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6. August 2015

Vorlage vs. Film: High Fidelity

High Fidelity (1995)

Eins muss man schon sagen, der doppeldeutige Titel von Nick Hornbys drittem Buch High Fidelity ist vielleicht seine größte Stärke. Neben About a Boy gilt Hornbys 1995er Roman zu seinen erfolgreichsten Werken, noch vor seinem autobiografischem Fever Pitch. Inhaltlich erzählt der Engländer von einer Trennung und ihren Folgen für beide Parteien. Der 35-jährige Vinyl-Shop-Besitzer Rob wird zu Beginn des Buchs von seiner Freundin Laura verlassen. Und das nach drei Jahren Beziehung, so lange wie es Rob mit noch keiner Frau aushielt. Für ihn nun Anlass, eine Top-5-Liste seiner schlimmsten Trennungen anzufertigen, auf der für Laura jedoch kein Platz ist. So schlimm scheint das Beziehungsende Rob nicht getroffen zu haben.

Dass Rob verlassen oder verletzt wird, hat dabei Tradition. Seit er als 12- oder 13-Jähriger damals nach drei Tagen von seiner ersten Freundin Alison betrogen wurde. Ihre Beziehung “had lasted six hours”, rekapituliert Rob (S. 5) – drei Tage à zwei Stunden Rumknutschen nach der Schule. Zu mehr sollte es auch ein Jahr später nicht mit Penny kommen, nicht mal Rumfummeln war gestattet. “We had been going out for three months, which was as near to a permanent relationship as you could get in the fourth year”, entschuldigt er (S. 9). Kurz darauf schlief Penny dafür dann mit einem Klassenkameraden. “I had been humiliated, beaten, out-performed”, bemerkt Rob (S. 10). Ein Schicksal, das ihm noch mehrfach drohen sollte.

Sowohl seine vermeintlich große Liebe Charlie als auch deren Nachfolgerin Sarah verließen Rob für einen anderen Mann. Als er erfährt, dass auch Laura bereits einen Neuen hat – ihren ehemaligen Nachbarn –, zerrt dies die fortlaufende Handlung über an Robs Nerven. Die Beziehung von Rob und Laura bildet den Kern von High Fidelity, jedoch thematisiert Hornby auch eine existenzielle Angst seiner 35-jährigen Hauptfigur. Diese ist quasi pleite, wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung und besitzt einen Plattenladen, der mehr schlecht als recht läuft. Für Abwechslung sorgen allenfalls seine mit ihm befreundeten Mitarbeiter Barry und Dick, mit denen Rob tagsüber verschiedene musikalische Top-5-Listen erstellt und die Abende verbringt.

Im Mittelpunkt steht aber das Verhältnis von Rob zu Frauen. “Girls”, erinnert er sich eingangs zurück an seine Kindheit. “One moment they weren’t there (…) and the next you couldn’t miss them” (S. 2). In der Reflektion seiner früheren Beziehungen zeigt sich wiederum eine große Unsicherheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht. “I have never been entirely sure what it is women like about me”, gesteht Rob (S. 15). Jene Verunsicherung kostete ihn seinerzeit auch Charlie, jene Beziehung, die die größte Wunde hinterlassen hat. “I always think that women are going to save me, lead me through to a better life, that they can change and redeem me”, sagt Rob an anderer Stelle (S. 50). Und beginnt, sein bisherigen Leben zu hinterfragen.

Und während er Lauras neue Beziehung zu torpedieren versucht, bemüht er sich, die Kontakte zu seinen Top-5-Trennungen wieder aufzunehmen, um die Ursache seines Scheiterns zu ergründen. Am Ende ist es ein Todesfall in Lauras Familie, der die beiden Figuren wieder zusammenführt, ohne das wirklich ersichtlich wird, wieso. Hornby gelingt es, in Rob eine wenig sympathische Figur zu erschaffen (er spannte einem Freund einst die Freundin aus, betrog eine schwangere Laura, die daraufhin abtrieb, und lieh sich anschließend Geld von ihr), der man dennoch bereitwillig durch ein paar emotionale Wochen folgt. Mit einigen humorvoll-akkuraten Bemerkungen und popkulturellen Verweisen auf die Musik- und Filmlandschaft der 1990er.

Der Schluss will allerdings nicht wirklich überzeugen. Mehr aus Resignation denn Liebe kehrt Laura schließlich zu Rob zurück, ehe sich nach einigen Diskussionen beide scheinbar ihrem Schicksal ergeben, lieber zweisam statt einsam zu sein. Was sie an ihm und er an ihr findet, gelingt Hornby nicht vollends herauszuarbeiten. Genauso wenig wie Robs vermeintliche Katharsis glaubwürdig erscheint. “Maybe we live life at too high a pitch, those of us who absorb emotional things all day, and as a consequence we can never feel merely content”, sinniert Rob mal (S. 131) und liefert damit fast noch die Erklärung, die am ehesten zufriedenstellen kann. Auf eine Top-5-Liste der besten Romane aller Zeiten schafft es High Fidelity jedenfalls eher nicht.


High Fidelity (2000)

Hey! Do you have soul?

Fünf Jahre nach Erscheinen des Romans folgte dann die Verfilmung. Stephen Frears verlegte hierzu den Handlungsort von London nach Chicago, amerikanisierte das Original also wie es nicht selten (siehe Constantine) geschieht. Statt jemand wie Ewan McGregor übernimmt in High Fidelity also John Cusack die Rolle von Rob. Und wo wir schon beim Thema sind, darf festgehalten werden, dass die Besetzung des Ensembles durchwachsen ausfällt – wie die Adaption als Ganzes. Wo Cusack und Iben Hjelje als Laura in Ordnung gehen und Todd Louiso als introvertierter Dick sowie Jack Black als extrovertierter Barry herausragen, lässt sich dies nicht über jede Nebenrolle sagen. Allen voran hinsichtlich Joan Cusack und Tim Robbins.

Gerade Robbins’ Besetzung ist einer der Störfaktoren, mit langem Zopf ziemlich offensichtlich als Witzfigur gedacht, die dann auch noch unnötig in Traumsequenzen integriert wird (man bedenke, High Fidelity entstand in der Hochphase von Ally McBeal). Als solche irritieren auch Robs Suche nach Rat bei Bruce Springsteen, die wie die Szenen mit Robbins keinen wirklichen Zweck erfüllen. Eine Visualisierung von Lauras neuem Freund hätte es für dessen Einfluss auf ihre Beziehung zu Rob keineswegs gebraucht – schon gar nicht in derart lächerlicher Art und Weise. Weniger störend geraten derweil Catherine Zeta-Jones, Lili Taylor und Lisa Bonet als etwaige love interests, trotz einiger äußerlicher Änderungen gegenüber Nick Hornbys Vorlage.

