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27. Dezember 2013

Alan Partridge: Alpha Papa

You seriously don’t know “Banged Up Abroad”? You have to be shitting me.

Schon Oscar Wilde wusste, dass nur eines schlimmer ist, als wenn über einen geredet wird: wenn nicht über einen geredet wird. So in etwa ist auch die Philosophie von Alan Partridge, dem fiktiven inkompetenten Moderator, den der britische Schauspieler Steve Coogan 1991 für die BBC-Radiosendung “On the Hour” ins Leben rief.  Der Sportreporter wurde so populär, dass im Lauf der Jahre drei Fernsehserien und mehrere Specials über ihn entstanden. Selbst in die Popkultur hielt Partridge Einzug, was ihn zu einer Art britischem Vorläufer von Will Ferrells Nachrichtenmoderator Ron Burgundy macht. In Alan Partridge: Alpha Papa wird die Figur jetzt aufs Kino losgelassen.

Im Film sieht sich Alan Partridge (Steve Coogan) an seinem Arbeitsplatz bei Norfolk Radio mit einem „Rebranding“ konfrontiert: Der Sender soll auf eine jüngere Zielgruppe zugeschnitten werden und fortan “Shape – The Way You Want It To Be” heißen. Im Zuge der fragwürdigen Modernisierung soll auch einer der Moderatoren entlassen werden – entweder Alan oder sein Kollege Pat Farrell (Colm Meaney). Alan, vom Überlebenswillen getrieben, macht kurzerhand Politik gegen den Konkurrenten und behält so seinen Job. Doch die abendliche Relaunch-Party verläuft anders als erwartet, als Pat mit einem Gewehr aufkreuzt und seine ehemaligen Kollegen als Geiseln nimmt.

Nun soll Alan für die Polizei mit Pat verhandeln. Eher widerwillig akzeptiert er und sieht kurz darauf in dem Medieninteresse die Chance, zurück ins Rampenlicht zu kehren. Dumm nur, dass Alan mehrmals Gelegenheit, die Geiselnahme zu beenden – dabei profitiert er am meisten davon, dass die Affäre weitergeht. Ein Zwiespalt, der für viele Lacher sorgt. So wenn Alan – beim Telefonat mit Assistentin Lynn – versehentlich über einen Notausgang das Gebäude verlässt und danach wieder einen Weg hinein finden muss. Oder wenn sich immer wieder die Chance bietet, Pat auszuschalten, und ein hin und her gerissener Alan sich stets dagegen entscheiden muss.

Stattdessen verbrüdert sich Alan mit Pat, dessen Situation er natürlich nur allzu gut nachempfinden kann. Schließlich entstammen die beiden derselben Generation alter (Radio-)Hasen, die sich in der total medialisierten Welt von heute nur bedingt zurechtfinden. Während die übrigen Geiseln um ihr Leben fürchten, lachen sich Alan und Pat derweil über YouTube-Videos kaputt. Dieses verquere Zusammenspiel zwischen dem Geiselnehmer und Geisel/Verhandlungsführer führt zu herrlichen Momenten, darunter dem Höhepunkt von Declan Lowneys Film: einem Dialog von Alan und Pat über die TV-Serie “Banged Up Abroad”, indirekt von der Polizei wiedergegeben.

Es ist Alans selbstvergessene Art, die ihn zum liebenswerten Trottel mutieren lässt – und Alan Partridge: Alpha Papa zur Komödie des Jahres macht. Dabei ist Alan keineswegs so blöd, wie er aussieht. Das beweist schon die Kreation eines Radio-Jingles in einer Stunde in einer Notsituation. Man muss ihn einfach gernhaben, wie er auf Teufel komm raus bestrebt ist, sich wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken – ob er nun sein Auto mit “Alan Partridge drives this KIA” bedruckt oder sich für Naturalien zu Werbeauftritten beschwatzen lässt. Da sind die anderen Figuren nur Staffage, selbst „Antagonist“ Colm Meaney und Assistentin Lynn (Felicity Montagu).

