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23. Oktober 2020

La vérité [Leben und lügen lassen]

Memory can’t be trusted.


In seiner japanischen Heimat ist Koreeda Hirokazu der Meister des stillen Familiendramas, in dessen Zentrum oft mehr oder weniger dysfunktionale Sippen stehen. Koreeda widmet sich deren Familienverhältnissen nie wirklich wertend, stets ruhig und bedacht, verständnisvoll und vergebend. Eine Herangehensweise, wie man sie im westlichen Kino eher selten findet, was La vérité – in Deutschland Leben und lügen lassen –, die erste westliche Regiearbeit Koreedas, umso interessanter macht. Thematisch fügt sich die französisch-japanische Koproduktion dabei nahtlos in das Œuvre des Regisseurs ein, adaptiert aber zugleich Elemente seines Gastlandes, sodass der Film weitaus weniger persönlich als Koreedas jüngere Werke wirkt.

Im Fokus steht dabei dieses Mal nicht der Sohn einer Familie, sondern mit Juliette Binoches Drehbuchautorin Lumir eine Frau. Die gebürtige Pariserin kehrt mit ihrer Tochter Charlotte und ihrem Mann, dem zweitklassigen Fernsehdarsteller Hank (Ethan Hawke), nach Frankreich zurück, um die Veröffentlichung der Memoiren ihrer Mutter, Schauspiel-Ikone Fabienne (Catherine Deneuve), zu feiern. Nur um festzustellen, dass die Erinnerungen der Mutter sich wenig mit der Realität zu decken scheinen, die Lumir als vernachlässigtes Kind eines Kinostars ihrer Zeit erlebt hat. Im Verlauf der folgenden Tage werden alte Wunden wieder aufgerissen und Familienbande auf die Probe gestellt, während Fabienne ihr aktuelles Filmprojekt abdreht.

La vérité erzählt somit vom Einfluss, den Eltern auf ihre Kinder haben, von der Relevanz ihrer Präsenz und Erziehung – davon, woran wir uns erinnern und was wir verdrängen. Aspekte unharmonischer Eltern-Kind-Beziehungen, die Koreeda aus dem Effeff beherrscht. Fabienne wird als klassische Diva inszeniert, die zu sehr mit ihrer Karriere beschäftigt war, als sich um ihre Familie zu kümmern. Ihre Ehe scheiterte, der Ex-Mann muss zu seinem eigenen Erstaunen in Fabiennes Memoiren sogar das Zeitliche segnen. Nicht die einzige Freiheit, die sich Fabienne mit der Realität nimmt, auch die gemeinsamen Spaziergänge mit Lumir zum Schulschluss nach Hause gab es nie, wie die Tochter der Mutter nach der Buchlektüre erbost vorhält.

“I’m an actress. I won’t tell the naked truth. It’s far from interesting”
, entschuldigt Fabienne. Wenn die Realität zu banal ist, muss sie narrativ aufgepeppt werden. Zugleich erhält Lumir einen Hinweis, den ihr später auch Fabiennes Agent, selbst enttäuscht über seine Aussparung in den Memoiren, mitgibt: “You can’t trust memory.” Dies wird verdeutlicht, wenn Lumir ihre Mutter zum Set ihres Sci-Fi-Dramas “Memories of My Mother” begleitet und das Studio-Gelände aus Kindeszeiten viel größer in Erinnerung hat. Sie sei inzwischen ja gewachsen, erwidert die Mutter. Quasi ihrer Erinnerung entwachsen. Woran erinnern wir uns, woran glauben wir uns zu erinnern und was haben wir nie realisiert und so zur Erinnerung avancieren lassen?

Ironischerweise dreht sich “Memories of My Mother” ebenfalls um eine zerrüttete Mutter-Tochter-Beziehung, in der Fabienne die altgewordene Tochter des aufsteigenden Starlets Manon (Manon Clavel) spielt, deren Mutter-Figur sich aufgrund einer Krankheit immer für sieben Jahre ins Weltall verabschiedet und dadurch nicht altert. Fabienne übernimmt quasi die Rolle von Lumir, der vernachlässigten Tochter, deren Mutter nie so intensiv Teil ihres Lebens war, wie erhofft. “Isn’t a little neglect better than being a helicopter mum?”, fragt Fabienne eingangs noch, lernt aber im Verlauf die Beziehung zu Lumir sowie zu ihrer Umwelt zu hinterfragen. Obgleich ihr Koreeda keine Katharsis schenkt, reift die Figur dabei dennoch etwas.

Über weite Strecken fühlt sich La vérité wie ein Film von Olivier Assayas an, konkreter wie eine Mischung aus L'Heure d’été und Clouds of Sils Maria. Letzterer habe Koreeda wohl auch dazu inspiriert, mit Juliette Binoche und Catherine Deneuve in Frankreich zu drehen. Mit Éric Gautier findet sich dann auch neben Binoche ein weiterer Assayas-Vertrauter als Kameramann an Bord. Dessen Einstellungen erinnern mitunter an Assayas, bleiben jedoch dem Stil von Koreedas japanischen Werken durchaus treu, was auch seinem Schnitt geschuldet sein dürfte. Ähnliches lässt sich von Alexeï Aïguis Musik sagen, die zwar konstant französisch gerät, aber in ihrer optimistischen Melancholie stets auch die Aura von Koreedas Filmen einfängt.

Ein autobiografisches Buch hatte schon in Umi yori mo mada fukaku [Atfer the Storm] für Misstöne in einer Familie gesorgt. Dissonanzen zwischen Erzeuger und Kind bildeten das Fundament von Aruitemo aruitemo [Still Walking] und Soshite chichi ni naru [Like Father, Like Son]La vérité fügt sich in diese Reihe geschickt ein, allerdings mit spürbarer französischer Note. Der Respekt, den japanische Kinder gegenüber ihren Eltern entgegenbringen, geht der etwas liberaleren Lumir hier ab, die Figur spricht nicht um den heißen Brei, sondern zielgenau, geht auch dorthin, wo es wehtut. Das macht die Inszenierung seitens des Regisseurs interessant, wird ihm und seinem Stil letzten Endes aber vielleicht nicht hundertprozentig gerecht.

Gelungen ist Koreedas Fingerübung im westlichen Kino aber allemal, seine Inszenierung weiter gewohnt gelassen, selbst wenn die Emotionen der Charaktere einmal höher schlagen. Die Besetzung mit Binoche und Deneuve ist natürlich kongenial und ein Höhepunkt für sich, das übrige Ensemble, darunter Ethan Hawke mit einer wenig ausgearbeiteten Figur, gerät da etwas ins Hintertreffen. La vérité ist ein Film über eine Familie, die das Herz am rechten Fleck trägt, auch wenn sie sich nicht daran erinnern mag. Vielleicht nicht von ungefähr wird The Wizard of Oz in Koreedas Geschichte referiert, denn wie hieß es schon in Victor Flemings Klassiker: “A heart is not judged by how much you love; but by how much you are loved by others.”

