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9. April 2016

Anomalisa

I want to be the one who walks in the sun.

Gemeinsam einsam wäre so ein Spruch, der ziemlich treffend das Schaffen von Drehbuchautor Charlie Kaufman beschreibt. Themen wie Einsamkeit, Beziehungen, Liebe und personelle Leere ziehen sich durch dessen Œuvre von Being John Malkovich über Adaptation und Eternal Sunshine of the Spotless Mind bis hin zu seinem meisterhaften Regiedebüt Synecdoche, New York. Sieben Jahre nach dessen Veröffentlichung erscheint nun in Anomalisa endlich der neuste Beitrag aus Kaufmans Filmografie. Mittels Stop-Motion-Technik und Puppen aus dem 3D-Drucker widmet sich der Auteur hier wieder mal kongenial seinen klassischen Themen, wenn er einen verlorenen Motivationsredner bei einem Geschäftsausflug nach Cincinnati begleitet.

Wenn er doch schon in der Stadt sei, solle er sich den Zoo ansehen, wird Michael Stone (David Thewlis) von seinem Taxifahrer empfohlen. Auch die städtische Chili-Variante dürfe er nicht verpassen: “You should check it out.” Stattdessen ordert Michael in seinem Hotelzimmer vom Room Service und nach einem kurzen Anruf zu Hause bei Gattin und Sohn wählt er die Nummer seiner Ex-Freundin Bella, die er vor elf Jahren überraschend verließ. “Fuck you. Just fuck you”, verabschiedete diese ihn in einem Brief seinerzeit – und ist über das überraschende Wiedersehen wenig erbaut. Er sei einfach sehr einsam, erklärt Michael. “And we had something. And I thought maybe we could figure out what it was”, so die Hoffnung des gebürtigen Engländers.

“There’s something wrong with me”, weiß Michael. Nur was, ist ihm nicht gewiss. Die Figur scheint am Fregoli-Syndrom zu leiden, die alle Menschen als eine einzelne Person wahrnimmt. Als Folge haben Charlie Kaufman und sein Co-Regisseur Duke Johnson den anderen Figuren abseits von Michael dasselbe Gesicht verliehen, wie sie alle – egal ob Mann, Frau oder Kind – von Tom Noonan gesprochen werden. Umso erstaunter reagiert Michael dann, als er von seinem Zimmer aus eine andere, weibliche Stimme wahrnimmt. Die gehört wiederum zu Lisa (Jennifer Jason Leigh), die ein paar Zimmer weiter mit ihrer Freundin und Kollegin Emily eingemietet ist, weil sie als Fans von ihm eigens aus Akron für Michael Vortrag am Folgetag angereist sind.

Michael sucht daraufhin den Kontakt und schafft es auch kurz darauf, mit Lisa allein zu sein, in deren Stimme er sich verliebt. “They’re all one person”, erklärt er der schüchternen Kundenservice-Angestellten. “Everyone is one person but you and me.” Hierin liegt seine Faszination von Lisa, die so überrascht wie erfreut von seinem Interesse an ihr ist. Sie selbst war seit acht Jahren in keiner Beziehung mehr und scheint körperlich wie bildlich gebrandmarkt. Zu ihren Lieblingsliedern gehört Cyndi Laupers “Girls Just Wanna Have Fun” und wenn Lisa in Michaels Hotelzimmer eine A-cappella-Version des Lieds anstimmt (“oh mama dear we're not the fortunate ones”), berührt das nicht nur ihr Gegenüber, sondern auch den Zuschauer.

“I want to be the one who walks in the sun”, verrät Lisa und man möchte ihr Puppenkorsett nur noch in den Arm nehmen. Michael ist da schon einen Schritt weiter, und auf und dran von seiner Paranoia eingeholt zu werden. “I lose everyone”, äußert er seine Befürchtung, die sich kurz darauf bewahrheitet und Lisa als jüngstes Glied in eine lange Kette gescheiterter Bekanntschaften einreiht. Nun wird deutlicher, wieso seine Beziehung zu Bella scheiterte und wieso die Ehe mit Gattin Donna ebenfalls im Argen liegt. “I’ve been running for a long time now”, gesteht der demotivierte Motivationsredner. Inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. “What is it to be human?”, fragt sich die Figur zum Schluss. “What is it to ache?”

Am Rande, wenn auch nur minimal, brechen Kaufman und Johnson im Verlauf von Anomalisa eine weitere Ebene ein, wenn Michael hinter die artifizielle Kulisse seines Daseins zu blicken scheint und sich in einer Szene buchstäblich selbst demaskiert. Zugleich gerät die Zusammenstellung der Puppen bisweilen leicht irritierend, da ihre Linien im Gesicht gerade bei Michael teils den Eindruck erwecken, er würde eine Brille tragen. Ohnehin wäre es der Geschichte vielleicht zum Vorteil gereicht, wenn Kaufman sie nicht als Puppentheater inszeniert, sondern eine Realverfilmung angestrebt hätte. Ungeachtet dessen ist die Umsetzung mit den 3D-Puppen prinzipiell jedoch gelungen und auch über weite Strecken durchaus voller Details.

