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16. Mai 2010

In the Loop

What happens in Washington stays in Washington.

Mancher mag sich noch gut an den Beginn des letzten Jahrzehnts erinnern. An den 11. September und wie die USA und Großbritannien plötzlich ihre Mär von WMDs spinnten, während man unter Alibi-Vorwänden den Krieg nach Afghanistan und den Irak brachte. Da niemand bezweifelte, dass George W. Bush ein Stümper vor dem Herrn war, kanalisierte sich speziell das europäische Ressentiment gegen den britischen Premierminister Tony Blair. So bezeichnete George Michael diesen in seinem Song Shoot the Dog als „good puppy“, während in diesem Jahr die Thematik auf unterschiedliche Weise von Paul Greengrass und Roman Polanski aufgearbeitet wird. Ersterer lässt in Green Zone seinen US-Soldaten die Lüge erkennen, Letzterer präsentierte mit The Ghost Writer eine kleine Breitseite gegen Blair. Auf gewohnt sarkastische Art nahm sich dabei bereits im vergangenen Jahr Armando Iannucci mit In the Loop dem Thema an. Wobei er leider nicht ganz an alte Stärken anknüpfen konnte.

Im Jahr 2005 startete Iannucci für die BBC seine Polit-Satire The Thick of It. Zentraler Angelpunkt war das fiktive Ministerium für Sozialwesen und Bürgerschaft in Verbindung mit dem Kommunikationsdirektor Malcolm Tucker (Peter Capaldi) von Downing Street 10. In den ersten beiden - jeweils nur drei Folgen umfassenden - Staffeln fokussierte sich Iannucci auf Chris Langhams Minister Hugh Abbott, der nicht nur mit den Medien, sondern auch seinem Ministerium zu kämpfen hat. Speziell die beiden Staffelauftakte waren ausgesprochen gelungen, wie auch die beiden einstündigen Specials anlässlich des Rücktritts von Tony Blair. Langhams Rolle wurde in der dritten Staffel sehr wahrscheinlich wegen seiner Inhaftierung für das Herunterladen von Kinderpornographie aus der Serie gestrichen, sodass seine Position die neue Ministerin Nicola Murray (Rebecca Front) einnahm. Leider konnte The Thick of It in seiner dritten Staffel nicht mehr an die Stärke der früheren Episoden anknüpfen, erlebt nun aber in neuem Gewand - lediglich Malcolm Tucker und sein Stellvertreter, Jamie MacDonald (Paul Higgins), kehren zurück - mit In the Loop ein Comeback.

So verkommt Tom Hollanders „The Fucker“ aus dem Serienfinale in der Filmversion zum eingeschüchterten Simon Foster, Minister für Internationale Entwicklung, der unbedachter Weise einen von den USA und Großbritannien geplanten Krieg im Mittleren Westen als „unvorhersehbar“ bezeichnet und damit seinen Unmut ausdruckt. Etwas, das ein Malcolm Tucker natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann und Foster fortan ganz genau im Auge behält. Die Äußerung wiederum hat auch bei Kriegsgegnern in den USA für Aufsehen gesorgt, weshalb sich die amerikanische Assistenzdirektorin für Diplomatie, Karen Clarke (Mimi Kennedy), und US-General George Miller (James Gandolfini) darum bemühen, Foster für ihre Zwecke zu missbrauchen. Mit hineingezogen in das transatlantische Außenpolitikdesaster werden dann auf amerikanischer Seite noch Clarkes Assistentin Liza Weld (Anna Chlumsky), die ein Memo gegen den Krieg verfasste, und Fosters neuer Berater Toby Wright (Chris Addison), der fehlgeleiteter Weise mehrere Informationen verbreitet.