Das tut dieser hervorragenden Komödie jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Schließlich ist es Alan Partridge, den man in diesem Film sehen will (also gänzlich konträr zur Situation der Figur in ihrem fiktionalen Universum). Der Zuschauer kommt auch dann voll auf seine Kosten, wenn er Steve Coogans Alter ego zuvor noch nie erlebt hat. Vorwissen ist nicht vonnöten, um die Figur und ihren Charakter verstehen zu können. Vielmehr ist der komprimierte Ausflug von 90 Minuten in Alan Partridges Welt eher ein Pluspunkt. Declan Lowneys Alan Partridge: Alpha Papa führt jedenfalls dazu, dass über Alan Partridge (wieder) geredet wird – und zwar nur Gutes.

8/10

8. März 2011

The Trip

Whaddayagot?

Zankende Pärchen haben spätestens seit Gene Saks’ The Odd Couple eine Tradition im Film. Besonders beliebt sind sie in Buddy-Movies wie Lethal Weapon oder zuletzt Sherlock Holmes. Und besonders amüsant sind sie dann, wenn es sich wie in Michael Winterbottoms The Trip nicht mal um zwei Freunde, sondern lediglich zwei Kollegen handelt. Zumindest wenn es nach den eigenen Aussagen von Steve Coogan und Rob Brydon selbst geht, die beide bereits unter Winterbottom in seiner Laurence-Sterne-Adaption A Cock and Bull Story zum Einsatz kamen. Hier wie da spielen sie übertriebene Karikaturen von sich selbst, die nicht umhin können, sich ein ums andere Mal verbal gegenseitig in die Pfanne zu hauen.

In The Trip wird Coogan nun von der britischen Zeitung The Observer auf eine Restaurant-Tour in den Norden Englands geschickt. Eine Reise, die er eigentlich mit seiner amerikanischen Freundin Misha unternehmen wollte oder als diese absagt, mit einer Handvoll anderer Freunde, deren Gesellschaft er erfragt. Letztlich ist es Brydon, der am anderen Ende der Leitung zusagt, mit Coogan für einige Tage wegzufahren, um auf Kosten anderer exquisite Speisen zu sich zu nehmen. Eine Entscheidung, die speziell Coogan alsbald bereut, wenn sich sein Kollege in seinen Imitationen (unter anderem von Al Pacino) und Coogan selbst in seiner Sehnsucht nach einer Kinokarriere in Hollywood zu verlieren droht.

Von den sechs Episoden erzeugt in diesem Szenario The Inn at Whithall, die den Auftakt bildet, am meisten Charme. In gemütlicher Atmosphäre sieht sich Coogan der Gefahr ausgesetzt, mit Brydon ein Doppelbett teilen zu müssen, während sie sich bei ihrem ersten gemeinsamen Hauptgang versuchen, in ihrer Darbietung von Michael Caine zu übertreffen. Von seinem Aufbau her weist The Inn at Whithall den Weg für die übrigen Folgen, wenn Brydon nicht nur immer wieder in seine Imitationen verfällt und Jakobsmuscheln als Vorspeise ordert, sondern Coogan, genervt von den Vergleichen mit Brydon, die stürmische Umgebung der Natur aufsuchen muss, um mit seinem iPhone ein Handysignal zu erhalten.

Während die zweite Episode L’Enlume was den Aufbau angeht ihrem Vorgänger folgt (mit Imitationen von Sean Connery über Anthony Hopkins bis hin zu Liam Neeson), liegt hier der Fokus besonders verstärkt auf den Mahlzeiten. In bisweilen stark französischem Akzent werden Coogan und Brydon illustre Gänge zu horrenden Preisen präsentiert. Ab Hipping Hall wird die BBC-Serie dann etwas melancholischer, wenn Coogan, karrieretechnisch desillusioniert, probiert, Brydons klassischen Akt des „Small Man In A Box“ nachzuahmen. Unterdessen ordert Brydon weiterhin munter Jakobsmuscheln als Vorspeise und kommt nicht umhin, selbst in den abendlichen Telefongesprächen mit seiner Frau Stimmen zu imitieren.

Die Versackung in die, zumindest unterschwellige, (Pseudo-)Ernsthaftigkeit schadet dem Unterhaltungsfaktor von The Trip zwar keineswegs (sehr gelungen ist zum Beispiel der Michael Sheen-Dialog in The Yorke Arms), erscheint jedoch in den letzteren drei Episoden und somit der zweiten Serienhälfte etwas überbordend präsent. Spätestens in der Finalfolge The Angel at Hetton hat auch der letzte Zuschauer die intendierten Stereotypen (Coogan=Schürzenjäger mit Sehnsucht nach Anerkennung, Brydon=geerdeter Imitationskasper in der Karriereschleife) verstanden, ohne dass Winterbottom ihnen neue Facetten hinzufügt (beispielhaft der Rückfall in die Michael Caine-Nachahmung von Hipping Hall).