Obschon eher von tragikomischer Note findet sich im Film auch vereinzelt klassischer Kaufmanscher Humor. Beispielsweise wenn Michael während seiner Taxifahrt das “Flower Duet” aus Léo Delibes’ Oper Lakmé pfeift und der Taxifahrer darauf besteht, es handele sich um British Airways. Oder auch, wenn er auf der Suche nach einem Spielwarengeschäft stattdessen in einem Sex-Shop landet. Bezeichnend ist auch eine Szene, als Michael im Hotelflur zur Eismaschine geht und vor dem Fahrstuhl ein frischvermähltes Ehepaar trifft, dass sich primär mittels der Phrase “Fuck you” unterhält. Um Beziehungen ist es in der Welt eines Charlie Kaufman wahrlich nicht gut bestellt. Wirkich glücklich ist im Universum von Anomalisa keine Figur.

Das ist natürlich ein ausgesprochen düsteres Bild – oder wäre es, würde der absurde Humor des Auteurs nicht für erhellende Momente sorgen. Tonlich wie thematisch reiht sich Anomalisa dabei grundsätzlich nahtlos an Charlie Kaufmans Vorgänger wie Adaptation und Eternal Sunshine of the Spotless Mind ein. Jennifer Jason Leigh ragt klar aus dem soliden Voice Cast heraus, indem sie Lisa eine herzliche Wärme und Menschlichkeit schenkt. Mit rund 80 Minuten ist der Film zugleich erfrischend kurzweilig und lädt wie alle Werke Charlie Kaufmans zu Wiederholungssichtungen ein, die sein Erfassen verstärken. Und wenn nicht, auch halb so wild, wie Michael in einer Szene selbst bemerkt: “Sometimes there’s no lesson. That’s a lesson in itself.”

8/10

23. Dezember 2009

Synecdoche, New York

Knowing that you don’t know is the first and essential step of knowing, you know?

Das griechische Wort συνεκδοχή, zu Deutsch „Synekdoche“, bezeichnet ein rhetorisches Stilmittel, bei dem etwas Allgemeines durch etwas Besonderes ersetzt wird. Das Ganze durch ein Teil. Zum Beispiel „der Römer“ für „alle Römer“ oder der Shakespearsche Ausspruch, dass die ganze Welt eine Bühne sei, wobei die Bühne als Teil der Welt für ebendiese steht. Umso passender ist der Titel Synecdoche, New York von Charlie Kaufmans Debütfilm nach eigenem Drehbuch gewählt. Wieder einmal erzählt Kaufman von Künstlern, ihren Ambitionen und ihren Werken. Wo es einst Puppenspieler Craig Schwartz in den Kopf von John Malkovich trieb und Charlie Kaufmans Alter Ego bei der Adaption seiner Adaption sich selbst zu verlieren drohte, liegt es nun am Theaterregisseur Caden Cotard (Philip Seymour Hoffman), ein Meisterstück abzuliefern, ehe seine Zeit gekommen ist. Dabei wartet der Film mit mehreren Synekdochen auf.

Als Caden eines Morgens um 7:45 Uhr aufwacht, erklärt das Radio den Herbst als “beginning of the end”. Elke Putzkammer, eine von vielen Deutschen, die Caden im Laufe des Films heimsuchen, erklärt quasi den Ausnahmezustand auf das Leben. “Whoever is alone will stay alone”, behauptet sie. Kurz darauf fühlt sich Caden nicht besonders gut, während er aus seinem Briefkasten seine abonnierte Zeitschrift Attending to Your Illness holt. Caden ist eine tragische Figur. Ein Hypochonder könnte man meinen, würde man seine vielen Beschwerden nicht selbst sehen. Er liest beim Frühstück die Todesanzeigen und bejammert das Alter der Verstorbenen. Seine vierjährige Tochter Olive schaut sich Cartoons über Viren an, was Caden mit halbem Ohr mitbekommt. Als ihm dann beim Rasieren noch der Wasserhahn gegen die Stirn knallt und ihm der Arzt in der Notaufnahme erklärt, seine Pupillen würden nicht richtig funktionieren, ist für Caden klar: “This is just the start of something awful.”

Kaufman benannte seine Figur nach dem Cotard-Syndrom. Eine Krankheit, benannt nach Jules Cotard (1840-1889), in dem eine Person glaubt, tot oder nicht existent zu sein. Cotards Vorname Caden wiederum entstammt dem französischen Cathán, was „Kampf“ bedeutet. Insofern ist Caden Cotard eine Synekdoche von Synecdoche, New York. Der erzählt von Krankheiten und Tod, aber auch von Liebe und Beziehungen. Von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung zugleich. Über die Handlung zu schreiben wäre müßig. Einer Matrjoschka-Figur gleich werden verschiedene Ebenen der Geschichte sehr komplex, jedoch nicht kompliziert aufgearbeitet. Kaufman erzählt von Cadens gescheiterter Ehe mit seiner Künstlerfrau Adele (Catherine Keener), die ihn schließlich mit der gemeinsamen Tochter und ihrer Freundin Maria (Jennifer Jason Leigh) Richtung Berlin verlässt. Hinzu kommen gescheiterte Beziehungen, darunter zu Hazel (Samantha Morton), der Kartenverkäuferin von Cadens Theater, sowie Claire (Michelle Williams), einer seiner Schauspielerinnen und zweiten Ehefrau.