Viele Gesichter aus The Thick of It finden nun ihren Weg in Iannuccis Film, wenn auch in neuen Figuren. Sei es Chris Addison in prominentester Form oder James Smith, Joanna Scanlan, Alex Macqueen, Olivia Poulet sowie Will Smith. Am gelungensten spielt jedoch Paul Higgins in seiner Paraderolle des Jamie auf, der weitaus mehr Freiraum gewährt bekommt, als auf der anderen Seite des Ozeans sein Chef Malcolm. Allein wie Jamie die Verbreitung von Lizas Memo mittels seiner Fax-Zerstörung präsentiert ist eine Sichtung des Filmes wert. Aber auch Malcolms zahlreiche popkulturelle Beleidigungen können sich Sehen beziehungsweise Hören lassen. Ohnehin vermag In the Loop speziell dann zu überzeugen, wenn die Figuren in ihre keifenden Beleidigungen entlassen werden. So sind die Höhepunkte - leider rar gesäte - Szenen wie die Dialoge zwischen Foster und Toby (“Thanks, you're a legend.“) im US State Department oder das Aufeinandertreffen von Malcolm und Miller (“Falling asleep on someone, that doesn't count!“) bei den Vereinten Nationen.

Vollends überzeugen kann der filmische Ausflug jedoch nicht. Zu billig ist die Nebenhandlung rund um einen Mauervorfall - mit Steve Coogan in einer Nebenrolle - in die Handlung und das Finale eingewoben, zu belanglos sind die Szenen der Amerikaner, wenn sie mit keiner der britischen Figuren interagieren. Auch das Finale wird relativ schnell heruntergespult und endet, ähnlich wie das Serienfinale, reichlich plötzlich. Vielleicht wäre es dem Film besser bekommen, wenn man sich an der Anhörung Tony Blairs bezüglich des Irakkrieges orientiert hätte, statt sich auf zwei Seiten des Atlantiks gleichzeitig politisch zu beteiligen. Denn wirklich bissig werden die Dialoge - und von ihnen leben Iannuccis Figuren - nur dann, wenn sich die Briten, insbesondere die beiden Schotten Capaldi und Higgins, beginnen gegenseitig verbal zu zerfleischen. Abgesehen also von seinen narrativen Schwächen in der politischen Einordnung ist In the Loop eine annehmbare filmische Fortsetzung, die jedoch selten die Brillanz der ersten Staffeln erreicht.

7/10

13. Dezember 2009

Where the Wild Things Are

Will you keep out all the sadness?

Fast auf den Tag genau 13 Monate ist es her, seit das erste Bild von Where the Wild Things Are erschien. Meine Worte damals lauteten: „Weniger die Umsetzung (...) als vielmehr das Einfügen einer Handlung dürfte hier ein Problem darstellen.“ Und dies sollte sich bewahrheiten. Denn in gewisser Hinsicht war und ist Maurice Sendaks berühmtestes Kinderbuch perfekt. 18 Bilder, 10 Sätze und 338 Wörter brauchte Sendak, um seine Geschichte von Max und dem Land, wo die Wilden Kerle wohnen, zu erzählen. Max, ein Kind mit Anflügen von ADS, wird ohne Essen auf sein Zimmer geschickt und träumt sich dort in eine phantastische Welt. Mit fortschreitender Phantasie vergrößerte Sendak die jeweiligen Bildrahmen, bis schließlich das ganze Bild von seiner Zeichnung eingenommen wird und jeglicher Text fehlt. Über 19 Millionen Exemplare konnten seit 1963 von Where the Wild Things Are verkauft werden. Und dennoch war eine Verfilmung erst Anfang der achtziger Jahre im Gespräch.

Disney, rund um John Lasseter, hatte damals Versuche unternommen, Sendaks beliebte Kindergeschichte als Animationsfilm umzusetzen. Die Adaption der ersten beiden Szenen findet man auf YouTube. Doch das Projekt wurde ebenso wie eine Realverfilmung in den Neunzigern verworfen. Richtig Form nahm Where the Wild Things Are erst Anfang des aktuellen Jahrzehnts an, als Spike Jonze Interesse anmeldete. Vor vier Jahren begannen dann intensivere Planungen und sollten fast zum Scheitern verurteilt sein. Zuerst gab es Probleme mit den Kostümen der Wilden Kerle, dann war Warner Bros. verschreckt von der scheinbaren Familienuntauglichkeit des fertigen Produkts. Die Verantwortlichen wollten das 75-Millionen-Dollar-Projekt neu drehen lassen, entschieden sich dann aber dafür, Jonze es für weitere 25 Millionen Dollar stattdessen familienfreundlicher gestalten zu lassen. Nachdem der erste Trailer, auch dank „Wake Up“ von Arcade Fire, viel versprechend aussah, bewahrheitet sich mit Where the Wild Things Are meine Äußerung von vor 13 Monaten. Während der Look durchaus überzeugt, stellt die Integration einer Handlung ein leichtes Problem dar.