7/10

28. Juli 2017

Valerian and the City of a Thousand Planets

Time flies when you’re having fun.

Als John F. Kennedy am 12. September 1962 seine berühmte Rede an der Rice University in Houston hielt, kündigte er sein Weltraumprogramm an mit den Worten: “the eyes of the world now look into space, to the moon and to the planets beyond, and we have vowed that we shall not see it governed by a hostile flag of conquest, but by a banner of freedom and peace.” Man fühlt sich an Kennedys Rede erinnert in den ersten Minuten der Comic-Adaption Valerian and the City of a Thousand Planets. Unterlegt von David Bowies Space Oddity sehen wir darin, wie sich zuerst verschiedene Nationen auf einer Weltraumstation im Orbit der Erde begrüßen, ehe nach und nach außerirdische Spezies dazu stoßen. Sitting in a tin can, far above the world.

Ungeachtet dieses Einstiegs hat Valerian and the City of a Thousand Planets jedoch weniger mit Weltraum-Politik à la Star Trek zu tun. Luc Besson verfilmte das Sci-Fi-Fantasy-Comic Valérian and Laureline von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin, welches von 1967 bis 2010 publiziert wurde, als ein Weltraum-Abenteuer der Marke Star Wars, Guardians of the Galaxy und Co. Darin spielt Dane DeHaan den überheblichen Major Valerian, der mit seiner Partnerin Laureline (Cara Delevingne) zuerst ein begehrtes Objekt sicherstellen muss, ehe beide als Bodyguard für den Kommandanten jener Weltraumstation zu Beginn – dargestellt von Clive Owen – abgestellt werden. Die treibt inzwischen durchs All, als intergalaktische Raumstation-Metropole.

Es ist eine reich bevölkerte Welt, die Besson hier erschafft respektive aus Valérian and Laureline übernimmt. Angefangen mit dem Planeten Mül und seinem naturverbundenen Volk der Pearls bis hin zu einem Schnabeltier-Trio, das auf der Weltraumstation Informationen gegen Bares tauscht. Zugleich setzt Valerian and the City of a Thousand Planets viel Vorwissen voraus, sei es zu der Comic-Serie oder zumindest zum Genre allgemein. So sind Valerian und Laureline direkt mitten im Flirt-Modus als das Publikum ihnen zuerst begegnet. Er will mit ihr zusammensein, sie gibt sich widerwillig. Immerhin ist Valerian ein Frauenheld und seine Partnerin will nicht zur nächsten bloßen Trophäe in dessen buchstäblicher Galerie von Errungenschaften verkommen.

Eine wirkliche Basis hat die Beziehung keine, genauso wie die von Laureline zu dem erwähnten Schnabeltier-Trio. Die Charaktere kennen sich und haben eine Historie, was sich aber nur ablesen lässt aus ihrer teils verspielten, teils subtil-aggressiven Neckerei. Genauso irritiert, wieso die Völkervereinigung auf der Raumstation “Human Council” heißt, obschon auch all die Spezies darin vertreten sind, die wir in der Space Oddity-Montage zu Beginn sahen. Man muss Besson jedoch zu Gute halten, dass diese Momente des Stutzens den Film und seine Geschichte nie ausbremsen. Auch wenn gerade die Romanze zwischen den Hauptfiguren, die kurz darauf noch einen Verlobungs-Subplot erhält, durchweg den Film hindurch etwas unbeholfen erscheint.

Immer wieder gibt es solche Momente, die nicht vollends zünden wollen. Speziell Dane DeHaan ist ein solcher, gänzlich fehlbesetzt als von sich selbst überzeugter Abenteurer und Schwerenöter. Wobei die Figur generell keine dankbare ist, auch wenn sie fraglos eines Schauspielers bedurfte der Marke „junger Harrison Ford“. Laureline ist da etwas sanftmütiger, aber deswegen nicht minder überheblich, ihre Selbstsicherheit oft ebenso Risiko wie Attribut. Eine starke Frauenfigur ist sie allemal, wie sie so oft bei Besson existiert, von La femme Nikita über The Messenger hin zu Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec vor einigen Jahren. Cara Delevingne meistert diese Szenen in der Folge oft (genug) mit ihrer eigenen kecken wie frechen Persönlichkeit.

Charakterliche Tiefe sollte man dennoch keine erwarten, die Nebenfiguren werden wegen des komplexen Plots weitaus eindimensionaler gestaltet. Darunter auch Ethan Hawke als Lustmeilen-Zuhälter und Rihanna in einer belanglosen und vorhersehbaren Rolle als Gestaltenwandlerin. Spannendere Figuren wie der von John Goodman gesprochene Alien-Gangster Igon Siruss, der Valerian im ersten Akt eine Vendetta schwört, die sicher als Aufhänger oder roter Faden für das/die erhoffte(n) Sequel(s) dienen soll, verabschieden sich leider viel zu früh. Immerhin ist Igon Siruss Teil des wohl spannendsten Teils dieses in der Summe doch leicht überfrachteten, über zwei Stunden langen Epos’ – in einem Set-Piece, das so einfallsreich wie verspielt ist.

In einer Touristen-Attraktion, als eine Art interdimensionales VR-Erlebnis angelegt, müssen Valerian und Laureline in einem innovativen Heist-Szenario jenes Objekt sichern, das sie letztlich zu ihrer Mission auf die Raumstation führt. Auch wenn die Mechanismen hinter diesem interdimensionellen Katz-und-Maus-Spiel nicht vollends klar sind, macht es doch ungemein Spaß und ist sehr viel mitreißender wie eine Verfolgungsjagd im zweiten Akt, die als Mix aus The Fifth Element und Star Wars – Episode II: Attack of the Clones anmutet. Zwar ist Valerian and the City of a Thousand Planets – schade, dass der Film nicht schlicht Valerian and Laureline heißt – narrativ überladen, aber zugleich jenes visuelle Bombastkino, das Besson einst ausgezeichnete.

