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4. Dezember 2010

Toy Story 3

This is where the magic happens.

Es gibt sie immer, die Vorreiter, die etwas Neues als Erste tun. Oder, wie im Fall von Blade, etwas Altbekanntem neues Leben verleihen. Holte der 1998er Vampir-Thriller von Stephen Norrington die Comics wieder ins Kino, war es drei Jahre zuvor John Lasseters Toy Story, der den Animationsfilm auf eine völlig neue Ebene hob und sein Studio Pixar zu einem der einträglichsten aller Zeiten machte. War Toy Story vor 15 Jahren der erste komplett per CGI kreierte Film, sind es inzwischen die 2D-Zeichentrickfilme, die zur Rarität wurden. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein Studio ein CGI-Abenteuer in die Welt hinausschickt. Bevorzugt inzwischen in der dritten Dimension, wie Despicable Me, Megamind, How to Train Your Dragon und Konsorten zeigen.

Denn 3D ist das neue El Dorado, weshalb es sich auch Pixar nicht nehmen ließ, das Finale ihres Toy Story-Franchises als Toy Story 3D ins Rennen zu schicken. Der Lohn: Der (finanziell) erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (insofern Avatar nicht zählt), mit einem Einspiel von über eine Milliarde Dollar. Pixar also wieder obenauf und wenig dürfte dem obligatorischen Academy Award im Wege stehen, der in Kalifornien meist nach Emeryville statt Glendale wandert. Denn Toy Story 3 folgt der Tradition des Studios, das liebevolle Charaktere in eine abenteuerliche und berührende Geschichte schickt, mit nahezu perfekter CGI erzählt. So verwundert es auch nicht, dass mit einem Jahrzehnt Abstand Toy Story 3 der beste Teil der Reihe ist.

Was Woody (Tom Hanks) in Toy Story 2 befürchtete, ist zu Beginn des dritten Teils längst eingetreten. Andy, nun ein Jugendlicher, der in wenigen Tagen ans College wechselt, spielt seit Jahren nicht mehr mit seinem Lieblingssheriff, Buzz Lightyear (Tim Allen) und dem übrigen Spielzeug. Die Sternenwände sind mit Postern überklebt, Handy und Laptop die neuen Unterhaltungsmedien. Doch Wegwerfen will Andy seine alten Sachen dann doch (noch) nicht. Stattdessen sollen Rex, Hamm, Slinky und Co. auf dem Dachboden eingelagert werden, doch nach einem Missverständnis spendet Andys Mutter das alte Spielzeug nach dessen Intervention nebst der Barbie (Jodi Benson) von Andys Schwester an die Kindertagesstätte Sunnyside.

In Toy Story 3 greift Regisseur und Co-Autor Lee Unkrich die bereits aus den Vorgängern bekannten Themen (Trennungsängste, Rettungsaktionen) wieder auf. Gegrämt von Andys Verhalten freuen sich Buzz und Co. darauf, in Sunnyside neue Spielpartner zu finden. Woody wiederum, der als Einziger mit Andy aufs College darf, appelliert an die Loyalität gegenüber ihrem Besitzer. Doch wie in Toy Story und Toy Story 2 wird die Gruppe versprengt. Woody landet bei einem gut erzogenen Mädchen mit Spiellaune, während seine Freunde in Sunnyside dem tyrannischen Teddybär Lotso (Ned Beatty) anheim fallen. Während sich Lotso, Ken (Michael Keaton) und einige Erlesene von reiferen Kindern knuddeln lassen, dient der Rest als Aggressionsableiter.

Bezeichnend, dass die beiden unterschiedlichen Räume dementsprechend in Caterpillar und Butterfly Room benannt sind. Der Wechsel nach Sunnyside und die erneute Trennung von Woody offeriert Pixar nun die Chance, ihr ganzes Talent zur Schau zu stellen. Dies wird bereits in dem actionreichen und enorm unterhaltsamen Intro deutlich, bleibt jedoch bis zum Finale aufrecht erhalten (wie in der exzellent animierten Mülldeponie-Szene). Toy Story 3 strotzt nur so vor makellosem CGI, sodass man bisweilen glaubt, Lotsos Naht sehen zu können. Auch eine Rückblende von ihm, die erklärt, wieso der einstige Knuddel- zum moralischen Schmuddelbär verkam, hebt sich in Sepiatönen schön vom restlichen farbenfrohen Geschehen ab.

