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7. Mai 2016

The Jungle Book (3D)

Am I in the right monkey temple?

Geht es um das Thema „zwischen zwei Kulturen“, dann verweist das Internet meist auf junge Deutsche, die einen türkischstämmigen Hintergrund haben. Zwar hier geboren und aufgewachsen, aber dennoch stark mit ihrer türkischen Herkunft verhaftet. Und zugleich mögliche Brückenbauer zwischen beiden Welten. Ein Kind zwischen zwei Kulturen ist seit jeher auch Mogli (Neel Sethi), ein Waisenjunge, der einst von Panther Baghira (Ben Kingsley) im Dschungel in die Obhut des Wolfsrudels um Akela (Giancarlo Esposito) und Raksha (Lupity Nyong’o) gegeben wurde. Wie ein Wolf soll sich Mogli da verhalten, doch sein menschlicher Charakter schlägt immer wieder durch. Seine Herkunft ist es dann, die ihm zum Verhängnis zu werden droht.

Während einer Dürreperiode kehrt Tiger Shir Khan (Idris Elba) in den Dschungel zurück – und hat es auf den Mensch in der tierischen Gesellschaft abgesehen. Er, der Neuling aus einer anderen, fremden Kultur, ist nicht gern gesehen im Tierreich. Sein Charakter befremdet selbst die Wölfe, mehr schlecht als recht gelingt seine Anpassung. Mit dem aggressiven Element Shir Khans muss sich nun der „Rechtsstaat“ um Akela auseinandersetzen. Sucht man die Konfrontation mit einem aufhetzerischen Gegner oder fügt man sich, und schickt Mogli zurück ins Land seiner Väter? Das Für und Wider dieser Frage klärt der Junge selbst, er will zwar bleiben, sieht aber, dass er nicht akzeptiert wird. Und soll nun von Baghira zurückeskortiert werden.

Genauso gut ließe sich gegenwärtig in Mogli also eine Art Flüchtling sehen. Der Unterkunft erfährt, aber nicht von jedem gerne gesehen ist. Manche haben es ihm gar aufs Leben abgesehen. Nun ist Jon Favreaus Adaption von The Jungle Book sicher kein Sozialkommentar auf die Flüchtlingskrise, sondern zuvorderst eine „Live Action“- respektive CGI-Verfilmung basierend auf Disneys klassischer Zeichentrickadaption des Werks von Rudyard Kipling. Parallelen sind aber durchaus erkennbar, sofern man solche ausmachen möchte. Mogli ist dabei fraglos ein Ausnahmefall. Er kennt nur den Dschungel und auch sonst keine Menschen. Für ihn existiert nur eine – seine – Heimat. Die Aussicht, in die Fremde zu ziehen, ist schwer nachvollziehbar.

Die Stationen, die Favreau in seinem Film nun abgrast, sind in etwa dieselben wie in der Disney-Version von 1967 – obschon in dieser Version die Konfrontation mit Shir Khan weitaus früher eingeführt wird. Als Ausgleich wird die Begegnung mit Schlange Kaa (Scarlett Johansson) auf einen kurzen Gastauftritt reduziert, dafür eine spätere Begegnung mit Affenkönig Louie (Christopher Walken) etwas bedrohlicher aufgeladen. Zwischendrin darf natürlich die Freundschaft mit Bär Balu (Bill Murray) nicht fehlen, die hier erst etwas aufblühen darf. Ein Nutznießer von Moglis Talenten möchte der faule Bär sein, einen wirklichen Ausgleich für dessen Leistung bietet ihm der verfressene Balu nicht. Außer eben, die Flucht vor seiner „Verantwortung“.

Zumindest lässt Balu den Jungen so sein wie er will. Ob dieser sich nun wie ein Wolf gebiert oder auf seine menschlichen Tricks zurückgreift. Erstmals wird Mogli schlicht akzeptiert, wie er ist. Ohne sich den Ansprüchen oder Vorstellungen anderer fügen zu müssen. An der Gefahr durch Shir Khan ändert das wenig. Den Tiger interessiert nicht, ob Mogli eingegliedert ist oder nicht. Er be- und verurteilt das Menschenkind ob seiner Vorurteile gegenüber dessen Rasse. Solche sind es auch, die Louie auf den Plan rufen. Ihn sehnt es nach der roten Blume – der Umschreibung der Tiere für das Feuer. Dessen will sich der Primat bemächtigen. “I want to be like you”, singt er da zwar. Will aber weniger Mensch sein, als lediglich über dessen Macht verfügen.

Seine Menschlichkeit spielte in der Zeichentrick-Version keine wirkliche Rolle, vielmehr ging es um Begegnungen Moglis im Dschungel. Wirkliche Gefahr wollte da nicht aufkommen, anders nun in der Motion-Capture-Version. Die schickt sich an, „düsterer“ zu sein – was The Jungle Book in dieser Variante sogar ganz gut zu Gesicht steht. Umso unpassender wirkt es dann, wenn Favreau doch zwei der bekannten Songs in die Handlung mit aufnimmt (was im Falle von Balus “Bare Necessities” zumindest noch halbwegs Sinn macht). Dieser Mogli ist vernarbt ob vergangener Erlebnisse, dies eher buchstäblich als sinnbildlich gesehen. Und um Todesfälle kommt diese Adaption auch nicht herum. Wodurch die Atmosphäre entsprechend aufgeladener gerät.

