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17. August 2018

Cloud Atlas

Honor thy consumer.

Schnell, arrogant, selten klug – so würden (Literatur-)Kritiker an zu rezensierende Werke herangehen, beschwichtigt Publizist Timothy Cavendish (Jim Broadbent) in Cloud Atlas seinen über eine negative Kritik erbosten Autor. Ein Tropfen auf den heißen Stein, schmeißt dieser den Feuilletonisten anschließend kurzerhand vom Balkon einer Party in dessen Tod. Ähnliches mögen sich auch die Wachowski-Schwestern Lana und Lilly sowie ihr deutscher Co-Regisseur Tom Tykwer durch den Kopf haben gehen lassen. Ihre epische Adaption von David Mitchells Cloud Atlas erhielt seiner Zeit nicht wirklich die Anerkennung, die sie verdient hatte. Heute ist der Film fast in Vergessenheit geraten – eine dunkle Erinnerung wie jene, die ihn bevölkern.

Rückblickend betrachtet ist Cloud Atlas ein anspruchsvolles Projekt – weniger von seinem Inhalt und seinen Themen der Seelenwanderung und Reinkarnation her, sondern in seinem Versuch, das narrative Konstrukt von Mitchells Vorlage kohärent auf die Leinwand zu bringen. Film wie Buch erzählen über sechs Zeitepochen jeweils eigene Geschichten. Wo diese im Roman zweigeteilt nacheinander ablaufen, erzählen die Wachowskis und Tykwer sie in ihrer Adaption parallel ineinander verschachtelt. Dies verstärkt die Konnektivität der in ihnen dargelegten Themen und verhindert, dass Cloud Atlas zum Episodenfilm verkommt. Die sechs Handlungen, die vom 19. bis ins 24. Jahrhundert reichen, greifen dabei auf dasselbe Ensemble zurück.

Speziell den Darstellern um Tom Hanks, Halle Berry, Hugo Weaving und Hugh Grant gibt der Film Spielraum für ein enormes Facettenreichtum. So schlüpft Weaving vom kaltblütigen Auftragsmörder in die Haut einer nicht minder kaltherzigen Altenpflegerin, Hugh Grant mutiert vom schmierigen Firmen-CEO zum Kannibalen-Häuptling in der Post-Apokalypse. Bewusst werden Figuren wider ihres ethnischen Hintergrundes besetzt und in passende Masken verpackt. So gibt Jim Sturgess im Neo-Seoul von 2144 den koreanischen Widerstandskämpfer Hae-joo Chang, während Doona Bae, die im selben Segment Klon-Kellnerin Sonmi-451 mimt, in der 1849er Handlung zur kaukasischen englischen Verlobten von Sturgess’ Adam Ewing wird.

Auch Halle Berry schlüpft in verschiedene Rollen, darunter im 1936er Teil die vor dem NS-Regime ins schottische Edinburgh geflohene weiße Jüdin Jocasta Ayrs oder im Neo-Seoul von 2144 einen alten koreanischen Arzt. Die chinesische Schauspielerin Zhou Xun verbringt den Großteil ihrer Laufzeit derweil hinter einer kaukasischen Maske, um als Schwester von Tom Hanks’ Primärrolle des Stammes-Feiglings Zachry im Jahr 2321 (bzw. 160 nach der Apokalypse) herzuhalten. Keine dieser Masken ist realitätsgetreu, den intendierten Zweck erfüllen sie aber allemal. Auch wenn nicht ganz klar wird, wie die Reinkarnation in der Welt von Cloud Atlas wirklich funktioniert – hauptsächlich, weil die Hauptfigur variiert und doch identisch scheint.

Wandert die Seele von Tom Hanks’ maliziösem Schiffsarzt auf den Pazifischen Inseln des Jahres 1849 in den Körper seines hilfsbereiten Wissenschaftlers Isaac Sachs von 1973, um dann plötzlich wieder im Schriftsteller Dermot Hoggins soziopathische Züge anzunehmen? Die äußerliche Ähnlichkeit der Figuren erklärt nicht wirklich den Karma-Zusammenhang zwischen ihnen. Oder wandern die Seelen losgelöst hiervon, wie im Fall der Hauptfigur der Segmente, die ein Kometen-Muttermal eint, aber jeweils Jim Sturgess (1849), Ben Whishaw (1936), Halle Berry (1973), Jim Broadbent (2012), Doona Bae (2144) und Tom Hanks (2321) zum Leben erwecken? Der Film – und wohl auch das Buch – geben hierzu keine wirklich konkrete Antwort.

“Our lives are not our own”, sagt Sonmi-451. “We are bound to others.” Jene anderen können unsere Mitmenschen sein – oder jene Körper, mit denen wir uns, Kulturübergreifend, über die Zeit hindurch unsere Seele teilen. “My life extends far beyond the limitations of me”, findet Ben Whishaws Komponist Robert Frobisher in 1936 – was sich aber auch auf die Briefe an seinen Geliebten Rufus Sixsmith (James D’Arcy) und sein “Cloud Atlas Sextett” beziehen lässt, das Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) rund 37 Jahre später gemeinsam mit den Briefen ausfindig macht. Während die Handlungen der von den Darstellern gespielten Figuren variieren, eint die mit dem Muttermal markierte Hauptfigur zumindest ihr Aufbegehren gegen Widerstände.

So ist es der Notar Adam Ewing, der sich für den Polynesier Autua (David Gyasi) während der Schifffahrt 1849 von den Pazifik-Inseln nach England einsetzt. Und dort beschließt, die Abschaffung der Sklaverei zu unterstützen. Später ist es Robert Frobisher, der sich 1936 als Gehilfe des kränkelnden Komponisten Vyvyan Ayrs (Jim Broadbent) von seiner kreativen Blockade löst – selbst wenn er unter dem Druck seiner aufgedeckten Bisexualität letztlich Selbstmord begeht. Luisa Reys Ermittlungen in die kriminellen Machenschaften der Firma von CEO Lloyd Hooks (Hugh Grant) kosten 1973 Unschuldige das Leben und fast ihr eigenes. Cavendish wiederum muss 2012 mit anderen Patienten/Insassen einem tyrannischen Altenheim entfliehen.

Die Segmente fallen dabei in unterschiedliche Genres, sei es ein Seefahrer-Abenteuer (1849), Gesellschaftsdrama (1936), Krimi-Thriller (1973) oder Komödie (2012). In der Zukunft spielen derweil die vermutlich stärksten Handlungsstränge um Sonmi-451s Rebellion gegen die Sci-Fi-Dystopie des Jahres 2144 und Zachrys Widerstand gegen Unterdrücker – seien es die Kannibalen oder Old Georgie (Hugo Weaving) – in der Post-Apokalypse von 2321. Dass Cloud Atlas vermag, all diese Handlungen chronologisch getreu wie in einer filmischen Matrjoschka-Figur zu verschachteln, ist nicht nur ambitioniert, sondern prinzipiell geglückt. Selbst wenn nicht jedes Segment, z.B. das 2012er, derart notwendig erscheint für das große Ganze des Films.

Für das Thema der Seelenwanderung ist dieser womöglich zu überbevölkert an Figuren (nicht unbedingt an Seelen natürlich), um dies deutlich genug zu machen. Als Geschichte in einer Geschichte – jedes Epochen-Segment spielt eine Rolle für die Hauptfigur des folgenden – gelingt dies schon besser, hätte jedoch ebenfalls stärker herausgearbeitet werden können. So taucht die Verfilmung von Cavendishs Erlebnissen nur kurzzeitig im 2144er Plot auf und die Bedeutung für Sonmi-451 bleibt eher vage. Aber auch so ist Cloud Atlas ein audiovisuelles Fest, gefällig gefilmt und das auch relativ harmonisch; dafür, dass die Wachowskis die erste sowie die futuristischen Geschichten und Tykwer die drei Segmente dazwischen getrennt inszenierten.

