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2. März 2012

John Carter

„Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.“
(Friedrich Schiller – Wallensteins Tod, I, 1)

Die technische Revolution des Kinos im vergangenen Jahrzehnt wirkte Wunder für das Genre des Fantasy-Films. Peter Jacksons Lord of the Rings-Verfilmungen generierten ein Einspiel in Milliardenhöhe, James Cameron zog mit Avatar vor ein paar Jahren nach. Eine ganze phantastische Welt, gerendert aus Rechnern, bestehend aus Bits und Bytes. Wenn nicht jetzt, wann dann sollte also das Projekt A Princess of Mars aus seiner fast 80 Jahre währenden development hell auferstehen? Denn der Fantasy-Roman von Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs, zuerst 1912 als Under the Moons of Mars publiziert, sollte bereits in den 1930er Jahren als erster Animationsfilm der Geschichte umgesetzt werden.

Stattdessen lag das Projekt Jahrzehnte lang auf Eis, während unter anderem Filme wie Star Wars und ebenjener Avatar von Burroughs’ sogenannten Barsoom-Romanen, die A Princess of Mars einläutete, inspiriert wurden. Wie passend, dass Disney nun zum 100-jährigen Jubiläum von Burroughs’ erstem literarischen Erzeugnis mit John Carter, dem Spielfilmdebüt des Pixar-Regisseurs Andrew Stanton, aufwartet. Mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und gefühlt ebenso vielen digitalen Effekten könnte John Carter nach The Hobbit: An Unexpected Journey das Fantasy-Highlight des Kinojahres 2012 werden. Und eines dürfte sicher sein: Edgar Rice Burroughs wäre mit dem Film wohl mehr als zufrieden.

Vordergründig geht es in John Carter um Existenzpolitik auf dem Mars, von Burroughs Barsoom genannt. Die übernatürliche Rasse der Therns rund um Matai Shang (Mark Strong) stattet Sab Than (Dominic West), Anführer der Stadt Zodanga, mit einer gewaltigen Waffe aus. Den Untergang seiner Stadt Helium vermag deren Anführer Tardos Mors (Ciarán Hinds) nur zu verhindern, indem er seine Tochter Dejah Thoris (Lynn Collins) mit Than vermählt. Auf ihrer darauf folgenden Flucht wird sie von John Carter (Taylor Kitsch) gerettet, einem Erdenmenschen und Veteran des US-Bürgerkriegs aus Virginia, der nach dem Verlust seiner Familie dem Krieg abgeschworen hat und zufällig nach Barsoom transportiert wurde.

Mars ist in der römischen Mythologie der Gott des Krieges und seinem Namensgeber wird Barsoom im Folgenden auch gerecht. Denn von einem Bürgerkrieg scheint Carter direkt zum nächsten zu gelangen. Bemerkenswert gerät hierbei die Darstellung des Helden. Aufgrund der geringeren Schwerkraft des Mars verfügt Carter über eine gesteigerte (Sprung-)Kraft. Was ihn in gewisser Weise zu einer Art Proto-Superman macht: Ein Fremdling von einem anderen Planeten, der in seiner neuen Umgebung gegenüber deren Einwohnern über enorme Kräfte verfügt. Diese erregen die Aufmerksamkeit des grünen Marsianers und Anführers der Tharks, Tars Tarkas (Willem Dafoe), der Carter gefangen nimmt.

Es sind nun seine übernatürlichen Kräfte, die den Erdenmenschen sowohl für Tars Tarkas als auch für Dejah Thoris so interessant machen. Denn als er die Prinzessin während einer Luftschlacht mit Sab Than rettet und sein Kraftpotential zur Schau stellt, ernennt ihn Tarkas zum Thark ehrenhalber. Nur will der als kriegsmüde eingeführte Carter weder für die Tharks noch für Helium kämpfen – trotz des Bittens und Drängens von Thoris. Diese soll ihn stattdessen zu einer heiligen Stätte der Therns führen, wo sich Carter Anleitungen für seine Heimkehr erhofft. Dabei dürfte es wenig überraschen, dass sich der Kriegsveteran nach einer Katharsis letztlich doch noch auf die Seite der gefährdeten Marsianer schlagen wird.