Nichtsdestotrotz ist Winterbottoms Mini-Serie ein unterhaltsamer Spaß, der speziell in den ersten drei Folgen noch gelegentlich die Kamera auf den Tisch und anschließend eher ins Freie schwenkt. Herrliche Aufnahmen der Grafschaft North Yorkshire (mit Sehenswürdigkeiten wie Bolton Abbey und den Karren der Yorkshire Dales) dienen zwar zum einen der metaphorischen Verdichtung von Coogans Innenleben, zum anderen aber auch der visuellen Verzückung des Publikums. Zuvorderst sind es natürlich die Zickereien zwischen Steve Coogan und Rob Brydon, die The Trip mit Leben füllen. Weshalb Brydon in seiner Art wohl sagen würde: “Come, come, Mr. Coogan. You enjoy our bickering just as much as I do.“

7.5/10

22. September 2008

Tropic Thunder

After only five days of shooting, the film was two months behind schedule.

Schon der Vorspann ist klasse. Sogar die Vorschau vor dem Vorspann ist klasse. Allein deswegen lohnt sich das Geld und wenn man sich dann inmitten der Einleitung zu Tropic Thunder befindet – indem man sich inmitten der Einleitung zu Tropic Thunder befindet – weiß man, dass Ben Stiller einen hier in den folgenden neunzig Minuten überzeugen wird. Von einer Spezialeinheit in Vietnam kehrten einst nur zehn Soldaten lebend zurück. Von jenen zehn haben vier ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben, von diesen Büchern wurden drei veröffentlicht und von diesen drei wurden bei zwei die Filmrechte erworben. Doch in Tropic Thunder geht es nicht darum, dass eine oder dass andere Buch nachzuerzählen, sondern vielmehr den katastrophalen Dreharbeiten zu einer der Buchadaptionen zu folgen. Wenn der Zuschauer dann erfährt, dass man nach fünf Drehtagen bereits zwei Monate (!) hinter dem Produktionsplan und 100 Millionen Dollar über dem Budget liegt, hat Stillers neue Komödie schon früh ihre Klimax gefunden und weiß dennoch auch im restlichen Verlauf der Handlung gewisse Akzente zu setzen.

Seine Erzählung von Hollywoodstar Tugg Speedman (Ben Stiller), der sich gemeinsam mit Comedian und Bad Boy Jeff Portnoy (Jack Black) und dem mehrfachen Oscarpreisträger Kirk Lazarus (Robert Downey Jr.) daran versucht, die Biographie von Vietnamveteran „Four Leaf“ Tayback (Nick Nolte) zu verfilmen, ist teilweise zum Schreien komisch. Denn mit Tropic Thunder gelingt Stiller nicht nur ein Film im Film, sondern zugleich eine Persiflage zum einen auf das Genre des Vietnamkriegsfilms und auf die Traumfabrik Hollywoods. Und wenn die Charaktere dann auch noch anfangen die Vierte Wand zu durchbrechen, schraubt sich Stillers neueste Regiearbeit auf die vorderen Plätze der diesjährigen Comedy-Highlights. Selbst wenn dem Gag-Feuerwerk gerade in der Mitte öfters mal die Puste ausgeht. Denn das Tempo und Niveau des Trailer über die gesamte Laufzeit aufrecht zu erhalten, ist der amerikanische Komiker dann zwar nicht im Stande, doch ist dies über die meiste Zeit hinweg ein Tropfen auf dem heißen Stein. Schließlich ist hier der Weg das Ziel und Pfad beschreitet Tropic Thunder so oft mit Bravur, dass die Fettnäpfchen in Vergessenheit geraten.