“Travel far enough, you meet yourself”, sagt Hae-joo Chang im Roman. Wann die Reise für die Figuren begann und wann sie zu Ende ist, lässt sich nicht sagen. Im Kern wird jede der im Film erzählten Geschichten vergessen, lediglich die aktuelle lebt fort, um von einer kommenden Generation referiert zu werden. Insofern ließe sich die Narration um Epochen vor 1849 und nach 2343, wenn ein alter Zachry die erzählerische Klammer liefert, erweitern, indem das Medium hierzu variieren würde. Aber auch so vermag der Film alles zu erzählen, was ihm auf dem Herzen liegt, obschon es nicht wirklich honoriert wurde. Vielleicht wandert die Seele von Cloud Atlas irgendwann in einen anderen Film über und erhält als Remake dann eine neue Chance.

8.5/10

1. August 2014

Filmtagebuch: Juli 2014

BIG
(USA 1988, Penny Marshall)
7.5/10

DRAGNET [SCHLAPPE BULLEN BEISSEN NICHT]
(USA 1987, Tom Mankiewicz)

4.5/10

THE GOONIES
(USA 1985, Richard Donner)
9/10

GUARDIANS OF THE GALAXY (3D)
(USA 2014, James Gunn)

6/10

JODOROWSKY’S DUNE
(USA/F 2013, Frank Pavich)
8/10

JOE VERSUS THE VULCANO [JOE GEGEN DEN VULKAN]
(USA 1990, John Patrick Shanley)

4.5/10

JUST GO WITH IT [MEINE ERFUNDENE FRAU]
(USA 2011, Dennis Dugan)

6/10

KALEVET [RABIES – A BIG SLASHER MASSACRE]
(IL 2010, Aharon Keshales/Navot Papushado)

2.5/10

A LEAGUE OF THEIR OWN [EINE KLASSE FÜR SICH]
(USA 1992, Penny Marshall)

7.5/10

LIFE ITSELF
(USA 2014, Steve James)
7/10

LOST – SEASON 1
(USA 2004/05, Jack Bender u.a.)
7.5/10

LOST – SEASON 2
(USA 2005/06, Stephen Williams u.a.)
8/10

MONTY PYTHON LIVE (MOSTLY)
(UK 2014, Aubrey Powell)
7.5/10

PARTICLE FEVER
(USA 2013, Mark Levinson)
6/10

SABOTAGE
(USA 2014, David Ayer)
5/10

SCARY MOVIE 5
(USA 2013, Malcolm D. Lee)
2/10

THE UNKNOWN KNOWN
(USA 2013, Errol Morris)
5.5/10

Werkschau: Frank Darabont


THE SHAWSHANK REDEMPTION [DIE VERURTEILTEN]
(USA 1994, Frank Darabont)

8/10

THE GREEN MILE
(USA 1999, Frank Darabont)
5.5/10

THE MAJESTIC
(USA/AUS 2001, Frank Darabont)
6/10

THE MIST [DER NEBEL]
(USA 2007, Frank Darabont)

6.5/10

“THE WALKING DEAD”: DAYS GONE BYE
(USA 2010, Frank Darabont)
8/10

12. Juli 2014

A League of Their Own

There’s no crying in baseball.

Im Mai dieses Jahres war es soweit. Kai Traemann, Sportchef von Bild.de, hat Frauen-Fußball geschaut – genauer: das Champions League-Finale, dass der VfL Wolfsburg gegen Tyresö gewann. „Aus Versehen“, schiebt er sogleich nach. Es kam nichts besseres im Fernsehen, auch nicht auf Eurosport, das beim Sportchef von Bild.de auf Programmplatz 51 landet. Für Traemann scheint Frauen-Fußball irgendwie ein Sport, aber halt kein richtiger. Eine Haltung, die über Fußball hinausgeht. Man jubelt, wenn die Lisicki ins Wimbledon-Finale kommt, aber dasselbe wie Djokovic gegen Nadal ist das nicht. Auf professionellen Frauen-Sport blickt man(n) seit jeher etwas herab. Mit langer Geschichte, wie Penny Marshalls A League of Their Own zeigt.

Ihren Spielfilm von 1992 basierte Marshall auf der All-American Girls Professional Baseball League, die von1943 bis 1954 in den USA bestand. Philip K. Wrigley, Kaugummi-Magnat und Besitzer der Chicago Cubs, hatte sie während des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen, weil die männlichen Baseballspieler an der Front kämpften. “The show must go on“, dachte sich Wrigley, der zugleich das mögliche Aussterben der Sportart befürchtete. Rund 600 Spielerinnen waren in den nächsten elf Jahren aktiv, in einer der ersten Profi-Sportligen für Frauen, die eine Mischung aus Baseball und Softball praktizierte. Adrett in Röcken und mit Benimmkursen ausgestattet, trugen die Damen ihren Teil zur Bewältigung der Kriegsereignisse bei.

In A League of Their Own (in Deutschland heißt der Film Eine Klasse für sich) wird aus dem Kaugummi-Magnat Wrigley der Schoko-Millionär Harvey. Er beauftragt seinen Manager Ira Lowenstein (David Strathairn) mit der Gründung einer Frauen-Baseballliga. Für diese werden die Schwestern Dottie Hinson (Geena Davis) und Kit Keller (Lori Petty) ausgewählt. Gemeinsam mit anderen Frauen wie Mae Mordabito (Madonna) und Doris Murphy (Rosie O’Donnell) bilden sie das Team der Rockford Peaches. Trainieren soll sie Jimmy Dugan (Tom Hanks), ein versoffener Ex-Profi der Cubs, der aufgrund einer selbstverschuldeten Verletzung seine Karriere beenden musste. Dugan zeigt sich allerdings wenig begeistert von seiner neuen Aufgabe.

“Girls are what you sleep with after the game, not, not what you coach during the game“, bringt dieser seine Skepsis zum Ausdruck. Ähnlich wie Kai Traemann wird Jimmy Dugan eher widerwillig mit dem Frauensport konfrontiert. Und muss, wie auch die Zuschauer, erst dessen Vorzüge erkennen. Dies geschieht über die meiste Zeit des Films hinweg mittels der Figur von Dottie. Sie ist in doppelter Hinsicht ein echter “peach“ – ein richtiger Hingucker und obendrein noch die talentierteste Spielerin im Team. Dabei ist sie nur um ihrer Schwester willen in der Liga aktiv, erwartet eigentlich sehnsüchtig die Rückkehr ihres Mannes Bob (Bill Pullman) von der Front. Damit ist sie, wie sich zeigt, nicht die einzige Spielerin.

Die Frauen lernen, mit dem Sport nicht nur für die Bevölkerung da zu sein, sondern auch füreinander. Zu einer Gemeinschaft zu werden. A League of Their Own widmet sich solcher Momente immer hier und da am Rande, ignoriert sie nicht, verliert sich jedoch auch nicht in ihnen. Da wird nebenbei der Analphabetin Shirley Baker (Ann Cusack) von Mae auf einer Fahrt zum Auswärtsspiel das Lesen beigebracht. Und die jungenhafte Marla Hooch (Megan Cavanagh) darf sich ausgerechnet über einen „Männersport“ als Frau entdecken. Dass jenseits des Atlantik ein Krieg herrscht, wird ebenfalls nicht vergessen. Dottie erwähnt in einer Szene, dass ihr Bob seit Wochen nicht geschrieben hat. Und dann gibt es plötzlich ein Kriegstelegramm.

Penny Marshall gelang mit A League of Their Own ein erfrischend „altbackener“ Film in bester Hinsicht. Heutzutage würde Hollywood Dottie wohl in ein Liebesdreieck mit Jimmy und Bob drängen, hier beschränkt sich die Beziehung von Coach und Spielerin jedoch auf gegenseitige Bewunderung. Der Fokus liegt dabei sicher auf Dottie und ihr Verhältnis zu Kit, die sie stets in den Schatten drängt. Nicht alle Peaches treten in den Vordergrund, selbst Madonna wird eher spärlich eingesetzt. Dennoch fühlt sich der Film nicht wie eine One-Woman-Show von Geena Davis an, gerade der Konflikt mit Lori Pettys Figur wirkt glaubwürdig und spannend. Im Grunde hätte man ihn sogar noch mehr in den Mittelpunkt rücken können.

