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17. Februar 2009

The Wrestler

It didn’t feel like a mistake to me.

Jeder Mensch hat Dinge, die seine Jugend und Kindheit nicht nur aus- sondern ganz speziell machen. Ein altbekanntes Klischee ist die Faszination von Mädchen für Pferde und Puppen, während sich die Jungs für Dinosaurier und Autos interessieren. Ein entscheidender Faktor dürfte für jene Jungs auch eine Sportart sein, die im Grunde nicht wirklich eine solche ist. Wrestling dient weniger dem sportlichen Wettkampf, sondern zuvorderst der Unterhaltung. Ein Showkampf, vollkommen inszeniert und doch von den Fans frenetisch gefeiert. Und ihren Zweck haben diese Männer durchaus erfüllt, wenn auch Jahrzehnte später noch Namen wie Hulk Hogan, Bret ‘Hitman’ Hart, ‘Macho Man’ Randy Savage, Yokozuna, The Undertaker, Lex Luger, Mr. Perfect und all die anderen im Gedächtnis nun erwachsener Männer verankert sind. Doch welchen Preis dieser Beruf hat, bleibt unter Verschluss und wird vom Publikum kaum wahrgenommen.

Wrestling hat seinen Ursprung als Jahrmarktsattraktion des 19. Jahrhunderts, heute ist es ein Massen- und Merchandise-Unternehmen. Bis zu 400 Millionen Dollar setzt World Wrestling Entertainment (WWE) dadurch um. Die Akteure kümmern die WWE allerdings wenig. Keine Form von Rente oder Krankenversicherung gibt es für die professionellen Catcher. Der Job fordert seinen Tribut, auf die eine oder andere Art. Der bekannte Wrestler Owen Hart, Bruder des berühmteren Bret ‘Hitman’ Hart, starb 1999, als er von einem Gerüst in den Ring hinein sprang. In den letzten zehn Jahren verstarben 65 Wrestler durch jahrelange Anwendung von Steroiden, fast 40% von ihnen erlagen einem Herzinfarkt. Was die Zuschauer amüsiert, verlangt mehr körperliche Kraft, als das Publikum einzustehen bereit ist. Darren Aronofsky setzt diesem Sport nun im Allgemeinen und jenen Sportlern per se mit The Wrestler ein Denkmal.

In seinem vierten Kinofilm zelebriert Aronofsky einen solchen Kinderhelden. Zu rockig unterlegter Musik und in einem dementsprechend gestyltem Vorspann feiert er seinen Hauptprotagonisten Randy ‘The Ram’ Robinson (Mickey Rourke) und dessen legendären Kampf gegen Nemesis The Ajatollah. Nachdem der Vorspann zu Ende ist beginnt dann der eigentliche Film oder besser gesagt: die Demontage. Der Bildschirm ist schwarz, ein verschleimtes Husten bricht die Stille. Da sitzt er nun, der Held der Geschichte, auf einem Klappstuhl, den Rücken zur Kamera gewandt. Es ist offensichtlich, er ist fertig mit sich, mit der Welt. Randy ist müde und alt. Oder Randy ist müde, weil er alt ist. Es spielt keine Rolle. Er lässt sich bezahlen und schlürft mit seinem Trolli aus einer Schulsporthalle. Seine Winterjacke ist an mehreren Stellen mit Tapeband gekittet, im Radio läuft derweil Don't Know What You Got (Till It's Gone) von Cinderella.

Randy, der einst ‘The Ram’ war, hat den Absprung nicht geschafft. Vielmehr ist er ein Gefangener seiner Nostalgie. Von einem Kollegen lässt er sich mit Steroiden versorgen. Die Aufzählung aller Produkte erinnert in ihrer Ausführlichkeit an Raoul Dukes Drogenkollektion aus Fear and Loathing in Las Vegas. Um den Körper zurück in die achtziger Jahre zu katapultieren, werden dann noch die langen Haare blondiert und die Haut im Solarium gebräunt. In seinem Auto steht eine Live Action Figur von ihm selbst, zu Hause hat er sich extra einen alten Nintendo angeschafft, um damit sein einziges Spiel zocken zu können: ein Wrestling-Spiel. Gelegentlich kann er einen der Nachbarsjungen dazu bringen, sich zu ihm zu gesellen und dann spielen beide als ‘The Ram’ und The Ajatollah gegeneinander. Doch das alles sind nur Requisiten für Randys Show. Privat zeigt uns Aronofsky ihn dann mit Lesebrille, Hörgeräten und Arthritis.

