende Siebziger-Thriller diente nicht nur Quentin Tarantino mit als Inspiration für Reservoir Dogs, sondern vereint Tony Scott nunmehr zum vierten Mal mit Denzel Washington (das fünfte Projekt, Unstoppable, ist bereits in Planung). Und wie sich von einem Tony-Scott-Film erwarten ließ, besticht seine Interpretation von Sargents Werk durch seine obligatorischen Kamerafahrten und seine gewöhnungsbedürftige Schnitttechnik. Diese lässt sich zugleich als Analyse des Filmes sehen, der schnelle Bildfolgen liefert, um dazwischen in ruhigen Phasen versucht Handlung zu portionieren. Sinnigerweise unterlegt mit Musik von Jay-Z und anderen audio-visuellen Eitelkeiten.

Der visuelle Stil des Regisseurs, der mitunter (Domino) zu gefallen weiß, wirkt etwas gewöhnungsbedürftig. Schließlich hat das Publikum es hier nicht mit einem um sich ballernden Ex-Model zu tun, The Taking of Pelham 1 2 3 kommt sehr authentisch daher. Eine vierköpfige Bande rund um den mysteriösen Ryder (John Travolta) entführt die New Yorker U-Bahn-Linie 123 Richtung Pelham. Es soll eine Lösegeld für die 18 Passagiere ausgehandelt werden. Finanzielle Abweichungen (das Lösegeld wird verzehnfacht) passen sich dem neuen Jahrhundert an. Nun gelangt die Kontaktaufnahme des Geiselnehmers mit der Obrigkeit jedoch nicht wie in Sargents Film an einen U-Bahn-Polizisten, sondern mit Walter Garber (Denzel Washington) an einen simplen Streckenkoordinator. Und damit zum Durchschnittsbürger. Jemand, der nichts mit Kriminellen zu tun hat, geschweige denn mit Gewalt. Dabei versucht Scotts Film weniger ein Psychospiel auf Augenhöhe der Protagonisten zu inszenieren, wie bei Sargent der Fall, sondern vielmehr eine Identifikation zwischen Held und Bösewicht herauszustellen.

Dies leitet sich bereits an den äußerlichen Ähnlichkeiten ab. Sowohl Ryder als auch Garber tragen kurze Haar und Bart, viel offensichtlicher jedoch jeder von beiden einen Ohrstecker. Ryder rechts, Garber links. Das Skript, für das Brian Helgeland mitschrieb und als einziger Autor benannt wird, versucht sich darin, beide Männer als Yin und Yang zu portraitieren. Zwei Männer im Staatsdienst, von diesem geschasst nachdem sie sich der Korruption schuldig gemacht haben. Die Ähnlichkeit bleibt dann natürlich auch nicht den Figuren vorenthalten und wie es stets so ist, äußert der Bösewicht die Prämisse: wir beide sind nicht so verschieden. Dabei sind Garbers Motive weitaus edler, als die seines Gegenspielers. Ryder selbst hat ebenfalls ein Motiv, dieses weicht jedoch von der Vorlage ab. Begnügte sich Robert Shaw vor 35 Jahren damit, eine Viertelmillion US-Dollar zu erbeuten, treib Travolta ein viel höheres Ziel an. Eines, das schließlich vom New Yorker Bürgermeister (James Gandolfini) gelüftet wird, dank einer – scheinbar – unbedachten Äußerung.

Mit diesem versuchten Twist von Helgeland bereitet sich der Film jedoch selbst unnötig Probleme. Vor allem lässt er seine Figuren in einem ziemlich schlechten Licht erscheinen. Ohnehin enthält das Drehbuch viele Wendungen und Details, die ob ihrer Sinnlosigkeit negativ herausstechen. So verkommt der Fakt, dass sich Ryder eine W-Lan-Empfang in der U-Bahn besorgen lässt, zum medialen Spektakel, wenn einer der Passagiere dadurch über seine Webcam die Geiselnahme der Freundin vorspielen kann. Diese leitet die Bilder flugs an ein Fernsehteam weiter, welches die Übertragung selbst dann noch fortsetzen darf, als Ryder beginnt Geiseln (live im Fernsehen) zu exekutieren. Ohnehin wirken die polizeilichen Ermittlungen – zumindest bis zu deren überraschenden Katharsis im Finale – ungemein dilettantisch, gelingt es der Polizei nicht mal die Straßenkreuzungen zu räumen als das Lösegeld zu den Entführern gebracht werden soll. Nicht weniger als drei Mal (!) kollidiert der Transport mit einem anderen Verkehrsteilnehmer, sodass es vielleicht auch eine selbstironische Anspielung darstellt, wenn Gandolfinis Figur hinterher fragt, warum man das Lösegeld nicht mit dem Hubschrauber transportiert hätte.