Eigentlicher Star des Films – und das ist fast das Zynische – ist jedoch Tom Hanks als versiffter Verlierer, der um keinen dummen Spruch verlegen ist und am Ende wieder zu dem Mann wird, der er irgendwann mal war. Hanks zeigt seine komödiantische Klasse, die ihn in den 80ern zum Star hat werden lassen. Auch Jon Lovitz bereitet in einer Nebenrolle als sarkastischer Scout jede Menge Spaß, abseits vom Humor überzeugt A League of Their Own jedoch aufgrund seiner Emotionen. Ergreifend gerät da der Schluss, wenn die Gruppe greiser Frauen die alte Hymne ihrer Liga anstimmt, umgeben von einander und von Erinnerungsstücken, die selbst den kleinen Stilwell (Mark Holton) beim Anblick eines Fotos seiner verstorben Mutter berühren.

Wenn Jimmy Ende des zweiten Akts Dottie vom Baseball überzeugen will, ließe sich dies im Grunde auch auf das Leben an sich münzen: “It’s supposed to be hard. If it wasn’t hard, everyone would do it. The hard... is what makes it great.“ Ein Satz, der selbst auf die Qualität des Films zutrifft, auch wenn seine Umsetzung und Inszenierung vermutlich nicht allzu schwer war (selbst wenn die divenhafte Madonna seinerzeit anders darüber dachte). A League of Their Own ist eine “old school“ Sportkomödie, die unterhält und berührt. Nicht, weil ihre Figuren Frauen sind, sondern Menschen. Und wenn sich diese Sichtweise verstärkt durchsetzt, schalten Machos vielleicht irgendwann auch nicht mehr nur „aus Versehen“ Frauen-Sport-Übertragungen ein.

7.5/10

4. Dezember 2010

Toy Story 3

This is where the magic happens.

Es gibt sie immer, die Vorreiter, die etwas Neues als Erste tun. Oder, wie im Fall von Blade, etwas Altbekanntem neues Leben verleihen. Holte der 1998er Vampir-Thriller von Stephen Norrington die Comics wieder ins Kino, war es drei Jahre zuvor John Lasseters Toy Story, der den Animationsfilm auf eine völlig neue Ebene hob und sein Studio Pixar zu einem der einträglichsten aller Zeiten machte. War Toy Story vor 15 Jahren der erste komplett per CGI kreierte Film, sind es inzwischen die 2D-Zeichentrickfilme, die zur Rarität wurden. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein Studio ein CGI-Abenteuer in die Welt hinausschickt. Bevorzugt inzwischen in der dritten Dimension, wie Despicable Me, Megamind, How to Train Your Dragon und Konsorten zeigen.

Denn 3D ist das neue El Dorado, weshalb es sich auch Pixar nicht nehmen ließ, das Finale ihres Toy Story-Franchises als Toy Story 3D ins Rennen zu schicken. Der Lohn: Der (finanziell) erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (insofern Avatar nicht zählt), mit einem Einspiel von über eine Milliarde Dollar. Pixar also wieder obenauf und wenig dürfte dem obligatorischen Academy Award im Wege stehen, der in Kalifornien meist nach Emeryville statt Glendale wandert. Denn Toy Story 3 folgt der Tradition des Studios, das liebevolle Charaktere in eine abenteuerliche und berührende Geschichte schickt, mit nahezu perfekter CGI erzählt. So verwundert es auch nicht, dass mit einem Jahrzehnt Abstand Toy Story 3 der beste Teil der Reihe ist.

Was Woody (Tom Hanks) in Toy Story 2 befürchtete, ist zu Beginn des dritten Teils längst eingetreten. Andy, nun ein Jugendlicher, der in wenigen Tagen ans College wechselt, spielt seit Jahren nicht mehr mit seinem Lieblingssheriff, Buzz Lightyear (Tim Allen) und dem übrigen Spielzeug. Die Sternenwände sind mit Postern überklebt, Handy und Laptop die neuen Unterhaltungsmedien. Doch Wegwerfen will Andy seine alten Sachen dann doch (noch) nicht. Stattdessen sollen Rex, Hamm, Slinky und Co. auf dem Dachboden eingelagert werden, doch nach einem Missverständnis spendet Andys Mutter das alte Spielzeug nach dessen Intervention nebst der Barbie (Jodi Benson) von Andys Schwester an die Kindertagesstätte Sunnyside.

In Toy Story 3 greift Regisseur und Co-Autor Lee Unkrich die bereits aus den Vorgängern bekannten Themen (Trennungsängste, Rettungsaktionen) wieder auf. Gegrämt von Andys Verhalten freuen sich Buzz und Co. darauf, in Sunnyside neue Spielpartner zu finden. Woody wiederum, der als Einziger mit Andy aufs College darf, appelliert an die Loyalität gegenüber ihrem Besitzer. Doch wie in Toy Story und Toy Story 2 wird die Gruppe versprengt. Woody landet bei einem gut erzogenen Mädchen mit Spiellaune, während seine Freunde in Sunnyside dem tyrannischen Teddybär Lotso (Ned Beatty) anheim fallen. Während sich Lotso, Ken (Michael Keaton) und einige Erlesene von reiferen Kindern knuddeln lassen, dient der Rest als Aggressionsableiter.

Bezeichnend, dass die beiden unterschiedlichen Räume dementsprechend in Caterpillar und Butterfly Room benannt sind. Der Wechsel nach Sunnyside und die erneute Trennung von Woody offeriert Pixar nun die Chance, ihr ganzes Talent zur Schau zu stellen. Dies wird bereits in dem actionreichen und enorm unterhaltsamen Intro deutlich, bleibt jedoch bis zum Finale aufrecht erhalten (wie in der exzellent animierten Mülldeponie-Szene). Toy Story 3 strotzt nur so vor makellosem CGI, sodass man bisweilen glaubt, Lotsos Naht sehen zu können. Auch eine Rückblende von ihm, die erklärt, wieso der einstige Knuddel- zum moralischen Schmuddelbär verkam, hebt sich in Sepiatönen schön vom restlichen farbenfrohen Geschehen ab.

Inhaltlich folgt das Studio dem Hollywood-Rezept der Wiederverwertung. So hebt sich die Handlung zwar von den anderen Teilen nicht ab, besticht jedoch durch das Angebot kreativer Ideen. Gerade der finale Ausbruchplan aus Sunnyside sprießt vor Einfallsreichtum, der nicht einmal ein Buzz im Spanischmodus torpediert. Hilfreich sind dabei auch die neuen Figuren, von denen Stretch (Whoopie Goldberg), Bookworm (Richard Kind) oder Buttercup (Jeff Garlin) nicht minder überzeugen, wie die etwas überpräsenten (und etwas redundanten) Ken und Lotso. Vermag Ken immerhin im kongenialen Duo mit Barbie zu gefallen, hätte man auf den pinken Teddybären gerade im dritten Akt auf der Mülldeponie auch gerne verzichten können.

Etwas schade ist, dass das Publikum von der Welt in Sunnyside nur sehr wenig mitbekommt. Der Butterfly Room verschwindet so schnell wie er kam und einmal im Caterpillar Room angekommen, lernen die Figuren und die Zuschauer von den dortigen Spielzeugen keines näher kennen. Es gibt niemand, der Buzz und Co. unter seine Fittiche nimmt, ihnen die Welt erklärt oder sie in diese einordnet. So wie zum Beispiel Buttercup es für Woody im Kinderzimmer des spielfreudigen Mädchens tut. Hier weicht Toy Story 3 etwas von der Formel der Vorgänger ab. Dort lernte Woody in Toy Story 2 Jessie (Joan Cusack) und Bullseye kennen, traf in Toy Story die Mutant Toys im Nachbarhaus von Sid. Solche Momente fehlen dieses Mal leider.

Genauso wie der Wandel von Lotso eine vertane Chance darstellt. Wo sich Unkrich die Zeit nimmt, der Figur einen tragischen Hintergrund zu schenken, versäumt es der Film, ihr am Ende die Möglichkeit auf Wiedergutmachung zu schenken. Angeblich wiesen auch Testzuschauer das Studio auf diese verfehlte Katharsis hin – was die Negierung umso überraschender macht. Eine etwas betrübliche Entscheidung angesichts des Umstandes, dass sich Toy Story 3 zuvorderst an Kinder richtet. Und so gelungen die Vielzahl der filmischen Referenzen auch ausfällt – von Terminator 2: Judgment Day über The Return of the Jedi und The Bridge on the River Kwai hin zu The Fellowship of the Ring und The Exorcist – wäre hier weniger mehr gewesen.