In der Adaption von Dave Eggers, bisher – oder chronologisch korrekt: seitdem – verantwortlich für das Drehbuch von Sam Mendes’ Away We Go, verkommt der achtjährige Max (Max Records) nun zum Scheidungskind. Sich seiner Phantasie hingebend, lebt seine ältere Schwester Claire inzwischen ihr eigenes Leben. Und auch seine Mutter (Catherine Keener) hat keine Zeit und Lust unentwegt mit ihrem Sohn zu spielen. Schließlich verlangt es den neuen Freund (Mark Ruffalo) auch ein wenig nach Aufmerksamkeit. Max wiederum fehlt jene Aufmerksamkeit, er überstrapaziert die Nerven seiner Mutter als er sie beißt („I’ll eat you up!“) und flieht letztlich in die nächtliche Nachbarschaft. Wo in der Vorlage eine mütterliche Strafe für ungebührliches Verhalten der Initiator für Max’ sprichwörtlich ausufernde Phantasie ist, verorten Eggers und Jonze ihre Geschichte als Flucht vor der Patchworkfamilie. Die im Folgenden zur Ankunft in einer weiteren Patchworkfamilie führt. Auf einer Insel strandend trifft Max schließlich die Wilden Kerle rund um ihren inoffiziellen Anführer Carol (James Gandolfini). Und wie sich herausstellt, ist auch da wo die Wilden Kerle wohnen, Einiges im Argen.

Mit dem Auftritt der Wilden Kerle löst sich Where the Wild Things Are dann von Sendaks Vorlage. Von seiner Mutter selbst als wild thing gebrandmarkt, trifft Max bei Sendak auf andere Wilde Kerle, die ihn schließlich anerkennend zu ihrem König wählen. Nach einer chaotischen Nacht („Let the wild rumpus start!“) ergreift Max jedoch das Heimweh. Der Film beschreitet andere Wege, will tiefschürfender sein und verliert sich etwas auf der Suche nach (s)einer Botschaft. Von Wilden Kerlen ist hier, Carol (meist) ausgenommen, keine Spur. Stattdessen erwarten Max teils apatische, teils depressive Spielgesellen, die sich vom neuen König erhoffen, von ihrer Melancholie befreit zu werden. Um sie auseinander zu halten, vergaben Jonze und Eggers ihnen nicht nur Namen, sondern auch Persönlichkeiten. Wobei es sich im Grunde nur um eine Persönlichkeit handelt, nämlich die von Max. Und mit einigen seiner Facetten sieht sich der Achtjährige lieber nicht konfrontiert.

Zur Identifikationsfigur wird der ungestüme Carol auserkoren, der über den Zustand seiner eigenen Familie so wütend ist, dass er wie ein Berserker durch ihr Zuhause stürmt. Seine Gefühlswelt beschreibt er später Max gegenüber als Gebiss, in dem im Alter die Zähne immer weiter auseinander stehen und letztlich ausfallen. Nichts ist mehr so wie früher, will doch keiner mehr wild herumtollen und auch KW (Lauren Ambrose) hat kaum noch Interesse an Carols Spieltrieb. Es sind diese Beiden, die an Max ihr Herz verlieren werden und vice versa. Mit dem meist abwesenden Daniel, der lieber für sich allein ist, und dem von der Gruppe vernachlässigten Alexander (Paul Dano) hat Max dagegen weniger zu tun. Als Spiegelbilder seiner selbst zählen sie, wie auch die mies gelaunte Judith (Catherine O’Hara), zu den Facetten, die er lieber verdrängen möchte. Aber der Zustand der Wilden Kerle offenbart, dass Max vor seinen Problemen mit seiner Familie nicht davon laufen kann. Insofern bemühen Eggers und Jonze hier sehr offensichtlich eine Katharsis ihres Helden.