Inhaltlich folgt das Studio dem Hollywood-Rezept der Wiederverwertung. So hebt sich die Handlung zwar von den anderen Teilen nicht ab, besticht jedoch durch das Angebot kreativer Ideen. Gerade der finale Ausbruchplan aus Sunnyside sprießt vor Einfallsreichtum, der nicht einmal ein Buzz im Spanischmodus torpediert. Hilfreich sind dabei auch die neuen Figuren, von denen Stretch (Whoopie Goldberg), Bookworm (Richard Kind) oder Buttercup (Jeff Garlin) nicht minder überzeugen, wie die etwas überpräsenten (und etwas redundanten) Ken und Lotso. Vermag Ken immerhin im kongenialen Duo mit Barbie zu gefallen, hätte man auf den pinken Teddybären gerade im dritten Akt auf der Mülldeponie auch gerne verzichten können.

Etwas schade ist, dass das Publikum von der Welt in Sunnyside nur sehr wenig mitbekommt. Der Butterfly Room verschwindet so schnell wie er kam und einmal im Caterpillar Room angekommen, lernen die Figuren und die Zuschauer von den dortigen Spielzeugen keines näher kennen. Es gibt niemand, der Buzz und Co. unter seine Fittiche nimmt, ihnen die Welt erklärt oder sie in diese einordnet. So wie zum Beispiel Buttercup es für Woody im Kinderzimmer des spielfreudigen Mädchens tut. Hier weicht Toy Story 3 etwas von der Formel der Vorgänger ab. Dort lernte Woody in Toy Story 2 Jessie (Joan Cusack) und Bullseye kennen, traf in Toy Story die Mutant Toys im Nachbarhaus von Sid. Solche Momente fehlen dieses Mal leider.

Genauso wie der Wandel von Lotso eine vertane Chance darstellt. Wo sich Unkrich die Zeit nimmt, der Figur einen tragischen Hintergrund zu schenken, versäumt es der Film, ihr am Ende die Möglichkeit auf Wiedergutmachung zu schenken. Angeblich wiesen auch Testzuschauer das Studio auf diese verfehlte Katharsis hin – was die Negierung umso überraschender macht. Eine etwas betrübliche Entscheidung angesichts des Umstandes, dass sich Toy Story 3 zuvorderst an Kinder richtet. Und so gelungen die Vielzahl der filmischen Referenzen auch ausfällt – von Terminator 2: Judgment Day über The Return of the Jedi und The Bridge on the River Kwai hin zu The Fellowship of the Ring und The Exorcist – wäre hier weniger mehr gewesen.

Ansonsten wird besonders das mögliche Ende der Spielzeuge in den Fokus gerückt, die alt und unbeachtet in ein „Heim“ abgeschoben werden und sich somit auch als Senioren lesen lassen. Toy Story 3 erzählt eine Geschichte von Liebe, die ab einem gewissen Punkt einseitig wurde, jedoch nur dem Kreislauf des Lebens folgte. Während manche wie Woody das Beste daraus machen, zerbrechen andere wie Lotso innerlich. Das aus den Augen aber nicht aus dem Sinn bedeutet, veranschaulicht das sehr berührende Finale, wenn nicht nur von Woody und Co. Abschied genommen wird, sondern auch von Toy Story. “I always wanted to go out with a bang”, sagte Mr. Potato Head zu Beginn. Unkrichs Film ist dies für das Toy Story-Franchise gelungen.

8/10

26. September 2009

Up

Squirrel!

Wenn es um Pixar geht, kann man immer ganz gut die nackten Zahlen sprechen lassen. Von wegen über 4,5 Milliarden Dollar Gesamteinspiel und so. Das ist in etwa genauso beeindruckend wie die vier Oscars als bester Animationsfilm, die Andrew Stanton und Brad Bird für das Studio bisher gewinnen konnten (den Ehrenoscar für Toy Story nicht mit eingerechnet). Sowas animiert jemanden wie Jack Black bei den diesjährigen Academy Awards schon einmal, Späße auf Kosten des eigenen (in diesem Fall ist es DreamWorks Animation) Studios zu führen. Pixar ist also durchaus eine Macht in der Branche, da braucht man nicht drumherum reden. Jedes Jahr kommt ein neues Abenteuer heraus und seit 2001 wurde auch jeder der Filme für den Animationsfilm-Oscar nominiert. Dass dies bei Up ebenfalls so sein dürfte, ist wohl gesichert. Schließlich ist Up der erfolgreichste Pixar seit Finding Nemo und damit der Zweiterfolgreichste überhaupt.