Valerian hat durchaus Potential zur vergnüglichen Sci-Fi-Fantasy-Saga – abhängig vom Erfolg an den Kinokassen. Nicht zuletzt, da der Film mit einem Budget um die 200 Millionen Euro alles andere als eine billige Angelegenheit ist. “I think we're going to do it, and I think that we must pay what needs to be paid”, sagte bereits John F. Kennedy in Houston in seiner Rede zum Weltraumprogramm. Weder dieses noch Valerian and the City of a Thousand Planets war ein preiswertes Projekt. Ob sich das von Besson ähnlich bezahlbar machen wird wie das des US-Präsidenten bleibt abzuwarten. In der Herangehensweise sind sie sich aber ähnlich: “not because they are easy, but because they are hard.” Zwei echte Weltraum-Abenteuer eben.

8.5/10

1. Dezember 2013

Filmtagebuch: November 2013

THE ACT OF KILLING
(DK/N/UK 2012, Joshua Oppenheimer)
6.5/10

ALBERT NOBBS
(UK/IRL/F/USA 2011, Rodrigo García)
7/10

APRÈS MAI [DIE WILDE ZEIT]
(F 2012, Olivier Assayas)

4.5/10

A BAND CALLED DEATH
(USA 2012, Mark Christopher Covino/Jeff Howlett)
7/10

THE BATTERY
(USA 2012, Jeremy Gardner)
6/10

BEFORE MIDNIGHT
(USA 2013, Richard Linklater)
3/10

BEFORE SUNRISE
(USA/A/CH 1995, Richard Linklater)
7/10

BEFORE SUNSET
(USA 2004, Richard Linklater)
6/10

BLACKFISH
(USA 2013, Gabriela Cowperthwaite)
6/10

BLACK DYNAMITE
(USA 2009, Scott Sanders)
6.5/10

BLANCANIEVES
(E/F/B 2012, Pablo Berger)
5/10

BLUE JASMINE
(USA 2013, Woody Allen)
7/10

THE BRIDE OF FRANKENSTEIN [FRANKENSTEINS BRAUT]
(USA 1935, James Whale)

6/10

CAPTAIN PHILLIPS
(USA 2013, Paul Greengrass)
6.5/10

CHILLERAMA
(USA 2011, Adam Green u.a.)
6.5/10

CUTIE AND THE BOXER
(USA 2013, Zachary Heinzerling)
6/10

DJÚPIĐ [THE DEEP]
(IS 2012, Baltasar Kormákur)

5.5/10

ESCAPE PLAN
(USA 2013, Mikael Håfström)
7/10

FRANCES HA
(USA 2012, Noah Baumbach)
8/10

FRANKENSTEIN
(USA 1931, James Whale)
5.5/10

GIMME THE LOOT
(USA 2012, Adam Leon)
2.5/10

DER HIMMEL ÜBER BERLIN
(D/F 1987, Wim Wenders)
4/10

JFK [DIRECTOR’S CUT]
(USA/F 1991, Oliver Stone)

8/10

MACHETE KILLS
(USA/RUS 2013, Robert Rodriguez)
3/10

MANIAC
(USA/F 2012, Franck Khalfoun)
3.5/10

MONSTERS, INC. [DIE MONSTER AG]
(USA 2001, Peter Docter/David Silverman/Lee Unkrich)

8.5/10

MONSTERS UNIVERSITY [DIE MONSTER UNI] (3D)
(USA 2013, Dan Scanlon)

7/10

ONLY LOVERS LEFT ALIVE
(USA/UK/F/D/CY 2013, Jim Jarmusch)
7/10

OZ THE GREAT AND POWERFUL [DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ] (3D)
(USA 2013, Sam Raimi)

5/10

PARADIES: GLAUBE
(D/A/F 2012, Ulrich Seidl)
4/10

PARADIES: HOFFNUNG
(D/A/F 2013, Ulrich Seidl)
7/10

PARADIES: LIEBE
(D/A/F 2012, Ulrich Seidl)
7/10

PARIS, TEXAS
(USA/UK/D/F 1984, Wim Wenders)
7.5/10

PIRANHA 3DD [PIRANHA 2] (3D)
(USA 2012, John Gulager)

7/10

THE SESSIONS
(USA 2012, Ben Lewin)
5.5/10

SIGHTSEERS
(UK 2012, Ben Wheatley)
1.5/10

SOUND CITY
(USA 2013, David Grohl)
5.5/10

THE STING [DER CLOU]
(USA 1973, George Roy Hill)

7/10

THE WORLD’S END
(UK 2013, Edgar Wright)
4/10

ZERO DARK THIRTY
(USA 2012, Kathryn Bigelow)
1.5/10

Retrospektive: Harry Potter


HARRY POTTER AND THE PHILOSOPHER’S STONE
[HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN]
(UK/USA 2001, Chris Columbus)

5.5/10

HARRY POTTER AND THE CHAMBER OF SECRETS
[HARRY POTTER UND DIE KAMMER DES SCHRECKENS]
(UK/USA/D 2002, Chris Columbus)

6/10

HARRY POTTER AND THE PRISONER OF AZKABAN
[HARRY POTTER UND DER GEFANGENE VON ASKABAN]
(UK/USA 2004, Alfonso Cuarón)

7/10

HARRY POTTER AND THE GOBLET OF FIRE
[HARRY POTTER UND DER FEUERKELCH]
(UK/USA 2005, Mike Newell)

6.5/10

HARRY POTTER AND THE ORDER OF THE PHOENIX
[HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHÖNIX]
(UK/USA 2007, David Yates)

7/10

HARRY POTTER AND THE HALF-BLOOD PRINCE
[HARRY POTTER UND DER HALBBLUTPRINZ]
(UK/USA 2009, David Yates)

6.5/10

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS: PART 1
[HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - TEIL 1]
(UK/USA 2010, David Yates)

4/10

HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS: PART 2
[HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES - TEIL 2]
(UK/USA 2011, David Yates)

2.5/10

16. April 2008

Before the Devil Knows You’re Dead

May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead.

Er zählt zu den Altmeistern, der gute Sidney Lumet, und ist mit seinen 84 Jahren auch bereits recht rüstig. Vor fünfzig Jahren beeindruckte er mit seinem ersten Kinofilm 12 Angry Men und lieferte die Vorlage für verschiedene Remakes unterschiedlicher Nationen. Seinen Ruf bekräftigte er die folgenden Jahrzehnte mit Werken wie Network, Dog Day Afternoon und Serpico. Doch in den letzten Jahren baute Lumet etwas ab, inszenierte Filme wie Gloria mit Sharon Stone oder Find Me Guilty mit Vin Diesel. An seinem Zenit angelangt schien der viermal für den Regie-Oscar nominierte Lumet, der im Jahr 2005 den Ehrenoscar der Academy erhielt. So kam es, dass er zum ersten Mal seit vierzig Jahren wieder für das Fernsehen inszenierte, das Medium, welches einst seine Karriere eingeleitet hatte.

