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28. März 2011

Winter’s Bone

Never ask for what ought to be offered.

In der japanischen Kultur stellen die drei Affen Mizaru, Kikazaru und Iwazaru, die nichts Böses sehen, hören oder sagen, eine buddhistische Legende dar. Während in Asien interpretiert wird, dass sie über Schlechtes hinweg sehen wollen, gelten sie im Westen dagegen als Versinnbildlichung von fehlender Zivilcourage. Geschieht etwas Böses, wird weggesehen, weggehört und nichts gesagt. Ein Prozedere, welches oft auf sozial gebeutelte Stadtviertel zutrifft, in denen Gangs und das organisierte Verbrechen das Sagen haben. Dass es nahezu unmöglich ist, aus Menschen, die sich wie die drei Affen verhalten, Informationen herauszufiltern, muss auch die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence) in Debra Graniks intensivem Drama Winter’s Bone feststellen.

Ree ist die Heldin des gleichnamigen Romans von Daniel Woodrell über eine kleine Gemeinde auf dem Ozark-Plateau der USA. Da ihr Vater als einer von vielen Meth-Köchen irgendwo in den Wäldern sein Unwesen treibt und ihre Mutter aufgrund einer geistigen Störung ein Sozialfall ist, dient Ree als Oberhaupt der Familie und Erzieherin ihrer beiden kleinen Geschwister. Ihnen zeigt sie, wie sie Eichhörnchen zum Abendessen schießen und anschließend häuten können. Es ist eine harte und raue Gegend, die problemlos als Hauptstadt von White Trash County gelten könnte, bedenkt man, dass hier jede kaputte Frau einen noch kaputteren Mann an ihrer Seite weiß und sowieso die meisten Personen über mehrere Ecken miteinander verwandt sind. So bleibt alles in der Familie.

Und weil Ree entgegen den anderen Figuren - darunter ihre gleichaltrige Freundin Gail (Lauren Sweetser), die jedoch bereits dank Mann und Kind im Teufelskreis gefangen ist - erstaunlich normal erscheint, fällt es umso leichter, ihr bereitwillig als Identifikationsfigur zu folgen. Als ihr Vater eine Gerichtsanhörung zu verpassen droht, jedoch als Kaution das Haus seiner Familie überschrieben hat, obliegt es nun Ree, den Flüchtigen ausfindig zu machen und an jenen Termin zu erinnern, will sie sicher stellen, dass sie und ihre Geschwister auch weiterhin ein Dach über den Kopf haben. Das einzige Problem ist, dass niemand darüber sprechen will, wo sich Rees Vater aufhalten könnte, geschweige denn befindet. Getreu dem Motto: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sagen.

Diese Welt ist maskulin dominiert, selten darf Ree ihre Fragen direkt an die Männer der Gemeinde herantragen, stets ist ein weiblicher Bote von Nöten. Es ist daher bezeichnend, wenn in einer Szene die vom Leben gezeichnete Merab (Dale Dickey) Ree fragt: “Ain’t you got no man to do this?“. Und erst mit fortlaufender Spieldauer dämmert einem langsam, dass der Grund, warum keiner der Männer Ree Auskunft darüber geben will, wo ihr Vater ist, weniger damit zusammenhängt, diesen zu schützen, sondern sich selbst. Es ist Rees unbändiger Wille und die Notwendigkeit, für ihre Geschwister zu sorgen (besonders in Anbetracht dessen, dass der gegenüber wohnende Abschaum sie bereitwillig aufnehmen, sprich: mit hinunterreißen, würde), der sie tiefer in gefährliche Gefilde bringt.

“Some of our blood at least is the same“, ist einer von Rees verbalen Versuchen, ein Gespräch mit dem „Kingpin“ der Gemeinde, Thump (Ronnie Hall), zu erzwingen. Dass Blutsbande in Woodrells Geschichte jedoch nichts bedeuten müssen, wurde zuvor bereits gezeigt, als Rees Onkel Teardrop (John Hawkes) ihr gegenüber handgreiflich wurde, als sie nach seinem Bruder fragte. Wer in Winter’s Bone keine Fragen stellt, lebt länger - das macht Granik überdeutlich. Gefährlich wird es immer dann, wenn jemand redet, wenn jemand etwas hört oder wenn jemand etwas sieht. Dies gilt für Thump und Merab ebenso wie für den lokalen Sheriff Baskin (Garret Dillahunt), was in zwei kurzen, aber deswegen nicht minder angespannten und intensiven Szenen im dritten Akt mehr als deutlich wird.