Die Regie führt dieses Mal jedoch weder Andrew Stanton noch Brad Bird und schon gar nicht Ur-Vater John Lasseter. Pete Docter darf sich nach Monster Inc. erneut als Regisseur eines von Pixars abendfüllenden Abenteuer versuchen. Dabei beschreitet das Studio in diesem Jahr etwas neue Pfade, ist der Hauptprotagonist in Up weder ein Spielzeug, noch ein Fisch, ein Auto oder ein Roboter. Es ist ein Opa oder nennen wir ihn lieber Rentner, weil er selbst keine Nachkommen hat. Ein alter Mann also, der nun zwar für Kinder nichts vollkommen Fremdes ist, aber auch nichts so Aktives wie man es bisher vom Studio gesehen hat. Erneut sind es die ersten Minuten, die sich wohl eher an die Großen denn die Kleinen richten. Kam Wall•E zu Beginn noch wie ein Stummfilm daher, so widmet sich Up der Liebesbeziehung zwischen Carl und Ellie. Nach dem kurzen Zusammentreffen in der Kindheit begleitet Docter das Paar von der Hochzeit, bis hin zur Fehlgeburt und schlussendlich Ellies Tod.

Heirat? Kinder? Fehlge-was? Tod? Alles nicht gerade Themen, die auf dem Tagesplan der Zielgruppe stehen. Eher schon das inhaltliche Bonbon für ihre Begleitung, ihre Eltern. Dabei natürlich irgendwie auch über-konservativ, wenn sich Ellie und Carl im Kindesalter begegnen und fortan ihr Leben lang – bis dass der Tod sie scheidet – nicht mehr von der Seite des Anderen weichen. Dabei bildet Ellies Tod letztlich nur die Prämisse des Films, waren Beide doch als Kinder Fans des Abenteurers Charles Muntz und dessen Expedition nach Südamerika. Ein halbes Jahrhundert später wurde jedoch nichts aus dem großen Traum, es Muntz gleich zu tun. Und weil Carls Haus einem Bürokomplex weichen soll, gibt es für den rüstigen Rentner und ehemaligen Ballonverkäufer nun auch kein Halten mehr. Sprichwörtlich. Über Nacht werden Tausende Ballons am Haus befestigt und im Morgen beginnt dann die Reise gen Süden. Das letzte große Abenteuer. Beziehungsweise das erste große Abenteuer.

Mit einem Rentner auf die Reise gehen ist nun wahrscheinlich nicht das Interessanteste für Kinder, zumindest wenn sie sich primär in diesen alten Mann hineinversetzen sollen. Deswegen braucht er einen jungen Sidekick, der hier vom Pfadfinder Russell gegeben wird. Russell ist Asioamerikaner, was man ihm zwar irgendwie ansieht bzw. es mutmaßt, wenn man es nicht vorher bereits wusste, was jedoch auch nicht so deutlich ist, dass es einem nun ins Auge springt. Es scheint so als sei Russell gemeinsam mit der im Dezember kommenden Prinzessin Tiana Disneys neue politisch korrekte Neuerfindung. Was natürlich nur begrüßenswert ist, bedenkt man, dass in 30 Jahren die Kaukasier in den USA ohnehin die Minderheit darstellen werden. Russell ist also der abenteuerlustige Sidekick des zwar immer noch abenteuerlustigen, aber doch auch sehr mürrischen Misanthropen Carl. Alsbald führt ihr Weg dann auch nach Südamerika, doch das Ende ihrer Reise stellt eigentlich erst den Anfang ihres Abenteuers dar.

Könnte und sollte man meinen, doch Docter enttäuscht das Publikum. Als MacGuffin wird ein übergroßer und nerviger Paradiesvogel eingeführt, der nur noch von Dug, einem sprechenden Hund, überboten wird, während dieser wiederum erträglicher erscheint als die anderen sprechenden Hunde. Muntz betritt die Bühne als Abenteurer, der seit einem halben Jahrhundert versucht, jenen Paradiesvogel zu fangen, dessen Existenz die Wissenschaft seit jeher angezweifelt hat. Die Tatsache, dass er seinen Hunden Halsbänder angefertigt hat, die deren Gedanken Worte verleiht, zeugt wohl eindringlich von seiner Einsamkeit, die er verspüren muss. Und des Wahnsinns, der damit einhergegangen ist. Wie Ahab hinter seinen weißen Wal ist Muntz ohne Rücksicht auf menschliche Verluste hinter dem Vogel her, den Russell – ob seiner nervtötenden Art treffend – Kevin genannt hat. Für Carl heißt es fortan altruistisch zu handeln, anstatt nur seine eigenen Interessen zu verfolgen. Und somit auch endlich das Abenteuer zu leben, dessen er sich stets verweigert hat.