Im Falle von Bonets Singer-Songwriterin Marie de Salle zeigt sich jedoch, dass der Transfer von England nach Amerika nicht vollends durchdacht war. Frears gelingt es nicht, wirklich deutlich zu machen, wieso im zweiten Akt Marie und Rob miteinander im Bett landen. Wo dies der Roman dadurch untermauert, dass Marie als Amerikanerin neu in England ist und in Rob, Barry und Dick erste Kontakte knüpft, wirkt es im Film selbst ungemein beliebig. Auch, weil die Figur danach nicht mehr wirklich in Erscheinung tritt und Bonets solide Darstellung somit verschenkt wirkt. Auch eine zeitliche Neueinordnung hätte High Fidelity hier gut getan, wirken die Mixtapes der Jungs doch ungemein altbacken, wenn Marie selbst bereits CDs verkauft.

Ein Problem, um das der Film wohl angesichts des Ich-Erzählers der Vorlage nicht herumkam, ist Robs ständiges Durchbrechen der vierten Wand. Fraglos ein delikates stilistisches Mittel, dessen sich selbst Michael Haneke in Funny Games oder John Hughes in Ferris Bueller’s Day Off nur mit Vorsicht bedienten. In High Fidelity ist es wiederum zu viel des Guten, auch da es Cusack in den Szenen oft nur bedingt gelingt, eine glaubwürdige Bindung zum Zuschauer zu erzeugen. Sicher sollte so der Charme im offenen Monolog zwischen Rob und dem Publikum vom Buch in den Film gerettet werden, eine eher traditionelle Erzählweise oder eine Erzählstimme wäre jedoch in diesem Fall vermutlich der Vorzug zu geben gewesen.

Grundsätzlich ist High Fidelity dabei eine Adaption, die sich bemüht, der Vorlage weitestgehend gerecht zu werden. Darunter durch verschiedene humorvolle Szenen, die direkt übernommen wurden, allerdings nicht immer mit ihrem gebührenden Kontext. Dazu gehört beispielsweise Barrys Band, ihren wechselnden Namen und Robs Widerwillen, sie in irgendeiner Form zu unterstützen. Hinzu kommt, dass die Struktur des Handlungsablaufs irritierender Weise im Film geändert wurde. So beginnt Rob hier weitaus früher, seine Top-5-Ex-Freundinnen – zu denen dann auch Laura addiert wird, damit man sich dafür eine weitere Figur sparen kann – aufzusuchen, selbst wenn die Figur noch gar nicht ihren kathartischen Anfang erreicht hat.

Auch Gespräche zwischen Rob und Laura aus den Schlusskapiteln finden sich im Film bereits im ersten Akt wieder, wodurch die Relevanz des Inhalts nicht dieselbe Bedeutung erhält, wie im Roman. Am verstörendsten gerät jedoch der Schluss des Films als solcher. Hier will noch weniger klar werden, wieso Rob und Laura erneut zueinanderfinden. Die Beerdigung von Lauras Vater ist erneut der Auslöser, doch weder spielt die Beerdigung und ihre Bedeutung für Rob eine Rolle, noch widmet sich Frears ihr vollends. Umso passender, dass im Gegensatz zum Buch der Film den Auto-Sex zwischen Rob und Laura nach der Beerdigung dann durchzieht. Schlicht, weil die Autoren nicht verstanden zu haben scheinen, worum es in jenem Moment eigentlich ging.

Der Film vermag nicht zu betonen, dass Rob eigentlich Laura gar nicht zurückhaben will, ehe er realisiert, dass dem doch nicht so ist. Roman-Rob geht es eher um ein größeres Ganzes, dessen jüngstes Teil von Laura dem Puzzle hinzugefügt wurde. Und der sich im Laufe des Buchs einredet, dass jenes Puzzle mit diesem Teil genauso gut beendet wäre wie mit einem weiteren. Dass beide Figuren nach ihrer Wiedervereinigung in Gesprächen weiter eruieren, ob sie als Paar wirklich Sinn machen – selbst wenn dies auch im Roman nicht vollends gelingt –, bleibt im Film ganz außen vor. Die vermeintliche Katharsis von Rob ist bei Stephen Frears insofern noch weniger glaubwürdig wie dies bei Nick Hornby bereits der Fall gewesen war.

War High Fidelity bis zu diesem Zeitpunkt eine unnötig in die USA verlagerte britische Adaption, die trotz einiger inhaltlicher Umstrukturierungen dennoch weitestgehend solide ausfiel, macht sich der Film in seinen finalen 20 Minuten unnötig sehr viel selbst kaputt. Was bleibt ist eine Verfilmung, die trotz der (mit rund 240 Seiten) durchaus knappen Vorlage bisweilen ungemein gehetzt wirkt und in ihrem Bestreben, möglichst lustige Szenen aus dem Buch zu integrieren – und obendrein sogar wenig überzeugende neue zu schaffen – viele der Figuren vernachlässigt. Darunter auch die Hauptfigur. Da bleibt einem nur, den Titel von Rob und Lauras gemeinsamen Song von Solomon Burke zu beherzigen: “Got to Get You Off My Mind”.

5.5/10

12. September 2009

The X Files - Season Three

Maybe we bury the dead alive.

Dass eigentlich nicht die Landesregierung, sondern Geheimorganisationen (z.B. die Illuminaten oder Skull & Bones) die Geschicke dieser Welt leiten, kennt man aus etwaigen anderen Geschichten. In Chris Carters The X Files schreckt das antagonistische Syndikat nicht davor zurück, den Vater eines ermittelnden FBI-Agenten zu töten und auch diesem selbst nach dem Leben zu trachten. Es ist ein heißes Pflaster, auf welches sich Spezialagent Fox Mulder (David Duchovny) mit seiner neugierigen Nase für paranormale Fälle stets begibt. Anstelle Mulder von den X Akten abzuziehen und diese zu vernichten, stellte man ihm lieber eine skeptische Aufpasserin in der Person von Dr. Dana Scully (Gillian Anderson) an die Seite. Doch das Blatt wendete sich bekanntlich schnell. Zwar ist Scully auch nach über zweijähriger Partnerschaft weiterhin die vernünftige Seite des Ermittlergehirns, was ihre Loyalität zu Mulder und inzwischen auch zu ihrem Vorgesetzten, den stellvertretenden Direktor Walter Skinner (Mitch Pileggi), keineswegs mindert. An der Sitzplatzverteilung dieser FBI-Agenten hat sich auch in Carters dritten Staffel nichts verändert.