Während Washington seine Rolle des Normalbürgers zumindest in der ersten Hälfte sehr überzeugend gibt (auch wenn die Wandlung der Figur dann einen Genickbruch darstellt), wirkt Travolta von Beginn an eher lächerlich,als bedrohlich. Nie will man Ryder – im Gegensatz zum besonnenen Mr. Blue – abkaufen, dass er die Entführung als Coup geplant hat. Dafür ist er viel zu unbeherrscht und vulgär (vor allem hinsichtlich des Twists). Travolta selbst spult hier lediglich eine seiner zahlreichen Soziopathen-Darbietungen ab, somit ist Tony Scotts Interpretation eines gelungenen 70er Jahre Thrillers mit zwei exzellenten Hauptdarstellern schließlich nichts als ein hektisch abgespulter Analogieversuch zweier Männer, die einander offensichtlich ähnlich sind und dann aber doch wieder nicht. Dies weiß weit weniger spannend zu sein als die Streitigkeiten seiner Zeit zwischen Mr. Blue und Mr. Grey oder die Ermittlungen von Garber hinsichtlich der Täter des Raubüberfalls. Am Ende ist sich Tony Scott mit The Taking of Pelham 1 2 3 dann doch wieder treu geblieben.

4.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

6. August 2009

As Time Goes By: Russell Crowe

I’ve given 24 insufficient performances and I’m looking forward to the time in my life when I’ll do something that I think is good.

Am 7. April 1964 kam Russell Ira Crowe in Wellington, Neuseeland zur Welt. Gemeinsam mit seinen Eltern, den Filmcaterern John Alexander und Jocelyn Yvonne Crowe, zog Russell 1968 nach Australien. Damit verließ Crowe, der über seine mütterliche Seite zu einem Sechzehntel Maori ist – worauf er Wert legt -, zum ersten Mal sein Heimatland. Über die Arbeit seiner Eltern gelangte Crowe zu seinem Schauspieldebüt. Im Alter von sechs Jahren durfte er in der Fernsehserie Spyforce eine Dialogzeile sprechen. Das Engagement sollte jedoch seine erste und einzige Beschäftigung als Kinderschauspieler bleiben. Acht Jahre später würde die Familie Crowe zurück nach Neuseeland ziehen, wo Russell die High School besuchen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits eine Leidenschaft für die Musik bei ihm entwickelt. Er versuchte sich als Solo-Rockmusiker unter dem Namen „Russ Le Roq“ und brachte 1980 als 16-Jähriger seine erste Single „I just want to be like Marlon Brando“ heraus. Allerdings war seiner Musikkarriere – weder damals noch heute – von Erfolg gekrönt. Nach seinem Schulabschluss verdingte sich Crowe als Kellner und Barkeeper, ehe er Mitte der achtziger Jahre endgültig im Schauspielgewerbe landete. Einem Engagement im Musical Grease folgte eine Rolle in The Rocky Horror Picture Show. Die Show lief derart erfolgreich, dass sie 1986 sogar in Australien auf Tournee ging. Crowe kehrteendlich zurück nach Down Under.

