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26. Mai 2017

Alien: Covenant

Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal Wreck, boundless and bare.
(“Ozymandias”, Percy Bysshe Shelley)


Wohl von kaum einem Regisseur gibt es so viele verschiedene Fassungen seiner Filme auf dem Markt wie von Ridley Scott. Zu gefühlt jedem zweiten Film findet sich ein Director’s Cut oder eine Extended Version, im Fall von Blade Runner sogar fünf unterschiedliche Schnittfassungen. Es scheint also bei Ridley Scott eine Divergenz zu geben zwischen der Version, die sich der Schöpfer des Films vorstellt und der, welche als am vielversprechendsten für die Zuschauer erachtet wird. Eine Art cineastischer Bastard stellt da Alien: Covenant dar, der jüngste Film von Scott, der eben diese Divergenz besser repräsentiert wie alle Filme zuvor, wirkt er doch wie eine Mischung aus dem Film, den Scott erzählen wollte und dem, den das Publikum erwartete.

Vor fünf Jahren schickte sich Scott mit Prometheus wieder an, einen Sci-Fi-Film zu drehen, der zwar als Prequel seines Kultfilms Alien angekündigt war, sich jedoch auf die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf fokussierte. Das Ergebnis wurde ambivalent aufgenommen, aber mit Covenant dennoch eine Fortsetzung angekündigt. In der sollte das ikonische Alien eigentlich gar keine Rolle mehr spielen, doch Scott hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aus Covenant wurde Alien: Covenant und aus dem geplanten Sequel zu Prometheus ein Film, der einerseits die Ideen des Vorgängers weiterspinnen wollte, zugleich jedoch auch eine Art Remake des Originalfilms darstellt.

Hier wie da wird die Crew eines Raumschiffs aus dem Kälteschlaf erweckt und folgt einem Signal auf einen scheinbar verlassenen Planeten, wo die Mitglieder nach und nach einem tödlichen Organismus anheim fallen. Soweit, so Alien. Zugleich integriert Ridley Scott mit Drehbuchautor John Logan aber auch Elemente aus Prometheus über Fragen von Schöpfung und Fall, in Person des zurückkehrenden Androiden David (Michael Fassbender) als Überbleibsel des Vorgängers. Die Krux in Alien: Covenant liegt darin, dass beide (Film-)Handlungen sich eher aneinander beißen, als ein harmonisches Gesamtgebilde abzugeben. Auch wenn die Macher sichtlich bestrebt sind, eine Symbiose zwischen den beiden kreativen Geschöpfen einzugehen.

Grundsolide ist die Nacherzählung von Alien, wenn eine Gruppe Kolonialisten um Wissenschaftlerin Daniels (Katherine Waterston), Pilot Tennessee (Danny McBride) und Neu-Kapitän Oram (Billy Crudup) nach einem Notsignal ihren Zielplaneten für die Neugründung ihrer Kolonie ändern. Zuerst beeindruckt, infizieren sich bald Team-Mitglieder mit gefährlichen Sporen, werden zu Wirten eines mörderischen Parasiten, der anschließend Jagd auf die Überlebenden macht. Zugleich begeht Scott die philosophischen Pfade von Prometheus, wenn er im Prolog zuerst David im Dialog mit seinem Schöpfer Peter Weyland (Guy Pearce) zeigt und den Androiden später seinem Crew-Pendant Walter (erneut Michael Fassbender) im Diskurs gegenüberstellt.

Hier widmet sich Scott nun der für ihn interessanten Idee, die bereits in Blade Runner innewohnte: dem „Schöpferwerdens des Geschöpfes“, wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Werk „Schöpfung und Fall“ beschrieb. Weyland selbst erschafft mit David ein Wesen, das seinem Schöpfer überlegen, das nicht sterblich ist. Folglich war es Weyland, der in Prometheus seinem Schöpfer gegenüberstehen wollte, ähnlich wie Roy Batty in Blade Runner. In einer Szene von Alien: Covenant lehrt David da Walter mit Flötenspielen einen kreativen Prozess, der den Androiden eigentlich untersagt sei. Scott inszeniert einen Moment, der den „Sturz aus dem Gehaltensein in der Geschöpflichkeit“ repräsentiert, um erneut mit Bonhoeffer zu sprechen.

Bereits in Prometheus sahen wir David, wie er sich als Schöpfer versuchte, indem er Holloway infizierte. Ein Prozess, der in Alien: Covenant ein Echo findet, die Figur den nächsten Schritt in diesem vermeintlichen Reifeprozess gehen lässt. Schöpferische Zerstörung, der Makroökonomie entlehnt. Oder getreu Bonhoeffer: „Die Zerstörung der Schöpfung durch das Geschöpf.“ Ein zwar interessanter Aspekt, dem sich Scott in diesem Hybrid-Film jedoch nicht vollumfänglich widmet, da eben auch noch das namentliche Alien – hier in verschiedenen Stadien und Formen gezeigt – in der Handlung auftauchen soll. Und für die versuchte Symbiose beider Plot-Stränge fehlt es dem Film am Ende an einer ausreichenden Exposition und Motivation für das Gezeigte.

Kaum ausgearbeitet wirken auch die Charaktere. Wir lernen wenig über sie und selbst wenn wir etwas erfahren, wie Orams Religiosität, hat dies keine wirkliche Konsequenzen auf das Geschehen. Im Vergleich zu den authentischen Figuren aus Alien atmen diese Charaktere kein Leben. Daniels ist keine Ripley, auch wenn der Plot-Verlauf und das Design der Figur es einen Glauben machen wollen. Insofern ist ein Großteil des Ensembles verschenkt, sei es Amy Seimetz oder Démian Bichir (herrlich dagegen fällt der Kurzauftritt von James Franco aus). Schauspielerisch machen sie alle jedoch aus wenig viel mit ihren eindimensionalen Figuren, während Fassbender aufgrund der Doppelrolle noch am meisten Form erhält.

So durchwachsen Prometheus auch war, ist es doch schade, dass dessen Entwicklungen im Finale hier relativ schnell und lieblos abgefrühstückt werden. Ob dies allein am Wunsch der Leute nach mehr Xenomorphs lag, sei dahingestellt. Letztlich ist Alien: Covenant irgendwie weder Fisch noch Fleisch, im Versuch eine Brücke zwischen zwei prinzipiell verschiedenen Filmen zu schlagen. „Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen“, schrieb Jean-Jacques Rousseau in „Emil oder Über die Erziehung“. Ob deshalb allerdings die Genesis des Aliens so sehr mit den Menschen zusammenhängen muss, bezweifle ich. Vielleicht bedarf es dafür aber nur einer neuen Schnittfassung.

6/10

5. Oktober 2015

The Martian

Fuck you, Mars.