Was im ersten Trailer mit „real“ aussehenden und sprechenden Tieren noch ein Desaster erahnen ließ, funktioniert im fertigen Film dann überraschend gut. Selbst wenn die Effekte durchweg als solche erkennbar sind. Was die Synchronisation angeht, ist das Ergebnis schon durchwachsener. Wo Bill Murray, Idris Elba und Ben Kingsley überzeugen, wirkt Scarlett Johansson eher wie ein Fremdkörper und auch Christopher Walken mit seinem Godfather-mäßigen Louie wirkt eher befremdlich (wäre James Gandolfini nicht verstorben, wäre der Part wohl sowieso an ihn gegangen). Auch Neel Sethi trumpft nicht gerade mit Schauspieltalent auf, obschon man sich mit fortlaufender Filmdauer an ihn gewöhnt. Und Zeit dafür existiert genug.

Mit fast zwei Stunden gerät The Jungle Book gerade in seinem Schlussdrittel etwas langatmig. Wie auch das Finale leicht überladen wirkt, was wohl auch dem aktuellen Trend in Hollywood geschuldet ist. Die etwaigen Referenzen Favreaus von The Godfather über Apocalypse Now bis hin zu The Lion King und natürlich dem Original gefallen mal mehr, mal weniger. Das abgewandelte Ende wiederum fühlt sich angesichts der thematischen Tiefe dieser Neuverfilmung authentisch an. Logisch und konsequent ist, dass Mogli zum Ende als Kind zweier Kulturen die Brücke zwischen beiden schlagen darf. Sein Menschsein wird nicht mehr unterdrückt, sondern imitiert. Wenn sich dann sogar Balu auf einen Baum bemüht, ist die Integration vollendet.

7.5/10

28. April 2013

Iron Man 3

Heroes – there is no such thing.

Die perfekte Tagline für einen Film von Shane Black wäre wohl dem Kaiser entlehnt: „Ja ist denn heut scho Weihnachten?!“ Immerhin spielten bisher vier seiner sieben Drehbücher zur Festtagszeit im Dezember, von Lethal Weapon bis hin zu Kiss Kiss Bang Bang. Auch Kidnapping ist ein wiederkehrendes Motiv in seinen Geschichten, weshalb es also nicht überrascht, dass in Blacks zweitem Film als Regisseur, Iron Man 3, ein Kidnapping in der Weihnachtszeit integriert ist. Auch sonst ist der dritte Teil um den narzisstischen Helden Tony Stark spürbar eine Schöpfung seines Regisseurs, was sich nicht zuletzt an dem Humor dieser Comicverfilmung zeigt, der sich selbst in den dramatischsten Momenten nicht zurückhält.

Inhaltlich knüpft Iron Man 3 an die Ereignisse aus Avengers an. Einige Monate nach der Alien-Invasion in New York und seinem Nahtoderlebnis suchen Tony Stark (Robert Downey Jr.) verstärkt Panikattacken heim. Umso ungeschickter kommt ihm der wahnsinnige Terrorist Mandarin (Ben Kingsley), der Exekutionen und Bombenanschläge inszeniert, um eine Rechnung mit dem US-Präsidenten zu begleichen. Als es Stark zu blöd wird und er Mandarin vor laufenden Kameras zur Privatfehde reizt, löst der schwerreiche Playboy eine Ereigniskette aus, die nicht nur sein Leben und das seiner Freundin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) gefährdet, sondern die ihren Ursprung wie sich zeigt in Starks eigener Vergangenheit hat.

Dabei bleibt auch der dritte Teil den Themen der Reihe treu, wenn mal wieder Tony Starks Sterblichkeit im Zentrum steht und es diese für unseren Helden zu akzeptieren gilt. Dies mag zwar nicht immer vollends nachvollziehbar sein, da Starks zynische Frohnatur am Ende von Avengers nicht den Eindruck machte, sonderlich von dem Erlebten mitgenommen zu sein. Allerdings etablierte bereits Iron Man 2, dass Stark im Angesicht des Todes durchaus bereit ist, seine Maske fallen zu lassen. Hinzu kommt, dass hier diejenigen Menschen die Konsequenzen für Starks Handeln tragen müssen, die ihm am nahesten stehen. Zum einen ist das natürlich Pepper, zum anderen sein Freund und Bodyguard Happy Hogan (Jon Favreau).

Beide bekommen dieses Mal weitaus mehr zu tun als in den Vorgängern. Gerade Paltrows Rolle gewinnt an Verantwortung und Bedeutung – nicht nur für Tony Stark. Aber auch Don Cheadle, der von War Machine zu Iron Patriot wird, darf – wenn auch erst im Finale – endlich präsenter sein. Es ist dabei so überraschend wie erfreulich, dass sowohl Iron Man als auch Iron Patriot hinter Tony Stark und Rhodey zurückstehen. Das wiederum verleiht Iron Man 3 auch aufgrund der Hautfarbe der beiden Charaktere eine kaum zu leugnende Ähnlichkeit zu anderen Filmen von Black wie Lethal Weapon und Last Boy Scout, auch wenn das Zusammenspiel der Figuren im Finale eher an Blacks Debüt Kiss Kiss Bang Bang erinnert.

An sich wäre der Filmtitel mit Tony Stark treffender gewählt als mit Iron Man 3, denn Downey Jr. verbringt fast den gesamten zweiten und dritten Akt außerhalb seines Anzugs, um sich unter anderem im verschneiten Tennessee mit einem Jungen auf die Suche nach Antworten zu machen. Denn nicht nur Mandarin ist auf der Bildfläche erschienen, auch Starks ehemaliger One-Night-Stand, Botanikerin Maya Hansen (Rebecca Hall), der von Stark ignorierte Wissenschaftler Aldrich Killian (Guy Pearce) und dessen Regenerations-Virus „Extremis“ sowie die von Extremis zu Supersoldaten umfunktionierten Veteranen rund um Eric Savin (James Badge Dale) verlangen die Aufmerksamkeit unseres Superhelden.

