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20. Dezember 2019

Dragged Across Concrete

It’s bad like lasagna in a can.

Viel Brimborium wurde zum Filmstart von Todd Phillips’ Joker gemacht. Der Film sei reaktionär, gefährlich, passe nicht in die heutige PC-Kultur, die von Wokeness dominiert wird. Manchen fehlte eine moralische Einordnung für die Darstellung eines sozial Abgehängten, der vom Opfer zum Täter und dabei vom Publikum gefeiert wird. Ähnliche Stimmen schoben auch S. Craig Zahlers Action-Thriller Dragged Across Concrete in eine rassistische, rechte Ecke, weil er reaktionäre Figuren präsentiert, deren Handlungen keinem ethischen Urteil unterworfen werden. Dass ausgerechnet Mel Gibson die Hauptrolle spielt, mag seinen Teil dazu beitragen, ist aber in Anbetracht der Filmografie des Darstellers und seiner privaten Ausfälle fast brillant.

“Being branded a racist in today’s public forum is like being accused of being a communist in the 50s”, fasst es Don Johnsons Polizei-Chef in einer Szene gegenüber Mel Gibsons Figur zusammen. Dessen Ermittler Brett Ridgeman und sein Partner Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) sehen sich mit einem Handyvideo konfrontiert, das sie bei der Ausübung von Polizeigewalt gegenüber einem lateinamerikanischen Verdächtigen zeigt. Die Folge ist eine sechswöchige unbezahlte Suspendierung der beiden Beamten – womit sie noch glimpflich davongekommen zu sein scheinen. “Your productivity is exemplary”, räumt ihr Vorgesetzter Calvert (Don Johnson) ein. Am Ende ist es ihre effiziente Ermittlungsrate, die den Beiden letztlich ihren Job rettet.

Doch die Frustration sitzt tief. Einst war Calvert der Partner von Ridgeman, ehe er begann, die Karriereleiter zu erklimmen. Ridgeman selbst ist nun 59 Jahre alt, immer noch mit demselben Rang ausgestattet wie damals mit 27. “I don’t politic and I don’t change with the times”, erklärt er später einmal. Ändern tun sich allenfalls seine Partner, so wie der rund 20 Jahre jüngere Lurasetti. Die Besetzung der Figuren mit Gibson und Vaughn ist in gewisser Weise ein Meta-Kommentar für sich. Wo Vaughn die Swingers-Welle bis zu einer Nebenrolle in Steven Spielbergs The Lost World ritt, ehe er nach einigen Komödien Ende der 2000er allmählich wieder in der Versenkung zu verschwinden begann, ähneln sich Gibson und Ridgeman erstaunlich stark.

Einst ein gefeierter Hollywood-Star und Oscar-Gewinner, kosteten Gibson seine rassistischen Ausfälle und etwaige Momente häuslicher Gewalt seinen Ruf und im Grunde seine Karriere. Ähnlich wie Ridgeman scheint Gibson in der alten Zeit verankert – ein gefallener Held des Gestern, für den auf dem Schlachtfeld des Heute kein Platz mehr scheint. Dragged Across Concrete lässt dabei nicht unerwähnt, dass es nicht nur die Zeiten sind, die sich geändert und so Ridgemans Ermittlungsmethoden abgehängt haben. Calvert spricht durchaus an, dass die Wut, die sein Ex-Partner in seine Arbeit packt, inzwischen auszuarten droht. Ridgemans Gebaren resultiert wiederum aus dem Privatumfeld der Figur, die mit ihrem sozialen Status verstärkt hadert.

Die Ehefrau (Laurie Holden) kann aufgrund ihrer MS-Erkrankung nicht mehr erwerbstätig sein, das Gehalt von Ridgeman – entsprechend seinem stagnierenden Rang – reicht nur für eine Wohnung in einem sozial schwächer gestellten und von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil. Die gemeinsame Tochter wiederum wird auf dem Heimweg wiederholt angegangen, sodass selbst die nach eigener Aussage liberale Mutter allmählich zur Rassistin mutiert. “We need the hours”, sagt Ridgeman in Anbetracht der unbezahlten Suspendierung. Und meint damit zuvorderst seine Familie, aber auch Lurasetti, der selbst für einen Verlobungsring spart. Ohne Moos nix los – weshalb Ridgeman einen alternativen Plan abseits der Legalität nachverfolgt.

Es sind also die Umstände, welche die beiden Polizeicharaktere in die Korruption „zwingen“. Nicht unähnlich wie im Falle der dritten Hauptfigur, dem frisch aus dem Gefängnis entlassenen Henry (Tory Kittles). Auch ihn eint so manches mit seinem Gegenpart und Gesetzeshüter Ridgeman. Wo der zuhause seine kranke Frau umsorgt, strebt Henry nach einem besseren Leben für seinen querschnittsgelähmten Bruder. Um ihrem Sozialwohnbau zu entkommen, folgt Henry wieder mal seinem Jugendfreund Biscuit (Michael Jai White) in die Illegalität. Sie verdingen sich dazu als Helfershelfer und Fluchtwagenfahrer für einen Euro-Gangster (Thomas Kretschmann), dessen geplanten Goldraub in einer Bank wiederum Ridgeman sabotieren will.