Stiller selbst zählt zu der höchsten Klasse der gegenwärtigen Comedy-Darsteller, seine Filme spielten weltweit über zwei Milliarden Dollar ein und zu seinen drei erfolgreichsten Produktionen gab oder gibt es Fortsetzungen. Als tölpeliger Schussel kennt und liebt ihn die Welt aus Filmen wie Meet the Fockers oder A Night at the Museum. Und wie andere Kollegen bemühte Stiller für Tropic Thunder das virale Marketing. Neben künstlichen Internetseiten für seine Filmcharaktere ließ sich Stiller auch mit seinen beiden anderen Zugpferden Jack Black und Robert Downey Jr. im Fahrwasser von deren Erfolgsfilmen, Kung Fu Panda und Iron Man, ablichten. Dabei bewarb er nicht nur den Film selbst, sondern machte sich auf zugleich über jenes virale Marketing und die amerikanischen Zuschauer lustig. „Witzigkeit kennt keine Grenzen“, gab Hape Kerkeling einst bereits in Kein Pardon zum Besten. Und in der Tat macht Tropic Thunder kaum Halt vor irgendetwas. Hier wird nicht nur über Action-Darsteller hergezogen, die sich in redundanten Fortsetzungen verlieren, sondern auch Kollegen wie Eddie Murphy, Curtis Jackson oder Russell Crowe bekommen ihr Fett weg.


Alles selbstverständlich immer mit einem Augenzwinkern, da Stiller und Co. selbst zu den Produkten jener Traumfabrik gehören, die sie hier bisweilen an den Pranger stellen. Dass diese Botschaft angekommen ist, sieht man an den zahlreichen, sich selbst veräppelnden Gastauftritten etlicher Stars von Tobey Maguire (MTV Movie Award for Best Kiss) über Jon Voight bis hin zu Tom Hanks. Doch Tropic Thunder hat noch weitaus mehr zu bieten, als jene kurzen Cameos. Denn wer genauer hinsieht kann auch den einen (Bill Hader) oder anderen (Tom Cruise) Schauspieler entdecken, den man nicht unbedingt gleich wieder erkennt. Heruntergezogen wird das lediglich von der Nebenrolle Matthew McConaugheys, die dieser zu keinen Zeitpunkt wirklich aufzufüllen weiß. Hätte Owen Wilson sich nicht wegen Kate Hudson versucht das Leben zu nehmen, hätte man diesen (weitaus talentierteren) Schauspieler als Hollywoodagent Rick Peck erleben dürfen.

Das enorme Budget merkt man Tropic Thunder bereits in seinen ersten zehn Minuten an, in denen Stiller mehr auf die Kacke haut, als andere Regisseure in richtigen Actionfilmen. Sein Film im Film macht sich anschließend daran seinen Charakteren Tiefe zu verleihen, wobei bereits der Film im Film veranschaulicht, dass sich Stiller hauptsächlich auf die beiden Figuren Speedman und Lazarus konzentrieren wird. Beide nehmen eine rivalisierende Position am Set ein, ähnlich wie man es von einigen realen Kollegen (z.B. Brad Pitt und Harrison Ford) kennt. Meist sind Filmsets nicht groß genug für zwei riesige Egos und dies scheint hier der Fall zu sein. Speedman bemüht die fünfte Fortsetzung seiner einst erfolgreichen Scorcher-Reihe, doch lockt er mit seiner redundanten Story (über die sich selbst die Trailerstimme lustig macht) niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Sein Ausflug ins Charakterfach ging dann mit dem Behinderten-Drama Simple Jack auch gehörig schief. Ein Fakt, den Lazarus während des Filmes gerne durch den Kakao zieht.

Hier findet sich auch die Hauptkontroverse des Filmes, da jener Dialog zwischen Speedman und Lazarus bezüglich Simple Jack scheinbar unhöflich mit geistig Behinderten umgeht. In Hollywood nimmt man immer gerne alles gleich persönlich, die Essenz der Szene haben viele scheinbar nicht mitgekriegt. „You never go full retard“, erklärt Lazarus seinem Kollegen, nachdem er sich einen verunsichernden Spaß mit ihm erlaubt hat. Ein bisschen zurückgeblieben sein, das ist hilfreich, siehe Dustin Hoffman in Rain Man oder Tom Hanks in Forrest Gump. Die Szene dreht sich dabei weniger um die Darstellung von Behinderten in diesem Film oder anderen, sondern – wie die meisten Szenen – grundsätzlich um die Schauspielergilde Hollywoods. Und insofern persifliert Stiller mit Tugg Speedman auch seinen Freund Tom Cruise, welcher sich seit Jahren bemüht endlich seine Anerkennung durch einen Oscar zu erhalten, bisher jedoch lediglich auf drei Nominierungen zurückblicken kann.