Ansonsten wird besonders das mögliche Ende der Spielzeuge in den Fokus gerückt, die alt und unbeachtet in ein „Heim“ abgeschoben werden und sich somit auch als Senioren lesen lassen. Toy Story 3 erzählt eine Geschichte von Liebe, die ab einem gewissen Punkt einseitig wurde, jedoch nur dem Kreislauf des Lebens folgte. Während manche wie Woody das Beste daraus machen, zerbrechen andere wie Lotso innerlich. Das aus den Augen aber nicht aus dem Sinn bedeutet, veranschaulicht das sehr berührende Finale, wenn nicht nur von Woody und Co. Abschied genommen wird, sondern auch von Toy Story. “I always wanted to go out with a bang”, sagte Mr. Potato Head zu Beginn. Unkrichs Film ist dies für das Toy Story-Franchise gelungen.

8/10

12. November 2009

Forrest Gump

Are you stupid or somethin’?

Die Academy Awards sind eine oft missverstandene Veranstaltung. Die meisten oder zumindest viele Menschen glauben wahrscheinlich, dass hier wie bei der Olympiade der Beste jedes Jahr gekürt wird. Der beste Film, der beste Regisseur und so weiter. Dabei geht es bei den Oscars nicht darum, den Besten auszuzeichnen, sondern Denjenigen, der der Mehrheit der Academy inklusive Mitgliedern wie Michael Bay am besten gefallen hat. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der im Laufe der Jahre dazu führt, dass Filme wie Rocky (gegen Taxi Driver und All the President’s Men), Chicago (gegen The Pianist), Shakespeare in Love (gegen The Thin Red Line) oder The Departed (gegen Letters from Iwo Jima) ausgezeichnet werden. Wobei auch dies natürlich im Auge des Betrachters liegt. Jedenfalls machen Oscarnominierungen noch lange keinen guten Film aus. Gerade in ihrer Höhe (s. The Return of the King) sind sie eher trügerisch. In die Kategorie dieser fragwürdigen Oscargewinner gehört auch Robert Zemeckis’ Forrest Gump von 1994. Bei 13 Nominierungen erhielt der Film sechs Auszeichnungen, davon in vier der Kardinalskategorien.

Heutzutage ist Forrest Gump aufgrund seiner visuellen Effekte, die den Protagonisten in Archivmaterial mit historischen Persönlichkeiten wie John Lennon oder John F. Kennedy und dessen Nachfolger integrieren, sowie Zitaten wie “Life is like a box of chocolates“ in Erinnerung geblieben. Die Adaption von Winston Grooms Roman aus den Achtzigern erzählt von rund drei Jahrzehnten aus dem Leben von Forrest Gump (Tom Hanks). Benannt nach seinem Vorfahren und Ku-Klux-Klan-Gründer Nathan Bedford Forrest hat Forrest ein Problem: er ist anders. Speziell. Nicht normal. Will man ihm zumindest einreden, da er nur einen Intelligenzquotienten von 75 hat und damit exakt fünf Punkte zuwenig, um als „normal“ zu gelten. Fünf Punkte hier oder da, denkt sich seine Mutter (Sally Field) und schläft kurzerhand mit dem Schulpsychologen, um Forrest (s)eine Schulbildung zu ermöglichen. Der Anfang einer beeindruckenden Karriere, wie man sie wohl nur als vermeintlich Minderbemittelter ausleben kann. Auch Homer Simpsons „Feind“ Frank Grimes würde drei Jahre später in Homer’s Enemy bestaunen, was der glatzköpfige Springfeldianer erreichen konnte.

Auf einer Parkbank in Savannah, Georgia sitzend, resümiert Forrest schließlich über sein bisheriges Leben. Die Zuhörer wechseln sich ab, ehe eine ältere Dame ganz fasziniert sogar Bus um Bus vorbeifahren lässt, um Forrests Geschichte zu Ende zu hören. Es ist eine Geschichte über seine große Liebe Jenny (Robin Wright Penn), die er im Kindesalter an seinem ersten Schultag kennen gelernt hat. Sein bester Freund bzw. sein einziger Freund damals in Greenbow, Alabama. Die Wege von Forrest und Jenny führen sie von der Grundschule in die High School, von dort aufs College, wo sie sich schließlich verlaufen und nur gelegentlich wieder kreuzen. „And just like that…she was gone“ wird zum geflügelten Satz in Forrests Wortschatz werden. So sehr Forrest Gump eine Liebesgeschichte ist, so ist versucht es auch eine Geschichte über Amerika zu sein. Immer wieder verwebt der Film historische Ereignisse oder Persönlichkeiten mit dem Leben von Forrest. Sei es Elvis Presley, der einst kurz bei den Gumps lebte und seinen einzigartigen Tanzstil von dem Jungen mit den Beinschienen lernte. Oder Forrests Ausflüge nach Washington D.C., wo er nicht weniger als drei US-Präsidenten im Oval Office besuchen würde.

Die visuelle Einbettung von Hanks in die Archivbilder ist in der Tat einer der Trümpfe des Filmes. Egal ob er als Vorlagengeber für John Lennon fungiert oder Präsident Johnson seinen Allerwertesten entgegenstreckt. Natürlich sind all diese Verknüpfungen unglaublich konstruiert, vielleicht noch am deutlichsten, wenn Forrest einen Dreijährigen-Marathon beginnt und nebenbei Symbole wie „Shit Happens“ und den „Have a nice day“-Smiley initiiert. Nichts im Film, was nicht reines Mittel zum Zweck ist, dabei stets bloßes comic relief ohne jeglichen inhaltlichen Bezug. Dies ist zu Beginn noch amüsant, wenn Forrest dabei ist, wenn zum ersten Mal Afroamerikaner in ein College gelassen werden, wirkt aber spätestens dann verbraucht, wenn er ebenjenes Smiley-Symbol unwissentlich kreiert. Abseits der Liebesgeschichte findet sich also eigentlich keinerlei Substanz, was den Film nicht nur zu einer ausufernden Laufzeit bringt, sondern ihn auch letztlich ab einem gewissen Zeitpunkt redundant werden lässt.

Ein viel größeres Problem liegt jedoch in dem extensiven Konservatismus, den der Film an den Tag legt. Exemplarisch werden zwei Lebenswege am Beispiel von Forrest und Jenny präsentiert. Während Forrest quasi von Erfolg zu Erfolg eilt – sein Shrimp-Unternehmen sowie seine Beteiligung an Apple Computer machen ihn zum Millionär -, dabei stets von naiver Unschuld geschlagen, stagniert Jenny in all ihren Stationen des Lebens. Fraglos ist Forrest sympathisch, das liegt schon in der Natur der Sache. Harmlos wie eine Fliege ist er, der Junge, der Football spielte, danach sein Land in Vietnam verteidigte, seine gesamte Einheit rettete, der großen Nation China den Arsch beim Ping Pong versohlte und dabei all die Zeit schön die Finger von Sex, Drugs und Rock ’n Roll ließ. Ganz im Gegensatz zum white trash girl Jenny, die vom Vater misshandelt wurde und wohl deshalb eine destruktive Persönlichkeit entwickelte. Sie sucht sich stets die falschen Partner aus, prostituiert sich, nimmt Drogen und wird zur politischen Aktivistin, als sie sich mit den anderen 68ern der Hippie-Bewegung anschließt. Kein Wunder, dass die Zeitschrift National Review Forrest Gump zum viertkonservativsten Film aller Zeiten gewählt hat.

Noch trauriger ist jedoch, dass Zemeckis’ Film so gnadenlos inhaltsleer ist, selbst wenn ständig etwas passiert. Eigentlich erhält das Publikum nie eine Erklärung, für das, was es sieht. Wer war eigentlich Forrests Vater und was ist aus ihm geworden? Selbiges gilt für Jennys angebliche Schwestern, die Drehbuchautor Eric Roth an einem Punkt erwähnt, während er Jenny dann alleine zu ihrer Großmutter schickt, nachdem der Vater in den Knast kam. Wieso und wovor rennt Jenny stets davon? Oder andersherum: Warum kommt sie plötzlich eines Tages wieder zu Forrest nach Greenbow, lehnt dann seinen Heiratsantrag ab, hat aber Sex mit ihm und verschwindet erneut? Warum beginnt Forrest am Tag darauf ziellos zu rennen? Immerhin hat er Jenny nicht das erste Mal verloren. Und viel wichtiger: Wenn Jenny am Ende aufgrund ihres Lebensstils an HIV leidet und letztlich auch daran stirbt, wie kommt es, dass Forrest und Forrest, Jr. nicht an dem Virus leiden? Selbst wenn sie sich das Virus erst nach der Trennung von Forrest zuzog, ist zumindest die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Forrest, Jr. (Haley Joel Osment) das HI-Virus in sich trägt.