Wie Zahler im Verlauf seines gemächlich eskalierenden Thrillers dann veranschaulicht, sind weder Henry und Biscuit noch Ridgeman und Lurasetti wirklich für das Szenario geeignet, in das sie sich nunmehr begeben. Das lose Versprechen gegenüber Henry und Biscuit, bei ihrem Raub niemand zu Schaden kommen zu lassen, brechen Kretschmanns Figur und seine beiden rassistischen Komplizen alsbald. Blut, von dem sich zugleich auch Ridgeman und Lurasetti in der Folge nicht reinwaschen können. Was zumindest Ridgeman damit erklären mag, dass ihr Dienst an der Bevölkerung mit ihrem Gehalt zusammen für anderthalb Monate suspendiert wurde – und sie nun als Zivilisten sich selbst am nächsten sind: Protect and serve yourself.

Dabei nimmt Dragged Across Concrete keine besondere Haltung ein, weder zu seinen Figuren noch ihren Handlungen. Dies bleibt im Grunde dem Zuschauer überlassen, der aufgrund des Fokus auf diese Charaktere, allen voran Ridgeman und Lurasetti, eine Ambivalenz entwickeln mag, da er sie nicht unbedingt scheitern sehen will, ihr Erfolg jedoch nicht moralinsauer daherkommt. Natürlich ist das alles durchaus reaktionär, darin liegt aber auch der Sinn und Zweck. In seiner fehlenden Anpassungsfähigkeit liegt das Scheitern Ridgemans begründet. Er blieb sich treu statt das Spiel zu spielen (“politics as always”) und findet sich nun, 30 Jahre später, auf der Ersatzbank des Lebens wieder. Anders gesagt, er ist “too old for this shit”.

Der Status von Ridgeman, aber auch Lurasetti (dessen Motivation, stets Ridgemans Pfaden zu folgen, nicht vollends klar wird) ist insofern selbst gewählt (oder verschuldet), Henrys wiederum eher von der Gesellschaft auferlegt. Zahler bedient vielerlei Klischees, was man als Zugeständnis an das Genre lesen kann oder eben als Eingeständnis von Zahlers Ansichten. Dragged Across Concrete ist folglich ein reaktionärer Film auch dahingehend, dass er wie Ridgeman selbst verankert in einer anderen Generation scheint. Quasi ein Film aus den 1980ern, den so heute in der Gegenwart keiner mehr drehen würde, da das gesellschaftlich-politische Bewusstsein ihm und seiner Rezeption in die Quere kommen würde. Wie es teilweise auch der Fall war.

Eine Kritik, wie sie auch Todd Phillips während seiner PR-Tour zu Joker anbrachte, die kurz im Verlauf des ersten Akts hier anklingt. “The entertainment industry, formerly known as the news, needs villains”, sagt Calvert da. Klick-Zahlen, Website-Aufrufe, Skandale – für die Medien ist die Polizeigewalt von Ridgeman und Lurasetti ein gefundenes Fressen. Der Täter, in diesem Fall ein Drogendealer, avanciert zum Opfer. Ob der Zweck die Mittel heiligt ist eine Frage, die Dragged Across Concrete nicht stellt. Unterschwellig kann das Vorgehen von Ridgeman – respektive jedes 0815-Hollywood-Ermittlers – als Kritik an der fortschreitenden Bürokratisierung verstanden werden, die eine Strafverfolgung nicht immer gerecht macht.

Dragged Across Concrete ist auf seine Weise eine durchaus zynische Version eines Buddy-Cop-Films, mit dessen Figuren das Publikum mitfiebern kann, ohne deswegen ihre Taten gutheißen zu müssen. Der Film lebt dabei von der Chemie zwischen Gibson und Vaughn und weiß auch seine ausufernde Laufzeit von über zweieinhalb Stunden zu nutzen. So wäre der Hintergrund für Jennifer Carpenters frischgebackene Mutter mit Trennungsängsten gegenüber ihrem Sohn, die nach Ende ihrer Elternzeit wieder ihren Bankmanager-Job antreten muss, sicher nicht zwingend nötig, intensiviert dadurch aber jene Anspannung, die Zahler erzeugt, wenn Kretschmann und Co. schließlich später mit der Figur zusammen in der Bank eingesperrt sind.

Zahler inszeniert all dies gekonnt und trotz der fast schon epischen Laufzeit von über zweieinhalb Stunden keinesfalls ausschweifend. Die Spannung wird hochgehalten, obschon wir das Ende der Geschichte und Charaktere erahnen. Gibson schultert den Überdruss seiner Figur dabei gekonnt, wie auch das übrige Ensemble – das Zahler mit Vaughn, Carpenter, Johnson sowie Udo Kier quasi aus Brawl in Cell Block 99 herübergerettet hat – zu überzeugen weiß. Dragged Across Concrete ist ein Film einer anderen Ära, den man mehr mag, als man heutzutage vielleicht sollte. “The loser now will be later to win”, sang Bob Dylan in “The Times They Are A-Changin’” – ein Versprechen, das für die meisten von Zahlers Figuren aber verhallen wird.

7.5/10

18. Januar 2009

Valkyrie

We can serve Germany or the Führer, not both.

