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11. Oktober 2015

Sicario

The Fourth of July on steroids.

Unter Präsident Nixon avancierte der Drogenmissbrauch in den USA im Jahr 1971 zum „Staatsfeind Nummer Eins“, im Jahr darauf investierte seine Regierung bereits 600 Millionen Dollar (Inflationsbereinigt also zirka 3,5 Milliarden Dollar). Eine Summe, die seither auf gut 50 Milliarden für das laufende Jahr angehoben wurde. Fast so hoch wird der Umsatz geschätzt, den die mexikanischen Drogenkartelle jährlich mit ihrem Drogenhandel einnehmen. Denkt man an die Präsenz des Drogenkriegs in Mexiko, der gut 90 Prozent der Drogen in den USA besorgt, in den Werken aus Hollywood, fällt einem wohl höchstens Steven Soderberghs Traffic ein. Eine Rolle, die diesem ab sofort Denis Villeneuves Thriller Sicario streitig machen dürfte.

In diesem wird FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) für eine Sondereinheit von Matt Graver (Josh Brolin) angefragt, der als Berater für das Verteidigungsministeriums im Drogenkrieg fungiert. Sie begleitet Graver und dessen Kollegen Alejandro (Benicio del Toro) zu einem vermeintlichen Einsatz in El Paso, der sie tatsächlich auf die andere Seite der Grenze nach Juárez führt. Dort sollen sie einen der Männer des führenden Kartells in die USA überführen. Komplikationen unterwegs wecken in Kate erste Zweifel an der Legalität des Unterfangens, während der Einsatz selbst Graver und Co. auf eine heiße Fährte führt: ein Tunnel zwischen beiden Ländern, den das Kartell für seinen Drogenschmuggel nutzt. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Das gesamte Ausmaß des Drogenkriegs reißt Denis Villeneuve in seinem jüngsten Werk nicht mal im Ansatz an. Ein FBI-Einsatz zu Beginn, der einige Gräuel zu Tage fördert, dient für Macer als Motivation für Gravers Mission. Sein Interesse an der FBI-Agentin, deren Rechtsraum sich nur auf eine Seite der Grenze beschränkt, wird erst im Verlauf des Schlussaktes vollends klar. Die Kernhandlung von Sicario ist derweil relativ simpel gehalten, mit dem Tunnel als Bindeglied und zugleich Zugang zum größten Widersacher der Regierungsvertreter im Film. Viel mehr als von der Geschichte oder ihren Figuren lebt Sicario von seiner Atmosphäre und Intensität. Genauer gesagt von seiner Anspannung, die er mit Beginn evoziert und bis zum Ende hält.

Villeneuve schafft – mit herausragender Mithilfe seines Komponisten Jóhann Jóhannsson – über die zweistündige Laufzeit eine bedrohliche Atmosphäre, in der man das Gefühl hat, es könnte in jeder Sekunde zu allem Möglichen kommen. Und selbst wenn bisweilen, wie im Verlauf des ersten Akts, die Kamera derart offensichtlich platziert wird, dass die folgende Ereignisse vorhersehbar sind, nimmt dies Sicario wenig von seiner nüchternen Rauheit. Dieser Tonfall, dieses von den meisten Figuren zelebrierte Kalkül, ist der eigentliche Star des Films, der so manche Nachlässigkeit in der Ausarbeitung der Handlung oder in der Figurenzeichnung – Macer und Co. kommen nie wirklich über den Status als menschliche Schachfiguren hinaus – ausgleicht.