Das Problem von Up ist, dass das spannender klingt als es im Endeffekt ist. Denn die Handlung in Südamerika offenbart sich als ziemlich dünn, besteht sie doch nur aus ein, zwei Sequenzen. Diese wiederum versuchen sich darin, möglichst effizient Witze zu reproduzieren, die eine halbe Stunde zuvor noch gewirkt haben. Wie der Eichhörnchen-Gag oder das verstellte Halsband von Dobermann Alpha. Dass die Ideen wiederholt recycelt werden zeugt von der Ideenarmut, die Up heimgesucht hat. Es ist kein wirkliches Tempo drin in der Geschichte und eine besondere Moral am Ende von dieser auch nicht. Zwar weist der Film einige nette und manche ergreifende Einstellung auf, so zum Beispiel Ellies letzter Eintrag in ihr Abenteuertagebuch, aber dies vermag Up leider nicht über seine Laufzeit über Wasser zu halten. Zu uninspiriert ist die Handlung, die Muntz’ Reintegration mehr als deutlich ankündigt und damit weit weniger zu überraschen weiß als Syndromes „Enthüllung“ in The Incredibles.

Insofern will das unausgegorene Drehbuch nicht wirklich funktionieren, da es an einer Handlung wenig bis nichts zu bieten hat, die Witze an einer Hand abzählbar sind und anschließend nur wiederholt werden. Hinzu kommen dann so nervige Nebenfiguren wie Kevin, Dug und die übrigen Hunde, während eine Figur wie Muntz eigentlich überhaupt keinen tieferen Blicks gewürdigt wird. Schon alleine die Reaktion von Russell auf seinen Namen sollte beispielsweise ein Anstoß dafür sein, dass selbst sein Fang eines lebenden Paradiesvogels für die Wissenschaft unerheblich ist. Von der Tatsache, dass er in 50 Jahren nicht im Stande war einen der Vögel zu fangen, dafür aber gut zwei Dutzend Hunden ein sprechendes Halsband zu basteln ganz zu Schweigen. Vieles wirkt in Up zu gezwungen, den Plot voranzutreiben, anstatt sich in dem, was man zu erzählen versucht, mit Detailversessenheit zu verlieren. Die Hingabe eines Brad Bird aus Ratatouille ist hier nur in den wenigsten Einstellungen zu spüren.

Im Vergleich zu anderen Pixars will auch die visuelle Umsetzung nicht immer gefallen. Von anatomischen Besonderheiten wie Carls Kopf, der fast so groß ist wie Russell als vollständige Person soll dabei weit weniger die Rede sein, wie grafischen Schwachpunkten, z.B. Kevins Gefieder. Das hat man bei Pixar schon besser gesehen – man denke nur an den vom Blitz getroffenen Emile – und kennt man auch vom Studio besser. Auch das Potential des südamerikanischen Dschungels wurde nicht vollends ausgeschöpft. Insgesamt kommt das neueste Abenteuer des Animationsriesen reichlich enttäuschend daher und erinnert in seiner Gesamtheit eher an schwächere Filme wie Cars oder A Bug’s Life. An Stanton, insbesondere jedoch Bird, weiß Docter, der mit Monster Inc. ein beachtliches Debüt gegeben hat, noch nicht heranzureichen. Angesichts der Planungen von Pixar für die kommenden Jahre, sollte allerdings schon 2010 mit Toy Story 3 wieder ein veritabler Hit ins Haus stehen.

Des Weiteren lässt sich sagen, dass sich die Präsentation des Films in 3D zu keinem Zeitpunkt auszahlt. Was bei Coraline zumindest hier und da noch zur phantasievollen Erzählung der Geschichte beizutragen wusste, wird hier vollkommen außer Acht gelassen. Dass der Film überhaupt in 3D daherkommt, sieht man diesem nur gelegentlich etwas an, eine Rechtfertigung für die neue Technik, geschweige denn für den gut 30-prozentigen Aufschlag, liefert Up jedoch in keiner einzigen Einstellung. Ähnlich verhält es sich mit der deutschen Synchronisation, bei der lediglich Maximilian Belle als Russell überzeugen kann, während Karlheinz Böhm mitunter vollkommen untergeht. Im Endeffekt lässt sich konstatieren, dass Up zwar nicht groß hinter Animationsfilmen anderer Studios zurücksteht, sich aber den Zusatz, ein Pixarprodukt zu sein, nicht wirklich verdient. Zum Glück machte es The Princess and the Frog im Dezember da besser.

5.5/10

23. September 2008

WALL•E

Try blue, it's the new red!

