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17. November 2017

Murder on the Orient Express

I know your mustache.

Im Krimi-Genre steht und fällt eine Geschichte mit ihrer Auflösung. Wird nicht genug Spannung aufgebaut, kulminierend in einer zufriedenstellenden Aufklärung des Falls, kann das ganze Produkt nicht überzeugen. Murder on the Orient Express wartet mit einer viel versprechenden Prämisse auf – und mit einer ungewöhnlichen Täterermittlung. Und dennoch vermag Kenneth Branaghs Adaption von Agatha Christies gleichnamigem Roman-Klassiker nicht wirklich zu überzeugen. Das liegt nicht nur an dieser Neuverfilmung des nordirischen Regisseurs und Hauptdarstellers, die trotzdem versäumt, etwaige unebene Stellen zu glätten. So bleibt Murder on the Orient Express ein grundsätzlich zwar unterhaltsamer, aber nicht wirklich guter Film.

Wider Willen begibt sich der ausgebrannte renommierte Detektiv Hercule Poirot (Kenneth Branagh) in Istanbul als Passagier an Bord des Orient-Express’, um in England einen Fall zu lösen. Bereits unterwegs wird er jedoch mit einem Mord konfrontiert und vom Direktor des Express, seinem persönlichen Freund Bouc (Tom Bateman), gebeten, sich der Aufklärung anzunehmen. Als eine Lawine den Zug für einen Tag zum Halt zwingt, nutzt Poirot dies, um die zwölf anderen Passagiere individuell zu verhören. Denn der Täter, so schließt Poirot, muss noch an Bord des Express sein. Während seiner Vernehmung rückt dabei immer stärker ein anderer Fall eines gescheiterten früheren Kidnappings in den Mittelpunkt der Ermittlungen.

Wie jeder gute Krimi bringt einen Murder on the Orient Express zum Überlegen, Raten, Zweifeln, wer der Mörder oder die Mörderin sein könnte. Idealerweise sollte die Geschichte das Publikum wie auch seine Hauptfigur hierbei immer wieder auf neue Fährten locken. Dies vermag Branaghs Film eher leidlich zu gelingen, zumindest wartet er jedoch mit einem „Twist“ zum Schluss auf, der innerhalb des Genres Seltenheitsfaktor hat. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass er deshalb zwingend überzeugt, wirkt er doch arg konstruiert. Zugleich fehlt ihm die nötige Exposition, der sich der Film wiederum zu einem gewissen Grad verschließen muss, um seine Karten nicht zu früh preiszugeben und das Ende vorweg zu nehmen.

Es macht es jedoch nicht besser, die Motivation für das Verbrechen in einem Nebensatz zu erklären und die notwendige Empathie der Zuschauer vorauszusetzen. Murder on the Orient Express nutzt seine Laufzeit nicht allzu geschickt beziehungsweise hadert mit der Vielzahl an Figuren – es sind über ein Dutzend –, der er sich in ihr zu widmen hat. Stippvisitenmäßig klappern wir Johnny Depps schmierigen Amerikaner ab, sehen seine Angestellten (Josh Gad, Derek Jacobi), Daisy Ridleys englisches Kindermädchen, das scheinbar eine Romanze mit Leslie Odom Jr. als ebenfalls mitreisender Arzt pflegt. Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Olivia Colman und mehr sind ebenfalls am Bord, werden aber nur kurz en passant beleuchtet.

Infolgedessen kann kaum eine Figur abseits von Poirot wirklich Charakter entwickeln, wird vielmehr durch ihre Beschreibung definiert, zum Beispiel Missionarin, Arzt, Schaffner. So sporadisch wie sich Poirot mit ihnen befasst, tut es letztlich auch der Film. Manche von ihnen, wie Manuel Garcia-Rulfos Marquez könnten genauso gut auch aus der Handlung fehlen. Die Verknüpfung des Mordfalls mit dem gescheiterten Kidnapping eines Kleinkindes in Lindbergh-Manier entfaltet sich ebenso wenig zu Gunsten der Spannung. Dabei hat die Prämisse durchaus Potential und hätte eventuell lediglich angepasst werden müssen, indem weniger Figuren mehr Fokus erhalten. Auch wenn dies von Christies Roman abweichen würde.

Kenneth Branagh drehte seinen Murder on the Orient Express im großen Stil, auf 65mm gefilmt mit einigen edlen Aufnahmen (die Schlussszene ist toll inszeniert) und großen Namen. Doch er bietet weder dem Orient-Express eine Bühne, der nur halbherzig als Set erforscht wird, noch den darin reisenden Charakteren. Alles wirkt ein wenig überfrachtet, einschließlich der Mord-Motivation, weshalb auch die Auflösung nicht restlos gefallen will, selbst wenn sie Poirot vor ein interessantes Dilemma stellt. Jenes Ziel hätte die Handlung von Agatha Christie auch über andere Wege erreichen können. Und wie sagte die Schriftstellerin einst selbst: Auch wenn gute Ratschläge fast nie beachtet werden, sei dies kein Grund, sie nicht zu geben.

5/10

25. April 2011

Thor

Is there a Renaissance Fair in town?

Die einen kriegen ein Superserum, andere beißen radioaktive Spinnen, die Blitzgescheiten basteln sich einen eigenen Super-Anzug und wer Glück hat, braucht gar nichts davon – denn er ist ein Gott. Mit Thor geht Marvels Filmprolog-Reihe zum 2012 startenden The Avengers in die nächste Runde. Und wohl kaum einer der Marvel-Helden dürfte es so schwer gehabt haben auf der großen Leinwand zu landen, wie der Gott des Donners. Schließlich verschmelzen in Thor, der wie seine Kollegen aus der Feder von Stan Lee und/oder Jack Kirby stammt, doch unsere Gegenwart und die nordische Göttermythologie zu einem kohärenten Ganzen. Entsprechend belächelt wurden erste Stills, die zu Kenneth Branaghs Adaption veröffentlicht wurden.

Während die beiden Trailer als kruder Mix aus Superman und The Day the Earth Stood Still erschienen und ein Trash-Fest erster Güte versprachen. Der fertige Film bewegt sich nun irgendwo dazwischen. Wie es sich für einen Prolog gehört – und mehr als eine Charakterexposition ist in Thor auch nicht zu sehen – ist sein Inhalt recht kurz und simpel. Und durch seine Lokalisierung in ein Königshaus zugleich wie geschaffen für Shakespeare-Regisseur Branagh, der seine Comicverfilmung als VFX-Action-Crossover aus Henry V und King Lear anlegte. Seinen Antrieb gewinnt der Film dann auch primär aus seiner Dreiecksbeziehung zwischen Thor (Chris Hemsworth), Göttervater Odin (Anthony Hopkins) und Bruder Loki (Tom Hiddleston).

Jene von Neid und Eifersucht angetriebene Beziehung der Brüder, das gereizte Verhältnis der Thronfolger-Erben zu ihrem Vater und das Coming of Age eines Helden, der erst zu einem solchen heranreifen muss, bilden das Fundament des Films. Infolgedessen fallen die Szenen in Asgard und Jötunheim weitaus interessanter aus als Thors Reifeprozess, der inklusive des obligatorischen love interest Jane Foster (Natalie Portman) in einem kleinen Kaff im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico von Statten geht. In seiner Kontemporäradaption ging Marvel nunmehr Kompromisse ein, um sowohl Nerds als auch die Massenklientel zufrieden zu stellen. Die Frostriesen rund um Laufey (Colm Feore) geben die Antagonisten.

Mit von der Partie sind die drei Krieger (u.a. Ray Stevenson) sowie Sif (Jaimie Alexander), es gibt einen kleinen Querverweis zu Thors Alter Ego Donald Blake und natürlich den unabdingbaren Cameo von Stan Lee. Um die Götter der Filmbranche zufrieden zu stellen, verfügt Thor zugleich in Kat Dennings über einen Comic-Relief-Sidekick, Stellan Skarsgård gibt einen unterforderten Mentor und Portmans Jane Foster wird von der einfachen Krankenschwester zur renommierten Astrophysikerin befördert. Und weil alles politisch korrekt zugehen muss, stellt Idris Elba den einzigen afroamerikanischen Asen in Asgard dar, während Asano Tadanobus Hogun zur Identifikation für die asiatische Bevölkerungsgruppe dienen darf.

Im Grunde geht das alles weitestgehend auf, selbst die vollkommen unerhebliche Integration von S.H.I.E.L.D. und ein belangloser Cameo von Jeremy Renners Avengers-Figur Hawkeye. Als neuerliches Charakter-Prelude ist das Endresultat fast durchweg sympathisch, was sich auch der Tatsache verdankt, dass Branagh dem narzisstischen Asen genug Raum für Humor und Selbstironie lässt. Und in Form eines Comics wäre die Geschichte von Thor in all ihrer plakativen Anlehnung an The Day the Earth Stood Still auch durchaus annehmbar und unterhaltsam. Als eigenständiger Kinofilm, losgelöst von der Historie der fast 50-jährigen Comicfigur und dem nächstes Jahr folgenden The Avengers, fällt Thor jedoch reichlich durchwachsen aus.

Die Simplizität der Handlung ist erschreckend banal und vieles wird scheinbar als selbstverständlich erachtet. Warum wird Thor zum Beispiel ausgerechnet in ein Am-Arsch-der-Welt-Kaff in New Mexico verbannt? Und wieso landet sein Hammer Mjölnir praktischer Weise nur 50 Meilen entfernt? Warum ist ein Krieg zwischen Asgard und Jötunheim so dramatisch, wo die Frostgiganten doch in ihrer Welt festzusitzen scheinen? Beginnt man das Gezeigte zu hinterfragen, bröckelt der Glanz. Wenn Thor sich auf der Erde aufführt wie ein alter nordischer Gott, und seine Weggefährten um Sif als verirrte Comic-Con-ler anmuten, dann ist das ganz amüsant und charmant, wie auch der klassische Vater-So(e)hn(e)-Konflikt teilweise unterhält.