Wenn schon, denn schon – scheinen sich zuletzt Ridley Scott, Matt Damon und Jessica Chastain zu denken. Nachdem Ridley Scott 30 Jahre nach Blade Runner mit Prometheus zum Sci-Fi-Genre zurückkehrte und derzeit dessen Fortsetzung Alien: Paradise Lost plant, greift er nun mit der Romanadaption The Martian erneut nach den Sternen. Auch Jessica Chastain mimt erneut ein NASA-Mitglied nach Interstellar, in dem sich Matt Damon wie hier bereits in einen Raumanzug zwängte, um den einzigen Menschen auf einen fremden Planeten zu spielen. Im Vergleich zu Prometheus und Interstellar legt The Martian allerdings den Fokus auf „Science“ statt „Fiction“ – selbst wenn sich der Film speziell in seinem letzten Drittel vollends Hollywood ergibt.

Die Handlung setzt auf dem Mars, genauer der Ebene Acidalia Planitia, ein. Die bemannte Ares-III-Mission rund um ihren Commander Lewis (Jessica Chastain) sieht sich durch einen nahenden Sturm gezwungen, gut zehn Tage früher als geplant die Heimreise gen Erde anzutreten. Auf dem Weg zu ihrer Landefähre verlieren die Crew-Mitglieder ihren Botaniker Mark Watney (Matt Damon), den sie für tot halten und daraufhin zurücklassen. Nur: Watney hat den Sturm überlebt – und sieht sich nun allein auf Mars mit der Suche nach Lebensmittel und Sauerstoff konfrontiert. Eine Kommunikation zur Erde scheint nicht möglich, doch dort bleiben Watneys Überlebensversuche auf dem roten Planeten nicht verborgen. Aber wie kann NASA ihm helfen?

Fortan wechselt The Martian die Schauplätze zwischen Watney in der Ares-Station auf dem Mars und den NASA-Einrichtungen auf der Erde. Dort debattieren NASA-Direktor Teddy Sanders (Jeff Daniels), Marsmissions-Leiter Vincent Kapoor (Chiwetel Ejiofur), Ares-Flugdirektor Mitch Henderson (Sean Bean) sowie NASA-Sprecherin Annie Montrose (Kristen Wiig) über den Umgang mit Watneys Überleben. Während dieser auf der Erde öffentlich wird, hält NASA Watneys Crew (Michael Peña, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie) im Dunkeln. Der Botaniker installiert derweil ein Grünhaus in der Stationsküche und sucht nach Mitteln und Wegen, wie er so lange überleben kann, bis die nächste Ares-Mission in vier Jahren eintreffen wird.

Im wissenschaftlichen Aspekt dieses Umstands findet sich die große Stärke des Films, ungeachtet dessen, dass natürlich alles, was in The Martian passiert, dennoch klar der gängigen Hollywood-Dramaturgie folgt. Wenn Watney jedoch tüftelt, wie er genug Kartoffeln anbauen kann und seinen Rover mit ausreichend Energie ausstattet oder mit der Erde kommuniziert, liegt all dem klar eine wissenschaftliche Basis zugrunde. Selbst wenn diese nach und nach und insbesondere im Schlussakt vollends den Pathos-Gesetzen des Blockbuster-Kinos geopfert wird. Und auch wenn man The Martian nicht wirklich vorhalten kann, zu verkopft an seine Geschichte heranzugehen, stellen sich gerade in der zweiten Hälfte Längen ein.

Hinzu kommt ein Überfluss an Figuren, die teils wie Kristen Wiigs PR-Tante oder Donald Glover in einer “Troy goes Abed”-Gedächtnisperformance als NASA-Schreibtisch-Nerd Rich Purnell nicht wirklich nötig gewesen wären, da selbst für die anderen Charaktere wie die Ares-Crew oder NASA-Leiter außer Kapoor wenig im Film zu tun ist. The Martian ist vielmehr die Mark Watney Show – was dieser dadurch untermauert, dass er sich selbst per Kamera dokumentiert und dabei quälend-schlechte Einzeiler auf SchleFaZ-Niveau raushaut (“With cool, dry wit like that, I could be an action hero”, wussten schon die Simpsons). Auch sonst geraten die Dialoge im Film wenig eindrücklich, dafür gefällt das jordanische Wadi Rum erneut als Mars-Kulisse.

Selbst wenn wenig Erinnerungswürdiges im Film geschieht und die Figuren – selbst Watney – kaum über eine eindimensionale Zeichnung hinauskommen, wissen die Beteiligtem mit ihrem Produkt mehr zu überzeugen als in ihren Sci-Fi-Vorgängerproduktionen. Weniger Figuren und eine geringere Laufzeit mit einem ausgefeilteren Skript hätten Ridley Scotts jüngstem Werk wohl gut zu Gesicht gestanden. An dem kitschigen Ende führt derweil wohl kein Weg vorbei, wobei die Prämisse von The Martian natürlich auch wenig Raum für Alternativen lässt, die für einen Blockbuster dieser Größenordnung rentabel wären. Womöglich haben sich die Beteiligten angesichts des Sci-Fi-Genres in anderen Worten aber auch bloß gedacht: Wenn schon, denn schon.

7/10

1. August 2015

Filmtagebuch: Juli 2015

ALIVE [ÜBERLEBEN!]
(USA/CDN 1993, Frank Marshall)

7.5/10

AN HONEST LIAR
(USA/CDN/E/I 2014, Tyler Measom/Justin Weinstein)
5/10

ANT-MAN
(USA 2015, Peyton Reed)
6.5/10

BOUNCE
(USA 2000, Don Roos)
6/10

COMMUNITY – SEASON 4
(USA 2013, Tristram Shapeero u.a.)
7/10

COMMUNITY – SEASON 5
(USA 2014, Tristram Shapeero u.a.)
7.5/10

COMMUNITY – SEASON 6
(USA 2015, Rob Schrab u.a.)
7/10

DAWN OF THE DEAD
(USA/CDN/J/F 2004, Zack Synder)
4/10

FAULTS
(USA 2014, Riley Stearns)
3/10

FRANCES HA
(USA 2012, Noah Baumbach)
8.5/10

GREY’S ANATOMY – SEASON 1
(USA 2005, Peter Horton u.a.)
7/10

GREENBERG
(USA 2010, Noah Baumbach)
6.5/10

HIGH FIDELITY
(USA/UK 2000, Stephen Frears)
5.5/10

INDECENT PROPOSAL [EIN UNMORALISCHES ANGEBOT]
(USA 1993, Adrian Lyne)