Sowohl die Darstellung von Pearce als Aldrich Killian als auch Ben Kingsleys Porträt des Mandarin sind dabei für Fans gewöhnungsbedürftig. Gerade der Mandarin erscheint als eine Art Phönix aus der Asche des Nichts, ein Terrorist der Marke Osama bin Laden, ohne Skrupel und ethische Moral. So hat es zumindest den Anschein, doch Black hat für Iron Mans Nemesis eine ganz besondere Rolle in diesem Trilogieabschluss vorgesehen. Pearce hingegen gibt einen eher gewöhnlichen Bösewicht, auch wenn sein verrückter Wissenschaftler alles andere als gewöhnlich ist. Rebecca Hall hingegen wirkt etwas brachliegend, ist ihre ambivalente Maya Hansen doch eine der blassesten und unausgereifsten Figuren.

Vollends stimmig gerät das Endergebnis also nicht. Wie bisher leiden die Marvel-Filme unter ihren schwachen Antagonisten. Zumindest kriegt es Iron Man in diesem Fall nicht erneut mit einem Bösewicht in einem Iron Man-ähnlichen Anzug zu tun, sein diesmaliger Gegenspieler und die Supersoldaten erreichen trotzdem ein ganz neues Level der Lächerlichkeit, speziell in einer mehr als absurden Szene. Ohnehin sind Supersoldaten nicht erst seit der finalen Staffel von X Files eine eher delikate Angelegenheit, allerdings sind sie in Iron Man 3 glücklicherweise nur Mittel zum Zweck. Die Handlung ist in diesem Fall zweitrangig, weshalb man sich auch nicht wundern sollte, dass S.H.I.E.L.D. durch Abwesenheit glänzt.

Dabei hätte man gedacht, Angriffe auf ein Avengers-Mitglied oder den US-Präsidenten würden Nick Fury veranlassen, zumindest Maria Hill auszusenden. Stattdessen ist Stark auf sich allein gestellt – mit hilfreicher Unterstützung seiner künstlichen Intelligenz JARVIS und Anzüge. Diese geraten nunmehr buchstäblich zu solchen, kann Stark doch nach Belieben aus ihnen schlüpfen (in einer Szene „parkt“ er einen außerhalb eines Bistros) oder Elemente von ihnen per Fernsteuerung überstreifen und lenken. Das Ganze garantiert speziell im ersten Akt einige Lacher im Publikum und ohnehin liegt der Fokus von Iron Man 3 nicht nur auf Starks Katharsis, sondern auch auf deren humorvoller Darbietung.

Blacks bissiger Witz kommt perfekt zum Tragen und kaum jemand eignet sich für den Vortrag von Blacks Zeilen besser als Downey Jr. Selbst der zweite Akt und Starks ausgiebige Interaktion mit einem zehnjährigen Jungen gerät so zum amüsanten Fest der Dialoge, aber auch die so namen- wie charakterlosen Handlanger im dritten Akt dürfen einige so grandios-authentische Sätze von sich geben, dass sie fast die vierte Wand durchbrechen. Somit verspricht Iron Man 3 trotz einiger Logik-Planstellen im Extremis-Handlungsstrang und der generellen Darstellungsschwäche der Antagonisten eine über weite Strecken höchst vergnügliche Action-Komödie, die nicht nur der bisher gelungenste Teil der Iron Man-Reihe ist, sondern sich auch wunderbar in das Œuvre von Shane Black einfügt.

6/10 – erschienen bei Wicked-Vision

18. September 2009

Daredevil - Director’s Cut

How do you kill a man without fear?

Nach Bryan Singers gelungenem Comic-Reboot X-Men oblag es 2001 Sam Raimis Spider-Man, den damals erfolgreichsten Kinostart aller Zeiten hinzulegen. Inzwischen sind Superhelden-Verfilmungen zur Regel geworden und vormerklich die bekannten Helden finden ihren Weg auf die Leinwand. Außerhalb der USA weiß man wenig mit Iron Man, Ghost Rider oder Daredevil anzufangen. Letzterer steht nicht zuletzt auch aufgrund seines Wohnortes im Big Apple stets im Schatten von Spider-Man. Dieser erblickte zwei Jahre zuvor das Licht der Welt, ehe sein Schöpfer Stan Lee Daredevil aus den Angeln hob. Im April 1964 feierte der rechtschaffene Held seine Geburt und vergnügt sich somit seit 45 Jahren im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen. Dabei verdient Daredevil besonderes Augenmerk, ist er doch ein etwas anderer Superheld, der mit anderen Umständen zu kämpfen hat als zum Beispiel ein Wolverine, Spider-Man oder Hulk.

Von seinem Vater dazu ermutigt strebsam zu lernen, um einmal als Arzt oder Anwalt zu arbeiten, sollte eine Heldentat das Leben des jungen Matt Murdock für immer verändern. Als er einen Mann vor einem Laster mit radioaktivem Material rettet, sorgt der daraus resultierende Unfall dafür, dass Murdock selbst erblindet. Die Radioaktivität verändert dafür seine restlichen Sinne, so sind sein Geruchs- und Tastsinn verbessert und an die Stelle der Augen tritt eine Echoortung. Diese dient ihm fortan als Sicht durch die Straßen New Yorks. Als sein Vater von Gangstern ermordet wird, stürzt sich der Junge in seine Studien und wird später gemeinsam mit seinem Studienkommilitonen Frank ‘Foggy’ Nelson eine Pro-Bono-Anwaltskanzlei aufmachen. Doch Justitia ist ebenso blind wie Murdock selbst, weshalb er des Nachts kostümiert den Verbrechen in seinem Viertel nachgeht, um die zur Strecke zu bringen, die das Gesetz nicht erreicht.