Vom rasanten Trash-Fest des Trailers ist dies jedoch meist meilenweit entfernt, das mentale Schulter-zucken ob des Gezeigten an sich vorprogrammiert. Thor verkommt zu einem zwiespältigen Produkt, mit dem man wenig anfangen kann. Die Kostüme und Asgard selbst (ein Amalgam des Olymps aus Clash of the Titans und Coruscant der Star Wars-Filme) sehen weniger bescheuert aus, wie erste Bilder befürchten ließen, das Ensemble von Hopkins über Portman und Hiddleston bis hin zu Hemsworth schlägt sich angesichts der enormen Campness ihrer Umgebung erstaunlich gut. Über den 3D-Effekt lässt sich das weniger sagen. Er raubt den Bildern das Licht, ist selten positiv bemerkenswert oder der Narration zuträglich.

Letztlich merkt man es Thor durchgehend an, dass es sich um eine reine Charakterexposition handelt. Der Donnergott ist nur einer von mehreren Gefährten, das mordorsche Auge lastet jedoch auf dem ultimativen Familientreffen, das ab Mai von Regisseur Joss Whedon inszeniert wird. Angesichts der Leichtigkeit, mit der sich die Thors, Hulks und Iron Mans in ihren jeweiligen Abenteuern ihrer Widersacher entledigen, und der Fülle an Ego und Pathos, wird es für Whedon eine Herkules-Aufgabe sein, seine Helden – inklusive der zweiten Garde um Jeremy Renner und Scarlett Johansson – nicht nur bei Laune zu halten, sondern ihnen auch (einen) Gegenspieler zu liefern, der eine Kräftebündelung dieser Form rechtfertigt.

Als kurzweiliges Comic-Fest mit einem gewissen Augenzwinkern lässt sich Kenneth Branaghs Götterdämmerung (bevorzugt in 2D, so möglich) zwar durchaus genießen, fällt er doch sehr viel runder und gelungener aus, als die überfrachteten und eskalierenden Iron Man-Filme oder The Incredible Hulk. Dass uns ein Thor 2 nicht erspart bleiben wird, ist angesichts der nicht enden wollenden Sequel-Manie von Hollywood im Allgemeinen und Marvel/Disney im Speziellen wenig überraschend. Immerhin hat die Fortsetzung dann die Chance, etwas mehr zu sein, als lediglich ein reiner Prolog für einen anderen Film. Nötig wäre es jedenfalls nicht, denn unsterblich ist der Odinssohn schließlich auch bereits so – ganz ohne ein andauerndes Franchise.

5.5/10

10. Juli 2009

The Complete: Harry Potter

Amazing! This is just like magic!

Von der arbeitslosen Mutter zur zweitreichsten Frau Englands. Eigentlich ist es der american dream, der sich für die Britin Joanne K. Rowling um die Jahrtausendwende abgespielt hat. Mit ihrer siebenbändigen Harry-Potter-Reihe verkaufte sie mehr als 400 Millionen Exemplare, die insgesamt in 67 Sprachen übersetzt wurden. Und selbstverständlich ist Rowling auch an den Filmadaptionen von Warner Bros. beteiligt, die bisher beinahe 5,4 Milliarden US-Dollar einspielten. Sowohl die erste als auch die fünfte Verfilmung zählen zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Neben Rowling selbst haben natürlich auch die Produzenten rund um David Hayman profitiert, wie auch die Jungdarsteller selbst. Ein weiterer Verdienst, der Rowling von vielen Seiten zugeschrieben wurde, war die Tatsache, dass sie mit ihren Romanen die Jugend wieder zum Lesen brachte. Das verpönte Buch war wieder in und die Verkaufszahlen der Potter-Serie bestätigen dies. Denn selbst die aktuell speziell in den USA begeistert aufgenommene Twilight-Reihe von Stephenie Meyer verkauft nur ansatzweise so viele Kopien wie Rowlings Werk.

Nun muss man Rowlings literarische Ergüsse auch nüchtern betrachten können. Immerhin zählt sie nicht zu den begabtesten Autorinnen, weisen ihre Romane doch stets zahlreiche narrative Schwächen auf. Immerhin kann man der Britin zugute halten, dass sie sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und verbessert hat. Letztlich kann man jedoch von der ehemaligen arbeitslosen Mutter auch keine Satzkonstruktionen eines Franz Kafka oder Thomas Mann erwarten, sodass man ihr ein eher schwächeres Buch wie Harry Potter and the Philosopher’s Stone gerne verzeiht. Denn in Rowlings Fantasiewelt geht es nicht so sehr um die Abenteuer, die die Figuren überwinden müssen, sondern um die Entwicklung der Figuren selbst. Jenes zentrale Thema, das in allen Bänden im Vordergrund steht, schreibt Rowling doch stets die Freundschaft und Loyalität dieser Freunde groß. Man mag es da einerseits dem Fantasy- und anderseits dem Kinderbuchgenre zuschreiben, dass die Reinheit ihrer Figuren über allem steht (nicht zuletzt begann die Serie auch als Geschichte für Rowlings eigene Kinder). Sex und Drogen spielen für das Zaubervolk überhaupt keine Rolle, selbst wenn die Autorin jeder Figur eine kurze (unschuldige) Romanze mit einer anderen Person gestattet. Letztlich finden sich jedoch – zumindest für die vier Hauptfiguren – schon in der Schulphase die finale letzte Bindung fürs Leben.


Handlungstechnisch dreht sich alles um den Teenager Harry Potter, der als der Junge, der lebte, in die Geschichte der Zauberer und Hexen einging, weil er die erste Person war, die einen Angriff des diabolischen Lord Voldemort überlebte. Als Waise von seinem Onkel und seiner Tante großgezogen, erhält Harry die Möglichkeit auf einen gewünschten Tapetenwechsel, als ihm an seinem 11. Geburtstag ein Platz im Zaubererinternat Hogwarts zugesprochen wird. Hier hat Harry alsbald jedoch damit zu kämpfen, dass er zwar in dieser anderen, phantastischen Welt eine Berühmtheit und Legende ist, jedoch über seine Heimat eigentlich nichts weiß. Auch mit seinen Neidern wie Draco Malfoy oder Professor Severus Snape hat der bebrillte Junge zu kämpfen. Umso bedeutender ist für ihn daher seine Freundschaft zu Ron Weasley und Hermione Granger, genauso sein großväterliches Verhältnis zum Internatsleiter Albus Dumbledore. Rowling bedient sich in ihren Romanen stets einem Schema F: Harry versucht den Sommer bei seinen Verwandten, den Dursleys, durchzustehen und wird zu Schuljahresbeginn mit einem Phänomen und Abenteuer konfrontiert, das sich bis zu den Klausuren zieht.

Am Ende jedes Romans müssen sich Harry, Ron und Hermione schließlich entweder Voldemort selbst oder einem seiner Handlanger stellen. Hierbei begann die Autorin mit Band 4, Harry Potter and the Goblet of Fire, stets etwas düstere Geschichten zu erzählen, die jedes Jahr auch ein Opfer aus Harrys Mitte forderten. Nach Harry Potter and the Prisoner of Azkaban nahm auch der Umfang der jeweiligen Bücher zu, was hinsichtlich der Erzählstruktur wohl mit Rowlings eigenem Fortschritt und einem entsprechenden Selbstbewusstsein zu tun hat. Grundsätzlich ist ihr mit ihrer beinahe Dreieinhalbtausend langen Geschichte ein oft amüsantes und mitunter ergreifendes Stück Fantasyliteratur gelungen. Stets begleiteten sie jedoch die im Genre verhaftetenungemein naiv ausgearbeiteten Spannungselemente wie Rätsel und andere Wendungen. Oftmals gelingt dem Trio etwas, was selbst großen Zauberern wie Voldemort nicht zu gelingen vermag. Ein fader Beigeschmack bleibt hier zwar, doch wie oben angesprochen ist die Freundschaft der Figuren die eigentliche Handlung und nicht so sehr, was sie im Laufe dieser Freundschaft unternehmen. Wie mit jeder größeren Serie (man denke an Lord of the Rings oder His Dark Materials) beschleicht einen dann etwas Wehmut, wenn man sich die letzten Seiten des letzten Bandes zu Gemüte führt. Für die Filmreihe ist das Ende jedoch noch lange nicht in Sicht, erwartet das Publikum hier immerhin drei weitere Filme der Reihe.


Harry Potter and the Philosopher’s Stone


Nach vier Jahren war es soweit. Das erste Abenteuer von Harry Potter konnte auf der großen Leinwand umgesetzt werden. Zuvor mussten jedoch einige Bedingungen von Seiten J.K. Rowlings erfüllt werden. Zwar erhielt Warner Bros. den Zuschlag, doch die Autorin bestand darauf, die Darsteller allesamt britisch zu halten. Also kein Haley Joel Osment als Harry Potter und keine Nebenrollen für Robin Williams und Co. Zumindest durfte sich mit Chris Columbus ein Amerikaner auf dem Regiestuhl niederlassen. Da einerseits der erste Band der Reihe mit 223 Seiten relativ knapp bemessen war und andererseits Columbus’ Film fast zweieinhalb Stunden läuft, präsentiert sich Harry Potter and the Philosopher’s Stone als äußerst getreue Adaption der Vorlage. Nur wenige Veränderungen fanden statt, meist wurde verständlich und nachvollziehbar gekürzt. Der Film selbst war ein weltweiter Erfolg, avancierte hinter Titanic nicht nur zum erfolgreichsten Film aller Zeiten (bis dato), sondern vermochte sogar den im selben Jahr gestarteten The Fellowship of the Ring knapp hinter sich zu lassen. Ein Siegeszug auf ganzer Linie somit, nicht nur für Rowling, sondern primär natürlich für Warner Bros. und David Hayman.