Unweigerlich fallen in John Carter also der Aspekt des Fremden in einer fremden Welt und die Ähnlichkeit zu Camerons Avatar auf. In beiden Fällen hilft ein US-Kriegsveteran einer außerirdischen Rasse bei ihrem Kampf gegen einen übermächtig erscheinenden tyrannischen Gegner – und verliebt sich in die Prinzessin ebenjener Rasse. Ist John Carter folglich nur der Avatar von 2012? Nicht wirklich. Dafür ist Stantons Film zu sehr im Fantasy-Genre verhaftet, trotz seiner vorhandenen SF-Elemente wie der wandernden Stadt Zodanga und den Fluggeräten der roten Marsianer. Vielmehr erinnert die Geschichte auch aufgrund ihres Wüstensettings an He-Man oder eine jugendgerechte Version von Conan der Barbar.

Dabei gelang Burroughs eine interessante Verschmelzung von futuristischen und antiken Vorstellungen. Leicht bekleidete Marsianer kämpfen mit Schwertern auf fliegenden Luftschiffen, Dejah Thoris ist einerseits ganz klassische Prinzessin, andererseits kundig in den Wissenschaften, insbesondere der Astronomie. Wie das alles genau funktioniert, versucht John Carter erst gar nicht zu beantworten. Und das kann er vermutlich auch gar nicht, erscheint Burroughs hier erschaffene Welt zu groß und komplex für einen zweistündigen Film. Etwas unter geht da zum Beispiel die Bedeutung, dass Tars Tarkas in Sola (Samantha Morton) eine Tochter hat, obschon Tharks keine Elternschaft billigen.

Ähnlich verhält es sich mit der Mitteilung zu Beginn, dass Barsoom im Sterben liegt. Dies ist weniger für die folgende Handlung von imminenter Bedeutung, sondern eher ein roter Faden für eine sicherlich intendierte Fortsetzung, sollte der erste Film von Erfolg gekrönt sein. Zwar gibt sich John Carter reichlich Mühe, offene Fragen ausreichend – sowohl was die Inanspruchnahme der Laufzeit als auch den Erklärungsbedarf angeht – zu beantworten, völlig zufriedenstellend gerät das allerdings nicht immer. Weniger mit einem „aha!“ als mit einem „okay...“ bedenkt man als Zuschauer daher dann, wenn Matai Shang gegenüber Carter später die Intentionen und Aktivitäten der Therns auf Barsoom erkärt.

Allzu störend gerät dies jedoch nicht, da Stanton gekonnt die Welt von Burroughs auf die Leinwand transferiert. Nicht zuletzt verdankt sich dies der überzeugenden Digitaleffekte, die für die glaubwürdige Kreation der Tharks zuständig sind. Aber auch sonst wirkt die Welt von John Carter lebendig, obschon stets zu erkennen ist, was aus dem Rechner stammt und was sich tatsächlich im Studio vor dem green screen befunden hat. Möglich macht dies auch die Tatsache, dass die Tharks abgesehen vom ersten Akt und Solas späterer Involvierung weitaus weniger präsent sind als man vermuten würde, und der Film speziell in seinem Mittelteil eher den Genres des Road Movie und Abenteuerfilm zuzurechnen ist.

Wer sich also auf den Fantasy-Aspekt der Geschichte einlässt, dürfte kaum enttäuscht werden. Ähnlich wie im Dezember sein Pixar-Kollege Brad Bird mit Mission: Impossible - Ghost Protocol reüssiert auch Andrew Stanton mit seinem ersten Ausflug in die Gefilde des Live-Action-Films. Hierbei beschränkt er sich auf die Erzählung der inzwischen 100 Jahre alten Geschichte, ohne sich allzu sehr in einem politischen Subtext zu verlieren wie beispielsweise Avatar. John Carter hat keine direkte Moral, auch wenn sich Parallelen zur Zeitgeschichte finden lassen würden. So lernt Carter, dass es durchaus wert sein kann Kriege zu führen, solange es etwas gibt, das es zu bewahren gilt. Selbst wenn dies nur ein love interest ist.