Vor zwanzig Jahren sind Ally Sheedy und Steve Guttenberg mit Johnny durch die Gegend gehuscht. Gut möglich, dass die aktuelle Generation, die zum Großteil ja noch nicht mal A New Hope gesehen hat, mit den Namen Sheedy und Guttenberg gar nichts anfangen kann. Und Short Circuit, zu deutsch Nummer 5 lebt!, haben sie eventuell auch noch nie gesehen. Dabei dient John Badhams Film – Badham kennt die Generation wohl auch nicht (mehr) – als Inspiration für Pixars neuesten Kinohelden. WALL•E ist von seinem äußeren Erscheinungsbild fraglos Johnny aus Short Circuit nachempfunden, während seine naive Psyche Ähnlichkeiten zu Steven Spielbergs E.T. – The Extraterrestrial offenbart. Und da WALL•E zu einem Teil auch im All spielt, kommt Regisseur Andrew Stanton auch um Verweise zu Stanley Kubricks zeitlosem Meisterwerk 2001: A Space Odyssey nicht herum. Also viel geklaut und wenig eigenständiges? Nicht unbedingt. Natürlich sind viele Komponenten von Pixars Neuem nicht sondern neu und die Referenzen tun ihr übriges, doch obschon Stanton eine recht spannungsarme und einfach gestrickte Geschichte erzählt, kann sein Film die meiste Zeit hinweg unterhalten. Zumindest bei der Erstsichtung. Doch was ein Pixar ist, verfügt über ausreichend Eigenschaften, um ein Erfolgsgarant zu werden. Zwar steht das konkurrierende DreamWorks Animationsstudio Pixar bei den Einspielen kaum nach – beiden Studios erzielten mit ihren digitalen Filmen bisher über vier Milliarden Dollar – doch werden die Pixars dennoch im Auge der Öffentlichkeit und der Kritiker anders wahrgenommen. Acht Academy Awards konnte Pixar bisher für sich verbuchen, während DreamWorks lediglich bei Shrek und Wallace & Gromit erfolgreich war. Während die Shrek-Trilogie bei DreamWorks für die Hälfte des Einspiels verantwortlich ist, sind die Erfolgsgaranten bei Pixar ebenjene Oscarpreisträger Andrew Stanton und Brad Bird.

Pixar ist ein Zauberwort, welches meist immer funktioniert. Selbst mit schlechten Beiträgen wie John Lassetters Cars hatte man noch Erfolg, wobei der Maßstab sicherlich von Brad Bird gesetzt wurde. Seine The Incredibles und Ratatouille trieben die digitale Animationsschmiede ein gutes Stück vorwärts, ähnlich wie es bereits Stanton mit Finding Nemo zuvor gelungen war. Und auch mit WALL•E verliert sich Stanton wieder in Nebensächlichkeiten, erzählt an der Geschichte vorbei und schadet damit dem Fluss der Handlung. Was einst Marlin und Dory war, ist heute einfach WALL•E und EVE – Stantons konzeptueller Aufbau damit relativ simpel strukturiert. Dass Stanton die Idee zum Film bereits vor 13 Jahren gekommen sein soll, macht das ganze im Grunde nur noch enttäuschender. Was wenn man vergisst den letzten Roboter auf der Erde auszuschalten? Das ist die Prämisse für Stantons Geschichte, die in dieser Form bereits wackelig aufgebaut ist. Zwar sieht man nicht viele WALL•E's in WALL•E, doch wundert es, weshalb gerade ein einziger von ihnen vergessen wurde auszuschalten. Wirklich nötig für den Startschuss des Filmes ist es sicherlich nicht. Da passt es nur perfekt hinein, dass auch scheinbar nur eine Küchenschabe überlebt hat, von jeglichen anderen Lebewesen ganz zu schweigen. Stanton wirft das Publikum einfach hinein in sein 22. Jahrhundert, in welchem kein Leben mehr auf der Erde existiert. Stattdessen sind die Straßen voll von Müll, ganze Skylines baut WALL•E aus seinen Müllwürfeln. Wieso die Welt so ist, wie sie Stanton hier zeichnet, erklärt er nicht. Natürlich findet sich eine Andeutung, selbstverständlich ist der Mensch Schuld. Er wurde immer bequemer, die Arbeiten auf Roboter verlagert. „There's no need to walk!“, prophezeit eine Reklame zu Beginn des Filmes. Doch was passiert ist, erfährt man nicht.

Wenn man jedoch wie Stanton eine sozialkritische Komponente in seinen Film einbaut, die weit über den kleinen moralischen Zeigefinger geht, den man sonst aus Animationsfilmen (Und die Moral von der Geschicht: …) gewohnt ist, enttäuscht das. Wieso wurde die Welt so schmutzig, wo sind die anderen Lebewesen? Diese Fragen, welche die Menschen betreffen, ignoriert der Film durchweg. So wundert sich der Kommandant der Axiom später auch nicht, den Anweisungen eines siebenhundert Jahre alten Präsidenten zufolgen. Scheinbar bestand kein Kontakt zwischen der Exekutive und ihren Untertanten, andernfalls lässt sich das Verhalten des Kommandanten nicht erklären. Natürlich ist WALL•E vordergründig eine Geschichte über die Liebe zweier Individuen zueinander. Da Stanton diese Romanze jedoch in ein sozialkritisches Umfeld setzt, muss er für jenes auch Verantwortung zeigen. Woher kommen zum Beispiel die Babys auf der Axiom? Hierbei muss es sich ja um Retortenkinder handeln, zeigt das Verhalten von John und Mary doch, dass ein sexuelles Interesse zwischen den Passagieren im Grunde nicht vorhanden ist. Aber hierfür bleibt Stanton ebenso ein Antwort schuldig, wie für die Intention von BnL seine Bürger subversiv zur Füllerei aufzurufen. Die Verblüffung von Mary bei ihrer Entdeckung ist zwar eine nette Referenz zu John Carpenters They Live, doch fehlt auch hier die inhaltliche Tiefe.