Doch ähnlich wie mit Rowlings Vorlage ist auch in Columbus’ Film vieles nicht Gold was glänzt. Einige Aussparungen hätten sich hier in der Tat angeboten, allen voran das Quidditch. Vieles zieht sich in Steve Kloves’ Adaption, paradoxerweise obschon man – wie im Finale – die Handlung extra zurecht gestutzt hat. Vielleicht ist Philosopher’s Stone somit ein gutes Beispiel dafür, dass eine direkte Adaption eines Stoffes nicht immer wirklich gelingen mag. Wobei der Film zu einem Großteil auch hauptsächlich mit denselben Problemen hadert, denen sich bereits die Vorlage ausgesetzt sah. Allen voran natürlich das Finale, welches gerade wegen seiner Naivität eher leidlich betrachten werden muss. Selbst wenn man berücksichtigt, dass man ein junges Publikum adressiert, so fragt man sich doch, wieso es drei Erstjahrgängern gelingt, Prüfungen bzw. Barrieren zu überwinden, die als Schutzmaßnahmen der Professoren ausgedacht wurden. Da hilft es leider nur halb, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass jene Hindernisse nur dazu dienen, um zu veranschaulichen, dass Harry (Daniel Radcliffe) der Unterstützung von Ron (Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson) bedarf, um zu seinem Ziel zu gelangen.

Ähnlich verhält es sich auch abseits der formalen Ebene. Williams Score wirkt oft übertrieben zelebrierend-optimistisch, etwas dezenter hätte es hier auch getan. Besonders auffällig sind die teilweise ungenügenden visuellen Effekte. Zwar wirken diese bei Fluffy und dem Troll nicht ganz so störend, doch wenn beispielsweise das Trio vor Hagrids (Robbie Coltrane) Hütte steht und man in ihrem Rücken praktisch den Green Screen sehen kann, schneidet man sich etwas ins eigene Fleisch. Wie man es besser hätte machen können, sieht man an den Kobolden, die allein durch Maske und Kostüme weitaus authentischer wirken als im Gegenzug der Troll (letzterer auch im Verhältnis zu seinem Pendant in Jacksons Fellowship of the Ring aus demselben Jahr). Bedenkt man, dass auch über die Jahre hinweg Harry Potter mit seinen Filmen was die digitalen Effekte angeht nie sonderlich Maßstäbe gesetzt hat, scheint dies einfach nur ein generelles Problem für diese Filmreihe darzustellen. Auch wenn anerkannt werden sollte, dass die Effekte, wie alles andere, im Laufe der Fortsetzungen an Qualität zugenommen haben. Immerhin in der finalen Konfrontation mit Voldemort kann sich die digitale Umsetzung schließlich sehen lassen.

Noch wichtiger als die Effekte und die Umsetzung war jedoch selbstverständlich die Besetzung der einzelnen Rollen. Hier weiß Harry Potter im Grunde zu überzeugen. Die meisten Besetzungen sind wahrlich gelungen, wobei sich Entscheidungen wie Maggie Smith als Prof. McGonagall oder Richard Harris als Dumbledore nicht so sehr auszahlen, da beide Figuren im ersten Band keine herausragende Rolle spielen. Rowling zeigte ein gutes Gespür als sie sich für Coltrane als Hagrid und Alan Rickman als Snape entschied. Bei den vier hauptsächlichen Jungdarstellern sind die Resultate gemischt. Zwar weiß Rupert Grint zu überzeugen, doch wirkt er hier noch äußerst unsicher. Eine Eigenschaft, die Grint mit den Jahren glücklicherweise abgelegt hat. Radcliffe hingegen hadert nicht nur hier mit seiner komplexen Rolle, sondern hat auch acht Jahre später noch Probleme, die emotionale Tiefe der Figur entsprechend zu spielen. Tom Felton meistert seine Sache dagegen mehr als gelungen und hat hier wie auch in allen anderen Filmen damit zu kämpfen, dass seine Leinwandpräsenz stets auf ein Minimum reduziert wird. Ein Coup dagegen ist die Wahl von Emma Watson. Hier wie in wohl keinem der anderen Filme spielt sie ihre Kollegen allesamt an die Wand. Speziell die schnippischen Szenen, in denen sich die Freundschaft der Drei noch nicht herauskristallisiert hat, zählen zu ihren Höhepunkten.

Ingesamt betrachtet ist Philosopher’s Stone ebenso wie das Buch eine Geschichte, die größtenteils nur für Kinder und Jugendliche funktioniert. Dies liegt gerade an dem mehr als einfach zu folgendem Erzählstrang, der jedweder potentiellen Komplexität bereits im Ansatz aus dem Weg geht. Das geht dahingehend in Ordnung, da die Harry-Potter-Bücher darauf ausgelegt sind, sich jeweils an die Altersgruppe des Trios zu wenden. Aus Sichtweise einer Person die jedoch älter als die Zielgruppe ist, wirkt die Geschichte des Steins der Weisen nur unzureichend spannend oder unterhaltsam. Die liebevolle und getreue Adaption von Columbus selbst hadert mit ihrer langen Laufzeit (bedenkt man, dass nicht sonderlich viel zu erzählen ist) und den bisweilen schlechten Effekten. Als Auftakt in die Welt von J.K. Rowling ist der Film jedoch gelungen, selbst wenn er einige Eigenheiten des Aufwands wegen unterschlägt.


Harry Potter and the Chamber of Secrets


Seit drei Jahren war Stillstand im rowling’schen Potterverse, ehe 2003 endlich der fünfte Band, Harry Potter and the Order of the Phoenix erschien. Zuvor mussten die Fans selten länger als ein Jahr warten, um die Abenteuer von Harry, Ron und Hermione miterleben zu dürfen. Da traf es sich selbstverständlich gut, dass die Jahre 2001 und 2002 zumindest die ersten beiden Verfilmungen bereit hielten, um die Wartezeit zu verkürzen. Und die Meßlatte für Regisseur Chris Columbus war hoch. Nicht nur generell eine ansprechende Umsetzung des Potterverse zu liefern, sondern auch an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen. Schließlich war Harry Potter and the Philosopher’s Stone der erfolgreichste Film des Jahres 2001. Allerdings musste sich Chamber of Secrets diesmal der Konkurrenz aus Mittelerde geschlagen geben. The Two Towers spielte weltweit rund 80 Millionen Dollar mehr ein, weshalb Potter und Co. 2002 nur den zweiten Platz einnahmen. Nichtsdestotrotz kann auch Harry Potter and the Chamber of Secrets als Erfolg angesehen werden, der ganz in der Tradition des Vorgängers steht.

Erneut liefert Columbus eine äußerst getreue Adaption der Vorlage ab und spart nur geringfügig Handlungselemente aus. Im Grunde fällt nur die Nebenhandlung rund um die Razzien bei Zauberern und damit der Konflikt zwischen den Weasleys und Malfoys heraus, sowie kleinere Anekdoten wie Sir Nicholas’ Bemühungen im Jagdclub der Kopflosen aufgenommen zu werden. Änderungen, die nicht wirklich tragisch sind. An einigen anderen Stellen jedoch ergeben sich kleine Logiklöcher, die sich erst füllen lassen, wenn man die geschnittenen Szenen hinzufügt. Zum Beispiel weshalb Hagrid (Robbie Coltrane) für Harry (Daniel Radcliffe) einsteht und wieso Harry, Ron (Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson) während der Polyjuice Potion plötzlich Slytherin Klamotten tragen. Während hier die geschnittenen Szenen die Erklärungen liefern, die dem Kenner der Vorlage ohnehin bekannt waren, gibt es hin und wieder auch Szenen, bei denen sich Kloves eine Erklärung gespart hat. Besonders prominent die Polyjuice Potion an sich. Zum einen steht Moste Potente Potions in der Bücherei nicht in der verschlossenen Abteilung, zum anderen scheinen Harry und Co. die notwendigen Zutaten problemlos ergattern zu können.

Hier scheint wohl wieder die Laufzeit ein Problem gewesen zu sein, läuft der Film doch ähnlich lange wie sein Vorgänger und dies bei einer Vorlage von größerer Seitenzahl. So leidet auch Chamber of Secrets mitunter an einigen Längen, speziell beim Quidditch als auch im Verbotenen Wald. Insgesamt ist die Treue gegenüber Rowlings Roman aber beeindruckend. Speziell Kenneth Branagh hält sich fast ausschließlich an Rowlings Worte. Seine Besetzung als narzisstischer Gilderoy Lockheart ist ein weiterer gelungener Schachzug von David Heyman (wobei der ursprünglich eingeplante Hugh Grant sicherlich eine ebenso gute Figur abgegeben hätte). Branagh spielt den Scheinheiligen mit viel Spaß an der Freude und ist somit ein Gewinn für das Ensemble. Lockheart ist es primär, der Chamber of Secrets zum unterhaltsamsten Buch der Reihe macht. Sein Ego und seine Arroganz sorgen besonders im Zusammenspiel mit Harry („Celebrity is as celebrity does”) für etliche Lacher. Die Einbindung der Eulen Errol und Hedwig in die Handlung tut hierbei nochmals ihr Übriges, den Rest besorgt schließlich Jungschauspieler Grint.

Sowohl die Szenen mit dem Ford Anglia als auch die betreffenden Szenen um Aragog bzw. die Spinnen allgemein lassen Grint sein volles Ron-Potential abrufen. Neben Branagh zählt seine Leistung zu den überzeugendsten im zweiten Film. Radcliffe schlägt sich weitestgehend tapfer, hat jedoch seine Probleme sowohl hinsichtlich der Szenen mit dem digitalen Dobby als auch mit den Sequenzen, in denen er Parseltongue sprechen muss. Emma Watson hingegen, der Lichtblick des ersten Teils, leidet hier zuvorderst unter ihrer geringen Präsenz. Schickt sie Rowling erst durch die missglückte Polyjuice Potion ins Lazarett, fehlt sie im letzten Drittel dann sogar ganz, nachdem sie ein Opfer des Basilisken wird. Die Schauspieler aus der zweiten Reihe wie Coltrane aber auch Tom Felton (Draco Malfoy) und Jason Isaacs (Lucius Malfoy) schlagen sich überzeugend. Die Effekte sind im Vergleich zum Vorjahr besser geworden. Neben Dobby kann sich auch der Basilisk sehen lassen, wobei die Spezialeffekte selbstverständlich nichts gegen die gleichjährige Konkurrenz von Weta waren. Ansonsten lässt sich von technischer Seite sehr wenig kritisieren, wobei es immer noch schade ist, dass in Deutschland die Originalfassung des Filmes bis heute nicht erhältlich ist. Besonders ironisch, bedenkt man, dass in der Schweiz hinsichtlich der FSK selten ein ähnlicher Terz wie hier veranstaltet wird und die Eidgenossen dennoch mit weit weniger Schulamokläufen auskommen, wie unsereiner.