Wo Sendak sich auf die Botschaft der mütterlichen Liebe beschränkt – Max kehrt nach Hause zurück und findet dort doch noch sein Abendessen vor -, versieht der Film Max mit einem Konflikt, den es zu lösen gilt. Wenn auch nur mit sich selbst. Erst die Position des quasi Außenstehenden bei den Wilden Kerlen sorgt dafür, dass er begreift wie unglücklich alle unter diesen Voraussetzungen sind. Insofern will er „no longer let his anger separate him from those whom he loves and who love him“, wie es Elizabeth Kennedy ausdrückte. Interpretiert man Sendaks Werk primär aus diesem Blickwinkel, wird der Film der Vorlage durchaus gerecht. Doch die Projizierung von Max auf alle sieben „Wild Things“ will nicht immer vollends überzeugen. Schon allein deshalb, da es wie erwähnt weniger Wilde Kerle als vielmehr manisch-depressive Kerle sind, die man aufgetischt bekommt. Auch die Katharsis von Max wirkt relativ halbgar, da er nicht ein Mal seine Phantasiewelt gebacken bekommt und diese immerhin eine vereinfachte Version seiner Realität darstellt. Ingesamt wirkt Jonzes Adaption vom sozialpsychologischen Standpunkt her somit leicht überfrachtet, weshalb auch die hinzugefügte Handlung nur bedingt überzeugen will.

Von der technischen Umsetzung her ist Where the Wild Things Are jedoch ausgesprochen gelungen. Die digitalisierten Gesichter auf den realen Kostümen synthetisieren gut und es schadet den Wilden Kerlen nur, wenn Jonze sie durch die Luft springen lässt. Hier wirken die Bewegungen nun wenig natürlich, was aber ob der geringen Präsenz an Sprüngen annehmbar ist. Ein besonderer Trumpf ist jedoch der Soundtrack von Karen O, der unentwegt jenes phantastische Gefühl zu transportieren weiß, das Sendaks Geschichte innewohnt. Und während sich Records erstaunlich gut schlägt, zwischen all den Riesenkostümen, sind es speziell Gandolfini und Dano, deren Stimmen besonders gut gewählt scheinen. Somit ist Where the Wild Things Are vielleicht kein Meisterwerk, aber trotzdem – und gerade in seinen letzten Minuten – ein teils wunderschöner und ergreifender Film geworden. „L.O.V.E., it’s a mystery“, singt Karen O schließlich im Abspann und es verabschiedet sich mit Spike Jonze nach vier Jahren Arbeit der wahre König der Wilden Kerle.

7/10

21. September 2009

The Taking of Pelham 1 2 3

You do what you have to do. But we need milk.

Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier gibt es nicht nur die Möglichkeit vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, hier wird auch regelmäßig der Durchschnittsbürger zum Held des Tages. Da geht es nicht nur darum, dass Leben eines Einzelnen zu retten, sondern gleich eine ganze Stadt bzw. die Gesellschaft. Und am Ende eines harten und ereignisreichen Arbeitstages, der so ganz anders war, wie ein normaler Arbeitstag, ruht sich der Held nicht auf seinen Lorbeeren aus. Er nimmt nicht einmal den Dank entgegen, schließlich steht er über diesem. Ein ehrenhafter Held kämpft um der Sache Willen. Nach der Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel bringt er seiner Familie noch die Milch mit. Und was die Familie oder die Stadt oder der Staat braucht, dass weiß der amerikanische Held darzubieten. Die Befriedigung der Erwartungshaltung. In gewissem Sinne ist also auch Tony Scott ein amerikanischer Held – obschon er Engländer ist –, befriedigt auch er die ihm entgegengebrachte Erwartungshaltung.