Jene Schauspieler sind es auch, auf deren Kosten die Lacher in Tropic Thunder gehen, denn die Filmindustrie selbst wird weit weniger auf den Arm genommen, als man zuerst meinen könnte. Tugg Speedman ist ein Querschnitt aus all den Gesichtern, die man inzwischen schon nicht mehr sehen mag: Leonardo Di Caprio, Tom Cruise oder Angelina Jolie. Speedman sehnt sich nach Anerkennung, engagiert sich für Pandas, spricht sich in einer Talkshow aus und adoptiert letztlich sogar ein asiatisches Kleinkind, welches er prompt umbenennt. Er ist eine einsame Figur, dessen einzig wirklicher Freund sein Agent ist. Speedman ist missverstanden, wie so oft bei Stillers Figuren der Fall, egal ob Derek Zoolander oder Tugg Speedman. Beide ecken in ihrer Umgebung durch ihre Beschränktheit an und erwecken damit zugleich gewisse Sympathien beim Publikum. Es sind diese unbeholfenen Charaktere, die Stiller seit Jahren begleiten, angetrieben lediglich von ihrem Beruf (wie auch White Goodman in Dodgeball), ausgeschlossen von irgendeiner familiären Nähe.

Somit entzieht es sich nicht einer gewissen Ironie, wenn Speedman letztlich ausgerechnet mit seiner unbeholfensten Figur so etwas wie Zuneigung erfährt. Der Star ist missverstanden, wird unter Wert verkauft. Eine Prämisse, die sich in Stillers Filmographie ein ums andere mal wiederholt. Daher wäre es eigentlich weitaus spannender und amüsanter gewesen, wenn nicht Stiller sondern Tom Cruise den Tugg Speedman gegeben hätte. Denn Cruises geplanter Cameo nimmt im fertigen Film plötzlich Nebencharakterfunktion ein, was ein Engagement in anderer Hinsicht nicht ausgeschlossen hätte. Mit seinem Les Grossman hat Cruise jedenfalls keine Scheu sich mit HipHop-Getanze selbst zum Narren zu machen. Die Referenz zu Stillers eigenem Produktionspartner Stuart Cornfeld ist dabei die meiste Zeit durchaus gelungen, wobei weniger hier eindeutig mehr gewesen wäre, so amüsant der Abspann auch gelungen ist. Den Mut sich quasi selbst zu spielen und hochzunehmen, hatte Cruise dann aber wohl doch nicht.

Doch die eigentliche Geheimwaffe ist eine andere Kontroverse, die nicht mal zur Kontroverse wurde. Im Gegensatz zu Iron Man gelingt es Robert Downey Jr. in Tropic Thunder dem Film seinen Stempel aufzudrücken (was sogar mit einer Oscarnominierung belohnt wurde). Wahrscheinlich weil er sich nicht hinter einer – wie ironisch – Maske verstecken musste. Seine Figur des australischen Charaktermimen Kirk Lazarus ist der eigentliche Star, sowohl des Filmes als auch des Films im Film. Während die Persönlichkeit von Lazarus an seine beiden Kollegen vom fünften Kontinent, Russell Crowe und Heath Ledger, angelehnt ist, geht seine schauspielerische Person eher in die Richtung eines Daniel Day-Lewis. Obschon er bereits fünf Oscars gewonnen hat, lässt es sich Lazarus nicht nehmen, sich für die Rolle eines afroamerikanischen Sergeants einer Hauptpigmentierung zu unterziehen. So gelang es Downey Jr. schließlich zu einer Oscarnominierung zu kommen, indem er einen australischen Schauspieler spielte, der wiederum einen afroamerikanischen Soldaten verkörperte.