Bereits in Chamber of Secrets erkennt man die Fortschritte, die Rowling beim Schreiben gemacht hat. Die Handlung ist flüssiger, wenn auch nicht unbedingt frei von konstruierten Handlungssträngen. Gerade das Finale ist dieses Mal jedoch von einigen Lapsus befreit und kommt runder und spannender daher. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Ereignisse im zweiten Band – in mehrerer Hinsicht – ihren Widerhall in Harry Potter and the Half-Blood Prince finden. Die Entscheidung Voldemorts Alter Ego, Tom Riddle (Christopher Coulsen), als Antagonisten einzuführen, macht sich bezahlt. Zum einen bildet er einen Kontrast zum „alten“ Voldemort des ersten Teils, zum anderen bildet er ein Spiegelbild zu Harry selbst. Und er wirft natürlich seine Schatten auf den sechsten und siebten Band voraus, was die Frage der Horcruxe und die Beziehung zwischen Harry und Ginny (Bonnie Wright) angeht. Des Weiteren behandelt Rowling in Nebensträngen Fragen der Gleichberechtigung, sei es in leichterer (Nearly Headless Nick) oder in verstärkter (Dobby) Form. Zudem markiert Chamber of Secrets das Ende der leichten Beschwingtheit, nehmen die Harry-Potter-Bände fortan doch einen immer dunkleren Ton an. Letztlich ist Columbus’ zweite und letzte Regiearbeit ein unterhaltsames Abenteuer, das seiner Vorlage gerecht wird, auch wenn es bisweilen zu lang und eintönig ausgefallen ist.


Harry Potter and the Prisoner of Azkaban


Während J.K. Rowlings Anforderungsprofil an die DarstellerInnen vorsah, dass diese Großbritannien entstammen mussten, war der Nationalität der Regisseure keine Grenzen gesetzt. Nach den ersten beiden Filmen trat Chris Columbus zurück und überließ die Inszenierung von Harry Pottter and the Prisoner of Azkaban einem seiner Kollegen. Eine der ersten Personen, an die man herantrat, war Guillermo del Toro. Doch dem Mexikaner war Rowlings Welt zu freundlich und hell, weshalb er sich stattdessen lieber Mike Mignolas Hellboy zu wand. Und auch bei Marc Forster, der nach Finding Neverland nicht erneut mit Kinderdarstellern arbeiten wollte, blitzte man ab. Schließlich fiel die Wahl auf einen anderen Mexikaner: Alfonso Cuarón. Dieser hatte bereits mit A Little Princess bewiesen, dass er im Stande war, ein Kinderbuch gerecht umzusetzen. Neben Cuarón ergänzten gleich vier neue Darsteller das Ensemble. Nachdem Richard Harris 2002 verstorben war, übernahm Michael Gambon den Part von Albus Dumbledore. Des Weiteren übernahmen die renommierten britischen Schauspieler David Thewlis, Gary Oldman und Emma Thompson entscheidende Rollen innerhalb der Serie.

Wie bereits der Vorgänger ist auch Prisoner of Azkaban noch einmal eine Ecke (fast hundert Seiten) länger als das ihm vorausgehende Buch. Erneut steigert sich Rowlings Schreibe, gerade in dramaturgischer Hinsicht. So kommt es, dass der dritte Band der Reihe zum einem wegen seiner ausgefeilten Handlung (das Finale nimmt beinahe ein Fünftel der gesamten Geschichte ein), zum anderen wegen seiner geringen Länge (im Vergleich zu den kommenden Bänden) der gelungenste Roman aus dem Potterverse ist. Zwar ist die schlussendliche Auflösung etwas weit hergeholt, im Vergleich zu den anderen Bänden aber schon allein wegen des Versuchs, einen ausgefeilten Twist einzubauen, beeindruckend. Leider bleibt davon in Cuaróns Film nicht sonderlich viel übrig. Besonders schade, bedenkt man, dass Prisoner of Azkaban ansonsten weitestgehend treu dem Buch folgt, sodass die Ausmerzung der Handlung an dieser entscheidenden Stelle doppelt schwer wiegt. Letztlich ist es das Finale, das den Film etwas herunterzieht, ist doch der Beginn bisweilen phantastisch gelungen. Neben den enttäuschenden darstellerischen Leistungen und einigen logischen Fehlern bzw. Löchern schöpft Cuarón somit trotz überzeugender und ansehnlicher Inszenierung das der Geschichte innewohnende Potential nicht wirklich aus.

War es zugegeben schon im Buch nicht sonderlich spannend, wird die von Sirius Black (Gary Oldman) ausgehende Gefahr für Harry Potter (Daniel Radcliffe) im Film nochmals unterminiert. Sehr gut erkennbar auch daran, dass Blacks nächtlicher Besuch im Gryffindor-Turm aus der finalen Fassung gestrichen wurde. Ansonsten weiß Cuaróns Regie durch ein auffallend düstereres Bild von Hogwarts zu gefallen, als im Vergleich zu Columbus’ buntem und kinderfreundlicherem Ambiente zuvor. Die etwas graueren Töne weiß der Mexikaner dafür mit jeder Menge comic relief auszugleichen. Speziell die peitschende Weide wird durch die Jahreszeiten hindurch als Spaßmacher eingebaut, wie zuvor schon die Szenen im Knight Bus der Erheiterung dienten. Da Cuarón es gegenüber Columbus besser versteht, in die magische Welt von Rowling einzutauchen – sehr gut zu sehen an ebenjener Knigh-Bus-Sequenz -, nimmt man den extra platzierten Humor nicht allzu übel. Es ist zudem Prisoner of Azkaban, der eine neue Peripherie für Hogwarts einführt. Nunmehr kann man Hogwart nicht mehr nur über den See erreichen, sondern auch über eine Brücke. Außerdem werden sowohl Hagrids Hütte als auch die peitschende Weide etwas außerhalb des Schlosses platziert. Welche Gründe exakt damit zu tun haben, ist ungewiss, auf Erklärungen für Abweichungen wartet man in den Film-Adaptionen aber generell umsonst.

Problematisch sind allerdings die offenbleibenden Fragen und eklatanten Fehler von Cuarón. Unsinnerweise erweitert er die Gryffindor-Schülerschaft um gleich zwei neue Schüler. Anstatt fünf Jungs sieht man im dritten Teil also sieben. Was sich der Mexikaner hier gedacht hat, bleibt sein Geheimnis. Ansonsten bleiben einige Fragen in Bezug auf Sirius und Remus Lupin (David Thewlis) offen. Zum einen wird nicht erklärt, woher Lupin weiß, dass es sich bei der Marauder’s Map um eine Karte handelt, noch erfährt der Zuschauer, woher Lupin weiß, wie die Karte funktioniert. Ohnehin wird die gesamte Verbindung zwischen Lupin, Sirius und Harrys Vater nicht einmal annähernd kommentiert. Dies untergräbt hauptsächlich jegliche Charaktertiefe, die Rowling für Snape (Alan Rickman) in den Romanen eingestreut hat. Es überrascht letztlich auch nicht, dass weder erläutert wird, wie genau die Potters verraten wurden, noch wie Sirius als erstem Zauberer die Flucht aus Azkaban gelang. Das Finale wird erschreckend schnell abgespult, besonders spürbar in der Befreiung von Sirius, die schließlich zur Frage von ein, zwei Sekunden wird.

Und damit sind nur die offensichtlichen Dinge angesprochen. Ein anderer Punkt wäre die Tatsache, dass sowohl Harry als auch der Seeker von Hufflepuff im ersten (und im Film einzigen) Quidditch-Spiel außer Gefecht gesetzt wurden. Dementsprechend kann das Spiel gar nicht beendet worden sein (geht man davon aus, dass niemand der anderen Mitspieler den Snitch gefangen hat), Unfall hin oder her. Auch der Einbau des Firebolt in der letzten Szene wirkt erstens unlogisch und zweitens deplatziert. Im Nachhinein weist Prisoner of Azkaban zahlreiche Lapsus auf, die das eigentlich positive Gesamtbild trüben. Besonders gefällig ist beispielsweise Cuaróns auflösende Schnitttechnik, aber auch John Williams musikalische Untermalung, die endlich nicht von einem durchgehend fröhlichen Gedudel erfüllt ist. Wie schon in den Vorgängern sind es zudem erneut Rickman, sowie Emma Watson und Rupert Grint, die schauspielerisch zu gefallen wissen. Besonders Grint hat sich wahrlich im Vergleich zu Philosopher’s Stone verbessert. Damit hat es sich aber bedauerlicherweise schon mit den Komplimenten erledigt. Thewlis bleibt erstaunlich blass, während sowohl Oldman als auch Gambon eine Enttäuschung sind. Gerade Gambon wirkt viel zu aufgedreht und vermag nicht an Harris’ ruhige und besonnene Spiel heranzureichen. Radcliffe hingegen spielt wie gewohnt schlecht und kaum überzeugend, mit seiner tränenreichen Morddrohung gegenüber Sirius als traurig-schaurigem Höhepunkt des Filmes.