In WALL•E konfrontiert Stanton das Publikum also mit gesellschaftlicher Sozialkritik, die auf keinen fundierten Boden aufbaut und somit letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem, da der Film auch überhart mit der menschlichen Rasse ins Gericht geht. Natürlich sucht der Mensch nach bequemeren Wegen und wenn er in einem Hovercraft-Sessel sitzen könnte, würde er dies tun. Aber nicht unentwegt, zumindest nicht ein Teil der Menschheit. Jenen Teil präsentiert Stanton allerdings nichts. Bei ihm sind die Menschen eher Kollektiv als Individuen, alle gleich gestrickt, ohne irgendeine Eigenständigkeit in welcher Art auch immer. Das ist zwar in seiner Kontradiktion zu den Robotern durchaus mit einem gewissen Sinn versehen, der jedoch wenig plausibel erscheint. Schließlich ist der Mensch dafür bekannt, Beziehungen zu bestimmten Ob- oder Subjekten aufzubauen. Das zeigt bereits die erste Begegnung, die WALL•E mit einem Menschen (John) hat. Sofort findet eine Identifikation und Akzeptanz statt – und zwar gegenüber WALL•E als eigenständigem Individuum. Daher ist auch hier die Kontradiktion des Menschen als lebloser Kreatur und des Roboters als Gefühlswesen wenig fundiert. Somit verliert sich Stanton mit seinem Sozialrüffel etwas im Sande, zieht das ganze Thema viel zu groß auf, ohne sich ernsthaft damit auseinander zu setzen. Wie es besser geht, haben Tim Johnson und Karey Kirkpatrick vor zwei Jahren mit Over the Hedge gezeigt, in welcher dieselbe Kritik in einer einzigen Einstellung auf denselben Nenner gebracht wurde. Generell hat Stanton Probleme eine stringente Handlung zu skizzieren, was bereits die etwaigen „Abkürzungen“ in Finding Nemo gezeigt haben, die auch hier in WALL•E erneut zu findet sind. Diese redundanten Momente wie das unentwegte Bennennen der beiden Titelfiguren untereinander („WALL•E!“ – „Eeeeeva!“ – „WALL•E“ – „Eeeeeva!“, ff.) wirken hier etwas eintönig mit der Zeit.

Nichtsdestotrotz weiß WALL•E die meiste Zeit zu unterhalten, was jedoch bei einer Zweitsichtung bereits wieder anders aussehen kann. Vordergründig liegt dies natürlich an seinen infantilen Robotern, allen voran WALL•E und der Reinigungsroboter M-O, der sich im wahrsten Sinne des Wortes zum running gag („Foreign contaminant!“) entwickelt. Wie immer in Animationsfilmen sind es daher die unmenschlichen Wesen, denen menschliche Züge verliehen werden. Dies gelingt bei den Robotern nicht weniger als im Fall eines Ratatouille bei Ratten. Am meisten profitiert hier natürlich EVE, die ihr Augen-Pixel ebenso variieren kann, wie ihre Seitenflügel. Da haben es WALL•E und M-O durchaus schwerer. Hier ist es meist die Motorik, die für emotionale Ausdrücke steht, ebenso wie die Töne, welche die Roboter machen. So kommt man natürlich nicht umhin ein Lob an Ben Burtt auszusprechen, der neben den beiden Robotern auch noch allgemein für den Ton im Film verantwortlich war. Dass Burtt dabei für Pixar der richtige Mann schien, findet sich in dessen Filmographie, die seine Beteiligung an der Star Wars-Reihe sowie E.T. offenbart. Neben dem Sound ist es auch die musikalische Komposition von Thomas Newman, welche für die Erzeugung der liebevollen Atmosphäre sorgt. Die Symbiose aus Burtts Ton und Newmans Musik ist die meiste Zeit unwiderstehlich und vereint sich mit den exzellenten Effekten – die man von Pixar gewöhnt ist – zu einem tollen audio-visuellen Erlebnis. Wie hier bei Pixar stets die Grenzen weiter nach vorne geschoben werden, ist beeindruckend. Ebenso wie die Müllskyline oder WALL•Es Weltraumflug zur Axiom. Hier verspricht sich wieder einmal ein spannender Zweikampf im Frühjahr bei den Academy Awards zwischen Pixars Film und Kung Fu Panda, DreamWorks zumindest optisch nicht minder gelungenem Beitrag.