Als Caden einen Theaterpreis erhält und ein neues Stück plant, verlagert Kaufman seinen Film auf die erste von vielen Stufen seines Synekdochen-Gebildes. In einer riesigen Halle in New York lässt Caden ein Replikat von New York bauen. Die falsche Welt wird mit falschen Ebenbildern der Realität bevölkert. Caden heuert Sammy (Tom Noonan) für die Rolle des Caden an, was zwar äußerlich wenig Sinn macht, aber immerhin hat Sammy den Regisseur die letzten zwei Jahrzehnte verfolgt. “Hire me and you’ll see who you truly are”, erklärt Sammy bei seiner Bewerbung. Der Logik entsprechend verfügt dann auch das falsche New York über eine Halle, in der wiederum ein Replikat von New York gebaut wird. Mit Schauspielern, die angeheuert werden, die Schauspieler zu spielen, die die realen Menschen verkörpern. Ein Szenario, wie man es zuvor schon in Michel Gondrys Musikvideo für Björks Bachelorette gesehen hat.

“It has to do with [Caden] understanding life”, erläutert Philip Seymour Hoffman im Bonusmaterial die Funktion des namenlosen Stückes für Caden. Bezeichnend ist hierbei, dass Caden das Stück nicht dazu nutzt, eine bessere Version seines Lebens zu erschaffen, sondern vielmehr ein Abziehbild seines Alltags. Alles was passiert, findet kurz darauf Referenz im Stück, so als wollte es Caden nochmals analysieren. Nur dass er dies nicht tut. Passenderweise wird das Stück im Filmverlauf nie aufgeführt. So ziehen sich die Jahrzehnte hin und die Schauspieler werden älter und älter, die Kulissen immer verschachtelter. In dieses Szenario verwebt Kaufman nun seine Todessymbole. Caden wird unentwegt mit dem/seinem Tod konfrontiert. Seien es Musikjingles, Werbespots oder Plakate. Dabei spielt Kaufman offen mit Cadens Nachnamen als subtiler Prämisse. Immer wieder hört Caden Anspielungen, die implizieren, er sei bereits tot. “Caden Cotard is a man already dead”, analysiert Millicent (Dianne Wiest), die Sammy zu einem späteren Zeitpunkt als Caden-Darsteller im Stück ablöst.

Dass Caden bereits tot ist, wird mehrmals angedeutet. Wenn er beispielsweise kein Gefühl mehr für Zeit hat. Das erste Jahr von Adeles Abwesenheit kommt ihm wie eine Woche vor und ehe er sich versieht, sind sechs Jahre rum. Dass seine zweite Tochter Ariel, die er mit Claire gezeugt hat, auch nach 17 Jahren Probe immer noch fünf Jahre alt ist, dürfte wohl kaum ein Detailfehler sein. Doch wirklich verifizieren lässt sich sein Tod für Caden nicht - nicht einmal im direkten Dialog mit seinem Arzt. “I’m aching for it being over”, presst ein gealteter Caden 20 Minuten vor Schluss des Films schließlich hervor. Zu diesem Zeitpunkt hat Kaufman längst seine obligatorischen Absurditäten eingestellt. Was Synecdoche, New York zum Meisterwerk macht, ist die Interpretationsebene, die Kaufman mit seinem ersten Regiebeitrag offeriert. Sein volles Ausmaß entwickelt der Film erst bei mehrmaligem Sehen und was bei der ersten Sichtung wie ein typisch skurriles Kaufman-Drehbuch wirkt, offenbart sich bei weiteren Sichtungen als vor Details überschwappende Synekdoche auf Leben und Tod.

“It’s a big decision how one prefers to die”, betont Hazels Maklerin, als sie dieser ein brennendes Haus verkauft und Hazel Befürchtungen äußert, im Feuer sterben zu können. Das brennende Haus ist nur eine von zahlreichen irrwitzigen Ideen, die Kaufman hier aufbietet. Speziell in der ersten Hälfte schenkt er dem Publikum Einfälle wie den vierjährigen Horace Aspiazu, der einen Roman (Little Winky) über einen Neonazi geschrieben hat, ehe er sich mit fünf Jahren umbringt. Oder Hazels Zwillinge, die auf die Namen Robert, Daniel und Alan hören. Synecdoche, New York ist ein Sammelsurium von Ideen, Anekdoten, Interpretationen, Metaphern und Synekdochen. Ein Film, der je nach Blickwinkel und Betrachtung sein Aussehen verändern kann. Eine Eigenschaft, die Kunstwerken innewohnt und als solches Kunstwerk ist auch Kaufmans Film zu sehen. “Everyone is disappointing the more you know someone”, meint Adele bevor sie Caden verlässt. Zehn Jahre nach Being John Malkovich hat Charlie Kaufman noch nicht enttäuscht.

10/10