Hinzu kommt, dass etwaige Szenen für die mexikanische Nebenfigur Silvio (Maximiliano Hernández) aufgewandt werden, die diese Aufmerksamkeit wie sich herausstellen soll nur bedingt, falls überhaupt, verdient. Diese wie auch die ein oder andere weitere Szene hätte Villeneuve vielleicht opfern sollen, um dafür die Wirkung des finalen „Twists“ – falls man diesen überhaupt so nennen kann – etwas mehr zur Geltung zu bringen. Nicht zuletzt, da Sicario ähnlich wie Villeneuves Prisoners einen Tick länger gerät als er unbedingt hätte sein müssen. Auch etwas mehr Einbettung ins größere Ganze des Drogenkriegs und sein Ausmaß hätte nicht geschadet und dem Film sich hierfür fraglos Gelegenheiten geboten, darunter auch in Bezug auf Silvio.

Ungeachtet dessen untermauert Villeneuve sein vielversprechendes Talent, mit dem er bereits Prisoners und den exzellenten Enemy inszenierte. Ein intensiv-packender Thriller, in dem das Schicksal seiner Figuren sich zu jedem Zeitpunkt ändern kann – etwas, das sich auch nicht über jeden Kinobeitrag sagen lässt. Vielleicht inhaltlich etwas weniger kommentierend zum Drogenkrieg wie Soderberghs thematisch dichterer – zugleich jedoch auch mehr belehrender – Traffic, gehört Sicario dennoch zu den positiveren Kinoerlebnissen des Filmjahres 2015. Was ihm an Handlung abgeht, macht er mit Stimmung wieder weg. Vielleicht ja der Auftakt zu mehr Filmen zum Thema Krieg gegen die Drogen – inhaltlich wäre das durchaus gerechtfertigt.

7.5/10

8. Mai 2009

Sunshine Cleaning

You are strong. You are powerful. You can do anything.

Beim diesjährigen Sundance Festival wurde zwar im Vergleich zu anderen Jahren mehr Wert auf die Indie-Beiträge gelegt, denn anbiedernde Hollywood-Produktionen, doch den kleinen Filmen scheint nicht gerade die beste Zukunft beschert zu sein. Manohla Dargis schrieb im Januar in der International Herald Tribune, dass durch die Entlassungen einiger Filmkritiker indirekt auch die Indie-Filme betroffen seien. Immerhin leben diese davon, durch gute Kritiken einen nationalen Verleiher zu finden. „Anything considered too arty, brainy, bleak or dark“ sei schwer an den Mann zu bringen, speziell wenn es auch noch von „no-name actors“ getragen würde. Ein Mischmasch bilden dann Werke wie Little Miss Sunshine, die Low-Budget sind (mit 8 Millionen Dollar allerdings eher verhältnismäßig), aber dennoch ein namhaftes Ensemble vorzeigen können. Peter Saraf und Marc Turtletaub produzierten anschließend Sunshine Cleaning, der nach seiner Premiere beim Sundance Festival 2008 nun ein geschlagenes Jahr auf einen Verleiher warten musste.

Die Grundidee von Megan Holley ist dabei ziemlich innovativ. Zwei Schwestern beginnen einen Tatort-Putzdienst, was zusätzlich dadurch gewürzt wird, dass beide Schwestern ziemlich unterschiedlich sind. Auf der einen Seite gibt es die ältere Rose (stark: Amy Adams), die nach dem Suizid der Mutter im Kindesalter automatisch die Verantwortungsvollere der beiden Lorkowski-Schwestern ist. Dabei ist Rose eine tragische Figur, repräsentiert sie doch die klassische High School Katharsis. Einst das angesagteste Mädchen der Schule, Cheerleaderin und mit dem Quarterback Mac (Steve Zahn) liiert, ist sie jetzt eine alleinerziehende Mutter eines Kindes (Jason Spevack) mit ADS. Mac hat nach der Schule ein anderes Mädchen geheiratet, unterhält jedoch mit Rose nebenbei eine Affäre. Es ist unklar, ob Roses Sohn Oscar Macs Sohn ist, eine Szene im Film lässt es zumindest vermuten. Ihr Hausputzdienst stellt die rothaarige Frau nicht wirklich zufrieden, in ihrer Dusche ist ein Post-it angebracht, dass ihr Selbstbewusstsein verschaffen soll und zugleich ausreden, sie sein eine Verlierin.