Ein Jahr später begann mit einer Gastrolle in der australischen Erfolgsserie Neighbours Crowes Statisten-Dasein. Im Alter von 25 Jahren übernahm er schließlich 1989 in The Crossing seine erste Spielfilmrolle. Während der Dreharbeiten sollte er Danielle Spencer kennenlernen, die spätere Mutter seiner Kinder. Bereits im Jahr darauf zog Crowe mit seiner Rolle in Proof mehr Aufmerksamkeit auf sich und schließlich gelang ihm 1992 in Australien der Durchbruch. Für seine Portraitierung des Skinheads Hando in Geoffrey Wrights Romper Stomper gewann Crowe nicht nur den australischen Filmpreis als Bester Hauptdarsteller, sondern auch das Interesse von US-Star Sharon Stone. Diese wollte ihn für eine Nebenrolle in Sam Raimis The Quick and the Dead gewinnen, doch kolliderten die Dreharbeiten mit Crowes Beteiligung am australischen Drama The Sum of Us. Nachdem Stone jedoch den Dreh verschob, kam Crowe 1995 in Raimis Western neben Stone, Gene Hackman und Leonardo Di Caprio zu seinem US-Debüt. Noch im selben Jahr drehte der Neuseeländer dann in Virtuosity an der Seite von Denzel Washington. Es sollte sein dritter Kinofilm sein, der ihm auch jenseits des Pazifiks den Durchbruch bescheren würde. Regisseur Curtis Hanson besetzte ihn als Bud White in seiner brillanten James-Ellroy-Adaption L.A. Confidential und machte Crowe schlagartig einem neuem Publikum bekannt. Doch seine folgenden Projekte sollten Crowe erstmal stagnieren lassen. Weder die Drama-Komödie Breaking Up an der Seite von Salma Hayek, noch der Disney-Sportfilm Mystery, Alaska brachten ihn schauspielerisch weiter.

Es war das Ende des Jahrtausends, welches für Crowe den Anfang seines Ruhmes darstellen sollte. Und dies, obschon er drei Rollen in finanziell lukrativen Trilogien ablehnte. Während ihn 1998 die Rolle des Morpheus in The Matrix nicht interessierte, sagte er im darauffolgenden Jahr den Part von Wolverine in Bryan Singers X-Men ab und ein Jahr später – wenn auch schweren Herzens – die Rolle des Aragorn in Peter Jacksons Lord of the Rings. Nichtsdestotrotz trug er sich dank anderer Projekte in die Geschichtsannalen Hollywoods ein. Seine Darstellung des Jeffrey Wigand in Michael Manns Tabaklobby-Thriller The Insider bescherte Crowe seine erste Academy-Award-Nominierung als Bester Hauptdarsteller. Kurz darauf würde Crowe sein zukünftiger filmischer Lebensabschnittspartner begegnen. Mit dem britischen Regisseur Ridley Scott drehte der Neuseeländer das Sandalen-Epos Gladiator – die erste von fünf Zusammenarbeiten mit Scott. Seine Rolle des Maximus bescherte Crowe seinen ersten Oscar. Als er ein Jahr später für seine Portraitierung des Mathematikers und Nobelpreisträgers John Forbes Nash Jr. in A Beautiful Mind – der Film, für den er das Engagement in Lord of the Rings absagte – erneut nominiert wurde, reihte sich Crowe in eine schauspielerische Liga mit Jack Nicholson, Marlon Brando, Gary Cooper, Paul Muni und William Hurt ein. Sie alle wurden in drei aufeinanderfolgenden Jahren als Beste Hauptdarsteller nominiert und dabei zumindest einmal mit dem Oscar ausgezeichnet. Lediglich Spencer Tracy vermag das Sextett mit zwei Auszeichnungen zu übertrumpfen. Crowe, der durch seine Rolle in Proof of Life und seine daraus resultierende Affäre mit Kollegin Meg Ryan deren Ehe mit Dennis Quaid zerstört hatte, sollte nunmehr auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt sein.