Eine Renaissance erfuhr Daredevil als sich 1979 der 24-jährige Frank Miller an der Figur versuchte. Er war es, der den Kingpin als Antagonisten aus dem Spider-Man-Universum entlieh und zudem in seiner ersten Tätigkeit als Autor (er war zuvor bereits an einigen Ausgaben als Zeichner beteiligt) Murdocks große Liebe, Elektra Natchios, einführte. Zugleich bescherte er der Serie einen lockeren Humor, der bisweilen die Vierte Wand durchbrach. “Exit Matt Murdock, attorney-at-law – enter Daredevil, man without fear, bane of the underworld, champion of the oppressed – and so on”, scherzt da sein maskierter Held – der sich Anfangs jeder Ausgabe stets nochmals kurz vorstellt – zum Beispiel in Daredevil goes berserk (#173). “I don’t care how many cop shows you’ve seen it on. You can’t tell if somebody is following you”, wendet sich Auftragskiller Bullseye in Last Hand (#181) ans lesende Publikum, als er selbst im Taxi gerade jemanden verfolgt.

Ohnehin ist Daredevil ein besonderer Superheld – schon allein, weil er nicht wirklich ein Superheld ist. Speziell sein Moralbewusstsein fällt auf, tötet Daredevil doch nie. Nicht einmal seine Nemesis Bullseye – was mehrmals zu Reueempfindungen führt, wenn dieser anschließend Zivilisten ermordet. “The moment one man takes another man’s life in his own hands, he is rejecting the law -- (…) But I’m not God -- I’m not the law -- and I’m not a murderer”, erklärt Daredevil in Devils (#169). Dies unterscheidet ihn von zwiegespaltenen Helden wie Batman oder Wolverine, deren Weste nicht unbedingt rein ist. Und wenn man Daredevil schlägt, trifft man ihn auch. Er blutet und leidet und verfügt nicht über abnormale oder regenerierende Kräfte. Murdocks Echolot ist somit letztlich nicht unbedingt eine Gabe, sondern nur Ersatz für den Verlust seiner Augen. Was ihn schon mal menschlicher als andere Marvel-Helden macht.

Das Budget des Films bewegt sich auf X-Men-Niveau, während Spider-Man und Hulk (ebenfalls von 2003) fast das doppelte Budget erhielten. Hier zeigt sich der Stellenwert der Figur innerhalb der Comic-Welt, entsprechend wirken gerade die Spezialeffekte im Film ziemlich unsauber. Johnson erklärt es im Audiokommentar damit, dass eben zu wenig Geld zur Verfügung stand, was sich gerade im Orgel-Kampf zwischen Daredevil (Ben Affleck) und Bullseye (Colin Farrell) zeigt. Dennoch lag es nicht an den Effekten, dass der Film trotz 100 Millionen Dollar Gewinn floppte. Aus Pacinggründen forderte das Studio, dass Johnson eine Nebenhandlung und die Gewalt trimmte. “Too much punching and kicking”, rezitiert Johnson lakonisch im Audiokommentar. Die fertige Fassung konnte dann PG 13-gerecht an die Kinos geliefert werden. Ein Modus operandus, den Marvel auch bei Iron Man und The Incredible Hulk anwandte.

Umso erfreulicher, dass Johnson die Chance gegeben wurde, sich mit seinem Director’s Cut zu rehabilitieren. “It’s a different movie”, erklärt der Regisseur gleich zu Beginn und fasst die um 30 Minuten erweiterte Fassung als “the story-version of the story” zusammen. Und wie in vielen Fällen steht diese dem Film gut zu Gesicht, was nicht kaschieren soll, dass Daredevil weiterhin über Mängel verfügt. Generell problematisch ist die Tatsache, dass der Film einfach zu over-styled ist. Dies merkt man besonders an der musikalischen Untermalung, die jedes Mal, wenn sie den instrumentalen Score verlässt, durch ihren Pop-Faktor unpassend wirkt. Lediglich Evanescences „My Immortal“ gefällt, während die restlichen Tracks eher abstoßend wirken. Im Grunde sind alle Annäherungen an die Sehgewohnheiten der Zuschauer etwas misslungen, selbst wenn Johnson sie bisweilen durch nette Referenzen geschickt zu überspielen weiß.

Der Film beginnt mit der Geburt des Helden und folgt hier weitestgehend der Vorlage. Ein Vertrauensbruch zwischen Vater (David Keith) und Sohn (Scott Terra) führt zum tragischen Unfall und die veränderte Moral von Jack Murdock schließlich zu seinem Tod. Diesen verbindet Johnson in Batman-Manier im Finale mit Kingpin (Michael Clarke Duncan). Der Wendung, dass der Antagonist für den Vater-Tod verantwortlich ist, musste man bereits bei Burton kritisch gegenüberstehen. Umso erstaunlicher, wie gerne dieser Kniff in Comicverfilmungen Verwendung findet, so auch in Rob Bowmans Adaption von Elektra. Anschließend springt die Geschichte in die Gegenwart und stellt sich der problematischsten Änderung zum Comic. Murdock und Partner Foggy (Jon Favreau) sind nicht im Stande, den angeklagten Triebtäter Quesada dem Recht zu überführen.