Als Anknüpfung zum Staffelfinale Anasazi komplettieren die beiden ersten Folgen The Blessing Way und Paper Clip die erste Episodentrilogie innerhalb der Seriengeschichte. Mulder hat natürlich die Explosion überlebt und wird – auf etwas kitschige Art und Weise – von einem amerikanischen Ureinwohner wieder gesund gepflegt. Es ist mit Paper Clip eine der vier gelungenen Folgen, in der Mulder erneuten Kontakt mit außerirdischen Hat. Jene Einstellung des sich über eine Lagerhalle erhebenden UFOs (s. Bild unten) hat sich sofort in die Bildergalerie der Seriengeschichte eingereiht. Passenderweise hat auch Scully direkten Kontakt zu Außerirdischen, was sie jedoch im Verlauf der Serie nicht dazu verleitet, an diese verstärkt zu glauben. Ähnlich wie bereits im Vorjahr stellen die Kanonfolgen zum Alien-Mythos die Ausnahme dar. Es ist kein halbes Dutzend an Episoden, dass sich Mulders Verwicklung in die Verschwörung des Zigarettenmannes (William B. Davis) widmet. Dass jene Folgen dennoch den Beginn, den Mittelteil und das Finale ausmachen, zeigt sehr deutlich, welchen Stellenwert die Mythologie innerhalb der Serie und auch für diese einnimmt.

Dabei findet sich kein richtiger roter Faden in den vierundzwanzig Folgen. Einen einzigen Zusammenhang stellen die Alien-Folgen dar, die allerdings inhaltlich nicht voneinander abhängig sind. Ansonsten kümmert sich jede der monster-of-the-week-Episoden um ihre eigene kleine Geschichte. Hierbei folgt die Serie, wie eingangs schon angesprochen, weiterhin dem Schema in Mulder den Leichgläubigen (der stets Recht behält) und Scully seinen zweifelnden Gegenpart zu präsentieren. Das charakterisiert natürlich auf gewisse Weise die synergetische Beziehung zwischen den Beiden, wirkt aber nach jetzt dreijähriger Partnerschaft etwas altbacken. In Folgen wie Quagmire oder Wetwired erhält man jedoch einen Einblick, inwiefern sich die Beziehung von Mulder und Scully bereits intensiviert hat. Von Scullys Eifersuchtsfall in War of the Coprophages gar nicht erst zu sprechen. Dagegen treten Figuren wie Skinner, die Einsamen Schützen oder auch Mr. X (Steven Williams) in den Hintergrund zurück und überlassen die Bühne in den meisten Fällen ganz und gar dem Agentenduo. Selbst vom Zigarettenmann sieht man in der dritten Staffel erstaunlich wenig.

Im Vergleich zu den vorangegangenen Staffeln wirken die meisten Fälle allerdings weit weniger interessant. Mal haben es Mulder und Scully mit einem menschlichen Blitzableiter zu tun, dann mit einer wahnhaften Fernsehfrequenz, einem Seemonster a la Nessie, Menschen, die trotz Behinderung (sei sie körperlich oder transzendental) oder auch mörderischen Kakerlaken oder Katzen sowie alten Eingeborenenflüchen. Das ist nicht immer fesselnd und meistens eher nur Durchschnitt. Eine doch bedauerliche Tendenz, welche die Serie in ihrem dritten Jahr eingeschlagen hat. Aus der Alien-Mythologie weiß nur Paper Clip zu überzeugen, des Weiteren setzen die Folgen Pusher und Hell Money Akzente. Die gelungenste Episode der dritten Staffel, War of the Coprophages, besticht durch ihre Selbstironie und ihren Humor. Die übrigen Geschichten dümpeln meist vor sich hin, scheitern an ihrer Zusammenhangslosigkeit oder den uninteressanten Fällen. Dabei entwickelt die Serie zu keinen Moment wenigstens einen Zug, der eine gewisse Qualität über mehrere Folgen konstant zu Tragen weiß.

Dafür nehmen die Gästerollen wieder zu und warten sogar mit vier Jungstars auf, die sich inzwischen einen Namen gemacht haben. Während in D.P.O. Giovanni Ribisi und Jack Black Seite an Seite etwas prominentere Rollen übernehmen, treten Ryan Reynolds (Syzygy) und Lucy Liu (Hell Money) in kleineren Nebenrollen auf. Zudem geben sich die Alteingesessenen J.T. Walsh, R. Lee Ermey und Peter Boyle, sowie auch B.D. Wong die Ehre. Den Regieposten teilten sich hier vormerklich – aber nicht ausschließlich – Rob Bowman und der inzwischen verstorbene Kim Manners. Weiterhin wurde die Tradition fortgesetzt, dass Carter und Duchovny sich als die Drehbuchautoren der Alien-Mythologie-Folgen auszeichnen. Zusammenfassend lässt sich also rekapitulieren, dass die dritte Staffel von The X Files im Vergleich zu den beiden sehr gefälligen Vorgängern ein wenig abbaut. Zwar hat die Serie immer noch einen hohen Unterhaltungswert, vermag jedoch nur vereinzelt – zum Beispiel durch den Auftritt von Nicholas Leas Krycek – tatsächlich mitreißend und einprägsam (Apocrypha) zu sein. Allerdings dürfte es sich hierbei lediglich um ein kurzes Tief handeln, dass bereits in der folgenden vierten Staffel wieder korrigiert werden sollte.

7.5/10

22. September 2008

Tropic Thunder

After only five days of shooting, the film was two months behind schedule.