Den Einschnitt bildet ein Herzinfarkt, den Randy nach einem Kampf erleidet. Nun nimmt ihm Aronofsky auch das Letzte, das ihm geblieben ist: seine Identität. “I don’t wanna be alone”, erklärt Randy gegenüber Stripperin Cassidy (Marisa Tomei). Sie ist so etwas wie seine Lebensgefährtin, bezahlt er sie doch hin und wieder, damit sie ihm zuhört, wenn er von seinem Leben berichtet. Cassidy, die eigentlich Pam heißt und für sich und ihren Sohn einen Lebenswandel anstrebt, ist Randys scheinbar einziger sozialer Kontakt abseits seiner Wrestling-Gemeinde. Zwar hat er in Stephanie (Evan Rachel Wood) eine Tochter, doch ist der Kontakt seit Jahren abgebrochen. Jetzt, wo Randy alleine und ohne sein Hobby ist, versucht er in den Alltag zurück zu finden. Es folgen zaghafte Versuche, eine Art Familiengerüst mit Pam und Stephanie aufzubauen, sowie die Akzeptanz eines undankbaren Jobs als Fleischwarenverkäufer.

“The only place where I can get hurt is out there”, resümiert Randy am Ende bezüglich der Realität. Die Akzeptanz seiner Fans ist zuverlässig, da sie darauf basiert, dass Randy so ist, wie er ist. Gegen die Ablehnung von Pam und Stephanie kann er sich nicht schützen. In diesen Momenten, wenn Randy zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, erinnert er ein wenig an Baby Jane Hudson oder Norma Desmond. Ein naiver Ex-Star, dazu verdammt, in seiner Erinnerung weiterzuleben. Eine gescheiterte Existenz, die nie gelernt hat, sich in die Realität einzugliedern. Etwas, das man nicht unbedingt in dieser Vollständigkeit von Hauptdarsteller Mickey Rourke sagen kann, der sich hier auf gewisse Weise selbst spielt. Rourkes Spiel beeindruckt, weniger wegen seiner Klasse, sondern weil man den Star der Achtziger so (gut) wohl noch nie hat spielen sehen. Seine überzeugende Darstellung wird ergänzt durch Tomei und Wood.

Formal hebt sich Aronofskys neuer Film deutlich von seinen Vorgängern ab. Keine visuellen Spielereien, keinerlei Effekte jeglicher Art. Im Gegenteil, für sein quasi Biopic von Randy ‘The Ram’ wechselte der Regisseur seinen Stammkameramann Matthew Libatique aus und ersetzte ihn durch Maryse Alberti, sonst eher Dokumentarfilmerin. So wirkt The Wrestler bisweilen aufgrund seiner blassen Bilder selbst wie ein Dokumentarporträt, wenn die Kamera als Verfolger die meiste Zeit den Rücken von Randy einfängt und diesen somit auf seinen Lebenswegen begleitet. Jener Lebensweg ist dabei nicht speziell innovativ oder auf das Wrestler-Milieu zugemünzt. Eine ähnliche Geschichte hat man in dieser oder ähnlicher Form schon gefühlte 20 Mal – besser und schlechter - gesehen und der Bezug zum Wrestling ließe sich hierbei natürlich auch durch Football oder andere aufreibende Sportarten ersetzen.