Nach Arbeiten unter Michael Mann, Ridley Scott und Ron Howard würde Crowe als nächstes mit dem australischen Regisseur und seinem Landsmann (Crowe besitzt neben seiner neuseeländischen auch die australische Staatsbürgerschaft) Peter Weir zusammenarbeiten. In Master and Commander: The Far Side of the World lernte Crowe extra Geige spielen und schlüpfte in die Rolle von Captain Jack Aubrey. In der November-Ausgabe des TIME Magazines von 2003 feierte das renommierte Blatt Crowe als den „wandlungsfähigsten Superstar Hollywoods”. Der raubeinige Neuseeländer war in der A-Liga von Hollywoods Stars angekommen. Erhielt er für Gladiator noch fünf Millionen Dollar Gage, wurde ihm nun das Vierfache überwiesen. Zuvor hatte er an seinem 39. Geburtstag schließlich Danielle Spencer geheiratet, die im selben Jahr auch ihren ersten gemeinsamen Sohn Charles zur Welt brachte. Der Schauspieler zog sich auf seine Farm in Australien zurück und bereitete sich für sein nächstes potentielles Meisterstück vor. Unter der erneuten Regie von Ron Howard übernahm Crowe die Darstellung des US-Boxers Jim Braddock in dem period piece Cinderella Man. Zwar sieht der Schauspieler noch heute die Rolle Braddocks als seinen Favoriten an, doch das hochkarätig besetzte Drama (u.a. Paul Giamatti und Renée Zellweger) wurde kein zweites A Beautiful Mind. Ohnehin sollte das Jahr 2005 nicht so verlaufen, wie es sich der Neuseeländer erhofft hatte. Denn neben dem ausbleibenden Filmerfolg wäre er fast noch im Gefängnis gelandet.

Zuvor wurde dem Familienvater schon seit Jahren ein eher unbeherrschtes Temperament und ein Problem, sich unterzuordnen, attestiert. Nachdem er bereits 1999 in Australien mit jemandem aneinander geriet, schaffte es Crowe 2002 gleich zweimal in die Schlagzeilen. Zuerst lieferte er sich einen lautstarken Streit hinter den Kulissen der damaligen BAFTA-Verleihung. BBC-Produzent Malcolm Gerrie hatte Crowes Dankesrede nicht in ihrer Vollständigkeit gesendet und um ein Gedicht für den zuvor verstorbenen Richard Harris gekürzt. Im selben Jahr geriet Crowe in London zudem mit einem neuseeländischen Geschäftsmann aneinander. Grund genug für Matt Stone und Trey Parker Crowe in ihrer South Park-Episode The New Terrance and Phillip Movie Trailer ausgibig zu verarschen, indem sie ihn als sich durch die Welt prügelnden Seemann darstellten. Im Juni 2005 schließlich eskalierte Crowes Temperament, als er einem New Yorker Hotelangestellten ein Telefon an den Kopf warf, weil dieses scheinbar keine Verbindung zu Crowes Familie in Australien aufbauen konnte. Eine gerichtliche Anklage konnte vermieden werden, als Crowe dem Opfer ein sechsstelliges Schmerzensgeld bezahlte. Dabei war er zur selben Zeit durch seine generösen Spenden an zwei Grundschulen aufgefallen. Zuerst stellte er einer jüdischen Grundschule im kanadischen Montreal einen Scheck über $ 250.000 aus, damit diese ihre zuvor verbrannte Bibliothek renovieren konnte und auch eine Grundschule in Australien erhielt von dem Schauspieler einen Pool im Wert von $200.000. Seit dem Telefon-Vorfall zeigt sich Crowe allerdings einsichtig und offenbar geläutert. Letztlich waren die Schlagzeilen aber nur Zeichen seines eingesetzten (langsamen) Niedergangs.

Die romantische Komödie A Good Year und zugleich Wiedervereinigung mit Ridley Scott von 2006 wusste Publikum und Kritiker ebenso wenig zu überzeugen, wie ein Jahr später das Western-Remake 3:10 to Yuma an der Seite von Christian Bale. Crowe, der 2006 zumindest seinen zweiten Sohn Tennyson in seiner Familie begrüßen konnte, fokussierte sich in den kommenden beiden Jahren auf seine fortschreitende Zusammenarbeit mit Scott. In American Gangster vereinte der Brite nach 12 Jahren erneut Crowe mit Denzel Washington, doch enttäuschte der Film genauso wie der darauf folgende Kriegs-Thriller Body of Lies von 2008, der Crowe nach ähnlich langer Zeitspanne wieder neben Leonardo Di Caprio auftreten ließ. Was folgte war ein Herzensprojekt mit einer Nebenrolle in dem Independent-Film Tenderness, der auf dem diesjährigem Fantasy Filmfest läuft und ein spontanes Engagement in Andrew Macdonalds State of Play, in welchem der Neuseeländer Brad Pitt ersetzte, der kurz vor Drehbeginn vom Projekt abgesprungen war. Aktuell dreht Crowe erneut mit Ridley Scott und dies an einem Projekt, das ähnlich wie State of Play vor Drehbeginn schon einiges durchmachen musste. Zuerst sollte Crowe in Nottingham sowohl in die Rolle von Folklore-Held Robin Hood als auch seinem Gegenspieler, dem Sheriff von Nottingham, schlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt sprang bereits Sienna Miller als Maid Marian ab, wurde jedoch höherwertig mit der Australierin Cate Blanchett ersetzt. Inzwischen wurde allerdings davon Abstand genommen, dass Crowe eine Doppelrolle spielt. Somit beschränkt sich der Neuseeländer nunmehr in Robin Hood auf die Rolle des Helden in Strumpfhosen, während Gerüchten zufolge Matthew Macfadyen den Part von Nottingham übernimmt.