5.5/10

THE INTERVIEW
(USA 2014, Evan Goldberg/Seth Rogen)
6/10

JUMPER
(USA/CDN 2008, Doug Liman)
5.5/10

KICKING AND SCREAMING
(USA 1995, Noah Baumbach)
6/10

KNIGHT OF CUPS
(USA 2015, Terrence Malick)
7/10

PINEAPPLE EXPRESS [ANANAS EXPRESS]
(USA 2008, David Gordon Green)

5.5/10

PROMETHEUS
(USA/UK 2012, Ridley Scott)
4/10

QUEEN OF THE DESERT
(USA/MA 2015, Werner Herzog)
6.5/10

SLOW WEST
(UK/NZ 2015, John Maclean)
3.5/10

SOURCE CODE
(USA/CDN 2011, Duncan Jones)
6/10

THE TERMINATOR
(USA/UK 1984, James Cameron)
8/10

TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1991, James Cameron)

6.5/10

TERMINATOR 3: RISE OF THE MACHINES
(USA/D/UK 2003, Jonathan Mostow)
1/10

TERMINATOR SALVATION [TERMINATOR: DIE ERLÖSUNG]
(USA/D/UK/I 2009, McG)

2.5/10

THIS IS THE END
(USA 2013, Evan Goldberg/Seth Rogen)
5/10

TOKYO TRIBE
(J 2014, Sono Sion)
6/10

WAYWARD PINES
(USA 2015, Zal Batmanglij/Tim Hunter u.a.)
7/10

WHILE WE’RE YOUNG [GEFÜHLT MITTE ZWANZIG]
(USA 2014, Noah Baumbach)

7/10

Hannibal Lecter-Series


MANHUNTER [BLUTMOND]
(USA 1986, Michael Mann)

6/10

THE SILENCE OF THE LAMBS [DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER]
(USA 1991, Jonathan Demme)

6.5/10

HANNIBAL
(USA/UK 2001, Ridley Scott)
3/10

RED DRAGON [ROTER DRACHE]
(USA/D 2002, Brett Ratner)

3.5/10

HANNIBAL RISING
(UK/F/I/CZ, Peter Webber)
5.5/10

HANNIBAL – SEASON 1
(USA 2013, David Slade/Guillermo Navarro u.a.)
6/10

HANNIBAL – SEASON 2
(USA 2014, Michael Rymer u.a.)
5.5/10

7. Dezember 2013

The Counselor

The slaughter to come is probably beyond our imagining.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das mag sich Ridley Scott gedacht haben, als er vom Originaldrehbuch erfuhr, das Cormac McCarthy verfasst hatte. Seit langem wollte Scott dessen renommierten Roman Blood Meridian auf die Leinwand bringen, nun bot sich in The Counselor die Chance, die Worte des speziell in den USA hochgeschätzten Pulitzerpreisträgers zu verfilmen. Gespickt mit Stars und bekannten Darstellern bis in die Nebenrollen, wurde The Counselor anschließend vom Feuilleton verrissen. Relativ unverständlich, eint den Film doch viel mit der 2007 weltweit gefeierten Adaption von McCarthys Roman No Country for Old Men der Coen-Brüder.

Hier wie da bringt sich der Hauptprotagonist um Kopf um Kragen, als er sich aus Raffgier mit einem mexikanischen Kartell einlässt. Ein – dem Film seinen Titel leihender – Rechtsberater (Michael Fassbender), der allem Anschein nach in finanziellen Schwierigkeiten steckt, teilt einem seiner Klienten, dem flamboyanten Geschäftsmann Reiner (Javier Bardem), mit, dass er bereit sei, in dessen illegale Geschäfte mit dem Drogenkartell mitinvolviert zu werden. Ein weiterer Partner dieses Geschäfts ist der Mittelmann Westray (Brad Pitt), der im Folgenden wie Reiner versucht, den Counselor vor den Risiken und möglichen Folgen der Zusammenarbeit mit dem Juárez-Kartell zu warnen. Doch der Anwalt will davon nichts hören.

Er will seiner Verlobten, Laura (Penélope Cruz), jenes Luxusleben bieten, dem auch Reiner und seine arglistig-kalkulierende Freundin Malkina (Cameron Diaz) frönen. “I always liked smart women”, erzählt ihm Reiner, “but it’s an expensive hobby”. Als jedoch einer der Kuriere des Kartells ermordet wird und sich herausstellt, dass der Counselor eine Verbindung zu ihm besaß, machen sich der Anwalt sowie Reiner und Westray selbst verdächtig. “They don’t really believe in coincidences”, sagt Westray über das Kartell. “They’ve heard of them. They’ve just never seen one.” Und während Westray kurzerhand beginnt, alle Zelte abzubrechen und das Weite sucht, strebt der Counselor nach einer Lösung dieses Konflikts.

Dies wiederum unterscheidet ihn zwar von Llewelyn Moss aus No Country for Old Men, dennoch hat seine Involvierung in Kartellvorgänge für sein Umfeld ähnliche Konsequenzen. The Counselor ist dabei von nicht minder illustren Figuren bevölkert, viele von ihnen in Handlungsstränge integriert, die für den Fortgang der eigentlichen Geschichte wenig erheblich sind. Beispielsweise Bruno Ganz als niederländischer Diamantenhändler, bei dem der Counselor den Verlobungsring für Laura ersteht oder Édgar Ramírez als Priester, dem Malkina versucht, durch sexuelle Anzüglichkeiten nahe zu treten. Insofern hat McCarthys Drehbuch fast schon etwas Episodenhaftes und lebt primär von den Interaktionen seiner Figuren.

Der tragische und gnadenlose Verlauf der Geschichte sowie kleinere narrative Rückrufe im Finale auf Expositionen im ersten Akt lassen The Counselor wie ein shakespearesches Drama wirken. Die Verwicklung mit dem Kartell gleicht einem Schneeball, der einmal ins Rollen geraten, nicht mehr aufzuhalten ist. Hierbei gefallen im Film besonders die Dialogreichen Szenen zwischen Fassbenders Figur und Bardem sowie Pitt und ein kurzer Ausflug nach Chicago mit einer humorvollen Interaktion zwischen John Leguizamo und Breaking Bad’s Dean Norris verkommt fast zum Highlight. Ebenso wie die Konklusion der Geschichte, die sich keinen Hollywood-Konventionen beugen will, sondern dem Œuvre McCarthys folgt.

Problematisch ist lediglich, dass Cameron Diaz – zu der die Jahre nicht nett waren – hier für die kleine, aber ausschlaggebende Figur von Malkina absolut fehlbesetzt ist. Ob die ursprünglich vorgesehene Angelina Jolie eine bessere Wahl gewesen wäre, sei dahingestellt. Hiervon sowie von ein paar Längen im dritten Akt und wenig gehaltvollen Auftritten von Ramírez oder Toby Kebbell abgesehen, bietet der Film jedoch eine vergnügliche Tour de Force. Zwar ist keine der Figuren derart einprägsam wie Anton Chirgurh in No Country for Old Men, dennoch ist The Counselor im direkten Vergleich sicherlich der zugänglichere Film. Selbst wenn eine Adaption von Blood Meridian angesichts der Kritiken für Scott in weite Ferne gerückt ist.