Mit Definitionen tut man sich schwer. In welche Kategorie zählte Claus von Stauffenberg? Wir haben es hier mit einem Offizier der Wehrmacht zu tun. Jemand der den Überfall auf Polen 1939 begrüßte, die dortige Bevölkerung als Pöbel bezeichnete und die Juden als Volk, dass „sich nur unter der Knute wohl fühlt“. Jemand, der es gerne sah, dass die gefangene Bevölkerung zu Landwirtschaftssklaven missbraucht wurde. Ein Mann, der stets ein Gegner der Weimarer Republik gewesen war und der sich zu Beginn begeistert von Adolf Hitler gezeigt hatte. „Das alles macht ihn bei Weitem noch nicht zum Nazi“, schrieb Stefan Schmitz in der zweiten Ausgabe des stern von diesem Jahr. Hier wird die Frage evoziert, was einen dann eigentlich zum Nazi macht. Oder die Frage, was einen eigentlich zum Helden macht.

Im Verständnis der Allgemeinheit ist Claus von Stauffenberg aus heutiger Sicht ein Held. Anhand der einfachen Formel: wer Hitler töten wollte, der kann nur ein Held sein. Denn der Feind von meinem Feind ist mein Freund. Oder so ähnlich. Die Wahrheit liegt hier wie immer im Auge des Betrachters. Es ist diskutabel, ob Stauffenberg Hitler stürzen wollte, weil ihm der Genozid der Juden gegen den Strich ging oder weil er lediglich realisiert hatte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war und er Schadensbegrenzung betreiben wollte. Wie alle Verschwörer des 20. Juli ist Stauffenberg eine ambivalente Figur, bei der eine Kategorisierung zwischen Schwarz und Weiß nicht möglich zu sein scheint. Ein eindeutige Klassifizierung als Held geht somit nicht ohne einen Anflug von Nachgeschmack von statten.

Für viel Aufheben sorgte im Vorfeld dann die Hollywood-Produktion Valkyrie, die sich mit ebenjenem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 beschäftigt. Glaubt man FAZ-Chefredakteur Frank Schirrmacher, dann geht es jetzt mit Deutschland wieder aufwärts. Viele andere hingegen missbilligten, dass ein deutscher „Held“ von einem Scientology-Mitglied verkörpert wird. Eine Dreherlaubnis für den historischen Ort der Hinrichtung im Bendlerblock wurde untersagt, später dann doch gestattet. Der Starttermin des Filmes wurde von Sommer auf Herbst und von Herbst auf Frühjahr verschoben. Was für Hauptdarsteller Tom Cruise als langersehntes Sprungbrett zum ersten Academy Award gedacht war, versucht sich nun in Schadensbegrenzung. Dabei erklärte Regisseur Bryan Singer vorab in einem Interview mit Christine Kruttschmitt vom stern (Ausgabe 2/2009) bereits, dass der Film „keine Filmbiographie über Stauffenberg, sondern ein Verschwörungsthriller mit real existierenden Figuren und Ereignissen“ darstellen soll. Singer betont, dass Valkyrie ein Unterhaltungsfilm sei und keine „historische Abhandlung“.

Betrachtet man das Ergebnis, ist Singer zuzustimmen. Glücklicherweise verzichtet der Regisseur zu Beginn des Filmes diesen mit dem obligatorischen „Nach wahren Begebenheiten“ einzuleiten. Die Verifizierung, dass es sich bei Valkyrie um keine Filmbiographie handelt, gab Singer zu Recht, wie bereits die ersten Minuten deutlich machen. In Tunesien philosophiert Oberst Stauffenberg (Tom Cruise) in seinem Zelt über die Lage der Nation. So geht das nicht weiter, Hitler zerstört Deutschland und der Judenmord ist auch nicht okay. „Es muss sich etwas ändern“, resümiert der Graf, der sich selbst stets als Abkömmling der Staufer und Ottonen sah (dabei jedoch lediglich dem Dienstadel entstammte). Da trifft es sich gut, dass Stauffenberg kaum aus dem Zelt raus schon gleich einen Befehl des Führers widerlegt. Schließlich müssten dabei nur unnötige Soldaten sterben und alles was er, der Graf, wolle, sei „so viele Männer wie möglich lebend nach Hause“ zu schaffen. Widerstand gegen den Befehl des Führers. Eigentlich begeht Stauffenberg schon hier Hochverrat. Sein Vorgesetzter nickt das ganze dann ab. Ein Angriff der Alliierten macht den Plan zunichte.

Schwer verletzt – Stauffenberg verliert sein linkes Auge, zwei Finger der linken und die gesamte rechte Hand – wird der Oberst nach München zurückgebracht. Dort erwartet ihn bereits General Friedrich Olbricht (Bill Nighy). Olbricht zählt zu einem illustren Kreis von Verschwörern rund um Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) und Ludwig Beck (Terence Stamp). Vergeblich hatten diese zuvor versucht Hitler (David Bamber) zu töten. Als einer ihrer Mitverschwörer aus ihren Reihen scheidet, soll er durch Stauffenberg ersetzt werden. Hitler muss beseitigt werden, das steht fest. Doch die Frage ist „wie?“. Stauffenbergs erster Besuch bei Frau Nina (Carice van Houten) und Kindern bringt ihm die Erleuchtung. Die Kleinen spielen Wagners Walkürenritt und Stauffenberg dämmert ein Licht. Hitler soll mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden, die Operation Walküre dafür sorgen, dass der Staatsstreich ohne blutigen Niederschlag gelingt. Hierzu müssen jedoch General Friedrich Fromm (Tom Wilkinson), Chef der Ersatzarmee, und General Erich Fellgiebel (Eddie Izzard) gewonnen werden. Während von Tresckow an die Front versetzt wird, übernimmt Stauffenberg allmählich das Kommando über die Operation.