Resümierend gesehen ist die Hochphase von Crowes Karriere scheinbar vorbei. Der Schauspieler, berühmt für seinen leeren Blick, dürfte Probleme haben, in nächster Zeit nochmals für einen Oscar nominiert zu werden. Dabei ist die Ironie, dass sich sein Talent während all der Jahre von Romper Stomper bis State of Play im Grunde nicht verändert und wenn man böse sein will, auch nicht verbessert hat. Der Sportaffine Neuseeländer (er mag von Rugby über Cricket bis hin zu Fußball und Eishockey eigentlich alles) und gescheiterte Musiker – keine seiner drei Bands, Roman Antix, 30 Odd Foot of Grunts, The Ordinary Fear of God, konnte Kritiker oder Publikum überzeugen – ist mit seinen 45 Lebensjahren nunmehr nicht mehr der Überflieger, als der er Anfang des Jahrzehnts gesehen werden konnte. Stattdessen ist er einer von vielen, der aber für die aktuell dominierenden Daniel Day-Lewis und Sean Penn, sowie auch Johnny Depp, keine wirkliche Konkurrenz darstellt. Der privat gute Freund von Jodie Foster und Nicole Kidman hat zwar durchaus Wandlungsfähigkeit gezeigt (vom Skinhead zum Gladiator, über den schizophrenen Mathematiker bis hin zum übergewichtigen Geheimagenten), konnte die einzelnen Rollen jedoch nicht wirklich durch schauspielerische Individualität betonen. Ähnlich wie Christian Bale spielt er sich mit einem Mindestmaß an Mimiken durch das Geschehen, wobei seine deplatzierte Treue insbesondere zu Scott, aber auch zu Howard, seiner Karriere wohl wenig zuträglich war. Immerhin erscheint der zweifache Familienvater sehr viel geerdeter, als noch vor einigen Jahren, selbst wenn er mit seinen privaten Äußerungen, auch in Richtung Robert De Niro (von dem er ob dessen Filmauswahl des letzten Jahrzehnts ziemlich enttäuscht ist), weiterhin anzuecken weiß. Trotz allem wird Crowe - zumindest auf absehbare Zeit - wohl der erfolgreichste neuseeländische Schauspieler aller Zeiten bleiben.

17. Dezember 2007

American Gangster

Either you're somebody, or you ain't nobody.

Kein Land steht so zu sich selbst, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Und nichts liebt der Amerikaner mehr als seinen American Way of Life. Dass dieser nicht immer vom Tellerwäscher zum Millionär verlaufen muss ist dabei auch den Amerikanern bewusst. Während 1980 Richard Gere bereits als American Gigolo über die Leinwand spazierte, Christian Bale als American Psycho Menschen zerstückelte, Edward Norton in American History X eine Geschichtstunde erfährt, verlor Jason Biggs seine Jungfräulichkeit in American Pie an einen Apfelkuchen und Kevin Spacey sein Leben in American Beauty. Ingesamt gibt es über dreißig Filme mit dem Attribut „American“, der letzte von ihnen ist nunmehr der von Ridley Scott inszenierte American Gangster. Durch den Zusatz des „American“ ist bereits ersichtlich, dass es sich hier um eine Geschichte handeln soll, die so wohl nur explizit in America stattfinden könne, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei basierte Autor Steven Zaillian sein Drehbuch auf eine wahre amerikanische Geschichte – die Geschichte von dem afro-amerikanischen Drogenbaron Frank Lucas.