Erwähnenswert ist dabei die Rolle von Lynn Collins’ Mars-Prinzessin, die zwar auch love interest ist, zusätzlich jedoch nicht nur über reichlich wissenschaftliche Kenntnisse verfügt, sondern auch über ansprechende Schwertkünste. Genauso sind die übrigen zentralen Figuren des Films mehr als nur Abziehbilder aus dem Blockbuster-Panini-Heft. Tars Tarkas darf sich ebenso wie Sola von ihrem Volk durch empathische Züge abgrenzen, James Purefoys merklich unterforderter Kantos Kan hinterlässt einen charmanten Eindruck als loyaler Captain von Helium und selbst Bryan Cranstons lediglich zu Beginn auftauchender Konföderierten-Colonel erlebt in seinen wenigen Minuten eine sympathische Wandlung.

Somit ist Disneys John Carter in seiner Summe ein imposantes und vergnügliches Fantasy-Epos, dem man allenfalls vorwerfen kann, mehr in seinen zwei Stunden erzählen zu wollen, als ihm vielleicht gut tut. Womöglich wäre es einfacher gewesen, die Handlung von A Princess of Mars nicht noch durch den komplexen Subplot mit Matai Shang und den Therns zu erweitern. An der gelungenen Adaption von Andrew Stanton ändert dies allerdings wenig, die neben einer spannenden neuen Welt mit sympathischen Figuren und überzeugenden Digitaleffekten (sowie einer zwar überflüssigen, aber nicht störenden 3D-Konvertierung) aufwartet. Die fast 80 Jahre andauernde development hell hat sich folglich gelohnt.

8/10

26. September 2009

Up

Squirrel!

Wenn es um Pixar geht, kann man immer ganz gut die nackten Zahlen sprechen lassen. Von wegen über 4,5 Milliarden Dollar Gesamteinspiel und so. Das ist in etwa genauso beeindruckend wie die vier Oscars als bester Animationsfilm, die Andrew Stanton und Brad Bird für das Studio bisher gewinnen konnten (den Ehrenoscar für Toy Story nicht mit eingerechnet). Sowas animiert jemanden wie Jack Black bei den diesjährigen Academy Awards schon einmal, Späße auf Kosten des eigenen (in diesem Fall ist es DreamWorks Animation) Studios zu führen. Pixar ist also durchaus eine Macht in der Branche, da braucht man nicht drumherum reden. Jedes Jahr kommt ein neues Abenteuer heraus und seit 2001 wurde auch jeder der Filme für den Animationsfilm-Oscar nominiert. Dass dies bei Up ebenfalls so sein dürfte, ist wohl gesichert. Schließlich ist Up der erfolgreichste Pixar seit Finding Nemo und damit der Zweiterfolgreichste überhaupt.

Die Regie führt dieses Mal jedoch weder Andrew Stanton noch Brad Bird und schon gar nicht Ur-Vater John Lasseter. Pete Docter darf sich nach Monster Inc. erneut als Regisseur eines von Pixars abendfüllenden Abenteuer versuchen. Dabei beschreitet das Studio in diesem Jahr etwas neue Pfade, ist der Hauptprotagonist in Up weder ein Spielzeug, noch ein Fisch, ein Auto oder ein Roboter. Es ist ein Opa oder nennen wir ihn lieber Rentner, weil er selbst keine Nachkommen hat. Ein alter Mann also, der nun zwar für Kinder nichts vollkommen Fremdes ist, aber auch nichts so Aktives wie man es bisher vom Studio gesehen hat. Erneut sind es die ersten Minuten, die sich wohl eher an die Großen denn die Kleinen richten. Kam Wall•E zu Beginn noch wie ein Stummfilm daher, so widmet sich Up der Liebesbeziehung zwischen Carl und Ellie. Nach dem kurzen Zusammentreffen in der Kindheit begleitet Docter das Paar von der Hochzeit, bis hin zur Fehlgeburt und schlussendlich Ellies Tod.