Auch die Straffung der Trio-Szenen ist etwas schade, markiert der unentwegte „Streit“ zwischen Hermione (Emma Watson), Ron (Rupert Grint) und Harry doch den pubertären Prozess durch die ganzen Bände hindurch. Mit Abstrichen fließt diese fortwährende Konflikt zumindest in Mike Newells Goblet of Fire ein. Ebenso traurig ist die Ausgrenzung der anderen Hogwarts-Generation rund um Snape, den Potters, sowie Lupin, Black und Pettigrew (Timothy Spall). Deren Ereignisse ziehen sich schließlich nicht nur durch Prisoner of Azkaban, sondern werfen ihre Schatten auch noch auf Deathly Hallows voraus. Eventuell wäre also eine Verkürzung der Knight-Bus-Sequenz sowie eine Auslassung der Firebolt- und Monster Book of Monsters-Szenen vorzuziehen gewesen. Nichtsdestotrotz kann Cuarón mit seiner Adaption neue Akzente in der Filmreihe setzen und trotz der literarischen Vorgabe seinen eigenen Stempel aufdrücken. Gelungen sind im Übrigen auch die Anspielungen auf voraus greifende Ereignisse, wie Snapes schützende Haltung gegenüber dem Trio in der Werwolf-Szene oder insbesondere die romantischen Einstellungen bzgl. Ron und Hermione („Do you want to move a bit closer?”). Alles in allem ist der dritte Film somit nochmals eine Steigerung zu seinem Vorgänger, der ebenfalls bereits eine Steigerung zum ersten Teil darstellte. Selbst wenn, wie gesagt, Cuarón das vorhandene Potential nicht vollends auszuschöpfen vermag.


Harry Potter and the Goblet of Fire


Ein Jahr, bevor Philosopher’s Stone in die Kinos kam, war Rowlings vierter Band, Harry Potter and the Goblet of Fire, erschienen. Inzwischen schien das Selbstbewusstsein der Autorin gewachsen zu sein, schraubte sie die Seitenlänge des vierten Bandes im Vergleich zu Prisoner of Azkaban um fast einhundert Prozent hoch. So macht ihre Erzählung über Harry letzte Woche der Sommerferien rund um die Quidditch-Weltmeisterschaften beinahe ein Viertel des gesamten Romans aus. Bedenkt man, dass bereits unter Alfonso Cuarón das Finale im dritten Teil zu leiden hatte, ergibt es sich von selbst, dass Warner vorschlug, den vierten Band in zwei Filme aufzuspalten. Jedoch traute es sich Drama-Regisseur Mike Newell zu, den über 600 Seiten starken Roman über pubertierende Zauberer und ein Trimagisches Turnier in zweieinhalb Stunden zu erzählen. Im Nachhinein zeigt sich sein Goblet of Fire als wirres Kuddelmuddel aus unlogischen Szenen, die versuchen die Geschichte von Rowling nachzuerzählen, ohne sie nachzuerzählen zu müssen. Dass der Film dabei auch in allen anderen Belangen versagt, komplettiert hierbei nur das Bild.

Um die Buchhandlung zu komprimieren, springt Newell gleich zu Beginn von Seite zu Seite. Im alten Haus der Riddles taucht plötzlich Barty Crouch, Jr. (Danny Tennant) auf. Er soll etwas erledigen, was wird nicht gesagt. Schnitt zu Harry Potter (Daniel Radcliffe), der gemeinsam mit Ron (Rupert Grint) von Hermione (Emma Watson) geweckt wird, weil sie mit den Weasleys morgens spazieren gehen. Wohin erfährt man nach dem nächsten Schnitt zur Quidditch-Weltmeisterschaft. Deren Finale wird von einem unnützen Gastauftritt der Malfoys eingeleitet, ehe der nächste Schnitt jenes Finale ausspart und direkt zum Angriff der Todesesser führt. Tumultartige Szenen bilden den Übergang zum nächsten Schnitt, nachdem Harry bewusstlos zu Boden fällt (und unverletzt in einer durchweg verbrannten Umgebung aufwacht!). Einige Personen vom Ministerium tauchen auf als das Symbol der Todesesser in den Himmel projiziert wird. Der nächste Schnitt leitet direkt in den Hogwarts Express von dem aus Newell zur Ankunft der Schülerschaft von Beauxbatons und Durmstrang schneidet. Die Hogwarts-Schülerschaft beobachtet dies, reagiert aber dennoch erstaunt, als Professor Dumbledore (Michael Gambon) ihnen später erklärt, dass das Trimagische Turnier ausgerichtet wird. Bereits die erste Viertelstunde von Goblet of Fire ist ein derart inhaltsloses Tohuwabohu, dass man seinen Augen kaum traut, was der englische Regisseur, der sich u.a. für Donnie Brasco verantwortlich zeichnen kann, hier verbrochen hat.

Dies bildet jedoch nur den Auftakt für ein wirres Gehopse durch Rowlings Mammutwerk. Dabei hat der jahrelange Drehbuchautor der Reihe, Steve Kloves, zumindest teilweise ein Gespür für die richtigen Auslassungen gehabt. In der Tat kann man auf Ludo Bagman verzichten, genauso wie auf seine Wette mit den Weasley-Zwillingen. Eine vollkommen nachvollziehbare Entscheidung war die Kürzung um Hermiones S.P.E.W.-Engagement und die Involvierung von Dobby und Winky als Auslöser dessen. Andere Auslassungen fallen da schon stärker ins Gewicht, insbesondere, da Newell sie zumindest im Ansatz anspricht. Zwar wird in der Pensieve-Szene erwähnt, dass Severus Snape (Alan Rickman) seiner Zeit ein Todesesser war, doch spielt dies hinsichtlich von Potters Teilnahme als vierter Bewerber in einem Trimagischen Turnier speziell keine Rolle (wie auch generell nicht hinsichtlich der früheren Ereignisse.) Die gesamte wichtige Nebenhandlung um Snape fällt damit unter den Tisch. Und wieso man Rita Skeeter (Miranda Richardson) eingebaut hat, wo sie doch ohnehin nur in der ersten Hälfte auftaucht, bleibt auch fragwürdig. Ähnlich verhält es sich mit dem Cameo von Sirius (Gary Oldman), der zwar im ersten Drittel kurz erscheint, um hinterher allerdings keine Rolle mehr zu spielen. Bedenkt man, dass sein Patenkind aus diabolischen Gründen in einen Wettbewerb platziert wurde, der dieses das Leben kosten soll oder zumindest könnte, ist das erstaunlich.

Die Handlung kommt auf keinen grünen Zweig. Urplötzlich schneidet Newell zu den Turnieraufgaben Zwei und Drei, ohne sie vorher entsprechend gewürdigt zu haben. Dass dabei die Turnieraufgaben selbst im Film noch lächerlicher dargestellt werden als bei Rowling, tut sein übriges. Während sich Kloves in der ersten Prüfung erdreistet, einen angeketteten Drachen sich losreißen zu lassen (was hinsichtlich der Tatsache, dass das Tier angekettet war, zum Abbruch der Prüfung hätte führen müssen), wartet er mit einer Abschlussprüfung in einem Labyrinth auf, das außer bösartigen Wurzeln nichts zu bieten hat. Das toppt sogar noch Rowlings ohnehin extrem blasse Expositionen, die drei Prüfungen aufwarten lässt, die allesamt mit ein und demselben (leichten) Zauberspruch hätten bewältigt werden können. Lob gebührt der Autorin jedoch erneut für ihr komplexes Finale sowie allgemein und Bandübergreifend die Einbettung der Snape-Handlung in das Geschehen. Da verzeiht man es ihr auch, dass sie ungeachtet der Romanzahl weiterhin zu Beginn eine kurze Rekapitulation des Potterverse gibt.

So sehr die Aussparungen hier und die Komprimierungen da zumindest keine Migräne verursachen, setzt wie schon im Vorgänger das zusammen geschobene Finale dem Ganzen die Krone auf. Alle Hintergründe zu Barty Crouch, Jr. fallen unter den Tisch. Wie bereits im Vorgänger wird dem Publikum ein Flüchtling aus Azkaban präsentiert, ohne zu erklären, wie die Flucht gelungen ist. Dafür dass es ein Gefängnis ist, brechen für die Romanunkundigen dort sicherlich ständig Leute aus. Wie die Zukunft von Crouch aussieht, wird ebenfalls nicht klar, denn der Kuss des Dementors finden keinen Einzug in die Geschichte. Es wäre somit anzunehmen, dass man ihn zurück nach Azkaban bringt, nur befindet er sich dort nicht, als Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) und Co. in Harry Potter and the Order of the Phoenix ausbrechen. Auch der Hass auf die Todesesser und insbesondere der Mord an Barty Crouch, Sr. (Roger Lloyd-Pack) interessieren Newell nicht. Was durchaus interessant ist, dass der Organisator des Trimagischen Turniers ermordet wird und Kloves dies nicht mal erwähnenswert findet (für die anderen Figuren). Die unglaublich miserabel adaptierte Handlung wird dann auch noch von hirnrissigen Eigeninterpretationen überboten. Vergrößerte Cuarón zuvor die männliche Schülerschaft von Gryffindor auf sieben Jungs, präsentiert Newell hier nunmehr Padma Patil ebenfalls als Gryffindor-Schülerin an der Seite ihrer Zwillingsschwester Parvati.