Der 62jährige Bumpy Johnson ist so etwas wie der Robin Hood vom New Yorker schwarzen Stadtteil Harlem in den 60er Jahren. Als er seinem Fahrer und Leibwächter Frank Lucas (Denzel Washington) in einem Rabattladen eine Moralpredigt über die Verdrängung des Einzelhändlers durch günstigere asiatische Produkte hält, erleidet er einen Schlaganfall. Frank, für den Bumpy wie ein Vater war, übernimmt seine Geschäfte und sieht durch den Drogenkonsum amerikanischer Militärs in Vietnam seine Chance gekommen. Er fliegt nach Bangkok und schließt dort einen Vertrag mit einem vietnamesischen Heroinbauern ab. Zurück in Harlem verkauft sein absolut reines Heroin unter dem Markennamen „Blue Magic“ zum halben Preis und erregt damit Missgunst nicht nur beim Mafiapaten Cattano (Armand Assante) und dem Dealer Nicky Barnes (Cuba Gooding Jr.), sondern startet auch einen Privatkrieg mit dem korrupten Drogenermittler Trupo (Josh Brolin). – Währenddessen sieht sich Polizeiermittler Richie Roberts (Russell Crowe) durch seine Ehrlichkeit im Polizeiwesen allein auf weitere Flur, bekommt jedoch vom Polizeichef seine eigenen Männer und stößt dabei unweigerlich auf die neue Szenedroge „Blue Magic“.

Die Entstehungsgeschichte von American Gangster ist dabei schon wieder fast einen eigenen Film wert. Ursprünglich begannen die Planungen zum Projekt bereits im Jahre 2000, als in einem New Yorker Magazin ein Artikel über Frank Lucas erschien und die Universal Studios sich die Rechte sicherten. Zwei Jahre später präsentierte Autor Steven Zaillian Ridley Scott dann seinen 170seitigen Drehbuchentwurf, welchen Scott in zwei Filme umwandeln wollte. Da er sich jedoch nicht sofort zu dem Projekt bekannte, welches damals noch Tru Blu hieß, begannen ein Jahr später erfolglos gebliebene Verhandlungen mit Brian De Palma, ehe 2004 die Dreharbeiten beginnen sollten, mit Denzel Washington in der Hauptrolle und Antoine Fuqua als Regisseur. Nachdem Fuqua jedoch die Dreharbeiten nach Toronto verschieben wollte, stieg das Budget immer weiter an und am Ende wurd Tru Blu erst einmal auf Eis gelegt, was Hauptdarsteller Washington dank seines Play-or-Pay-Vertrages dennoch sein Geld einbrachte. Nachdem man 2005 erst Peter Berg und dann Terry George in Betracht gezogen und das Drehbuch umgeschrieben hatte, begannen die Dreharbeiten schließlich Anfang 2006 – mit dem ursprünglichen Drehbuch von Zaillian und Scott als Regisseur.

Big Trouble in Little Harlem also sozusagen und eigentlich interessanter wie der Film, ist dann doch irgendwie das sich drehende Personalkarussell. Dass Fuqua wegen seiner Arbeit an Training Day mit Washington zusammen geschmissen wurde, geschah allein aus dem Grund, da Fuqua Oscarpotential in der Geschichte für seine Wenigkeit und Washingtons sah. Zu der Zeit sollte Benicio del Toro noch Richie Roberts spielen, ehe Tru Blu kurzzeitig erstarb. Als man dann mit Terry George verhandelte, war dessen Hotel Rwanda Spezi Don Cheadle plötzlich als Frank Lucas im Gespräch, ehe man zu Washington zurückkehrte, den man ja ohnehin bezahlen musste. Dass es am Ende doch Ridley Scott wurde, der wiederum seinen Spezi Russell Crowe ins Boot holte (obwohl auch Brad Pitt im Gespräch war) und es bei einem Film blieb, erscheint für sich gesehen als ein typisches American Ending.