Heirat? Kinder? Fehlge-was? Tod? Alles nicht gerade Themen, die auf dem Tagesplan der Zielgruppe stehen. Eher schon das inhaltliche Bonbon für ihre Begleitung, ihre Eltern. Dabei natürlich irgendwie auch über-konservativ, wenn sich Ellie und Carl im Kindesalter begegnen und fortan ihr Leben lang – bis dass der Tod sie scheidet – nicht mehr von der Seite des Anderen weichen. Dabei bildet Ellies Tod letztlich nur die Prämisse des Films, waren Beide doch als Kinder Fans des Abenteurers Charles Muntz und dessen Expedition nach Südamerika. Ein halbes Jahrhundert später wurde jedoch nichts aus dem großen Traum, es Muntz gleich zu tun. Und weil Carls Haus einem Bürokomplex weichen soll, gibt es für den rüstigen Rentner und ehemaligen Ballonverkäufer nun auch kein Halten mehr. Sprichwörtlich. Über Nacht werden Tausende Ballons am Haus befestigt und im Morgen beginnt dann die Reise gen Süden. Das letzte große Abenteuer. Beziehungsweise das erste große Abenteuer.

Mit einem Rentner auf die Reise gehen ist nun wahrscheinlich nicht das Interessanteste für Kinder, zumindest wenn sie sich primär in diesen alten Mann hineinversetzen sollen. Deswegen braucht er einen jungen Sidekick, der hier vom Pfadfinder Russell gegeben wird. Russell ist Asioamerikaner, was man ihm zwar irgendwie ansieht bzw. es mutmaßt, wenn man es nicht vorher bereits wusste, was jedoch auch nicht so deutlich ist, dass es einem nun ins Auge springt. Es scheint so als sei Russell gemeinsam mit der im Dezember kommenden Prinzessin Tiana Disneys neue politisch korrekte Neuerfindung. Was natürlich nur begrüßenswert ist, bedenkt man, dass in 30 Jahren die Kaukasier in den USA ohnehin die Minderheit darstellen werden. Russell ist also der abenteuerlustige Sidekick des zwar immer noch abenteuerlustigen, aber doch auch sehr mürrischen Misanthropen Carl. Alsbald führt ihr Weg dann auch nach Südamerika, doch das Ende ihrer Reise stellt eigentlich erst den Anfang ihres Abenteuers dar.

Könnte und sollte man meinen, doch Docter enttäuscht das Publikum. Als MacGuffin wird ein übergroßer und nerviger Paradiesvogel eingeführt, der nur noch von Dug, einem sprechenden Hund, überboten wird, während dieser wiederum erträglicher erscheint als die anderen sprechenden Hunde. Muntz betritt die Bühne als Abenteurer, der seit einem halben Jahrhundert versucht, jenen Paradiesvogel zu fangen, dessen Existenz die Wissenschaft seit jeher angezweifelt hat. Die Tatsache, dass er seinen Hunden Halsbänder angefertigt hat, die deren Gedanken Worte verleiht, zeugt wohl eindringlich von seiner Einsamkeit, die er verspüren muss. Und des Wahnsinns, der damit einhergegangen ist. Wie Ahab hinter seinen weißen Wal ist Muntz ohne Rücksicht auf menschliche Verluste hinter dem Vogel her, den Russell – ob seiner nervtötenden Art treffend – Kevin genannt hat. Für Carl heißt es fortan altruistisch zu handeln, anstatt nur seine eigenen Interessen zu verfolgen. Und somit auch endlich das Abenteuer zu leben, dessen er sich stets verweigert hat.

Das Problem von Up ist, dass das spannender klingt als es im Endeffekt ist. Denn die Handlung in Südamerika offenbart sich als ziemlich dünn, besteht sie doch nur aus ein, zwei Sequenzen. Diese wiederum versuchen sich darin, möglichst effizient Witze zu reproduzieren, die eine halbe Stunde zuvor noch gewirkt haben. Wie der Eichhörnchen-Gag oder das verstellte Halsband von Dobermann Alpha. Dass die Ideen wiederholt recycelt werden zeugt von der Ideenarmut, die Up heimgesucht hat. Es ist kein wirkliches Tempo drin in der Geschichte und eine besondere Moral am Ende von dieser auch nicht. Zwar weist der Film einige nette und manche ergreifende Einstellung auf, so zum Beispiel Ellies letzter Eintrag in ihr Abenteuertagebuch, aber dies vermag Up leider nicht über seine Laufzeit über Wasser zu halten. Zu uninspiriert ist die Handlung, die Muntz’ Reintegration mehr als deutlich ankündigt und damit weit weniger zu überraschen weiß als Syndromes „Enthüllung“ in The Incredibles.