7/10

6. August 2009

As Time Goes By: Russell Crowe

I’ve given 24 insufficient performances and I’m looking forward to the time in my life when I’ll do something that I think is good.

Am 7. April 1964 kam Russell Ira Crowe in Wellington, Neuseeland zur Welt. Gemeinsam mit seinen Eltern, den Filmcaterern John Alexander und Jocelyn Yvonne Crowe, zog Russell 1968 nach Australien. Damit verließ Crowe, der über seine mütterliche Seite zu einem Sechzehntel Maori ist – worauf er Wert legt -, zum ersten Mal sein Heimatland. Über die Arbeit seiner Eltern gelangte Crowe zu seinem Schauspieldebüt. Im Alter von sechs Jahren durfte er in der Fernsehserie Spyforce eine Dialogzeile sprechen. Das Engagement sollte jedoch seine erste und einzige Beschäftigung als Kinderschauspieler bleiben. Acht Jahre später würde die Familie Crowe zurück nach Neuseeland ziehen, wo Russell die High School besuchen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits eine Leidenschaft für die Musik bei ihm entwickelt. Er versuchte sich als Solo-Rockmusiker unter dem Namen „Russ Le Roq“ und brachte 1980 als 16-Jähriger seine erste Single „I just want to be like Marlon Brando“ heraus. Allerdings war seiner Musikkarriere – weder damals noch heute – von Erfolg gekrönt. Nach seinem Schulabschluss verdingte sich Crowe als Kellner und Barkeeper, ehe er Mitte der achtziger Jahre endgültig im Schauspielgewerbe landete. Einem Engagement im Musical Grease folgte eine Rolle in The Rocky Horror Picture Show. Die Show lief derart erfolgreich, dass sie 1986 sogar in Australien auf Tournee ging. Crowe kehrteendlich zurück nach Down Under.

Ein Jahr später begann mit einer Gastrolle in der australischen Erfolgsserie Neighbours Crowes Statisten-Dasein. Im Alter von 25 Jahren übernahm er schließlich 1989 in The Crossing seine erste Spielfilmrolle. Während der Dreharbeiten sollte er Danielle Spencer kennenlernen, die spätere Mutter seiner Kinder. Bereits im Jahr darauf zog Crowe mit seiner Rolle in Proof mehr Aufmerksamkeit auf sich und schließlich gelang ihm 1992 in Australien der Durchbruch. Für seine Portraitierung des Skinheads Hando in Geoffrey Wrights Romper Stomper gewann Crowe nicht nur den australischen Filmpreis als Bester Hauptdarsteller, sondern auch das Interesse von US-Star Sharon Stone. Diese wollte ihn für eine Nebenrolle in Sam Raimis The Quick and the Dead gewinnen, doch kolliderten die Dreharbeiten mit Crowes Beteiligung am australischen Drama The Sum of Us. Nachdem Stone jedoch den Dreh verschob, kam Crowe 1995 in Raimis Western neben Stone, Gene Hackman und Leonardo Di Caprio zu seinem US-Debüt. Noch im selben Jahr drehte der Neuseeländer dann in Virtuosity an der Seite von Denzel Washington. Es sollte sein dritter Kinofilm sein, der ihm auch jenseits des Pazifiks den Durchbruch bescheren würde. Regisseur Curtis Hanson besetzte ihn als Bud White in seiner brillanten James-Ellroy-Adaption L.A. Confidential und machte Crowe schlagartig einem neuem Publikum bekannt. Doch seine folgenden Projekte sollten Crowe erstmal stagnieren lassen. Weder die Drama-Komödie Breaking Up an der Seite von Salma Hayek, noch der Disney-Sportfilm Mystery, Alaska brachten ihn schauspielerisch weiter.

Es war das Ende des Jahrtausends, welches für Crowe den Anfang seines Ruhmes darstellen sollte. Und dies, obschon er drei Rollen in finanziell lukrativen Trilogien ablehnte. Während ihn 1998 die Rolle des Morpheus in The Matrix nicht interessierte, sagte er im darauffolgenden Jahr den Part von Wolverine in Bryan Singers X-Men ab und ein Jahr später – wenn auch schweren Herzens – die Rolle des Aragorn in Peter Jacksons Lord of the Rings. Nichtsdestotrotz trug er sich dank anderer Projekte in die Geschichtsannalen Hollywoods ein. Seine Darstellung des Jeffrey Wigand in Michael Manns Tabaklobby-Thriller The Insider bescherte Crowe seine erste Academy-Award-Nominierung als Bester Hauptdarsteller. Kurz darauf würde Crowe sein zukünftiger filmischer Lebensabschnittspartner begegnen. Mit dem britischen Regisseur Ridley Scott drehte der Neuseeländer das Sandalen-Epos Gladiator – die erste von fünf Zusammenarbeiten mit Scott. Seine Rolle des Maximus bescherte Crowe seinen ersten Oscar. Als er ein Jahr später für seine Portraitierung des Mathematikers und Nobelpreisträgers John Forbes Nash Jr. in A Beautiful Mind – der Film, für den er das Engagement in Lord of the Rings absagte – erneut nominiert wurde, reihte sich Crowe in eine schauspielerische Liga mit Jack Nicholson, Marlon Brando, Gary Cooper, Paul Muni und William Hurt ein. Sie alle wurden in drei aufeinanderfolgenden Jahren als Beste Hauptdarsteller nominiert und dabei zumindest einmal mit dem Oscar ausgezeichnet. Lediglich Spencer Tracy vermag das Sextett mit zwei Auszeichnungen zu übertrumpfen. Crowe, der durch seine Rolle in Proof of Life und seine daraus resultierende Affäre mit Kollegin Meg Ryan deren Ehe mit Dennis Quaid zerstört hatte, sollte nunmehr auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt sein.