Schon der Vorspann ist klasse. Sogar die Vorschau vor dem Vorspann ist klasse. Allein deswegen lohnt sich das Geld und wenn man sich dann inmitten der Einleitung zu Tropic Thunder befindet – indem man sich inmitten der Einleitung zu Tropic Thunder befindet – weiß man, dass Ben Stiller einen hier in den folgenden neunzig Minuten überzeugen wird. Von einer Spezialeinheit in Vietnam kehrten einst nur zehn Soldaten lebend zurück. Von jenen zehn haben vier ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben, von diesen Büchern wurden drei veröffentlicht und von diesen drei wurden bei zwei die Filmrechte erworben. Doch in Tropic Thunder geht es nicht darum, dass eine oder dass andere Buch nachzuerzählen, sondern vielmehr den katastrophalen Dreharbeiten zu einer der Buchadaptionen zu folgen. Wenn der Zuschauer dann erfährt, dass man nach fünf Drehtagen bereits zwei Monate (!) hinter dem Produktionsplan und 100 Millionen Dollar über dem Budget liegt, hat Stillers neue Komödie schon früh ihre Klimax gefunden und weiß dennoch auch im restlichen Verlauf der Handlung gewisse Akzente zu setzen.

Seine Erzählung von Hollywoodstar Tugg Speedman (Ben Stiller), der sich gemeinsam mit Comedian und Bad Boy Jeff Portnoy (Jack Black) und dem mehrfachen Oscarpreisträger Kirk Lazarus (Robert Downey Jr.) daran versucht, die Biographie von Vietnamveteran „Four Leaf“ Tayback (Nick Nolte) zu verfilmen, ist teilweise zum Schreien komisch. Denn mit Tropic Thunder gelingt Stiller nicht nur ein Film im Film, sondern zugleich eine Persiflage zum einen auf das Genre des Vietnamkriegsfilms und auf die Traumfabrik Hollywoods. Und wenn die Charaktere dann auch noch anfangen die Vierte Wand zu durchbrechen, schraubt sich Stillers neueste Regiearbeit auf die vorderen Plätze der diesjährigen Comedy-Highlights. Selbst wenn dem Gag-Feuerwerk gerade in der Mitte öfters mal die Puste ausgeht. Denn das Tempo und Niveau des Trailer über die gesamte Laufzeit aufrecht zu erhalten, ist der amerikanische Komiker dann zwar nicht im Stande, doch ist dies über die meiste Zeit hinweg ein Tropfen auf dem heißen Stein. Schließlich ist hier der Weg das Ziel und Pfad beschreitet Tropic Thunder so oft mit Bravur, dass die Fettnäpfchen in Vergessenheit geraten.

Stiller selbst zählt zu der höchsten Klasse der gegenwärtigen Comedy-Darsteller, seine Filme spielten weltweit über zwei Milliarden Dollar ein und zu seinen drei erfolgreichsten Produktionen gab oder gibt es Fortsetzungen. Als tölpeliger Schussel kennt und liebt ihn die Welt aus Filmen wie Meet the Fockers oder A Night at the Museum. Und wie andere Kollegen bemühte Stiller für Tropic Thunder das virale Marketing. Neben künstlichen Internetseiten für seine Filmcharaktere ließ sich Stiller auch mit seinen beiden anderen Zugpferden Jack Black und Robert Downey Jr. im Fahrwasser von deren Erfolgsfilmen, Kung Fu Panda und Iron Man, ablichten. Dabei bewarb er nicht nur den Film selbst, sondern machte sich auf zugleich über jenes virale Marketing und die amerikanischen Zuschauer lustig. „Witzigkeit kennt keine Grenzen“, gab Hape Kerkeling einst bereits in Kein Pardon zum Besten. Und in der Tat macht Tropic Thunder kaum Halt vor irgendetwas. Hier wird nicht nur über Action-Darsteller hergezogen, die sich in redundanten Fortsetzungen verlieren, sondern auch Kollegen wie Eddie Murphy, Curtis Jackson oder Russell Crowe bekommen ihr Fett weg.


Alles selbstverständlich immer mit einem Augenzwinkern, da Stiller und Co. selbst zu den Produkten jener Traumfabrik gehören, die sie hier bisweilen an den Pranger stellen. Dass diese Botschaft angekommen ist, sieht man an den zahlreichen, sich selbst veräppelnden Gastauftritten etlicher Stars von Tobey Maguire (MTV Movie Award for Best Kiss) über Jon Voight bis hin zu Tom Hanks. Doch Tropic Thunder hat noch weitaus mehr zu bieten, als jene kurzen Cameos. Denn wer genauer hinsieht kann auch den einen (Bill Hader) oder anderen (Tom Cruise) Schauspieler entdecken, den man nicht unbedingt gleich wieder erkennt. Heruntergezogen wird das lediglich von der Nebenrolle Matthew McConaugheys, die dieser zu keinen Zeitpunkt wirklich aufzufüllen weiß. Hätte Owen Wilson sich nicht wegen Kate Hudson versucht das Leben zu nehmen, hätte man diesen (weitaus talentierteren) Schauspieler als Hollywoodagent Rick Peck erleben dürfen.

Das enorme Budget merkt man Tropic Thunder bereits in seinen ersten zehn Minuten an, in denen Stiller mehr auf die Kacke haut, als andere Regisseure in richtigen Actionfilmen. Sein Film im Film macht sich anschließend daran seinen Charakteren Tiefe zu verleihen, wobei bereits der Film im Film veranschaulicht, dass sich Stiller hauptsächlich auf die beiden Figuren Speedman und Lazarus konzentrieren wird. Beide nehmen eine rivalisierende Position am Set ein, ähnlich wie man es von einigen realen Kollegen (z.B. Brad Pitt und Harrison Ford) kennt. Meist sind Filmsets nicht groß genug für zwei riesige Egos und dies scheint hier der Fall zu sein. Speedman bemüht die fünfte Fortsetzung seiner einst erfolgreichen Scorcher-Reihe, doch lockt er mit seiner redundanten Story (über die sich selbst die Trailerstimme lustig macht) niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Sein Ausflug ins Charakterfach ging dann mit dem Behinderten-Drama Simple Jack auch gehörig schief. Ein Fakt, den Lazarus während des Filmes gerne durch den Kakao zieht.

Hier findet sich auch die Hauptkontroverse des Filmes, da jener Dialog zwischen Speedman und Lazarus bezüglich Simple Jack scheinbar unhöflich mit geistig Behinderten umgeht. In Hollywood nimmt man immer gerne alles gleich persönlich, die Essenz der Szene haben viele scheinbar nicht mitgekriegt. „You never go full retard“, erklärt Lazarus seinem Kollegen, nachdem er sich einen verunsichernden Spaß mit ihm erlaubt hat. Ein bisschen zurückgeblieben sein, das ist hilfreich, siehe Dustin Hoffman in Rain Man oder Tom Hanks in Forrest Gump. Die Szene dreht sich dabei weniger um die Darstellung von Behinderten in diesem Film oder anderen, sondern – wie die meisten Szenen – grundsätzlich um die Schauspielergilde Hollywoods. Und insofern persifliert Stiller mit Tugg Speedman auch seinen Freund Tom Cruise, welcher sich seit Jahren bemüht endlich seine Anerkennung durch einen Oscar zu erhalten, bisher jedoch lediglich auf drei Nominierungen zurückblicken kann.