Selbst die beiden Audiokommentare liefern keine Erklärungen, keinen Inhalt. Der Film enttäuscht hier doch immens, wenn er sich nur auf die Liebesgeschichte stützen kann, der er nicht einmal gerecht wird. “And that’s all I have to say about that“, schließt Forrest oft eine seiner Erzählungen ab. Nach fast zweieinhalb Stunden ist man als Zuschauer jedoch keiner der Figuren auch nur ansatzweise näher gekommen. Weder dem suizidalen Lieutenant Dan (Gary Sinise), noch Forrest und erst recht nicht Jenny. Dabei ist auch nicht alles schlecht, was Roth und Zemeckis hier „verbrochen“ haben. Die Liebesgeschichte hat durchaus Potential und schöpft dieses in einigen Fällen auch entsprechend aus. Gerade die letzte Viertelstunde ist dabei ausgesprochen gelungen. Dagegen dient die andere Hälfte des Filmes mittels der chronologischen Folge amerikanischer Geschichte ausschließlich der humoristischen Auflockerung. Dies funktioniert mitunter sehr gut, manchmal wiederum aber auch gar nicht.

Ohnehin ist Forrest Gump ein Film, der primär von seinem brillanten Hauptdarsteller getragen wird. Was Hanks hier schauspielerisch darbietet ist ganz großes Kino. Allein die Szene, in der er von Forrest, Jr. erfährt und diese Emotionen und Ängste ausschließlich mit seinen Augen spielt, rechtfertigt schon seine Nominierung. Sein Oscar ist am Ende vielleicht der einzig verdiente, bedenkt man dass der Film sich gegen die weitaus gelungeneren The Shawshank Redemption und Pulp Fiction, Regisseur Robert Zemeckis wiederum gegen Kollegen wie Krzysztof Kieslowski durchgesetzt hat. Im Gegensatz dazu wurde Komponist Alan Silvestri, dessen wunderschöner Soundtrack neben Hanks der zweite Star ist, zwar nominiert, aber nicht ausgezeichnet. Im Nachhinein ist Forrest Gump ein zwiespältiges Erlebnis. Ähnlich wie A Beautiful Mind hat man hier keinen wirklich guten Film, aber einen, der dennoch seine (vor allem bewegende) Momente hat. In diesen besten Momenten präsentiert Zemeckis ein bezauberndes Märchen, das so unschuldig wie seine Hauptfigur ist. Aber all der aufgesetzte Konservatismus und die offensichtliche Inhaltsleere trüben am Ende das Bild von Forrest Gump als guten und gelungenen Film.

5.5/10

5. Juli 2009

Panel to Frame: Road to Perdition

Sons are put on this earth to trouble their fathers.

Im klassischen Verständnis des Film noir gibt es nicht allzu viele Comics, die diesen Ansprüchen genügen. Die Welt der Comic-Helden drehte sich ab einem gewissen Zeitpunkt um Kämpfer für das Gute (z.B. Batman) oder ebenjene über-Menschen wie Superman, Spider-Man oder die X-Men. Von Ursprüngen wie Will Eisners The Spirit blieb irgendwann nicht mehr viel übrig. Und wenn, spielte es sich im Schatten der Riesen um DC und Marvel ab. Eine ihrer prominentesten Figuren war Chester Goulds Dick Tracy. Ein Kriminaldetektiv, dessen Leben sich in den 1930er Jahren von Amerikas Chicago abspielte. Ebenjene Stadt, welche durch das Chicagoer Outfit rund um Al Capone und Frank Nitti berühmt-berüchtigt wurde. Für amerikanische Autoren eine faszinierende Ära, die sich in Filmen wie The Untouchables niederschlägt. Allerdings auch in weniger bekannten Medien, darunter den Ermittlungen und Abenteuern um Nathan Heller.

Heller ist der Held einer 14-teiligen Romanreihe von Max Allan Collins. Dieser ist nicht nur im Kriminalromangenre verankert, sondern war auch an Comics wie ebenjenem Dick Tracy aber auch Batman beteiligt. Die Faszination bezüglich des Chicagoer Outfits ist hinsichtlich Collins’ Vita unübersehbar. Nachvollziehbar also, dass Andrew Helfer, Redakteur von DC’s Nebenzweig Paradox Press, im Jahre 1994 an Collins wegen eines neuen Comics, orientiert an japanischen Manga, herantrat. „I was the only mystery writer (…) who was also doing comics, I was a logical choice“, erinnert sich Collins. Die Inspiration für seine Geschichte holte er sich von John Patrick Looney, einem Sohn irischer Einwanderer und Kriminellen in Rock Island, Illinois in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weiteren Anreiz fand Collins in Kazuo Koike Meisterwerk Lone Wolf and Cub. Verdichtet mit einigen historischen Begebenheiten im Amerika Anfang der Dreißiger Jahre erschuf Collins dann Road to Perdition.

Es würden vier Jahre Zeichenarbeit von Richard Piers Rayner (u.a. beteiligt an Comics wie Hellblazer) vergehen, ehe Road to Perdition 1998 endlich das Licht der Welt erblickte. Das Endresultat stand sichtlich in der Tradition des Film noir und einiger Kriminalfilme wie Bonnie and Clyde. „My memories, like some people’s dreams, are in black and white“, schreibt Michael Sullivan, Jr. zu Beginn des Comics und führt damit den kühlen Schwarz-Weiß Ton von Rayners Arbeit ein. Erzählt wird die Geschichte der irischen Einwandererfamilie O’Sullivan. Zurückführend auf ein gemeinsames Leben in Irland, findet sich Michael O’Sullivan als Auftragskiller für John Looney wieder. Genauer gesagt wird O’Sullivan als knallharter Killer beschreiben, dessen Spitzname „Archangel of Death“ selbst in Chicago noch Angst und Schrecken einflößt. „It’s hard to imagine my father being part of any of that“, erklärt Michael, Jr. „He was what they used to call a family man.” Für seine beiden Söhne, Michael, Jr. und Peter, stellt der Vater ein Idol dar. Doch was genau er für Mr. Looney macht, wissen sie nicht. Ihre Neugier tritt schließlich die Ereigniskette los.

Was in Collins’ Werk als knallharter, gewaltreicher und blutiger Film noir daherkommt, verkehrt sich in Sam Mendes’ Filmadaption zur Familientragödie. Bereits 1999 landete das Projekt bei Steven Spielberg und Dreamworks Pictures, um kurz darauf im frisch gekürten Oscarpreisträger Mendes einen Regisseur zu finden. Mit einem Budget das viermal so hoch veranschlagt war wie Mendes’ Debütfilm American Beauty, machte sich der Brite an seine hochkarätig besetzte Adaption. Drehbuchautor David Self, zuvor verantwortlich für die Kuba-Krisen-Verfilmung Thirteen Days, orientierte sich in seiner Erzählung der Geschichte vormerklich auf die Figuren. Von den Noir-Elementen bleibt wenig übrig, die Härte von Collins Comic wird im Grunde ganz aus der Filmversion entfernt und die Darsteller vormerklich aufgrund ihres Namens ausgewählt. In seiner Herangehensweise an den Stoff ähnelt Road to Perdition ein wenige American Beauty. „Gangsters are the ultimate dysfunctional family”, erkennt auch Ian Nathan in seiner Kritik zum Film.