In der Serie 100 Centre Street experimentierte er dann mit den neuen HD-Kameras, mit welchen er auch seinen aktuellen Film drehen sollte. Auf einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr hielt er dann zugleich eine Grabrede auf den 35mm-Film, bezeichnete die Arbeit mit diesem als „pain in the ass“ und sah das Ende des Zelluloid-Zeitalters gekommen, wenn sich Verleiher und Vorführer endlich auf ein Projektionsformat einigen könnten. In der Tat lässt sich Before the Devil Knows You’re Dead als Anknüpfung an die guten alten Zeiten des Regisseurs verstehen, auch wenn der Film nicht die Tiefe eines Angry Men oder Spannung von Serpico aufbauen kann, im Vergleich zu den Arbeiten seiner letzten 15 Jahre ist der Film dennoch eine positive Kehrtwendung. Diese Bestätigung wird weitläufig geteilt, die Kritiken sind meist sehr gut.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist relativ simpel und doch so vielschichtig, dass man fast nichts über sie sagen kann, wenn man nicht zu viel von dem Handlungsverlauf verraten möchte. Es ist die Geschichte zweier Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch soviel gemeinsam haben. Auf der einen Seite gibt es Andrew Hanson, Andy genannt und vom Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman wie man es von ihm gewöhnt ist glaubwürdig und solide porträtiert. Andy hat sich in seiner Bank nach oben gearbeitet, ist Anzugträger und besitzt Geld. So könnte man jedenfalls meinen, doch Andy hat ein teures Hobby: Heroin. In einem Edel-Loft trifft er sich mehrmals die Woche mit seinem Dealer und lässt sich einen Schuss verpassen - scheinbar das einzige, was ihm noch Lust bereitet.

Denn in seiner Ehe mit Gina, ebenfalls von einer Oscarpreisträgerin, Marisa Tomei, dargestellt, läuft es nicht mehr wie gehabt. Andy erzählt seiner Frau nicht nur weniger Dinge als früher, auch das Sexleben hat darunter zu leiden, daran konnte auch ein romantischer Urlaub in Rio de Janeiro nicht wirklich etwas ändern. Gina ist gefrustet, fühlt sich von ihrem Mann nicht mehr begehrt, die Ehe kriselt, auch wenn die erste Szene des Filmes diesen Eindruck verschleiert. Das Geld für seine Drogensucht hat Andy von der Arbeit abgezweigt, gerät jedoch in die Bredouille, als eine Steuerprüfung ins Haus steht. In kurzer Zeit braucht er möglichst viel Geld und kommt anschließend scheinbar nur zu einer Lösung, die letzten Endes eine Tragödie griechischen Ausmaßes initiieren wird.

Auf der anderen Seite gibt es Hank, Andys Bruder. Hank lebt geschieden von seiner Frau Martha, hier dargestellt von der letztjährigen Nebenrollenkönigin und oscarnominierten Amy Ryan. In Marthas Augen, auch in denen seines Bruders, ist Hank ein Loser, der finanziell knapp bei Kasse ist, seiner Ex-Frau drei Monate Unterhalt für die gemeinsame Tochter schuldet. Da sie ihr Geldmangel eint, weiht Andy seinen Bruder in den großen Plan ein, wahrscheinlich nur, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen. Er schiebt eine fadenscheinige Ausrede vor und schickt Hank, um den gemeinsamen Plan auszuführen. Hierbei handelt es sich um einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft. Jedoch nicht irgendein Juweliergeschäft, sondern das Geschäft von Hank und Andys Eltern Nanette und Charles (Albert Finney).

Ethan Hawke gelingt es großartig Hanks Unsicherheit und Naivität einzufangen, sodass er selbst Hoffman in den gemeinsamen Szenen gelegentlich überstrahlt und fraglos eine seiner stärksten Karriereleistungen abliefert. Hank fühlt sich sichtlich unwohl bei dem Gedanken das elterliche Geschäft zu überfallen, weswegen er auch den Kleinkriminellen Bobby aufsucht und um Unterstützung bittet. Es wird schließlich auch Bobby sein, welcher den Überfall aktiv ausführt, während Hank im Wagen wartet und sich zu „Schwuchtel“-Musik - wie es Bobby lapidar bezeichnet - versucht zu beruhigen. Doch wider Erwarten geht der geplante Coup schief und löst eine Welle von Ereignissen aus, die am Ende das Leben aller Beteiligten für immer Umkrempeln wird.

Das Drehbuch zu Before the Devil Knows You’re Dead wartete ganze acht Jahre auf seine Verfilmung und entstammt dem Theaterautoren Kelly Masterson. Dieser machte einst eine ungewöhnliche Wandlung durch, war er früher Franziskaner Bruder, der sich kurz vor der Weihe dann doch noch für das Theater entschied. Der Titel zum Film entstammt dem oben angeführten Zitat, welches seinem Ursprung her ein irischer Trinkspruch ist. Lumet inszeniert Mastersons Skript über die meiste Zeit in einem äußerst ruhigen Erzähltempo, durchzogen von verschiedenen Zeitsprüngen, dabei die Geschichte aus dem Blickwinkel von Hank, Andy und ihrem Vater Charles erzählend. Stück für Stück erhält man Einblicke in die Leben dieser drei Männer und in ihre Beziehung zueinander, manche Szenen werden hierbei von Lumet gänzlich ohne musikalische Untermalung unterlegt.

Es ist eine Familientragödie, die erzählt wird, daran besteht kein Zweifel und es erklärt auch, wieso auf die polizeiliche Komponente kein Wert gelegt wird. Trotz des ruhigen Tons baut der Film unterschwellig eine hohe Spannung auf, steuert auf die finale Konfrontation hin, getragen von den Veränderungen in den beiden Hauptcharakteren von Finney und Hoffman. Hier findet sich das Problem, von Lumets gut gemachtem Thriller, denn gerade diese beiden Figuren entwickeln sich am Schluss in eine Richtung, die nicht wirklich nachvollziehbar ist, im Gegenteil sogar in den Momenten zuvor nicht verständlich vorbereitet wurde. Das Ende ist dabei äußerst unsäglich geraten und zieht den guten Film dann etwas runter. Ganz an die alte Klasse vermag Lumet also leider nicht anzuknüpfen.

6/10

16. März 2008

Gattaca

Did I ever tell you about my son, Jerome?