Immerhin versucht sich der kleine Bruder von Ridley Scott mit The Taking of Pelham 1 2 3 erstmals in seiner Karriere an einem Remake. Dabei orientiert sich der Brite weniger an Morton Freedgoods Roman als an John Sargents filmischer Umsetzung, die ein Jahr nach dem Buch erschien. Damals lieferten sich Robert Shaw und Walther Matthau ein trocken-süffisantes Dialogduell über Funk, während Matthaus U-Bahn-Ermittler versuchte, dem ominösen Mr. Blue das Handwerk zu legen. Der spannende Siebziger-Thriller diente nicht nur Quentin Tarantino mit als Inspiration für Reservoir Dogs, sondern vereint Tony Scott nunmehr zum vierten Mal mit Denzel Washington (das fünfte Projekt, Unstoppable, ist bereits in Planung). Und wie sich von einem Tony-Scott-Film erwarten ließ, besticht seine Interpretation von Sargents Werk durch seine obligatorischen Kamerafahrten und seine gewöhnungsbedürftige Schnitttechnik. Diese lässt sich zugleich als Analyse des Filmes sehen, der schnelle Bildfolgen liefert, um dazwischen in ruhigen Phasen versucht Handlung zu portionieren. Sinnigerweise unterlegt mit Musik von Jay-Z und anderen audio-visuellen Eitelkeiten.

Der visuelle Stil des Regisseurs, der mitunter (Domino) zu gefallen weiß, wirkt etwas gewöhnungsbedürftig. Schließlich hat das Publikum es hier nicht mit einem um sich ballernden Ex-Model zu tun, The Taking of Pelham 1 2 3 kommt sehr authentisch daher. Eine vierköpfige Bande rund um den mysteriösen Ryder (John Travolta) entführt die New Yorker U-Bahn-Linie 123 Richtung Pelham. Es soll eine Lösegeld für die 18 Passagiere ausgehandelt werden. Finanzielle Abweichungen (das Lösegeld wird verzehnfacht) passen sich dem neuen Jahrhundert an. Nun gelangt die Kontaktaufnahme des Geiselnehmers mit der Obrigkeit jedoch nicht wie in Sargents Film an einen U-Bahn-Polizisten, sondern mit Walter Garber (Denzel Washington) an einen simplen Streckenkoordinator. Und damit zum Durchschnittsbürger. Jemand, der nichts mit Kriminellen zu tun hat, geschweige denn mit Gewalt. Dabei versucht Scotts Film weniger ein Psychospiel auf Augenhöhe der Protagonisten zu inszenieren, wie bei Sargent der Fall, sondern vielmehr eine Identifikation zwischen Held und Bösewicht herauszustellen.

Dies leitet sich bereits an den äußerlichen Ähnlichkeiten ab. Sowohl Ryder als auch Garber tragen kurze Haar und Bart, viel offensichtlicher jedoch jeder von beiden einen Ohrstecker. Ryder rechts, Garber links. Das Skript, für das Brian Helgeland mitschrieb und als einziger Autor benannt wird, versucht sich darin, beide Männer als Yin und Yang zu portraitieren. Zwei Männer im Staatsdienst, von diesem geschasst nachdem sie sich der Korruption schuldig gemacht haben. Die Ähnlichkeit bleibt dann natürlich auch nicht den Figuren vorenthalten und wie es stets so ist, äußert der Bösewicht die Prämisse: wir beide sind nicht so verschieden. Dabei sind Garbers Motive weitaus edler, als die seines Gegenspielers. Ryder selbst hat ebenfalls ein Motiv, dieses weicht jedoch von der Vorlage ab. Begnügte sich Robert Shaw vor 35 Jahren damit, eine Viertelmillion US-Dollar zu erbeuten, treib Travolta ein viel höheres Ziel an. Eines, das schließlich vom New Yorker Bürgermeister (James Gandolfini) gelüftet wird, dank einer – scheinbar – unbedachten Äußerung.