Abgesehen von all den Kritikpunkten ist WALL•E jedoch eine gelungene Liebesgeschichte, zwischen zwei Robotern. Die Persönlichkeit, die WALL•E über die Dauer von 700 Jahren hinweg entwickelt hat, ist so unschuldig wie hinreißend. Die Beziehung zu seinem einzigen Freund, der Küchenschabe, nicht weniger ergreifend wie gegenüber EVE. Seine Flirtversuche sind es hierbei, die das Publikum zum Lachen bringen, wenn WALL•E nach einer Bespitzelungsaktion fluchtartig Reißaus nimmt und letztlich von einer Kolonne Einkaufswagen umgefahren wird. Es ist das ein Videoband des Musicalfilms Hello, Dolly in welchem sich WALL•E's Sehnsüchte manifestieren. Der Ausdruck von Zuneigung und Liebe durch Händehalten wird für den kleinen Roboter zum Lebensinhalt. Gerade in der Simplizität dieser Geste liegt die ganze Unschuld jenes wandelnden Schaltkreises. Dennoch lassen sich auch Kritikpunkte an seinem Verhalten findet, „zwingt“ er EVE schließlich zu ihrem ersten „Händchenhalten“ und entwickelt sich bisweilen zum unermüdlichen Stalker. Doch man nimmt es ihm nicht wirklich übel, sieht darüber hinweg, und lässt sich in diese sympathische Welt entführen, die einige geniale Einfälle birgt, aber grundsätzlich an der lax ausgearbeiteten Geschichte zu knabbern hat. Hier ist Bird seinem Pixar-Kollegen doch weit voraus, auch wenn es in seinen Filmen weniger um den „Ach wie süß“-Faktor geht, als durch seine Handlung zu punkten. Insgesamt ist WALL•E fraglos ein sehenswerter Film, der sich nahtlos in die beispielhafte Filmographie von Pixar einreiht. Ob er jedoch nach der zweiten oder dritten Sichtung immer noch funktioniert, bleibt abzuwarten. Lobenswert ist an dieser Stelle auch erneut Pixars Kurzfilm vor dem Hauptfilm. War Lifted damals vor Ratatouille etwas eintönig, so ist Presto diesmal eine meisterhafte Leistung und regt im Grunde sogar mehr zum Lachen an, als es dem anschließende Abenteuer von WALL•E zu gelingen vermag.

8/10

11. Dezember 2007

Ratatouille

I killed a man... with this thumb.

Dass 150 Millionen Dollar Budget heutzutage nicht mehr viel aussagen, dürfte hinlänglich bekannt sein, hat es sich doch schon fast zum Durchschnittsbudget für Filme entwickelt, die sich Erfolg an den Kinokassen versprechen. Wer jedoch das Ausmaß der Arbeit an einem, bzw. diesem Animationsfilm nachvollziehen will, der schaue sich den Abspann an. Unglaublich viele Menschen arbeiten da für eines der erfolgreichsten Filmstudios aller Zeiten, wenn nicht sogar für das erfolgreichste. Wer sonst kann schon mit einem durchschnittlichen Einspiel von über 500 Millionen Dollar aufwarten? Oder mit drei Oscars bei sieben Nominierungen? Von dem Erfolg von Pixar kann DreamWorks Animations wie der Name schon sagt nur träumen. Zwar haben auch die mit Shrek einen Oscarpreisträger in den Reihen und wirtschaftlich braucht sich die Shrek-Reihe mit nahezu identischen Einspielen vor den drei erfolgreichsten Vertretern von Pixar (Finding Nemo, The Incredibles, Ratatouille) nicht verstecken, danach ist aber erstmal gähnende Leere. Mit ihren bisherigen acht Filmen konnte Pixar weltweit über vier Milliarden Dollar einnehmen und Ratatouille hat aussichtsreiche Chancen den vierten Oscar nächstes Jahr abzustauben.

Am Ruder der Maschinerie saß wieder Brad Bird, der hier seine Rekorde mit The Incredibles versucht zu brechen, für die er 2004 einen der bisherigen drei Oscars erhielt. Nach dem etwas aus der Bahn geratenen Cars von letztem Jahr ist Pixar also wieder auf der Überholspur. Was genau bei Cars schief lief lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, vielleicht konnte man aus den Autos nicht genug Menschlichkeit herausholen oder die Story war einfach nur zu plump gewesen. Ratatouille folgt da doch den guten alten Mustern. Wobei ich immer noch der Überzeugung bin, dass es bei Pixar oder DreamWorks einen Spion geben muss, da sich die zoologische Analogie der Studios doch stark ähnelt. Konkurrierten 1998 zwei Ameisen miteinander (A Bug’s Life/Antz), zog DreamWorks 2004 mit Shark Tale dem Fischerfolg von Finding Nemo aus dem Vorjahr nach. In Ratatouille haben wir es wieder mit einer Ratte zu tun, nachdem bereits DreamWorks letztes Jahr mit Flushed Away eine solche auf eine ungewohnte Mission geschickt hat. Wie dem auch sei, Brad Bird pfeffert seinen Film mit gehörigen Anekdoten zu seinem Vorgänger The Incredibles und verlieh seinen Figuren Namen von französischen Kriegshelden (Gilbert „Col. Rémy“ Renault) oder Schauspielerinnen (Audrey Tautou).