Die Verliererin in der Familie ist vielmehr Norah (herrlich: Emily Blunt), Roses Slacker-Schwester und emotional tief gebeutelt von dem Tod der Mutter, die sie nie wirklich kennen gelernt hat. Norah schafft es sogar, einen Job als Fast-Food-Bedieung zu verlieren und wirkt, als hätte sie kein wirkliches Ziel im Leben. Eher gezwungenermaßen arbeitet sie mit Rose zusammen, als diese ihren Tatort-Putzservice initiiert. Bei einem ihrer Aufträge findet Norah dann schließlich Kinderphotos der Tochter des Opfers und beginnt entgegen der Anweisung von Rose jene Frau aufzusuchen. Zwischen den beiden emotional gestörten Frauen beginnt langsam eine Freundschaft aufzukeimen, die von den Beteiligten jedoch mit unterschiedlicher Agenda verfolgt wird. Und wenn man hiervon bereits angefangen hat, ist man auch schon auf einen der großen Schwachpunkte von Christine Jeffs’ Film gestoßen.

Holley bildet eine ziemlich starke Exposition für ihre kreative Geschichte, die Figuren werden hinreißend eingeführt, die Ausgangslage gut gelegt für den weiteren Verlauf der Handlung. In der Mitte beginnt Sunshine Cleaning dann jedoch teilweise zu versacken, gerade weil die Nebenhandlungen mit zweitrangigen Charakteren (im Falle von Rose ist es Mac und bei Norah wiederum jene Tochter eines der Opfer) nicht wirklich tief genug weiterverfolgt werden. Wie dilettantisch diese Platzierung wirklich ist, merkt man, wenn beide Figuren irgendwann einfach verschwinden. Quasi wie Keyser Soze – und einfach so, waren sie weg. Die charakterlichen Entwicklungen – hauptsächlich von Rose und Norah -, die dem vorausgegangen waren, sind dabei nicht unbedingt nachvollziehbar gestaltet. Und ebenso wie einige Figuren (zu ihnen zählt auch der überzeugende Clifton Collins Jr. in einer verschenkten Nebenrolle) werden auch Aspekte der Handlung nicht wirklich weiterverfolgt.

Vieles wirkt wie reine Staffage, wie ein Pappmache-Haus, das unter fortdauerndem Regen beginnt in sich zusammen zu sacken. Was genau mit Oscar los ist, wird nicht erläutert. Dass er geistig auf der Höhe ist, zeigt er in den Szenen mit seinem Großvater (Alan Arkin). Auch der Grund für den Suizid von Roses und Norahs Mutter erfährt man nicht. Genauso wird die Tatsache nicht vertieft, dass beide Frauen in ein Gewerbe eintreten, dass unabdingbar mit persönlichen tragischen Ereignissen zusammenhängt. Wenn das Ende dann schließlich in Eitel Sonnenschein überblendet – offene Fragen lässt Jeffs außen vor -, wirkt das Potential, welches Sunshine Cleaning inne hatte sehr leichtfertig verschenkt. Und vielleicht findet sich hier der Grund, weshalb die fünf Millionen Dollar teure Drama-Komödie erst nach einem Jahr in die Kinos kommt. An seinem überzeugenden Ensemble scheitert der Film nämlich nicht. Adams zeigt erneut, dass sie ein zuverlässiges Glied der Einwechselbank ist, dass sich allmählich an einen Stammplatz herankämpft, während Blunt ein vielversprechendes Talent ist, das kurz vor dem Durchbruch steht.

6.5/10

17. März 2008

Dan in Real Life

There's rightness in our wrongness.