Jene Schauspieler sind es auch, auf deren Kosten die Lacher in Tropic Thunder gehen, denn die Filmindustrie selbst wird weit weniger auf den Arm genommen, als man zuerst meinen könnte. Tugg Speedman ist ein Querschnitt aus all den Gesichtern, die man inzwischen schon nicht mehr sehen mag: Leonardo Di Caprio, Tom Cruise oder Angelina Jolie. Speedman sehnt sich nach Anerkennung, engagiert sich für Pandas, spricht sich in einer Talkshow aus und adoptiert letztlich sogar ein asiatisches Kleinkind, welches er prompt umbenennt. Er ist eine einsame Figur, dessen einzig wirklicher Freund sein Agent ist. Speedman ist missverstanden, wie so oft bei Stillers Figuren der Fall, egal ob Derek Zoolander oder Tugg Speedman. Beide ecken in ihrer Umgebung durch ihre Beschränktheit an und erwecken damit zugleich gewisse Sympathien beim Publikum. Es sind diese unbeholfenen Charaktere, die Stiller seit Jahren begleiten, angetrieben lediglich von ihrem Beruf (wie auch White Goodman in Dodgeball), ausgeschlossen von irgendeiner familiären Nähe.

Somit entzieht es sich nicht einer gewissen Ironie, wenn Speedman letztlich ausgerechnet mit seiner unbeholfensten Figur so etwas wie Zuneigung erfährt. Der Star ist missverstanden, wird unter Wert verkauft. Eine Prämisse, die sich in Stillers Filmographie ein ums andere mal wiederholt. Daher wäre es eigentlich weitaus spannender und amüsanter gewesen, wenn nicht Stiller sondern Tom Cruise den Tugg Speedman gegeben hätte. Denn Cruises geplanter Cameo nimmt im fertigen Film plötzlich Nebencharakterfunktion ein, was ein Engagement in anderer Hinsicht nicht ausgeschlossen hätte. Mit seinem Les Grossman hat Cruise jedenfalls keine Scheu sich mit HipHop-Getanze selbst zum Narren zu machen. Die Referenz zu Stillers eigenem Produktionspartner Stuart Cornfeld ist dabei die meiste Zeit durchaus gelungen, wobei weniger hier eindeutig mehr gewesen wäre, so amüsant der Abspann auch gelungen ist. Den Mut sich quasi selbst zu spielen und hochzunehmen, hatte Cruise dann aber wohl doch nicht.

Doch die eigentliche Geheimwaffe ist eine andere Kontroverse, die nicht mal zur Kontroverse wurde. Im Gegensatz zu Iron Man gelingt es Robert Downey Jr. in Tropic Thunder dem Film seinen Stempel aufzudrücken (was sogar mit einer Oscarnominierung belohnt wurde). Wahrscheinlich weil er sich nicht hinter einer – wie ironisch – Maske verstecken musste. Seine Figur des australischen Charaktermimen Kirk Lazarus ist der eigentliche Star, sowohl des Filmes als auch des Films im Film. Während die Persönlichkeit von Lazarus an seine beiden Kollegen vom fünften Kontinent, Russell Crowe und Heath Ledger, angelehnt ist, geht seine schauspielerische Person eher in die Richtung eines Daniel Day-Lewis. Obschon er bereits fünf Oscars gewonnen hat, lässt es sich Lazarus nicht nehmen, sich für die Rolle eines afroamerikanischen Sergeants einer Hauptpigmentierung zu unterziehen. So gelang es Downey Jr. schließlich zu einer Oscarnominierung zu kommen, indem er einen australischen Schauspieler spielte, der wiederum einen afroamerikanischen Soldaten verkörperte.


Verständlich dass sein Kollege und 50 Cent-Verschnitt, Alpa Chino (Brandon T. Jackson), angesäuert reagiert. Das alleine ist jedoch noch nicht mal der Höhepunkt, eher noch die Tatsache, dass Lazarus nie seine Rolle verlässt. Zumindest nicht „until the DVD commentary“ und in der Vorproduktion schon gar nicht. Wie die fiktive Dokumentation Rain of Madness, gedreht von Jan Jürgen (Drehbuchautor Justin Theroux in einer phänomenalen Werner Herzog-Verasche), aufzeigt, nimmt Lazarus auch ohne Vorbehalte die Familie des echten Kirk Lazarus gefangen, um einen näheren Zugang zur Rolle zu erhalten. Es ist daher auch Lazarus, der im Finale des Filmes beginnt die Vierte Wand zu durchbrechen, wenn er sich selbst als Schauspieler reflektiert, der einen Schauspieler spielt, der einen Charakter mimt („I’m the dude, playing the dude, disguised as another dude“). Wenn er dann auch noch derlei Sätze schwadroniert wie „ I don't read the script. The script reads me.“, wird klar, was Stiller und Konsorten von ihren method actor Kollegen halten.

Passend untermalt wird sein Action-Gag-Feuerwerk von Stiller mit perfekt passender Musik, wie man sie aus Full Metal Jacket und Apocalypse Now gewohnt ist. Man darf sich allerdings auch nichts vormachen, denn Tropic Thunder ist sicherlich kein Meisterwerk. Dafür vernachlässigt Stiller zu sehr das übrige Ensemble, wie auch die beiden Hauptcharaktere. Was zum Beispiel hat Portnoy veranlasst in einem Kriegsfilm mitzuspielen? Wie konnte man Lazarus für ein solches Projekt gewinnen, auch noch „nur“ in einer Nebenrolle? Und weshalb setzt das Studio überhaupt auf Speedman als Hauptdarsteller? Diese Fragen wissen auch die verbindenden Medienaufnahmen und Rain of Madness nicht wirklich zu beantworten. Im Zuge dieser drei Figuren kommen dann die übrigen oft etwas zu kurz. Allen voran der großartige Steve Coogan darf hier als britischer Regiedebütant Damien Cockburn nie sein wahres Potential ausnutzen. Auch Nick Nolte wirkt in seiner Rolle etwas unterfordert, während Jay Baruchel und Jackson mitunter zeigen, dass sie auch zu weitaus mehr im Stande gewesen wären, wenn Stiller sie mal gelassen hätte.

