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1. Dezember 2009

The English Surgeon

What are we if we don’t try to help others?

Ein älterer Mann werkelt in einem Raum. Schneidet Holz, sägt es aus, bohrt Nägel hinein. „I always loved using tools“, erzählt Henry Marsh. Oder besser gesagt: Dr. Henry Marsh. Das Bild von Marsh mit dem Akkubohrer sollte man im Gedächtnis behalten, wird es doch später noch von Bedeutung sein. Marsh ist ein englischer Neurochirurg, der bei der Arbeit seine Krankenschwestern gerne darauf hinweist, dass sie die OP-Materialien nicht wegschmeißen sollen nach Gebrauch. Diese benötige Marsh noch, für seinen Freund Igor. Seit 1992 sind Marsh und sein ukrainischer Kollege Dr. Igor Kurilets aus Kiew befreundet. Marsh sei wie ein älterer Bruder für ihn, erklärt der Ukrainer. Hin und wieder fliegt Marsh nach Kiew, um dort seinem Kollegen und „jüngeren Bruder“ bei Operationen zu unterstützen und scheinbar antiquiertes OP-Material zu übersenden. Beispielsweise Bohraufsätze, die in Großbritannien nach der ersten Benutzung entsorgt werden müssen, aber nach Meinung von Marsh problemlos noch zwölf Mal verwendet werden können.

Die Unterschiede zwischen westlichem Wohlstand und östlicher Armut verdeutlicht der Film sehr gut ohne jedoch neu oder überraschend zu wirken. Die Schuld wird abgewälzt auf die sowjetische Herrschaft von einst, die nun verhindert, dass man die nötige Ausstattung hat oder die Kapazitäten. Einmal fährt Kurilets mit Marsh raus, zu einem vereisten Fluss und erklärt, hier wolle er seine Neuroklinik aufbauen. Die erste ihrer Art in der Ukraine. Mit welchem Geld wird nicht klar, denn wer sich selbst Bohraufsätze, OP-Stühle und anderes aus zweiter Hand von einem Kollegen aus England schicken lassen muss, dürfte ein solches Unterfangen kaum finanziell stemmen können. Denn seine eigenen OP-Materialien kauft Kurilets auch nicht von medizinischen Herstellern, sondern auf Straßenbaumärkten, über die er Marsh führt. Später werden beide eine Operation mit einem Bosch PSR 960 Akkubohrer durchführen, den man im Handel für 40 Euro erstehen kann. Jetzt mag man sich sagen: was für Zustände da drüben! Oder man kann sagen: schau einer her, mit einem 40-Euro-Bohrer geht so etwas auch. Erinnerungen an Dr. Nick aus The Simpsons drängen sich auf.

In Geoffrey Smiths The English Surgeon geht es nun primär um eine Aktion: die Operation an Marian Dolishny. Dolishny hat einen Gehirntumor und gehört zu den Patienten, für die Marsh die letzte Option ist. „It’s a bit like Russian Roulette with two revolvers“, resümiert Marsh. Egal ob er den Patienten behandelt oder nicht behandelt, die Chancen, dass er stirbt, bleiben gleich. Problematisch sind wohl insbesondere die späten Diagnosen. Smith präsentiert gleich zwei Patientinnen, bei denen Marshs Urteil zu spät kommt. Bedröppelt schaut der Engländer auf den Boden, meidet den Blick zum Patienten, während Kurilets Marshs Diagnose, dass eine junge Patientin innerhalb von drei Jahren erblinden wird bevor sie stirbt oder ein kleines Mädchen weniger als zwölf Monate übrig hat, übersetzt. Immer wieder wird dann die Erinnerung an Tania beschworen, einem anderen kleinen Mädchen, das Marsh vor einigen Jahren behandelt und mit seinen Operationen schließlich umgebracht hat. Etwas, das ihn bis heute belastet, gesteht er mehrfach. Russisches Roulette mit zwei Revolvern eben. Wie man’s macht, ist’s falsch.

Als Gegenbeispiel muss/darf/soll nun Dolishny herhalten. Vom Lande kommt er, die Operation wird wohl von Smiths Fernsehteam bezahlt und der Patient ist durch seine Stilisierung zum Dokumentationsthema ohnehin schon „geheilt“. Da schluchzt Mutter Dolishny trotzdem beim Abschied in die Kamera und wenn Kurilets dann Marshs Pläne übersetzt, bleibt Dolishny ohnehin nicht viel übrig, als alles brav abzunicken. Ohne Anästhesie wird er am Gehirn operiert, damit überprüft werden kann, ob seine motorischen Fähigkeiten gefährdet werden. Да, да. Marsh beschwichtigt, die Operation an der Schädeldecke und dem Gehirn – beides schmerzunempfindlich – sei „not different from going to the dentist.“ Vielleicht eine problematische Analogie, betrachtet man Dolishnys Gebiss, in dem die Zähne, die nicht schon fehlen, schief gewachsen sind. Doch die Operation geht gut, auch wenn während des Vorgangs sich scheinbar ein epileptischer Anfall des Patienten einstellt, der dann aber doch keiner ist bzw. wieder verebbt.