Abgesehen vom desaströsen Drehbuch hat der Film jedoch auch sonst wenig zu bieten. Die Effekte sehen für eine 150-Millionen-Dollar-Produktion unwahrscheinlich mies aus. Selbst die einfachsten tricktechnischen Dinge (z.B. Mini-Drachen auf der Handfläche), wissen nicht zu gelingen und wirken im Vergleich zu den Transformers in … Transformers geradezu armselig. Dass es die Harry-Potter-Reihe auch nach vier Jahren nicht geschafft hat, mit der Konkurrenz (gerade der zeitgleich entstandene Lord of the Rings-Trilogie) mitzuhalten, ist genauso wenig nachvollziehbar, wie das Drehbuch dieses Filmes. Sehr bizarr auch Newells unentwegte Nahaufnahmen, bevorzugt auch von Charakteren, die als Außenstehende eigentlich gar nichts mit der aktuellen Handlung zu tun haben. Man wird das Gefühl nicht los, dass Newell mit Goblet of Fire und dessen Produktion einfach überfordert war, sowohl in finanzieller wie kreativer Hinsicht. Selbst den dramatischen Aspekten - der unsinnig adaptierte Streit zwischen Harry und Ron - wird der Engländer nicht gerecht. Daher verwundert es am Ende auch nicht, dass selbst die SchauspielerInnen untergehen. Während Gambon erneut total am Charakter vorbeispielt (ein ungemein ernster Dumbledore, der Harry sogar wütend attackiert!), zeigt sich mit jedem Film mehr, dass Radcliffe keinerlei Talent für seinen Berufszweig besitzt.

Das sonst überzeugende Quartett um Watson, Grint, Rickman und Tom Felton (Draco Malfoy) kann sich nicht wirklich empfehlen. Den letzteren Beiden mangelt es an Präsenz, die anderen beiden Jungdarsteller scheinen mit der pubertären Gefühlswelt ihrer Figuren überfordert. Watson enttäuscht im Vergleich zu den bisherigen Teilen und Grint liegen sichtbar eher die humoristischen Momente. Von den anderen Turnierteilnehmern (Ianevski, Poésy, Pattinson) kriegt man passenderweise gar nichts mit. Traurig ist des Weiteren, was man aus der Familie Crouch und Mad-Eye Moody (Brendan Gleeson) gemacht hat. Tennant, Lloyd-Pack und Gleeson versuchen sich im overacting zu überbieten und so trifft am Ende keiner von ihnen den richtigen Ton. Wobei Lloyd-Pack natürlich nicht besser spielen kann, da das stümperhafte Drehbuch ihm ein Bein stellt. Bei all den Ärgernissen geht der Auftritt von Lord Voldemort (Ralph Fiennes) fast unter. Fiennes spielt den Antagonisten zwar grundsätzlich solide, muss sich jedoch in eine mehr als peinliche letzte Einstellung retten. Insgesamt macht Goblet of Fire viel falsch, was er hätte vermeiden können. Weder die Handlung, noch die Effekte oder das Ensemble wissen zu überzeugen.


Harry Potter and the Philosopher’s Stone: 6.5/10
Harry Potter and the Chamber of Secrets: 7/10
Harry Potter and the Prisoner of Azkaban: 7.5/10
Harry Potter and the Goblet of Fire: 5.5/10
Harry Potter and the Order of the Phoenix: 7.5/10
Harry Potter and the Half-Blood Prince: 6/10

Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1: 4.5/10
Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2: 5/10

18. Januar 2009

Valkyrie

We can serve Germany or the Führer, not both.

Mit Definitionen tut man sich schwer. In welche Kategorie zählte Claus von Stauffenberg? Wir haben es hier mit einem Offizier der Wehrmacht zu tun. Jemand der den Überfall auf Polen 1939 begrüßte, die dortige Bevölkerung als Pöbel bezeichnete und die Juden als Volk, dass „sich nur unter der Knute wohl fühlt“. Jemand, der es gerne sah, dass die gefangene Bevölkerung zu Landwirtschaftssklaven missbraucht wurde. Ein Mann, der stets ein Gegner der Weimarer Republik gewesen war und der sich zu Beginn begeistert von Adolf Hitler gezeigt hatte. „Das alles macht ihn bei Weitem noch nicht zum Nazi“, schrieb Stefan Schmitz in der zweiten Ausgabe des stern von diesem Jahr. Hier wird die Frage evoziert, was einen dann eigentlich zum Nazi macht. Oder die Frage, was einen eigentlich zum Helden macht.

Im Verständnis der Allgemeinheit ist Claus von Stauffenberg aus heutiger Sicht ein Held. Anhand der einfachen Formel: wer Hitler töten wollte, der kann nur ein Held sein. Denn der Feind von meinem Feind ist mein Freund. Oder so ähnlich. Die Wahrheit liegt hier wie immer im Auge des Betrachters. Es ist diskutabel, ob Stauffenberg Hitler stürzen wollte, weil ihm der Genozid der Juden gegen den Strich ging oder weil er lediglich realisiert hatte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war und er Schadensbegrenzung betreiben wollte. Wie alle Verschwörer des 20. Juli ist Stauffenberg eine ambivalente Figur, bei der eine Kategorisierung zwischen Schwarz und Weiß nicht möglich zu sein scheint. Ein eindeutige Klassifizierung als Held geht somit nicht ohne einen Anflug von Nachgeschmack von statten.

Für viel Aufheben sorgte im Vorfeld dann die Hollywood-Produktion Valkyrie, die sich mit ebenjenem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 beschäftigt. Glaubt man FAZ-Chefredakteur Frank Schirrmacher, dann geht es jetzt mit Deutschland wieder aufwärts. Viele andere hingegen missbilligten, dass ein deutscher „Held“ von einem Scientology-Mitglied verkörpert wird. Eine Dreherlaubnis für den historischen Ort der Hinrichtung im Bendlerblock wurde untersagt, später dann doch gestattet. Der Starttermin des Filmes wurde von Sommer auf Herbst und von Herbst auf Frühjahr verschoben. Was für Hauptdarsteller Tom Cruise als langersehntes Sprungbrett zum ersten Academy Award gedacht war, versucht sich nun in Schadensbegrenzung. Dabei erklärte Regisseur Bryan Singer vorab in einem Interview mit Christine Kruttschmitt vom stern (Ausgabe 2/2009) bereits, dass der Film „keine Filmbiographie über Stauffenberg, sondern ein Verschwörungsthriller mit real existierenden Figuren und Ereignissen“ darstellen soll. Singer betont, dass Valkyrie ein Unterhaltungsfilm sei und keine „historische Abhandlung“.

Betrachtet man das Ergebnis, ist Singer zuzustimmen. Glücklicherweise verzichtet der Regisseur zu Beginn des Filmes diesen mit dem obligatorischen „Nach wahren Begebenheiten“ einzuleiten. Die Verifizierung, dass es sich bei Valkyrie um keine Filmbiographie handelt, gab Singer zu Recht, wie bereits die ersten Minuten deutlich machen. In Tunesien philosophiert Oberst Stauffenberg (Tom Cruise) in seinem Zelt über die Lage der Nation. So geht das nicht weiter, Hitler zerstört Deutschland und der Judenmord ist auch nicht okay. „Es muss sich etwas ändern“, resümiert der Graf, der sich selbst stets als Abkömmling der Staufer und Ottonen sah (dabei jedoch lediglich dem Dienstadel entstammte). Da trifft es sich gut, dass Stauffenberg kaum aus dem Zelt raus schon gleich einen Befehl des Führers widerlegt. Schließlich müssten dabei nur unnötige Soldaten sterben und alles was er, der Graf, wolle, sei „so viele Männer wie möglich lebend nach Hause“ zu schaffen. Widerstand gegen den Befehl des Führers. Eigentlich begeht Stauffenberg schon hier Hochverrat. Sein Vorgesetzter nickt das ganze dann ab. Ein Angriff der Alliierten macht den Plan zunichte.

Schwer verletzt – Stauffenberg verliert sein linkes Auge, zwei Finger der linken und die gesamte rechte Hand – wird der Oberst nach München zurückgebracht. Dort erwartet ihn bereits General Friedrich Olbricht (Bill Nighy). Olbricht zählt zu einem illustren Kreis von Verschwörern rund um Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) und Ludwig Beck (Terence Stamp). Vergeblich hatten diese zuvor versucht Hitler (David Bamber) zu töten. Als einer ihrer Mitverschwörer aus ihren Reihen scheidet, soll er durch Stauffenberg ersetzt werden. Hitler muss beseitigt werden, das steht fest. Doch die Frage ist „wie?“. Stauffenbergs erster Besuch bei Frau Nina (Carice van Houten) und Kindern bringt ihm die Erleuchtung. Die Kleinen spielen Wagners Walkürenritt und Stauffenberg dämmert ein Licht. Hitler soll mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden, die Operation Walküre dafür sorgen, dass der Staatsstreich ohne blutigen Niederschlag gelingt. Hierzu müssen jedoch General Friedrich Fromm (Tom Wilkinson), Chef der Ersatzarmee, und General Erich Fellgiebel (Eddie Izzard) gewonnen werden. Während von Tresckow an die Front versetzt wird, übernimmt Stauffenberg allmählich das Kommando über die Operation.

Ein neutraler Blick auf Valkyrie fällt dem deutschen Betrachter schwer. Schließlich hat man das Attentat vom 20. Juli schon etliche Male durchgenommen, sei es in der Schule oder in etwaigen Dokumentation und ZDF-Fernsehspielen. Am eindringlichsten bekannt sein dürfte die deutsche Produktion mit Sebastian Koch als Stauffenberg vor einigen Jahren. Dem Deutschen entlocken somit Szenen wie Stauffenbergs Gedankenblitz beim Hören von Wagners Musik während eines Luftangriffs ein leichtes Lächeln. Für internationale Zuschauer könnte die Szene wiederum ein plausibles Mosaik in einem komplexen Puzzle sein. In seinen Details lässt sich die Planung zur Operation Walküre nicht in einem zweistündigen Film abhandeln. Bedenkt man somit das, was Singers Film sein möchte, und betrachtet das, was Singers Film letztlich geworden ist, können die Macher halbwegs zufrieden sein. Dass Valkyrie ein amerikanischer Film ist – trotz deutscher Nebendarsteller wie Matthias Schweighöfer, Christian Oliver und Wotan Wilke Möhring -, merkt man diesem stets an.