Mit dem Gedanken an Eugenik beschäftigte sich vor rund 2.400 Jahren bereits Platon in seinem Dialog Πολιτεια: „Also werden gewisse Feste gesetzlich eingeführt werden, an welchen wir die neuen Ehegenossen beiderlei Geschlechts zusammen führen werden“ (459e4f.) und „die (…) gebornen Kinder nehmen die dazu bestellten Obrigkeiten an sich (…) die der guten (…) tragen sie in das Säugehaus (…), die der schlechten aber (…) werden sie (…) in einem unzugänglichen und unbekannten Ort verbergen“ (460c). Die Folge: Der perfekte Staat, frei von Makel, die einzig wahre friedliche Staatsform. Eine Dreiklassengesellschaft ohne Familiensystem in der jeder seinen Teil für das Gemeinwohl leistet.

Vom eugenischen Gedanken waren auch die Nationalsozialisten beseelt als die jüdische Bevölkerung sterilisiert und Behinderte oder rassentechnisch Unhygienische euthanasiert wurden. Die menschlichen Genome sind voller Makel: Krebs, ein Herzfehler, Alzheimer, Parkinson – was wäre, wenn man all diese Krankheiten bei seinem Kind vermeiden, es davor schützen könnte? Das Zauberwort heißt Präimplantationsdiagnostik, man trennt sprichwörtlich die Spreu vom Weizen, sondiert die befruchteten Eizellen aus, die entsprechend gesund sind oder die Risiken bergen. Jede Mutter wünsch sich vor der Geburt ihres Kindes, dass es einfach nur gesund sein soll – was wäre aber, wenn sich dies von vorneherein festsetzen ließe?

Ein solches Szenario einer eugenischen Gesellschaft inszenierte Andrew Niccol gegen Ende der Neunziger in seinem Film Gattaca. Paare suchen den Arzt ihres Vertrauens auf und dürfen dann aus den befruchteten Eizellen ihre(n) Favoriten aussuchen. Nur die besten ihrer Eigenschaften werde der Sohn haben, versichert der Genetiker (Blair Underwood) dem Ehepaar Freeman. Ausschließen lässt sich so ziemlich alles, auch jegliche Veranlagung zum Alkoholismus. Doch Marie Freeman (Jayne Brook) ist unsicher. “We were just wondering if it is good to just leave a few things to chance?”, wendet ihr Gatte Antonio (Elias Koteas) ein. Der Genetiker schmunzelt nur. Denn die Entscheidung ist schon längst gefallen.

Denn zwei Jahre zuvor kam ihr erster Sohn Vincent zur Welt, ein natürlich gezeugtes Kind von Gottes Gnaden. In Niccols Zukunft wird ihm kurz nach der Geburt Blut entnommen und seine ganze Zukunft vor ihm ausgebreitet. Vincent hat zu 99% eine angeborene Herzschwäche, seine Lebensprognose beträgt 30,2 Jahre. Vater Antonio erkennt, dass dem Jungen kein einfaches Leben bevorsteht und interveniert, als seine Frau diesem den Namen seines Vaters geben möchte. Er solle nicht „Anton“ heißen – dieses Privileg wird er erst zwei Jahre später vergeben, an seinen eugenisch perfekten Sohn. Im Alter von acht Jahren wird Anton seinen älteren Bruder nicht nur was die Größe betrifft übertrumpft haben.

In dieser Gesellschaft, die nur auf die Gene schaut und in der Urinproben Bewerbungsgespräche ausmachen, haben Gotteskinder keine Chance. Entsprechend strebt Vincent nach höheren Dingen, einer anderen Welt, da draußen im Weltall, wo es keine Rolle spielt, welche Gene du hast. Doch als „Invalide“ ist er nicht gut genug, um die Akademie zu besuchen, seine Gene machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Näher außer als Putzkraft wird er der Raumfahrtorganisation Gattaca nie kommen. Vincent (Ethan Hawke) bleibt somit nur die Rolle als Rebell gegen das System. Er geht eine Zweckgemeinschaft mit Jerome Morrow (Jude Law) ein, einem jener makellos-eugenischen Menschen dieser selbst geschaffenen Elite.

Der suizidale Jerome ist seit einem Unfall gelähmt, eine oberflächliche Ähnlichkeit zu Vincent ermöglicht es Letzterem sich mit Jeromes Genen bei Gattaca zu bewerben, wo er es schafft, einer Raumfahrtmission zum Saturn zugeteilt zu werden. Für die Erfüllung von Vincents Traum erhält Jerome im Ausgleich die Aufrechterhaltung seines Lebensstiles. Jene Symbiose dieser genetisch ungleichen Männer droht jedoch aufzufliegen als Vincents Vorgesetzter ihm auf die Schliche gekommen zu sein scheint und tot in seinem Büro aufgefunden wird. Die Ermittlungen obliegen dem hartnäckigen Polizisten Hugo (Alan Arkin), der hierbei von Anton (Loren Dean) unterstützt wird, der es bis in die obersten Ränge geschafft hat.

Um anonym zu bleiben und hinter Jeromes Maske zu verschwinden muss Vincent tagtäglich eine hygienische Prozedur über sich ergehen lassen. Er befreit er seinen Körper von jeglichen Hautschuppen, trägt künstliche Fingerkuppen und einen Urinbeutel an seinem Oberschenkel. Er setzt sich Kontaktlinsen ein und zieht sich Socken über die Beine, welche er operativ verlängern lassen musste, um Jeromes Größe zu entsprechen. Da man bei Gattaca und auch sonst nur noch auf die DNS achtet, ist die wenig glaubhafte Ähnlichkeit von Vincent und Jerome irrelevant. Es ist nicht wichtig, was man tatsächlich kann, sondern wozu man gemäß dem Genpool in der Lage ist. Die richtigen Genome sind das beste Zeugnis.

So wird Vincent lediglich als Jerome wahrgenommen und entsprechend akzeptiert - die zwar illegale, aber auftretende Genomdiskriminierung ist überwunden. Dennoch weckt Vincent die Zweifel seiner Arbeitskollegin Irene (Uma Thurman). Mittels einer Haarprobe sucht sie einen öffentlichen Schalter auf, an welchem Frauen Speichelproben ihrer Verabredungen abgeben, um wenige Sekunden später die genetische Identität – und damit das Potential – ihres möglichen Partners in Form einer Nukleotidfolge ausgehändigt zu bekommen. An jenem Abend besuchen Vincent und Irene ein Konzert eines Pianisten mit zwölf Fingern. “That piece can only be played with twelve”, informiert Irene hinsichtlich des Stückaufbaus.