Insofern will das unausgegorene Drehbuch nicht wirklich funktionieren, da es an einer Handlung wenig bis nichts zu bieten hat, die Witze an einer Hand abzählbar sind und anschließend nur wiederholt werden. Hinzu kommen dann so nervige Nebenfiguren wie Kevin, Dug und die übrigen Hunde, während eine Figur wie Muntz eigentlich überhaupt keinen tieferen Blicks gewürdigt wird. Schon alleine die Reaktion von Russell auf seinen Namen sollte beispielsweise ein Anstoß dafür sein, dass selbst sein Fang eines lebenden Paradiesvogels für die Wissenschaft unerheblich ist. Von der Tatsache, dass er in 50 Jahren nicht im Stande war einen der Vögel zu fangen, dafür aber gut zwei Dutzend Hunden ein sprechendes Halsband zu basteln ganz zu Schweigen. Vieles wirkt in Up zu gezwungen, den Plot voranzutreiben, anstatt sich in dem, was man zu erzählen versucht, mit Detailversessenheit zu verlieren. Die Hingabe eines Brad Bird aus Ratatouille ist hier nur in den wenigsten Einstellungen zu spüren.

Im Vergleich zu anderen Pixars will auch die visuelle Umsetzung nicht immer gefallen. Von anatomischen Besonderheiten wie Carls Kopf, der fast so groß ist wie Russell als vollständige Person soll dabei weit weniger die Rede sein, wie grafischen Schwachpunkten, z.B. Kevins Gefieder. Das hat man bei Pixar schon besser gesehen – man denke nur an den vom Blitz getroffenen Emile – und kennt man auch vom Studio besser. Auch das Potential des südamerikanischen Dschungels wurde nicht vollends ausgeschöpft. Insgesamt kommt das neueste Abenteuer des Animationsriesen reichlich enttäuschend daher und erinnert in seiner Gesamtheit eher an schwächere Filme wie Cars oder A Bug’s Life. An Stanton, insbesondere jedoch Bird, weiß Docter, der mit Monster Inc. ein beachtliches Debüt gegeben hat, noch nicht heranzureichen. Angesichts der Planungen von Pixar für die kommenden Jahre, sollte allerdings schon 2010 mit Toy Story 3 wieder ein veritabler Hit ins Haus stehen.

Des Weiteren lässt sich sagen, dass sich die Präsentation des Films in 3D zu keinem Zeitpunkt auszahlt. Was bei Coraline zumindest hier und da noch zur phantasievollen Erzählung der Geschichte beizutragen wusste, wird hier vollkommen außer Acht gelassen. Dass der Film überhaupt in 3D daherkommt, sieht man diesem nur gelegentlich etwas an, eine Rechtfertigung für die neue Technik, geschweige denn für den gut 30-prozentigen Aufschlag, liefert Up jedoch in keiner einzigen Einstellung. Ähnlich verhält es sich mit der deutschen Synchronisation, bei der lediglich Maximilian Belle als Russell überzeugen kann, während Karlheinz Böhm mitunter vollkommen untergeht. Im Endeffekt lässt sich konstatieren, dass Up zwar nicht groß hinter Animationsfilmen anderer Studios zurücksteht, sich aber den Zusatz, ein Pixarprodukt zu sein, nicht wirklich verdient. Zum Glück machte es The Princess and the Frog im Dezember da besser.

5.5/10

23. September 2008

WALL•E

Try blue, it's the new red!