Ein neutraler Blick auf Valkyrie fällt dem deutschen Betrachter schwer. Schließlich hat man das Attentat vom 20. Juli schon etliche Male durchgenommen, sei es in der Schule oder in etwaigen Dokumentation und ZDF-Fernsehspielen. Am eindringlichsten bekannt sein dürfte die deutsche Produktion mit Sebastian Koch als Stauffenberg vor einigen Jahren. Dem Deutschen entlocken somit Szenen wie Stauffenbergs Gedankenblitz beim Hören von Wagners Musik während eines Luftangriffs ein leichtes Lächeln. Für internationale Zuschauer könnte die Szene wiederum ein plausibles Mosaik in einem komplexen Puzzle sein. In seinen Details lässt sich die Planung zur Operation Walküre nicht in einem zweistündigen Film abhandeln. Bedenkt man somit das, was Singers Film sein möchte, und betrachtet das, was Singers Film letztlich geworden ist, können die Macher halbwegs zufrieden sein. Dass Valkyrie ein amerikanischer Film ist – trotz deutscher Nebendarsteller wie Matthias Schweighöfer, Christian Oliver und Wotan Wilke Möhring -, merkt man diesem stets an.

Alle Figuren, allen voran Stauffenberg, bleiben eindimensional. Das Muster ist klar gestrickt, es gibt die Guten und die Bösen. Da es sich bei den Bösen um Nazis handelt, bedarf es keiner weiteren Erläuterungen für die Motive der Guten. Und weil amerikanische Zuschauer ein prägnantes Gesicht brauchen, eine Identifikationsfigur, fokussiert sich die Handlung weitestgehend auf Stauffenberg. Dieser wird Minute um Minute von Singer und den Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander zentraler in das Komplott verstrickt. Für ein Charakterportrait ist keine Zeit, die heldenhafte Intention wird stattdessen durch pathetische Platituden bestärkt. Dass es eine Reihe von Verschwörern war und Stauffenberg nur einer von ihnen, dafür ist in einem Hollywood-Film kein Platz. Das Publikum wäre nicht bei der Sache, wenn es fünf oder acht unterschiedlichen Figuren folgen müsste. Daher schreiben McQuarrie und Alexander Stauffenberg die entscheidende Rolle zu, die teilweise schon messianische Züge annimmt, wenn Tresckow der Überzeugung ist, dass Stauffenberg Deutschland im Alleingang retten könne.

Ein differenziertes Bild der historischen Figur Stauffenberg erhält man nicht. Soll man aber auch nicht. Singer möchte einen Verschwörungsthriller erzählen und dies gelingt ihm über weite Strecken. Lediglich die teilweise fast unerträglich pathetischen Szenen trüben das Gesamtbild. Hätte man die Figuren etwas vielseitiger und kantiger, beziehungsweise authentischer, gestaltet, wäre für Valkyrie noch weitaus mehr drin gewesen. Inszenatorisch ist Singer auf formaler Eben nämlich kein Vorwurf zu machen. Newton Thomas Sigels Kamera ist ordentlich, die musikalische Untermalung von John Ottman gelungen. Das Szenenbild, die Ausstattung und die Kostüme wirken glaubwürdig. Lediglich die Darsteller gehen etwas unter. Cruise gibt Stauffenberg akzeptabel, allerdings wirkt sein Spiel recht l(i)eblos. Branagh und Stamp überzeugen in ihren wenigen Szenen, während man Nighy, Wilkinson, Thomas Kretschmann und Christian Berkel keinen rechten Vorwurf machen kann.

Dass Valkyrie den Ruf der deutschen Nation international verbessert, darf bezweifelt werden. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie Schirrmacher dies behauptet hat. Die Diskussionen im Vorfeld, auch hinsichtlich eines Tom Cruise (dessen Glaube, Xenu hin Spaghettimonster her, für Filme keine Rolle spielen sollte), haben dem Werk sicherlich geschadet. Nichtsdestotrotz ist Bryan Singer ein solider und ordentlicher Thriller gelungen, der zwar nicht sonderlich herausragend ist, jedoch auch nicht so schlecht, wie ihn einige bestimmt reden werden. An der filmischen Verklärung von Stauffenberg zum strahlenden Helden kann man sich stoßen. Fraglich wie ein Deutschland ausgesehen hätte, wenn der erklärte Demokratiefeind Stauffenberg (für den die Demokratie eine „Gleichheitslüge“ war), siegreich gewesen wäre. Eventuell würden wir heute dann in einem Militärstaat leben. Eventuell auch nicht. Vielleicht wird es Zeit, sich jemandem filmisch zuzuwenden, der wirklich als Held angesehen werden kann.

5.5/10 – erschienen bei Wicked-Vision

20. September 2008

Wanted

Boom goes the dynamite.