Mit diesem versuchten Twist von Helgeland bereitet sich der Film jedoch selbst unnötig Probleme. Vor allem lässt er seine Figuren in einem ziemlich schlechten Licht erscheinen. Ohnehin enthält das Drehbuch viele Wendungen und Details, die ob ihrer Sinnlosigkeit negativ herausstechen. So verkommt der Fakt, dass sich Ryder eine W-Lan-Empfang in der U-Bahn besorgen lässt, zum medialen Spektakel, wenn einer der Passagiere dadurch über seine Webcam die Geiselnahme der Freundin vorspielen kann. Diese leitet die Bilder flugs an ein Fernsehteam weiter, welches die Übertragung selbst dann noch fortsetzen darf, als Ryder beginnt Geiseln (live im Fernsehen) zu exekutieren. Ohnehin wirken die polizeilichen Ermittlungen – zumindest bis zu deren überraschenden Katharsis im Finale – ungemein dilettantisch, gelingt es der Polizei nicht mal die Straßenkreuzungen zu räumen als das Lösegeld zu den Entführern gebracht werden soll. Nicht weniger als drei Mal (!) kollidiert der Transport mit einem anderen Verkehrsteilnehmer, sodass es vielleicht auch eine selbstironische Anspielung darstellt, wenn Gandolfinis Figur hinterher fragt, warum man das Lösegeld nicht mit dem Hubschrauber transportiert hätte.

Während Washington seine Rolle des Normalbürgers zumindest in der ersten Hälfte sehr überzeugend gibt (auch wenn die Wandlung der Figur dann einen Genickbruch darstellt), wirkt Travolta von Beginn an eher lächerlich,als bedrohlich. Nie will man Ryder – im Gegensatz zum besonnenen Mr. Blue – abkaufen, dass er die Entführung als Coup geplant hat. Dafür ist er viel zu unbeherrscht und vulgär (vor allem hinsichtlich des Twists). Travolta selbst spult hier lediglich eine seiner zahlreichen Soziopathen-Darbietungen ab, somit ist Tony Scotts Interpretation eines gelungenen 70er Jahre Thrillers mit zwei exzellenten Hauptdarstellern schließlich nichts als ein hektisch abgespulter Analogieversuch zweier Männer, die einander offensichtlich ähnlich sind und dann aber doch wieder nicht. Dies weiß weit weniger spannend zu sein als die Streitigkeiten seiner Zeit zwischen Mr. Blue und Mr. Grey oder die Ermittlungen von Garber hinsichtlich der Täter des Raubüberfalls. Am Ende ist sich Tony Scott mit The Taking of Pelham 1 2 3 dann doch wieder treu geblieben.

4.5/10 - erschienen bei Wicked-Vision

30. Juli 2007

The Sopranos - Season Two

There's an old Italian saying: you fuck up once, you lose two teeth.

Bei der ersten Staffel hatte ich ja moniert, dass bis zu den letzten vier Folgen hin keine rechte Spannung aufkam, das Staffelfinale das jedoch wieder etwas wett zu machen wusste. Bei der zweiten Staffel kann ich das leider nicht mehr behaupten. Die Handlung der Serie ist weit entfernt davon stringent zu sein, teilweise trifft das auch auf einzelne Folgen zu und es passiert im eigentlichen Sinne nichts. Soprano (James Gandolfini) ist inzwischen der Capo, aber trotz allem nicht unumstritten, liegen seine engsten Feinde immer noch in seiner Familie rund um seinen Onkel Junior und seiner Schwester Janice und ihren Freund Richie.

Mein Problem mit den Sopranos ist, dass sich weder die Serie noch die Figuren weiterentwickeln. Soprano besucht nach kurzer Pause wieder Dr. Melfi (Lorraine Bracco), scheint aber durch die Therapie keine Veränderung durchgemacht zu haben. Jede Sitzung resultiert in Beschimpfungen und Bedrohungen seiner Therapeutin, oft geht er auch vorzeitig, sitzt wenige Tage dann aber wieder in dem Sessel ihr gegenüber. Hinzu kommen noch die heuchlerischen Figuren rund um Soprano's Frau Carmella (Edie Falco) und seiner Tochter. Viele andere Figuren gehen mit ihrer Pseudomoral und Überheblichkeit ebenfalls ziemlich auf die Nerven. Die einzige symphatische Figur für mich war Pussy, der von seinen besten Freunden im Staffelfinale erschossen wird.