Vor zwanzig Jahren sind Ally Sheedy und Steve Guttenberg mit Johnny durch die Gegend gehuscht. Gut möglich, dass die aktuelle Generation, die zum Großteil ja noch nicht mal A New Hope gesehen hat, mit den Namen Sheedy und Guttenberg gar nichts anfangen kann. Und Short Circuit, zu deutsch Nummer 5 lebt!, haben sie eventuell auch noch nie gesehen. Dabei dient John Badhams Film – Badham kennt die Generation wohl auch nicht (mehr) – als Inspiration für Pixars neuesten Kinohelden. WALL•E ist von seinem äußeren Erscheinungsbild fraglos Johnny aus Short Circuit nachempfunden, während seine naive Psyche Ähnlichkeiten zu Steven Spielbergs E.T. – The Extraterrestrial offenbart. Und da WALL•E zu einem Teil auch im All spielt, kommt Regisseur Andrew Stanton auch um Verweise zu Stanley Kubricks zeitlosem Meisterwerk 2001: A Space Odyssey nicht herum. Also viel geklaut und wenig eigenständiges? Nicht unbedingt. Natürlich sind viele Komponenten von Pixars Neuem nicht sondern neu und die Referenzen tun ihr übriges, doch obschon Stanton eine recht spannungsarme und einfach gestrickte Geschichte erzählt, kann sein Film die meiste Zeit hinweg unterhalten. Zumindest bei der Erstsichtung. Doch was ein Pixar ist, verfügt über ausreichend Eigenschaften, um ein Erfolgsgarant zu werden. Zwar steht das konkurrierende DreamWorks Animationsstudio Pixar bei den Einspielen kaum nach – beiden Studios erzielten mit ihren digitalen Filmen bisher über vier Milliarden Dollar – doch werden die Pixars dennoch im Auge der Öffentlichkeit und der Kritiker anders wahrgenommen. Acht Academy Awards konnte Pixar bisher für sich verbuchen, während DreamWorks lediglich bei Shrek und Wallace & Gromit erfolgreich war. Während die Shrek-Trilogie bei DreamWorks für die Hälfte des Einspiels verantwortlich ist, sind die Erfolgsgaranten bei Pixar ebenjene Oscarpreisträger Andrew Stanton und Brad Bird.

Pixar ist ein Zauberwort, welches meist immer funktioniert. Selbst mit schlechten Beiträgen wie John Lassetters Cars hatte man noch Erfolg, wobei der Maßstab sicherlich von Brad Bird gesetzt wurde. Seine The Incredibles und Ratatouille trieben die digitale Animationsschmiede ein gutes Stück vorwärts, ähnlich wie es bereits Stanton mit Finding Nemo zuvor gelungen war. Und auch mit WALL•E verliert sich Stanton wieder in Nebensächlichkeiten, erzählt an der Geschichte vorbei und schadet damit dem Fluss der Handlung. Was einst Marlin und Dory war, ist heute einfach WALL•E und EVE – Stantons konzeptueller Aufbau damit relativ simpel strukturiert. Dass Stanton die Idee zum Film bereits vor 13 Jahren gekommen sein soll, macht das ganze im Grunde nur noch enttäuschender. Was wenn man vergisst den letzten Roboter auf der Erde auszuschalten? Das ist die Prämisse für Stantons Geschichte, die in dieser Form bereits wackelig aufgebaut ist. Zwar sieht man nicht viele WALL•E's in WALL•E, doch wundert es, weshalb gerade ein einziger von ihnen vergessen wurde auszuschalten. Wirklich nötig für den Startschuss des Filmes ist es sicherlich nicht. Da passt es nur perfekt hinein, dass auch scheinbar nur eine Küchenschabe überlebt hat, von jeglichen anderen Lebewesen ganz zu schweigen. Stanton wirft das Publikum einfach hinein in sein 22. Jahrhundert, in welchem kein Leben mehr auf der Erde existiert. Stattdessen sind die Straßen voll von Müll, ganze Skylines baut WALL•E aus seinen Müllwürfeln. Wieso die Welt so ist, wie sie Stanton hier zeichnet, erklärt er nicht. Natürlich findet sich eine Andeutung, selbstverständlich ist der Mensch Schuld. Er wurde immer bequemer, die Arbeiten auf Roboter verlagert. „There's no need to walk!“, prophezeit eine Reklame zu Beginn des Filmes. Doch was passiert ist, erfährt man nicht.