Nach Arbeiten unter Michael Mann, Ridley Scott und Ron Howard würde Crowe als nächstes mit dem australischen Regisseur und seinem Landsmann (Crowe besitzt neben seiner neuseeländischen auch die australische Staatsbürgerschaft) Peter Weir zusammenarbeiten. In Master and Commander: The Far Side of the World lernte Crowe extra Geige spielen und schlüpfte in die Rolle von Captain Jack Aubrey. In der November-Ausgabe des TIME Magazines von 2003 feierte das renommierte Blatt Crowe als den „wandlungsfähigsten Superstar Hollywoods”. Der raubeinige Neuseeländer war in der A-Liga von Hollywoods Stars angekommen. Erhielt er für Gladiator noch fünf Millionen Dollar Gage, wurde ihm nun das Vierfache überwiesen. Zuvor hatte er an seinem 39. Geburtstag schließlich Danielle Spencer geheiratet, die im selben Jahr auch ihren ersten gemeinsamen Sohn Charles zur Welt brachte. Der Schauspieler zog sich auf seine Farm in Australien zurück und bereitete sich für sein nächstes potentielles Meisterstück vor. Unter der erneuten Regie von Ron Howard übernahm Crowe die Darstellung des US-Boxers Jim Braddock in dem period piece Cinderella Man. Zwar sieht der Schauspieler noch heute die Rolle Braddocks als seinen Favoriten an, doch das hochkarätig besetzte Drama (u.a. Paul Giamatti und Renée Zellweger) wurde kein zweites A Beautiful Mind. Ohnehin sollte das Jahr 2005 nicht so verlaufen, wie es sich der Neuseeländer erhofft hatte. Denn neben dem ausbleibenden Filmerfolg wäre er fast noch im Gefängnis gelandet.

Zuvor wurde dem Familienvater schon seit Jahren ein eher unbeherrschtes Temperament und ein Problem, sich unterzuordnen, attestiert. Nachdem er bereits 1999 in Australien mit jemandem aneinander geriet, schaffte es Crowe 2002 gleich zweimal in die Schlagzeilen. Zuerst lieferte er sich einen lautstarken Streit hinter den Kulissen der damaligen BAFTA-Verleihung. BBC-Produzent Malcolm Gerrie hatte Crowes Dankesrede nicht in ihrer Vollständigkeit gesendet und um ein Gedicht für den zuvor verstorbenen Richard Harris gekürzt. Im selben Jahr geriet Crowe in London zudem mit einem neuseeländischen Geschäftsmann aneinander. Grund genug für Matt Stone und Trey Parker Crowe in ihrer South Park-Episode The New Terrance and Phillip Movie Trailer ausgibig zu verarschen, indem sie ihn als sich durch die Welt prügelnden Seemann darstellten. Im Juni 2005 schließlich eskalierte Crowes Temperament, als er einem New Yorker Hotelangestellten ein Telefon an den Kopf warf, weil dieses scheinbar keine Verbindung zu Crowes Familie in Australien aufbauen konnte. Eine gerichtliche Anklage konnte vermieden werden, als Crowe dem Opfer ein sechsstelliges Schmerzensgeld bezahlte. Dabei war er zur selben Zeit durch seine generösen Spenden an zwei Grundschulen aufgefallen. Zuerst stellte er einer jüdischen Grundschule im kanadischen Montreal einen Scheck über $ 250.000 aus, damit diese ihre zuvor verbrannte Bibliothek renovieren konnte und auch eine Grundschule in Australien erhielt von dem Schauspieler einen Pool im Wert von $200.000. Seit dem Telefon-Vorfall zeigt sich Crowe allerdings einsichtig und offenbar geläutert. Letztlich waren die Schlagzeilen aber nur Zeichen seines eingesetzten (langsamen) Niedergangs.

Die romantische Komödie A Good Year und zugleich Wiedervereinigung mit Ridley Scott von 2006 wusste Publikum und Kritiker ebenso wenig zu überzeugen, wie ein Jahr später das Western-Remake 3:10 to Yuma an der Seite von Christian Bale. Crowe, der 2006 zumindest seinen zweiten Sohn Tennyson in seiner Familie begrüßen konnte, fokussierte sich in den kommenden beiden Jahren auf seine fortschreitende Zusammenarbeit mit Scott. In American Gangster vereinte der Brite nach 12 Jahren erneut Crowe mit Denzel Washington, doch enttäuschte der Film genauso wie der darauf folgende Kriegs-Thriller Body of Lies von 2008, der Crowe nach ähnlich langer Zeitspanne wieder neben Leonardo Di Caprio auftreten ließ. Was folgte war ein Herzensprojekt mit einer Nebenrolle in dem Independent-Film Tenderness, der auf dem diesjährigem Fantasy Filmfest läuft und ein spontanes Engagement in Andrew Macdonalds State of Play, in welchem der Neuseeländer Brad Pitt ersetzte, der kurz vor Drehbeginn vom Projekt abgesprungen war. Aktuell dreht Crowe erneut mit Ridley Scott und dies an einem Projekt, das ähnlich wie State of Play vor Drehbeginn schon einiges durchmachen musste. Zuerst sollte Crowe in Nottingham sowohl in die Rolle von Folklore-Held Robin Hood als auch seinem Gegenspieler, dem Sheriff von Nottingham, schlüpfen. Zu diesem Zeitpunkt sprang bereits Sienna Miller als Maid Marian ab, wurde jedoch höherwertig mit der Australierin Cate Blanchett ersetzt. Inzwischen wurde allerdings davon Abstand genommen, dass Crowe eine Doppelrolle spielt. Somit beschränkt sich der Neuseeländer nunmehr in Robin Hood auf die Rolle des Helden in Strumpfhosen, während Gerüchten zufolge Matthew Macfadyen den Part von Nottingham übernimmt.

Resümierend gesehen ist die Hochphase von Crowes Karriere scheinbar vorbei. Der Schauspieler, berühmt für seinen leeren Blick, dürfte Probleme haben, in nächster Zeit nochmals für einen Oscar nominiert zu werden. Dabei ist die Ironie, dass sich sein Talent während all der Jahre von Romper Stomper bis State of Play im Grunde nicht verändert und wenn man böse sein will, auch nicht verbessert hat. Der Sportaffine Neuseeländer (er mag von Rugby über Cricket bis hin zu Fußball und Eishockey eigentlich alles) und gescheiterte Musiker – keine seiner drei Bands, Roman Antix, 30 Odd Foot of Grunts, The Ordinary Fear of God, konnte Kritiker oder Publikum überzeugen – ist mit seinen 45 Lebensjahren nunmehr nicht mehr der Überflieger, als der er Anfang des Jahrzehnts gesehen werden konnte. Stattdessen ist er einer von vielen, der aber für die aktuell dominierenden Daniel Day-Lewis und Sean Penn, sowie auch Johnny Depp, keine wirkliche Konkurrenz darstellt. Der privat gute Freund von Jodie Foster und Nicole Kidman hat zwar durchaus Wandlungsfähigkeit gezeigt (vom Skinhead zum Gladiator, über den schizophrenen Mathematiker bis hin zum übergewichtigen Geheimagenten), konnte die einzelnen Rollen jedoch nicht wirklich durch schauspielerische Individualität betonen. Ähnlich wie Christian Bale spielt er sich mit einem Mindestmaß an Mimiken durch das Geschehen, wobei seine deplatzierte Treue insbesondere zu Scott, aber auch zu Howard, seiner Karriere wohl wenig zuträglich war. Immerhin erscheint der zweifache Familienvater sehr viel geerdeter, als noch vor einigen Jahren, selbst wenn er mit seinen privaten Äußerungen, auch in Richtung Robert De Niro (von dem er ob dessen Filmauswahl des letzten Jahrzehnts ziemlich enttäuscht ist), weiterhin anzuecken weiß. Trotz allem wird Crowe - zumindest auf absehbare Zeit - wohl der erfolgreichste neuseeländische Schauspieler aller Zeiten bleiben.

