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11. Oktober 2015

Sicario

The Fourth of July on steroids.

Unter Präsident Nixon avancierte der Drogenmissbrauch in den USA im Jahr 1971 zum „Staatsfeind Nummer Eins“, im Jahr darauf investierte seine Regierung bereits 600 Millionen Dollar (Inflationsbereinigt also zirka 3,5 Milliarden Dollar). Eine Summe, die seither auf gut 50 Milliarden für das laufende Jahr angehoben wurde. Fast so hoch wird der Umsatz geschätzt, den die mexikanischen Drogenkartelle jährlich mit ihrem Drogenhandel einnehmen. Denkt man an die Präsenz des Drogenkriegs in Mexiko, der gut 90 Prozent der Drogen in den USA besorgt, in den Werken aus Hollywood, fällt einem wohl höchstens Steven Soderberghs Traffic ein. Eine Rolle, die diesem ab sofort Denis Villeneuves Thriller Sicario streitig machen dürfte.

In diesem wird FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) für eine Sondereinheit von Matt Graver (Josh Brolin) angefragt, der als Berater für das Verteidigungsministeriums im Drogenkrieg fungiert. Sie begleitet Graver und dessen Kollegen Alejandro (Benicio del Toro) zu einem vermeintlichen Einsatz in El Paso, der sie tatsächlich auf die andere Seite der Grenze nach Juárez führt. Dort sollen sie einen der Männer des führenden Kartells in die USA überführen. Komplikationen unterwegs wecken in Kate erste Zweifel an der Legalität des Unterfangens, während der Einsatz selbst Graver und Co. auf eine heiße Fährte führt: ein Tunnel zwischen beiden Ländern, den das Kartell für seinen Drogenschmuggel nutzt. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Das gesamte Ausmaß des Drogenkriegs reißt Denis Villeneuve in seinem jüngsten Werk nicht mal im Ansatz an. Ein FBI-Einsatz zu Beginn, der einige Gräuel zu Tage fördert, dient für Macer als Motivation für Gravers Mission. Sein Interesse an der FBI-Agentin, deren Rechtsraum sich nur auf eine Seite der Grenze beschränkt, wird erst im Verlauf des Schlussaktes vollends klar. Die Kernhandlung von Sicario ist derweil relativ simpel gehalten, mit dem Tunnel als Bindeglied und zugleich Zugang zum größten Widersacher der Regierungsvertreter im Film. Viel mehr als von der Geschichte oder ihren Figuren lebt Sicario von seiner Atmosphäre und Intensität. Genauer gesagt von seiner Anspannung, die er mit Beginn evoziert und bis zum Ende hält.

Villeneuve schafft – mit herausragender Mithilfe seines Komponisten Jóhann Jóhannsson – über die zweistündige Laufzeit eine bedrohliche Atmosphäre, in der man das Gefühl hat, es könnte in jeder Sekunde zu allem Möglichen kommen. Und selbst wenn bisweilen, wie im Verlauf des ersten Akts, die Kamera derart offensichtlich platziert wird, dass die folgende Ereignisse vorhersehbar sind, nimmt dies Sicario wenig von seiner nüchternen Rauheit. Dieser Tonfall, dieses von den meisten Figuren zelebrierte Kalkül, ist der eigentliche Star des Films, der so manche Nachlässigkeit in der Ausarbeitung der Handlung oder in der Figurenzeichnung – Macer und Co. kommen nie wirklich über den Status als menschliche Schachfiguren hinaus – ausgleicht.

Hinzu kommt, dass etwaige Szenen für die mexikanische Nebenfigur Silvio (Maximiliano Hernández) aufgewandt werden, die diese Aufmerksamkeit wie sich herausstellen soll nur bedingt, falls überhaupt, verdient. Diese wie auch die ein oder andere weitere Szene hätte Villeneuve vielleicht opfern sollen, um dafür die Wirkung des finalen „Twists“ – falls man diesen überhaupt so nennen kann – etwas mehr zur Geltung zu bringen. Nicht zuletzt, da Sicario ähnlich wie Villeneuves Prisoners einen Tick länger gerät als er unbedingt hätte sein müssen. Auch etwas mehr Einbettung ins größere Ganze des Drogenkriegs und sein Ausmaß hätte nicht geschadet und dem Film sich hierfür fraglos Gelegenheiten geboten, darunter auch in Bezug auf Silvio.

Ungeachtet dessen untermauert Villeneuve sein vielversprechendes Talent, mit dem er bereits Prisoners und den exzellenten Enemy inszenierte. Ein intensiv-packender Thriller, in dem das Schicksal seiner Figuren sich zu jedem Zeitpunkt ändern kann – etwas, das sich auch nicht über jeden Kinobeitrag sagen lässt. Vielleicht inhaltlich etwas weniger kommentierend zum Drogenkrieg wie Soderberghs thematisch dichterer – zugleich jedoch auch mehr belehrender – Traffic, gehört Sicario dennoch zu den positiveren Kinoerlebnissen des Filmjahres 2015. Was ihm an Handlung abgeht, macht er mit Stimmung wieder weg. Vielleicht ja der Auftakt zu mehr Filmen zum Thema Krieg gegen die Drogen – inhaltlich wäre das durchaus gerechtfertigt.

7.5/10

21. Januar 2009

Changeling

Never start a fight, but always finish it.