Um dem Publikum den Zugang zu den Figuren einfacher zu machen, wurden die Namen der Charaktere geändert. So wird aus „Looney“ wegen der Namenskonnotation „Rooney“ und die „Sullivans“ verlieren ihr Präfix „O“. Im Gegensatz zum Comic macht sich der Film nicht die Mühe, jene Welt der zwanziger Jahre im amerikanischen Illinois zu erläutern. Stattdessen fokussiert sich der Film auf Michael Sullivan, Jr. (Tyler Hoechlin), der zu Beginn aus nicht nachvollziehbaren Gründen als Dieb eingeführt wird. Sein Tabakdiebstahl findet später sein Echo, wenn der Junge auch noch eine Madonna-Figur aus der Kirche entwendet. Die Motive für jene Taten deckt Mendes nicht auf. Ohnehin bemüht sich sein Film nicht den religiösen Subtext der Vorlage mit einzubeziehen. Letztlich stehen die Diebstähle als Spiegelbild für jenes Handlungselement, das später der Geschichte hinzugefügt wird. Der drohenden Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn. Diese schlägt sich dahingehen nieder, dass Junior genauso wie sein Vater das Gesetz bricht, bzw. sogar die Kirche bestiehlt. Ein scharfsinniges Detail, dessen man sich natürlich auch einfach hätte entledigen können. Betrachtet man die nicht verwendeten Szenen, muss man dankbar sein, dass hier nicht noch ausführlicher versucht wurde, eine entscheidende Wendung mit dem Holzhammer einzubläuen.

Road to Perdition is like a greek tragedy“, fasste Roger Ebert nach Sichtung des Filmes zusammen. Dieses Urteil manifestiert sich dahingehend, dass alle Hauptcharaktere als eine große Familie dargestellt werden. Da liegt es auf der Hand, dass der alte Mann John Rooney (Paul Newman) für Michael, Jr. und Peter (Liam Aiken) als Großvaterfigur fungiert. Zudem wird die Beziehung zu deren Vater Michael (Tom Hanks) ausgeweitet. Vom beruflichen Verhältnis zur Zieh-Vaterschaft. Aufgelesen von der Straße erzog Rooney schließlich Sullivan wie seinen eigenen Sohn. Eigentlich steht Sullivan in der Rangliste von Rooneys Gunst sogar über dessen leiblichen Sohn Connor (Daniel Craig). Bezeichnend, dass die Ähnlichkeit zwischen „Sohn“ und „Vater“ offensichtlich ist. Sullivan lässt sich denselben Schnurrbart stehen, wie Rooney. Die „familiäre“ Nähe dieser beiden – zum Ausdruck gebracht durch das Piano-Spiel – kann natürlich auf Connor, einen sprichwörtlich Außenstehenden, nur befremdlich und abweisend wirken. Es ist jenes Vater-und-Sohn-Thema, das Mendes im Laufe der nächsten anderthalb Stunden in drei Beziehungen auszuspielen wird. Im Vordergrund steht hierbei Liebe, Rivalität und Familienblut.

Und weil das Familien-Szenario so im Vordergrund steht, muss es an die Handlung angepasst werden. Folglich wächst der Mord an den Sullivans allein auf Connors Mist, sodass sich Rooney schön zwischen den Stühlen wiederfindet. Dies kulminiert in einer etwas peinlichen Prügel-Einstellung von Connor, die nach wenigen Sekunden in einer liebevollen Umarmung endet. Blut ist nun mal dicker als Wasser. Und so entscheiden sich beide Männer, Rooney und Sullivan, lieber für ihr eigenes Fleisch und Blut, denn für die Liebe zueinander. „It’s about two fathers who are forced into protecting their least favorite son“, führt Mendes im Audiokommentar die Prämisse des Filmes aus. Dabei hätte Sullivan auch seinen Sohn einfach ausliefern können, schließlich wird nie wirklich im Film deutlich, dass der Vater seinem Sohn Liebe entgegenbringt. Zu Beginn charakterisiert Mendes Sullivan als kühlen Patriarch, der scheinbar weder zu seiner Frau, geschweige denn zu seinen Kindern eine wirkliche Bindung hat. Abgesehen von ihren Namen scheint er auch nichts über sie zu wissen, was eine spätere Szene in einem Farmhaus zwischen Vater und Sohn verdeutlicht. So ist es Hanks Schrei, als er seine Frau und jüngsten Sohn tot auffindet, welcher der Figur zum ersten Mal Emotion verleiht.

Was folgt, ist die Flucht. „That’s not our home anymore. It’s just a house”, ist eines der wenigen Zitate aus Collins’ Vorlage, die es in den fertigen Film geschafft haben. Anschließend machen sich Vater und Sohn auf, um ihre Lage besser einordnen zu können. In Chicago besucht Sullivan folglich Frank Nitti (Stanley Tucci). Eine Figur, die keine Einführung erhalten hat, von der Mendes und Self scheinbar ausgehen, dass sie dem Publikum ein Begriff sind. Hinsichtlich der Besetzung scheint es zudem ausgereicht zu haben, dass Tucci italienische Wurzeln hat, da eine äußerliche Ähnlichkeit zu Nitti gar nicht erst versucht wird. Das Gespräch der beiden zeugt schließlich auch davon, dass Sullivan im Film nicht derselbe Status verliehen wird, wie im Comic. Vom „Archangel of Death“ war ohnehin nie die Rede, aber die Nonchalance, mit der Nitti über Sullivans Arbeitsangebot hinweg geht, spricht nochmals Bände. Natürlich verläuft sowohl Sullivans Begegnung mit Frank Kelly bzw. dessen Bewachern, als auch sein Aufenthalt in Nittis Büro gewaltfrei. Immerhin ist Road to Perdition ohnehin ein ziemlich blutleerer Familienfilm, der wie angesprochen den Fokus von den Noir-Elementen weg, hin zur griechischen Tragödie verlagert. Dementsprechend verringert sich auch Sullivans Body Count um mehr als die Hälfte.

Jetzt setzt die eigentliche Handlung ein, das, was der Titel mit Road to Perdition bezeichnet. Ein doppeldeutiger Titel, soll die Reise der beiden Sullivan-Männer doch in jenes Städtchen Perdition führen, wo die letzten Verwandten verblieben sind. Da Perdition in Mendes’ Film allerdings abgesehen vom Ende keine Bedeutung spielt, geht die Doppeldeutigkeit des Begriffes (perdition zu Deutsch: Verdammnis) hier etwas flöten. Vielmehr beschränkt sie sich ausschließlich auf den stets drohenden Niedergang von Michael, Jr. Dies ist die eigentliche Geschichte, die Mendes erzählen möchte. Hier begründet er die fehlende Wärme des Vaters, der erkennt, dass sein Sohn nach ihm schlägt. Daher die Diebstähle, daher die Prügelei zu Beginn und das rebellische Verhalten. „Did you like Peter more than me?“, fragt der Sohn später den Vater, dessen Antwort im Nachhinein unbefriedigend bleiben muss. Kurz darauf wird auch er von seinem „Vater“ enttäuscht werden, als sich dieser trotz des Finanzbetruges seines Sohnes (der hinsichtlich seiner Einordnung in den Geschichtsverlauf unerheblich für diesen ist) für diesen entscheidet. „I will mourn the son I lost”, fasst Rooney sein persönliches Dilemma unabhängig vom Ausgang des Geschehens zusammen.

Mendes inszeniert hier eine Gewaltspirale, aus der sich die Figuren nicht befreien können. „Choice, a luxury of the Corleones, is denied to the Sullivans and Rooneys”, erkennt auch Roger Ebert. Ähnlich sieht es Almut Oetjen: „Anders als die Corleones scheinen sie nie wirklich die Wahl zu haben, ihrem Schicksal eine Wende geben zu können.“ Somit kann Sullivan das Geldangebot für ein Leben in Irland von seinem Ziehvater nicht annehmen und Rooney wiederum kann seinen leiblichen Sohn nicht opfern, obschon er ihm Sullivan vorzieht. Entsprechend ordnet sich hier auch die überflüssige Figur des Auftragskillers Maguire (Jude Law) ein. Von Self als personifiziertes Gesicht für den Mob eingebaut, repräsentiert Maguire all jene Handlanger von Rooney und dem Chicago Outfit, denen Sullivan im Laufe des Comics begegnet. Schließlich kann sich das Publikum nicht auf zahlreiche Figuren konzentrieren, denn dies würde ihre Aufnahmefähigkeit überschreiten. Passend auch Maguires Darstellung als gebückter, von Haarausfall geplagter, pervertierter Sonderling. Die Gegenzeichnung der Figur als Einbläuung seines Status als Bösewicht ist derart bemitleidenswert offensichtlich, dass sie schon fast wieder amüsant ist. Charakteristisch hierbei Eigenschaften wie den Familienmensch Sullivan, während Maguire eine Prostituierte mehrere Tage gegen Bezahlung in seinem Zimmer festhält.