Verständlich dass sein Kollege und 50 Cent-Verschnitt, Alpa Chino (Brandon T. Jackson), angesäuert reagiert. Das alleine ist jedoch noch nicht mal der Höhepunkt, eher noch die Tatsache, dass Lazarus nie seine Rolle verlässt. Zumindest nicht „until the DVD commentary“ und in der Vorproduktion schon gar nicht. Wie die fiktive Dokumentation Rain of Madness, gedreht von Jan Jürgen (Drehbuchautor Justin Theroux in einer phänomenalen Werner Herzog-Verasche), aufzeigt, nimmt Lazarus auch ohne Vorbehalte die Familie des echten Kirk Lazarus gefangen, um einen näheren Zugang zur Rolle zu erhalten. Es ist daher auch Lazarus, der im Finale des Filmes beginnt die Vierte Wand zu durchbrechen, wenn er sich selbst als Schauspieler reflektiert, der einen Schauspieler spielt, der einen Charakter mimt („I’m the dude, playing the dude, disguised as another dude“). Wenn er dann auch noch derlei Sätze schwadroniert wie „ I don't read the script. The script reads me.“, wird klar, was Stiller und Konsorten von ihren method actor Kollegen halten.

Passend untermalt wird sein Action-Gag-Feuerwerk von Stiller mit perfekt passender Musik, wie man sie aus Full Metal Jacket und Apocalypse Now gewohnt ist. Man darf sich allerdings auch nichts vormachen, denn Tropic Thunder ist sicherlich kein Meisterwerk. Dafür vernachlässigt Stiller zu sehr das übrige Ensemble, wie auch die beiden Hauptcharaktere. Was zum Beispiel hat Portnoy veranlasst in einem Kriegsfilm mitzuspielen? Wie konnte man Lazarus für ein solches Projekt gewinnen, auch noch „nur“ in einer Nebenrolle? Und weshalb setzt das Studio überhaupt auf Speedman als Hauptdarsteller? Diese Fragen wissen auch die verbindenden Medienaufnahmen und Rain of Madness nicht wirklich zu beantworten. Im Zuge dieser drei Figuren kommen dann die übrigen oft etwas zu kurz. Allen voran der großartige Steve Coogan darf hier als britischer Regiedebütant Damien Cockburn nie sein wahres Potential ausnutzen. Auch Nick Nolte wirkt in seiner Rolle etwas unterfordert, während Jay Baruchel und Jackson mitunter zeigen, dass sie auch zu weitaus mehr im Stande gewesen wären, wenn Stiller sie mal gelassen hätte.

Zudem ist Stiller auch nicht in der Lage, den Film hindurch auf einige flachere Witze zu verzichten, die weniger zu gelingen vermögen als andere, sehr viel genialere Einfälle. Man hätte sich durchaus mehr Seitenhiebe auf das Genre, die Prämisse des Films im Film oder Hollywood gewünscht. Das Potential wäre hier durch einige zusätzliche Cameos im Stile eines Tobey Maguire vorhanden gewesen. Aber auch so funktioniert Tropic Thunder über die meiste Zeit seiner Lauflänge und wird dabei zumindest ansatzweise den exzellenten Trailern gerecht. Einiges von seinem Potential wird dann in der Masse an Extras deutlich, die sich speziell auf der „Director’s Cut“-DVD befinden. Hier packt Stiller nicht nur die herrliche Mockumentary Rain of Madness rein, sondern auch noch einige geschnittene Szenen und ein alternatives Ende (das seinen Charme besitzt, aber nicht so rund wie die Kinoversion wirkt). Trotz der schwachen Mitte kann Stillers letzte Regiearbeit die meiste Zeit überzeugen und ist für viele der besten Lachkrämpfe des Jahres verantwortlich.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

14. April 2007

Marie Antoinette

It’s not too much, is it?

Wieder Mal behandelt diese Rezension einen Film, den das regionale Kino nicht in seinem Programm hatte und der daher auf DVD nachgeholt werden muss. Obschon ich weder von Sofia Coppolas The Virgin Suicides noch ihrem hochgelobten Lost in Translation sonderlich angetan war, barg der nett geschnittene Trailer zu Marie Antoinette etwas Verlockendes – was folglich den Ausschlag zur Sichtung gab. Inhaltlich dreht sich Coppolas dritter Spielfilm dann wenig überaschend auch um die Regentin Marie-Antoinette, angefangen von ihrer Überführung aus Österreich nach Frankreich. Dort sollte sie im Dienste der Friedensbeziehungen zwischen Frankreich und Österreich den Thronfolger Louis XVI. ehelichen.