Es gibt sie noch, diese kleinen, innovativen Geschichten. Die nicht nur abseits des Stroms zu finden sind, wie Oasen, die den Durst versprechen zu löschen, sondern die vielmehr noch gegen jenen Strom schwimmen. Zum Beispiel Alan Moores Watchmen, welches die Grenzen des Comics durchbrach und von Kritikern sogar als einer der gelungensten Romane des 20. Jahrhunderts angesehen wird. Dabei transferiert Moore in seinem Kultbuch nicht durch die Angst vor dem nuklearen Dritten Weltkrieg aus den Fünfzigern in die Achtziger, sondern ihm gelingt sogar ein brillanter Seitenhieb auf das Comicgenre der DC und Marvel Verlage. Eine trostlose Welt voller Superhelden, die von der Gesellschaft verachtet werden. Ein Krieg, der dank der Anwesenheit eines übernatürlichen Wesens gerade Pause macht. Moore schrieb seine Geschichte so komplex, dass es für Zach Snyder äußerst schwierig werden wird, ihr auch nur Ansatzweise gerecht zu werden. Im Grunde kann er nur scheitern, zumindest in seiner Kinoversion.

Denn Watchmen ist voller Helden, die morden und vergewaltigen – alles für ein höheres Ziel. Es gibt sie noch, diese kleinen, innovativen Geschichten, die in ihrer Auflösung des Zuschauer sagen: fick dich. Anfang des 21. Jahrhunderts verfasste der Schotte Mark Millar mit Wanted eine solche Geschichte. Klein, innovativ, gegen den Strom. Kultig. Klar, dass Hollywood hier zuschlagen muss. Die Geschichte als Basis für einen Super-Blockbuster. Die Rechte sicherte man sich dann auch Ende 2004 und die Planungen für den Film begannen Ende 2005. Als Regisseur holte man den Kasachen Timur Bekmambetov an Bord, der sich dank seiner überraschend guten Verfilmung der Dozor-Bücher von Sergei Lukyanenko ausgezeichnet hatte. Nun passiert in Hollywood das, was eigentlich immer passiert, wenn man auf eine interessante Geschichte trifft: man zerstört sie. Wobei zerstören das falsche Wort ist, vielmehr erschafft Hollywood eine Art Cyborg oder eher noch einen filmischen Borg. Ein total künstliches Werk mit einem Hauch der originalen Handlung.

Jene Handlung, welche die Geschichte erst so besonders gemacht hat. Auch für die Herren Produzenten aus Hollywood. Im Falle von Wanted verbinden Film und Vorlage gerade einmal eine handvoll Einstellungen, sowie Titel und Namen der beiden Hauptprotagonisten. Das ist erschütternd. Als würde man einen Film mit Namen Lord of the Rings machen, dessen Titelfigur Frodo heißt und die einen Ring von Punkt A nach B bringen muss. Und den Rest ändert man. Aus Frodo macht man einen Kleinwüchsigen und zwischen Punkt A und Punkt B muss er sich mit der Mafia, der CIA und El Kaida anlegen, ehe er den Ring einem Supermodel an den Finger stecken kann. All die Elemente, die Wanted zu Wanted und Millars Werk so universell einzigartig machten, ließ man fallen. Eine offizielle Begründung lautet: der erste Drehbuchentwurf entstand, als gerade einmal das zweite von sechs Heften draußen war. Nur stimmt das so in zweierlei Hinsicht nicht.

Erstens sicherte man sich die Rechte Ende 2004 und zweitens wurde die erste Drehbuchfassung unter anderem von Millar und Bekmambetov verworfen. Die Wahrheit ist wohl einfach die, dass man in Hollywood keine cojones hatte, Wanted so zu erzählen, wie die Geschichte erzählt werden muss. Denn was Millar hier erschaffen hat, ist in seiner Form auf der Kinoleinwand nicht umsetzbar, höchstens von dem französischen Kino, welches die moralischen Grenzen der Menschen seit Jahren mit Filmen wie À l’intérieur oder Martyrs auslotet. Mit Wanted erschuf Millar einen Helden wie Du und ich, jemanden aus der Gesellschaft, jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Wesley Gibson ist ein Verlierer, der in seinem Job in einem Großraumbüro versackert und sich von seiner afroamerikanischen Chefin unterbuttern lassen muss. Seine Freundin vögelt seinen besten Freund, weiß aber nicht, dass Wesley das weiß. Dafür beichtet sie ihm, dass sie mit 22 ihrer männlichen Mitarbeiter gefickt hat, was Wesley auch nicht wirklich stört.

Was soll er auch sonst machen, mit wem sonst zusammenleben? Sein Alltag besteht daraus irgendwelche Krankheiten für seine eingebildeten Symptome zu googeln oder sich im Internet Pornos anzusehen. Doch alles ändert sich, als er in seiner Imbissbude die dunkelhäutige Fox kennenlernt. Indem sie jeden Besucher des Ladens kurzerhand erschießt, löst sie Wesley gleichzeitig von seinem alten Leben. Und noch viel mehr, Wesley erfährt, dass sein Vater gestorben ist und ihm nicht nur zum Multimillionär gemacht hat, sondern auch seinen Arbeitsplatz hinterlässt. Wesleys Vater war der Killer. Richtig gelesen, nicht ein Killer, sondern der Killer. Der absolut beste Killer auf der Welt. Und ein Mitglied der Elite von Superbösewichtern. Diese vereinten sich 1986 und merzten in einer mehrere Monate andauernden Schlacht epischen Ausmaßes jeden, aber auch wirklich jeden Superhelden der Erde aus. Superman, tot. Wonder Woman, tot. Batman, tot. Alle tot.