Dies obliegt also Daredevil und was folgt, ist eine schöne Reminiszenz an Devils, wenn Daredevil Quesada in die U-Bahn-Station verfolgt, wo er sein Echolot nicht zum eigenen Vorteil nutzen kann. Problematisch wird es, als der Mann ohne Angst Quesada auf die Gleise stürzen und dort liegen lässt, während ein Zug einfährt. Selbst wenn Daredevil aus Selbstverteidigung reagiert, verkommt die Szene letztlich zu vorsätzlichem Mord – wie Produzent Avi Arad zurecht im Audiokommentar anmerkt. “It was the right thing to happen. But it shouldn’t have been a choice”, fasst er das Dilemma zusammen. Was Johnson nun so sympathisch macht, ist sein Bewusstsein für diese Problematik. Für ihn stellt diese Szene den Beginn einer Katharsis dar, die mit der Verschonung von Kingpin im Finale abgeschlossen wird. “I’m still trying to convince myself”, gesteht Johnson, wenn er erklärt, es war das Richtige für den Film, aber nicht für die Figur.

Nicht weniger prekär ist jedoch auch die Szene zwischen Bullseye und Daredevil, als Ersterer gehandicapt um Gnade bettelt (“Show mercy”) und anschließend von Daredevil aus dem Fenster geschmissen wird. Zwar handelt es sich auch hier um ein (indirektes) Zitat aus Last Hand, doch ging dem im Comic eine längere Vorgeschichte voraus. Verzeihlich ist da, das die erste halbe Stunde durch ihre vielen Referenzen gefällt, zum Beispiel wenn Quesada nach Joe Quesada, ehemals Autor für Daredevil und inzwischen Chefredakteur des Marvel-Verlags, benannt wurde. Oder wenn Murdock auf seinem Anrufbeantworter die Abschiedsworte von Heather, seiner Langzeitfreundin, hört. Ähnliche Verweise werden später eingebaut, wenn einer von Murdocks Klienten „Mr. Lee“ heißt, Frank Miller persönlich einen Cameo als Opfer von Bullseye hat oder Kevin Smith – ebenfalls Autor einer Daredevil-Reihe – als Pathologe glänzt.

An dieser Stelle tritt mit dem Mord an Lisa Tazio nun erstmals deutlich der Director’s Cut in Aktion. Und mit ihm auch die Nebenrolle von Coolio als Tatverdächtiger Dante Jackson. Seine Referierung von Turk (einer Figur der Comics) weiß sehr zu gefallen und Tazios Fall dient wiederum hauptsächlich dazu, im Finale Wilson Fisk als Kingpin zu überführen. Zudem bieten die zusätzlichen Szenen mehr Raum für Favreau als Foggy Nelson, der in einer weiteren Referenz an Gantlet (#175) den Fall letztlich auch ohne die Hilfe Murdocks für sich zu entscheiden weiß. Die zusätzlichen Szenen bieten etwas comic relief, der größtenteils durch Favreau transportiert wird, wie auch dessen Alligator-Anekdote erneut ein Querverweis zu einer Daredevil-Ausgabe, in diesem Fall The Damned (#180), ist. Ansonsten bietet der Director’s Cut ausführlichere Einblicke, so auch in die Beziehung zwischen Murdock und Elektra (Jennifer Garner).

Ist ihre erste Begegnung, etwas infantil Elektra (#168) entlehnt, verliert sich Johnson aber in überbordenden Humor, wenn sich beide Figuren auf einem Schulhof eine Prügelei liefern. Gelungen ist die Abwandlung der Regen-Szene, die im Gegensatz zur Kinoversion nicht mit dem Beischlaf beider Figuren endet, sondern im Gegenteil Matt die Romanze hinter seine Pflichten als Daredevil zurückstellt. Johnson verleiht ihrer Beziehung weitaus tragischere Konturen. Es sind zwei Menschen, die sich brauchen und verdienen, aber aufgrund ihrer Umstände nicht zusammen sein können, weil Matt alles hinter Daredevil zurückstellt und der Verlust ihres Vaters Elektra zur Abwendung von der Gesellschaft führt. Mit den neuen Szenen wirken alle Begegnungen zwischen beiden sehr viel harmonischer, romantischer und glaubwürdiger. Da weiß selbst die Abwandlung von Natchios’ Mord nicht zu stören, da sie glaubwürdig inszeniert wird.

Von allen Figuren macht Bullseye wohl die größte Wandlung durch. In Daredevil verkommt er zu einem irischen Punk, dessen Gesichtszüge oft schizophrene Ausmaße annehmen. Die Tatsache, dass Bullseye ohne Kostüm auftritt, wird von Johnson auch in bester Singer-Manier selbst referiert. “I want a fucking costume”, fordert Bullseye nach seiner ersten Begegnung mit Daredevil von Kingpin. Dessen angeordnetes Attentat auf Natchios ist auch einer der Höhepunkte des Films. Zwar weiß weder Daredevils Kampf gegen Elektra sonderlich zu überzeugen, noch Elektras Auseinandersetzung mit Bullseye, doch dieser erste von drei Finalkämpfen überzeugt allein durch seine Vorlagentreue. Praktisch Panel für Panel übernimmt Johnson hier Elektras Tod aus Last Hand, der in der erweiterten Fassung des Films – wie auch später der Kampf zwischen Daredevil und Kingpin – sehr viel runder daherkommt als noch in der Kinofassung.