So packend und spannend Winter’s Bone ausfällt, besticht der Film die meiste Zeit jedoch durch das erwachsene Spiel von Jennifer Lawrence. Dass auch das übrige Ensemble mit Hervorhebung von Dickey und Hawkes im Vergleich zu Lawrence kaum aufsteckt, macht den in blassen und kalten Bildern geschossenen Film zu Charakterkino erster Güte. Besonders im Finale gelingt es Granik eine entscheidende Szene gekonnt auf Messers Schneide tanzen zu lassen, sodass man als Zuschauer fast den Atem anhält, ob dem, was als nächstes geschieht. Am Ende ist man dann froh, dass man selbst nicht in jener Meth-geplagten Gemeinde der Ozarks lebt, wo grimmige Menschen am liebsten unter sich sind. Weshalb Winter’s Bone zu einem der eindringlichsten und besten Filme des Jahres avanciert.

8.5/10

8. Dezember 2007

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Don’t that picture look dusty?

Die USA sind ein Land, das von seinen Helden lebt und solche braucht. Einer dieser Helden ist Jesse James. Und wie so oft vermischen sich Kriminalität und Ruhm zu Heldentum, etwas das Oliver Stone und Quentin Tarantino in Natural Born Killers thematisierten. Man könnte nun darüber streiten, ob – und wenn ja, inwiefern – Jesse James ein Held war. Was sicher ist: Er war ein Dieb und ein Mörder. Aber mit solchen Dingen waren die Leute bereits im so genannten Wilden Westen etwas gnädiger. Schon zu Lebzeiten wurde James in den Jesse James Stories als ein Robin Hood jenes Wilden Westens dargestellt, was erklären mag, wieso bisher bereits 19 Kinofilme über seine Leben und Schaffen produziert wurden.

In die Rolle des Desperados schlüpfte nach Jesse James’ eigenem Sohn, Robert Duvall und Colin Farrell nun Brad Pitt, der außerdem neben Sir Ridley Scott mit seiner Produktionsfirma Plan B als Finanzier fungierte. Für die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ron Hansen aus dem Jahr 1983 holten die beiden Hollywoodgrößen nach jahrelanger Abstinenz den neuseeländischen Regisseur Andrew Dominik an Bord, der sich sieben Jahre zuvor nur mit Chopper auszeichnen konnte. Für die Rolle des Robert Ford kam dann neben Shia LaBeouf noch Casey Affleck in Frage, der seltsamerweise aufgrund seines Alters den Zuschlag gegenüber LaBeouf erhielt, obschon der näher an den 19 Jahren von Fords Figur war.

Mit einem Budget von 30 Millionen Dollar wollte Dominik einen dunklen Western à la Terence Malick inszenieren, das Studio hingegen wünschte sich etwas mehr Action in Richtung von Clint Eastwood. Mehrere Versionen des Films, darunter eine dreistündige Fassung, wurden von Scott und Pitt begutachtet, ehe man sich für diese 160 Minuten lange Kinoversion entschied. Dabei gelang es dem Film weltweit lediglich 15 Millionen Dollar einzuspielen, davon lediglich 20 Prozent in den USA. Erfolgreicher lief es für die Darsteller Brad Pitt und Casey Affleck, von denen Ersterer bei den Filmfestspielen in Venedig als Bester Hauptdarsteller prämiert wurde und Letzterer als bester Nebendarsteller vom National Board of Review.

Die Handlung beginnt 1879 im Mittleren Westen der USA: Bankräuber Jesse James (Brad Pitt) und sein Bruder Frank (Sam Shepard) planen den Überfall auf einen Zug in Missouri. Hierfür haben sie kleinere Ganoven aus der Umgebung rekrutiert, darunter auch die Brüder Charley (Sam Rockwell) und Bob Ford (Casey Affleck). Doch die Zeiten der James Bande sind vorüber, die meisten Mitglieder inzwischen entweder tot oder im Gefängnis. Während Frank sich auf sein Altenteil zurückzieht, wird Jesse immer paranoider und sieht in jedem seiner ehemaligen Partner eine Gefahr auf sein Wohl und Leben. Die Ford Brüder warten derweil darauf, dass Jesse wieder an sie herantritt und für einen neuen Überfall einplant.