Von der Tatsache, dass das italienisch-stämmige Outfit um Nitti und Capone (von Anthony LaPaglia in einer entfernten Szene erschreckend schlecht dargestellt) einen irischen Auftragsmörder engagiert, um einen irischen Auftragsmörder zu fassen, gar nicht erst zu sprechen. So ist es schließlich Maguires persönliche Rache an Sullivan, die im Finale diesem den Tod bringt. Daher gehört auch Laws Figur zu jenen tragischen Elementen der Handlung, deren Agieren vorherbestimmt oder zumindest von ihr selbst nicht abwendbar zu sein scheint. Folglich kann man, bedenkt man die oben angeführten Beispiele, Maguire durchaus als verzehrtes Spiegelbild von Sullivan selbst sehen. Es ist der Drang nach persönlicher Rache für die erlittenen Wunden, der den beiden Iren schließlich den Tod bringt. Ebenso wie auch Rooney und Connor den Tod finden, womit sich praktisch alle (irischen) Figuren letztlich im Jenseits wiederfinden. Alle außer Michael, Jr., um dessen Seelenheil sich die Handlung in Mendes’ Adaption trägt. Es wird ungemein viel Wert darauf gelegt, dass Michael, Jr. nicht zum Mörder wird. Obschon einige entfernten Szenen sich mit ebenjenem, offenbar unausweichlichen Werdegang beschäftigen. Im Gegensatz hierzu wird Michael, Jr. in Collins’ Vorlage zum Mörder. Seine Welt „ist eine deprimierend lebensfeindliche Umgebung“, wie Oetjen zusammenfasst. In dieser Welt voller Verbrechen kann man nicht überleben, wenn man nicht selbst ein Verbrechen begeht. Es ist eine erschütternde Botschaft, jedoch auch in ihrer Einordnung erschütternd wahre Botschaft.

Mit jenem Familienfokus steht und fällt im Grunde der Film. Die Grundstruktur der Handlung ist identisch mit Collins’ Werk. Dies darf bei heutigen Comicverfilmungen schon als Wunder betrachtet werden. Doch die Einordnung dieses Fundamentes ist eine unterschiedliche. Collins erzählte eine klassische Noir-Geschichte, wenn auch enorm bleihaltig. Sein Ziel ist es eine Kriminalgeschichte zu erzählen, die sich Elementen aus dem Chicago der dreißiger Jahre bedient. Somit ist sein „Road to Perdition“ ein hartes Stück period piece, in welchem die Vater-Sohn-Beziehung eine untergeordnete ist. Er erzählt eine Gangstergeschichte und eine ziemlich mitreißenden dazu. Mendes hingegen wendet sich mehr dem Drama zu. Er vertieft die Beziehung zwischen Rooney und Sullivan und inszeniert eine griechische Tragödie. Hier verursachte das Umstoßen eines Dominosteines den Zusammenbruch des gesamten Bildes. Die Geschichte der drei Vater-Sohn-Beziehungen (Sullivan/Michael, Sullivan/Rooney, Rooney/Connor) wirkt jedoch zu kitschig und hinsichtlich der zeitlichen Einordnung deplatziert. Das Drama um die Unschuld von Michael, Jr. vermag die zweistündige Handlung nicht so recht zu Tragen. Hierzu zählen dann auch die komischen Einbindungen, die in einem Familienfilm natürlich nicht fehlen dürfen. Mit jener düsteren Geschichte, die Collins seiner Zeit erzählte, hat dies jedoch nur noch auf der Oberfläche etwas gemein. Eventuell haben sich Spielberg und Mendes jedoch auch einfach nicht getraut, einen Jungen als Mörder darzustellen.

Die Besetzung der Figuren geht allerdings weitestgehend in Ordnung. Zwar wurden manche Darsteller, namentlich Stanley Tucci und Anthony LaPaglia, vormerklich wegen ihrer Abstammung besetzt, wobei ihre Figuren natürlich in der Adaption auch keinerlei Tiefe erfahren. So verkommen sie zu bloßen Stichwortgebern, die einer jeweiligen Information ein Gesicht verleihen sollen. Ähnlich verhält es sich mit Jennifer Jason Leigh in der Rolle der Annie Sullivan. Die Figur taucht derart kurz auf, dass Leigh sich nicht wirklich auszeichnen kann. Anders dagegen der damals noch wenig bekannte Neu-Bond Daniel Craig. Ihm gelingt es Connor so zu nuancieren, dass er dem Charakter tatsächlich etwas Eigenständiges verleiht. Selbst wenn Mendes der Figur ein eher unrühmliches Ende beschert. Jude Law spielt seine überflüssige Figur solide, wobei ihre Eigenschaften auch von derart dankbarer Natur sind, dass kaum ein Schauspieler Probleme mit ihnen gehabt hätte. Während Paul Newmans Darbietung das Herz des Filmes darstellt (zu Recht mit einer Oscarnominierung bedacht), ist sein Gegenüber, Tom Hank, katastrophal fehlbesetzt. Mit bedröppeltem Dackelblick versucht er sich durch die Szenerie zu spielen, ohne seiner Figur wirklich Tiefe verleihen zu können. Hier merkt man, dass große Namen nicht immer die beste Wahl für einen Film sind.

Noch schlechter als Hanks Schauspiel ist allerdings mit Abstand Thomas Newmans unsägliche musikalische Untermalung. Dessen weichgespülte Komposition passt sich zwar dem familiengerechten Unterhaltungsfilm an, ist jedoch von einem derartigen Positivismus durchtränkt, dass die Musik hinsichtlich der Tragik der Geschichte nicht anders als deplatziert bezeichnet werden kann. Erfreulicher dagegen Conrad L. Halls großartige Kameraarbeit und insbesondere seine in der Tat gelungene Ausleuchtung. Alles in allem ist Road to Perdition eine solide und bisweilen überzeugende Comicverfilmung. Es schadet ihr jedoch, dass Regisseur Sam Mendes ihr den eigentlichen Kern der Geschichte beraubte, nur um ein Familiendrama zu inszenieren. Der weichgespülte Charakter des Filmes will daher nicht so wirklich überzeugen, speziell in den Szenen zwischen Hanks und dem überzeugenden Tyler Hoechlin. Bedauerlich, dass man sich nicht ausgiebiger der illustren Vorlage bedient hat, die mehr Gewicht auf die historischen Persönlichkeiten Nitti, Capone und Elliot Ness legte. Allerdings zeigt bereits die Einbindung der Figur von Maguire, dass DreamWorks seinem Publikum nicht zutraute, mehrere Charaktere zugleich im Auge zu behalten. Road to Perdition ist ein Film, der an sich in Ordnung geht, einige beeindruckende Einstellungen vorzuweisen hat, allerdings auch in einer unglaublich miesen Schlusseinstellung sein Ende findet. Wie immer, wäre hier (evtl. unter der Regie eines Brian de Palma) mehr drin gewesen.

6.5/10


Quellen:

• Audiokommentar von Sam Mendes, Road to Perdition, Twentieth Century Fox Home Entert., 2002.
• Ebert, Roger: Road to Perdition. In: Rogerebert.com, 2002., http://rogerebert.suntimes.com/apps/pbcs.dll/article?AID=/20020712/REVIEWS/207120304/1023 <03.05.2009>
• Nathan, Ian: Road to Perdition. In: Empireonline.com, o.J., http://www.empireonline.com/reviews/reviewcomplete.asp?FID=8341 <03.05.2009>
• Oetjen, Almut: Road to Perdition. In: Wacher, Hilger (Hrg.): Enzyklopädie des Kriminalfilms, Roßdorf 2005.

10. Februar 2008

Charlie Wilson’s War

The Congressman has never been to rehab. They don’t serve whisky at rehab.