16. November 2008

Body of Lies

Nobody's innocent in this shit.

Wenn ein Mann als größten Erfolg Gladiator vorzuweisen hat, sollte man seine Karriere mit etwas Vorsicht beäugen. Wenn selbiger Mann einst innerhalb von drei Jahren zwei Filme wie Alien und Blade Runner gedreht hat, wächst der Unglauben ins Unermessliche. Was ist eigentlich aus Ridley Scott geworden? Zwar besitzen Filme wie Legend, White Squall oder Black Hawk Dawn durchaus ihren Charme und Momente, doch der Großteil von Scotts Œuvre ist gerade innerhalb des letzten Jahrzehnts doch eher zum Heulen. Filmen wie G.I. Jane oder Kingdom of Heaven fehlt jegliche Substanz und Tiefe. Ein Manko das inzwischen exemplarisch für Scotts Filme geworden ist. Dass er innerhalb von sieben Jahren vier Mal mit dem Neuseeländer Russell Crowe zusammengearbeitet hat (davon allein drei Filme in den letzten zwei Jahren) gereicht wohl weder dem einen noch dem anderen zum Vorteil. Was bei Martin Scorsese und Bobby De Niro oder Tim Burton und Johnny Depp gut geht, wirkt bei Scott und Crowe allmählich etwas ausgelutscht und war vielleicht selten deutlicher als in Body of Lies, dem neuen Film der beiden Freunde und Künstler. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des US-Journalisten David Ignatius aus dem vergangenen Jahr beschäftigt sich der Film mit einer Thematik, die aktuell nicht präsenter sein könnte im amerikanischen Kino. Der 11. September findet in seinen Auswirkungen vermehrt Einzug in Filme, die jedoch meist zugleich ihrem amerikanischen Pathos zum Opfer fallen. Weder Home of the Brave noch In the Valley of Elah oder Rendition konnten ihrer eigenen Thematik gerecht werden. Von der momentanen politischen Situation ganz zu schweigen. Dass dies auch Ridley Scott nicht zu gelingen vermag, sollte und dürfte deshalb niemanden überraschen. Doch auch als Thriller gelingt es dem Film nicht zu überzeugen, viel zu sehr orientiert sich Scott dazu an konventionellem Hollywood-Kitsch.

Ein Sondereinsatzkommando pirscht sich in Manchester an ein Gebäudekomplex heran. Im selbigen befinden sich einige Araber und jede Menge Sprengstoff. Als diese die Anwesenheit des SoKo bemerken, sprengen sie sich und damit auch das Gebäude kurzerhand in die Luft. Der Krieg gegen den Terror ist in voller Aktion und einer der tapferen amerikanischen „Krieger“ findet sich in Roger Ferris (Leonardo DiCaprio), einem Agenten der CIA. Im Irak ist Ferris auf der Jagd nach Al-Saleem (Alon Abutbul), genannt „der weiße Wal“, der hinter all jenen Anschlägen in Europa steckt. Während Ferris im Irak bei seiner Untersuchung auf einen möglichen Informanten stößt, will sein Vorgesetzter in Washington, Ed Hoffman (Russell Crowe), diesem keinen Schutz gewähren. Die Situation eskaliert beinahe und Ferris’ wird schwer verletzt auf einen Militärstützpunkt gebracht. Dort offeriert ihm Hoffman den Posten des Geheimdienstchefs in Jordanien. Als eine erste Operation schief geht, landet Ferris erneut in einem Krankenhaus. Dort verliebt er sich in iranische Schwester Aisha (Golshifteh Farahani) und beginnt eine riskante Beziehung mit dieser. Gleichzeitig versucht er sich das Vertrauen des jordanischen Geheimdienstchefs Hani (Mark Strong) zu sicheren. Doch ein ums andere Mal fährt ihm Hoffman in die Parade. Ferris beginnt einen komplizierten Plan auszuhecken, um Al-Saleem aus der Reserve zu locken. Doch die Frage ist, wer hier eigentlich wen aus welchen Gründen benutzt. Und wer am Ende lebend aus der ganzen Situation herauskommen wird.

Wenn man die zwei Stunden Laufzeit von Body of Lies überstanden hat, fragt man sich wahrscheinlich zu Recht, was Scott hier seinem Publikum eigentlich erzählen wollte. Der Realismus, den er versucht zu erzielen, wird durch die offensichtliche Unlogik in den Handlungen der Protagonisten konterkariert. Allen voran erschließt sich nicht, weshalb Ferris stets alles schluckt, was ihm Hoffman in den Rachen wirft. Kein Aufbegehren von Seiten des Agenten, der außerhalb der Hoffman-Szenen trieft von Idealen, diese jedoch stets verrät, wenn es darum geht sie geltend zu machen. Das Hoffman dabei die eigene Mission sabotiert nimmt Ferris nie zum Anlass Beschwerde bei dessen Vorgesetzten einzureichen. In einer Szene erläutert Ferris gegenüber einer anderen Figur, dass Hoffman nur deshalb über die Lage im Mittleren Osten informiert ist, da Ferris ihn informiert. Einer seiner Vorgänger bestätigt dann auch zwischen den Zeilen, dass der CIA-Agent innerhalb der Agency einen renommierten Ruf hat, stetig aufgestiegen ist. Die Tatsache, dass er sich daher von Hoffman alles gefallen lässt, erklärt sich somit lediglich dadurch, dass die Handlung am Laufen gehalten werden muss. Rückschlag um Rückschlag muss sich Ferris nach vorne arbeiten, dass sich die USA dabei eher selbst im Wege stehen, scheint keiner der Figuren klar zu werden.

Aktuell sehr beliebt: Leo mit Bart und Knarre - vorzugsweise auch mit Kappe.