„Life can be very cruel“, meint Marsh, als er eine der Todesnachrichten überbringt und den Blick abwendet. Immer wieder schneidet Smith dann „Archivmaterial“ von Tanias Behandlung rein, das schließlich zur finalen Begegnung zwischen Marsh, Kurilets und Tanias Mutter hinführt. Zwar weiß niemand der Beteiligten, was sie sagen sollen, aber wohl nur so kann das Ende dieser Doku aussehen, wenn Marsh dann noch zum Friedhof geht und Blumen für Tania niederlegt. Ein Zugang zu Marsh bzw. diesen Szenen wäre wohl leichter, wenn Smith expliziter in den Vordergrund gerückt hätte, dass Marshs eigenes Kind einst an einem Gehirntumor litt. Einiges wirkt daher in The Englisch Surgeon inszeniert oder um der Wirkung willen platziert. Kurilets, der auf Fortschritt drängt und die ukrainische Elite bittet, im Land zu bleiben, damit es sich entwickeln kann, erhält wegen seiner Bemühungen Morddrohungen. Das wird mal eben erwähnt und dann wieder fallen gelassen. Genauso wie die Pläne für die Neuroklinik angesprochen werden, ohne zu klären, wie sich diese überhaupt verwirklichen lassen soll.

Sieht man nun davon ab, dass Smiths Film gerade zum Schluss reichlich pathetisch ausgefallen ist, so weiß besonders die Operation an Dolishny wegen ihres medizinischen Elements zu gefallen. Smith begleitet die Operation am Gehirn sowohl am Mikroskop, wie auch am Patienten selbst. Da wird das Gehirn aufgeschnitten und der Tumor rausgesaugt, während Dolishny unentwegt seinen Arm hebt, um zu zeigen, dass er dazu noch im Stande ist. Zudem ist Marsh fraglos ein sympathischer Charakter, wenn er mit seiner Brille einer alten Eule gleich alles in seinem Krankenhaus einpackt, was sonst weggeschmissen würde und sich echauffiert, wenn er am Computer seinen Wochenplan nicht eintragen kann. Würde Smith seinen englischen Chirurgen nun nicht so sehr als Halbgott in Weiß inszenieren und das melodramatische Element etwas seriöser präsentieren, hätte The English Surgeon auch ansprechender sein können. Nun ist hier wenig „deeply moving/touching“ wie einige englischsprachige Medien berichten, wobei dies wohl auch nur deshalb so aufgenommen wird, weil vielen Westlern wohl die Zustände in Osteuropa nicht unbedingt klar sind. Gelungen ist Smiths Portrait dennoch allemal.

8/10

8. Dezember 2007

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Don’t that picture look dusty?

Die USA sind ein Land, das von seinen Helden lebt und solche braucht. Einer dieser Helden ist Jesse James. Und wie so oft vermischen sich Kriminalität und Ruhm zu Heldentum, etwas das Oliver Stone und Quentin Tarantino in Natural Born Killers thematisierten. Man könnte nun darüber streiten, ob – und wenn ja, inwiefern – Jesse James ein Held war. Was sicher ist: Er war ein Dieb und ein Mörder. Aber mit solchen Dingen waren die Leute bereits im so genannten Wilden Westen etwas gnädiger. Schon zu Lebzeiten wurde James in den Jesse James Stories als ein Robin Hood jenes Wilden Westens dargestellt, was erklären mag, wieso bisher bereits 19 Kinofilme über seine Leben und Schaffen produziert wurden.

In die Rolle des Desperados schlüpfte nach Jesse James’ eigenem Sohn, Robert Duvall und Colin Farrell nun Brad Pitt, der außerdem neben Sir Ridley Scott mit seiner Produktionsfirma Plan B als Finanzier fungierte. Für die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ron Hansen aus dem Jahr 1983 holten die beiden Hollywoodgrößen nach jahrelanger Abstinenz den neuseeländischen Regisseur Andrew Dominik an Bord, der sich sieben Jahre zuvor nur mit Chopper auszeichnen konnte. Für die Rolle des Robert Ford kam dann neben Shia LaBeouf noch Casey Affleck in Frage, der seltsamerweise aufgrund seines Alters den Zuschlag gegenüber LaBeouf erhielt, obschon der näher an den 19 Jahren von Fords Figur war.

Mit einem Budget von 30 Millionen Dollar wollte Dominik einen dunklen Western à la Terence Malick inszenieren, das Studio hingegen wünschte sich etwas mehr Action in Richtung von Clint Eastwood. Mehrere Versionen des Films, darunter eine dreistündige Fassung, wurden von Scott und Pitt begutachtet, ehe man sich für diese 160 Minuten lange Kinoversion entschied. Dabei gelang es dem Film weltweit lediglich 15 Millionen Dollar einzuspielen, davon lediglich 20 Prozent in den USA. Erfolgreicher lief es für die Darsteller Brad Pitt und Casey Affleck, von denen Ersterer bei den Filmfestspielen in Venedig als Bester Hauptdarsteller prämiert wurde und Letzterer als bester Nebendarsteller vom National Board of Review.