Rémy ist seines Lebens als Ratte überdrüssig. Immer nur mit seinem Vater Django und seinem Bruder Èmile den Müll nach Essen zu durchstöbern widerstrebt ihm. Da begeistert er sich doch mehr für die french cuisine des Auguste Gusteau, dem besten Koch Frankreichs. Als Rémy bei dem Versuch einen Pilz zu würzen erfährt, dass Gusteau verstorben ist, nachdem man ihm zwei seiner fünf Sterne aberkannt hat und sein Clan anschließend vor der Hausherrin fliehen muss, schlägt es ihn wie der Zufall will vor Gusteaus Restaurant in Paris. Dort kann er gerade noch eine Suppe retten, die der Tellerwäscher Linguini vermasselt hat. Als dieser Rémys Talent erkennt, machen die beide gemeinsame Sache, denn während Rémy als Ratte nicht in die Küche darf, kann Linguini dummerweise absolut nicht kochen. Die Suppe von Rémy verleiht dem blassen Restaurant neuen Glanz und alsbald wirbelt Linguini mit Rémys Hilfe die Küche ganz schön durcheinander. Dass führt nicht nur zur Aufmerksamkeit der kessen Colette, sonder erregt auch die Missgunst des Küchenchefs Skinner. Der glaubte sich nämlich schon im Besitz von Gusteaus Lokalität, als er herausfindet, dass Linguini Gusteaus rechtmäßiger Erbe ist!

Es ist natürlich eine herrliche Idee, dass gerade eine Ratte ihre Liebe für das Kochen entwickelt, so sie das Wesen ist, welches in der Küche am wenigsten erwünscht ist. Gut war auch der Gedanke von Bird, Rémy zu „entmenschlichen“, so läuft er schließlich nicht auf zwei Beinen, um wie die Menschen zu sein, sondern um das Essen nicht mit seinen schmutzigen Pfoten anzufassen. Rémy und Linguini geben dabei ein köstliches Gespann ab und sorgen mehrfach für Lacher, ebenso wie Rémys Bruder Èmile, der mich unentwegt an Nick Frost erinnert hat. Grandios sind die Animationen, nicht nur von Paris bei Nacht oder der Abwasserleitung, sondern auch in den kleinen Details. Wenn sich Rémys Brustkorb sichtlich hebt und senkt, je nachdem ob er gerannt ist oder nicht, ist das nur noch beeindruckend. Die Mühe und Liebe, welche die Beteiligten in ihre Filme stecken, sind erstaunlich, z.B. wenn sie einen Komposthaufen beobachten, um festzustellen wie Essen verfällt und verfault oder Mitarbeiter ins Wasser schmeißen, um zu sehen an welchen Stellen die Kleider am Körper kleben bleiben.

Pixar und Brad Bird ist mit Ratatouille wieder ein außerordentlicher Animationsfilm gelungen, welcher den Maßstab seines Genres widerspiegelt und bei DreamWorks für bitterböses Zähneknirschen sorgen dürfte. Allerhöchstens das bessere Drehbuch könnte Ratatouille vielleicht den Oscar im nächsten Jahr an Persepolis kosten, das kann ich persönlich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen. Der Witz der in Ratatouille steckt, indem der Kritiker Anton Ego in einem sargförmigen Zimmer auf einer totenkopfförmigen Schreibmaschine schreibt, ist großartig, auch wenn die Handlung an manchen Stellen kurz ins Stocken gerät oder der Marionettenwitz mit Rémy und Linguini irgendwann ausgelutscht wirkt. Da es sich um einen Film über das Kochen handelt, und gerade ja vor allem in Deutschland das Kochfieber ausgebrochen ist, sodass man sich kaum noch auf einem Kanal vor Pfannen und Kleingehacktem schützen kann, darf eine Nebenrolle für den deutschen Starkoch Tim Mälzer, der bezeichnenderweise den deutschen Koch Horst spricht, nicht fehlen. Wie immer liefert Pixar einen Film, der Großen genauso gut zu gefallen weiß wie Kleinen.

8.5/10