Ohne Superhelden keine Gegenwehr. Die Bösen regieren die Welt. Jedoch nicht offensichtlich, sondern im Untergrund. Die Menschheit weiß nichts mehr von den Ereignissen des Jahres 1986, die Erinnerung an die Superhelden wurde bis auf Comichefte ausgemerzt. Fünf Köpfe der Bösewichte herrschen über den Planeten, jeder kriegt einen Kontinent. Mister Rictus, das personifizierte Böse, musste Australien nehmen und ist sichtlich angepisst. Wesley wird in den folgenden Wochen auf Wunsch seines Vaters zum tough guy trainiert. Fortan hat es Wesley mit Figuren wie Fuckwit zu tun, quasi dem Superman mit Down-Syndrom. Oder Shit-Head, ein wandelnder Scheißhaufen, der aus den Fäkalien von 666 fiesen Wichsern – darunter natürlich auch Hitler – erschaffen wurde. Und das Beste ist: Wesley gehört dazu. Fortan darf er erschießen wen er will und vergewaltigen wen er will. Niemand stört es, niemand erfährt es. Vom Niemand zum Unantastbaren an einem Tag.

Was Mark Millar hier geschaffen hat, ist die Umkehr des klassischen Comicbuchs. Es gibt keine Helden, es gibt nur die Bösen und die etwas psychisch labileren Bösen. Kann man jemanden zum sympathischen Held machen, der fast schon gelangweilt darüber berichtet, wie er mittags einen Hollywoodstar vergewaltigt hat? Millar kann es. Zwar ist Wesley mitunter eine recht eindimensionale Figur, deren Kritikpunkte seines unveränderten Zustandes ich durchaus nachvollziehen kann. Aber es sind dennoch andere Umstände. War Wesley zuvor ein Sklave der Gesellschaft, gefangen in einem aussichtslosen Job und einer aussichtslosen Beziehung, ist er jetzt zwar nicht sein eigener Herr, da Professor Seltzer unterstellt, doch hat er weitaus mehr Freiheiten als vorher. Niemanden zwingt ihn für Seltzer zu arbeiten oder auf Fox zu hören. Er tut es zwar, aber er muss es nicht. Dabei beschäftigt sich Wesley durchaus zu einem Zeitpunkt mit der Moralität seines Handelns, erfährt durch Fox später noch Läuterung.

Von der 113 Seiten umfassenden Story Millars adaptiert Hollywood nun starke 4 Blätter und nicht einmal die sind wirklich getreu. Von einem „basiert auf“ kann also bei Bekmambetovs Film in keiner Weise die Rede sein. Eher lose inspiriert ist Wanted und nicht einmal das trifft es. Zwischen Vorlage und Film liegen Welten, sodass man sich fragt, wieso man eigentlich die Rechte an dem Stoff gesichert hat. Vor allem da das Resultat so dermaßen armselig geworden ist, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Bösewichter als Helden kann man dem Amivolk nicht verkaufen, schon gar nicht in der Zeit nach 9/11. Also werden die Superbösewichter kurzerhand zu einer Jahrtausende alten Bruderschaft von Auftragskillern (das PS3-Spiel Assassin’s Creed lässt grüßen) – und jetzt kommt das Beste – die insgeheim die Welt im Gleichgewicht halten! „Töte einen, rettet tausend“, erklärt da Angie lasziv, gute dreißig Minuten ehe sie einen ganzen Zug voller unschuldiger Zivilisten in den Abgrund jagt.

Doch es wundert nicht, dass Wanted allgemein gnadenlos inkonsequent ist, in seiner umgepolten Welt, die sich eigene Gesetze aufstellt, die sie je nach Szenenwechsel biegt und bricht. Im Sinne von „was kümmert mich mein Geschwätz aus der Szene zuvor“. Dabei bringt Bekmambetiv in der Tat einige nette Ideen, wie zum Beispiel das um die Ecke schießen oder die verlangsamte Reaktionszeit. Schließlich müssen die Helden ja irgendwas besonders haben, wenn sie schon keine Superbösewichter sein dürfen. Die Ideen hier sind gut, ob es wirklich dem unentwegt verwendeten Zeitraffer bedürft hätte, ist eine andere Frage. Da Wanted per se keine richtige Geschichte hat, lebt der Film ganz und gar von seiner stylistischen Aufmachung. Dass Bekmambetov sich daran zu ergötzen weiß, beweisen seine Dozor-Filme. Dies in Bullet Time geschossen, das in Bullet Time geschossen – im Grunde sind die wenigsten Szenen in Wanted nicht in Bullet Time geschossen.