Dagegen wirkt der Kampf in der Kirche zwischen Daredevil und Bullseye etwas schwach, hier ist es eher eine Referenz an Gangwar (#172), die den Moment zu retten weiß. Letztlich ist Bullseye nichts mehr,als der letzte Gegner vor dem Endboss, der sich in etwas platter Form (“I was raised in the Bronx.”) dem finalen Kampf stellt, der selbst in der erweiterten Fassung recht kurz geraten ist. Hier bringt Johnson nun die Katharsis zu Ende, die als solche für die Erzählung der Geschichte nicht unbedingt von Nöten war. Alle gewalttätigen Begegnungen sind eher enttäuschend geraten, doch ist dies kein Problem, dem sich allein Daredevil ausgesetzt sieht. Auch seine Vorgänger X-Men, Spider-Man und Hulk wussten in ihren Kampfinszenierungen nicht unbedingt zu glänzen (am ehesten noch Spider-Man). Man ist jedoch dankbar für die ausführlicheren Einstellungen, die im Vergleich zur Kinofassung mehr zur jeweiligen Szene beitragen.

Der Director’s Cut besticht durch seine Handlungsstringenz, die auch in den Ermittlungen von Ben Urich (Joe Pantoliano) zum Tragen kommt. Hier weicht Johnson seltsamerweise ab, wenn er entgegen der zahlreichen anderen Referenzen Urich als Reporter der New York Post darstellt. Diese ersetzt ohnehin den Daily Bugle, was hinsichtlich der cross reference zu Spider-Man ein kleines Sahnebonbon gewesen wäre. In vielen Bereichen macht Johnson nahezu alles richtig. Die Romanze zwischen Murdock und Elektra ist schön herausgearbeitet, ebenso wie der Mord an Natchios und die daraus resultierenden Umstände. Wenig überzeugen will dagegen so manche Charakterausarbeitung, muss doch gerade Wilson Fisk/Kingpin zurückstecken, aber auch Bullseye wirkt etwas verschenkt. Beides wäre vermeidbar gewsen, hätte man beispielsweise ein Crossover aus The Assassination of Matt Murdock, Gangwar und Last Hand gewählt.

Insgesamt geht die Besetzung in Ordnung. Ben Affleck macht seine Sache weitestgehend gut. Er ist nicht ganz so charismatisch wie Millers Murdock, weiß jedoch ebenso wie Favreau als Foggy seine Funktion zu erfüllen. Jennifer Garner spielt die Elektra etwas zu weiblich, wobei auch hier berücksichtigt werden muss, dass Johnsons Elektra noch nicht ihren Reifeprozess durchschritten hat. Colin Farrell als Bullseye ist ein kleiner Höhepunkt für sich, verdankt dies allerdings auch dem Potential der Figur. Eine kleine Enttäuschung ist dagegen Michael Clarke Duncan als Kingpin, selbst wenn die Entscheidung, die Rolle mit einem Afroamerikaner zu besetzen, löblich war. Aber natürlich leidet Duncan unter der geringen Präsenz seiner Figur. Ingesamt ist Daredevil im Director’s Cut jedoch eine gute Comicverfilmung, die zwar so ihre Fehler hat, dafür aber besonders durch ihre Vorlagentreue und Referenzen zur Materie gefällt.

7/10

20. April 2009

I Love You, Man [Trauzeuge gesucht!]

Slappa da bass mon!

Erste Schritte sind nicht immer die sichersten. Das ist nicht nur bei Babys der Fall, sondern auch bisweilen bei Regie-Anfängern – gerade wenn sie aus einem anderen Teil der Branche stammen. Zwar konnte Drehbuchautor John Hamburg mit Meet the Parents sowie dessen Fortsetzung Meet the Fockers zwei Filme mit relativ hoher Gagdichte hervorzaubern, doch sein Regie-Werk Along Came Polly erwies sich anschließend als eher trockenes Vergnügen. Mit I Love You, Man – in Deutschland unter dem Titel Trauzeuge gesucht! vertrieben – verbündet sich der Judd-Apatow-Zögling nun mit anderen Kollegen aus Apatows Stall. Was dabei herausgekommen ist, kann als halbe Strecke zwischen Hamburgs bisherigen Projekten erachtet werden.

Frauen sehnen sich nach einfühlsamen und ehrlichen Männern, die bereit sind, Verpflichtungen einzugehen und nach acht Monaten Beziehung bereits die Ehe anzustreben. Die das Unternehmen ihrer Verlobten weiterbringen wollen oder am Frauenabend der gesamten Runde ganz aufmerksam etwas zu Trinken zubereiten. Doch solche Männer können auch anhänglich werden, speziell dann, wenn sie keine eigenen Freunde haben. Zwar ist sich Zooey (Rashida Jones) gewiss, dass Peter (Paul Rudd) ihr nicht am Rockzipfel hängen wird, er selbst ist sich da aber nicht ganz so sicher. Ein bester Freund muss also her, der dann zugleich als Trauzeuge fungieren darf. Das einzige Problem: Peter kann nicht so wirklich gut mit Männern umgehen.

Das auffälligste Szenario, das I Love You, Man beschwört, ist die Umkehrung einiger gängiger Klischees der romantischen Komödie. Nach mehreren Verabredungen mit männlichen Kandidaten ist Peter stets unsicher, was er eigentlich am Telefon sagen soll – falls er überhaupt anruft. So verkommt es zum Running Gag, wenn er stets den Abschluss seines Satzes vermasselt und sich in kumpelhafte, umgangssprachliche Verabschiedungen zu flüchten. Was beim ersten Auftreten noch zu amüsieren weiß, wirkt jedoch bei weiteren Wiederholungen etwas redundant. Schon alleine da von Peter zu erwarten wäre, dass er fortschreitender Vertrautheit zwischen ihm und seinem Neu-Kumpel Sydney (Jason Segel) selbstsicherer auftreten würde.