Zudem ist Stiller auch nicht in der Lage, den Film hindurch auf einige flachere Witze zu verzichten, die weniger zu gelingen vermögen als andere, sehr viel genialere Einfälle. Man hätte sich durchaus mehr Seitenhiebe auf das Genre, die Prämisse des Films im Film oder Hollywood gewünscht. Das Potential wäre hier durch einige zusätzliche Cameos im Stile eines Tobey Maguire vorhanden gewesen. Aber auch so funktioniert Tropic Thunder über die meiste Zeit seiner Lauflänge und wird dabei zumindest ansatzweise den exzellenten Trailern gerecht. Einiges von seinem Potential wird dann in der Masse an Extras deutlich, die sich speziell auf der „Director’s Cut“-DVD befinden. Hier packt Stiller nicht nur die herrliche Mockumentary Rain of Madness rein, sondern auch noch einige geschnittene Szenen und ein alternatives Ende (das seinen Charme besitzt, aber nicht so rund wie die Kinoversion wirkt). Trotz der schwachen Mitte kann Stillers letzte Regiearbeit die meiste Zeit überzeugen und ist für viele der besten Lachkrämpfe des Jahres verantwortlich.

7/10 - erschienen bei Wicked-Vision

1. Juli 2008

Kung Fu Panda

There is no charge for awesomeness.

Unter Panda-Diplomatie versteht man, wenn China sich versucht dem Westen anzubiedern und ihm dabei einen oder mehr Pandabären schenkt. Die vom Aussterben bedrohten Tiere stellen somit eine Kostbarkeit dar und auch Helmut Kohl nahm 1980 zwei Pandabären als Geschenk an, die anschließend im Berliner Zoo versauern durften. Der perverse Drang des Menschen, anderen Lebewesen (einschließlich sich selbst) die Freiheit zu nehmen, wird natürlich von Hollywood selten bis nie angeprangert. Im Gegenteil, dürfte DreamWorks neuestes animiertes Abenteuer für begeisterte Anstürme in den Zoos sorgen. Das bedeutet noch mal extra Stress für die armen Tiere, die ihrer Würde vom Menschen lange Zeit beraubt wurden. Da ist es fast schon Zynismus, dass DreamWorks zuletzt mit Madagascar die Rückkehr von Zoo-Tieren in ihre natürliche Umgebung darstellte. Diese fanden sich in freier Wildbahn schließlich gar nicht mehr zurecht, sodass man ihre Gefangenschaft den Kindern als grotesken Euphemismus verkaufen konnte.

Welches kleine Kind wird nach dem neuesten digitalen Hit Kung Fu Panda nicht auch mal einen echten Panda im Zoo sehen wollen? Und wenn der Zoo (noch) keinen Panda hat, muss man sich eben einen besorgen. An potentiellen Lieferanten dürfte es nicht fehlen. So löblich es auch ist, dass man den Kleinen anhand digitaler Abenteuer die Tierwelt näher bringen will, einen Gefallen tut man ebenjener Tierwelt damit ganz gewiss nicht. Wieso man nicht wie Disney jahrelang Abenteuer mit Fokus auf die menschlichen Protagonisten erschaffen konnte, bleibt zu hinterfragen, seine Produktionskosten von 130 Millionen Dollar hatte der Film jedenfalls bereits in der ersten Woche wieder eingespielt – einer Fortsetzung steht damit praktisch nichts im Wege. Da Madagascar 2 bereits in den Startlöchern steht, ist sogar ein Sequel zu befürchten, DreamWorks wirkt im Grunde geradezu abhängig von den Fortsetzungen seiner Filme, was die Shrek-Reihe am eindrucksvollsten zeigt.

Seit 1993 liefen die Planungen für Kung Fu Panda, doch erst 2004 begann man mit der Produktion. Das Ergebnis lässt sich nun vier Jahre später in den Kinos begutachten und eingeläutet wird der Film auch mit einer sehr kunstvollen Zeichnung des DreamWorks Logos. Die Freude währt jedoch nur kurz und man befindet sich bereits in der digitalen Welt des Studios, der animierten Version des alten China. Wenn Shrek nicht wäre, könnte man meinen es wäre der Zeichenstil des Studios, dass alles etwas kantiger aussieht, als normal. Die Figurenzeichnung erinnert stark an Madagascar und trifft vielleicht den Geschmack von manchem. An die Detailverliebtheit eines Pixar-Films reicht es jedoch dennoch nicht heran. Sehr humoristisch wird die Titelfigur, Panda Po, dem Publikum vorgestellt. In einer Traumsequenz erfährt man sogleich, Po ist Kung Fu Fan, ja, ein riesiger Kung Fu Fan, der nichts lieber möchte, als selber Kung Fu zu können. Aber Po ist lediglich der Sohn eines Nudelverkäufers. Just an diesem Tag wird jedoch der heilsbringende Drachenkrieger ausgewählt, der gegen den finstren Tai Lung antreten soll.

Kung Fu Meister Shifu macht sich Hoffnungen, dass einer seiner Schüler diese Ehre erhält, nach einem tollpatschigen Missgeschick wird jedoch Po zum „Auserwählten“ erkoren. Sehr zum Unmut von Tigress, Shifus vielversprechendster Schülerin. Da eigentlich so niemand Vertrauen in Po hat – nicht mal er selbst – blicken alle etwas verdattert in die Zukunft, während sich dem eingesperrten Tai Lung die Chance zum Ausbruch bietet. Gerade an den beiden Riesenkatzen, der Tigerin Tigress und dem Schneeleoparden Tai Lung, sieht man die lieblos wirkende Animation von DreamWorks. Wo bei Pixar Haar für Haar mühevoll am Computer projiziert wird, erinnern die beiden kämpfenden Katzen ständig an den plumpen Alex aus Madagascar. Ihre grellen Augen tragen die ihren Teil zu bei. Die Nebencharaktere wie Viper oder Monkey zeugen auch nicht von besonderer Liebe zum Detail, was vielleicht auch nicht so nötig ist, da die Nebenfiguren hier wirklich nicht mehr sind als Nebenfiguren.