Las Vegas, die Stadt der Sünder, voller Betrüger, Geld und Prostituierten. Meist kulminiert alles am selben Ort, so zum Beispiel in einem Whirpool eines Apartments. Dort sitzen nicht nur zwei Stripperinnen, findet sich Alkohol und Kokain, sondern auch der texanische Abgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks). Doch er ist nicht ganz bei der Sache, denn im Fernsehen wird gerade ein Beitrag über die von den Russen unterdrückten Afghanen gezeigt. Wilson lässt sich vom Fernsehmoderator dazu überzeugen, den Etat für verdeckte geheime Subventionen von fünf auf zehn Millionen Dollar zu erhöhen. Doch damit tut er niemand einen Gefallen, im Gegenteil. Seine Gelegenheitsgeliebte und die sechsreichste Frau Texas, Joanne Herring (Julia Roberts), nötigt Wilson nun dazu sich aktiv für die Bekämpfung der Sowjets einzusetzen und eine Konsultation mit dem CIA führt ihn schließlich zu dem egozentrischen Agenten Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman), der gemeinsam mit drei anderen versucht den Kalten Krieg zu amerikanischen Gunsten zu beenden.

Die unglaublichsten Geschichten sind aus Erfahrung immer diejenigen, die sich tatsächlich ereignet haben. So auch die Geschichte vom Krieg des Charlie Wilson gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan Ende der Achtziger. Wilson war das, was man ohne Umschweife als Schürzenjäger und Trinker bezeichnen könnte und das wäre wohl noch euphemistisch ausgedrückt. Der echte Charlie Wilson meinte nach der Premiere von Charlie Wilson’s War lediglich, dass die Macher gnädig mit ihm gewesen sein und mit ebenjenen Machern meinte er Produzent und Hauptdarsteller Tom Hanks sowie Regisseur Mike Nichols. Über Wilsons Aktivitäten schrieb Ende der Neunziger der 60 Minutes-Journalist George Crile, der das Thema schließlich 2003 zu dem Roman Charlie Wilson’s War ausarbeitet, was wiederum Tom Hanks auf den Plan rief sich die Filmrechte zu sichern. Für das Drehbuch engagierte er den Schöpfer der politischen Dramaserie The West Wing, Aaron Sorkin, und holte als Regisseur Mike Nichols an Bord, der bereits mit Primary Colors und Catch 22 Erfahrungen im politisch-zynischen Bereich gesammelt hatte.

Eine nette Anekdote rund um die Entstehung des Filmes ist ein Treffen zwischen Nichols und George Clooney, der an der Rolle von Wilson interessiert war, als er jedoch erfuhr, dass sich Hanks bereits die Rechte gesichert habe mit den Worten ausbrach „Ich hoffe er stirbt!“. Wer würde nicht gerne einen versoffenen Weiberhelden spielen, der im Alleingang den Kalten Krieg beendete? Hanks spielte die Hauptrolle kurzerhand selbst, erntete dafür auch vor wenigen Wochen eine Golden Globe Nominierung, ebenso wie sein Nebendarsteller Philip Seymour Hoffman, der sich auch Hoffnungen auf einen Oscar machen darf. Namhaft besetzt ist er, Charlie Wilson’s War, mit drei Oscarpreisträgern in den Hauptrollen und einer für den Oscar nominierten Dame in einer Nebenrolle. Kein Wunder also, dass der Film bei den Globes noch so zahlreich vertreten war. Dabei hat Hanks sicherlich schon besser gespielt, als es hier der Fall ist, aber das komödiantische Fach liegt im dennoch fraglos. Er ist sich nicht einmal zu schade dem Publikum zum ersten Mal seinen blanken Hintern zu zeigen.

Aber das Fazit bleibt, wirklich aufgehen tut er in seiner Rolle nicht, zu unbegeistert wirkt die Begeisterung, zu friedlich seine Aufreger. Damit ist er jedoch sehr viel besser bedient als die Roberts, die abgesehen von ihrer Nuttenhaften Schminke total blass bleibt. Auch wenn dahingestellt ist, ob sie überhaupt schauspielerisches Talent besitzt, lässt es sich zumindest in Nichols Film nicht finden. Man muss ihr zu Gute halten, dass ihre Rolle auch nicht sonderlich viel hergibt, lediglich hier und da kurz auftritt, nur um etwas mit den Augen zu klimpern und Hanks ins Gewissen zu reden. Besser spielen tut da schon Amy Adams als Wilsons persönliche Assistentin Bonnie Bach, doch auch diese Figur wird nicht sonderlich ausgeleuchtet, erscheint stets als ungeschilderter Schatten von Hanks Charakter. Ähnlich verhält es sich auch mit Philip Seymour Hoffman, über dessen Rolle man zu Beginn erfährt, dass sie nicht befördert wird, womit sich das Private auch in Grenzen hält.

Höhepunkt des Filmes ist allerdings eben Hoffmans Figur, der provokativ-ehrliche Gust Avrakotos, der durch seine Bemerkungen und Äußerungen für die Lacher im Film sorgt. Hoffman spielt den Amerikaner griechischer Herkunft köstlich und absolut authentisch, ist zugleich Glanz und Gloria von Nichols Film, der außer den Szenen zwischen Avrakotos und Wilson selten wirklichen Humor zelebrieren kann. Wie bereits The Hunting Party möchte Charlie Wilson’s War gerne ein neuer Lord of War sein, ohne dies auch nur ansatzweise zu schaffen. Wenn Afghanen vom sowjetischen Helikopterfeuer dahingemäht werden, kann man solche Szenen nicht in eine Komödie einbauen, auch nicht in die von Nichols gedachte Satire. Sein Film ist über die gesamte Zeit zu unernst, um tatsächlich ernst zu sein und er ist zugleich zu unlustig, um eine wirkliche Komödie zu sein. Problematisch könnte auch sein, dass man die besten lustigen Momente des Filmes bereits monatelang in die Trailer platziert, sodass man im Kino selbst lediglich ein müdes inneres Lächeln bewerkstelligen will.

Wenn Wilson in seinem dunklen Zimmer sitzt, mit verheulten Augen, da ihm die zerfetzten afghanischen Kinder so nahe gehen, ist dies völlig aus dem Zusammenhang gerissen, da dem Publikum zuvor kein innerer Kampf dargestellt wurde, keine Nuancen, wieso Wilson sich das so sehr zu Herzen nimmt. Viel, was man hätte erzählen müssen, um die Geschichte den Zuschauern nahe zu bringen, versäumt man: Wilson bleibt ebenso im Dunkeln wie all die anderen Figuren, ihre Motivation wird vorausgesetzt. In der Tat scheint der Trailer dem Film das Genick gebrochen zu haben, den nicht nur die lustigsten Szenen werden vorweg genommen, sondern auch alle Szenen mit Shiri Appleby hineingepackt. Dieser Superlativ zu sexy taucht nicht so häufig im Film auf, wie man sich das aus dem Trailer vielleicht herzuleiten vermag, was einen dann am Ende doch etwas enttäuscht. So bleibt von Charlie Wilson’s War neben dem tollen Schauspiel von Hoffman nur noch die heiße Appleby. Der Rest ist relativ ermüdend und zu gezwungen komisch.

Was fehlt ist neben der Liebe der Macher zu ihrem Produkt vor allem die fehlende Tiefe der Figuren. Wieso genau will Ms. Herring ihre Ziele verfolgen? Was exakt motiviert Wilson? Wie sieht das Innenleben der Charaktere aus? Inwiefern ließ sich das umsetzen, was Wilson schließlich umgesetzt hat? Auch die Tatsache, dass die USA durch ihre Unterstützung der Mudschaheddin praktisch den späteren islamischen Fundamentalismus direkt finanziert, bzw. durch die Unterlassung weiterer Fördermittel diesen genährt haben, ist ein zu großes Thema, um es in einer einzigen fünfminütigen Szene abzuhandeln. Auch hier sieht man wieder, dass er Film zu ernst sein will, um Komödie zu sein, und zu lustig ist, um als Drama durchzugehen. Die Darsteller, besonders natürlich Julia Roberts, wirken dabei verschenkt, bloße Staffage in einer leblosen Handlung, die wie ein Ballon aufgeblasenes Konstrukt umherfliegt und bei einer ernsthaften Festigkeitsprüfung schließlich explodiert. Charlie Wilson’s War möchte vieles sein und schafft es am Ende schließlich wenig davon tatsächlich auszufüllen.

6.5/10