Klar, dass die Wachowskis uns das beschert haben ist eine coole Sache und in The Matrix fetzt das auch so richtig, nur Bekmambetov verwendet den Effekt bis zum geht nicht mehr und wiederholt sich hier ständig. Kugel in Bullet Time wird abgelöst von Auto in Bullet Time wird abgelöst von Kugel in Bullet Time wird abgelöst von schanzendem Auto in Bullet Time und dann schließt sich der Kreis und die Schose geht von vorne los. Exzellent, Genosse. Die erste Hälfte des Filmes wird dann zusätzlich noch aufgepeppt durch zeitgenössische Musik, bevorzugt Nine Inch Nails, die man dann in der zweiten Hälfte (denn hier wird es ja nun dramatisch) für Danny Elfmans bemerkenswert unbemerkenswerten Score in den Hintergrund rückt. Dabei vermag die Visualität des Filmes nur sehr selten über den fehlenden Inhalt hinwegtäuschen. Wesleys Charakter wird dabei noch weniger erörtert, als es bereits bei Millar der Fall ist. Wieso auch, schließlich verliert dessen moralisches Dilemma seine Bedeutung, da in der Verfilmung überhaupt keine Moralität in Frage gestellt wird.

Hierzu gesellt sich auch die plumpe Hinnahme von Sloans (Morgan Freeman) Erläuterung, dass einer der ihren, Cross (Thomas Kretschmann), Wesleys Vater erschossen haben soll. Und schon brennt der Baum und Wesley nimmt die Querelen auf sich, die ihm den Kopf von Cross bringen sollen. Dass hier die große Wendung des Filmes lauert – ja, mei, hat denn der Cross wirklich den Vadder umgebracht? – wird jedem klar, nur nicht James McAvoys Figur. Jener Wendepunkt des Filmes ist in seiner lächerlichen Armseligkeit dann auch nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Dass die Bruderschaft eine Vorgabe braucht und diese Vorgabe für die Tötungen eine mystische Spindel ist, ist eine nette Mischung aus Philip K. Dicks Minority Report und Platons Spindel der Notwendigkeit aus seiner Politeia. Gegen diese Idee – so dämlich sie auch sein mag – habe ich nicht einmal etwas einzuwenden. Wenn man sich dann der Spindel bedient und das Finale an ihr aufhängt, dann muss man jedoch sich und seiner Geschichte auch treu bleiben.

Tut Bekmambetov allerdings nicht. Vielmehr versucht sich in aufgezwungener Coolness zu verlieren, um einen Film zu präsentieren, der dann auch sogleich die Köpfe seiner Zuschauer verdreht. Fliegende Autos, Kugeln in Bullet Time, da jauchzt das Herz, da ist das Publikum glücklich. So hat der Film weltweit bereits das Vierfache seiner Kosten wieder eingespielt, es verwundert also nicht, dass Wanted 2 und Wanted 3 bereits in Planung sind. Mit Wanted war dann auch Mark Millar durchaus zufrieden, was natürlich wenig verwundert. Warum sich groß beklagen für einen Film, der mit dem eigenen Produkt zwar nichts zu tun hat, einem aber dennoch einen Beteiligungsbonus beschert. In Bekmambetovs Film erwartet das Publikum eine unsinnige Geschichte, die inhaltsfrei, spannungsarm und schlecht besetzt ist. Nie nimmt die Story Zug auf, verliert sich stattdessen in Zeitlupenschießereien. Wer Wanted für einen extrem coolen Film hält, dem rate ich ab, Millars Comicvorlage zu lesen. Es könnte ihm sonst der Kopf platzen.

2.5/10

10. September 2008

Transsiberian

If you kill off my demons my angels might die too.

Eine Matrjoschka ist eine berühmte russische Holzpuppe, die bunt bemalt ist und in sich selbst noch weitere Matrjoschka verschachtelt hat. Sie beherbergt somit mehr, als auf den ersten Blick offenbart wird und bei jedem genaueren Blick, stößt man auf eine neue Matrjoschka. Ohne Frage wäre Brad Andersons neuer Film Transsiberian gerne eine solche Matrjoschka. Aber nur weil der Film die eine oder andere Wendung nimmt, macht ihn das noch lange nicht zur einer. Mit Session 9 und The Machinist machte sich Anderson im Business einen Namen, wenn man es so sehen will. Dabei war das Eindrucksvollste an The Machinist noch Christian Bales Gewicht, konnte der Film mit seiner finalen Wendung doch wenig überraschen. Aber Andersons neuer Film beschreitet da ganz andere Wege, ist weniger ausgeklügelter Thriller und spannender Horror als vielmehr ein konventioneller Thriller mit Kaltem Krieg-Flair, der ohne Probleme Ende der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre stammen könnte. Mit namhafter Besetzung wird hier ein Drogendrama erzählt, welches sich im Transsiberian-Zug von Peking nach Moskau abspielen soll. Hierbei spielen unterschiedliche menschliche Persönlichkeiten und den Wandel, den sie im Laufe ihres Lebens durchlaufen (können) eine entscheidende Rolle. Als kleiner Nebendarsteller funktioniert dabei der kammerspielartige Raum jenes Zuges, in dem sich viel der Handlung abspielt und die Protagonisten auf enger Fläche zusammen zwängt.