Als Witwer hat man es nicht leicht, aber Dan (Steve Carell) meistert die Erziehung seiner drei Töchter relativ gut. Er steht morgens pünktlich auf, schreibt seine Kolumne in der örtlichen Zeitung und schmiert den dreien ihre Pausenbrote, wäscht ihre Wäsche und agiert mit einer gewissen Lockerheit. Für das Wochenende steht dabei ein Besuch bei den Großeltern in Rhode Island an, zudem auch der Rest der Familie erscheinen wird. Hier beginnen erste Querelen, denn seine älteste Tochter will Dan nicht den Wagen fahren lassen und seine mittlere Tochter reißt aus den Armen ihrer großen Liebe. Die Stimmung im Wagen ist fortan gedämpft und um etwas abzuschalten schickt Dans Mutter (Dianne Wiest) ihn in die Stadt um die Zeitung zu kaufen. Dort lernt Dan im Buchladen die extrovertierte Marie (Juliette Binoche) kennen und nach einem langen Gespräch stellt er fest, dass er sich in sie verliebt hat. Während er dies zu Hause seine Familie eröffnet stellt ihm sein Bruder Mitch (Dane Cook) seine neue Freundin vor: Marie! Dan ist sichtlich geschockt, ebenso wie Marie und im Laufe der nächsten Tage wollen beide zwar was im Buchladen war vergessen, die Eifersucht nimmt bei Dan allerdings überhand, als seine gesamte Familie herzlich mit ihr auskommt. Nicht nur durch sein eifersüchtiges Verhalten grenzt er sich allmählich von den anderen ab, sondern auch in seiner Beziehung zu seinen Töchtern verschlechtert sich mehr und mehr die Stimmung – und wo immer er hinsieht findet er nur Marie.

Ein Mann verliebt sich in die Freundin seines Bruders bzw. verliebt sich eine Frau in den Bruder ihres Freundes. Das ganze geschieht unter der Prämisse, dass die drei sich gemeinsam ein gesamtes Wochenende mit der Großfamilie der Brüder unter einem Dach befinden. Besagte Großfamilie ist auch ein Bündel an Harmonie und Liebe, trotz der Schrulligkeit der einzelnen Charaktere. Das hat ein bisschen was von Woody Allen und seinen Filmen Hannah and Her Sisters sowie September, noch sehr viel mehr gemeinsam mit Thomas Bezuchas The Family Stone aus dem Jahr 2005. Damals brachte Dermot Mulroney Sarah Jessica Parker nach Hause, damit sich sein Bruder Luke Wilson in sie und sie sich in ihn verlieben konnte. Obendrein verliebte sich Mulroney dann in Claire Danes, die Schwester von der Parker. Eine typische Hollywood-Dramödie eben. Wegen seiner Vorhersehbarkeit ist es dann auch nicht verwunderlich, wenn am Ende des Filmes Carell und Binoche doch zueinander finden, Cook vertröstet wird und die beiden Töchter das bekommen, was sie wollten (Autofahren und Freund). Selbstverständlich muss der Hauptcharakter dabei eine Katharsis durchmachen, Läuterung erfahren, Bereuen und für seine Schuld gerade stehen, damit ihm am Ende alles Glück der Welt zufallen kann. Bei Filmen wie Dan in Real Life kommt es also nicht darauf an was für eine Geschichte man erzählt – denn ihr Ausgang ist einem bereits bekannt -, sondern wie man sie erzählt. Und im großen und ganzen unterscheidet er sich hier nicht sehr viel von seinem politisch unkorrekterem Pendant Family Stone oder anderen Filmen desselben Themas.