Amüsanterweise zelebriert auch Scott das Bild des bärtigen Leonardo DiCaprio mit Knarre in der Hand, welches man zuvor bereits in dessen letzten beiden Filmen The Departed und Blood Diamond begutachten konnte. Somit hat DiCaprio sich seine eigene kleine „Bearded Weapon“-Trilogie geschaffen. Während The Departed scheint er sich zudem von Jack Nicholson beeinflusst haben zu lassen. Vermehrt finden sich in Body of Lies Gesten und Mimiken des Altstars wieder, was immerhin für einige nostalgischen Momente sorgt. Differenzierungen zu DiCaprios beiden vorherigen Rollen sind schwer erkennbar, zu ähnlich die Rollen in ihrer Struktur und Aufbau. Obschon er die meiste Leinwandzeit inne hat, kann er dem Film schwerlich seinen Stempel aufdrücken. Selbiges gilt, mit Ausrufezeichen, für Russell Crowe. Abgesehen von zwei Szenen darf dieser stets mit Kopfhörer durch das Bild stapfen und seine dazu gefutterten 30 Kilo präsentieren. Sein Charakter Ed Hoffman ist bedauerlicherweise eine statische Figur, ohne Tiefe und Erläuterung. Lediglich einige Züge lassen sich erahnen, zum Beispiel, dass Hoffman Arbeit gerne von anderen erledigen lässt. Bevorzugt kommuniziert er über das Telefon, und bespricht hier gerne auch geheime Militärschläge, während er seine Kinder in die Schule bringt oder ihnen beim Sport zuschaut. Auch seine Arbeiten diktiert er und den Kofferraum seines Wagens lässt sich ebenso elektrisch schließen. Dass Hoffman ein bequemer Mensch ist, der sich die Arbeit anderer – wie Ferris’ – zu Eigen macht, sieht man auch an seiner Körperfülle. Seine politische Motivation jedoch, seine Interessen an der augenblicklichen Lage, all diese Elemente, die zum Verständnis des Filmes beitragen könnten oder sollten, fehlen Hoffman. Dass Crowe sich darin gefällt, grinsend den „Bösewicht“ zu geben, macht die Figur nicht sonderlich glaubwürdiger. Es ist daher Mark Strong, der als Hani Salaam das beste Bild aller Beteiligten abgibt. Er weiß seiner Figur zugleich ein enormes Maß an Würde wie auch Bedrohung zu verleihen.

Letztlich krankt Body of Lies jedoch sowohl an seiner „Verhollywoodisierung“ als auch an ebenjenen Schwächen, die bereits American Gangster ausgemacht haben. Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Ferris irgendwo in irgendeine Frau rennt, mit der er anschließend eine Romanze beginnen kann, ist so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Natürlich muss es sich hier noch um eine Vertreterin des Islam handeln, die als Krankenschwester nur darauf gewartet hat, dass/bis ein tougher Amerikaner auf ihrer Trage Platz nimmt. Es ist dann auch diese Romanze, die den Film unnötigerweise streckt, gerade weil sie zum einen ohne Bedeutung ist und andererseits nirgendwo hinführt. Dies trifft im Übrigen auf die gesamte Handlung zu, die schließlich eine derartig dämliche Wendung nimmt, dass man sich an den Kopf schlagen muss. Selten hat man einen unglaubwürdigeren Plan gehört, um einen Terroristen zu jagen. Dass man sich darüber nicht einmal wirklich aufregen will, liegt an der fehlenden Substanz des Filmes. Wie in American Gangster tangiert einen hier alles lediglich peripher. Man folgt zwar dem Geschehen auf der Leinwand, nimmt jedoch nicht wirklich daran Teil. Dass dies von Scott aus technischer Sicht alles gut gelöst ist, hilft einem dann nicht sonderlich weiter. Schnitt und musikalische Untermalung unterstützen den Film zwar, tragen diesen jedoch nicht. Die eigentliche Krise des Anti-Terrorkrieges versucht Scott dabei nicht mal anzusprechen. Sie dient ihm lediglich als Kulisse für einen konventionellen Thriller, in welchem jeder jeden versucht auszuspielen. Das wirkt alles derartig belanglos, dass man sich wirklich fragt, wie jener Mann Alien und Blade Runner drehen konnte. Und dass es für sein nächstes Projekt Nottingham nicht besser bestellt sein dürfte, erahnt man bereits. Übrigens, Russell Crowe spielt dann auch wieder mit. Wie überraschend.

5.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

17. Dezember 2007

American Gangster

Either you're somebody, or you ain't nobody.

Kein Land steht so zu sich selbst, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Und nichts liebt der Amerikaner mehr als seinen American Way of Life. Dass dieser nicht immer vom Tellerwäscher zum Millionär verlaufen muss ist dabei auch den Amerikanern bewusst. Während 1980 Richard Gere bereits als American Gigolo über die Leinwand spazierte, Christian Bale als American Psycho Menschen zerstückelte, Edward Norton in American History X eine Geschichtstunde erfährt, verlor Jason Biggs seine Jungfräulichkeit in American Pie an einen Apfelkuchen und Kevin Spacey sein Leben in American Beauty. Ingesamt gibt es über dreißig Filme mit dem Attribut „American“, der letzte von ihnen ist nunmehr der von Ridley Scott inszenierte American Gangster. Durch den Zusatz des „American“ ist bereits ersichtlich, dass es sich hier um eine Geschichte handeln soll, die so wohl nur explizit in America stattfinden könne, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei basierte Autor Steven Zaillian sein Drehbuch auf eine wahre amerikanische Geschichte – die Geschichte von dem afro-amerikanischen Drogenbaron Frank Lucas.

Der 62jährige Bumpy Johnson ist so etwas wie der Robin Hood vom New Yorker schwarzen Stadtteil Harlem in den 60er Jahren. Als er seinem Fahrer und Leibwächter Frank Lucas (Denzel Washington) in einem Rabattladen eine Moralpredigt über die Verdrängung des Einzelhändlers durch günstigere asiatische Produkte hält, erleidet er einen Schlaganfall. Frank, für den Bumpy wie ein Vater war, übernimmt seine Geschäfte und sieht durch den Drogenkonsum amerikanischer Militärs in Vietnam seine Chance gekommen. Er fliegt nach Bangkok und schließt dort einen Vertrag mit einem vietnamesischen Heroinbauern ab. Zurück in Harlem verkauft sein absolut reines Heroin unter dem Markennamen „Blue Magic“ zum halben Preis und erregt damit Missgunst nicht nur beim Mafiapaten Cattano (Armand Assante) und dem Dealer Nicky Barnes (Cuba Gooding Jr.), sondern startet auch einen Privatkrieg mit dem korrupten Drogenermittler Trupo (Josh Brolin). – Währenddessen sieht sich Polizeiermittler Richie Roberts (Russell Crowe) durch seine Ehrlichkeit im Polizeiwesen allein auf weitere Flur, bekommt jedoch vom Polizeichef seine eigenen Männer und stößt dabei unweigerlich auf die neue Szenedroge „Blue Magic“.