“There’s no gene for fate”, sagt Vincent an einer Stelle. Der Pianist scheint ihn jedoch zu widerlegen. Sein Karrierepfad wirkt vorherbestimmt, mit schönem Dank an die Präimplantationsdiagnostik. Was am Ende dann entsteht ist ein Mensch, der es im Leben zu allem schaffen kann, zu allem wozu er vorher ausgewählt wurde. Dem Zufall wird hier nichts mehr überlassen, denn der Zufall birgt Risiken. Ob das „Produkt“ am Ende noch als Mensch mit freiem Willen durchgehen kann, wenn man ihm Entscheidungsmöglichkeiten genetisch negiert, ist fraglich. Friedrich Nietzsche sagte, es gäbe keinen Gott, sondern der Mensch erschuf diesen, um sich seine Existenz zu erklären. In Gattaca wird der Mensch zu Gott.

Gegenwärtig werden Themen wie Klonen oder Stammzellenforschung heiß diskutiert, das Spielen mit menschlichem Leben – wie immer alles nur zu einem höheren Ziel. Als Gattaca im Jahr 1997 erschien, schrieb der Molekularbiologe Lee M. Silver, dass Niccols Film Pflichtprogramm für alle Genetiker sein sollte, schon allein, damit sich diese der Tragweite ihres Handelns bewusst würden. Denn wenn man Menschen genetisch konzipieren kann, provoziert man eine selektive Gesellschaft die andere ausgrenzt. So wie Vincent ausgegrenzt wird, als ihn eine Kindertagesstätte wegen des genetischen Risikos einer Verletzungsgefahr nicht aufnehmen will. “Wherever I went, my genetic prophecy preceded me”, sagt er.

Die Genetik ist allgegenwärtig in Gattaca. So hat die Treppe in Jeromes Haus die Form einer Doppelhelix und der Name des Films wie auch von Vincents und Irenes Raumfahrtorganisation setzt sich aus den Nukleotiden des DNS- und RNS-Stranges zusammen. Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin bilden am häufigsten in der menschlichen DNS die Kombination GATTACA. Jene Einrichtung selbst ist wie Niccols gesamter Film sehr steril geraten und wirkt trotz der oft in das bräunlich gehenden Farben weitestgehend kalt. Besonders leblos – natürlich auch als Spiegelung von diesem selbst – wirkt Jeromes Haus, in dem sich der einst perfekte Jerome und der vormals fehlerhafte Vincent schließlich anfreunden.

Sympathien schlagen Vincent immer dann entgegen, wenn Menschen selbst Fehler kennen. So wie bei Hausmeister Caesar (Ernest Borgnine), Firmenarzt Lamar (Xander Berkeley) und allen voran Irene, die aufgrund eines Herzfehler-Risikos selbst nie ins All reisen wird. Das stark besetzte Ensemble überzeugt durch die Bank, ebenso wie die wieder einmal ausgezeichnete musikalische Untermalung durch Michael Nyman, von Andrew Niccol in Gattaca verpackt zu einem Appell gegen Diskriminierung und den Glauben an die Möglichkeit, auch Dinge zu schaffen, die unser Schicksal nicht für uns vorgesehen hat. Denn letztlich, so die Botschaft des Films, ist ein Genom auch nur so gut, wie der Mensch, der es in sich trägt.

10/10

12. Oktober 2007

Vorlage vs. Film: Hamlet

Hamlet (1603)

Fraglos ist William Shakespeare eines der literarischen Genies der Menschheitsgeschichte (insofern er existiert hat). Wie kein anderer Autor bestimm(t)en seine Stücke die Gesellschaft, von Theateraufführungen bis hin zu Verfilmungen. Hierbei sind seine Werke Romeo und Julia, sowie Hamlet die bekanntesten und beliebtesten Werke. Den Ursprung von Hamlet findet man dabei bereits Ende des 12. Jahrhunderts, als der dänische Gelehrte und Dichter Saxo Grammaticus eine lateinische Sammlung von Prosageschichten verfasste. In diesen erzählt er neben historischen Begebenheiten auch mythenhafte Legenden, darunter in seinem 3. und 4. Buch der Historica Danica eine Geschichte der Leiden, Abenteuer und Heldentaten eines gewissen Amlethus, Sohn von Horwendillus und Gerutha. Im Zuge des Buchdrucks konnte Saxos Werk zum ersten Mal 1514 gedruckt und in der Mitte des 16. Jahrhunderts mehrfach aufgelegt werden. Es war schließlich François de Belleforest, der 1570 im 5. Band seiner Histoires Tragiques seine französische Version von Saxos Stück, in welcher sich Amleth an seinem Onkel für den Mord am Vater und die Heirat der Mutter rächt, drucken ließ. Diese Version wurde 1582 ins Englische übersetzt und darf als Vorlage für Shakespeares berühmtes Stück gelten, das Anfang des 17. Jahrhunderts entstand.

Hamlet, König von Dänemark, ist tot. Kurz nach seinem Begräbnis heiratet sein Bruder Claudius seine Witwe Gertrude und wird somit selbst zum neuen König von Dänemark. Von Norden droht die Gefahr durch den norwegischen Prinzen Fortinbras, kann jedoch von dessen Oheim in letzter Sekunde abgewendet werden. Alles läuft bestens für Claudius, wäre da nicht die Melancholie seines Neffen und Stiefsohns Hamlet. Dessen Gram über den Tod des Vaters und die rasche Hochzeit der Mutter sorgt besonders bei dieser für Kummer. Sowohl Claudius wie Gertrude sind bemüht, die Gunst Hamlets zurück zu gewinnen. Währenddessen wird Laertes, Sohn des Kammerdieners Polonius, wieder nach Frankreich entsendet, jedoch nicht ohne zuvor seine Schwester Ophelia vor der Lüsternheit Hamlets zu warnen. Es ist eine unstandesgemäße Liebe, die nach Laertes und seines Vaters Polonius Meinung keine Zukunft hat („Dies Lodern, Tochter, (…) nehmt keineswegs für Feuer“), weswegen Ophelia ihren guten Ruf nicht ruinieren soll. Besonders Polonius glaubt Hamlets Melancholie auf die Liebe zu seiner Tochter zurückführen zu können und beginnt mit dem König und der Königin diesem Verdacht nachzugehen. Hamlet hingegen wird von seinem Studienkollegen Horatio und dem Wachmann Marcellus auf eine geisterhafte Erscheinung seines verstorbenen Vaters hingewiesen.