Wenn der Film schon Kung Fu Panda heißt, darf man wohl auch Kung Fu erwarten und hier wird der Zuschauer auch nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, die gesamte zweite Hälfte des Filmes besteht nur noch aus Kämpfen. Pausenlos. Ein großes Manko des Filmes, der prinzipiell eigentlich gar keine Handlung zu erzählen hat (auch wenn die Macher das strikt behaupten). Von den Wuxia-Hits Wo hu cang long und Co inspiriert setzten die Regisseure Mark Osborne und John Stevenson alles auf die Karte „Hau-drauf“. Minutenlanges Puff-Puff wird jedoch mit der Dauer langweilig, vor allem da es im Grunde gar nichts mit der Geschichte zu tun hat beziehungsweise sehr viel „cooler“ dargestellt wird, wie es für Kinder vielleicht angedacht ist. Aber um Kinderschutz schert man sich heutzutage ohnehin nicht mehr viel, wenn in Schulaufführungen von Siebtklässlern „Lollipop“ von Lil’ Wayne gespielt wird und ähnliche Songtexte einem um die Mittagszeit im Saturn um die Ohren geknallt werden. Dafür werden dann Filme wie Iron Man oder The Happening beschnitten, die deutsche Unterhaltungsindustrie gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis.

Natürlich sind animierte Tiere immer eher als Unterhaltungsform zu sehen und auch Willie E. Coyote ist ja nie wirklich etwas passiert, wenn er denn die Schlucht hinuntergefallen ist. Man darf aber davon ausgehen, dass das erste, was die Kinder zu Hause machen werden, das Nachahmen des Filmes sein dürfte. Dass man bei DreamWorks gute dreißig Minuten am Stück auf den Kampf-Faktor setzt, zeugt schließlich auch davon, dass man nur so glaubt die Kleinen noch für den Film begeistern zu können. Bei einer einfachen Geschichte wie Sleeping Beauty würden die Armen wohl wegratzen. Dabei sind die Kämpfe ansehnlich choreographiert, keine Frage, nur verdrängen sie die ohnehin schon kränkelnde Handlung, für die anschließend kaum noch Platz ist und was noch viel schlimmer ist, durch die im Finale die eigentliche Botschaft des Filmes irgendwie unter geht. Was wie und warum jetzt Po gelernt hat, spielt kaum eine Rolle, denn der Kampf gegen Tai Lung steht an. Bei den Charakterhintergründen hätte man auch ein versöhnliches Ende wählen können, immerhin ist dies ein Kinderfilm, da verkommt es noch nicht zum Kitsch, wenn man ein Happy End präsentiert. Stattdessen wird jedoch alles auf den Gewaltfaktor gelegt, kein Erbarmen, kein Mitleid, kein Vergeben.

Für die Kinder dürfte der Film natürlich trotzdem funktionieren, wahrscheinlich sogar gerade deswegen und neben der zu großzügig eingesetzten Kampf-Thematik kommen auch viele amüsante Momente nicht zu kurz. Po selbst allen voran ist natürlich ein absolut sympathischer Charakter und der Film durchaus das eine oder andere Mal zum Schmunzeln. Vorab sei erwähnt, dass die Bewertung sich auf die englische Version bezieht, die der deutschen Variante weitaus überlegen ist. Schon allein wegen Jack Black als Po ist diese besser, als die deutsche Version. Bedenkt man, dass man Po extra nach Blacks Vorbild geschaffen hat, verkommt es zum Unsinn hier Hape Kerkeling als Synchronstimme zu engagieren. Warum man hier nicht Tobias Meister genommen hat will sich mir nicht erschließen. Auch Gottfried John (Shifu) als Ersatz für Dustin Hoffman kann nur leidlich überzeugen, Thomas Fritsch (Tai Lung) hingegen wirkt nach seiner Beteiligung an den Ice Age-Filmen als Riesenkatze ausgelutscht, aber kann sich dennoch beweisen.

Wer die Chance hat, den Film in seiner Originalfassung zu sehen, der sollte sie wahrnehmen, die Atmosphäre gewinnt dadurch nur. Ein anderes Problem ist die Verwendung des Denglisch, der Film ist für eine entsprechende Generation gemacht, natürlich, weshalb man aber in einer deutschen Version von „Dad“ spricht, will sich mir (weiterhin) nicht erschließen. Gegen „chillen“ und „flexen“ lässt sich ja kaum noch was sagen, zudem passt es sich der jeweiligen Szene an, aber diese „Dad“'s wollen mir einfach noch nicht runtergehen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kung Fu Panda ein solider Spaß für die Kleinen sein dürfte, der Score von Hans Zimmer jedenfalls ist zum Träumen. Man sollte sich aber auch eingestehen, dass wenn man einen Pixar zur Hand hat, getrost auf ein DreamWorks-Vehikel verzichten kann. Auf unterhaltsame, spannende und intelligente digitale Filme haben die Leute von Pixar einfach das Monopol, da helfen auch dritte oder vierte Aufgüsse vom grünen Oger oder vier streunenden Zoo-Tieren nichts.

6/10

5. April 2008

Be Kind Rewind

Are you the Key Holder or the Gate Keeper? 

Neben Cloverfield handelt es sich hierbei wohl um den durch das Internet am meisten gehypte Film von 2008. Nicht nur gab es bereits seit Monaten die geswedeten Filme im Internet respektive Trailer zu sehen, sondern Regisseur und Autor Michel Gondry swedete sogar den eigenen Trailer zum Film. Die Idee zu seinem Projekt hatte Gondry während der Dreharbeiten zu seiner Pseudo-Musik-Dokumentation Block Party, erste Ansätze zu den geswedeten Filmen lieferte ihm Dave Chapelle, der ursprünglich die Rolle des Mike übernehmen sollte. Zentrum von Be Kind Rewind ist der gleichnamige Videoladen des alten Mr. Fletcher (Danny Glover), der seine altmodischen VHS-Kassetten für einen Dollar das Stück verleiht. Es versteht sich von selbst, dass er damit keinen Gewinn macht, weswegen es seinem Laden sowohl finanziell, als auch allgemein nicht wirklich gut geht. In bester The Shop Around the Corner Manier macht sich Mr. Fletcher schließlich auch auf, unter falschem Vorwand seinen Kommerzkollegen aus zu spionieren. Für kleine Läden wie die Be Kind Rewind-Videothek scheint es in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch Platz zu geben, für die VHS-Kassette schon mal gleich gar nicht, ist doch inzwischen selbst ihr Nachfolger, die DVD, von den HD-Medien überholt worden. Höchstens in einer verlassenen Gegend wie dem Stadtviertel von Mr. Fletcher in Passaic, New Jersey ist Platz für seine Videothek, die hier sprichwörtlich der Laden um die Ecke ist. Doch nicht nur das Viertel ist etwas heruntergekommen, auch die Be Kind Rewind-Videothek – weswegen die Stadt sie zugunsten einer Reihensiedlung abreißen lassen will. Nun gilt es für den guten Mr. Fletcher das fehlende Geld zur Restaurierung aufzutreiben, daher auch seine kleine Spionagetour. 