Wenn man jedoch wie Stanton eine sozialkritische Komponente in seinen Film einbaut, die weit über den kleinen moralischen Zeigefinger geht, den man sonst aus Animationsfilmen (Und die Moral von der Geschicht: …) gewohnt ist, enttäuscht das. Wieso wurde die Welt so schmutzig, wo sind die anderen Lebewesen? Diese Fragen, welche die Menschen betreffen, ignoriert der Film durchweg. So wundert sich der Kommandant der Axiom später auch nicht, den Anweisungen eines siebenhundert Jahre alten Präsidenten zufolgen. Scheinbar bestand kein Kontakt zwischen der Exekutive und ihren Untertanten, andernfalls lässt sich das Verhalten des Kommandanten nicht erklären. Natürlich ist WALL•E vordergründig eine Geschichte über die Liebe zweier Individuen zueinander. Da Stanton diese Romanze jedoch in ein sozialkritisches Umfeld setzt, muss er für jenes auch Verantwortung zeigen. Woher kommen zum Beispiel die Babys auf der Axiom? Hierbei muss es sich ja um Retortenkinder handeln, zeigt das Verhalten von John und Mary doch, dass ein sexuelles Interesse zwischen den Passagieren im Grunde nicht vorhanden ist. Aber hierfür bleibt Stanton ebenso ein Antwort schuldig, wie für die Intention von BnL seine Bürger subversiv zur Füllerei aufzurufen. Die Verblüffung von Mary bei ihrer Entdeckung ist zwar eine nette Referenz zu John Carpenters They Live, doch fehlt auch hier die inhaltliche Tiefe.

In WALL•E konfrontiert Stanton das Publikum also mit gesellschaftlicher Sozialkritik, die auf keinen fundierten Boden aufbaut und somit letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem, da der Film auch überhart mit der menschlichen Rasse ins Gericht geht. Natürlich sucht der Mensch nach bequemeren Wegen und wenn er in einem Hovercraft-Sessel sitzen könnte, würde er dies tun. Aber nicht unentwegt, zumindest nicht ein Teil der Menschheit. Jenen Teil präsentiert Stanton allerdings nichts. Bei ihm sind die Menschen eher Kollektiv als Individuen, alle gleich gestrickt, ohne irgendeine Eigenständigkeit in welcher Art auch immer. Das ist zwar in seiner Kontradiktion zu den Robotern durchaus mit einem gewissen Sinn versehen, der jedoch wenig plausibel erscheint. Schließlich ist der Mensch dafür bekannt, Beziehungen zu bestimmten Ob- oder Subjekten aufzubauen. Das zeigt bereits die erste Begegnung, die WALL•E mit einem Menschen (John) hat. Sofort findet eine Identifikation und Akzeptanz statt – und zwar gegenüber WALL•E als eigenständigem Individuum. Daher ist auch hier die Kontradiktion des Menschen als lebloser Kreatur und des Roboters als Gefühlswesen wenig fundiert. Somit verliert sich Stanton mit seinem Sozialrüffel etwas im Sande, zieht das ganze Thema viel zu groß auf, ohne sich ernsthaft damit auseinander zu setzen. Wie es besser geht, haben Tim Johnson und Karey Kirkpatrick vor zwei Jahren mit Over the Hedge gezeigt, in welcher dieselbe Kritik in einer einzigen Einstellung auf denselben Nenner gebracht wurde. Generell hat Stanton Probleme eine stringente Handlung zu skizzieren, was bereits die etwaigen „Abkürzungen“ in Finding Nemo gezeigt haben, die auch hier in WALL•E erneut zu findet sind. Diese redundanten Momente wie das unentwegte Bennennen der beiden Titelfiguren untereinander („WALL•E!“ – „Eeeeeva!“ – „WALL•E“ – „Eeeeeva!“, ff.) wirken hier etwas eintönig mit der Zeit.