Zur Geisterstunde sucht Hamlet den Dialog mit seinem Vater und erfährt, dass sein Oheim für den Tod des Vaters verantwortlich ist. Hamlet wird von dem Geist seines Vaters auf einen Rachefeldzug eingeschworen („Zu rächen auch, sobald du hören wirst) – doch Hamlet traut dem ganzen noch nicht. Wer sagt ihm, dass es sich tatsächlich um den Geist seines Vaters, und nicht um eine Erscheinung des Teufels gehandelt hat („Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden“)? Hamlet braucht Bestätigung, sieht sich zugleich jedoch von der Nachforschungen Polonius und Claudius gestört, welche seine ehemaligen Schulkameraden Rosenkranz und Güldenstern auf den Prinzen angesetzt haben. Das Eintreffen einer Schauspielertruppe kommt Hamlet gerade recht („Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe“), vor dem versammelten Hof lässt er ein von ihm abgewandeltes Stück, Die Mausefalle, aufführen, in welcher ein König von seinem Bruder umgebracht wird, der anschließend die Königin ehelicht. Hamlet und Horatio überführen Claudius der Tat, offenbaren aber zugleich ihre Karten. Durch ein Missverständnis bringt Hamlet bei einer Unterredung mit seiner Mutter den lauschenden Polonius um – Claudius will sich nunmehr Hamlets entledigen und schickt ihn nach England, wo dieser jedoch nie ankommt. Von dem Tod des Vaters erzürnt, kehrt Laertes nach Dänemark heim und trifft mit dem König ein Mordkomplott gegen Hamlet.

Durch den Tod des Vaters in den Wahnsinn gestürzt, begeht Ophelia Selbstmord. Bei ihrem Begräbnis kommt es zu einem Eklat, Claudius spinnt seinen perfiden Plan und lässt Laertes und Hamlet miteinander fechten. Bei dem Gefecht wird Hamlet von der giftigen Spitze Laertes Degen verwundet und zahlt es diesem ebenso heim. Den vom König vergifteten Kelch fällt Gertrude zum Opfer, Laertes sucht um Vergebung und enthüllt dem sterbenden Hamlet das Mordkomplott des Königs, der durch die Hand des Prinzen fällt. Am Ende, durch ihre familiären Zwiste abgelenkt, dringt Fortinbras in das Königreich ein und reißt es an sich. Nicht nur das Könighaus ist damit verloren, sondern der ganze Staat ins Unheil gestürzt – Auslöser war Claudius machtgierige Tat und treibende Kraft das zögerliche, von Rache durchzogene Handeln den Dänenprinzen Hamlet. Wie so oft bei Shakespeare gehen seine Figuren an ihrem eigenen Treiben zugrunde und mit ihnen wird ihr soziales Umfeld erschüttert („Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, und Planen, die verfehlt zurückgefallen auf der Erfinder Haupt“). Hierbei spart Shakespeare keine gesellschaftliche oder politische Kritik („Wir gehen, ein kleines Fleckchen zu gewinnen, das keinen Vorteil als den Namen bringt“) aus.

Hamlet (1948)

Eine Miene mehr des Leidens als des Zorns.

Schauspiellegende Laurence Olivier zeichnete sich bei seiner Verfilmung als Autor, Hauptdarsteller und Regisseur aus, am Ende gewann er – unverdientermaßen – den Oscar als bester Hauptdarsteller und für den besten Film. Sein Hamlet besticht durch pulsierende Nahaufnahmen und einen Fokus auf Hamlets Ödipuskomplex, indem er Gertrude von der 28jährigen Eileen Harlie spielen ließ, wohingegen Olivier mit 41 Jahren ihren Sohn verkörperte. Hamlets Monologe erzählt er oft durch innere Monologe und schneidet sich wie die meisten Inszenatoren das Stück nach eigenem Gutdünken zurecht. Die Handlung wird unchronologisch erzählt und immer geradeso, wie es Olivier am besten passt, da geschieht die Intention von Claudius und Laertes Hamlet zu töten erst nach Ophelias Beerdigung. Die Besetzung ist dabei von durchschnittlich (Eileen Harlie, Terence Morgan) bis zu grauenhaft (Jean Simmons, Basil Sydney) geraten und Olivier inszeniert seine eigene Person durch narzisstisches over-acting mitunter ins grauenhafte, allerhöchstens noch von dem Darsteller des Horatio oder der als Tunte verleumdeten Figur des Osrick übertroffen.

Die meisten kritischen Ansatzpunkte von Shakespeare fehlen, beinahe schon obligatorisch der Norwegen- und Fortinbrasbezug, außerdem verzichtet Olivier gänzlich auf die Figuren von Rosenkranz und Güldenstern, legt deren Text stattdessen, wenn er ihn verwendet, ihn den Mund des Polonius. Hier ist Hamlet nichts anderes als eine große Laurence-Olivier-Show, in welcher der Brite sein ganzes Repertoire an Mimiken auszukosten wünscht und mitunter zwischen melancholischer und aggressiver Interpretation wankt. Bei der gegeben Lauflänge von zweieinhalb Stunden enttäuscht Olivier mit seiner Besetzungswahl und eigenen Hamlet-Interpretation gänzlich, wobei sehr viel mehr möglich gewesen wäre. Als Kulisse wählte er eine Mischung aus Film- und Theaterdesign, weiß in manchen Szenen fraglos zu überzeugen, überzieht in den übrigen allerdings durch sein plapperhaftes Rezitieren des Textes zu sehr. Die Figur des Polonius lässt sich in seinem Verhalten und seiner Wirkung auf Ophelia nicht nachvollziehen, geht doch seine Liebe gegenüber den Kindern über weite Strecken verloren und ist nur im Laertes-Dialog erkennbar.

3.5/10


Hamlet (1990)

Scham, wo ist dein Erröten?

Der Shakespeare erfahrene Italiener Franco Zeffirelli musste seine Version stark gekürzt ins Kino bringen, was man ihr mitunter sichtlich anmerkt. Wie auch Olivier verzichtet Zeffirelli auf die Fortinbrasgefahr und inszeniert Hamlet als familiäres Kammerspiel, in welchem Glenn Close als verliebte Version von Gertrude scheitert. Die Begegnung Horatios und Marcellus mit dem Geist, welche die Einleitung der Geschichte bildet, wird übersprungen, so wie auch andere Erzählstränge unchronologisch aufgeführt werden. Polonius (Ian Holm) erscheint als Wachhund des Königs und seine Gefühle für seine Kinder werden unter den Tisch gekehrt, weshalb die Familientragödie hier ihren Zweck verfehlt. Auch Ophelias Text wird stark geschnitten und kommt durch Helena Bonham-Carter keiner gebührenden Aufmerksamkeit zuteil. Abgesehen von Nathaniel Parker (Laertes) enttäuschen alle Schauspieler und Schauspielerinnen durch die Bank und finden ihren grotesken Gipfel in der Besetzung des Hamlet durch Mad Max-Darsteller Mel Gibson. Dieser gibt einen fast tollwütigen und stets aggressiven Hamlet, wenn er ihn nicht gerade im Gegensatz dazu bis zur Emotionslosigkeit spielt.