Die Handlung beginnt 1879 im Mittleren Westen der USA: Bankräuber Jesse James (Brad Pitt) und sein Bruder Frank (Sam Shepard) planen den Überfall auf einen Zug in Missouri. Hierfür haben sie kleinere Ganoven aus der Umgebung rekrutiert, darunter auch die Brüder Charley (Sam Rockwell) und Bob Ford (Casey Affleck). Doch die Zeiten der James Bande sind vorüber, die meisten Mitglieder inzwischen entweder tot oder im Gefängnis. Während Frank sich auf sein Altenteil zurückzieht, wird Jesse immer paranoider und sieht in jedem seiner ehemaligen Partner eine Gefahr auf sein Wohl und Leben. Die Ford Brüder warten derweil darauf, dass Jesse wieder an sie herantritt und für einen neuen Überfall einplant.

Wichtig ist dies die Aufnahme in die Gang und das damit einhergehende Vertrauen besonders für Bob, der immerhin von Kindesbeinen an ein großer Fan von Jesse ist und alle Geschichten über diesen verschlungen und gesammelt hat. Dies führt dazu, dass er nicht nur von seinem Bruder und dessen Freunden, sondern viel schlimmer noch sogar von Jesse selbst geneckt wird. Bob, der an der fehlenden Aufmerksamkeit und dem mangelnden Respekt leidet, inszeniert daraufhin eine Ergreifung durch die Polizei und lässt sich von dieser als Spitzel engagieren. Als Jesse schließlich ihn und seinen Bruder für einen bevorstehenden Banküberfall zu sich holt, spitzt sich die Lage zu und Bob sieht sich in der Zwickmühle.

Etwas entgegen dem klassischen Western-Film stellt Pitt seinen Helden in manchen Szenen mit dickem Pelzmantel, Melone und Zigarre wie einen Gangster-Rapper des 19. Jahrhunderts da, was er gerne mit wildem Geschrei zu verstärken sucht. Dadurch mag womöglich versucht werden, einen Mann darzustellen, der bereits zu Lebzeit zum Mythos verklärt wurde. Zur Legende unter der Bevölkerung und zum Staatsfeind der Regierung. Ein Terrorist, ein Guerilla. Dies zwingt ihn zu einem Leben der Unscheinbarkeit, immer wieder ziehen er und seine Frau Zee (Mary-Louise Parker) mit den Kindern von Ort zu Ort, natürlich stets unter falschem Namen. Entsprechend weiß nicht einmal sein Sohn, wie sein Vater heißt.

Doch sein Status als US-Staatsfeind führt dazu, dass Jesse unter seinen ehemaligen Partnern ständig Verschwörungen wittert. Dies dürfte der Grund sein, weshalb er sich für Bob und Charley Ford entscheidet, denn auch wenn er ständig selber den jungen Bob nervt, so weiß er doch, dass dieser ein riesiger Fan von ihm ist und scheint von ihm keine unbedingte Gefahr zu verspüren. Doch die Fords tragen eigene Geheimnisse mit sich, die sie bei Jesse in Misskredit bringen könnten, weswegen sie merklich nervös sind, als sie von dem Outlow rekrutiert werden. Dem depressiven Paranoiker entgeht natürlich nicht die Nervosität der Fords, was Dominik in seinem dritten Akt in einem wahren Nervendrama kulminieren lässt.

Bei The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford handelt es sich weniger um einen klassischen Western als um ein Porträt. Und zwar sowohl von Jesse James als auch von Bob Ford. In vielen ruhigen, teils elegischen Einstellungen zeigt Dominik dem Publikum die Einsamkeit und Isolation von James in seinem eigenem Ruhm. Kameramann Roger Deakins präsentiert dabei umwerfende Landschaftsaufnahmen und großartige Licht- und Bildkompositionen. Auch die Musik von Nick Cave und Warren Ellis unterstützt diese Bilder äußert gelungen, wobei hier vor allem das Theme des Filmes herausragt, welches zugleich eine unglaubliche Belanglosigkeit, aber auch ergreifende Melancholie ausdrückt.

Beides zusammen gipfelt in einer der besten Szenen des Jahres, wenn die James Gang des Nachts einen durch den Wald fahrenden Zug zum Überfallen stoppt. Der Film nimmt sich grundsätzlich viel Zeit, nicht nur um seine Charaktere auszuarbeiten, sondern auch um das Psychospiel zwischen James und den Fords auszureizen. Damit gehört The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford zu jener Art von Filmen, auf die man sich bewusst einlassen muss und darf keine spröde Unterhaltung erwarten. Das Ende hätte sicherlich kürzer geraten können und allgemein ist der Film mitunter etwas langatmig, weiß aber dennoch über die gesamte Laufzeit durch seine poetische Schönheit zu fesseln.

8.5/10