Scheint ihr die französische Hofwelt zu Beginn noch fremd, passt sich die junge Frau schnell den neuen Gepflogenheiten an. Und das ist im Grunde auch alles, was Coppola aus der Historie übernimmt. Die Rolle der 14-jährigen Marie-Antoinette fällt im Film dann der zehn Jahre ältere Kirsten Dunst zu, während Coppolas Cousin Jason Schwartzman (Rushmore) den Part ihres 15-jährigen Gatten Louis erhielt. In weiteren Rollen treten auch noch Steve Coogan (A Cock and Bull Story), Rip Torn (Men in Black), sowie die vergnügliche Rose Byrne (Troy) und die kurzweilige, aber gute Asia Argento (xXx) auf. Gemäß dem Filmtitel ist dies jedoch die Show von Marie Antoinette und damit Kirsten Dunst.

Anzumerken ist, dass Marie Antoinette in technischer Hinsicht nahezu perfekt gerät. Die Szenen sind wunderbar ausgeleuchtet, egal ob im Palast von Versailles oder in seinen Gärten. Zuträglich war hier sicherlich, dass es Coppola gestattet wurde, als erste Filmproduktion überhaupt in den Räumen des Schlosses zu drehen. Auch Maske und Kostüme enttäuschen erwartungsgemäß nicht, werden vielmehr geradezu zelebriert, während die untypische, kontemporäre Musikuntermalung von The Strokes über Air bis hin zu Bow Wow Wow und The Cure dem Film etwas Besonderes verleiht. Dabei wirkt sie nie deplaziert, verleiht Coppolas Werk vielmehr eine erfrischende Note im Vergleich zu Genrekollegen wie Barry Lyndon.

Das Schloss selbst wird dabei so oft wie möglich in seiner vollen Größe wiedergegeben, ebenso wird dem riesigen Garten Tribut gezollt. Die Botschaft des im Luxus verlorenen Mädchens wird hier allerdings ein wenig überstrapaziert, denn viel zu ausgiebig gibt sie sich ihren Aufnahmen hin. So folgt man Dunst gerne auch in zwei verschiedenen Szenen mit der Kamera die 20 Sekunden, die sie zum Treppensteigen braucht. Generell ist der Film mit seinen zwei Stunden viel zu lang, vor allem wenn man bedenkt, dass Coppola keine wirkliche Geschichte zu erzählen hat. Zu Beginn des Films geht eine junge, unsichere Maria Antonia an der Grenze Österreichs zu Frankreich symbolisch durch ein Zelt. Lost in Transition.

Auf französischer Seite tritt sie dann als Marie Antoinette, zukünftige Königin Frankreichs, heraus. Dass nicht viel von ihr erwartet wird, außer einen Thronfolger zu gebären und sie ansonsten gegen die Hofetikette rebelliert und ihren Alltag mit Futtern und Shoppen bestreitet, mag ja historisch belegt sein. Dennoch hätte sich Coppola im Klaren sein müssen, dass dies keine zwei Stunden füllt. Ihr Porträt einer vom Luxus und ihrer Position überwältigten Teenagerin – nach Antonia Frasers Biographie von 2001 – vermisst dabei charakterliche Einblicke und Realismus (Coppola transportiert das Bild eines modernen Teens in eine Zeit, in der die Lebenserwartung 35 Jahre betrug und Kinder früher reiften als heute).

Wer aber ein dümmliches Blondchen mit seinem Hündchen im Arm durch ihr luxuriöses Leben spazieren sehen will, schaut wohl eher eine Sendung über IT-Girl Paris Hilton, und nicht einen Film über Marie-Antoinette. Auch wenn Sofia Coppola zu Anfang noch den Druck darstellt, der auf der Thronfolgerin lastet, weil ihr Mann keinen Verkehr mit ihr haben will, verliert sie sich dann anschließend leider in eine pompöse Ausgabe von The Fabulous Life of Marie Antoinette. Da wirkt dann schließlich auch das Ende deplatziert und falsch gewählt. So visuell überzeugend Marie Antoinette auch ausfällt, so flach gerät der Film inhaltlich und biografisch. Mit dem Soundtrack zum Film fährt man also besser als mit diesem selbst.

5.5/10