Wieso Ophelia wahnsinnig wird, lässt sich hier ohne den Polonius-Kontext nicht nachvollziehen, ebenso leidet die Charakterisierung von Claudius darunter, dass seine Szenen mit Polonius und Rosenkranz wie Güldenstern stark beschnitten sind. Die dunkle und teuflische Seite des Königs wird dabei unter den Teppich gekehrt und Hamlet von Gibson ganz in seinem Wahn aufgehend dargestellt. Insgesamt wird die Handlung durch Zeffirellis Zurechtschneidung in den meisten Szenen ihres Kontextes beraubt und rutscht mehrfach ins Lächerliche ab. Die Farbwahl, Kostüme und die Kulisse einer kargen, kalten, mittelalterlichen Burg weiß zu überzeugen, auch wenn ein in strahlendes Grün getauchtes Dänemark mehr wie England anzumuten weiß. Abgesehen von seinen Schnitten krankt Zeffirellis Werk am meisten an seinen falsch gewählten und daher schlecht agierenden Schauspieler und Schauspielerinnen, bildet insgesamt die zweifelsohne schlechteste Hamletverfilmung.

2/10


Hamlet (1996)

Dies über alles, sei dir selber treu.

Ebenso wie Laurence Olivier tritt auch Kenneth Branagh zugleich als Hauptdarsteller und Regisseur auf. In seiner beinahe vierstündigen Version erzählt er Shakespeares Werk chronologisch, Szene für Szene und Wort für Wort. Es werden keine Abstriche oder Umstellungen gemacht, alle gesellschaftlichen und politischen Untertöne finden Einzug in seine Verfilmung, welche er in einer schneebedeckten, viktorianischen Kulisse mit viel Pomp und Glanz spielen lässt. Gemeinsam mit Olivier und Zeffirelli hat Branagh jedoch den Ansatz in der Spiel-im-Spiel-Szene Hamlet überaus aufbrausend und an alle Personen gerichtet seine Wäsche waschen zu lassen. Branaghs Hamlet kommt als spannendes und unterhaltsames Epos, als Oper für die Augen daher, unterstützt von einem Starensemble, das bis in die Nebenrollen – Osrick (Robin Williams), Schauspieler (Charlton Heston), Totengräber (Billy Chrystal) – ausgezeichnet besetzt ist. Branaghs Wahl überzeugt und so ist Julie Christie die einzige, welche als Gertrude zu überzeugen weiß und Richard Briers, bedingt allerdings auch durch seine zumeist gestrichene Laertes-Szene, der beste Polonius.

Michael Maloney (Laertes) und Kate Winslet (Ophelia) überzeugen ebenfalls, stehen aber ihren 2000er Kollegen etwas hinterher, was bei Winslet an ihrer sexuellen Interpretation der Figur zu begründen ist. Der ehemalige Hamlet-Darsteller Derek Jacobi überzeugt als Claudius und bildet das Vorbild zu MacLachlans Interpretation vier Jahre später. Branagh selbst spielt den Hamlet an mancher Stelle zu aufbrausend, besonders gegenüber Polonius, und enttäuscht zum Ende hin in vielen übertriebenen und grotesken Grimassen, welche das Hauptmanko des Filmes darstellen. Trotzdem überzeugt er schauspielerisch von allen Hamletdarstellern am ehesten, auch wenn seine Interpretation der Figur wie erwähnt in manchen Szenen krankt. Als bildhafte Unterstützung verwendet Branagh an gegebenen Stellen das Mittel von Rückblenden, um den Wortlaut zu bekräftigen (z.B. die Yorick-Szene). Diese Rückblenden nehmen der Verfilmung ebenso wenig, wie sie ihr schenken, allein die sexuelle Interpretation der Hamlet-Ophelia-Beziehung erscheint unangebracht, da sie dem Kontext und den Worten Laertes und Polonius zuwider läuft. Abgesehen also von Branaghs Grimassen ist seine Version die treffendste und treueste gegen dem Shakespeareschen Stoff.

8.5/10


Hamlet (2000)

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Zum Jahrtausendwechsel hin versuchte sich Michael Almereyda in einer viel gescholtenen zeitgenössischen Interpretation von Hamlet. Er ordnet die Handlung in das New York des Jahres 2000 ein, aus Dänemark wird die Denmark Corporation und Hamlet (Sam Shepard) zu ihrem Vorsitzenden, der unerwartet stirbt. Hamlets Monologe finden oftmals in Form eines Videotagebuchs statt und Dialoge werden mitunter über Telefone, Emails und Faxe transferiert. Wie die meisten Regisseure folgt Almereyda einer unchronologischen Erzählweise und inszeniert Hamlet (Ethan Hawke) als eine rebellische Natur mit Vorbildern wie James Dean, Ernesto Guevara oder Kurt Cobain. Ähnlich wie in Zeffirellis Version werden Gertrude (Diane Venora) und Claudius (Kyle MacLachlan) als Verliebte gezeigt, die Liebe von Polonius (Bill Murray) zu seiner Tochter Ophelia (Julia Stiles) verliert mitunter ihren Kontext. Es tauchen ebenfalls die gesellschaftlichen und politischen Untertöne nicht auf, auch wenn die Figur des Fortinbras kurze Erwähnung findet.

Schauspielerisch gegenüber Branagh nicht überzeugend, liefert Hawke dennoch die meiner Ansicht nach beste Interpretation von Hamlet als einen melancholischen, verwirrten und zögerlichen Charakter ab. Von Unsicherheit geprägt wird Hawke nur selten aggressiv, sein trauriger Unterton geht ihm nie verloren. Bill Murray spielt den Polonius gut, aber viel zu emotionslos, als sei es eine Bürde für ihn vor die Kamera zu treten. Diane Venora enttäuscht auf ganzer Linie und ragt nicht an die Leistung von Christie heran. MacLachlan gelingt es den bösen Geist von Claudius einzufangen und hat sichtlich Jacobis Darstellung herangezogen. Bestechende Interpretationen liefern Stiles und Shepard, außerdem Liev Schreiber als Laertes und Steve Zahn als Rosenkranz. Außerhalb ihres Kontextes erhalten die Figuren bei Almereyda einen interpretativen Charakter, fraglos von Shakespeares Stück entfernt, dessen Idealen jedoch treu und beeindruckt durch seine zeitgenössische Inszenierung. Schauspielerisch und von seiner Interpretation her kommt diese unkonventionelle Version nach Branagh Meisterwerk an zweiter Stelle.

6.5/10