Alle Figuren, allen voran Stauffenberg, bleiben eindimensional. Das Muster ist klar gestrickt, es gibt die Guten und die Bösen. Da es sich bei den Bösen um Nazis handelt, bedarf es keiner weiteren Erläuterungen für die Motive der Guten. Und weil amerikanische Zuschauer ein prägnantes Gesicht brauchen, eine Identifikationsfigur, fokussiert sich die Handlung weitestgehend auf Stauffenberg. Dieser wird Minute um Minute von Singer und den Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander zentraler in das Komplott verstrickt. Für ein Charakterportrait ist keine Zeit, die heldenhafte Intention wird stattdessen durch pathetische Platituden bestärkt. Dass es eine Reihe von Verschwörern war und Stauffenberg nur einer von ihnen, dafür ist in einem Hollywood-Film kein Platz. Das Publikum wäre nicht bei der Sache, wenn es fünf oder acht unterschiedlichen Figuren folgen müsste. Daher schreiben McQuarrie und Alexander Stauffenberg die entscheidende Rolle zu, die teilweise schon messianische Züge annimmt, wenn Tresckow der Überzeugung ist, dass Stauffenberg Deutschland im Alleingang retten könne.

Ein differenziertes Bild der historischen Figur Stauffenberg erhält man nicht. Soll man aber auch nicht. Singer möchte einen Verschwörungsthriller erzählen und dies gelingt ihm über weite Strecken. Lediglich die teilweise fast unerträglich pathetischen Szenen trüben das Gesamtbild. Hätte man die Figuren etwas vielseitiger und kantiger, beziehungsweise authentischer, gestaltet, wäre für Valkyrie noch weitaus mehr drin gewesen. Inszenatorisch ist Singer auf formaler Eben nämlich kein Vorwurf zu machen. Newton Thomas Sigels Kamera ist ordentlich, die musikalische Untermalung von John Ottman gelungen. Das Szenenbild, die Ausstattung und die Kostüme wirken glaubwürdig. Lediglich die Darsteller gehen etwas unter. Cruise gibt Stauffenberg akzeptabel, allerdings wirkt sein Spiel recht l(i)eblos. Branagh und Stamp überzeugen in ihren wenigen Szenen, während man Nighy, Wilkinson, Thomas Kretschmann und Christian Berkel keinen rechten Vorwurf machen kann.

Dass Valkyrie den Ruf der deutschen Nation international verbessert, darf bezweifelt werden. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie Schirrmacher dies behauptet hat. Die Diskussionen im Vorfeld, auch hinsichtlich eines Tom Cruise (dessen Glaube, Xenu hin Spaghettimonster her, für Filme keine Rolle spielen sollte), haben dem Werk sicherlich geschadet. Nichtsdestotrotz ist Bryan Singer ein solider und ordentlicher Thriller gelungen, der zwar nicht sonderlich herausragend ist, jedoch auch nicht so schlecht, wie ihn einige bestimmt reden werden. An der filmischen Verklärung von Stauffenberg zum strahlenden Helden kann man sich stoßen. Fraglich wie ein Deutschland ausgesehen hätte, wenn der erklärte Demokratiefeind Stauffenberg (für den die Demokratie eine „Gleichheitslüge“ war), siegreich gewesen wäre. Eventuell würden wir heute dann in einem Militärstaat leben. Eventuell auch nicht. Vielleicht wird es Zeit, sich jemandem filmisch zuzuwenden, der wirklich als Held angesehen werden kann.

5.5/10 – erschienen bei Wicked-Vision

12. Oktober 2007

Vorlage vs. Film: Hamlet

Hamlet (1603)

Fraglos ist William Shakespeare eines der literarischen Genies der Menschheitsgeschichte (insofern er existiert hat). Wie kein anderer Autor bestimm(t)en seine Stücke die Gesellschaft, von Theateraufführungen bis hin zu Verfilmungen. Hierbei sind seine Werke Romeo und Julia, sowie Hamlet die bekanntesten und beliebtesten Werke. Den Ursprung von Hamlet findet man dabei bereits Ende des 12. Jahrhunderts, als der dänische Gelehrte und Dichter Saxo Grammaticus eine lateinische Sammlung von Prosageschichten verfasste. In diesen erzählt er neben historischen Begebenheiten auch mythenhafte Legenden, darunter in seinem 3. und 4. Buch der Historica Danica eine Geschichte der Leiden, Abenteuer und Heldentaten eines gewissen Amlethus, Sohn von Horwendillus und Gerutha. Im Zuge des Buchdrucks konnte Saxos Werk zum ersten Mal 1514 gedruckt und in der Mitte des 16. Jahrhunderts mehrfach aufgelegt werden. Es war schließlich François de Belleforest, der 1570 im 5. Band seiner Histoires Tragiques seine französische Version von Saxos Stück, in welcher sich Amleth an seinem Onkel für den Mord am Vater und die Heirat der Mutter rächt, drucken ließ. Diese Version wurde 1582 ins Englische übersetzt und darf als Vorlage für Shakespeares berühmtes Stück gelten, das Anfang des 17. Jahrhunderts entstand.

Hamlet, König von Dänemark, ist tot. Kurz nach seinem Begräbnis heiratet sein Bruder Claudius seine Witwe Gertrude und wird somit selbst zum neuen König von Dänemark. Von Norden droht die Gefahr durch den norwegischen Prinzen Fortinbras, kann jedoch von dessen Oheim in letzter Sekunde abgewendet werden. Alles läuft bestens für Claudius, wäre da nicht die Melancholie seines Neffen und Stiefsohns Hamlet. Dessen Gram über den Tod des Vaters und die rasche Hochzeit der Mutter sorgt besonders bei dieser für Kummer. Sowohl Claudius wie Gertrude sind bemüht, die Gunst Hamlets zurück zu gewinnen. Währenddessen wird Laertes, Sohn des Kammerdieners Polonius, wieder nach Frankreich entsendet, jedoch nicht ohne zuvor seine Schwester Ophelia vor der Lüsternheit Hamlets zu warnen. Es ist eine unstandesgemäße Liebe, die nach Laertes und seines Vaters Polonius Meinung keine Zukunft hat („Dies Lodern, Tochter, (…) nehmt keineswegs für Feuer“), weswegen Ophelia ihren guten Ruf nicht ruinieren soll. Besonders Polonius glaubt Hamlets Melancholie auf die Liebe zu seiner Tochter zurückführen zu können und beginnt mit dem König und der Königin diesem Verdacht nachzugehen. Hamlet hingegen wird von seinem Studienkollegen Horatio und dem Wachmann Marcellus auf eine geisterhafte Erscheinung seines verstorbenen Vaters hingewiesen.

Zur Geisterstunde sucht Hamlet den Dialog mit seinem Vater und erfährt, dass sein Oheim für den Tod des Vaters verantwortlich ist. Hamlet wird von dem Geist seines Vaters auf einen Rachefeldzug eingeschworen („Zu rächen auch, sobald du hören wirst) – doch Hamlet traut dem ganzen noch nicht. Wer sagt ihm, dass es sich tatsächlich um den Geist seines Vaters, und nicht um eine Erscheinung des Teufels gehandelt hat („Der Teufel hat Gewalt sich zu verkleiden“)? Hamlet braucht Bestätigung, sieht sich zugleich jedoch von der Nachforschungen Polonius und Claudius gestört, welche seine ehemaligen Schulkameraden Rosenkranz und Güldenstern auf den Prinzen angesetzt haben. Das Eintreffen einer Schauspielertruppe kommt Hamlet gerade recht („Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe“), vor dem versammelten Hof lässt er ein von ihm abgewandeltes Stück, Die Mausefalle, aufführen, in welcher ein König von seinem Bruder umgebracht wird, der anschließend die Königin ehelicht. Hamlet und Horatio überführen Claudius der Tat, offenbaren aber zugleich ihre Karten. Durch ein Missverständnis bringt Hamlet bei einer Unterredung mit seiner Mutter den lauschenden Polonius um – Claudius will sich nunmehr Hamlets entledigen und schickt ihn nach England, wo dieser jedoch nie ankommt. Von dem Tod des Vaters erzürnt, kehrt Laertes nach Dänemark heim und trifft mit dem König ein Mordkomplott gegen Hamlet.

Durch den Tod des Vaters in den Wahnsinn gestürzt, begeht Ophelia Selbstmord. Bei ihrem Begräbnis kommt es zu einem Eklat, Claudius spinnt seinen perfiden Plan und lässt Laertes und Hamlet miteinander fechten. Bei dem Gefecht wird Hamlet von der giftigen Spitze Laertes Degen verwundet und zahlt es diesem ebenso heim. Den vom König vergifteten Kelch fällt Gertrude zum Opfer, Laertes sucht um Vergebung und enthüllt dem sterbenden Hamlet das Mordkomplott des Königs, der durch die Hand des Prinzen fällt. Am Ende, durch ihre familiären Zwiste abgelenkt, dringt Fortinbras in das Königreich ein und reißt es an sich. Nicht nur das Könighaus ist damit verloren, sondern der ganze Staat ins Unheil gestürzt – Auslöser war Claudius machtgierige Tat und treibende Kraft das zögerliche, von Rache durchzogene Handeln den Dänenprinzen Hamlet. Wie so oft bei Shakespeare gehen seine Figuren an ihrem eigenen Treiben zugrunde und mit ihnen wird ihr soziales Umfeld erschüttert („Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, und Planen, die verfehlt zurückgefallen auf der Erfinder Haupt“). Hierbei spart Shakespeare keine gesellschaftliche oder politische Kritik („Wir gehen, ein kleines Fleckchen zu gewinnen, das keinen Vorteil als den Namen bringt“) aus.

Hamlet (1948)

Eine Miene mehr des Leidens als des Zorns.