Drehbuchautor Pierce Gardner entwarf die Geschichte basierend auf eigenen Erlebnissen, da auch seine Frau ein Kind einer Großfamilie ist und bei Familientreffen schnell mal dreißig Menschen anwesend waren. Die andere Komponente entwickelte Regisseur und Autor Peter Hedges, bekannt geworden durch seine Drehbücher zu What Eats Gilbert Grape? und About a Boy. Zudem holte sich Hedges für die musikalische Untermalung des Filmes einen seiner Lieblingskünstler, den norwegischen Musiker Sondre Lerche. Bedauerlicherweise wissen weder Gardner noch Hedges über Klischees hinaus zu geraten, von dem Elternteil, dass seinem Kind eine Szene vor dessen Freunden bereitet, wie die aufreizend angezogene Tochter, bis hin zum elterlichen Sexgespräch und einem Sturz vom Dach. Diese Szenen funktionieren trotz ihrer Ausgewaschenheit noch relativ gut im Film, zeugen aber von der fehlenden Frische des gesamten Themas. Selbst manche Dialogzeilen dürften sich in so manchem Filmlexikon finden, so abgenutzt sind diese. Daher kann man dem Film nicht einmal vorwerfen aus seinem Potenzial nichts zu machen, da er eigentlich kein solches besitzt. Die vorhersehbaren Spannungsbögen verpuffen, da man gedanklich Carells Figur fast zuzurufen scheint, was er denn jetzt laut Klischee machen müsste, nur um dies mit einiger Verzögerung auch beobachten zu können.

Das größte Problem hat man mit der amerikanischen harmonischen Familie, wie sie hier wie so oft propagiert wird. Fröhliches gemeinsames Kreuzworträtsellösen als Geschlechterkampf oder privat initiierte Talentshows, jeder ist mit Spaß und Freude bei der Sache, alle haben sich eigentlich lieb, auch die Brüder, welche dieselbe Frau begehren. Dans Töchter hegen zwar ihre pubertären Aggressionen gegen ihn, ganz tief innerlich lieben sie ihn aber doch auch. Und wenn Carell seiner mittleren Tochter hohnvoll vorwirft, dass man nicht nach drei Tagen mit jemand das Wort „Liebe“ gebrauchen kann, nur um selbst die ganze Zeit entgegen seiner Äußerung zu agieren, ist das schon nicht mehr komisch, sondern bedauernswert. Es gibt jedoch auch seine schönen Momente im Film, wenn Dianne Wiest ihren Sohn in die Waschküche ins Bett schickt und vorher noch die Waschmaschine anschmeißt, die zum Ausschalten des Lichtes rattert. Die zehnjährige Marlene Lawston als Dans jüngste Tochter ist ein Höhepunkt für sich und der Film wartet bis in die Nebenrollen mit vielen bekannten und talentierten Gesichtern auf. Da sind in Nebenrollen John Mahoney (Frasier), Jessica Hecht (Friends), Amy Ryan (Gone Baby Gone) und Emily Blunt (Charlie Wilson’s War) zu sehen, auch wenn gerade Ryan und Blunt wegen ihrer geringen Präsenz relativ verschenkt wirken. Carell selbst kann im Film ebenso wenig beeindrucken wie Binoche, da beide nicht sonderlich gefordert werden und mit einem Minimum an Gesichtsausdrücken schaffen ihre Szenen zu überstehen. Letzten Endes ist Dan in Real Life ganz nett, scheitert jedoch an seiner Einfallslosigkeit und dem fehlenden eigenständigen Humor.

4.5/10

10. Februar 2008

Charlie Wilson’s War

The Congressman has never been to rehab. They don’t serve whisky at rehab.

Las Vegas, die Stadt der Sünder, voller Betrüger, Geld und Prostituierten. Meist kulminiert alles am selben Ort, so zum Beispiel in einem Whirpool eines Apartments. Dort sitzen nicht nur zwei Stripperinnen, findet sich Alkohol und Kokain, sondern auch der texanische Abgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks). Doch er ist nicht ganz bei der Sache, denn im Fernsehen wird gerade ein Beitrag über die von den Russen unterdrückten Afghanen gezeigt. Wilson lässt sich vom Fernsehmoderator dazu überzeugen, den Etat für verdeckte geheime Subventionen von fünf auf zehn Millionen Dollar zu erhöhen. Doch damit tut er niemand einen Gefallen, im Gegenteil. Seine Gelegenheitsgeliebte und die sechsreichste Frau Texas, Joanne Herring (Julia Roberts), nötigt Wilson nun dazu sich aktiv für die Bekämpfung der Sowjets einzusetzen und eine Konsultation mit dem CIA führt ihn schließlich zu dem egozentrischen Agenten Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman), der gemeinsam mit drei anderen versucht den Kalten Krieg zu amerikanischen Gunsten zu beenden.