Das generelle Problem von Hamburgs dritter Regearbeit ist jedoch seine Unfähigkeit, rechtzeitig auszublenden. Immer wieder lässt er Szenen länger laufen als es diesen gut tut. Sei es wenn Peter und Zooey im Auto über ihr Sexleben sprechen oder Peter seiner Verlobten seine Luftgitarren-Solos vorführt. Der Film überreizt es mit der Darstellung seiner – wenn auch oft guten – Komik, indem er sie richtiggehend zu Tode reitet. Bedauerlicherweise zieht sich jener Aspekt durch den ganzen Film hindurch bis zu seinem Finale. So muss unter dem Strich gesagt werden, dass I Love You, Man weitaus kompakter und harmonischer ausgefallen wäre, hätte man ihn durch knappere Einstellungen insgesamt um etwa zehn Minuten gekürzt.

Im Gegensatz zu Apatows Produktionen kommt Hamburgs Film zum Glück ziemlich ruhig daher. Die Gagdichte ist relativ gering, stattdessen versucht I Love You, Man sich etwas ernster anzubiedern. Wieso genau sowohl Peter als auch Sydney kaum Freunde, sowohl männliche wie weibliche, haben, versäumt der Film aber zu erläutern. Die Tatsache, dass Sydneys Clique inzwischen aus Ehemännern und Vätern besteht, lässt offen, wieso er in der Zwischenzeit nicht andere Freunde gefunden hat. Ebenso offen bleibt, weshalb Peter, selbst wenn er besser mit Frauen kann, dennoch keine wirklich intensive Freundschaft mit einer solchen hat.  So lebt der Film primär von pop-kulturellen Referenzen und seinem charmanten Ensemble.

Andy Samberg war sich nicht zu schade wie auch J.K. Simmons in einer Nebenrolle aufzutreten, während Rashida Jones durch ihre warme Art ein Gewinn für jeden Film ist. Am überzeugendsten ist I Love You, Man jedoch stets in den Szenen, die sich Paul Rudd und Jason Segel (hier in ihrer dritten Zusammenarbeit) teilen. Einen kleinen Höhepunkt stellt dann das Rush-Konzert dar, selbst wenn auch dieses wieder mehr Zeit bekommt, als für die Geschichte im Nachhinein verträglich ist. Insgesamt handelt es sich um eine solide Komödie, die zum einen aufzeigt, dass sowohl Hamburg als auch Segel zu Steigerungen fähig sind, aber auch die Tatsache offenlegt, dass Rudd (noch) nicht im Stande ist, einen Film als Hauptdarsteller alleine zu tragen.

6.5/10

22. April 2008

Iron Man

Let’s be honest, this isn’t the worst thing you’ve caught me doing.

Überraschen dürfte niemand, wenn er vom Interesse eines Nicolas Cage erfährt, ihn zu spielen: den Iron Man. Glücklicherweise wurde es dann aber weder Cage noch Tom Cruise, der sich ebenfalls für den Part begeistert hatte. Stattdessen besetzten die Produzenten relativ gegen den Strich und Robert Downey Jr. bekam den Zuschlag. Wie sich herausstellt, ist Downey Jr. ein riesiger Iron Man-Fan – wie eigentlich immer jeder Hauptdarsteller in einer Comicverfilmung ein riesiger Fan des betreffenden Comics ist. Da sehnt man sich so ehrliche Menschen wie Richard Harris zurück, der in den ersten beiden Harry Potter-Filmen den Professor Dumbledore gab, ohne je eine einzige Seite der Vorlage gelesen zu haben.

Und wenn es nach Downey Jr. geht, der für diesen Film mit 40 Jahren das Krafttraining anfing, kann es ruhig 15 Fortsetzungen geben. Man möchte hoffen, dass jemand in Hollywood Erbarmen mit den Zuschauern hat. Als Produzenten profilieren sich, wie bei Marvel-Verfilmungen üblich, die Gebrüder Arad. Für die Regie wurde am Ende weder Quentin Tarantino noch Joss Whedon oder Nick Cassavetes engagiert, sondern der eher unerfahrene Jon Favreau erhielt den Zuschlag. Eine Innovation markiert Iron Man am Ende dann doch, ist es schließlich der erste Spielfilm der Marvel Studios, die über zehn Projekte (darunter auch der kommende The Incredible Hulk) mehr Einfluss auf ihre Verfilmungen gewinnen wollen.

Iron Man ist quasi Marvels Batman: ein Superheld ohne Superkräfte. Beide sind schwerreiche Playboys, die in ihrer Freizeit inkognito das Verbrechen bekämpfen. Dabei finanzieren und entwickeln sie ihren hilfreichen Schnickschnack selbst, auch wenn Tony Stark gegenüber Bruce Wayne diesbezüglich die Nase vorn haben dürfte, dank seines fliegenden Stahlanzuges. Ein weiterer Hintersinn der Marvel Studios ist der Wunsch nach Authentizität gegenüber der Comicvorlage. Verwunderlich, da die Iron Man-Verfilmung nicht wirklich authentisch gegenüber dieser ist. Abgesehen von der Tatsache, dass Obadiah Stane (Jeff Bridges) einen Vollbart hat, wird sich nur an die Origin Story von Iron Man gehalten.