Sein Name beherrscht wie fast kein anderer die Landschaft der Auszeichnungen in Hollywood des aktuellen Jahrzehnts. In den letzten fünf Jahren war Clint Eastwood sieben Mal für einen Academy Award nominiert. Zweimal konnte er die Trophäe mit nach Hause nehmen, wo er bereits zwei Exemplare für seinen Western-Abgesang Unforgiven stehen hat. Mit Filmen wie Mystic River, Million Dollar Baby und Letters from Iwo Jima hat sich Eastwood, der raubeinige Schauspieler des vergangenen Jahrhunderts, einen Namen als ernstzunehmender Drama-Regisseur gemacht. Und wie es den Anschein hat, macht er mit Changeling gerade da weiter, wo er zuletzt aufgehört hat. Dabei ist das period piece nur einer von zwei Eastwood-Filmen, die in den nächsten Wochen im Kino laufen. Während er sich in Gran Torino eher vom Darstellerdrama entfernt, beginnen die Vorbereitungen für The Human Factor, in welchem er sich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle der großen Persönlichkeit Nelson Mandela widmen möchte.

In Changeling wird die wahre Geschichte von Christine Collins (Angelina Jolie) erzählt. Diese lebte 1928 gemeinsam mit ihrem Sohn Walter in Los Angeles. Als Collins an einem Wochenende unerwartet arbeiten musste, lässt sie Walter allein zu Hause. Bei ihrer Heimkehr abends ist der Junge verschwunden und kein Anzeichen seines Verbleibs zu finden. Es vergehen mehrere Monate, die Collins in Ungewissheit verbringen muss. Nach beinahe einem halben Jahr meldet sich die Polizei in Person von Captain Jones (Jeffrey Donovan) bei ihr. Man habe ihren Sohn gefunden. Das erste Wiedersehen am Bahnhof verläuft suboptimal. Zwar ist sich Collins sicher, dass der Junge, den man ihr präsentierte, nicht ihr Sohn ist. Aus gutem Willen lässt sie sich für den Pressekonvoi jedoch lächelnd ablichten. Doch die Gewissheit nimmt zu, dass es sich bei dem Jungen nicht um ihren Sohn Walter handelt. Für Jones hingegen ist der Fall abgeschlossen. Ein Junge wurde vermisst und ein vermisster Junge wurde zurückgebracht. Gemeinsam mit dem Radioprediger Gustav Briegleb (John Malkovich) beginnt Collins einen Sysyphos-Kampf gegen die Polizei Los Angeles’.

Während die Mitte des Filmes relativ ruhig daherkommt, zeichnen sich besonders Anfang und Ende des Filmes durch die unsägliche Komposition von Clint Eastwood aus. Speziell die Inszenierung von Christine Collins Heimkehr exemplifiziert das Manko des Filmes. Zu übertrieben pathetischer Musik bildet sich auf dem Gesicht Jolies bereits die Gewissheit ab, ehe sie überhaupt durch die Haustür geschritten ist. Anschließend präsentiert Eastwood ein elterliches Unverständnis, dass die Polizei Vermisstenmeldungen erst nach 24 Stunden aufnimmt. Zu keinem Zeitpunkt wird während des Filmes jedoch das Handeln von Collins an jenem Tag hinterfragt. Wieso hat sie ihren Sohn alleine zu Hause gelassen? Zwar erwähnt sie Walter gegenüber, dass die Nachbarn nach ihm sehen werden, doch als sie nach Hause gelangt und ihren Sohn nicht vorfindet, kommt ihr nicht der Gedanke, zuerst zu eben jenen Nachbarn zu gehen. Vielmehr rennt sie die Nachbarschaft rauf und runter.

Es gibt mehrere Gründe, aufgrund derer Changeling nicht funktioniert. Zum einen die viel zu pathetische und überzogene Musikuntermalung des Regisseurs selbst, zum anderen auch die Fehlbesetzung seiner Figuren. Unter anderem Reese Witherspoone und Hilary Swank hatten sich für den Part von Christine Collins beworben. Den Zuschlag erteilte Eastwood schließlich Jolie, weil sie seiner Ansicht so aussah, als hätte sie aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen können. So kommt es, dass Angelina Jolie die meiste Zeit über nicht nur mit mehr Schminke als Alice Cooper durch die Gegend stolziert, sondern oft auch gnadenlos überspielt. Nicht weniger deplatziert wirkt John Malkovich in der Rolle des nach Recht strebenden Presbyteriers. Auch hier war es eine oberflächliche Entscheidung des Regisseurs, der Malkovich gegen den Strich besetzen wollte. Lediglich Donovan und Amy Ryan in einer Nebenrolle wissen zu überzeugen, die meiste Zeit hindurch gehört die Aufmerksamkeit jedoch Newcomer Jason Butler Harner in der Rolle von Gordon Northcott.

Eastwood versucht das Experiment, in seinem neuesten Film nicht nur ein Familiendrama zu erzählen, sondern zugleich auf einer Nebenspur einen Serienmörder-Thriller abzuspielen. Im Laufe des Filmes bedient sich Drehbuchautor J. Michael Straczynski immer mehr der Details der Wineville Hühnerstall Morde. Die Vermischung der beiden Handlungen gereicht Changeling jedoch keineswegs zum Vorteil. Stattdessen wird der Film unnötig in die Länge gezogen und ist unter dem Strich gesehen gut eine Stunde zu lang geworden. Es wäre empfehlenswert gewesen, wenn sich Eastwood und Straczynski entweder auf Collins oder aber auf Northcott beschränkt hätten. Die Geschichten von beiden zusammen verkommen zu einem spannungsarmen, langatmigen und überzogenen Drama, welches zu keinen Zeitpunkt Zug oder Atmosphäre entwickeln will. Sein Potential schöpft die Geschichte somit prinzipiell nie wirklich aus und ist insgesamt nicht mehr als ein überkandideltes period piece.

5.5/10