Die unglaublichsten Geschichten sind aus Erfahrung immer diejenigen, die sich tatsächlich ereignet haben. So auch die Geschichte vom Krieg des Charlie Wilson gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan Ende der Achtziger. Wilson war das, was man ohne Umschweife als Schürzenjäger und Trinker bezeichnen könnte und das wäre wohl noch euphemistisch ausgedrückt. Der echte Charlie Wilson meinte nach der Premiere von Charlie Wilson’s War lediglich, dass die Macher gnädig mit ihm gewesen sein und mit ebenjenen Machern meinte er Produzent und Hauptdarsteller Tom Hanks sowie Regisseur Mike Nichols. Über Wilsons Aktivitäten schrieb Ende der Neunziger der 60 Minutes-Journalist George Crile, der das Thema schließlich 2003 zu dem Roman Charlie Wilson’s War ausarbeitet, was wiederum Tom Hanks auf den Plan rief sich die Filmrechte zu sichern. Für das Drehbuch engagierte er den Schöpfer der politischen Dramaserie The West Wing, Aaron Sorkin, und holte als Regisseur Mike Nichols an Bord, der bereits mit Primary Colors und Catch 22 Erfahrungen im politisch-zynischen Bereich gesammelt hatte.

Eine nette Anekdote rund um die Entstehung des Filmes ist ein Treffen zwischen Nichols und George Clooney, der an der Rolle von Wilson interessiert war, als er jedoch erfuhr, dass sich Hanks bereits die Rechte gesichert habe mit den Worten ausbrach „Ich hoffe er stirbt!“. Wer würde nicht gerne einen versoffenen Weiberhelden spielen, der im Alleingang den Kalten Krieg beendete? Hanks spielte die Hauptrolle kurzerhand selbst, erntete dafür auch vor wenigen Wochen eine Golden Globe Nominierung, ebenso wie sein Nebendarsteller Philip Seymour Hoffman, der sich auch Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Namhaft besetzt ist er, Charlie Wilson’s War, mit drei Oscarpreisträgern in den Hauptrollen und einer für den Oscar nominierten Dame in einer Nebenrolle. Kein Wunder also, dass der Film bei den Globes noch so zahlreich vertreten war. Dabei hat Hanks sicherlich schon besser gespielt, als es hier der Fall ist, aber das komödiantische Fach liegt im dennoch fraglos. Er ist sich nicht einmal zu schade dem Publikum zum ersten Mal seinen blanken Hintern zu zeigen.

Aber das Fazit bleibt, wirklich aufgehen tut er in seiner Rolle nicht, zu unbegeistert wirkt die Begeisterung, zu friedlich seine Aufreger. Damit ist er jedoch sehr viel besser bedient als die Roberts, die abgesehen von ihrer Nuttenhaften Schminke total blass bleibt. Auch wenn dahingestellt ist, ob sie überhaupt schauspielerisches Talent besitzt, lässt es sich zumindest in Nichols Film nicht finden. Man muss ihr zu Gute halten, dass ihre Rolle auch nicht sonderlich viel hergibt, lediglich hier und da kurz auftritt, nur um etwas mit den Augen zu klimpern und Hanks ins Gewissen zu reden. Besser spielen tut da schon Amy Adams als Wilsons persönliche Assistentin Bonnie Bach, doch auch diese Figur wird nicht sonderlich ausgeleuchtet, erscheint stets als ungeschilderter Schatten von Hanks Charakter. Ähnlich verhält es sich auch mit Philip Seymour Hoffman, über dessen Rolle man zu Beginn erfährt, dass sie nicht befördert wird, womit sich das Private auch in Grenzen hält.