Bisweilen vermisst man dann die Seele des Films, der teils etwas steril wirkt. Zu persönlich für eine Dokumentation, zu unpersönlich als mitfühlendes Drama. Deshalb ist keineswegs schlecht, im Gegenteil. Angefangen vom Vorspann bis hin zum Finale, das durch Guns N’ Roses Sweet Child O’ Mine eingeleitet wird, erreicht der Film seinen Höhepunkt in jener Einstellung, in der Randy unter frenetischem Jubel durch die Gänge spaziert und sich letztlich darauf vorbereitet, seinen Job in der Fleischwarenabteilung anzutreten. Ohne The Wrestler schlechter reden zu wollen als er ist, bedeutet er dennoch einen leichten Rückschritt für Aronofsky, der hier seine kreative Individualität aufzugeben scheint, indem sein neuester Film sich in die Reihe der Indie-Dramen einreiht. Dass The Wrestler jedoch zu einem sehr guten Indie-Drama geworden ist, zeichnet dann letztlich aber doch wieder die Klasse von Darren Aronofsky aus.

8.5/10 – erschienen bei Wicked-Vision

16. April 2008

Before the Devil Knows You’re Dead

May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead.

Er zählt zu den Altmeistern, der gute Sidney Lumet, und ist mit seinen 84 Jahren auch bereits recht rüstig. Vor fünfzig Jahren beeindruckte er mit seinem ersten Kinofilm 12 Angry Men und lieferte die Vorlage für verschiedene Remakes unterschiedlicher Nationen. Seinen Ruf bekräftigte er die folgenden Jahrzehnte mit Werken wie Network, Dog Day Afternoon und Serpico. Doch in den letzten Jahren baute Lumet etwas ab, inszenierte Filme wie Gloria mit Sharon Stone oder Find Me Guilty mit Vin Diesel. An seinem Zenit angelangt schien der viermal für den Regie-Oscar nominierte Lumet, der im Jahr 2005 den Ehrenoscar der Academy erhielt. So kam es, dass er zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder für das Fernsehen inszenierte, das Medium, welches einst seine Karriere eingeleitet hatte.

In der Serie 100 Centre Street experimentierte er dann mit den neuen HD-Kameras, mit welchen er auch seinen aktuellen Film drehen sollte. Auf einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr hielt er dann zugleich eine Grabrede auf den 35mm-Film, bezeichnete die Arbeit mit diesem als „pain in the ass“ und sah das Ende des Zelluloid-Zeitalters gekommen, wenn sich Verleiher und Vorführer endlich auf ein Projektionsformat einigen könnten. In der Tat lässt sich Before the Devil Knows You’re Dead als Anknüpfung an die guten alten Zeiten des Regisseurs verstehen, auch wenn der Film nicht die Tiefe eines Angry Men oder Spannung von Serpico aufbauen kann, im Vergleich zu den Arbeiten seiner letzten 15 Jahre ist der Film dennoch eine positive Kehrtwendung. Diese Bestätigung wird weitläufig geteilt, die Kritiken sind meist sehr gut.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist relativ simpel und doch so vielschichtig, dass man fast nichts über sie sagen kann, wenn man nicht zu viel von dem Handlungsverlauf verraten möchte. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch soviel gemeinsam haben. Auf der einen Seite gibt es Andrew Hanson, Andy genannt und vom Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman wie man es von ihm gewöhnt ist glaubwürdig und solide porträtiert. Andy hat sich in seiner Bank nach oben gearbeitet, ist Anzugträger und besitzt Geld. So könnte man jedenfalls meinen, doch Andy hat ein teures Hobby: Heroin. In einem Edel-Loft trifft er sich mehrmals die Woche mit seinem Dealer und lässt sich einen Schuss verpassen - scheinbar das einzige, was ihm noch Lust bereitet.

Denn in seiner Ehe mit Gina, ebenfalls von einer Oscarpreisträgerin, Marisa Tomei, dargestellt, läuft es nicht mehr wie gehabt. Andy erzählt seiner Frau nicht nur weniger Dinge als früher, auch das Sexleben hat darunter zu leiden, daran konnte auch ein romantischer Urlaub in Rio de Janeiro nicht wirklich etwas ändern. Gina ist gefrustet, fühlt sich von ihrem Mann nicht mehr begehrt, die Ehe kriselt, auch wenn die erste Szene des Filmes diesen Eindruck verschleiert. Das Geld für seine Drogensucht hat Andy von der Arbeit abgezweigt, gerät jedoch in die Bredouille, als eine Steuerprüfung ins Haus steht. In kurzer Zeit braucht er möglichst viel Geld und kommt anschließend scheinbar nur zu einer Lösung, die letzten Endes eine Tragödie griechischen Ausmaßes initiieren wird.