Die Richtung des Filmes gibt Anderson dabei gleich zu Beginn vor. Der russische Ermittler Grinko (Ben Kingsley) fahndet nach gestohlenem Kokain und macht sich auf den Weg zu einer Konferenz. In der folgenden Stunde wird man Grinko nicht mehr zu Gesicht bekommen, er ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als ein Erzähler, der die Drogen im Film als Objekt etabliert. Stattdessen dreht sich Transsiberian um die Ehe von Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer). Beide trieb Roys Kirche auf Missionarsarbeit nach Beijing, nun treten sie die Heimreise an. Dass die Ehe auf wackeligen Beinen steht, zeigt Anderson in einer Sexszene, die deshalb nicht zu Stande kommt, weil Jessie unbedingt verhüten will. Der nicht vorhandene Kinderwunsch als Skylla ihrer Persönlichkeit. Die Spannungen werden erst gelockert, als sie in ihrer Kabine Zuwachs durch das Backpacker-Pärchen Carlos (Eduardo Noriega) und Abby (Kate Mara) erhalten. Doch beide scheinen ein Geheimnis mit sich zu Tragen, ein Geheimnis, in welchem Jessie schneller als sie sich versieht selbst Teil wird. Anderson wählt hier Emily Mortimers Figur der Jessie als zentrale Protagonisten seines Filmes, die im Fokus des Geschehens steckt. Jessie selbst ist eine ambivalente Figur, ehemals wild und ziellos und nunmehr durch ihre Liebe zu Roy quasi gezähmt. Bei diesem „Geständnis“ verwundert es einen umso mehr, dass gerade der gläubige Kirchengänger Roy, der sich so sehr für Eisenbahnen interessiert, dass er seinen Zug verpasst, mit jener wilden Jessie zusammen gerät. Denn im Grunde wirkt für jemanden von Jessies Persönlichkeit gerade Carlos weitaus anziehender und passender. Ziellos im Leben, die Heimat auf dem Rücken. Ab einem gewissen Zeitpunkt verliert Anderson daher Roy und Abby aus den Augen, um sich stattdessen auf die anderen beiden Figuren zu konzentrieren.

Jene sind es auch, die der Geschichte ihre entscheidende Wendung geben. Bis es soweit ist zeichnet Anderson in Transsiberian jedoch den Clash der Kulturen. Während Roy und Jessie bei ihrem Abschied von ihren westlichen Mit-Missionaren freundlich behandelt werden, begegnet ihnen im transsiberischen Zug allerlei Animosität. Die Zugbegleiterinnen reagieren wiederholt barsch und ausfallend, die Polizisten wiederum nicht weniger aggressiv. Ein durchaus xenophobes Bild, welches Anderson hier zeichnet und noch mit Anekdoten eines französischen Passagiers garniert, dem die Zollbehörde zwei Zehen amputierte, ehe er sich bereit erklärte eine größere Summe als „Lösegeld“ zu bezahlen. Russland als Land der unmoralischen Zustände. Damit der Eindruck noch verstärkt wird erzählt später auch Grinko noch den einen oder anderen Schwank. Es sei besser in Dunkelheit zu leben als im Licht zu sterben und die UdSSR war ja sowieso am besten. Transsiberian ist daher ein Film für das westliche Publikum, dem hier in fremden Territorium ruhig etwas mulmig werden darf. Enge Zugräume, unfreundliches Personal und die Aussicht sich seine Grenzüberschreitung erkaufen zu müssen. Einfluss hat das insbesondere auf Jessie, während der extrovertierte Roy die Situation so nimmt, wie sie kommt. Schließlich muss man immer den Donut im Auge behalten und nicht sein Loch. Always look on the bright side of life.

So vereinbart Anderson viele kleine Facetten in seinem neuen Film. Einen Hauch Der Fremde im Zug hier, eine Prise Express in die Hölle da, gepfeffert mit etwas Hostel – von allem ist ein bisschen was dabei. Obschon Transsiberian in einem Zug spielt nimmt die Handlung nie wirklich Fahrt auf, legt kaum einen Zahn zu. Sie rollt vorwärts, stetig aber sicher. Der Weg, den sie beschreitet, ist mitunter etwas holprig, so zum Beispiel am Wendepunkt der Geschichte in der Mitte des Filmes, aber bleibt geerdet. Das Tückische an Andersons Neuem ist, dass er spektakulär unspektakulär ist. Über die Wahl der Besetzung darf man sich streiten, so nimmt man Harrelson den braven Ehemann gerade zu Beginn nicht wirklich ab, zu sehr beißt sich das mit seiner Filmographie. Auch für Mortimer scheint ihre Rolle gelegentlich eine Nummer zu groß zu sein, während Noriega herrlich schmierig auftreten darf. Dagegen können sich Mara und Kingsley nicht sonderlich hervortun, während Deutschlandexport Thomas Kretschmann bis auf wenige Sätze (und die sind in Russisch) lediglich böse schauen darf. Die Geschichte, welche der Film zu erzählen versucht, hat zwar Hand und Fuß und ist dabei nicht einmal unbedingt unglaubwürdig. Doch fehlt ihr viel zu sehr die Spannung, eine gewisse Beschleunigung. Große Sprünge sollte man sich vom neuesten Werk Brad Andersons also nicht erwarten, denn wirklich gut ist er nicht. Wirklich schlecht jedoch ebenfalls nicht und hier liegt fast schon die Krux des Ganzen. Transsiberian ist ein durchschnittlicher Thriller, der es seinem Publikum schwer macht, überhaupt eine gesonderte Emotion hinterher zu fühlen, weshalb er unterm Strich gesehen wieder selbst wie ein Zug ist. Man schenkt ihm kurz Aufmerksamkeit, aber aus den Augen ist aus dem Sinn.

6/10 - erschienen bei Wicked-Vision