Dass Problem in American Gangster ist dabei nicht einmal sein Schwimmen in der Masse der Gangsterfilme und dass er sich bei jedwedem Klischee des Genre bedient, sondern wohl in dem Grund, aus welchem Scott an sich zwei Filme geplant hatte. Die Länge von fast zweieinhalb Stunden fällt dabei auch nicht weiter ins Gewicht, wenn man sie ähnlich gut genutzt hätte wie beispielsweise bei Scarface. Das Problem ist die doppelte Darstellung von Frank Lucas und Richie Roberts in ein und demselben Film. Scott, bzw. Zaillian, versucht beiden gleich viel Platz einzuräumen, die Geschichte von beiden Männern zu erzählen. Dadurch dass Scott jedoch alle fünf Minuten vom aufsteigenden Drogenbaron zum fürs Sorgerecht streitenden Polizisten schneidet kommt kein rechter Schwung in die Geschichte. Das Leben und die Ermittlungen von Richie Roberts, dessen größtes Laster seine Unkorrumpiertheit ist und der seinen Sohn nicht aus den Augen verlieren will, hätten mit etwaiger Ausarbeitung gut und gerne einen eigenen Film ausfüllen können – auch wenn für einen solchen del Toro sicherlich die bessere Wahl als Crowe gewesen wäre.

Wenn man seinen Film American Gangster nennt, dann muss man auch den Fokus auf diesen American Gangster legen und nicht auf die Jugendfreundschaften von Richie Roberts mit der Mafia. Äußerst ironisch verkommt es dabei, dass Lucas sich wie ein Brutus gegen seinen Oheim Bumpy stellt, wenn dieser seine letzten Worte gegen Sony und Toshiba und ihre Verdrängung amerikanischer Produkte durch billigeres asiatisches Material richtet. Kurz darauf wird Frank selber sein Heroin aus Asien einschmuggeln und es zu günstigen Preisen gegen seine amerikanischen Kollegen verkaufen. Was hätte Bumpy wohl dazu gesagt? Wie gesagt, kommt zu keinem Zeitpunkt Zug in die Geschichte, die sich auf zu vielen Nebenschauplätzen verliert, die für die eigentliche Handlung keine Rolle spielen. Dazu gehören neben Richie’s Freundschaft mit der Mafia die Streitigkeiten zwischen Frank mit Cattano und Nicky Barnes. Auch die zu Beginn eingesetzte Vielzahl von Rückblenden, die in kurzen Bildern zeigen sollen, dass das Leben als Gangster verdammt gefährlich ist – denn wer hätte das gedacht, mal ehrlich – sind so unnötig wie ein Kropf am Hals.

So schön das auch anzusehen ist, wenn man hier Cuba Gooding Jr. und dort Armand Assante und Carla Gugino sieht, für die Handlung sind sie unerheblich. Crowe spielt unter Wert, wahrscheinlich lediglich auf Wunsch von Scott bei dem Projekt überhaupt mit und Washington spult ebenfalls sein übliches Programm ab. Wie bei Al Pacino wirkt hier jede Rolle gleich, sei es nun Man on Fire, Training Day oder American Gangster, da zieht sich ein schauspielerischer roter Faden durch, der Mann scheint mit seinem Latein (sprich Talent) am Ende. Dass dabei eine Golden-Globe-Nominierung herausspringt, wie auch für Scott, Brian Glazer ist in der Traumfabrik nicht mehr verwunderlich, wenn man die letztjährige Verleihung gesehen hat. Immerhin hat es Zaillian nicht für eine Nominierung geschafft was wiederum bezeichnend ist. Dass Scott mit seinem Film einen Mörder und Drogendealer so positiv darstellt und dies in einem lahmen Ende auflöst, den Film mit Amerikas Hip Hop Elite (Rza, Common, T.I.) pfeffert, soll an dieser Stelle unkommentiert bleiben (auch wenn ich es nicht gutheiße). Was man mit American Gangster am Ende überhaupt wollte, lässt sich nicht genau sagen, da er wie mein Bloggerkollege Equilibrium so treffen sagte „spektakulär unspektakulär“ ist – vielleicht war es nur für die Oscars, wie Fuqua erkannt hatte.

5.5/10