Schauspiellegende Laurence Olivier zeichnete sich bei seiner Verfilmung als Autor, Hauptdarsteller und Regisseur aus, am Ende gewann er – unverdientermaßen – den Oscar als bester Hauptdarsteller und für den besten Film. Sein Hamlet besticht durch pulsierende Nahaufnahmen und einen Fokus auf Hamlets Ödipuskomplex, indem er Gertrude von der 28jährigen Eileen Harlie spielen ließ, wohingegen Olivier mit 41 Jahren ihren Sohn verkörperte. Hamlets Monologe erzählt er oft durch innere Monologe und schneidet sich wie die meisten Inszenatoren das Stück nach eigenem Gutdünken zurecht. Die Handlung wird unchronologisch erzählt und immer geradeso, wie es Olivier am besten passt, da geschieht die Intention von Claudius und Laertes Hamlet zu töten erst nach Ophelias Beerdigung. Die Besetzung ist dabei von durchschnittlich (Eileen Harlie, Terence Morgan) bis zu grauenhaft (Jean Simmons, Basil Sydney) geraten und Olivier inszeniert seine eigene Person durch narzisstisches over-acting mitunter ins grauenhafte, allerhöchstens noch von dem Darsteller des Horatio oder der als Tunte verleumdeten Figur des Osrick übertroffen.

Die meisten kritischen Ansatzpunkte von Shakespeare fehlen, beinahe schon obligatorisch der Norwegen- und Fortinbrasbezug, außerdem verzichtet Olivier gänzlich auf die Figuren von Rosenkranz und Güldenstern, legt deren Text stattdessen, wenn er ihn verwendet, ihn den Mund des Polonius. Hier ist Hamlet nichts anderes als eine große Laurence-Olivier-Show, in welcher der Brite sein ganzes Repertoire an Mimiken auszukosten wünscht und mitunter zwischen melancholischer und aggressiver Interpretation wankt. Bei der gegeben Lauflänge von zweieinhalb Stunden enttäuscht Olivier mit seiner Besetzungswahl und eigenen Hamlet-Interpretation gänzlich, wobei sehr viel mehr möglich gewesen wäre. Als Kulisse wählte er eine Mischung aus Film- und Theaterdesign, weiß in manchen Szenen fraglos zu überzeugen, überzieht in den übrigen allerdings durch sein plapperhaftes Rezitieren des Textes zu sehr. Die Figur des Polonius lässt sich in seinem Verhalten und seiner Wirkung auf Ophelia nicht nachvollziehen, geht doch seine Liebe gegenüber den Kindern über weite Strecken verloren und ist nur im Laertes-Dialog erkennbar.

3.5/10


Hamlet (1990)

Scham, wo ist dein Erröten?

Der Shakespeare erfahrene Italiener Franco Zeffirelli musste seine Version stark gekürzt ins Kino bringen, was man ihr mitunter sichtlich anmerkt. Wie auch Olivier verzichtet Zeffirelli auf die Fortinbrasgefahr und inszeniert Hamlet als familiäres Kammerspiel, in welchem Glenn Close als verliebte Version von Gertrude scheitert. Die Begegnung Horatios und Marcellus mit dem Geist, welche die Einleitung der Geschichte bildet, wird übersprungen, so wie auch andere Erzählstränge unchronologisch aufgeführt werden. Polonius (Ian Holm) erscheint als Wachhund des Königs und seine Gefühle für seine Kinder werden unter den Tisch gekehrt, weshalb die Familientragödie hier ihren Zweck verfehlt. Auch Ophelias Text wird stark geschnitten und kommt durch Helena Bonham-Carter keiner gebührenden Aufmerksamkeit zuteil. Abgesehen von Nathaniel Parker (Laertes) enttäuschen alle Schauspieler und Schauspielerinnen durch die Bank und finden ihren grotesken Gipfel in der Besetzung des Hamlet durch Mad Max-Darsteller Mel Gibson. Dieser gibt einen fast tollwütigen und stets aggressiven Hamlet, wenn er ihn nicht gerade im Gegensatz dazu bis zur Emotionslosigkeit spielt.

Wieso Ophelia wahnsinnig wird, lässt sich hier ohne den Polonius-Kontext nicht nachvollziehen, ebenso leidet die Charakterisierung von Claudius darunter, dass seine Szenen mit Polonius und Rosenkranz wie Güldenstern stark beschnitten sind. Die dunkle und teuflische Seite des Königs wird dabei unter den Teppich gekehrt und Hamlet von Gibson ganz in seinem Wahn aufgehend dargestellt. Insgesamt wird die Handlung durch Zeffirellis Zurechtschneidung in den meisten Szenen ihres Kontextes beraubt und rutscht mehrfach ins Lächerliche ab. Die Farbwahl, Kostüme und die Kulisse einer kargen, kalten, mittelalterlichen Burg weiß zu überzeugen, auch wenn ein in strahlendes Grün getauchtes Dänemark mehr wie England anzumuten weiß. Abgesehen von seinen Schnitten krankt Zeffirellis Werk am meisten an seinen falsch gewählten und daher schlecht agierenden Schauspieler und Schauspielerinnen, bildet insgesamt die zweifelsohne schlechteste Hamletverfilmung.

2/10


Hamlet (1996)

Dies über alles, sei dir selber treu.

Ebenso wie Laurence Olivier tritt auch Kenneth Branagh zugleich als Hauptdarsteller und Regisseur auf. In seiner beinahe vierstündigen Version erzählt er Shakespeares Werk chronologisch, Szene für Szene und Wort für Wort. Es werden keine Abstriche oder Umstellungen gemacht, alle gesellschaftlichen und politischen Untertöne finden Einzug in seine Verfilmung, welche er in einer schneebedeckten, viktorianischen Kulisse mit viel Pomp und Glanz spielen lässt. Gemeinsam mit Olivier und Zeffirelli hat Branagh jedoch den Ansatz in der Spiel-im-Spiel-Szene Hamlet überaus aufbrausend und an alle Personen gerichtet seine Wäsche waschen zu lassen. Branaghs Hamlet kommt als spannendes und unterhaltsames Epos, als Oper für die Augen daher, unterstützt von einem Starensemble, das bis in die Nebenrollen – Osrick (Robin Williams), Schauspieler (Charlton Heston), Totengräber (Billy Chrystal) – ausgezeichnet besetzt ist. Branaghs Wahl überzeugt und so ist Julie Christie die einzige, welche als Gertrude zu überzeugen weiß und Richard Briers, bedingt allerdings auch durch seine zumeist gestrichene Laertes-Szene, der beste Polonius.

Michael Maloney (Laertes) und Kate Winslet (Ophelia) überzeugen ebenfalls, stehen aber ihren 2000er Kollegen etwas hinterher, was bei Winslet an ihrer sexuellen Interpretation der Figur zu begründen ist. Der ehemalige Hamlet-Darsteller Derek Jacobi überzeugt als Claudius und bildet das Vorbild zu MacLachlans Interpretation vier Jahre später. Branagh selbst spielt den Hamlet an mancher Stelle zu aufbrausend, besonders gegenüber Polonius, und enttäuscht zum Ende hin in vielen übertriebenen und grotesken Grimassen, welche das Hauptmanko des Filmes darstellen. Trotzdem überzeugt er schauspielerisch von allen Hamletdarstellern am ehesten, auch wenn seine Interpretation der Figur wie erwähnt in manchen Szenen krankt. Als bildhafte Unterstützung verwendet Branagh an gegebenen Stellen das Mittel von Rückblenden, um den Wortlaut zu bekräftigen (z.B. die Yorick-Szene). Diese Rückblenden nehmen der Verfilmung ebenso wenig, wie sie ihr schenken, allein die sexuelle Interpretation der Hamlet-Ophelia-Beziehung erscheint unangebracht, da sie dem Kontext und den Worten Laertes und Polonius zuwider läuft. Abgesehen also von Branaghs Grimassen ist seine Version die treffendste und treueste gegen dem Shakespeareschen Stoff.

8.5/10


Hamlet (2000)

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Zum Jahrtausendwechsel hin versuchte sich Michael Almereyda in einer viel gescholtenen zeitgenössischen Interpretation von Hamlet. Er ordnet die Handlung in das New York des Jahres 2000 ein, aus Dänemark wird die Denmark Corporation und Hamlet (Sam Shepard) zu ihrem Vorsitzenden, der unerwartet stirbt. Hamlets Monologe finden oftmals in Form eines Videotagebuchs statt und Dialoge werden mitunter über Telefone, Emails und Faxe transferiert. Wie die meisten Regisseure folgt Almereyda einer unchronologischen Erzählweise und inszeniert Hamlet (Ethan Hawke) als eine rebellische Natur mit Vorbildern wie James Dean, Ernesto Guevara oder Kurt Cobain. Ähnlich wie in Zeffirellis Version werden Gertrude (Diane Venora) und Claudius (Kyle MacLachlan) als Verliebte gezeigt, die Liebe von Polonius (Bill Murray) zu seiner Tochter Ophelia (Julia Stiles) verliert mitunter ihren Kontext. Es tauchen ebenfalls die gesellschaftlichen und politischen Untertöne nicht auf, auch wenn die Figur des Fortinbras kurze Erwähnung findet.

Schauspielerisch gegenüber Branagh nicht überzeugend, liefert Hawke dennoch die meiner Ansicht nach beste Interpretation von Hamlet als einen melancholischen, verwirrten und zögerlichen Charakter ab. Von Unsicherheit geprägt wird Hawke nur selten aggressiv, sein trauriger Unterton geht ihm nie verloren. Bill Murray spielt den Polonius gut, aber viel zu emotionslos, als sei es eine Bürde für ihn vor die Kamera zu treten. Diane Venora enttäuscht auf ganzer Linie und ragt nicht an die Leistung von Christie heran. MacLachlan gelingt es den bösen Geist von Claudius einzufangen und hat sichtlich Jacobis Darstellung herangezogen. Bestechende Interpretationen liefern Stiles und Shepard, außerdem Liev Schreiber als Laertes und Steve Zahn als Rosenkranz. Außerhalb ihres Kontextes erhalten die Figuren bei Almereyda einen interpretativen Charakter, fraglos von Shakespeares Stück entfernt, dessen Idealen jedoch treu und beeindruckt durch seine zeitgenössische Inszenierung. Schauspielerisch und von seiner Interpretation her kommt diese unkonventionelle Version nach Branagh Meisterwerk an zweiter Stelle.

6.5/10