11. Dezember 2007

Ratatouille

I killed a man... with this thumb.

Dass 150 Millionen Dollar Budget heutzutage nicht mehr viel aussagen, dürfte hinlänglich bekannt sein, hat es sich doch schon fast zum Durchschnittsbudget für Filme entwickelt, die sich Erfolg an den Kinokassen versprechen. Wer jedoch das Ausmaß der Arbeit an einem, bzw. diesem Animationsfilm nachvollziehen will, der schaue sich den Abspann an. Unglaublich viele Menschen arbeiten da für eines der erfolgreichsten Filmstudios aller Zeiten, wenn nicht sogar für das erfolgreichste. Wer sonst kann schon mit einem durchschnittlichen Einspiel von über 500 Millionen Dollar aufwarten? Oder mit drei Oscars bei sieben Nominierungen? Von dem Erfolg von Pixar kann DreamWorks Animations wie der Name schon sagt nur träumen. Zwar haben auch die mit Shrek einen Oscarpreisträger in den Reihen und wirtschaftlich braucht sich die Shrek-Reihe mit nahezu identischen Einspielen vor den drei erfolgreichsten Vertretern von Pixar (Finding Nemo, The Incredibles, Ratatouille) nicht verstecken, danach ist aber erstmal gähnende Leere. Mit ihren bisherigen acht Filmen konnte Pixar weltweit über vier Milliarden Dollar einnehmen und Ratatouille hat aussichtsreiche Chancen den vierten Oscar nächstes Jahr abzustauben.

Am Ruder der Maschinerie saß wieder Brad Bird, der hier seine Rekorde mit The Incredibles versucht zu brechen, für die er 2004 einen der bisherigen drei Oscars erhielt. Nach dem etwas aus der Bahn geratenen Cars von letztem Jahr ist Pixar also wieder auf der Überholspur. Was genau bei Cars schief lief lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, vielleicht konnte man aus den Autos nicht genug Menschlichkeit herausholen oder die Story war einfach nur zu plump gewesen. Ratatouille folgt da doch den guten alten Mustern. Wobei ich immer noch der Überzeugung bin, dass es bei Pixar oder DreamWorks einen Spion geben muss, da sich die zoologische Analogie der Studios doch stark ähnelt. Konkurrierten 1998 zwei Ameisen miteinander (A Bug’s Life/Antz), zog DreamWorks 2004 mit Shark Tale dem Fischerfolg von Finding Nemo aus dem Vorjahr nach. In Ratatouille haben wir es wieder mit einer Ratte zu tun, nachdem bereits DreamWorks letztes Jahr mit Flushed Away eine solche auf eine ungewohnte Mission geschickt hat. Wie dem auch sei, Brad Bird pfeffert seinen Film mit gehörigen Anekdoten zu seinem Vorgänger The Incredibles und verlieh seinen Figuren Namen von französischen Kriegshelden (Gilbert „Col. Rémy“ Renault) oder Schauspielerinnen (Audrey Tautou).

Rémy ist seines Lebens als Ratte überdrüssig. Immer nur mit seinem Vater Django und seinem Bruder Èmile den Müll nach Essen zu durchstöbern widerstrebt ihm. Da begeistert er sich doch mehr für die french cuisine des Auguste Gusteau, dem besten Koch Frankreichs. Als Rémy bei dem Versuch einen Pilz zu würzen erfährt, dass Gusteau verstorben ist, nachdem man ihm zwei seiner fünf Sterne aberkannt hat und sein Clan anschließend vor der Hausherrin fliehen muss, schlägt es ihn wie der Zufall will vor Gusteaus Restaurant in Paris. Dort kann er gerade noch eine Suppe retten, die der Tellerwäscher Linguini vermasselt hat. Als dieser Rémys Talent erkennt, machen die beide gemeinsame Sache, denn während Rémy als Ratte nicht in die Küche darf, kann Linguini dummerweise absolut nicht kochen. Die Suppe von Rémy verleiht dem blassen Restaurant neuen Glanz und alsbald wirbelt Linguini mit Rémys Hilfe die Küche ganz schön durcheinander. Dass führt nicht nur zur Aufmerksamkeit der kessen Colette, sonder erregt auch die Missgunst des Küchenchefs Skinner. Der glaubte sich nämlich schon im Besitz von Gusteaus Lokalität, als er herausfindet, dass Linguini Gusteaus rechtmäßiger Erbe ist!

Es ist natürlich eine herrliche Idee, dass gerade eine Ratte ihre Liebe für das Kochen entwickelt, so sie das Wesen ist, welches in der Küche am wenigsten erwünscht ist. Gut war auch der Gedanke von Bird, Rémy zu „entmenschlichen“, so läuft er schließlich nicht auf zwei Beinen, um wie die Menschen zu sein, sondern um das Essen nicht mit seinen schmutzigen Pfoten anzufassen. Rémy und Linguini geben dabei ein köstliches Gespann ab und sorgen mehrfach für Lacher, ebenso wie Rémys Bruder Èmile, der mich unentwegt an Nick Frost erinnert hat. Grandios sind die Animationen, nicht nur von Paris bei Nacht oder der Abwasserleitung, sondern auch in den kleinen Details. Wenn sich Rémys Brustkorb sichtlich hebt und senkt, je nachdem ob er gerannt ist oder nicht, ist das nur noch beeindruckend. Die Mühe und Liebe, welche die Beteiligten in ihre Filme stecken, sind erstaunlich, z.B. wenn sie einen Komposthaufen beobachten, um festzustellen wie Essen verfällt und verfault oder Mitarbeiter ins Wasser schmeißen, um zu sehen an welchen Stellen die Kleider am Körper kleben bleiben.

Pixar und Brad Bird ist mit Ratatouille wieder ein außerordentlicher Animationsfilm gelungen, welcher den Maßstab seines Genres widerspiegelt und bei DreamWorks für bitterböses Zähneknirschen sorgen dürfte. Allerhöchstens das bessere Drehbuch könnte Ratatouille vielleicht den Oscar im nächsten Jahr an Persepolis kosten, das kann ich persönlich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen. Der Witz der in Ratatouille steckt, indem der Kritiker Anton Ego in einem sargförmigen Zimmer auf einer totenkopfförmigen Schreibmaschine schreibt, ist großartig, auch wenn die Handlung an manchen Stellen kurz ins Stocken gerät oder der Marionettenwitz mit Rémy und Linguini irgendwann ausgelutscht wirkt. Da es sich um einen Film über das Kochen handelt, und gerade ja vor allem in Deutschland das Kochfieber ausgebrochen ist, sodass man sich kaum noch auf einem Kanal vor Pfannen und Kleingehacktem schützen kann, darf eine Nebenrolle für den deutschen Starkoch Tim Mälzer, der bezeichnenderweise den deutschen Koch Horst spricht, nicht fehlen. Wie immer liefert Pixar einen Film, der Großen genauso gut zu gefallen weiß wie Kleinen.

8.5/10

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