Das Staffelfinale war auch die Folge, welche von allen 26 bisher die schwächste gewesen ist, mit lahmen Fantasiesequenzen gefüllt. Dass sich Menschen meistens nicht verändern und weiterentwickeln mag wohl auf das echte Leben zutreffen, in meinen Augen schauen Menschen jedoch Filme, bzw. stürzen sich allgemein in Fiktion, weil sie eben jenem "echten" Leben entfliehen wollen, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Will ich eine abgefuckte Familie ohne jegliche Entwicklung sehen, beobachte ich meine Nachbarn oder wenn ich es noch einfacher haben will meine eigene Familie.

The Sopranos entwickelt jedoch eine solche spannungsarmut, dass man problemlos eine Folge der fünften Staffel und danach eine der dritten Staffel sehen könnte und hätte dennoch keinerlei Probleme der Handlung auf dem Bildschirm zu folgen. Diese Linie von David Chase ist sehr bedauernswert und abgesehen von hervorragenden schauspielerischen Leistungen (allen voran natürlich Gandolfini) hatte die zweite Staffel nicht viel zu bieten. Möge die dritte Staffel besser sein.

6.5/10

14. Juli 2007

The Sopranos - Season One

Act like a good Catholic for fifteen fucking minutes. Is that so much to ask?

Alle meine Serien sind in Sommerpause, also griff ich auf diese "Perle" zurück, von der man immer Gutes gehört hat, welche sogar die Clintons regelmäßig anschauten, mit Preisen übersät (allein Gandolfini gewann mehrmals den Emmy) worden ist - die dummerweise aber auch im ZDF-Randprogramm lief, irgendwann Mo. oder So. nachts. Jedenfalls kam ich nie dazu, nun wurde dies nachgeholt. Wie weiter unten bei Goodfellas bereits geschrieben, basiert, bzw. orientiert sich The Sopranos an Goodfellas und gibt einen Einblick in das alltägliche Leben eines capo's der Mafia: Anthony "Tony" Soprano (James Gandolfini).

Der Beginn der Serie kommt einem aus Analyze This vertraut vor, Tony hat Panickattacken und besucht schließlich einen Therapeuten, genauer gesagt eine Therapeutin (Lorraine Bracco, Goodfellas). Hier "heult" er sich über die Schwierigkeiten in seinem Beruf und seinem Privatleben aus, wobei sich beide Themen meistens vermischen, da wie jeder weiß, die Mafia auch als "Familie" angesehen wird. Dabei wirken die ersten vier oder fünf Folgen sehr eigenständig, ohne erkennbaren größeren Zusammenhang, was sie etwas schwer verdaulich macht. Gegen Ende kommt die Serie dann allerdings richtig in Schwung und auch wenn das Staffelfinale nicht die Lösung offenbarte, die ich mir gewünscht hätte, wurde dennoch genügend Spannung aufgebaut bis es zur 13. Folge kam.

In der ersten Staffel stellt das Überthema den Machtkampf zwischen Tony und seinem Onkel Junior um die Position des Bosses dar. Junior wird zwar Boss, sieht in Tony jedoch weiterhin eine Gefahr und dieser hat Junior wissentlich die Rolle des Boss übernehmen lassen, während er seine eigenen Geschäfte regelt. Außerdem kommen Tony's beide Kinder (darunter die kesse Jamie-Lynn Sigler) in ein Alter, wo sie zu Begreifen beginnen, wer ihr Vater in Wirklichkeit ist. Dies alles wird von Produzent David Chase sehr suburban like dargestellt, ist dadurch auch sicher realitätsnäher als Goodfellas, weiß aber auch über manche Strecken nicht so gut zu unterhalten wie dieser, da ihm charismatische Figuren wie Pesci, De Niro oder Liotta fehlen. Die zweite Staffel ist bereits besorgt und wird folglich demnächst gesichtet werden, immerhin sind ja noch zwei Monate für mich zu überbrücken.

7.5/10