Er gerät in die Hände amerikanischer Feinde (aus Kommunisten werden Islamisten), und wird zum Waffenbau genötigt. Gemeinsam mit Professor Yinsen (Shaun Toub) entwickelt er stattdessen den Iron Man-Prototyp und entkommt. Auf seiner Flucht lernt er dann aber nicht Perry Rhodes (Terrence Howard) kennen, denn mit ihm ist er bereits seit Jahren dicke. Und Obadiah Stane versucht auch nicht, als Konkurrent Stark Industries zu übernehmen, sondern ist Tonys Ziehvater. Schon zu Beginn zeigt sich, dass es den Machern eher um vermehrte Einnahmen ging, denn um die authentische Erzählung ihres Stoffes. Stan Lee wird das wenig gestört haben, er erhält seinen üblichen Cameo in Marvel-Filmen seiner Werke.

Marvel-Helden zeichnen sich eigentlich dadurch aus, dass sie menschlich und nicht perfekt sind, außer Acht gelassen. Zumindest die ersten beiden Punkte treffen auch auf Tony Stark zu, einen Bilderbuch-Narzissten, der sich gern selbst inszeniert und wenig um seine Mitmenschen schert. Bis er seine Katharsis erlebt, das Leid der Menschen mit eigenen Augen sieht respektive nicht sieht und am eigenen Leib erfährt. ”The first and most important rule of gun-running is: Never get shot with your own merchandise”, hat Yuri Orlov dem Publikum in Andrew Niccols Lord of War eingetrichert, einem Film, der in jeder Sekunde gelungener die Kritik an der US-Waffenindustrie rüber brachte, als es Iron Man versucht.

Selbiges passiert jedenfalls Stark, was wiederum zu seiner Katharsis führt, die hier bereits nach fünf Minuten eintritt und den kommenden Filmverlauf einleitet. Was anschließend folgt, ist dann die Weiterentwicklung des Ganzen, Starks Rehabilitation und Innovation des Anzugs. Dafür verwendet Favreau gut eine Stunde, die gemächlich vor sich hin dümpelt, ohne irgendeinen rechten Unterhaltungswert zu besitzen und lediglich hin und wieder von (der recht hübsch anzuschauenden) Gwyneth Paltrow als Starks Assistentin „Pepper“ unterbrochen wird. Die absolut unnötige Intention des Ganzen (unnötig, weil wie sich später herausstellte, sie von vorneherein etabliert war): Die finale Klimax des Films aufbauen.

Iron Man versucht sich als Mainstream-Actioner, der seine humoristischen Momente hat, wenn Stark tadelnd mit seinen KI-Greifarmen spricht, und etwas Satire sein möchte, wenn er Stark zum Opfer seiner eigenen Produkte werden lässt. Dies alles verkommt zur öden Nummernrevue von Robert Downey Jr., der nicht unbedingt schlecht spielt, aber einfach fehlbesetzt als Tony Stark ist. Von Terrence Howard ganz zu schweigen, dessen unnützer Perry Rhodes abseits seines comic relief-Dienstes so überflüssig ist, dass es weh tut. Jeff Bridges als vollbärtiger und glatzköpfiger Bösewicht wirkt im Gegensatz dazu die meiste Zeit unterfordert. So sehr sogar, dass sein Spiel etwas Hölzernes hat.

Doch einen Film wie diesen zeichnen natürlich nicht seine Darsteller, sondern seine imposante Action aus. Diese kommt wiederum spärlich daher, etwas portioniert zu Beginn und anschließend als kleine Appetithäppchen zwischendurch, ehe dann das große, typische Hollywood-Finale aufwartet. Das wirkt passend wie eine Kombination aus dem neuen Hulk-Teaser und Michael Bays Transformers, ist somit gänzlich frei von kreativen Eigenideen und in seiner Auflösung so profan wie einschläfernd. Lediglich ein kleiner Ausflug von Iron Man nach Afghanistan als persönliche Racheaktion weiß von seiner Inszenierung her zu gefallen, verkommt am Ende jedoch zu nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Problem ist, dass sich die Autoren Mark Fergus und Hawk Ostby nichts Eigenständiges haben einfallen lassen. Für ihre Adaption von Children of Men mit einer Oscarnominierung bedacht, bedienen sie sich hier bei Genrekollegen wie Hulk oder Spider-Man 2, von Transformers ganz zu schweigen. Der auf cool getrimmte Soundtrack kann auch nichts retten, obschon Ramin Djawadis Titeltheme nett anklingt. Gemeinsam mit Leslie Bibb bildet es traurigerweise eines der wenigen Highlights eines insgesamt enttäuschenden Films. Das mit steigenden Produktionskosten (hier 186 Millionen Dollar ohne Marketingkosten) nicht ein guter Film einhergeht, dürfte den Machern selbst nicht unbedingt bewusst gewesen sein.

Der Cast harmoniert zwar besser als die Fantastic Four und auch die Effekte geraten überzeugender, dennoch bietet sich der Vergleich mit den Marvel-Kollegen am ehesten an. Denn beide Filme funktionieren nicht wirklich und bleiben weit hinter ihren Erwartungen zurück. Ein psychologisch-tiefes Stück wie Ang Lees Hulk bildet immer noch den Maßstab. Im direkten Vergleich mit seinem DC-Pendant sieht man, wie man es zumindest hätte besser machen können. Christopher Nolan stattete seinen Bruce Wayne mit ausreichend Tiefe aus, stellte die Action in den Hintergrund und ließ den Protagonisten zum Helden werden. Da wird Favreau auch in seinem Sequel nicht mehr viel retten können.

4.5/10