Auf der anderen Seite gibt es Hank, Andys Bruder. Hank lebt geschieden von seiner Frau Martha, hier dargestellt von der letztjährigen Nebenrollenkönigin und oscarnominierten Amy Ryan. In Marthas Augen, auch in denen seines Bruders, ist Hank ein Loser, der finanziell knapp bei Kasse ist, seiner Ex-Frau drei Monate Unterhalt für die gemeinsame Tochter schuldet. Da sie ihr Geldmangel eint, weiht Andy seinen Bruder in den großen Plan ein, wahrscheinlich nur, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen. Er schiebt eine fadenscheinige Ausrede vor und schickt Hank, um den gemeinsamen Plan auszuführen. Hierbei handelt es sich um einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Jedoch nicht irgendein Juweliergeschäft, sondern das Geschäft von Hank und Andys Eltern Nanette und Charles (Albert Finney).

Ethan Hawke gelingt es großartig Hanks Unsicherheit und Naivität einzufangen, sodass er selbst Hoffman in den gemeinsamen Szenen gelegentlich überstrahlt und fraglos eine seiner stärksten Karriereleistungen abliefert. Hank fühlt sich sichtlich unwohl bei dem Gedanken das elterliche Geschäft zu überfallen, weswegen er auch den Kleinkriminellen Bobby aufsucht und um Unterstützung bittet. Es wird schließlich auch Bobby sein, welcher den Überfall aktiv ausführt, während Hank im Wagen wartet und sich zu „Schwuchtel“-Musik - wie es Bobby lapidar bezeichnet - versucht zu beruhigen. Doch wider Erwarten geht der geplante Coup schief und löst eine Welle von Ereignissen aus, die am Ende das Leben aller Beteiligten für immer Umkrempeln wird.

Das Drehbuch zu Before the Devil Knows You’re Dead wartete ganze acht Jahre auf seine Verfilmung und entstammt dem Theaterautoren Kelly Masterson. Dieser machte einst eine ungewöhnliche Wandlung durch, war er früher Franziskaner Bruder, der sich kurz vor der Weihe dann doch noch für das Theater entschied. Der Titel zum Film entstammt dem oben angeführten Zitat, welches seinem Ursprung her ein irischer Trinkspruch ist. Lumet inszeniert Mastersons Skript über die meiste Zeit in einem äußerst ruhigen Erzähltempo, durchzogen von verschiedenen Zeitsprüngen, dabei die Geschichte aus dem Blickwinkel von Hank, Andy und ihrem Vater Charles erzählend. Stück für Stück erhält man Einblicke in die Leben dieser drei Männer und in ihre Beziehung zueinander, manche Szenen werden hierbei von Lumet gänzlich ohne musikalische Untermalung unterlegt.

Es ist eine Familientragödie, die erzählt wird, daran besteht kein Zweifel und es erklärt auch, wieso auf die polizeiliche Komponente kein Wert gelegt wird. Trotz des ruhigen Tons baut der Film unterschwellig eine hohe Spannung auf, steuert auf die finale Konfrontation hin, getragen von den Veränderungen in den beiden Hauptcharakteren von Finney und Hoffman. Hier findet sich das Problem, von Lumets gut gemachtem Thriller, denn gerade diese beiden Figuren entwickeln sich am Schluss in eine Richtung, die nicht wirklich nachvollziehbar ist, im Gegenteil sogar in den Momenten zuvor nicht verständlich vorbereitet wurde. Das Ende ist dabei äußerst unsäglich geraten und zieht den guten Film dann etwas runter. Ganz an die alte Klasse vermag Lumet also leider nicht anzuknüpfen.

6/10