Und da Mr. Fletcher diesbezüglich eine Woche wegfährt, überlässt er seine Videothek seinem Ziehsohn Mike (Mos Def), der sehr bemüht ist, seine Vaterfigur nicht zu enttäuschen. Diese Mission gefährdet jedoch der trottelige Jerry (Jack Black), Besitzer eines Schrottplatzes, auf dem er auch gleich wohnt. Um seine Handlung – die Neudrehung der Hollywood-Filme – zu etablieren, bedient sich Gondry einer relativ profanen Szenerie: Jerry will ein Kraftwerk sabotieren, dass neben seinem Schrottplatz steht. Der Grund hierfür sind die ausgesendeten Mikrowellen, vor denen sich Jerry mit Töpfen und Alufolie zu schützen versucht. Bei seinem nächtlichen Anschlag wird er dann allerdings doch verstrahlt, beziehungsweise magnetisiert. Durch diese Magnetisierung werden die Videobänder gelöscht – fertig ist Gondrys Film. Etwas dilettantisch kommt diese Exposition daher, nicht wegen ihrer nicht vorhandenen Glaubwürdigkeit (welche Gondry auch sicher nicht erwecken wollte), sondern wegen ihrer Einfallslosigkeit. Das einzig innovative an der Kraftwerkszene sind Jerrys Tarnungsbemühungen, die sicherlich einen gewissen Charme haben, im größeren Kontext der Sabotage jedoch keinen wirklichen Zweck erfüllen. Für die Magnetisierung der Videofilme hätte man einen einfacheren und besseren Grund finden können, denn wenn Mike sich zuerst fünf Minuten lang sträubt Jerry zu helfen, nur um ihm dann doch zu helfen, geht der Sinn etwas flöten. Und wenn man ehrlich zugibt, dann interessiert einen an Be Kind Rewind nicht das wieso oder weshalb, sondern die nachgedrehten Kinofilme, welche dann auch alsbald erzeugt werden. Am meisten Aufmerksamkeit wird hierbei der Entstehung des ersten Videos geschenkt, Ivan Reitmans Ghostbusters. Die Bemühungen von Mike und Jerry, sowie die Art ihrer Inszenierung des Kultfilmes amüsieren und bilden den ersten starken Moment von Gondrys Film, obschon gerade diese Szene seit Monaten bereits durch das Internet geistert.

Die Kunden merken natürlich nicht, dass ihre eigenen Videothekenbesitzer in dem Film mitspielen, den sie gerade gesehen haben oder wenn sie es bemerken, dann sprechen sie es nicht an. Vielmehr verlangen sie nach mehr, nach einer zwanzigminütigen Version von Rush Hour 2 oder Robocop – immer noch merkt niemand, dass es Jerry und Mike sind, die in den Filmen alle Rollen übernehmen, anders lässt sich deren Ausrede, es handele sich um „geschwedete“ Versionen nicht erklären. Wieso die Labelisierung des „sweded“ auch dann noch fortgeführt wird, als die Kunden selbst in ihren Filmen mitspielen, ist auch nicht nachvollziehbar, weswegen man am besten auch nicht nachfragt, sondern die Menschen in Gondrys Film einfach so nimmt wie sie sind. Ansonst muss man sich mit Fragen auseinandersetzen, weshalb jemand zwanzig Dollar für ein Video bezahlt, in dem er selbst mitgespielt hat. Irgendwann holt Gondry dann den Kapitalismus-Hammer heraus, präsentiert Sigourney Weaver in der unnötigsten Rolle des bisherigen Kinojahres und schiebt die Thematik der Urheberrechtsverletzung vor, ohne dieser im weiteren Verlauf des Filmes nachzukommen. Hierfür spricht auch das Ende, das irgendwie ein Zwitter ist, ohne wirklich in den Fluss der restlichen Handlung einzutauchen. Ohne Frage sind die geschwedeten Filme von Mike und Jerry, sowie der Reinigungskraft Alma (Melonie Diaz), voller Charme und Witz, eine einzige Liebeserklärung an die Filme selbst, wie auch an das Kino. Sie machen die Stärke des Filmes aus, ähnlich wie es Stéphanes Träumereien in La Science des rêves getan haben. Gondry beweist ein großartiges Auge fürs Detail und für die kleinen Dinge, beeindruckt gerade hier durch seine Kreativität.

Probleme jedoch, dass lässt sich in seinem Sujet nicht von der Hand weisen, hat der Franzose mit der Ausarbeitung seiner Drehbücher, vor allem in der Gestaltung einer (stringenten) Handlung. Es werden einfach der liebenswürdige Mike und der schrullige Jerry präsentiert und fortan soll der Film von deren Zusammenspiel leben. Zu einem Zeitpunkt wird Gondry kurz das Aufflammen einer Liebesgeschichte zeigen, ohne dieser jedoch, wie vielem anderen, anschließend weiter zu folgen. Extrem halbherzig geht er immer in den Szenen vor, die sich nicht mit dem Nachdrehen anderer Filme beschäftigen. Es ist ihm leider nicht gelungen, um diese „Remakes“ eine funktionierende Geschichte zu installieren, sein eigener Film wirkt über weite Strecken so unfertig, wie Mike und Jerrys Eigenproduktionen. Zudem baut Gondry noch einen Subplot um den Jazzmusiker Fats Waller ein, der mit der Geschichte die er eigentlich erzählt, überhaupt nichts zu tun hat, und schlimmer noch, einen Subplot der sich selbst in seiner Anfangsszene bereits vorweg nimmt. Bei aller Liebe zu einem Musiker, aber so lassen sich zwei Geschichten nicht miteinander verknüpfen, Gondry zeigt mit Be Kind Rewind, dass ihm sein kongenialer Partner Charlie Kaufman fehlt, um einen starken Film wir Eternal Sunshine of the Spotless Mind zu erschaffen. Vielleicht scheitert sein aktueller Film auch lediglich an den hohen Erwartungen die er geschürt hat, die Liebe zum Kino allein zu zelebrieren, reicht jedoch nicht aus, um selbst Liebe für den eigenen Film zu erzeugen. 

5/10