Nichtsdestotrotz weiß WALL•E die meiste Zeit zu unterhalten, was jedoch bei einer Zweitsichtung bereits wieder anders aussehen kann. Vordergründig liegt dies natürlich an seinen infantilen Robotern, allen voran WALL•E und der Reinigungsroboter M-O, der sich im wahrsten Sinne des Wortes zum running gag („Foreign contaminant!“) entwickelt. Wie immer in Animationsfilmen sind es daher die unmenschlichen Wesen, denen menschliche Züge verliehen werden. Dies gelingt bei den Robotern nicht weniger als im Fall eines Ratatouille bei Ratten. Am meisten profitiert hier natürlich EVE, die ihr Augen-Pixel ebenso variieren kann, wie ihre Seitenflügel. Da haben es WALL•E und M-O durchaus schwerer. Hier ist es meist die Motorik, die für emotionale Ausdrücke steht, ebenso wie die Töne, welche die Roboter machen. So kommt man natürlich nicht umhin ein Lob an Ben Burtt auszusprechen, der neben den beiden Robotern auch noch allgemein für den Ton im Film verantwortlich war. Dass Burtt dabei für Pixar der richtige Mann schien, findet sich in dessen Filmographie, die seine Beteiligung an der Star Wars-Reihe sowie E.T. offenbart. Neben dem Sound ist es auch die musikalische Komposition von Thomas Newman, welche für die Erzeugung der liebevollen Atmosphäre sorgt. Die Symbiose aus Burtts Ton und Newmans Musik ist die meiste Zeit unwiderstehlich und vereint sich mit den exzellenten Effekten – die man von Pixar gewöhnt ist – zu einem tollen audio-visuellen Erlebnis. Wie hier bei Pixar stets die Grenzen weiter nach vorne geschoben werden, ist beeindruckend. Ebenso wie die Müllskyline oder WALL•Es Weltraumflug zur Axiom. Hier verspricht sich wieder einmal ein spannender Zweikampf im Frühjahr bei den Academy Awards zwischen Pixars Film und Kung Fu Panda, DreamWorks zumindest optisch nicht minder gelungenem Beitrag.

Abgesehen von all den Kritikpunkten ist WALL•E jedoch eine gelungene Liebesgeschichte, zwischen zwei Robotern. Die Persönlichkeit, die WALL•E über die Dauer von 700 Jahren hinweg entwickelt hat, ist so unschuldig wie hinreißend. Die Beziehung zu seinem einzigen Freund, der Küchenschabe, nicht weniger ergreifend wie gegenüber EVE. Seine Flirtversuche sind es hierbei, die das Publikum zum Lachen bringen, wenn WALL•E nach einer Bespitzelungsaktion fluchtartig Reißaus nimmt und letztlich von einer Kolonne Einkaufswagen umgefahren wird. Es ist das ein Videoband des Musicalfilms Hello, Dolly in welchem sich WALL•E's Sehnsüchte manifestieren. Der Ausdruck von Zuneigung und Liebe durch Händehalten wird für den kleinen Roboter zum Lebensinhalt. Gerade in der Simplizität dieser Geste liegt die ganze Unschuld jenes wandelnden Schaltkreises. Dennoch lassen sich auch Kritikpunkte an seinem Verhalten findet, „zwingt“ er EVE schließlich zu ihrem ersten „Händchenhalten“ und entwickelt sich bisweilen zum unermüdlichen Stalker. Doch man nimmt es ihm nicht wirklich übel, sieht darüber hinweg, und lässt sich in diese sympathische Welt entführen, die einige geniale Einfälle birgt, aber grundsätzlich an der lax ausgearbeiteten Geschichte zu knabbern hat. Hier ist Bird seinem Pixar-Kollegen doch weit voraus, auch wenn es in seinen Filmen weniger um den „Ach wie süß“-Faktor geht, als durch seine Handlung zu punkten. Insgesamt ist WALL•E fraglos ein sehenswerter Film, der sich nahtlos in die beispielhafte Filmographie von Pixar einreiht. Ob er jedoch nach der zweiten oder dritten Sichtung immer noch funktioniert, bleibt abzuwarten. Lobenswert ist an dieser Stelle auch erneut Pixars Kurzfilm vor dem Hauptfilm. War Lifted damals vor Ratatouille etwas eintönig, so ist Presto diesmal eine meisterhafte Leistung und regt im Grunde sogar mehr zum Lachen an, als es dem anschließende Abenteuer von WALL•E zu gelingen vermag.

8/10