Die Entstehungsgeschichte von American Gangster ist dabei schon wieder fast einen eigenen Film wert. Ursprünglich begannen die Planungen zum Projekt bereits im Jahre 2000, als in einem New Yorker Magazin ein Artikel über Frank Lucas erschien und die Universal Studios sich die Rechte sicherten. Zwei Jahre später präsentierte Autor Steven Zaillian Ridley Scott dann seinen 170seitigen Drehbuchentwurf, welchen Scott in zwei Filme umwandeln wollte. Da er sich jedoch nicht sofort zu dem Projekt bekannte, welches damals noch Tru Blu hieß, begannen ein Jahr später erfolglos gebliebene Verhandlungen mit Brian De Palma, ehe 2004 die Dreharbeiten beginnen sollten, mit Denzel Washington in der Hauptrolle und Antoine Fuqua als Regisseur. Nachdem Fuqua jedoch die Dreharbeiten nach Toronto verschieben wollte, stieg das Budget immer weiter an und am Ende wurd Tru Blu erst einmal auf Eis gelegt, was Hauptdarsteller Washington dank seines Play-or-Pay-Vertrages dennoch sein Geld einbrachte. Nachdem man 2005 erst Peter Berg und dann Terry George in Betracht gezogen und das Drehbuch umgeschrieben hatte, begannen die Dreharbeiten schließlich Anfang 2006 – mit dem ursprünglichen Drehbuch von Zaillian und Scott als Regisseur.

Big Trouble in Little Harlem also sozusagen und eigentlich interessanter wie der Film, ist dann doch irgendwie das sich drehende Personalkarussell. Dass Fuqua wegen seiner Arbeit an Training Day mit Washington zusammen geschmissen wurde, geschah allein aus dem Grund, da Fuqua Oscarpotential in der Geschichte für seine Wenigkeit und Washingtons sah. Zu der Zeit sollte Benicio del Toro noch Richie Roberts spielen, ehe Tru Blu kurzzeitig erstarb. Als man dann mit Terry George verhandelte, war dessen Hotel Rwanda Spezi Don Cheadle plötzlich als Frank Lucas im Gespräch, ehe man zu Washington zurückkehrte, den man ja ohnehin bezahlen musste. Dass es am Ende doch Ridley Scott wurde, der wiederum seinen Spezi Russell Crowe ins Boot holte (obwohl auch Brad Pitt im Gespräch war) und es bei einem Film blieb, erscheint für sich gesehen als ein typisches American Ending.

Dass Problem in American Gangster ist dabei nicht einmal sein Schwimmen in der Masse der Gangsterfilme und dass er sich bei jedwedem Klischee des Genre bedient, sondern wohl in dem Grund, aus welchem Scott an sich zwei Filme geplant hatte. Die Länge von fast zweieinhalb Stunden fällt dabei auch nicht weiter ins Gewicht, wenn man sie ähnlich gut genutzt hätte wie beispielsweise bei Scarface. Das Problem ist die doppelte Darstellung von Frank Lucas und Richie Roberts in ein und demselben Film. Scott, bzw. Zaillian, versucht beiden gleich viel Platz einzuräumen, die Geschichte von beiden Männern zu erzählen. Dadurch dass Scott jedoch alle fünf Minuten vom aufsteigenden Drogenbaron zum fürs Sorgerecht streitenden Polizisten schneidet kommt kein rechter Schwung in die Geschichte. Das Leben und die Ermittlungen von Richie Roberts, dessen größtes Laster seine Unkorrumpiertheit ist und der seinen Sohn nicht aus den Augen verlieren will, hätten mit etwaiger Ausarbeitung gut und gerne einen eigenen Film ausfüllen können – auch wenn für einen solchen del Toro sicherlich die bessere Wahl als Crowe gewesen wäre.

Wenn man seinen Film American Gangster nennt, dann muss man auch den Fokus auf diesen American Gangster legen und nicht auf die Jugendfreundschaften von Richie Roberts mit der Mafia. Äußerst ironisch verkommt es dabei, dass Lucas sich wie ein Brutus gegen seinen Oheim Bumpy stellt, wenn dieser seine letzten Worte gegen Sony und Toshiba und ihre Verdrängung amerikanischer Produkte durch billigeres asiatisches Material richtet. Kurz darauf wird Frank selber sein Heroin aus Asien einschmuggeln und es zu günstigen Preisen gegen seine amerikanischen Kollegen verkaufen. Was hätte Bumpy wohl dazu gesagt? Wie gesagt, kommt zu keinem Zeitpunkt Zug in die Geschichte, die sich auf zu vielen Nebenschauplätzen verliert, die für die eigentliche Handlung keine Rolle spielen. Dazu gehören neben Richie’s Freundschaft mit der Mafia die Streitigkeiten zwischen Frank mit Cattano und Nicky Barnes. Auch die zu Beginn eingesetzte Vielzahl von Rückblenden, die in kurzen Bildern zeigen sollen, dass das Leben als Gangster verdammt gefährlich ist – denn wer hätte das gedacht, mal ehrlich – sind so unnötig wie ein Kropf am Hals.

So schön das auch anzusehen ist, wenn man hier Cuba Gooding Jr. und dort Armand Assante und Carla Gugino sieht, für die Handlung sind sie unerheblich. Crowe spielt unter Wert, wahrscheinlich lediglich auf Wunsch von Scott bei dem Projekt überhaupt mit und Washington spult ebenfalls sein übliches Programm ab. Wie bei Al Pacino wirkt hier jede Rolle gleich, sei es nun Man on Fire, Training Day oder American Gangster, da zieht sich ein schauspielerischer roter Faden durch, der Mann scheint mit seinem Latein (sprich Talent) am Ende. Dass dabei eine Golden-Globe-Nominierung herausspringt, wie auch für Scott, Brian Glazer ist in der Traumfabrik nicht mehr verwunderlich, wenn man die letztjährige Verleihung gesehen hat. Immerhin hat es Zaillian nicht für eine Nominierung geschafft was wiederum bezeichnend ist. Dass Scott mit seinem Film einen Mörder und Drogendealer so positiv darstellt und dies in einem lahmen Ende auflöst, den Film mit Amerikas Hip Hop Elite (Rza, Common, T.I.) pfeffert, soll an dieser Stelle unkommentiert bleiben (auch wenn ich es nicht gutheiße). Was man mit American Gangster am Ende überhaupt wollte, lässt sich nicht genau sagen, da er wie mein Bloggerkollege Equilibrium so treffen sagte „spektakulär unspektakulär“ ist – vielleicht war es nur für die Oscars, wie Fuqua erkannt hatte.

5.5/10