Wichtig ist dies die Aufnahme in die Gang und das damit einhergehende Vertrauen besonders für Bob, der immerhin von Kindesbeinen an ein großer Fan von Jesse ist und alle Geschichten über diesen verschlungen und gesammelt hat. Dies führt dazu, dass er nicht nur von seinem Bruder und dessen Freunden, sondern viel schlimmer noch sogar von Jesse selbst geneckt wird. Bob, der an der fehlenden Aufmerksamkeit und dem mangelnden Respekt leidet, inszeniert daraufhin eine Ergreifung durch die Polizei und lässt sich von dieser als Spitzel engagieren. Als Jesse schließlich ihn und seinen Bruder für einen bevorstehenden Banküberfall zu sich holt, spitzt sich die Lage zu und Bob sieht sich in der Zwickmühle.

Etwas entgegen dem klassischen Western-Film stellt Pitt seinen Helden in manchen Szenen mit dickem Pelzmantel, Melone und Zigarre wie einen Gangster-Rapper des 19. Jahrhunderts da, was er gerne mit wildem Geschrei zu verstärken sucht. Dadurch mag womöglich versucht werden, einen Mann darzustellen, der bereits zu Lebzeit zum Mythos verklärt wurde. Zur Legende unter der Bevölkerung und zum Staatsfeind der Regierung. Ein Terrorist, ein Guerilla. Dies zwingt ihn zu einem Leben der Unscheinbarkeit, immer wieder ziehen er und seine Frau Zee (Mary-Louise Parker) mit den Kindern von Ort zu Ort, natürlich stets unter falschem Namen. Entsprechend weiß nicht einmal sein Sohn, wie sein Vater heißt.

Doch sein Status als US-Staatsfeind führt dazu, dass Jesse unter seinen ehemaligen Partnern ständig Verschwörungen wittert. Dies dürfte der Grund sein, weshalb er sich für Bob und Charley Ford entscheidet, denn auch wenn er ständig selber den jungen Bob nervt, so weiß er doch, dass dieser ein riesiger Fan von ihm ist und scheint von ihm keine unbedingte Gefahr zu verspüren. Doch die Fords tragen eigene Geheimnisse mit sich, die sie bei Jesse in Misskredit bringen könnten, weswegen sie merklich nervös sind, als sie von dem Outlow rekrutiert werden. Dem depressiven Paranoiker entgeht natürlich nicht die Nervosität der Fords, was Dominik in seinem dritten Akt in einem wahren Nervendrama kulminieren lässt.

Bei The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford handelt es sich weniger um einen klassischen Western als um ein Porträt. Und zwar sowohl von Jesse James als auch von Bob Ford. In vielen ruhigen, teils elegischen Einstellungen zeigt Dominik dem Publikum die Einsamkeit und Isolation von James in seinem eigenem Ruhm. Kameramann Roger Deakins präsentiert dabei umwerfende Landschaftsaufnahmen und großartige Licht- und Bildkompositionen. Auch die Musik von Nick Cave und Warren Ellis unterstützt diese Bilder äußert gelungen, wobei hier vor allem das Theme des Filmes herausragt, welches zugleich eine unglaubliche Belanglosigkeit, aber auch ergreifende Melancholie ausdrückt.

Beides zusammen gipfelt in einer der besten Szenen des Jahres, wenn die James Gang des Nachts einen durch den Wald fahrenden Zug zum Überfallen stoppt. Der Film nimmt sich grundsätzlich viel Zeit, nicht nur um seine Charaktere auszuarbeiten, sondern auch um das Psychospiel zwischen James und den Fords auszureizen. Damit gehört The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford zu jener Art von Filmen, auf die man sich bewusst einlassen muss und darf keine spröde Unterhaltung erwarten. Das Ende hätte sicherlich kürzer geraten können und allgemein ist der Film mitunter etwas langatmig, weiß aber dennoch über die gesamte Laufzeit durch seine poetische Schönheit zu fesseln.

8.5/10