Höhepunkt des Filmes ist allerdings eben Hoffmans Figur, der provokativ-ehrliche Gust Avrakotos, der durch seine Bemerkungen und Äußerungen für die Lacher im Film sorgt. Hoffman spielt den Amerikaner griechischer Herkunft köstlich und absolut authentisch, ist zugleich Glanz und Gloria von Nichols Film, der außer den Szenen zwischen Avrakotos und Wilson selten wirklichen Humor zelebrieren kann. Wie bereits The Hunting Party möchte Charlie Wilson’s War gerne ein neuer Lord of War sein, ohne dies auch nur ansatzweise zu schaffen. Wenn Afghanen vom sowjetischen Helikopterfeuer dahingemäht werden, kann man solche Szenen nicht in eine Komödie einbauen, auch nicht in die von Nichols gedachte Satire. Sein Film ist über die gesamte Zeit zu unernst, um tatsächlich ernst zu sein und er ist zugleich zu unlustig, um eine wirkliche Komödie zu sein. Problematisch könnte auch sein, dass man die besten lustigen Momente des Filmes bereits monatelang in die Trailer platziert, sodass man im Kino selbst lediglich ein müdes inneres Lächeln bewerkstelligen will.

Wenn Wilson in seinem dunklen Zimmer sitzt, mit verheulten Augen, da ihm die zerfetzten afghanischen Kinder so nahe gehen, ist dies völlig aus dem Zusammenhang gerissen, da dem Publikum zuvor kein innerer Kampf dargestellt wurde, keine Nuancen, wieso Wilson sich das so sehr zu Herzen nimmt. Viel, was man hätte erzählen müssen, um die Geschichte den Zuschauern nahe zu bringen, versäumt man: Wilson bleibt ebenso im Dunkeln wie all die anderen Figuren, ihre Motivation wird vorausgesetzt. In der Tat scheint der Trailer dem Film das Genick gebrochen zu haben, den nicht nur die lustigsten Szenen werden vorweg genommen, sondern auch alle Szenen mit Shiri Appleby hineingepackt. Dieser Superlativ zu sexy taucht nicht so häufig im Film auf, wie man sich das aus dem Trailer vielleicht herzuleiten vermag, was einen dann am Ende doch etwas enttäuscht. So bleibt von Charlie Wilson’s War neben dem tollen Schauspiel von Hoffman nur noch die heiße Appleby. Der Rest ist relativ ermüdend und zu gezwungen komisch.

Was fehlt ist neben der Liebe der Macher zu ihrem Produkt vor allem die fehlende Tiefe der Figuren. Wieso genau will Ms. Herring ihre Ziele verfolgen? Was exakt motiviert Wilson? Wie sieht das Innenleben der Charaktere aus? Inwiefern ließ sich das umsetzen, was Wilson schließlich umgesetzt hat? Auch die Tatsache, dass die USA durch ihre Unterstützung der Mudschaheddin praktisch den späteren islamischen Fundamentalismus direkt finanziert, bzw. durch die Unterlassung weiterer Fördermittel diesen genährt haben, ist ein zu großes Thema, um es in einer einzigen fünfminütigen Szene abzuhandeln. Auch hier sieht man wieder, dass er Film zu ernst sein will, um Komödie zu sein, und zu lustig ist, um als Drama durchzugehen. Die Darsteller, besonders natürlich Julia Roberts, wirken dabei verschenkt, bloße Staffage in einer leblosen Handlung, die wie ein Ballon aufgeblasenes Konstrukt umherfliegt und bei einer ernsthaften Festigkeitsprüfung schließlich explodiert. Charlie Wilson’s War möchte vieles sein und schafft es am Ende schließlich wenig davon tatsächlich auszufüllen.

6.5/10